Ausgabe 
23.3.1938
 
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Hr.69 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Mittwoch, 23. März 1938

Aus der Stadt Gießen.

Frühlingstage am Karpfenteich.

Am strahlenden, blauen Himmel die strahlende Sonne! Und die Meisen rufen, die Spagen zwit­schern und eine Drossel übt zaghaft ihr erstes Lied­chen. Grün dehnen sich die Wiesen, immer wieder schweifen unsere Augen darüber, in der Ferne an sanften, blauen Waldketten hangen bleibend. Rote Häuserdächer leuchten uns freundlich zu.

Am schönsten aber ist doch das Wasser, blau wie der Himmel, bald hellblau, bald dunkelblau, oder auch silbern. Feierlich rudern die-Schwäne dahin, sträuben ihr Gefieder, biegen den schlanken, aus­drucksvollen Hals, oder fliegen auch mal eine kurze Strecke mit Geräusche über den Wasserspiegel.

Viele Spaziergänger hat die Sonne angelockt, und die Bänke sind besetzt mit Müttern und Kin­dern: das kleinste liegt im Wagen und schläft. Fröh­liches Kinderlachen und Rufen klingt auf; jetzt wer­den die Schwäne gefüttert. Geschickt fangen sie die Bröckchen auf, und als das Vesperbrot zu Ende, ziehen sie stolz und ohne Dank ab. Man sieht ihre rudernden Füße, sanfte Wellchen bleiben hinter ihnen. Puh, wie kalt muß es sein! Man genießt so recht den ersten warmen Sonnenschein, nach einem abkühlenden Bad hat man noch gar kein Verlangen!

Auf der Rollschuhbahn neben dem Karpfenteich ist fröhlicher Betrieb. Da surren die Rollschuhe, da laufen, gleiten, sausen unsere Mädels mit den kur­zen Röckchen jiber die glatte Fläche. Die Zöpfe fliegen, und bei fröhlichem Schwätzen wird, unter Anleitung einer gewandten Lehrerin, fleißig geübt: da werden Bogen gelaufen, da wird eine Pirouette versucht, dort wird hingefallen und lachend wieder aufgestanden. Aber auch einenMond", eineSpi­rale", einKanönchen" gibt es. Natürlich darf auch derAchter" nicht vergessen werden, geschweige denn das Rückwärtslaufen und das Tanzen, wenn man eine vollkommene Rollschuhläuferin werden will!

Und über allem die herrliche Frühlingssonne!

I E.L. St.

Domotizen.

Tageskalender für Mittwoch.

Stadttheater, 14.30 bis 17.15 Uhr:Wilhelm Tell"; 19.30 bis 22.15 Uhr:Das Land des Lächelns". Gloria-Palast (Seltersweg):Zwei gute Kamsraden". Lichtspielhaus (Bahnhof­straße):Rote Rosen Blaue Adria". Ober­hessischer Kunstverein: 17 bis 18 Uhr Ausstellung im Turmhaus am Brand.

Ltadttheaker Gießen.

Heute abend findet die Erstaufführung der Lehär- schen OperetteDas Land des Lächelns" statt. Musi­kalische Leitung Joachim Popelka, Spielleitung Karl- Ludwig Lindt, Choreographische Leitung Irmgard Zenner, Bühnenbild Karl Löffler. Die in eigener Werkstatt hergestellten Kostüme sind angefertigt nach Entwürfen von Sophie Buchner, ausgeführt von Willi Endrich. Die Vorstellung findet gleichzeitig als 25. Vorstellung der Mittwoch-Miete statt. Anfang 19.30 Uhr, Ende 22.15 Uhr.

234 Gausieger im Gau Hessen-Mffau.

NSG. Am Dienstagnachmittag wurde der Gau­entscheid im Rahmen des Berufswettkampfes aller schaffenden Deutschen, der am Samstag begonnen hatte, feierlich abgeschlossen. Don den 1500 Kreis- fiegern aus dem Gaü Hessen-Nassau, die in Frank­furt, Darmstadt und Offenbach zum Wettstreit an­getreten waren, wurden 234 Erwachsene und Jugendliche Gausieger.

