Nr. 30s Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeigerfür Oberheffen) 24-/25.DezemberlyZ8
Aus der Stadt Gießen.
Weihnachten.
Weihnachten ist das leuchtendste unter den Festen der Christenheit. Kein anderes ihrer Feste strahlt einen solch geheimnisvollen Zauber aus wie das Christfest. Kinderaugen — und nicht nur sie — glänzen schon tagelang vorher in köstlicher Vorfreude. Und am reinften und köstlichsten wird der Olanz der Augen, wenn sie am Heiligenabend, in der weihevollen Nacht in die Lichter des Christbaums sehen, sich an den Geschenken freuen und auf die Krippe mit dem Kindlein blicken dürfen, die in vielen unserer Häuser unter dem Christbaum Ausstellung zu finden pflegt.
Wohl an keinem andern Tage des Jahres hat der Mensch ein so trauliches Gefühl des Geborgen- seins, als am Weihnachtsfest. Kein anderes Fest weist ihn mit solcher Selbstverständlichkeit in die traute Häuslichkeit, in den Kreis der Familie, und wohl nie empfinden diejenigen unserer Mitmenschen, die kein rechtes „Zuhause" haben, die Härte des Schicksals so bitter, wie gerade an Weihnachten. Wie eigen war es an den Kriegsweihnachten denen zu Mut, die draußen im Feld standen! Nie gingen die Gedanken unserer Soldaten mit solcher Wärme und Sehnsucht in die Heimat, als an jenen Festtagen. Mochten junge, ledige Kameraden zum ersten Male im Leben an Weihnachten dem Elternhaus fern sein, oder ältere, verheiratete die Trennung von ihren Familien schmerzlich empfinden. Eine einzigartige Empfänglichkeit für die Weihnachtsbotschaft fand sich gerade mitten im Krieg bei den Millionen von Frontsoldaten, begünstigt durch das gewaltige Erlebnis der Frontkamerad- fchaft. In den Herzen vieler aus ihren Reihen wird mit ungeschwächter Klarheit die Erinnerung lebendig an Weihnachtsfeiern im Krieg, begangen im Feld, im Lazarett oder — und diese gehörten zu den ergreifendsten — hinter dem Stacheldraht der Gefangenenlager, die in ihrer Eigenart für uns teuerster, unverlierbarer geistiger Besitz geworden sind und uns Herz und Gemüt tief bewegt haben. Nicht zuletzt der Besonderheit und Einzigartigkeit des. äußeren Rahmens dieser Feiern wegen.
Solange Sehnsucht in Menschenherzen lebt, Erwartung, Harren, ungestümes Streben, solange werden sie empfänglich sein für die jubelnden Klänge der Weihnachtsbotschaft. „Euch ist heute der Heiland geboren", das ist die gewaltige Melodie, die die Zeitenwende einläutet und in Jahrtausenden noch nichts von ihrer Gewalt verloren hat. Weihnachtssehnsucht und -erwartung, bei klein und groß, ist Abbild des gespannten Harrens, das vor fast zwei Jahrtausenden dem Kind in der Krippe entgegenschlug. Es ward geboren, „als die Zeit erfüllet war", als nach Gottes Ratschluß der Weg der Menschheit heraufführen sollte aus Finsternis und Verlorenheit hin zu Licht und Klarheit. Friede und Heil bringt es mit sich: „Das Kind, dem alle Engel dienen, bringt Licht in meine Dunkelheit", so singen, mir.
Gottes schöpferischer, erlösender Liebeswille greift in das Weltgeschehen ein in der Geburt seines Sohnes, des „Christkindes". Harren, Sehnen, Streben der Menschheit werden in ihm zur Erfüllung geführt. Unser deutsches Volk hat das- Geheimnis des Christfestes-vielleicht tiefer erfühlt und ergründet mit feiner ganzen Gemütstiefe, es schöner besungen in ungezählten Weihnachtsliedern, als irgend ein anderes Volk.
