Rr. 248 Dicrtes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Z2./23. Oktober 1938
WM
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Guter Inhalt in schöner Hülle
Interessantes von der Herstellung der Zigarrenkistchen.
An feine Packungen werden halbrunde Kanten geschliffen.
In allen Arbeitsräumen türmen sich die Kistchen zu Wolkenkratzern
Bei der Ausstattung der Zigarrenkistchen mit Papier und bunten Rändern. (Aufnahmen s6s: Neuner, Gießener Anzeiger.)
Ganze Brettchenstapel werden in einem Arbeitsgang auf genaues Format geschnitten und behobelt.
Kenner schon durch die feine Struktur des Holzes erkennen, daß der Inhalt exquisit aromatisch ist. Nun ist es aber nicht möglich, alle Zigarren in Zedernholzschachteln unterzubringen. Es würde die Zigarren unverhältnismäßig verteuern und auch den Devisenmarkt sehr belasten. Deshalb werden „goldene Mittelwege" begangen, indem für eine ganze Reihe von Ziaarrenarten lediglich der Kistchenboden aus Zedernholz gestellt wird. Dann gibt es aber auch noch eine zweite Art exotischen Holzes, das Gabun, afrikanischen Ursprungs. Es hat ebenfalls ein Aroma, das sich harmonisch der Zigarre mitteilt. In den weitläufigen, wohltemperierten, von würzigem Geruch erfüllten Holzlagern der Ziaarrenfabrik findet man ferner auch die wolhynische Erle und die — deutsche Buche, die sich allerdings nur widerwillig bereitfand, als Zi- garrenkistchenholz zu dienen. Die Techniker und zuständigen Fachmänner hatten erhebliche Schwierigkeiten zu überwinden, um das Buchenholz diesem besonderen Zweck gefügig zu machen. Kistchenholz darf sich nicht werfen!
Die dünnen Brettchen, wie sie für Zigarrenkistchen geschnitten werden,
en miniature.
Fülle der Eindrücke in den Derarbeitungsräumen hod) viel größer. In der Brettchenschneiderei surren die Kreissägen, kreisen Hobelmesser, um die Kanten und Seiten zu bestoßen, zu behobeln und auf genaues Format zu bringen. Dabei wird nicht etwa jedes Brettchen einzeln vorgenommen, vielmehr sind es meist ganze Stapel von 20 bis 30 Stück der Kistchenteile, die hier den Maschinen überantwortet werden. Große Exhaustoren'sorgen dafür, daß alle Späne, aller Staub sofort entführt wird. Und überall der feine, würzige Duft der exotischen Hölzer!
Mit dem Schneiden und Behobeln der Brettchen ist aber erst ein Bruchteil der Arbeit geschehen. Brettchen, die als Kistchendeckel ihre Aufgaben zu erfüllen haben, nehmen nun zum Beispiel den Weg in die Aufschriften-Druckerei bzw. in die Titelbrennerei. Hier sitzen Volksgenossen an gedrungen gebauten Druckmaschinen, in die die widerstandsfähigen Stempelplatten aus Rotgußmetall eingebaut sind. Unter kräftigem Druck wird die Zeichnung oder das Titelwort aufgedruckt. Im gleichen Raume stehen aber auch Pressen, in denen die Titel eingebrannt werden. Form und Preßbalken sind hier mit Propangas in offener Flamme beheizt. Druck und Hitze sorgen dafür, daß in Bruchteilen von Sekunden das Titelwort (ohne Farbe) in schönem, dunkelbraunem Ton aus das Holz übertragen wird.
Und während hier die Deckelbrettchen bedruckt oder gebrannt werden, schafft man die übrigen Kistchenteile schon in die nächste Abteilung weiter. Wiederum und in der Hauptsache sind es Maschinen, die dem Menschen einen Teil der Arbeit abzunehmen haben. Die Seitenteile der Kistchen werden zusammengenagelt, so daß sie ein Rechteck bilden, dem dann der Boden angefügt wird. Schließlich erhält das Ganze mit dem Deckel seine endgültige Form. Auch der Deckel wird auf maschinellem Wege durch Scharniere, die heute nicht etwa mehr mit Hilfe einzelner Nägel, sondern durch anaeserzte spitze Zapfen befestigt werden, angebracht. Kistchen, die vorne noch einen besonderen Verschlußriegel erhalten, werden auch damit mit Hilfe von Maschinen versehen, da es gegenwärtig nicht möglich wäre, so
Hier werden die Kistchen mit einer raffiniert konstruierten Maschine genagelt.
gesehen wird der Betrieb vielleicht nur von einigen amerikanischen Unternehmen übertroffen.
