Ur. 71 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Zreitag, 25. März 1938
Chamberlain über Englands Europa-Politik.
Keine britische Garantie für die Tschechoslowakei. — Die Minderheitenfrage bedarf verständnisvoller Behandlung.
London, 24. März. (DNB.) Premierminister Chamberlain gab im Unterhaus die angekündigte Erklärung über die englische Außenpolitik ab. Daß die fundamentale Grundlage der englischen Außenpolitik in der Erhaltung des Friedens und der Schaffung eines Vertrauens auf feine Erhaltung bestehe, bedeutet nicht, daß uns nichts zum Kämpfen bringen würde. Wir find durch gewisse Vertragsverp s l ichtungen gebunden, die uns unter Umständen die Notwendigkeit zum Kämpfen auferlegen. Auch gibt es gewisse Lebensinteressen Englands, für die wir zur Verteidigung der britischen Gebiete und ihrer lebenswichtigen Verbindungen kämpfen würden. Ferner gibt es andere Fälle, in denen wir vielleicht kämpfen würden, nämlich wenn uns klar würde, daß wir kämpfen müssen oder sonst «in für alle Mal die Hoffnung aufgeben müssen, die Zerstörung jener Dinge abzuwenden, die wir am höchsten schätzen, nämlich unsere Freiheiten und das Recht, unser Leben so zu leben, wie es unserer nationalen Tradition und unserem Nationalcharakter entspricht. Gleichwohl muß unser Ziel immer darin bestehen, jene Interessen zu erhalten, die wir für wesentlich halten, ohne, wenn es möglich ist, zum Kriege zu schreiten, da wir wissen, daß es im Kriege keine Gewinner gibt.
Lange hat die Mehrheit des englischen Volkes geglaubt, in der Genfer Liga ein Instrument gefunden zu haben, das den Frieden erzwingen kann. Mein ursprünglicher Glaube an Genf als ein wirksames Instrument für die Erhaltung des Friedens ist tief erschüttert. Es gibt aber keinen Grund, warum wir, nachdem die Politik der kollektiven Sicherheit fehlgeschlagen ist, den Gedanken des Völkerbundes aufgeben sollten. Wir müssen zugeben, daß wir versucht haben, Genf eine Aufgabe zu geben, die zu lösen seine Kraft überstieg.
Die britische Regierung, so sagte er, hat der Ansicht Ausdruck gegeben, daß die kürzlichen Ereignisse in Oe st erreich eine neue Lage geschaffen haben. Ls hat eine tiefe Störung des internationalen Vertrauens gegeben. Am meisten schwebt uns die Frage der Beziehungen zwischen der tschechoslowakischen Regierung und der deutschen Minderheit in der Tschechoslowakei vor. Es ist wahrscheinlich, daß eine Lösung dieser Frage, wenn sie erzielt werden konnte, sich weitgehend dahin auswirken würde, das Gefühl der Stabilität in einem sehr viel größeren Gebiet w i e d er h e rz ust el l en als in dem unmittelbar betroffenen. Die britische Regierung sei nicht in der Lage, zusätzlich zu den Verpflichtungen, durch die sie bereits durch die Genfer Satzung und den Locarno-Vertrag gebunden ist, neue Verpflichtungen gegenüber der Tschechoslowakei zu übernehmen, da die Ent- e scheidung, ob die Tschechoslowakei sich in einen
Krieg verwickelt finde, automatisch der britischen Regierung entzogen sein würde. Das könne die britische Regierung nicht für ein Gebiet annehmen, in dem Englands lebenswichtige Interessen nicht in der gleichen Weise berührt seien, wie das bei Frankreich und Belgien der Fall sei.
Wo Frieden und Krieg betroffen seien, seien nicht allein rechtliche Verpflichtungen maßgebend. Der unvermeidliche Druck der Tatsachen würde sich vielleicht stärker erweisen als formale Erklärungen. Es würde durchaus wahrscheinlich sein, daß andere Länder
fast sofort in den Krieg verwickelt würden außer ( den Ländern, die ursprünglich den Streit beginnen. Dies gelte besonders für Großbritannien und Frankreich, die lange miteinander in Freundschaft verbunden seien mit engverwobenen Interessen.
