NSG. ..Kraft durch Areude". kreis Gießen. Theatervorstellung.
Am Samstag, dem 26.3.1938:
..Clivia."
Operette von Nico Dostal.
Karten zu 1,— RM. in der Verkaufsstelle Seltersweg. 18620
BDM.-u.ZM.-llntergau 116, Gießen.
Vetr.: Sani-Kursus für das LeisiuNgsabzeichen.
Alle Mädel, die in diesem Jahr das Leistungs- abzeichen machen wollen, sind am Freitag, 25. März, um 20.15 Uhr pünktlich auf ber. Dienststelle des Untergaues zum Sani-Kursus.
Betr.: Dienste durch die Untergauführeriu oder ihre Mitarbeiterinnen in dieser Woche.
*23. März: Der Dienst im Standort Lich fällt wegen Maul- und Klauenseuche aus.
24. März: Gruppenappell in Lollar, M.-G. 5/116. Gruppenappell in M.-Gr. 1/116, Gießen-Süd.
25. März: Dienst in Burkhardsfelden (Abnahme des Singewettstreits). Appell in Steinbach.
27. März: Sportwartinnenschulung, antreten um 8 Uhr an der Dienststelle des Untergaues.
27. März: Tanzveranstaltung „Tänze der Nationen" mit Irmgard Zenner vom Staüttheater Gießen. Antreten der Gruppen um 9 Uhr am „Gloria- Palast". Beginn um 9.30 Uhr. Eintritt 0,25 Mk. Karten bei jeder Gruppenführerin erhältlich.
Jahrgänge 1918 und 1919 zur Wehrstammrolle melden!
Der Leiter der Polizeidirektion Gießen bringt heute eine Bekanntmachung über die Anmeldung der Geburtsjahrgänge 1918 und 1919 zur Wehrstammrolle zur öffentlichen Kenntnis. Die Wehrpflichtigen dieser Jahrgänge müssen sich, entsprechend den Vorschriften der Bekanntmachung, bei der Polizeidirektion Gießen anmelden. Alles nähere enthält die Bekanntmachung, auf die wir alle Meldepflichtigen besonders Hinweisen.
Furchtbares Verkehrsunglück im Gchiffenberger Weg.
Heute morgen gegen 9 Uhr ereignete sich im Schisfenberger Weg ein schweres Verkehrsunglück. Der Oberarzt der Chirurgischen Klinik, Dr. T i m p e, war mit einer Dame in seinem BMW.-Personenkraft- wagen unterwegs in der Richtung vom Schiffenberg nach der Stadt zu. Anscheinend geriet dabei der Wagen in die Gefahr, gegen die Bäume an der rechten Straßenseite zu stoßen. Dr. Timpe vermochte zwar den Wagen in der Kurve noch in der Gewalt zu behalten, fuhr dann aber kurz vor dem Abzweig der Straße nach Watzenborn-Steinberg auf der l i n k e n Straßenseite gegen einen Baum. Bei dem Anprall wurde der Wagen schwer beschädigt. Außerdem geriet der Benzintank in Flammen. Eine hohe Stichflamme schoß aus dem Wagen und verbrannte die Baumrinde bis zu einer Höhe von sechs Meter. Sekunden später stand der ganze Wagen in Flammen. Der Kraftwagenlenker und seine Begleiterin vermochten sich unglücklicherweise, da die Türen anscheinend durch den Zusammenstoß mit dem Baum verklemmt waren, nicht aus dem brennenden Wagen zu befreien. Glücklicherweise arbeiteten in unmittelbarer Nähe der Unfallstelle einige Straßenarbeiter, die ungeachtet der Gefahr, in die sie sich selbst begaben, die Türen aufwuchteten und die Verunglückten aus dem Wagen befreiten. Dr. Timpe hatte schwere Brandwunden erlitten, seine Begleiterin schien leichter verletzt zu sein. Beide Verunglückte mußten sofort durch die Sanitätskolonne zur Behandlung in die Klinik eingeliefert werden. Inzwischen war auch die Feuerwehr alarmiert worden, die das Feuer löschte. Der Wagen ist den Flammen völlig zum Opfer gefallen.