Kriegsweihnachten und Weihnachten in der Verworrenheit und Heillosigkeit der Nachkriegsjahre steigen in unserer Erinnerung auf. Wohl leuchtete auch damals der Weihnachtsstern, aber viele vermochten n'chts zu sehen von seinem Leuchten. Unter dem Druck der Inflationszeit, in der so viele Werte in nichts zerrannen, im grauenhaften Elend einer Arbeitslosigkeit von schier unermeßlichem Ausmaß.
Wie ein böser Traum liegt das nun hinter uns. Froh und von tiefster Dankbarkeit erfüllt feiern wir jetzt Weihnachten. Ein starkes mächtiges Reich
schirmt uns. 10 Millionen Deutsche feiern, aufs neue mit dem Reich vereint, in diesem Jahre wohl die schönsten Weihnachten ihres Lebens. Das Wmter- hilfswerk, dies Liebeswerk von gigantischer Größe, bringt mit seinen Gaben Licht und Freude bis zum letzten Haus und zur letzten Hütte. Gebannt ist die bittere Not und Verzweiflung früherer Jahre. Ungetrübte Festfreude breitet sich zu Weihnachten über ein machtvoll erstarktes Großdeutschland. Fromme deutsche Menschen, die Gemeinschaft suchen mit dem lebendigen Gott dürfen aufs neue die Wahrheit der alten, oft gesungenen Worte erleben:
Es leucht't wohl mitten in der Nacht, Und uns des Lichtes Kinder macht. -p.
Dornotizen
Tageskalender für Sonntag (1. Feiertag).
Stadttheater: 19 bis nach 22 Uhr „Aida". — Gloria-Palast (Seltersweg): „Der Blaufuchs". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Die Pfingftorgel". — Bauerscher Gesangverein: 15.30 Uhr Kinderbescherung; 20 Uhr Familienfeier.
Tageskalender für Montag (2. Feiertag).
Stadttheater: 15 bis 17.30 Uhr „Frau Holle"; 19 bis 22 Uhr „Die lustige Witwe". — Gloria-
Palast (Settersweg): „Der Blaufuchs". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Die Pfingftorgel". — DfB.- Reichsbahn: 14 Uhr Wien—Gießen.
Weihnachten im Gießener Stadttheater.
Am ersten Weihnachtsfeiertag findet die Erstaufführung von „Aida", Oper in 4 Akten von Guifeppe Verdi, statt. Musikalische Leitung Paul Walter, Spielleitung: Gert Buchheim, Leitung und Einstudierung der Chöre: Heinz Markwardt, Tanzleitung: Thea Maaß, Bühnenbilder: Karl Löffler. Es wirken einhundertsünfzig Personen mit. Die Vorstellung beginnt um 19 Uhr und endet nach 2£ Uhr. Außer Miete!
Am Nachmittag des zweiten Weihnachtsfeiertages findet eine Wiederholung von „Frau Holle", Märchen in fünf Bildern von Walter Ofterspey, statt. Die Musik schrieb Walter Osterspey, Spielleitung: Hermann Schultze-Griesheim, musikalische Leitung: Heinz Markwardt, Tänze: Thea Maaß. Die Vorstellung beginnt um 15 Uhr, Ende 17.30 Uhr. Außer Miete! — Am Abend die Premiere „Die lustige Witwe", Operette in drei Akten von Franz Lehar. Musikalische Leitung: Heinz Markwardt, Spielleitung: Gert Buchheim. Für die Einstudierung der Tänze und choreographische Leitung zeichnet Thea
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(Aufnahme: Elisabeth Hase, Frankfurt a. M.)
Maaß. Karl Löffler schuf das Bühnenbild. Die Dor« stellung findet außer Miete statt und beginnt um 19 Uhr, Ende 22 Uhr.