Chamberlain kam dann auf die Harlekinade L i t- winoff - Finkel st eins zu sprechen, der d-ie Bereitwilligkeit der Sowjetregierung zur Teilnahme an „kollektiven Aktionen" erklärte. Chamberlain erklärte, die britische Regierung würde eine Konferenz begrüßen, zu der alle europäischen Länder ihr Erscheinen zusagen würden. „Unter den gegenwärtigen Umständen fühlt sich die britische Regierung jedoch verpflichtet, festzustellen, daß eine solche Erwartung nicht gehegt werden kann, auch die Sowjetregierung hegt sie in der Tat nicht."
England glaube nicht, daß eine stabile Ordnung geschaffen werden könne, wenn nicht gewissen Prinzipien Anerkennung verschafft werden könne. Das erste bestehe darin, daß Meinungsverschiedenheiten durch friedliche Mittel gelöst werden sollen und nicht durch die Methode der Gewalt: das zweite Prinzip bestehe darin, daß eine friedliche Regelung, die von Dauer sein solle, auf Gerechtigkeit beruhen müsse. Die britische Regierung habe ständig ihren Einfluß aufgewandt, um die Beziehungen zwischen den Völkern einer Revision zu unterziehen, wo diese bedürftig zu sein schienen.
hinsichtlich der Tschechoslowakei scheine der britischen Regierung nunmehr die Zeit gekommen zu sein, zu der alle Hilfsquellen der Diplomatie für den Zweck des Friedens aufgewendet werden sollten. Sie freue sich, die definitive^Z u - sicherung der deutschen Regierung
über ihre Haltung zur Kenntnis zu nehmen und unterschätze sie in keiner Weise. Auch habe sie mit Befriedigung festgestellt, daß die tschechoslowakische Regierung sich den praktischen Schritten zuwende, die im Rahmen der tschechoslowakischen Verfassung ergriffen werden können, um den vernünftigen Wünschen der dentschenWinderheit zu begegnen. Die britische Regieung werde jederzeit bereit sein, dabei jede Hilfe zu gewähren. 3n der Zwischenzeit bestehe keine Notwendigkeit, Gewalt anzuwenden oder auch nur davon zu sprechen. „Solches Gerede ist scharf zu verurteilen." Chamberlain behandelte bann die englisch- italienischen Besprechungen, die beträchtlich vorwärtsgebracht worden seien. Es sei von größter Bedeutung, daß die italienische Regierung ihre Erklärung wiederholt habe, wonach sie keine territorialen, politischen und wirtschaftlichen Ziele in Spanien oder auf den Balearen habe. Die britische Regierung vertraue darauf, daß die italienische Regierung ihren Versprechungen nachkommen werde. Am Schluß unterstrich Chamberlain die Notwendigkeit, das britische Aufrüstungsprogramm zu verstärken. Besonders müßten die Luftwaffe und die Luftabwehr verstärkt werden. Die Wiederaufrüstung müsse künftig den Vorrang vor allen anderen Anstrengungen haben. Der zusätzliche Bedarf an gelernten Arbeitern müsse der Aufrüstung aus anderweitiger Beschäftigung zugeführt werden. Trotz allem hoffe er immer noch auf ein vernünftiges Abkommen über die Begrenzung der Rüstungen. Im übrigen glaube er, daß es eine Meinungsverschiedenheit über bas Hauptziel ber britischen Politik: „Frieden unb Gerechtigkeit" nicht geben könne.
Das Echo der Chamberlain-Rede.
London, 25. März. (DM. Funkspruch.) Nach der „Times" hat die Rede Chamberlains im Parlament einen guten Eindruck gemacht. Alle Andeutun- aen einer „Revolte" in der konservativen Partei seien mit der Rede des Premierministers verschwunden. Hätte die Labour Party eine Abstimmung gefordert, so wäre es zweifelhaft gewesen, ob ein einziger Regierungsanhanger mit ihr gestimmt hätte. Jetzt, wo die Regierung die Unterstützung des Parlaments habe, werde sie sichln verstärktem Maße der Frage der Beschleunigung des Aufrüstungsprogramms zuwenden können. Die meisten Menschen würden die Gründe als durchschlagend ansehen, warum das Kabinett in der Frage der Tschechoslowakei keine Verpflichtungen eingegangen fei. Eine andere Einstellung werde mit Recht als ein Rat der Verzweiflung zurückgewiesen. Aus dem gleichen Grunde sei der s o w j e t r u ss i s ch e K o n fe r e n z v o r s ch l a g als völlig unannehmbar zurückgewiesen worden. Der „Daily Telegraph" nennt die Erklärung Chamberlains klar, geradezu und nachdrücklich, ohne dabei in irgendeiner Form provozierend zu sein. Die Erklärung habe niemand im Zweifel über die Haltung Englands gegenüber den Ereignissen gelassen, die in Europa eingetreten seien.
