Nr. 170 Drittes Blatt
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
25./24.3um938
Aus der Giadt Gießen
nützen?
müssen. *
Der nahegelegene Alte Friedhof ist geeignet, j über das Verschwinden jener Bäume leichter hinwegsehen zu lassen. Was die Stadtverwaltung unserer Bevölkerung hier für die Ausspannung von der'Last des Alltags bietet, ist in hohem Maße dankenswert. Der Alte Friedhof, der hinsichtlich der Pflege früher mancherlei zu wünschen übrig ließ, ist jetzt dank der sorgsamen und verständnisvollen Betreuung ein An- lagen-Schmuckstück von besonderem Reiz geworden. Saubere Wege, schön gepflegte Grabstätten, gut gehaltene Rasenflächen der nicht mehr belegten Teile, geschickt durchgearbeitete Bestände an Büschen und Bäumen, gründlich ausgemerzte' Abfallstellen und Dürrholzhaufen, Neuanpflanzungen von niederem Gebüsch und von Bäumen, alles das hat das Bild dieser geradezu als Park anzusprechenden Grünanlage in vorteilhaftester Weise zum Schönen verändert. Wer für seine Erholung einen idyllischen Platz aufsuchen will, der lenke seine Schritte zum Alten Friedhof. Namentlich werden auch ältere Leute, die Wert darauf legen, ihre Spaziergänge auf schönen Wegen inmitten einer herrlichen Umgebung zu machen, an dieser Stätte ihre Erwartungen voll erfüllt sehen. Zu der unmittelbaren schönen Umgebung kann der Besucher des Alten Friedhofes von dort aus noch reizvolle Ausblicke auf die herrliche Landschaft rings um Gießen genießen. Kurzum: Hier besitzt unsere Stadt einen Park, wie man ihn in vielen Städten von der Größe Gießens nicht antreffen wird.
Auf der Anhöhe am Nordrande her Stadt bildet der Neue Friedhof ebenfalls eine Zierde unserer städtischen Anlagen. Auch dort kann der Besucher die befriedigende Wahrnehmung machen, daß in pietätvoller Weise und mit gutem gartenbaulichen Geschmack die Pflege dieser letzten Ruhestätte durchgeführt und dabei angestrebt wird, der Anlage in allen Teilen schon von Grund auf einen parkartigen Charakter zu geben. Ein besonderes Schmuckstück inmitten dieser Stätte ist der Helden- Friedhof. Vielerorts kann man gerade bei derartigen Ruhestätten unangenehme Uebertreibungen bemerken, die das aesunde Volksempfinden mit Recht ablehnt. Unser Gießener Helden-Friedhof dagegen entspricht in würdiger und schöner Weise dem hohen Sinn, der einer solchen Anlage zu eigen sein soll, und er wird daher auch den Erfordernissen der guten gartenkünstlerischen Gestaltung in vollem Maße gerecht. Eine schöne Bereicherung hat er vor einigen Monaten durch das von der Arbeitsgemeinschaft Gießener Soldaten-Kameradschaften mit Zustimmung der Stadtverwaltung errichtete schlichte Ehrenmal in Gestalt eines Findlings-Steins mit soldatisch einfacher Inschrift gefunden. Es ist denn auch am Platze, daß die Besucher des Friedhofes ihre Schritte immer wieder gern über diesen schö- ; nen Teil lenken, um sich dort an der Würde und der Schönheit dieser Gedenkstätte zu erbauen, ebenso wie sie auf den anderen Teilen des schönen : Friedhofes neue seelische Kraft und innere Stärke
in den verschiedenen Anlagenteilen innerhalb des Stadtgebietes 130 Ruhebänke zur Benutzung der Spaziergänger bereit. Diese Erweiterung der Ruhemöglichkeiten ist zu begrüßen. Man darf aber auch dem dringenden Wunsche Ausdruck geben, daß diese Bänke von übermütigen Menschen doch ungeschoren bleiben möchten. Zur Lustbarkeit in Radaustimmung hat die Stadtverwaltung die Bäüke wirklich nicht geschaffen, sondern sie sollen guten Dienst für die Allgemeinheit tun. Bier- oder weinseli^e Heimkehrer, durchweg immer nur Menschen tn reichlich jungen Jahren, mögen trotz allem Schwung ihrer frohen Zecherstimmung künftighin an diesen Bänken vorbeigehen! Nebenbei sei darauf hingewiesen, daß Unfugstifter dieser Art in Zukunft nicht nur mit Strafen, sondern auch mit der Anprangerung ihrer Namen'in der Oeffentlichkeit zu rechnen haben. Also künftighin: Bänke in Ruhe!