Am dritten Wsihnachtsfeiertag, nachmittags, findet eine Aufführung des Märchens „Frau Holle" von Walter Osterspey statt Spielltg. Herm. Schultze-Griesheim. Mufikal. Ltg.: Heinz Markwardt, Tänze: Thea Maaß. Anfang der Vorstellung 15 Uhr, Ende 17.30 Uhr. Außer Miete! — Abend 20 Uhr, Erstaufführung der modernen Gesellschaftskomödie „Lauter Lügen" von Hans Schweikart. „Lauter Lügen" hat sich im Laufe dieser Spielzeit fast alle Bühnen des Reiches erobert. Spielleitung Hermann Schultze- Griesheim, Bühnenbilder: Karl Löffler. Die Vorstellung findet gleichzeitig als 13. Vorstellung der Dienstag-Miete statt. Ende 22.30 Uhr.
Frostwetter verzögert den Wnhnachts- paketverkehr.
3m Bedarfsfälle auch am zweiten Weihnachtsfeiertag Zustellung von Paketen und Päckchen.
DNB. Durch den außergewöhnlichen Kälteeinbruch über ganz Deutschland mit nachfolgenden Schneefällen sind in verschiedenen Teilen des Reiches sehr erhebliche Zuqverspätungen eingetreten. Hierdurch wurde im Postdienst die Paket- und Päck- chenbeförderung, die im wesentlichen mit den Zügen der Reichsbahn erfolgt, stark in Mitleidenschaft gezogen. Da auch weite Äbsenderkreise trotz wiederholter Hinweise mit der Auflieferung ihrer Pakete bis zu den letzten Tagen vor dem Fest gewartet haben, wird damit gerechnet werden müssen, daß die Empfänger einen Teil der Weihnachtspaketpost nicht rechtzeitig erhalten.
Die Deutsche Reichspost bemüht sich, unter stärkstem Material- und Personaleinsatz, die durchhöhere Gewalt eingetretenen Stockungen zu beheben und die Folgen möglichst zu mild«"'n. Im Bedarfsfälle werden daher am zweiten Feiertag, an dem gewöhnlich die Zustellung ruht, Pakete und Päckchen zugestellt werden.
Schulungski^s für die Feuerwehren.
Für die Feuerwehren des Kreises Gießen findet am 7. und am 8. Januar 1939 in Laubach ein Schulungskurs statt. Der Kursus bringt eine Reihe von Vorträgen berufener Fachleute, die über zeitgemäße Themen sprechen werden. Neben dem allgemeinen Lehrgang werden auch zwei Sonderlehrgänge (Bezirksmotorspritzen-Einsatz, Unterhaltung der Feuerwehrkraftwagen und Verkehrsvorschriften) stattfinden.
Gießener Dochenmarktpreiie
* Gießen, 24. Dez. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Markenbutter, % kg 1,60 Mark, Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 4 bis 9, Eier, deutsche, Klasse S 15, Klasse A 14%, Klasse 8 14, Klasse C 13%, Klasse D 12%, ausländische Kühlhauseier, Klasse B 10%, Wirsing, % kg 10, Weißkraut 7 bis 8, Rotkraut 9 bis 10, gelbe Rüben 9 bis 10, rote Rüben 9 bis 10, Spinat 15? Unterkohlrabi 8 bis 10, Grünkohl 12 bis 15, Rosenkohl 20 bis 35, Feldsalat, 1ho 10, Tomaten, % kg 50, Zwiebeln 12 bis 15, Meerrettich 35 bis 60, Schwarzwurzeln 25 bis 35, Kartoffeln, % kg 4 Pf., 5 kg 40 Pf., 50 kg 3 bis 3,50 Mark, Aepfel, % kg 40 bis 45 Pf.. Nüffe 50 bis 65 Pf., Hähne 1 bis 1,20 Mark, Suppenhühner 90 Pf. bis 1 Mark, Gänfe 1 bis 1,30 Mark, Enten 1,40 Mark, Tauben, das Stück 50 bis 60 Pf., Blumenkohl 20 bis 50, Endivien 5 bis 12, Rettich 5 bis 15, Lauch 5 bis 15 Pf.