Das ßabourblatt, der „Daily Heral d", ist selbstverständlich äußerst unzufrieden. Jeder, der nach den Linien einer neuen Politik suche, sei enttäuscht worden. Ebenso meint das liberale „News C h r o n i c l e", daß Chamberlains Rede jeden konstruktiven Gedanken für eine internationale Befriedung oder eine Beseitigung der letzten Krisengründe habe vermissen lassen.
„Daily Mail" sagt, daß zwei Erklärungen von überragender Bedeutung vom Premierminister abgegeben worden feien. Die erste sei die, daß England keine neuen Verpflichtungen im Auslande übernehmen werde. Die zweite aber sei die, daß von jetzt an di e Aufrüstung den Vorrang haben werde. Aufrüstung und sich aus allen Verwicklungen heraushal- t e n, das seien nun die Pfeiler, auf denen die zukünftige Politik Englands ruhe.
ZwiespMgeAufnahme inparis.
P a r i s , 25. März. (DNB. Funkspruch.) „Epoque" schreibt, die Rede Chamberlains sei so gut gewesen, wie sie habe sein können. Wegen der englischen Mentalität und der Haltung der Dominien habe er unmöglich für alle Konflikte genaue Verpflichtungen auf sich nehmen können. — „Matin" schreib^ außer den wütenden Befürwortern einer Einmischung in Spanien könne kein Mensch von den Ausführungen Chamberlains enttäuscht sein. — Der „Figaro" erklärt, wenn die Erklärung Chamberlains auch nichts Neues bringe, so habe sie doch wenigstens bas Verdienst, die britische Außenpolitik zu klären und festzulegen. Es bleibe abzuwarten, ob der Chef des Foreign Office sich auf diplomatischem Gebiet bezüglich der deutschen Minderheit in der Tschechoslowakei nicht etwa in „leichtfer - t i g e Verhandlungen" einlassen werde. „Petit Parisien" erklärt, die Rede Chamberlains habe diejenigen Franzosen und. Engländer nicht enttäuscht, die von den staatsmännischen Eigenschaften des britischen Ministerpräsidenten überzeugt gewe-1
sen seien. Das Gewerkschaftsblatt „Peuple" bezeich- die Erklärungen als ebenso enttäuschend und ge« jährlich, wie man dies habe erwarten müssen.
Auch die OeutschenChristlich-Sozialen scheiden aus der Prager Regierungskoalition.
Prag, 24. März. (DNB.) Die Reichsparteilei- tung der Deutschen Christlich-Sozialen Volkspartei hat einmütig beschlossen, daß die Abgeordneten und Senatoren dem Parlamentarischen Klub der Sudetendeutschen Partei beitreten. Die Partei scheidet aus der Parlamentsmehrheit aus und beruft ihren Vertreter aus der Regierung ab. Der Parlamentarische Klub der Sudetendeutschen Partei hat jetzt 55 Abgeordnete und 26 Senatoren Der Vertreter der Christlich-Sozialen in der Regierung, Minister Z a j i c e k, hat dem Präsidenten der Republik fein Rücktrittsgesuch überreicht.
Das Autonomieprogramm der Slowaken.
Prag, 24. März. (DNB.) Der Vorstand der Slowakischen Volkspartei hat unter Vorsitz Pater H l i n k a s in Preßburg folgende Richtlinien festgelegt: „Wir stehen vor dem entscheidenden Kampf des nationalen Gedankens gegen den Internationalismus und Bolschewismus. Der nationale Gedanke verzeichnet im Ausland genau so wie im Innern des Staates sichtbare Erfolge. Die Slowaken sind sich dessen bewußt und betonen daher weiterhin ihre völkische Verschiedenheit von den Tschechen und ihr slowakisches Autonomieprogramm. Nicht nur die Lösung der slowakischen nationalen Probleme, sondern auch die Sicherung der territorialen Grenze der Slowakei beruht auf dem Autonomieprodramm. Der Vorstand der Partei verfolgt mit Rücksicht auf die Verteidigung der Grenzen der Slowakei und der Erkämp- fung der Autonomie für die Slowakei mit Interesse die politische Entwicklung im Leben der magyarischen, deutschen und ruthenischen Volksgruppen im Staate."