Ein Zigarrenkistchen ist, so ließen wir uns erzählen, eine wohlerwogene Angelegenheit! Für die wertvollsten Zigarren wird ganz bestimmtes Holz verwandt. Möglichst Zedernholz. Warum gerade Zedernholz? Diese Frage ist rasch beantwortet: das Zedernholz hat ein besonders feines Aroma! Es trägt dazu bei, daß das der Zigarre schon an sich zu eigene Aroma nicht nur bewahrt, sondern sogar gesteigert wird. Schachteln aus Zeder lassen den
sind trotz naturgegebener
Stabilität sehr empfindlich. Deshalb werden Wärme- u n d Feuchtigkeitshaushalt in den Lagerräumen automatisch geregelt. Das Holz lagert also wochen- und monatelang unter stets gleichen Bedingungen.
Bei einem Rundgang in Lagern und Arbeitsräumen der Zigarrenkistchen-Abteilung hat man kaum Augen genug, alles zu sehen, alles in sich aufzunehmen, was im einzelnen wissenswert erscheint. Im Lager türmen sich die Ballen wohlriechenden feinzerschnittenen Holzes, in größeren Kisten findet man für je 500 Kistchen alle die Brettchenteile (sechs an der Zahl), aus denen ein Kistchen besteht, für jederzeitigen Abruf bereit.
Gibt es schon im Lager viel zu sehen, so ist die
Tabak bis zum Raucher zurücklegen muß, daß es Immer fällt, in einem Aufsatz von 150 Druckzeilen aurf) nur zu umreißen, was es an durchaus interessanten Einzelheiten zu berichten gibt. Man muß fid) also schon weise Beschränkung auferlegen So fiel uns denn, dank der Anregung durch eine Zigarre, ein, sich einmal mit den Stadien der Entwicklung eines Zigarrenkistchens zu beschäftigen. Um etroas Darüber zu erfahren, lenkten wir unsere Schritte nach Heuchelheim, wo allein in der Abteilung „Zigarrenkistchen-Herstellung" der Firma Rinn 6- Cloos rund 300 Menschen beschäftigt sind. Mit dieser großen Gefolgschaft ist diese Abteilung des Betriebes wohl die größte Zigarrenkistchenfabrik Deutschlands Aus artigerem Raum
An die großen Geschenk-Packungen wird letzte Hand angelegt.
Wenn ein Raucher von Passion, der wirklich die Werte einer Zigarre zu schätzen weiß, in einer Stunde der Ruhe dem Rauch seiner Zigarre nachblickt, dann sind seine Gedanken wohl nur selten damit beschäftigt, den Wegen nachzusinnen, die feine Zigarre gehen mußte, bis sie in seine Hand geriet Und wahrhaft, dieser Weg wäre auch aus eigener Phantasie heraus schwer zu verfolgen, so vielfältig ist er — fo weit auch, angenommen von Brasilien oder Kuba, von Sumatra oder Java bis nach Heuchelheim! Dabei bleibt es auch nicht, denn es führen um der Tabake willen noch andere Linien über Kontinente! Zum Beispiel wäre daran zu erinnern, daß Holzer für die Zigarrenkistchen aus Vorderasien und aus dem innersten Afrika, aus dem schwarzen Erdteil kommen — aber auch aus Wolhynien! Nur die buntfarbigen Papier-Umrahmungen der Zigarrenkistchen machen keinen so weiten Weg — sie stammen nämlich zum Teil aus Wieseck öder aus großen deutschen graphischen Kunsk- anOniten
So weit, so vielfältig sind die Wege, die der
(Nachdruck verboten!,
13 Fortsetzung
Die gute Helene ist eben immer noch der Meinung, daß zu einem guten Brot ein Holzosen gehört, und die heiße Glut muß herausaefegt werden, und dann muß das Drot auf ine Steine kommen. Von der Bäckerei mit Dampfbetrieb halt sie gar nichts, und daß ein Mensch das Brot, das gute, zarte Roggenmehl mit einer Maschine kneten kann, das gilt als Sünde m ihren Augen. Das muß man mit feinen Händen tun, denn Mehl s etwas Lebendiges. So denkt Helene Christbuch , und darum schmeckt ihr Brot so gut, wie es Karola sonst nirgendwo schmeckt. . „n.
Es gibt einen kleinen Tranenbach bei der wacke- ren Frau Christbucher, als Karola nun wirklich in ihren roten schnellen Wagen klettert ab«bas ift nur für kurze Zeit. Sie weiß ja, daß Karola balD mal wiederkommt. ~ „
Nun schnurrt der Motor. An dem großen Torpfeiler stehen Onkel und Tante und winken.