ÄngmädelsührenmenerWenalleAnfordemngen
NSG. Der BDM. steht in diesen Tagen wieder vor der Aufnahme der 10jährigen Mädel in den Jungmädelbund. Tausende von neuen Mädeln in den kommenden Monaten zu organisieren und auszurichten, d. h. gleichzeitig Hunderte von Führerinnen für die Ausrichtung und Betreuung verantwortlich zu machen. Besorgt und fragend sehen in diesen Wochen die Eltern auf die Führerinnenschaft des BDM., die den jüngsten Nachwuchs der großen Organisation übernehmen soll. Daß die Führerinnen den ihnen gestellten Aufgaben in der nationalsozialistischen Erziehung der Jungmädel gewachsen sind und in sie das volle Vertrauen gesetzt werden kann, dafür gibt der Ausbildungsgang der Jungmädelführerin beste Gewähr.
Vier Jahre steht das Mädel im Jungmädelbund. Während dieser Zeit stellt sich heraus, wer über dem Durchschnitt steht und haltungs- wie anlagemäßig zur Führerin geeignet erscheint. Diese Mädel werden in besonderen Einheiten, den „Führerinnen- anwärterschaften", zur sorgfältigen Ausbildung er- faßt.
Bereits im Sommerhalbjahr beginnt der BDM. mit einer sportlichen Auslese, deren Ziel das BDM.- Leistungsabzeichen ist. Das Mädel soll selbständig einen ordentlichen Sportnachmittag ausarbeiten und durchführen können. Der zweite Schulungsfaktor ist die Fahrt, die bereits größere Anforderungen an die Anwärterinnen stellt. Im Winterhalbjahr fetzt
eine planmäßige Schulung ein, die den Mädeln vor allem die weltanschaulichen Grundlagen des Nationalsozialismus: das Werden der Bewegung, das Parteiprogramm und seine Erfüllung in den Gesetzen des nationalsozialistischen Staates nahebringt. Daneben wird die Anwärterin mit allen Fragen der praktischen Jungmädelarbeit vertraut gemacht, die im wesentlichen aus dem Lied, Spiel und der Werkarbeit besteht. Am Schluß dieser Schulung muß das Mädel in der Lage sein, einen Heimnachmittag selbst durchzuführen.
Mädel, die sich während dieser vielseitigen Schu- luna in der Anwärterinnenschaft bewährt haben, werden untergauweise in mehrtägigen Schulungslagern zusammengefaßt. Landuntergaue verteilen diese Schulung auf zwei Wochenendlehrgänge. Die nochmals geprüften und gesichteten Mädel, die bereits alle Voraussetzungen zur Führerin mitbringen müssen, kommen alljährlich in das große Führerinnenlager des Obergaues auf die Wegscheide. Das Lager der tausend Kameradinnen, das auf dem Erlebnis aufgebaut ist, wird der künftigen Führerin die letzte innere und äußere Verpflichtung bringen. Das Lager wird in diesem Jahr vom 4. bis 9. April durchgeführt und zum 20. April, dem Tag der Aufnahme der Zehnjährigen, die Führerinnen stellen, die charakterlich, gesundheitlich und leistungsmäßig allen Anforderungen entsprechen.
lastzuaes In Langsdorf verkehrhindernd und miBe- leuchtet in den Abendstunden aufgestellt. Er selbst fuhr mit seinem Fernlastwagen geschäftlich wettzx. Wohl hatte der Angeklagte vor seinem Welterfahren den vorderen Anhänger mft einer roten Sturm- laterne beleuchtet, die Lampe war aber bald wieder verlöscht Der Einspruch wurde als unbegründet Der- morsen; die Geldstrafe des Strafbefehls blieb be- stehen.
80 österreichische Kinder
für den Kreis Wetterau.
Am 30. März werden aus Oesterreich 80 Kinder zum Erholungsaufenthalt im Kreise Wetterau eintreffen. Die NSD.-Kreisamtsleitung Gießen ist zur Zeit mit der Bereitstellung von Pflegestellen für die kleinen Feriengäste beschäftigt. Man darf sicher fern, daß den Kleinen überall ein herzlicher Empfang und ein liebevoller Aufenthalt bereitet wird. Wer einen solchen kleinen Feriengast aufnehmen will, mag sich sofort bei dem Ortsgruppenwalter der NSV. melden.