Kunst und Wissenschaft.
Der Führer
verleiht Professor Czerny den Adlerschild.
Der Führer und Reichskanzler hat dem Geh. Medizinalrat Professor Dr. Adalbert Czerny in Charlottenburg aus Anlaß seines 75. Geburtstages den Adlerschild des Deutschen Reiches mit der Widmung „Dem Altmeister der deutschen Kinderheilkunde" verliehen. — Wir bringen in der heutigen Ausgabe eine ausführliche Würdigung von Geh. Rat Czernys Lebenswerk, das jetzt durch den Führer eine weithin sichtbare Auszeichnung erfahren hat.
Ueberreichung
der Goethe-Medaille an Gustav Frensfen.
Gauleiter und Oberpräsident Lohse stattete dem Dichter Gustav F r e n s s e n in dessen Haus zu Barlt im Dithmarschen einen Besuch ab, um ihm im Auftrage des Führers die kürzlich verliehene Goethe- Medaille zu überreichen. Landesforstmeister Selchow übergab bei dieser Gelegenheit im Namen des Reichsforstmeisters Generalfeldmarschall Hermann Göring eine Urkunde, in der die Umbenennung des Forstes Christian Slust bei St. Michaelisdonn in Gustav-Frenssen-Wald niedergelegt ist. Der Dichter nahm die Ehrungen bewegten Herzens entgegen.
Ein Mitglied des Dendling-Quartekts gestorben.
Professor Ludwig N a t t e r e r, der Bratscher des Wendling-Quartetts in Stuttgart, ist dort im Alter von 56 Jahren gestorben. Natterer stammte aus Augsburg, mar ein Schüler von Hugo Heer- nlann in Frankfurt, spielte später in Meiningen und wurde 1925 an die Württembergische Hochschule für Musik und in das auch in Gießen wohlbekannte Wendling-Quartett berufen, das jetzt durch fein Hinscheiden einen schmerzlichen Verlust erleidet.
Gcharrelmann baut sich einen Garten.
Don $. 3. Tripp.
Der Christof hat sie nicht mehr alle beisammen, sagen am Abend die Leutchen. Sie sitzen auf der Türschwelle; denn der Tag ist heiß gewesen, und in den niederen Kotten steckt noch die Hitze des Tages. Und warum soll sie der Christof Scharrelmann, der zweite Strossenhäuer von der Zeche „Schnabel im Osten", nicht mehr alle beisammen haben? Etwa aus lauter Freude, daß seine Häsin acht Junge geworfen hat? Gott mag es wissen, und Christof Scharrelmann hat sie ebensogut alle beisammen wie die Leutchen, die diese Tatsache an= zweifeln.
Doch so was verstehen die kleinen Leutchen nicht, die alle aus dem Getriebe der großen Stadt in diese Zechenkolonie geschleudert sind. Ja, ein Beet mit Möhren, ein Beet mit Salat, ein Stück für die Kartoffeln, meinethalben auch ein Plätzchen für fünf Nelken und ein paar Narzissen, gewiß, das haben sie ja alle. Aber was den Christof Scharrelmann betrifft...
Ueberdies hat es doch ohnehin mit dem sein immerwährendes Wenn und Aber: denn was ist so ein Strossenhäuer schon groß? Ein Gefangener im Pütt, stets voll Schweiß und Kohlenstaub, und in der Freizeit muß er die Suppenteller für seine drei kleinen Kerle kaltblasen. Und der will sich da eine Anlage, einen kleinen Park mit tausend Blumen, Dahlien, Anemonen, Rosen, Nelken, Astern und Gott weiß was, mit kleinen Kieswegen, mit schönen Steinen, mit Tomaten und einem Apfel-, einem Birnen- und einem Pflaumenbaum, mit einer einzigen Wiese zum Ausruhen nach Feierabend und einem Sandkasten für Thomas, den Vierjährigen, ein Terrarium mit Fröschen, Eidechsen, Blindschleichen für sich und die Jungens — das will der Christof, der Scharrelmann, so mir nichts dir nichts aus der Luft dahinsetzen? Nun, er ist ja ein guter Kerl, das schon, aber die Sache mit dem Garten, die ist verrückt.