Häqebarth sitzt wie auf Kohlen. Er ist heute überhaupt unruhig. Seine Tochter m München h geschrieben, daß Hans, sein jüngster Gnfel, Den Keuchhusten hat, und das laßt ihm keine
Die drei Herren von der Dettiebskontrolle sitzen ebenfalls wie auf Kohlen. Der Werbefachmann und der Kalkulator tun das gleiche. Sie warten alle auf den Chef. Sie haben sich alles bereits erzählt, was die ganze Runde interessieren konnte, den Stadtklatsch, die letzten Kinoauffuhrungen den Durchfall eines modernen Schauspiels die neuen Gerüchte um die „Union AG Nun warten in ständig anwachsender Spannung. Denn das eine wissen sie ganz genau: diese Untcrrebung bringt die Entscheidung — Leben oder ToD.
Da klingelt der Fernsprecher. Ferngespräch.
Hägebarth will schon loszetern, was der albernen Gans in der Zentrale einfalle da stockt er mit einem Augenzwickern, jo komisch, daß der Werve-
Steine Suin mit groBem mut
Roman von Kurt Riemann
Copyright by Verlag Oskar Meister. Werdau L Sa
fachrnann ein wonniges Gelächter aus seinem Bauch kollern läßt und die andern aufsehen.
„Himmel und Hölle! Der hat mir gefehlt!"
Er deckt die Muschel ab. „Fernspruch aus Berlin. Die .Union AG/. Und raten Sie mal, wer? Der Herr Meßdorff läßt sich persönlich ansagen."
„Nicht die Möglichkeit! Was will er denn? Wollen sie etwa hier die Bude aufkaufen...?"
„Pssst!" Hägebarth winkt ärgerlich mit der Hand ab.
„Jawohl. Hier sind die /Bereinigten Chemischen Werke'. Hägebarth... Tut mir leid. Fräulein West- ner ist leider noch nicht im Hause. Aber wir erwarten sie. Dann wollen Sie sich selbst bemühen?... Bitte sehr. Ich werde es ausrichten. Wir lassen Ihnen dann Bescheid geben. Jawohl,"
Hägebarth legt den Hörer mit einer fast zärtlichen Bewegung auf die Gabel zurück. In den Gesichtern der andern steht die Spannung.
„Na, was war, Herr Hägebarth?"
Hägebarth döst vor sich hin. „Wenn dem Burschen, dem Hans, nur nichts passiert! Gerade ein Jahr ist er geworden, kann eben ein bißchen laufen... Da ist Keuchhusten eine eklige Sache... Wenn nur keine Lungenentzündung dazukommt!" Dann schreckt er auf.
„Was soll denn gewesen sein? Haden Sie doch eben gesehen, meine Herren, ich habe ein Telephon- gesprach geführt. — Aber wenn mich nicht alles täuscht, kommt da unten der Chef. Er springt gerade aus dem Wagen."
Er hat recht, es ist Karola. Sie hat die ganze Nacht gearbeitet. Nun ist sie noch eine Stunde durch die Berge des Sauerlandes gefahren, um einen klaren Kopf zu bekommen. Sie kommt so, wie sie ist, mit zerwehtem Haar und oerbriyften Kleibern.
„Den Staub entschuldigen Sie, meine Herren, auch baß ich fein feiertägliches Kleib anhabe. Ich habe noch eine Stunbe frische Luft geschnappt. Bitte Platz zu nehmen. Unb nun — legen Sie los. Hägebarth! Aber ohne jede Beschönigung?"
Sie wirft sich in ben großen Sessel, in bem schon ihr Großvater saß, wenn es galt, zu beraten, aber sie hält es ba nicht lange aus. Sie muß Bewegung haben. Darum schreitet sie unruhig auf unb ab.
Der Reklamefachmann mustert sie verstohlen von der Seite unb denkt, daß sie eigentlich ein verdammt hübsches Mädel sei. Wenn sie nicht zufällig
einem so vor die Nase gesetzt wäre, wer weiß... man kann Staat mit ihr machen. Ihn interessiert das alles nämlich nicht sonderlich, was der alte komische Kauz mit Namen Hägebarth ba vorträgt. Er hat seinen Vertrag mit ber „Union AG." zwar noch nicht ganz in ber Tasche, aber beinahe. Unb ber ist prima. Wie lange ist er nur hier?... Fünf Jahre? Na, sie werben ja Augen machen, wenn er sich eines Tages verabschiebet, ohne zurückzukommen. —
Hägebarth ist am Enbe. Er klappt bie Mappe zu, in ber sich seine Notizen befinben. Ein gewöhnlicher blauer Aktenbeckel. Ader was barin liegt... bas ist ein Schicksal.