ten teilnehmen. Am gleichen Tag kommen-alle Jungmädelgruppenführerinnen zu einer Arbeitstagung um 16 Uhr auf die Dienststelle des Untergaues. Das noch nicht eingegangene Fahrtengeld muß mitgebracht werden.
BDM.-Llntergau 116 Gießen.
Am Mittwoch, 27. Juli, 17.30 Uhr, treffen sich alle Teilnehmerinnen an den Großfahrten des BDM. im Moeserheim. Das Fahrtengeld muß eben- falls mitgebracht werden.
HZ. dankt und ehrt die Stadt Gießen und Oberbürgermeister Witter.
Der Jugendführer des Deutschen Reiches, Baldur von Schirach, hat eine Heim-Plakette gestiftet, die denjenigen Persönlichkeiten der Partei' und des Staates verliehen wird, die sich um die Heimbeschaffungsaktion der HI. verdient gemocht und das Heimbauprogramm der Reichsjugendführung besonders tatkräftig unterstützt haben. Diese Plakette wurde nunmehr auch dem Oberbürgermeister unserer Stadt durch den Bannführer des Bannes 116 der HI., Rohrbach, im Auftrag der Reichsjugendführung überreicht. Die Plakette wurde Oberbürgermeister Ritter als besondere Anerkennung für die Durchführung des Wettbewerbs zur Erlangung eines Entwurfes für die Schaffung eines HI.-Heimes in Gießen übermittelt. Dieser Wettbewerb hat der Hitler-Jugend so viel wertvolles Material an die Hand gegeben, daß sich die Reichsjugendführung veranlaßt fühlte, den Dank dafür in dieser würdigen Form abzustatten. Oberbürgermeister Ritter nahm diese Ehrung an, ließ aber wissen.
Zu dem schönen Grünschmuck unserer Stadt ist besonders im Verlaufe der letzten Jahre eine weitgehende und moderne Ausgestaltung der Straßen hinzugekommen, bei der die Reste der alten Pflasterung verschwunden sind und durch Asphaltierung ersetzt wurden. Auch die Straßenreinigung ist gegen früher erheblich besser gewor* den, so daß wir uns beim Anblick der schönen Straßen mit gutem Grund freuen können. Denken wir in diesem Zusammenhang noch an die Beseitigung so mancher alter, das Straßenbild nur verschandelnder „Krachenburgen", wie etwa neuerdings im Rahmen der Altstadtsanierung I am Linden- und Kirchenplatz, und an den dafür bis jetzt bereits geschaffenen Ersatz durch Besseres, so können wir mich- nach dieser Richtung hin und zugleich abschließend mit Recht vermerken, daß Gießen in den letzten Jahren wirklich schöner geworden ist. B.
— Kreis 8, Gießen: 16.30 Uhr, Waldsportplatz: Fuß- ball-Auswahlspiel: Stadtelf — Kreiself.
Hitler-Jugend Bann 116.
Bett.: Arbeitsbesprechung am INonlag, 25. Juli.
Am kommenden Montag, 25. Juli, findet auf der Dienststelle des Bannes 116, Bahnhofstraße 92, eine Arbeitsbesprechung aller Stammführer, Gefolgschaftsführer und Führer der Sondereinheiten des Kreises Gießen statt. Beginn: 20.30 Uhr.
ZM.-llntergau 116 Gießen.
Am 27. Juli findet um 15 Uhr auf der Dienst- stelle des Untergaues eine Besprechung aller Jung- mädelführerinnen statt, die an einer der Großfahr-
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Schöne Stadt Gießen.