Die Zahl der Gausieger verteilt sich wie folgt auf die einzelnen Wettkampfgruppen: Eisen und Metall 36, Chemie 14, Verkehr und öffentliche Betriebe 11-, freie Berufe 9, Handel 25, Friseure 2, Gesundheit 8, Bergbau 3, Stein und Erde 14, Bau 9, Nahrung und Genuß 19, Holz 14, Hausgehilfen 8, Banken und Versicherungen 6, Druck und Papier 19, Leder 16, Textil 6, Bekleidung 15.

Achtung?

heule, Mittwoch, 23. März, 21 Uhr, geben der Führer, der Reichspropagandaleiter und die Füh­rer der Gliederungen über den Rundfunk die Pa­role für die Volksabstimmung und die Reichstags­wahl bekannt.

Oie Mitglieder des Kreisstabes, sämtliche Poli­tischen Leiter, die Block- und Zellenwalter der DAF. und NSV. der vier Gießener Ortsgruppen nehmen an diesem Gemeinschastsempsang im Cafe Leib teil. Die Plätze müssen dort um 20.45 Uhr ein­genommen fein.

Die Politischen Leiter, Matter und Warte der DAF. und RSV. treten, getrennt nach Ortsgrup^ pen, jeweils um 20 Uhr an den Geschäftsstellen der

Achtung!

NSDAP. an und marschieren geschlossen zum Cafe Leib. Die Fahnen der Ortsgruppen find mitzu­führen. Kreisleitung Wetterau der RSDAP.

3m Dienste des WSW.

X

Am Donnerstag, 24. März, 20 Uhr, findet im Stadttheater zugunsten des Winterhilfswerkes ein großer bunter Abend unter dem MottoEine Früh­lingsfahrt ins Blaue" statt, an dem das gesamte Solopersonal des hiesigen Stadttheaters, sowie Chor und Orchester beteiligt sind. Die gesamten Einnah­men fließen restlos dem Winterhilfswerk zu. Die Bevölkerung der Stadt Gießen wird gebeten, diese Veranstaltung nach Kräften zu unterstützen.

Kreisamtsleitung der RSV.

Kreisleitung Wetterau.

Gemeinnützige Bauten in Gießen.

Dom Eisenbahn- übergang am Aut- weg.

Im Laufe des vergan­genen Winters wurde der Aulweg vom Schif- fenberger Weg bis zur Bahnkreuzung der Geln- häufer Eisenbahn mit Kanal versehen, alsdann die Fahrbahn ausgebaut und beiderseits je ein Fußsteig angelegt. Nun­mehr ist man damit be­schäftigt, den höher ge­legenen Straßenkörper zwischen Liebigstraße und Bahnkörper jenseits auf die neue Höhe abzutragen und wie den unteren" Straßenteil auszubauen.

Im Anschluß hieran soll

die, Eisenbahnschranke nach dem neuen Straßenzug verlegt werden, so daß in aller Kürze der Verkehr vom Schisfenberger Weg bis zum Leihgesterner Weg

bzw. dem Kliniksviertel sich in gerader Richtung voll­ziehen kann.

Transformatoren­haus an der Feuer­wache.

Auf Oswaldsgarten un­mittelbar an der Feuer­wache ist in wenigen Tagen der Rohbau eines schmucken Transforma­torenhauses herangewach­sen. Die Front des Gebäudes ist von drei großen Türbogen be­stimmt, die fast die ganze Frontseite ausfüllen. Das Haus sieht so aus, daß es fast nicht möglich ist, feinen nur technischen Zweck zu erraten. Unser Bild zeigt den schmucken Neubau.

(Aufnahme: Neuner, Gießener Anzeiger.)