Karola steht jetzt ganz still hinter ihrem Stuhl. Die Hänbe liegen auf ben harten Lehnen aus bunk- lem Eichenholz. Ihr gegenüber hängt bas Bilb bes Großvaters. Er hat bas alles aufgebaut. Das Haus hier, bie Häuser ba brüben, in bencn bie Maschinen rasseln, bie Transmissionen schwirren.
Sie steht nun am Enbe. Sie kann es nicht länger halten. Denn bas ist ber letzte, tiefste Sinn besten, was Hägebarth ba vorträgt. Unb auf ben kann man sich verlassen.
„Wie kommt es, Hägebarth, baß bie ,Union AG/ jeben größeren Auftrag sofort zur Kenntnis bekommt? Ist hier ein Verräter unter uns?"
„Zumutung! Unerhört...!" knurrt ber Reklamefachmann, unb bie anbern Herren sehen sich betreten an.
„Wenn Sie unschulbig sinb, können meine Worte Sie nicht getroffen haben, Herr Willkowsky!" fertigt sie ben Entrüsteten ab. Unb bann zu Hägebarth: „Was soll man also tun? Sie haben sich boch sicher eine Meinung gebilbet?"
„Gewiß!" entgegnet ber vorsichtig. „Ich habe es jebenfaUs versucht... soweit bas möglich ist. Uns sinb bie größern Aufträge systematisch abgenommen. Norwegen, München, bazu bie beiben Berliner Großfirmen! Wir haben uns vergeblich bemüht, ben Grunb zu erfahren. Eine Reihe kleinerer Kunben sinb unter fabenscheinigen Dorwänben abgesprungen. Das ist natürlich nicht Zufall. Das ist ein wohloorbereitetes Kesseltreiben, bei bem bie .Union AG/ Treiber unb Schütze zugleich ist. Währenb wir bas Vergnügen haben, ben armen Hasen barzustellen. Bilblich gesprochen natürlich Die,Union* kann sich diese skrupellose Unterbietung
ruhig noch eine Weile leisten, bie hält's aus. Inzwischen aber sinb wir fertig. Das sinb bie Aussichten für bie nächste Zukunft, wenn wir alles seinen Gang gehen lassen." Er macht eine kleine Pause. „Nun können wir erstens bas tun, was bie anbern bereits getan haben."
„Sie meinen verkaufen?"
„Stimmt, Fräulein Westner. Aber ich habe nicht gesagt, baß ich bas raten möchte. Es kann noch einen anbern Weg geben."
„Unb ber wäre?"
„Man müßte neue Dinge fabrizieren, bie man sich schützen lassen könnte, Patent ober Musterschutz wenigstens."
„Ja, was benn?"
Hägebarth weist ein wenig hilflos in bie Runde. „Wir haben uns schon ben Kopf barüber zerbrochen. Bis jetzt ist nichts Gescheites herausgekommen. Der Herr — Herr —"
„Grote. Doktor Grote."
Der jüngste ber drei Herren aus ber technischen Abteilung springt auf. „Ich arbeite im Maschinensaal drei unb vier."
„Also unser neuer Herr — es ist erst seit vier Wochen hier —, ber hat auf bie Aufsätze unb Untersuchungen Doktor Karajans hingewiesen. Er meint, ba läge eine Ausgabe rür bie Zukunft. Na .. aber wir wissen ba besser Bescheib. Karajan war ja bei uns, unb fein Verfahren haben wir ihm ja bamnls abgenommen. Gut, baß wir aber bie Hände von der Ausdeutung gelassen haben. Meßdorff hat's ja bei der.Union’ ausprobiert und ist damit 'reingefallen."
Karola muß sich ein wenig zur Seite wenden, damit die andern nicht sehen, wie sie still lächelt.
Nun bist du schon wieder bei mir, Herbert! Nun bringen Sie mir schon deinen Namen ins Haus! Ach, wenn sie alle wüßten — denkt sie zärtlich. Doch schnell zwingt sie ihre Gedanken zurück in die Gegenwart.
„Da ist keinerlei Möglichkeit für uns. Wir könnten das auch gar nicht tun. weil das Patent der .Union* nun einmal abgetreten ist. Ich wollte mit ber Sache nichts mehr zu tun haben, hatte auch nie bie Möglichkeit, eine solche Sache finanziell zu tragen, als alle Verbindlichkeiten erfüllt waren."
„Aiißerd"m kauft kein Mensch bas künstliche Zeug, bas einen Dreck wert ist!"
(Fortsetzung foljt!)