Keine Mietunterstützungen
aus Sondersteuermitteln.
Der Oberbürgermeister (Wohlfahrtsamt) bringt heute eine Bekanntmachung über den Fortfall der Mietunterstützungen aus Sondersteuermitteln zur öffentlichen Kenntnis. Die Bekanntmachung, die für die interessierten Hausbesitzer und Mieter von großer Wichtigkeit ist, sei dringend zur sorgsamen Beachtung empfohlen.
Aus den Gießener Gerichtssälen.
SezirMöffengericht Wen.
Die Ehefrau H. W. aus Bingenheim hatte sich wegen Anstiftung zur schweren Urkundenfälschung in Tateinheit mit Anstiftung zum Betrug zu verantworten. Der bejahrte und unkomplizierte Zeuge R. hatte einiges Interesse für die Zeugin B., die damals auf dem gleichen Hofe beschäftigt war, erkennen lassen Als die B. in Marburg im Krankenhause weilte, stiftete die Angeklagte die Zeugin K. an, im Namen der B. an den Sch. Liebesbriefe au schreiben, in denen B. um Zusendung von Geld, Schuhen und einem Kleid bat. Auf diese Briefe hin kaufte der Sch. Kleiderstoff und beauftragte die K., aus ihm ein Kleid für die B. zu arbeiten. Dann gab er der K. noch Geld, für welches diese Schuhe für die B. kaufen sollte. Schließlich händigte er der K. noch 5 RM. aus, welche diese, da er selbst des Lesens und Schreibens unkundig ist, an die B. nach Marburg hätte schicken sollen. Die B. erhielt aber weder die Schuhe, noch das Kleid, noch die 5 RM. Ebenso wie das frühere Strafverfahren gegen die K. ergab auch die jetzige Beweisaufnahme, daß die Angeklagte H. W. die K. angestiftet hatte, die fraglichen Briefe an den Sch. zu schreiben. Die Angeklagte bestritt, sich strafbar gemacht zu haben. Das Gericht hielt sie aber durch die Beweisaufnahme für überführt und verurteilte sie zu einer Gefängnisstrafe von zwei Wochen. ‘
Große Strafkammer Gießen.
Wegen fahrlässiger Tötung hatte sich der F. H. aus Herzberg im Harz zu verantworten. Der Angeklagte fuhr am 22. September notigen Jahres mit seiner Frau und seinem Kinde in seinem Personenkraftwagen von Stuttgart nach Herzberg. An dem fraglichen Tage herrschte wechselndes, meist regnerisches Wetter. In der Nähe der stVellersburg fuhr der Angeklagte mit einer Geschwindigkeit von 60 Kilometer in einem Abstand von ungefähr 60 bis 70 Meter hinter dem Personenwagen eines Gießener Geschäftsmannes her. Der Angeklagte sah, wie sich von rechts ein Kuhfuhrwerk der Straße näherte; gleichzeitig bemerkte er, daß auf der Straße selbst, auf ihrer rechten Straßenseite fahrend, eine Frau mit einem Handwagen und hinter dieser ein Radfahrer ihm entgegenkamen. Da. der Gießener Geschäftsmann wegen des Kuhwagens, der im Begriff war, auf die Straße zu fahren, feine Geschwindigkeit herabsetzte, hatte sich der Angeklagte dessen Wagen auf ungefähr 30 Meter genähert. Der
Angeklagte bremste nun seinen Wagen ab. Auf dem nassen Kleinpflaster kam das Auto aber ins Schleudern. Die instinktiven Versuche des H., sein Fahrzeug aufzufangen, blieben erfolglos. Wie auch der Gießener Fahrer, der sich daraufhin schleunigst in Sicherheit brachte, durch seinen Rückspiegel bemerkte, schleuderte der Wagen sehr stark. Als der Wagen des Angeklagten auf die linke Straßenhälfte schoß, riß er die Witwe Brück aus Wiefeck, die gerade mit ihrem Handwagen vorbeifuhr, um und schleifte die bedauernswerte Frau mit. Weiterhin warf er den hinter der Witwe Brück einherfahrenden Radfahrer von seinem Rade in den Straßengraben und streifte schließlich noch einen Chausseebaum. Frau Brück wurde schwer verletzt unter dem Wagen des Angeklagten hervorgezogen und mit einer Schädelverletzung und, Knochenbrüchen in die Klinik eingeliefert, wo sie Ende Oktober an einer Embolie verstarb.