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**JndieGerberlauge gestürzt. Gestern nachmittag ereignete sich in einer hiesigen Lohgerberei ein schwerer Unfall. Der Gerber Wilhelm Bender aus Grüningen stürzte bei seiner Arbeit in die Gerberlohe und erlitt dabei so schwere Verbrennungen, daß er sofort durch die Sanitätsbereitschaft Gießen in die Chirurgische Klinik gebracht werden mußte. Der bedauernswerte Mann liegt in schwerem Zustande darnieder.
Der schwäbische Engel.
Von Georg Schwarz.
„Da habt ihr den Opferpfennig! Haltet euch unterwegs nicht auf und seid mir recht still in der Kirche!" sagte die Mutter, „du Theodor bist der Ael- tere und für alles verantwortlich!"
„Ja, Mutter!" sagte Theodor, „aber gelt, der muß mir folgen!"
„Er folgtr beruhigte ihn die Mutter, setzte mir mein Käppchen zurecht und gab uns einen Kuß zum Abschied.
Vor dem Haus lag frischer Schnee. Ein kleiner Stapfenweg war schon gemacht, aber wir traten ungern in die Fußtapfen anderer, stiegen frischweg über die großen Schneepolster, freuten uns an den tiefen Löchern, die wir hinterließen.
Wir standen bald auf dem Kirchplatz und sahen viele Kinder, mgnche von ihren Müttern begleitet, herzueilen.
Plötzlich kamen wir in dichtes Gedränge und wurden durch das Portal geschoben. Zwei Christbäume, jeder so hoch wie ein kleines Haus, standen rechts und links vom Altar und feuerten mit ihren brennenden Kerzen einen festlichen Glanz in den hohen, getünchten Raum. Ein hundertstimmiges- „Ah" aus Kindermund verhauchte feierlich.
Ich wurde in die dritte Reihe zu den Kinderschülern gesetzt,' während Theodor in der zehnten unter den „Erstklässlern" Platz nehmen durfte. „Schwester Emilie" war schon da und trug eine besonders schöne, weiße, gesteifte Haube, machte ein feierliches Gesicht und redete nur im Flüsterton mit uns. Es war keine leichte Ausgabe, die vielen fragenden, schwatzenden und staunenden Kinder zu beruhigen.
„Still, Jaköble, still! Was willst du denn?"
„Schwester Emilie!" sagte der kleine Mann neben mir, „kann der Engel dort auf dem Christbaum fliegen?"
„Wenn du ganz brav bist", sagte die Schwester lächelnd, „tut ers vielleicht."
Jaköble blieb eine lange Minute ganz still, aber dann rief er laut: „Warum fliegt er denn nicht, der dumme Engel?"
„Still, Jaköble, der Engel ist nicht dumm", flüsterte die Schwester.
„Du bist dumm!" rief ihm ein Abcschütz aus der siebenten Reihe zu.
Leise begann die Orgel zu fingen.
Vorn am Altar stand der Herr Pfarrer. Als wir gesungen hatten, las er mit heller Stimme die Geschichte von den Engeln auf dem Felde und vom
Kindlein im Stall. Die Worte des Engels sprach er selber nicht.
Aber eine Stimme, rein wie eine Flöte, fönte aus dem Hintergrund der Kirche: „Siehe, ich bringe euch große Freude, die. allem Volk widerfahren wird! Denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr! Und das habt zum Zeichen, ihr werdet finden ein Kindlein in Windeln gewickelt und in der Krippe Hegen!"
„Wo ist der (Engel?"4' fragte ich leise die Schwester, die neben mir stand, und ich reckte den Kopf. Sie griff- mir unter die Arme und hob mich über die Bank hinaus. Hinter dem Altar stand ein leibhaftiger Engel im weißen Kleid, ein Flimmern und Glänzen war um sein Haar, und aus seinem Munde kamen die holdseligen Worte.