„Gießen ist schön geworde n." Diese Worte hörten wir vor einigen Tagen aus dem Munde eines Mannes, der seine Jugend zum größ- len Teile in Gießen verlebt hat, dann durch seinen Beruf nach auswärts geführt wurde, viel in Deutschland herumkam, dabei mancherlei städtebauliche Schönheiten kennenlernte und nun wieder einmal rür einige Tage Einkehr in unsere Stadt hielt. Wir Gießener, die täglich Augenzeugen des Aufbaues urtb Wandels in unserer Stadt find, haben vielleicht nicht immer unsere Augen so aufnahmefreudig als tüe Menschen, die nach einer längeren Zeitspanne wieder durch unsere Straßen wandeln. Und wenn trnbei eine Feststellung geäußert wird, wie die an ber Spitze dieser Betrachtung zitierte, so dürfen wir „Hiesige" auf eine derartige Anerkennung eines „Hergelaufenen" mit Recht stolz fein. Damit finden bie Opfer unserer Bevölkerung und die strebens- ttohe Tatkraft unserer Stadtverwaltung wohlver- biente Anerkennung. Lenken wir darum heute einmal unseren Blick auf die wichtigsten Kennzeichen bes erfreulichen Wandels in 'unferm Stadtbild.
Vornotizen
Tageskalender für Samstag.
Gloria-Palast (Seltersweg): „Mordsache Holm".
Tageskatender für Sonntag.
Gloria-Palast (Seltersweg): „Mordfache Holm".
das Salz in der Suppe vergessen hat. Der Sommerschlußverkauf währt nur kurze Zeit, und welche Hausfrau möchte diese Zeit nicht nach Kräften H. W. Sch.
daß auch dort im Verlaufe der letzten Jahre die i| Anlagengestaltung wesentlich besser geworden ist, als es in früheren Jahren der Fall war. Wenn ii" hier die Grünflächen nochmals einer gründlichen
Durcharbeitung unterzogen werden, damit manche Unkraut- und Geilstellen im jetzigen Graswuchs ; verschwinden, außerdem der Blumenflor eine weitere > Bereicherung erfährt, so darf man für die Zukunft auch wohl dort das gleiche schöne Anlagenbild er- tmarten, wie wir es jetzt an anderen Teilen unseres 1 Llnlagenringes besitzen. Ein erfreuliches Bild bietet
ferner die Anlagenfläche des Horst-Weffel- Walls am Fuße des Bahnkörpers. Wer sich rück- jjschauend des trostlosen Bildes erinnert, das vor Ltlichen Jahren noch an dieser Stelle zu sehen war iintb das nicht mit Unrecht als ein Schandfleck für imfer Stadtbild empfunden wurde, der wird mit [Genugtuung auch heute noch die grundlegende Umgestaltung der früheren Westanlage dankbar anerkennen. Mit Befriedigung sei in.diesem Zusarymen- . hange wieder vermerkt, Jbafj die Stadtverwaltung
am Lahnufer, in der Nähe der Badeanstalten, ein schönes Ruheplätzchen geschaffen hat. Von den Llnlagestücken inmitten der Stadt bereiten vor allem auch die Flächen vor der Universität und [feit diesem Sommer die Fläche am Ludwigs- Platz dem Beschauer aufrichtige Freude. Mit der geschmackvollen gartenbaukünstlerischen Herrichtung Dieser beiden Stücke hat die Stadtverwaltung unse- urer Bevölkerung und den Besuchern unserer Stadt
Grünanlagen sind die Lungen der S t c^d t. Wir Gießener können die erfreuliche Tat- Ichche verzeichnen, daß die Lungen unserer Stadt wirklich großes Format haben. Schon die „V i - siten karte" am Bahnh,o f zeigt dem Bescher, daß die Gartenbaukunst durch unsere Stadtverwaltung in Verständnis- und liebevoller Weise mit gutem Geschmack der fachmännischen Betreuer gepflegt wird. Welche wunderbaren Gartenbilder kann man bei einem besinnlichen Rundgang durch unsere Anlagen in sich aufnehmen! Der Blick am Hindenburgwall von der Johanneskirche her über die kleine Geländefalte hinweg zum Stadttheater ist immer wieder eine Freude. Bereichert wird dieser schöne Gewinn sogleich, wenn man 'eine Schritte ein wenig weiter lenkt und inmitten der herrlichen Blumenpracht und der schönen Grün- ' f-lächengestaltung vor dem Stadttheater steht; hier wird dem naturliebenden Beschauer in der Tat das Fortgehen schwer. Das Auge findet weiterhin in pen Anlagen am Hitlerw all, insbesondere in der Nähe des Liebig-Denkmals und des neuherge- j richteten Goldfischteiches, noch manche schöne Stellen, | benn auch dieser Teil unserer städtischen Grünflächen Zehört von jeher mit zu den angenehmsten Plätzen n der Innenstadt. Die Anlagen am W e r n e r- wall können noch nicht ganz das gleiche Bild der Schönheit wie der Hitler- und Hindenburgwall bieten, aber es ist mit Befriedigung zu vermerken,
Sommerschlußverkauf.