Nach sehr langer Verhandlung, in deren Verlauf der Angeklagte betonte, daß er alle Möglichkeiten zur Vermeidung des Unglücksfalles getroffen habe, während -ein Sachverständiger dieser Erklärung nicht beipflichten konnte, erklärte der Staatsanwalt, das Verhalten des Angeklagten zwar nicht als sehr erschwerend, und er beantragte eine Strafe von zwei Monaten Gefängnis. Das Gericht sprach den Angeklagten frei, da es ein Verschulden des Angeklagten nicht als erwiesen ansah.
Amtsgericht Gießen.
Ende November v. I. fuhr gegen die Mittagszeit der E. N. aus Gießen im Wernerwall in Richtung Hitlerwall. Trotz eines Vorfahrtszeichens durchfuhr er mit einer Geschwindigkeit von ungefähr! 40 Kilometer die Straßenkreuzung Wernerwall—Hitlerwall und Walltorstraße — Marburger Straße. Dabei brachte er den L., der aus der Walltorstraße kam, mit seinem Leichtmotorrad zu Fall. Das Motorrad wurde beschädigt, der Fahrer selbst erhielt keine wesentlichen Verletzungen. E. N. bekam einen Strafbefehl in Höhe von 30 RM. Gegen diesen legte er Einspruch ein. Da sich auch in der Beweisaufnahme zeigte, daß der Angeklagte das Vorfahrtsrecht des Motorradfahrers, der sich außerdem bereits in der Kreuzung befunden, nicht beachtet hatte, wurde der Einspruch zurückgewiesen. Es blieb bei der bereits erkannten Geldstrafe.
Gleichfalls keinen Erfolg mit feinem Einspruch hatte der W. M. aus Fulda. Er hatte im November vorigen Jahres die beiden Anhänger seines Fern-
Die Frühjahrsmesse kommt?
Dom Samstag, 26. März, bis Sonntag, 3. Aprü, findet in Gießen auf Oswaldsgarten wieder der Frühjahrsmarkt (Schaumesse) statt. An neuartigen Geschäften wird e$ auch diesmal nicht fehlen. Nach seiner unfreiwilligen Winterruhe wird jeder Schausteller bemüht sein, sein Geschäft in neuem Glanz und in bester Aufmachung dem Publikum zu zeigen. Es sind zü erwarten: Auto-Selbstfahrer, LMBoob Flottille, Russische Schaukel, Kinder-Motorrad-Karussell, Hippodrom, Raubtierschau, Marionettentheater, Looping nm Auto, Im Wunderlande Indien, Hexenschaukel und andere, außerdem Verkaufsstände aller Art mit neuen Spezialitäten. Jung und alt wird, wie immer, mit Spannung und Interesse der kommenden Messe entgegensetzen können. Für auswärtige Besucher besteht verbilligte Fahrgelegenheit (Sonntagsrückfahrkarten) im Umkreis von 75 Kilometer um Gießen, und zwar: a) an den beiden Messesonntagen mit tarifmäßiger Geltungsdauer, b) am Mittwoch, 30. März, mit Geltungsdauer vom Mittwoch, 0 Uhr, bis Donnerstag, 3 Uhr (Ende der Rückfahrt).
Entscheidungen des Bezitks- verwaltungsgerichtes Gießen.
Der Berufung der Genossenschaft für Häute- und Fettverwertung e. G. m. b. H. zu Kassel, Nebenstelle Gießen, gegen die Entscheidung des Kreisausschusses des Kreises Friedberg vom 19. November 1936 wegen Versagung der Erlaubnis zur Errichtung eines Lagers für Häute und Felle in dem Anwesen des Wilhelm Bauer in Butzbach wurde ftattaegeben.