Am Morgen, als die Leute mit Emaillekannen unterm Arm und die zeitungsumwickelten Butterbrote im Hosensack nach dem Pütt gehen, steht Scharrelmann draußen hinter dem Haus und steckt die Erde ab.
„Moin!" sagt sein Nachbar, „na, Christof?" — „Moin!" erwiderke Scharrelmann und geht mit dem Pickel auf einen dicken Stein zu.
„Spätschicht?" fragt Fahrenholt, der Nachbar, er meine doch, daß Christof die Woche auch Frühschicht habe. Nein, keine Rede, Christof hat drei Wochen Urlaub bewilligt gekriegt!
So, drei Wochen Urlaub... Fahrenholt schiebt seine Pfeife in den anderen Mundwinkel und will gehen, llebrigens — was er noch sagen wolle, der Thomas hat da gestern abend was von einem Garten erzählt mit Sandkasten, Rasen und Blumen drin. Gibt das hier den Garten?
„Ja, ich denke das", sagt Scharrelmann, und blickt mit kleinen Augen nach dem Horizont, mo- gleich die Sonne groß und rot heraufkommen muß.
„Hier dieser Steinhügel?" fragt Fahrenholt. — „Die Erde ist hier nicht schlecht, sieh mal!" Christof Scharrelmann hält ihm eine Handvoll dunkelbrauner fetter Erde hin: „War früher mal so was wie eine Schuttabladestelle. Und die Steine, weißt du, die sind das Schlimmste nicht."
„Nein, die nicht", meinte der Nachbar, schiebt sich die blecherne Kaffeekanne hicher unter die Achseln und legt den Zeigefinger an die Mütze: „Also, mach's gut, Christof!" 0 >.
„Ja." Und damit macht sich Scharrelmann wieder an seine Arbeit. Abgesteckt st der Plan, das sieht gut und ordentlich aus. man kann schon darin umhergehen und sich oorstelen, wie fein das alles wird. Auf die linke Seite schichten wir aus Sandsteinen eine Mauer auf, l icht wahr, darunter ein Weg, nur aus Steinplatten, Farne, Rittersporne und kleine heimische Orch'deen an der Seite Das macht sich gut, und die Leutchen, was die betrifft, die lassen wir vorläufig noch sich die Augen aus dem Kopfe gucken.
So beginnt Christof Scl.arrelmann seinen Garten: Steinewegfahren, @ra'b?n, den Mutterboden sorgfältig beiseite auf einen Hügel, die Grasnarben in die Kuhle werfen, das erfordert alles Kraft und Ausdauer, und wenn ucht feine jahrzehntealte Sehnsucht nach einem Stückchen eigener Erde hinter ihm stünde, wer weiß.-.r
Denn je weiter Christof vorankommt mit der Arbeit, um so schlimmer übermannt sie ihn Dazu hat sich das Stückchen Erde in eine trostlose Wildnis von Gräben, Steinhaufen, Löchern und verschiedenen Arten Erde verwandel. Mit den Steinen ist es eine miserable Sache, sie quellen ihm immer neu unter den Füßen herrvr, große, kleine, als sei die ganze Erde damit auszestopft und nur obenauf ein wenig grün. Zunächst will er sie erst mal wegkarren, die Steine, dann hat man schon eine bessere Uebersicht.
Nach der Schicht stehen die Kumpels am Rand. Das ist immer so etwas. „Christof, ich würde das
ganz, ganz anders machen", sagt einer. Oder: „Mann, so einen Haufen Arbeit wegen so einem kleinen Krautgarten!" Oder: „So ein Garten ist ja gar nicht übel, aber die vielen Steine, ich meine, das rentiert sich gar nicht." Und Christof nickt dann gewöhnlich, sagt: „Jaja" oder „Hm" und läßt die Sache damit auf sich beruhen. Aber seine Verwirrung wächst dabei, zuweilen schaut er mit heimlicher Verzweiflung um sich, und es sieht dann so aus, als ob er sein ganzes Leben in feine Bestandteile zerlegen würde: in dunkle Erde, in helle Erde, in Rasen und Steine.
Aber der Morgen findet den Christof frisch und voller neuer Hoffnungen bei der Arbeit. Daß einer arbeitet, um fein Brot zu haben, das ist nur ein geringer Mangel, darin liegt die Schwierigkeit gar nicht. Wir werden schon lernen, aus Steinen Brot zu machen, und nicht nur das: Freude und Sonnenschein.