Achtung! Oesterreichische Abstimmungsberechtigte im Reich!

Vom 24. bis 26. März

Anmeldung bei den Gemeindebehörden!

Alle über 20 Jahre alten Oesterreicher im Reichs­gebiet werden hierdurch aufgefordert, sich umgehend bei der Gemeindebehörde ihres Aufenthaltsortes zwecks Teilnahme an der österreichischen Volksab­stimmung in der Zeit vom 24. bis 26. März anzu­melden.

Zur Teilnahme an dieser österreichischen Volks­abstimmung sind berechtigt alle spätestens am 10. April 1918 geborenen Männer und Frauen, die die österreichische Bundesbürgerschaft besitzen, sowie diejenigen Oesterreicher, die aus politischen Grsinden seit März 1933 aus Oesterreich ausgebür- Sert worden sind oder aus politischen Gründen esterreich verlassen mußten; dabei ist es unerheb­lich, ob die beiden letzgenannten Gruppen inzwischen die deutsche Staatsangehörigkeit erworben haben.'

Die im Ausland sich aufhaltenden über 20 Jahre alten Oesterreicher werden aufgefordert sich um­gehend bei der für ihren Aufenthaltsort zuständigen diplomatischen oder konsularischen Vertretung Des Reichs wegen Ausstellung eines Stimmscheines an­zumelden.

Schont die Weidenkätzchen.

LPD. Der März gehört zu den Monaten, die der Mensch am freudigsten begrüßt, bringt er doch die ersten Frühlingsblumen in Gärten und Wielen. Neben den sichtbar blühenden Haseln, Erlen und Birten tragen auch die Weiden ihre kleinenKätz­chen", die silberig aus den braunen Knospen heraus­ragen.

Dieses silberne Leuchten verleitet noch immer Blumenfreunde zum Pflücken derKätzchen", ob­wohl sie durch das Reichsnaturschutzgesetz geschützt sind. Gewiß, man weiß, daß der Blütenstaub der Kätzchen" der Brut der Bienen als Nahrung bient, aber schließlich, so sagt sich der Blütenfreund, kann

RUHL Seliersweg Nr. 67

adlO Telephon Nr. 3170

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es doch auf ein paar Zweige nicht ankommen, und er bricht trotz der drohenden Geldstrafe die Weiden­kätzchen ab. Vermutlich, würde er es nicht tun, wenn er wüßte, welche Mengen Blütenstaub selbst ein kleiner Bienenstand für die Aufzucht der jungen Bienen benötigt

Es mag deshalb hier kurz einmal der Bedarf an Blütenstaub eines Bienenstandes errechnet werden. Zur Fütterung einer einzigen Bienenlarve benötigt das Bienenvolk 0,15 Gramm. Das macht, da die Larve nur sechs Tage gefüttert zu werden braucht, auf den Tag umgerechnet 0,025 Gramm Blüten­staub. Sicher ist das sehr wenig; berücksichtigt man aber, daß die Königin eines Bienenvolkes täglich im Durchschnitt etwa 1000 Eier legt, in sechs Tagen also 6000, so daß also ununterbrochen 6000 Larven täglich zu ernähren sind, so macht das täglich 150 Gramm Pollen, bei einem kleinen Stand von zehn Volkern also 1,5 Kilogramm täglich. Diese Menge. Blütenstaub von den Kätzchen der Weiden denn andere Blüten, die nennenswerte Mengen Blüten­staub liefern konnten, gibt es jetzt noch nicht täglich heranzuschaffen, bedarf es einer erhebliches Arbeitsleistung, und manche Biene fällt auf diesen Sammelflügel, auf denen sie jedesmal nur 0,01 Gramm Blütenstaub holt, der Kälte und der Nässe zum Opfer.