„Möcht auch den Engel sehen!" bettelte Jaköble mit weinerlicher Stimme die Schwester an. Aber sie legte leise zischend einen Finger an die Lippen und hieß ihn stille sein. Jaköble begann zu weinen. Da hob sie ihn schnell aus der Bank und hielt den leise Schluchzenden eine Weile an die Brust.
Als der Pfarrer den Altar verlassen hatte, mußten wir einzeln unter Führung der Schwester vor die Bankreihen treten und unser „Sprüchle" sagen. Ich schaute mich dabei immer nach dem Engel um.
Nach uns kamen die Abc-Schützen an die Reihe. Sie trugen ihre Verse schon viel besser und deutlicher vor als wir, konnten den Mund schon weit aufmachen und ihre Stimme gebrauchen.
Die Gabenverteilung begann, bei der Jaköble wieder laut weinte, weil er glaubte, in seiner „Guck" (Tüte) seien viel weniger schöne Sachen-darin als in denen der anderen Kinder.
Dann sang der Herr Pfarrer ein Lied, erteilte uns den ©egen'unb ließ uns aufbrechen.
Am Brunnen neben der Kirche wartete Theodor.
„Hast du den Engel gesehen?" fragte ich ihn begierig, „es war ein richtiger Engel, vom Himmel heruntergeflogen für uns!"
„Au!" gab mir mein Bruder zur Antwort, „ein Engel! — Die hat doch bloß den Engel gespielt!"
„Wer?" fragte ich erschüttert.
„’s Käterle", sagte er ruhig, „ich kenn sie, sie geht in die fünfte Klass'! Wenn du mirs nicht glaubst, frag' sie gleich! Da kommt sie. Was wettest du? Wenn du verlierst, mußt du mir deine Guck geben!"
„Frag' sie!" sagte ich siegesgewiß.
„Du, Käterle, der dumme Bue will net glaube, daß du kein Engel bischt!" redete er das Käterle an, als es an uns vorüberging.
Die drehte sich schnell um und sagte mit einem mitleidigen Blick auf mich: „A g'spielter ischt no' lang fei’ rechter!"
„Gib mir die Guck!" sagte mein Bruder. Ich ließ sie ihm.
Aber das Käterle drehte sich noch einmal um und rief uns nach: „Für g'wöhnlich bin i' keiner! Einmal im Jahr langt g’rab genug!"
Heiliger Abend
auf der Cheopspyramide.
Von Friedrich Morion.
Auf dem „Midan el Tiatre“, dem großen modernen Opernplatz von Kairo, herrscht die hastende, ewig gleiche Regsamkeit des ägyptischen Alltags. Ein Strom von Autos und Menschen ergießt sich aus der „Shari Kamil", in- der große Hotels liegen, auf den Platz, flutet fü.dwärts und nilwärts ab. Hier, zwischen Shepheards Hotel und Opernplatz, zwischen diesem .und den eleganten Geschäftshäusern der Fuad-Straße, blüht der Straßenhandel. Ich sitze an einem Tischchen des Operncafes vor süßem Türkischen. Um 9 Uhr vormittags beginne ich meine Zählung, um 9.30 Uhr schließe ich sie ab. Hier das Ergebnis in vielsagenden Zahlen: 37 Verkäufer boten, mir Zeitungen an, 28 Schuhputzdienste, 8 kalifornische Aepfel, 8 Bananen und Gebäck, 6 Zigaretten, 5 Rasierpinsel und Seifen, 4 Tücher und Meßbänder, st 2 Hühner, Trinkgläser, Kaffeetassen, Vorhangstangen, Petroleumlampen, Krawatten, Sacktücher, Schmuckketten, je einer Briefmarken, Schuhbänder, Drangen, Ansichtskarten, Datteln. 149 Offerten in einer halben Stunde! Die Liste ließe sich, besonders abends, wesentlich erweitern. Gleichmütig sitzen die Gäste vor ihren Schalen, greifen gelegentlich einem angebotenen Huhn unter die Flügel, kaufen ein Los, lassen sich zum so und so vielten Male den Hochglanz auf den Schuhen erneuern. Die Sonne scheint, die Palmen des Ezbekiva-Gartens rauschen. Weihnacht, wo bist du?