Geschäftsleute sind rührige und vorausschauende Männer. Während wir anderen uns noch an den Freuden des Sommers ergötzen und nur den einen Wunsch haben, daß diese Freuden sich mehr als bisher zeigen, ist den Geschäftsleuten die Vergänglichkeit dieser schönen Jahreszeit bereits zu einer kaufmännisch wägbaren Sache geworden. Sie sind im Stillen eifrig tätig gewesen, haben in ihren Verkaufsabteilungen Umschau gehalten und überraschen uns mit ihrem Sommerschlußverkauf.
Männer haben diesem Vorgang gegenüber oft die Empfindung der stillen Resignation. Nicht so sehr der plötzlich prächtig entfachten Kauflust ihrer Gattinen wegen (diese Kauflust wissen sie durchaus zu schätzen, nicht wahr?) als vielmehr der Tatsache wegen, daß nun bald die Tage des Sommers gezählt sein werden. Die Frauen hingegen bleiben von einer solchen Empfindsamkeit gegenüber dem jahreszeitlichen Geschehen im Augenblick völlig unberührt. Auf sie wirkt die Ankündigung des Sommerschlußverkaufes im Gegenteil anfeuernd. Wer erleben will, was weibliche Aktivität heißt, der kann in dieser Hinsicht bei den Verkäufen bemerkenswerte Studien treiben.
Ist es ein Wunder? Kann man es einer Frau verdenken, wenn sie bestrebt ist, die günstige Gelegenheit wahrzunehmen, um wieder etwas mehr rinzukaufen, als es gewöhnlich der Fall ist? Bei dem alltäglichen Einkauf handelt es sich um eine bestimmte Sache, die von vornherein eindeutig festgelegt ist. Ganz anders verhält es sich mit einem Schlußverkauf. Er reizt die Phantasie schon einige Tage vorher, er entfacht die Schaulust und er eröffnet Möglichkeiten, deren Grenzen zunächst nicht abzustecken sind. Das nämlich ist es, was ihm feinen Zauber für die Frauenherzen verleiht. Längst gehegte Pläüe tauchen aus dem Unterbewußtsein wieder auf, und angesichts der dicht belegten Verkaufstische werden Wünsche wachgerufen, deren Befriedigung durchaus nicht unwahrscheinlich ist.
Es ist ein interessantes Stück Psychologie, das diesen Verkäufen zugrundeliegt, ein Stück Psychologie, das der rollenden Aufgabe des Geldes sehr zustatten kommt. Und um dieser wirtschaftlichen Bedeutung wegen sollten auch die Männer für die Erscheinung des Sommerschlußverkaufes volles Verständnis aufbringen, selbst wenn das Mittagessen in diesen Tagen auch einmal etwas länger auf sich warten läßt, ober wenn die teure Gattin wirklich
eine besondere Augenweide geschenkt. Daß nun in diesen Tagen der Grünschmuck in der Kaiserallee zwischen Ludwigsplatz und Moltkestraße durch die Beseitigung der hohen Bäume eine gewisse Minderung erfährt, mag manchem gewiß bedauerlich sein. Allein die zwangsläufigen Erfordernisse des an dieser Stelle gewaltig angewachsenen Fährverkehrs machen diese Maßnahme zur unausweichlichen Notwendigkeit, der wir uns wohl oder übel fügen
gewinnen können.
