Für den Büchertisch.
tim Freiheit, Schönheit und Liebe
MesuO Altes vonTimniernians
— Felix Timmer er Laterne. Neue
der
mans: Das Licht in und alte Geschichten. Mit
deutsche Uebertragung. Der Wert eines solchen 23er« fahrens, das die nachschöpferische Arbeit des lieber« efcefs jederzeit «mit dem Original zu vergleichen ge- tattet, liegt auf der Hand. Die Sammlung beginnt mit dem Sonnengesange des Franziskus von Assisi, deutsch von Johann Friedrich Heinrich Schlosser, und endet mit dem Gedicht „Ein Traum" von d'Annun- zio, deutsch von Stefan George. Die Linie der Entwicklung führt in dieser Sammlung vom heiligen Franz über Dante, Petrarca, Lorenzo de Medici, Michelangelo, Dittoria Colonna, Cellini, Ariost, Tasso, Guarini, Metastasio au Leopardi, Manaoni, Carducci und endlich zu d'Annunzio. Auf deutscher Seite ist die Reihe der Namen womöglich noch farbiger: man findet unter den Uebersetzern Hofmanns- waldau, Opitz und Brockes, Bürger und Lenz, Herder und Goethe, Mommsen und Grkmm, Thode und Boßler, Dehmel, George, Rilke und Weinheber. Da die Sammlung, unter Einbeziehung auch einiger mundartlichen Volkslieder, vom Beginn der Kunst- dichtunq bis ins 20. Jahrhundert hineinreicht, findet der Leser hier einen auf das Wesentliche gerichteten Ueberblick über die Lyrik Italiens und ihre formale und gehaltliche Entwicklung. Die Einleitung weist
— Egon Caesar (Tonte Cor 1 i: Lud - w i g I. von Bayern, ein Ringen um Freiheit, Schönheit und Liebe. Nach dem schriftlichen Nachlaß des Königs und zahllosen sonstigen unveröffentlichten Dokumenten, 69 Bildtafeln nach bisher.meist unbekannten Originalen, Preis in Leinen geb. RM. 9,80. Verlag F. Bruckmann in München. — (227.) — Wir Zeugen einer neuen und großzügigen städtebaulichen Gestaltung Münchens werden besonders ein Buch begrüßen, das dem Manne gewidmet ist, der dem München von heute im wesentlichen sein Gesicht gab. Was nach ihm König Max und der Prinzregent schufen, war im Stil ihrer Zeit nur eine Fortführung des von Ludwig I. großartig Begonnenen. Ludwigs I. Wille zur Kunst tat mutig den entscheidenden Schritt, der aus der stillen Residenz der bayrischen Kurfürsten die Stadt der deutschen Kunst werden ließ, die mit ihren monumentalen Bauten und reichen Kunstschätzen Reisende aus aller Welt an sich lockte, ohne doch den ihr eigenen Charakter einer behäbigen, mit ihrer Umgebung und dem Bayernvolk eng verwachsenen Landstadt jemals aufzugeben. Ludwig und seine Zeit haben keinen eigenen Kunststil hervorgebracht, aber was sie ge-
der Leipziger Schlacht von Napoleon lossagt. Später als König wird freilich unter dem Eindruck der Julirevolution und dem wachsenden Einfluß Metternichs seine Begeisterung für die grohdeutsche Sache gedämpft durch die Furcht vor einer Revolution oder auch nur vor einer Einschränkung seiner souveränen Rechte, über die er sein Leben lang eifersüchtig wacht, so daß er nach dem Lola-Montez- Skandal lieber ganz auf den Thron verzichtet, als sich Forderungen zu unterwerfen, die ihm mit seiner Königswürde unvereinbar dünken. In diesen kritischen Tagen zeigt Ludwig einen persönlichen Mut, der uns heute noch Bewunderung abnötigt, so wenig die skrupellose Spanierin diesen Einsatz ihres königlichen Freundes auch verdient haben mag. Ein besonders aufschlußreiches Kapitel schildert das Verhältnis des alten Königs zu seinem Enkel Ludwig II., mit dem er in sehr freundschaftlichem und offenherzigem Briefwechsel steht und ihm besonders auch im unglücklichen Kriegsjahr 1866 seinen Rat und seine Hilfe nicht versagt, wenn er auch die Freundschaft des jungen Königs zu Richard Wag- ner zwar begreift, ober die Auswirkung auf die Regierungsgeschäfte bei dem Charakter des Königs für bedenklich hält. Eine große Rolle im Leben Ludwigs I. haben bis in sein hohes Alter die Frauen gespielt. Trotz glücklichster Ehe hat sich Ludwig niemals dem Reiz schöner Frauen ent« ziehen können, viele bleiben Eintagserlebnisse in dem stets liebebebürftigen Herzen des Königs, aber manchen, wie der schönen Marchesa Florenzi, bewahrt er treue Freundschaft ihr Leben lang. — Eine stärkere thematische Zusammenfassung würde dem umfangreichen Werk Cortis vielleicht von Vorteil gewesen sein, die von ihm streng durchgeführte chronologische Anordnung freilich unterstreicht das Sprunghafte und Temperamentvolle im Charakter Ludwigs. Die ausführlichen Wiedergaben von Briefstellen und Notizen geben der Biographie etwas ungemein Lebendiges. Die vielfältigen verwandtschaftlichen Beziehungen des Königs und seine Verbindung mit allen bedeutenden Männern und Frauen seiner Zeit runden sein Lebensbild zu einer eindrucksvollen Schilderung 'der ganzen, uns in ihren Baudenkmälern noch so höchst gegenwärtigen Epoche ab. Die vielen zu einem guten Teil wenig bekannten Bilder sind eine dankenswerte Bereicherung dieses fesselnden Buches. Fr. W. Lange.