Wenige besuchen die unverfälschte Altstadt mit den engen, finsteren Gängen, den vergitterten Harems- fenftern, den entzückenden Bildern echten, düste- geschwängerten Orients. Hier spielt sich Handel und Wandel, Arbeit und Verkauf auf der Straße ab. Mein Spiegelreflex hält den Kaffeeröster fest, der seine kleine Maschine auf dem Straßenstein emsig dreht, und gleich darauf den Rasierkünstler, der ebenso wie sein Opfer auf der Erde sitzt. Ich begegne dem Korbflechter und Peitschenstechter, dem Hufschmied, dessen Eisen im Schmutz des Weges liegen, dem Sonnenschirmflicker und Räuchermann, der mit qualmendem Räucherfaß von Laden zu Laden zieht. Zwei Erscheinungen sesseln mich, be
sonders. Der Holz- und Bernsteindrechsler mit der auf dem Boden ruhenden Drehbank und dem Fuße, der mitdreht, und der Kleiderbügler, der kräftig mit dem Fuße das Eisen regiert.
Dazwischen tausenderlei Läden, deren Aufzählen Seiten verschlingen würde, dazwischen im Menschen» und Karrenstrom Schläfer, ganz in ihre schmierigen Fetzen gehüllt, in tiefem, orientalischen Schlummer, den kein Lärm, kein Stoß, keine Nerven wecken. Hastendes Treiben, lärmendes Feilschen und tiefer Straßenschlaf: beides echter Orient.
Doch die Weihnachten finde ich auch hier nicht! Gegen abend fahre ich durch die Fuadstraße über Giza zu den Pyramiden hinaus. Der lächerliche Betrieb mit den geschmückten Kamelen, den galoppierenden Mauleseln, den Baedecker-Vorlesungen und dem endlosen Bettel ist verebbt. Im märchenschonen Park des Mena-House sitzen, Rücken den Pyramiden zugekehrt,'feine Reisende, schreiben Kartengrüße und dreschen hartem
Ungehindert überwinde ich den Steilabfall der Wüste und gelange zur gewaltige^ Cheops. Ein Wachmann an der Nordostecke des Plateaus bittet um Feuer. Sonst ist niemand zu sehen. Zauberstimmung. Auf den Steinfließen tänzelt das Mondlicht. Von der Spitze der Riesin träufelt und rinnt es herab, springt über die hohen Stufen, schafft einen leuchtenden Berg, der gegen die Wüste hin pechschwarzen Schatten wirst.
Hier, im Schutz des Schlagschattens beginne ich den Aufstieg. Er ist höchst ermütend. Stufe um Stufe muß überwunden werden, ehe der 137 Meter hohe „Gipfel" erreicht ist. Schweißgebadet lange ich oben an. Ein empfindlich kalter Wüstenwind bringt unerwünscht rasche Abkühlung.
Vollmond auf der Cheops am Heiligen Abend! Schönste Träume gehen in Erfüllung. Endlos scheint im Westen, Nordwesten und Süden die Wüste hinzuziehen. Neben mir steht die 136 Meter hohe Chephren-Pyramide, neben dieser die des Men- kewre. Kleine Stufenpyramiden nehmen sich wie Zwerge aus. Gespenstische Schatten liegen in den Königsfnedhöfen und Totentempeln. Unergründlich, ewig blickt die wieder freigelegte Sphinx gegen den ewigen Strom. Ein dunkler Riesenstreifen, das Fruchtland. In feinem Lichtdunst das ferne Mokat- tam-Gebirge. Mehr zu ahnen als zu sehen die Stadt der Moscheen und Minarette, die Königin Muha- med Ali ...
So war mein Weihnachtsfest. Als ich am Mena- House vorbeiging, war der Park verlassen, doch brinnen, da waren die Paare in Luxuskleidern zum Tanz angetreten und feierten, ohne Pyramiden, auf ihre Weise. s