Mit Anerkennung sei hier ferner der Anlagen an der Schlageter-Allee mit dem Eichgartenteich, dem Skagerrak-Denkmal und dem Spaziergängerweg durch Gärten und Wiesen nach dem Philosophenwald zu gedacht.
Zu Anlagen gehören natürlich auch Ruhebänke. Wie die Stadtverwaltung sich die sorgsame Pflege der Blumen- und Grünanlagen bisher stets besonders angelegen sein ließ, so hat sie auch ihre stete Aufmerksamkeit in anerkennenswerter Weise 'der Vermehrung der Ruhebänke zugewandt. Im Sommer 1933 waren als städtischer Besitz 70 Bänke in den Anlagen ausgestellt. Heute dagegen stehen
Das Zitat.
Don Ernst Zacharias.
Tante Emma war im Grunde ein harmloses Ge- müt; aber sie hatte eine verdammte Eigenschaft: sie girierte! Wo sie ging und stand, sagte sie Zitate. Bie zitierte nicht wörtlich, wie man eigentlich soll, mein, sie änderte nach Belieben und fand das sehr launisch.
„Sei mir gegrüßt, du Berg mit dem rötlich sstrahlenden Gipfel", rief sie mir entgegen. Alles llachte, denn ich habe eine etwas rötliche Nase. ^Natürlich lachten sie, denn so ist der Mensch. Auch ich lachte ja, wenn Emmas Zitat einen andern traf.
Beim Abendbrot sand ich den Senf nicht.
„Warum in die Ferne schweifen, wo das Gute Iliegt so nah, lerne nur den Senf ergreifen, denn Her Senf ist immer da."
Wieder lachten die blöden Leute, und ich bekam leinen roten Kopf.
Der geneigte Leser und ich sind uns völlig einig, Daß Tante Emma gar nicht schuld war. Ich war Der Schuldige; ich ganz allein. Warum kriegte ich seinen roten Kopf? Warum ärgerte ich mich? War- nim bekam ich Minderwertigkeitsgefühle? Hatte ich 5n „Deutsch" nicht immer eine Zwei gehabt? Hatte iich nicht seinerzeit die Glocke auswendig gelernt wie einer?
Aus! Einfach aus! Wenn Tante Emma zitierte mnb die blöden Leute lachten, war alles weg. Schiller, Goethe, Busch, alles ratzekahl weg!
Wütend ging ich zu Bett........
Am andern Morgen kam ich in die Frühstücks- iftube herunter. Tante Emma war schon da.
„Erheb' dich von der Erde, du Schläfer, aus der Ruhe" schändete sie den armen Schenkendorf.
Aber jetzt geschah ein Wunder! ein wirkliches • Wunder! Irgend etwas platzte in mir. War's oben im Kopfe oder unten im Herzen? War's einer von ■ ti)en eisernen Ringen des armen Heinrich? Jedenfalls wurde es hell und klar in mir. Ohne jede Befangenheit' und Spannung kam es von meinen Wippen:
„Schon wiehert mir die Tante den guten Morgen Zu!"
Ein wieherndes Gelächter war die Folge. Die Sippe war gar nicht so blöde wie ich dachte.
Tante Emma" blieb stumm, aber mit offenem Munde.
Ich war aber in einem herrlichen Feuer. Der sselige Chamisso trat mir nun in die Seite.
„Nun hab' ich dir den ersten Schmerz getan, der
aber traf!" verstümmelte ich den Dichter. Er verzieh sofort. Noch immer schwieg die Tante.
„Wie kommt's, daß du so traurig bist, da alles froh erscheint?" half mir lächelnd Geheimrat Goethe.