In der Sache: Berufung des Herrn. Ostheim II. in Gettenau gegen das Urteil des Kreisausschusses des Kreises Büdingen vom 25. November 1937 wegen Entziehung des Führerscheins wurde die Verhandlung vertagt.
Die Klage des August Greulich in Freiensteinau (Kreis Lauterbach) vom 17. August 1937 wegen Entziehung des Wandergewerbrscheins für Kj. 1937 wurde als unbegründet kostenpflichtig abgewiesen.
Die Klage des Heinrich' Baumann in Gießen gegen den Bescheid des Kreisamts Gießen vom 10. Dezember 1937 wegen Versagung des Wandergewerbescheins für Kj. 1938 wurde als unbegründet kostenpflichtig abgewiesen.
Die Klage des Bezirksfürsorgeverbandes Stadt Marburg gegen den Bezirksfürsorgeverband Kreis Friedberg wegen Erstattung von Fürsorgekosten für Anna Vogt und deren Kind Helga wurde als unbegründet kostenpflichtig abgewiesen.
1 In der Sache: Klage des Max Walldorf in
Abenteuer in Paris.
Vornan von Hans Hirthammer.
Copyright by Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.
15. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)
Ruland vertrieb sich die Zeit, so gut es gehen mochte. Er wagte vorsichtige Spaziergänge von einer Ecke des Zimmers in die andere, schnüffelte in den Schränken herum und fand schließlich zu seiner angenehmen Ueberraschung ein paar Bücher, sehr gute Bücher sogar, deren Besitz er diesem merkwürdigen Mädchen gar nicht zugetraut hätte. Er nahm eines davon, setzte sich an den Bettrand und las.
Gleichwohl versäumte er nicht, die Ohren offen zu halten. Er war fest entschlossen, diesem Herrn Bargent einen nachhaltigen Denkzettes zu verabreichen, sobald es dem braven Manne vielleicht einfallen sollte, seinem Gefangenen einen Besuch abzustatten.
Aber Herr Bargent schien ihn vergessen zu haben.
Es wurde dunkel. Ruland wollte Licht machen, aber der Strom war abgeschaltet. Aergerlich, nun konnte man nicht einmal mehr lesen, die Geschichte begann langweilig zu werden.
Der Gefangene streckte sich auf dem Lager aus und überlegte zum hundertsten Male, was er unternehmen sollte, um seinen Auftrag doch noch durchführen zu können. Das Ergebnis war immer dasselbe: zuerst unter allen Umständen über die Grenze und auf schnellstem Wege nach Paris! Dort mußte dann versucht werden, die Kerle ausfindig zu machen, die heute im „Esplanade" zusammengekom- men waren. Alles weitere mußte dem Zufall überlassen bleiben.
Plötzlich flammte das Licht im Zimmer auf. Willy Ruland schnellte sofort Dorf seinem Lager hoch und bezog den Wachposten an der Tür.
Immerhin dauerte es noch eine ziemliche Zeit, bis er das Geräusch sich nähernder Schritte vernahm. Es war Lissy, ohne Begleitung des Alten.
Er hörte, wie sie behutsam aufschloß. Langsam drückte sie die Klinke nieder, aber sie öffnete die Tür nur so weit, daß sie eben durchschlüpfen konnte. Dann drückte sie die Tür sofort wieder hinter sich zu.
Sie blieb, an die Wand gelehnt, stehen, und ihre Augen hefteten sich mit einem Ausdruck von Angst auf Ruland.
Ruland trat auf sie zu und faßte sie am Arm.
„Was gibt es? Wo haben Sie den Alten? Wie lange soll dieses Affentheater noch währen?"
Sie schluckte ein paarmal. „Mein Vater ist vor einer Stunde weggegangen. Er wollte gleich wieder zurück sein, ist aber bis jetzt noch nicht gekommen. Die Wohnung ist zwar abgefperft, Sie können jedoch durch das Küchenfenster in das Innere des Hofes gelangen. Aber machen Sie rasch — Vater kann jeden Augenblick wieder da sein!"