Würden die Weiden im Hochsommer blühen, wenn die Natur überall Pollen in Hülle und Fülle spen­det, dann käme es auf ein paar Weidenkätzchen wahrlich nicht an. Jetzt aber sind die Weiden die einzigen Pflanzen, die den Bienen Nahrung für die junge Brut liefern, und deshalb ist es notwendig, dieKätzchen" zu schonen und den fleißigen Bienen die Arbeit zu erleichtern.

Dietrich Eckart

als Dichter uni) Kämpfer.

Zu seinem 7v. Geburtstage am 23. März.

Es ist nicht gerade ein erhebendes Gefühl, wenn man dessen gedenkt, wie so manche schöngeistige Schriftsteller, die, noch vor fünf Jahren luftig und behaglich im Fahrwasser des Systems dahin­plätscherten, sozusagen über Nacht entdeckten, daß sie eigentlich schon von ihrer Geburt her National­sozialisten waren. In derselben Vorkriegszeit, als diese Leutchen mit ihrer Schreiberei Vermögen ver­dienten, stand unser Dietrich Eckart im schwersten Kampfe ums Dasein. Nur ein einziger Mann von Rang und Namen hatte seine große Begabung gefordert; dies war der damalige Generalintendant der königlichen Bühne in Preußen, Graf Hülsen- Haeseler, der es wagte, Dietrich Eckarts F r o s ch k ö y i g" im Königlichen Schauspielhaus zu Berlin aufzuführen; allein die Kritikaster der Berliner Presse, von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, fielen mit einer derart gehässigen Wut über dieses Schauspiel her, daß es bald vom Spiel­plan wieder abgesetzt werden mußte. Derselbe Kory­bantenlärm schallte zu uns aus der Berliner Presse entgegen, als in demselben Theater zu Anfang 1914 Dietrich Eckarts Neubearbeitung von Ibsens Peer G y n t" zur Uraufführung kam, der Publikumserfolg war indessen damals so gewaltig, daß sich dieses Werk trotzdem Bahn brach und seit­her wohl in ungezählten Aufführungen über die deutschen Bühnen ging. Daher brachte Graf Hülsen- Haeseler zu Beginn' 1915 auch Dietrich Eckarts Heinrich der Hohen st aufe" zum ersten Male zur Darstellung. Der Dichter hatte dieses Drama noch vor Kriegsausbruch geschrieben.' Es behandelt den bekannten Konflikt von Richard Löwenherz mit dem Hohenstaufer und läßt ihn in dem Auftritt gipfeln, wo der englische König als Vasall vor dem deutschen Kaiser kniet. Ein solches Stück durfte doch nicht in einem Hoftheater gespielt werden, denn es hätte die trotz des Ganges der kriegerischen ^Ereignisse nach wie vor unentwegt um Englands Gunst buhlende Politik des unseligen Bethmann-Hollweg durchkreuzen können, und so wurde es trotz des durchschlagenden Erfolges nach acht Wiederholungen abgesetzt. Auf Betreiben des Reichskanzlers... Warum wird es aber jetzt nicht gegeben?

Wenn nunmehr im nationalsozialistischen Deutsch­land auch in der Dichtkunst sich neues. Leben und

Blühen entfaltet, so dürfen wir nicht vergessen, daß unser Dietrich Eckart dabei der Vorkämpfer war. Denn muß es für das deutsche Drama der Vor­kriegszeit als charakteristisch bezeichnet werden, daß es, vornehmlich unter dem Einflüsse Ibsens und dann des französischen und russischen Realismus stehend, sich fast nur mit der Darstellung von Einzelfällen, dazu möglichst pathologischer Natur, befaßte, die höchstens eine bestimmte kleine Schicht oder Klasse näher angingen, niemals aber in die Breite und Tiefe des Volkes griffen, so erkennen wir in seinen beiden größten dramatischen Schöp­fungen, demPeer Gynt" undLorenzacci o", das Mysterium der echt deutschen Weltanschauung Eckarts, die in die Ewigkeit mündet. Hier ist er ganz Dichter, wogegen er uns in seinenFami­lienvätern" und seinemFroschkönig" auch als politischer Kämpfer entgegentritt, der sein Schwert geg*i die satte und dabei moralische Behaglichkeit des liberalistischen Bürgertums der wilhelminischen Periode erhebt.