Jetzt ergriff ich die Kuchenschüssel, die meistens ihren Platz vor Tante Emma hatte, mit den Worten:
„Greist nur hinein ins volle Menschenleben, und wo ihr's packt, da ist's interessant!"
Nun erst erwachte sie aus ihrer Erstarrung und machte eine abwehrende, aber hilflose Bewegung. Ich aber nahm das schönste Stück vom Teller und zitierte:
„Nur die Lumpen sind bescheiden. Brave freuen sich der Tat!"
Die Schüssel ging in die Runde. Alles freute sich über meinen Sieg.
Die arme Tante war völlig in die Verteidigungslinie gedrückt. Und sie verteidigte sich schlecht. Sie tat das Dümmste, was sie tun konnte: sie ärgerte sich, sie schmollte. Das hatte ich gestern auch getan.
Ich konnte es nicht mehr lassen:
„Mußt ja nicht traurig fein, mußt ja nicht meinen!" flötete ich über den Tisch hinüber.
Wieder lachte die Sippe. Es war gemein vor mir. Das Schlug denn auch dem Faß den Boden aus.
Wütend erhob sie sich, ging aus der Stube, und krachend fiel die Tür ins Schloß.
„Was hat die Tante noch zuletzt gejagt?" fragte ich die kleine Nichte.
„Ich verstand: Götz von Berlichingen", erwiderte sie harmlos.
Ungeheures Gelächter! Ich gönnte der guten Xante Emma diesen Erfolg in ihrer Abwesenheit; denn es war ihr letztes Zitat gewesen.---
Was wir dem Zufall verdanken.
Es gibt eine ganze Reihe von Fällen, wo durch einen glücklichen Zufall ein Versehen zu einer wichtigen oder nützlichen Entdeckung führte. In einer Papiermühle verdarb ein Arbeiter eine Bütte mit Brei. Er versuchte alles mögliche, aber die Masse wollte sich nicht setzen. Seine Arbeitgeber gaben einer Nachlässigkeit von ihm die Schuld und er wurde entlassen, während die verdorbene Masse in irgendeinen Winkel gegossen wurde. Dort wurde zufällig bemerkt, daß sie merkwürdig saugfahig war. Man trocknete sie, und das Löschpapier war erfunden. Ein mechanischer Fehler an einem Web- stuhl ließ die Fäden eines Baumwollstoffes sich verwirren und verfilzen. Das fehlerhafte Gewebe
wurde als Abfall beiseite geworfen. Einem Weber, der sich zufällig daran die Hände abtrocfnete, fiel feine Weichheit und angenehme Saugfähigkeit auf. Er versuchte, Gewebe dieser Art absichtlich herzustellen. Die Händler zeigten Interesse dafür und durch sie die Allgemeinheit. Sv kam das Badetuch in Gebrauch.
Im Jahre 1863 hatte ein junger Weißbinder namens Frederick Walton ein paar Fenster fertig angestrichen und machte Feierabend, wobei er vergaß, auf seinen Farbtopf den Deckel zu stülpen. Am nächsten Tage fand er, daß die gewöhnliche zähe Haut sich an der Oberfläche der Farbe gebildet hatte. Er ärgerte sich über feine Nachlässigkeit, den Topf offen zu lassen, aber plötzlich kam ihm ein Gedanke. Er preßte die Farbenschicht in einen Ueberzug aus grober Sackleinwand, und sie erwies sich als hart und dauerhaft. Es war das erste, noch rohe, Linoleum. Den rostfreien Stahl verdanken wir einem Zufall, der vor rund zwanzig Jahren passierte. Während des Krieges machte ein Metallfabrikant aus Sheffield namens Harry Brearley Proben mit verschiedenen Metallegierungen für die besten Gewehrläufe. Eine Legierung enthielt einen besonders hphen Zusatz von Chrom. Sie hatte nicht den nötigen Härtegrad und wurde mit den anderen Abfällen fortgeworfen. Nach etwa 14’ Tagen bemerkte ein Gehilfe zufällig, daß der Chromstahl nicht rostig geworden war wie die anderen. Es wurde eine Messerklinge daraus gemacht und diese vier Wochen lang jedem Wetter ausgesetzt, ohne daß sie den geringsten Rostflecken zeigte. Seitdem hat rostfreier Stahl das ganze Messerschmiedegewerbe revolutioniert.