Am Mittag kommt Lene, Christofs Frau, sie hat immer ein paar warme Worte, etwas Eßbares und Kaffee dabei. Es find ausnehmend schöne Tage, und der Garten macht sich zusehends, die Steine sind raus, jetzt wird mit der überflüssigen Erde planiert und oben darüber kommt die gute Muttererde. Die Lene macht das mit den Beeten, sät noch etwas, steckt noch ein paar Pflanzen und was so drum und dran ist. Schließlich begibt sich Christof an den Zaun. Es tut ihm wohl, wenn er sieht, wie sauber sich das Innere plötzlich vom Aeußeren trennt. Und auch die Steinmauer ist fein, es ist schon direkt eine Freude, sie zu betrachten, ein schönes Stück Arbeit, gewiß, und Mauern will auch gelernt sein. Es ist gewissermaßen eine Schule des Denkens. Man muß jeden Stein sorgfältig um und um wenden, ganz genau betrachten, ehe man mit dem Hammer an ihn geht. Mag der Stein noch so widersinnig sein, wenn du ihm die richtige Seite abgewinnst, fügt er sich sofort in das Ganze.
Die Leutchen aus den Kotten machen wunderliche Augen: „Guck mal einer an, der Christof, nein, wer hätte das gedacht!" Und als Scharrelmann am Ende der zweiten Woche gar den Weg mit flachen Sandsteinplatten auslegt und einen Leiterwagen voller Stauden, Bäumchen und Blumenknollen auslädt, da lehnen sich die Leutchen über den Zaun und murmeln Worte des Lobes und der Anerkennung. Ist doch gar nicht so verrückt gewesen, der Christof, sagen sie und denken im geheimen, ob sich nicht auch für sie so ein Stück Erde finden ließe?
Das ist nun schon alles ein Jahr her. es gab noch hi"r was und da was, was Christof Si' rel- mann ändern mußte. Und jo rasch blüht nicht alles
in ein paar Wochen. Auch kam vieles dazu, eine kleine Laube, grün und weiß gestrichen, da stellt man das Werkzeug, Spaten, Forte, Rechen, hinein und einen Tisch mit fünf Schemeln. Ja, ja, der Scharrelmann, pflegen die Leute zu sagen, so müssen wir es auch machen.
Gloria-Palast:
„Oie verschwundene Fraua
Es handelt sich nicht bloß um eine verschwundene Ehefrau, sondern auch um einen entschwundenen Hund namens Susi, welcher das Aergernis einer kleinen österreichischen Stadt bildet und am Ende um des lieben Friedens willen mit Blausäure schnell und schmerzlos aus der Welt geschafft werden soll. Infolge einer Häufung von Mißverständnissen (das Ganze ist fein Lustspiel, sondern ein Schwank) gerät der Besitzer des Hundes in den Verdacht, er habe nicht Susi, sondern die unauffindbare Gemahlin auf schaurige Weise aus dem Wege geräumt: das ist eine große und wilde Chance für den Ko- mifer Moser, der sich des „Falles" annimmt und mit versagender und überkippender Stimme, in Synkopen redend, Indizien sammelt, verhaftet, ver- hört und schließlich die halbe Gemeinde ins Ge- fangnis sperrt. Paul Kemp spielt den durch Frau und Hund in turbulente Abenteuer gestürzten Ehemann, Lucie Englisch zwischen Lachen und Weinen die kleine verschwundene Frau, während Theo Lingen, mit diskreterem Humor wirkend, diesmal mehr im Hintertreffen bleibt. Oskar Sima mit scharf österreichischen Pointen, Jupp Hussels und Trude Marlen seien nicht vergessen. — (Siegel Monopol.)
*
3m Beiprogramm gibt es die neue Wochenschau, em Lustspielchen, einen Kulturfilm „Von Sauhatz und Schweinezucht und einen Vorspann zu dem Film „Das Mädchen mit dem guten Ruf".
Hans Thyriot.
Hocbsckulnackrichien.
Professor Dr. Friedrich Ko p sch, der seit 1935 oon Öen amtlichen Verpflichtungen entbundene narius der Anatomie und frühere erste 'Brn'ator Der Univers at Berlin, beging seinen 70. ® t ■ burtstcg. Kopsch, ein Schuler von Virchow 'vt der Berllner Universität jahrzehntelang angc-Ürt. Sein Lehrbuch der Anatomie ist in zahlreichen 'tut- lagen verbreitet.