„3d) danke Ihnen, Fräulein Lissy, vor allem für den Dienst, den Sie mir heute mittag erwiesen haben. Wo ist mein Mantel unb mein Koffer?"
„Draußen in der Diele! Kommen Sie!"
Wenige Minuten später war er marschbereit. „Ich muß unter allen Umständen über die Grenze. Sie sind doch sicher hier mit allen Wegen vertraut. Können Sie mir nickst sagen, wie ich--?"
„Ich — werde Sie führen. Einen Augenblick — ich bin gleich ungezogen."
Als sie zurückkain, trug sie einen dunkelblauen Mantel und eine Baskenmütze. „Haben Sie sehr wichtige Dinge im Koffer?" fragte sie hastig.
„Nur Wchche und was man eben so auf eine Reise mitzunehmen pflegt. Warum fragen Sie?"
„Ich würde Ihnen raten, den Koffer hierzulassen. Es könnte immerhin sein, daß wir einem Posten in die Hände laufen. Wenn wir ohne Gepäck sind, können wir uns schlimmstenfalls darauf hinaus- reden, daß wir harmlose Spaziergänger sind und uns verlaufen haben."
„Sie haben recht!" erwiderte Ruland nach einiger lleberlegung. „Aber — soll ich den Koffer hier in der Wohnung lassen? Dann habe ich ihn zum letztenmal gesehen."
„Ich werde schon darauf achtgeden. Ich verstecke ihn zunächst in meinem Zimmer und stelle ihn dann bei den Nachbarsleuten unter, die mir sehr zugetan sind."
„Schön! Dann bin ich beruhigt. Habe ich Ihnen übrigens schon meinen Namen genannt? — Willy Ruland, Angestellter aus Berlin!"
Sie geriet in Verlegenheit. „Es tut mir sehr leid, Herr Ruland, daß Sie .. von meinem Vater —"
„Wir woflen darüber nicht mehr sprechen!" gab er lächelnd zurück. „Sie haben ja Ihr Möglichstes getan, daß es nicht gar zu schlimm wurde."
Als Lissy den Koffer in der Tiefe ihres Kleiderschrankes verstaut hatte, führte sie den Mann in die Küche Sie unterließ es aber, das Licht einzu- fchalten, wahrscheinlich wollte sie es vermeiden, die Aufmerksamkeit eines gewissen Mannes auf sich und ihr Tun zu lenken.
Beim Oeffnen des Fensters schlug ein feuchter I Nebel ins Zimmer.
„Wir treffen es günstig!" meinte Lissy. „Bei dem Wetter werden wir kaum einen Zwischenfall zu befürchten haben."
Sie kletterte als erste über den Rand des Fensters. Als ihre Füße auf den geschichteten Ziegelsteinen Halt gefunden hatten, griff sie nach der Hand ihres Begleiters und bedeutete ihm, ihr zu folgen. „Es ist ganz ungefährlich!" ermutigte sie ihn, und in ihrer Stimme klang etwas Jungenhaftes.
Willy Ruland lachte auf. Das kleine Abenteuer begann feinen Beifall zu finden, war doch nun endlich der zermürbenden Untätigkeit ein Ende gefetzt, die seinen Mut und seine Tatkraft gelähmt hatte.
Sie gelangten* beide glücklich auf ebener Erde an und schlugen nun vorsichtig den Weg zur Haustüre ein. In dem Augenblick aber, als sie auf die Straße hinaustreten wollten, wurde die Tür von draußen geöffnet und Herr Bargent stand auf der Schwelle. In feiner Begleitung befand sich ein hoch- gewachsener junger Mann von sehr elegantem Aussehen.
Lissy prallte mit einem unterdrückten Aufschrei zurück, und auch Willy konnte sich eine heimliche Verwünschung nicht verkneifen. Aber er war entschlossen, sich seiner Haut zu wehren.
„Das ist ein reizender Zufall!" wandte er sich höhnisch an Bargent „Ich war schon untröstlich, daß ich keine Gelegenheit hatte, mich für Ihre Gastfreundschaft zu bedanken. Sie werden sicher verstehen, daß ich Sie wirklich nicht länger belästigen kann. Ihr Fräulein Tochter will mich ein Stück begleiten. Sie haben doch nichts dagegen?"