Im Jahre 1824 entdeckte Joseph Aspdin, ein Maurer aus Leeds, zufällig, daß eine Mischung aus Ton und Kalkstein, die zu einem hohen Grade erhitzt und dann zerrieben wurde, einen viel besseren Zement ergab, als man bis dahin gekannt hatte. Auf diese Weise wurde der Portlandzement erfunden, dessen Verwendung im Häuser-, Brücken- und Straßenbau fast unübersehbar ist. Eine der überraschendsten Erfindungen der Neuzeit gelang dem französischen» Forscher Dr. Eduard Benedictus, als er Flaschen in seinem Laboratorium reinigte. Eine Flasche ließ er dabei zu Boden fallen, sie klirrte, aber zu seinem Erstaunen blieb das Glas heil. Da entsann er sich, daß er vor mehreren Jahren in dieser Flasche eine Mischung von verschiedenen Chemikalien aufbewahrt hatte. Sie waren verdunstet, hatten aber innen am Glas eine zähe durchsichtige Schicht zurückgelassen. Er stellte die Mischung genau . sc, wieder her und besaß damit das erste unzerbrechliche Glas.
Anekdote um die Anekdote ...
Eine bezeichnende Anekdote über das Wesen der Anekdote, die ja nicht auf historischer Wahrheit beruhen braucht, sondern nur durch ein Schlaglicht charakterisieren soll, erzählt ein englischer Satiriker.
„Die Anekdote kann wandelbar sein", sagt er, „sie kann auf verschiedene Menschen umgeformt werden. Es gibt da ein Beispiel.
Man erzählt von Schiller, der ja bekanntlich seine morgendlichen Reitstunden im vollen Galopp durchführte, daß er einmal die Herrschaft über sein Pferd verlor, das querfeldein mit ihm durchging. Dabei rasten sie an einem Bekannten des Dichters vorüber, der ausrief: Manu, wohin denn so schnell?' Heber die Schulter gewendet rief Schiller zurück: »Frag's Pferd, nicht mich!'
Auch von Navoleon weiß man eine Anekdote ähnlicher Art. »Wohin, Sire?', rief dem Kaiser ein Kammerherr nach- als Napoleon auf durchgehendem Pferd an ihm vorbeistürmte. »Zum nächsten Sieg!', antwortete der Kaiser.
Zum dritten Male wird die gleiche Anekdote ab» gewandelt, wenn sie vom einem bekannten Bischof zu Canterbury erzählt wird. Dieser soll als junger Hilfsgeistlicher ein leidenschaftlicher Reiter gewesen sein, sehr zum Verdruß des Patrons, eines kenti- schen Baronets. Als dieser eines Morgens feinen jungen Geistlichen auf durchgehendem Pferde an llch vorbeijagen sah, schrie er ihn an: »Reitet Sie der Teufel, Herr?!' Worauf der junge Mann zurückbrüllte: »Nein, ich ihn!'" Esch.
Zeitschriften.
— Dem Gesicht des deutschen Sports ist das neueste Heft der „I l l u st r i r t e n Zeitung Leipzig" gewidmet. „Das Gesicht des deutschen Sports" betitelt sich ein Aufiatz, dem 28 hervorragende Aufnahmen beigegeben sind. Teilweise stammen die Bilder aus dem unveröffentlichten Material des Olympiafilms; sie führen uns die bekanntesten deutschen Meister vor, deren Alter, Beruf und sportliche Entwicklung stichwortartig in den Bildunterschriften festgehalten sind. Aus dem weiteren Inhalt nennen wir „Fahrt durch den Fläming", „Arbeitsmaiden im Bauernlager", „Schatzkammer des Handwerks". Aufschlußreich sind die Ausführungen Dr. Walther Pahls „Nach einem Jahr Krieg in China" mit einer Karte und 13 Illustrationen.