Der echte dramatische Dichter ist' immer ein Kämpfer, denn was er zu gestalten hat, ist ja nichts anderes als der Kampf zwischen Menschen. Dietrich Eckarts Kämpfernatur entfaltete sich aber am kräftigsten, als er nach dem unsäglich traurigen November-Zusammenbruch unseres Volkes 1918 sich sofort mit an die Spitze der Gegner des marxisti­schen Systems setzte, indem er seine Zeitschrift 21 u f gut Deutsch" gründete. Persönlich hatte ich Dietrich Eckart im Frühherbst 1919 in Berlin tennengelernt, wo ich als Pressechef des von Kapp gegründeten Deutschen Hochstiftes arbeitete, das als besondere Kulturabteilung bestimmt war für ben Fall, daß der von Kapp geplante Sturz des Regimes Ebert und Genossen gelingen sollte. In München, wohin ich nach dem Fehlschlagen des Kappschen Unternehmens übersiedelte, setzte sich dann unsere Bekanntschaft fort. Dort war inzwischen dienatio­nale" Regierung von Kahrs ans Ruder gekommen, und wenn wir uns auch über deren Schönheits­fehler keinerlei Täuschung hingeben, so blieb uns doch nichts anderes übrig, als uns vorläufig wenig­stens unter deren Fahne zu sammeln. Dietrich Eckart hatte sich mit solcher Leidenschaft in die Wogen der politischen Kämpfe geworfen, daß er nicht mehr die Muße zu dichterischem Schaffen sand, und so entstand in dieser leider letzten Periode feines für uns viel zu kurzen Lebens wohl nur sein ge­waltiger Kampfruf:Deutschland erwache!" Was er sonst produzierte, das waren seine Beiträge zu seiner Zeitschrift und später für denVölkischen Beobachter", als dessen Herausgeber er zeichnete. Aber da ihm die eigentliche journalistijche Begabung

fehlte, so wäre derVölkische Beobachter" niemals fertig geworden, wenn wir, die Schriftleiter, uns auf ihn verlassen hätten!

Versagt war ihm auch die Gabe eines hinreißen­den rednerischen Flusses, die Kunst, die Masse zu packen und zu begeistern; er vermochte es auch nicht, in der freien Rede wohlgeformte Sätze zu prägen. Genau so wie er als Dichter mit dem Aus­druck rang, immer wieder an seinen Versen oder seiner Profa bosselte und verbesserte, so auch, wenn er auf dem Podium als Redner stand. Aber mit seinem Witz und Humor wußte er'doch die Zuhörer zu fesseln. So entsinne ich mich, daß er einmal in dem großen Saale des Hofbräuhauses sprach. Mit­ten in einem Satze hielt er inne:Das habe ich nicht richtig gesagt, es muß anders heißen. Ich fange also noch einmal an." Allgemeines Gelächter, in das er selbst einstimmte, worauf ex fortfuhr: Sie werden es jetzt gleich hören, wie ich mir die Sache richtig gedacht habe!"