Bargent war die Liebenswürdigkeit in^Derfon. „Aber ich bitte Sie, Herr Ruland, Lissy yandelt durchaus in meinem Sinne. Ich weiß, was wir unseren Freunden schuldig sind. Aber — Sie haben ja Ihren Koffer vergessen!"
„Ich bat Fräulein Lissy, ihn vorläufig unterzustellen. Ich werde ihn später abholen."
^„Wie Sie wollen, selbstverständlich? Aber daß Sie sich so klanglos auf und davon machen, will mir gar nicht gefallen. Wie wäre es mit einem kleinen Abschiedstrunk?"
„Oh, danke vielmals!" entgegnete Ruland mit einer abwehrenden Handbewegung. „Ihre Unverfrorenheit ist geradezu staunenswert. Jcd bin Ihnen zwar gestern brav in die Falle gegangen, aber Sie brauchen mich deswegen nicht gleich für einen so vollendeten Trottel zu halten, daß ich die gleiche Dummheit zum zweitenmal begehe. Eher können Sie von Glück sagen, daß ich in großer Eile bin; denn sonst hätte ich Sie jetzt der Polizei übergeben.
damit Ihrem verbrecherischen Treiben endlich das Handwerk gelegt würde."
Christian Herdegen stand lächelnd dabei und war ein aufmerksamer Zuhörer. Bargent warf einen fragenden und halb mißtrauischen Blick auf seinen Begleiter. Zwar war ihm der Mann von Donna d'Alvarez aufs wärmste empfohlen worden, doch man konnte nicht wissen, ob man seiner Unterstützung auch in dieser Sache sicher war. Herdegen fing seinen Blick auf und gab ihn schmunzelnd zurück.
„Sie sprechen in Rätseln!" fuhr daraufhin Bargent ermutigt fort. „Ich wüßte nicht, was Sie der Polizei' gegenüber vorzubringen hätten."
„Geben Sie mir die Türe frei, ich muß gehen!" Ruland hielt es für zwecklos, den Alten herauszufordern. Sie waren zwei gegen einen und er hatte nicht die geringste Lust, noch eine zweite Nacht in diesem Hause zu verbringen.
Nun aber mischte sich Herdeaen ein. „Immer sachte, mein Junge!" lachte er und vertrat ihm den Weg. „Wenn Sie schon meinen Freund verdächtigen, bann nur immer ’raus mit der Sprache! Wir sind hier ganz unter uns!"
Dabei machte er, von Bargent unbemerkt, eine rasche Bewegung nach seinem Rockaufschlag. Ruland sah für einen kurzen Augenblick das Erkennungszeichen aufblitzen. Er blickte Herdegen an, ein kaum bemerkbares Zwinkern mit den Augen gab ihm Gewißheit. Er vermutete sofort das Richtige. Berlin hatte also bereits eingegriffen und einen Beamten hergeschickt, der nach seinem Verbleib forschen sollte. Natürlich mußte der Mann eindeutige Tatsachen hören, um gegen Bargent vorgehen zu können.
„Wenn Sie Wert auf Einzelheiten legen--"
Und er berichtete, was sich seit dem Verlust seines Passes ereignet hatte. „Es arbeitet Hand in Hand, dieses Gesindel. Der ein flaut die Papiere, der andere nimmt den Beraubten in Empfana. um ihn vollends auszuplündern. Wenn mich das Mädel hier nicht rechtzeitig gewarnt hätte, dann würde ich wohl jetzt mittellos irgendwo herumirren und konnte nicht einmal eine Anzeige machen, denn ich müßte ja ein« aestehen, daß ich versucht hatte, ohne Papiere die Grenze zu überschreiten."
Bargents Miene verriet einiges Unbehagen. „Ihrer Phantasie nach zu sck)ließen, möchte man annehmen, daß Sie den Sonnenstich haben. Ein Spaziergang in der kühlen Nachtluft wird Ihnen sicher guttun. — Kommen Sie, Herdegen, wir gehen ' nach oben!"
(Fortsetzung folgt)