Hätte er nichts anderes geschrieben als fein flam­mendes kurzes GedichtDeutschland erwache!", wäre er als einer der Bannerträger unserer Bewegung schon unsterblich geworden, allein sein ganzes Wirken und Schaffen ist von nationalsozia­listischen Geiste erfüllt und getragen. Insbesondere in seinem letzten großen Werke, demLoren­zacci o", dessen Vorwurf ihn schon beschäftigte, als er in den dreißiger Jahren stand. Ein in strenge künstlerische Form gebanntes, in sich ruhendes Mei­sterwerk, das ich wegen der Tiefe seiner Gedanken und der mystischen Ahnungen, die es in uns er­weckt, nahe an GoethesFaust" heranrücken möchte. Gibt uns Gobineau in seinerRenaissance" nicht nur farbig, sondern auch geistig ein geradezu plastisch getreues Bild dieser künstlerisch wie ge­schichtlich uns gleich mächtig fesselnden drei Jahr­hunderte des späten Mittelalters und der frühesten Neuzeit Italiens, so gelingt dies Eckart in feinem Lorenzaccio" nicht minder gut im Kolorit, aber er begnügt sich nicht damit, ein historisches Drama zu schaffen, sondern sucht dabei den Sinn des Lebens selbst zu deuten und die Erlösung daraus zu weisen. Wie bedeutungsvoll tritt Lorenzaccio Ahasver, der ewige Jude, entgegen, der Versucher, unser steter Gegenpol. War doch sein Glaube an Deutschlands Zukunft unbegrenzt!

Oder war er in den furchtbaren Wochen, die er, der schwer herzkranke Mann, in der Gefängniszelle zu Stadelheim bei München, verbrachte, die ich selbst aus eigener Anschauung kenne, doch wankend geworden in seinem Glauben? Als ich in Berchtes­gaden an seiner Leiche stand und den fein model­lierten Schädel mir. zu dauernder Einnerung ein».

prägte, da suchte ich vergebens nach einer Ähnlich­keit mit dem Lebendigen. Sv entstellt war das Ant­litz Dietrich Eckarts. Der Mund zusammengepreßt wie im Kampfestrvtz, finsteres Gewölk schien auf den Augenbrauen zu ruhen, und in den scharfen Gesichtsfalten tatbereite Härte zu liegen. War er dahin geschieden in der Verzweiflung darüber, von seinem heißgeliebten Volke den nahen Untergang noch nicht abwenden zu können?

Sicher nicht. Noch wenige Tage vor seinem Tode las er in einer ihm befreundeten Familie aus dem Egmont" die Szene vor, wo Klärchen die schlaffen Bürger vergeblich aufzureizen sucht, Egmont mit Gewalt aus dem Kerker zu befreien. ,',Klärchen", sagte er mit liebem Lächeln,das ist die deutsche Volksseele." Ruhig und ohne Todeskampf schlum­merte er in jene Welt hinüber, die jenseits der Wahns, hinter dem bunten Schleier liegt, mit dem uns Maja umspinnt. Ihm, dem im Leben immer Ruhelosen, vom Schicksal hart Geschüttelten, der aber aus aller Jrrnis den rechten Pfad zum Heile stets von neuem fand, um zum Schlüsse sich selbst dem deutschen Volke zum Opfer darzubringen, er­klang wohl in feinen letzten lichten Augenblicken die tröstende Stimme der Singenden, die auch in seinem Lorenzaccio" das Sterben verklärt:

Ewig leuchtet deine Seele Ueber alle Welten hin; Irrtum ist es, daß sie fehle, Doch der Irrtum ist Gewinn. Nie kann ihr die Gnade schwinden. Dunkelt noch so sehr der Wahn Alle werden heimwärts finden. Du, du hast es längst getan."

Josef Stolzing-Czerny. >

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Hochschulnachfichten.

Geh. Reg.-Rat Professor Dr. Richard Wachs- m u t h , der frühere Ordinarius für experimentelle Physik an der Universität Frankfurt, beging Jemen 7 0. Geburtstag. Der seit 1932 emeri­tierte Gelehrte, ein Schüler von Helmholtz, habili­tierte sich in Göttingen, mürbe 1898 Ordinarius für Physik in Rostock, wirkte später in Berlin und folgte 1907 einem Rufe nach Frankfurt Seine 21r» beiten befassen sich in erster Linie mit Akustik, Spek­troskopie und Elektrizitätslehre.

Professor Dr. Emil Winkler in Heidelberg, früher in Wien, ist als Ordinarius für romanische Philologie an die Universität Berlin berufen worden.