MN vückler reist noch England.
— Für st Pückler reist nach England. Aus den „Briefen eines Verstorbenen", heraus- gegeben von H. Ch. Mettin. Verlag Hans von Hugo und Schlotheim in Berlin. — (226) — Fürst Pück« ler«Muskau, als Klassiker der deutschen Gartenbau- fünft unvergessen, wäre auch einer weniger konven- Honetten Zeit als der (einigen als ein höchst sonderbarer Heiliger oorgekommen. Seine kostspieligen Marotten machten viel von sich reden, am meisten jedoch seine Methode, sich nach gütlicher Trennung von seiner Frau durch eine reiche Heirat zu rangieren, um dann im alten Stil weiter seinen Passionen leben zu können. Seine Ehe mit einer Tochter des Fürsten Hardenberg, des damaligen preußischen Staatskanzlers, war die denkbar glücklichste und so ist es begreiflich, daß die Scheidung, bereit Hintergründe offenbar nicht verborgen blieben, das größte Aufsehen erregte, zumal die geschiedenen Gatten in bestem Einvernehmen und ständiger Verbindung blieben. Selbst von seiner Brautschau, die ihn für zwei Jahre nach England führte, berichtete der Fürst fast täglich. Diesem Mitteilungsbedürfnis des unglücklichen und, wie wir sehen werden, erfolglosen Freiers verdanken wir eines der köstlichsten 'Briefbücher unserer deutschen Literatur, das in den mehr als hundert Jahren seit seinem Entstehen nichts an seiner ursprünglichen Frische eingebußt hat. So ist es sehr zu begrüßen, daß hier aus den mehrbändigen früheren Ausgaben eine Auswahl getroffen wurde, die diesen amüsanten Plauderer einem größeren Publikum erschließt. Schon des Fürsten Bericht über einen Besuch bei Goethe in Weimar auf der Fahrt zur Küste möchten wir nicht missen. Die folgenden Briete geben dann in allen Details ein so überaus anichauliches Bild her englischen Gesellschaft unter den letzten Welfen-Königen, wie es nur ein so scharfer kritischer Beobachter wis Pückler entwerfen konnte. Aber seine alte Leidenschaft führt ihn auch durch alle berühmten Parkanlagen der britischen Inseln. Seine Berichte bare über sind Kabinettstücke der Landschaftsschilderung, die ihresgleichen suchen. Gern werden wir bei so viel Geist und Witz ein Auge zudrücken, wenn ihm gelegentlich auch seine nicht geringe Selbstgefälligkeit einen Possen spielt. Wir sagten schon, die Suche nach der reichen Erbin blieb erfolglos, auch in England hatte sich der Zweck der Reise des Fürsten schnell herumgesprochen und so sand sich keine stolze Britin bereit, den preußischen Fürstenhut zu vergolden. Merklich erleichtert kehrte Pückler zu seiner „Herzensschnucke" nach Muskau zurück. Die einzige Frucht dieser Irrfahrt sind die Briefe, die für uns heute einen reinen Genuß bedeuten, während die Frau, für die sie einst bestimmt waren, sie vermutlich mit recht gemischten Gefühlen gelesen haben wird. Daß die neue Auswahl mit zeitgenössischen Bildern und Stichen rei.zvoll ausgestattet wurde, soll nicht unerwähnt bleiben. Fr. W. Lange.
Mltke-Vriese.
— Helmuth von Moltke: Briefe aus der Türkei. Auswahl und Nachwort von Max Horst. Albert Langen-Georg Müller, München, 1938. — (331) — Diese treffliche Auswahl aus Moltkes berühmten Briefen aus der Türkei gibt nicht nur ein klar gesehenes Bild dieses Landes, sondern läßt auch einen Menschen erkennen, der so besonnen wie tapfer war und, mit seinem untrüglichen Blick für Welt und Menschen alle Schwierigkeiten des Sehens meisternd, im Gedächtnis der Nation fortlebt als einer der großen Führer deutschen Soldatentums.
Heinrich von Klei!
— Walter von Molo: Geschichte einer Seele. 628 Seiten. Ganzleinen. Holle und Co. Verlag, Berlin. — (291) — Wir kennen Walter von Molo, dessen „Endloser Zug" zuletzt hier besprochen wurde, als einen Meister des historisch- biographischen Romans: Schiller und Friedrich der Große, Luther und List und der Prinz Eugenio von Savoy sind die berühmtesten und volkstümlichsten unter seinen Helden. Das neue Buch, aus dem wir kürzlich eine Probe in der Unterhaltungsbeilage abdruckten, ist die romanhafte Lebens- und Seelengeschichte Heinrich von Kleists; das Motto stammt aus dem „Prinzen von Homburg": „Das Kriegsgesetz, das weiß ich wohl, soll herrschen, jedoch Oie lieblichen Gefühle auch..." Kleist, heute in seiner ganzen Kraft und Bedeutung erkannt und gewürdigt, ist eine der großartigsten und zugleich tragischsten Erscheinungen in den Annalen des deutschen Geistes. Die Geschichte seines Lebens schreiben heißt die Geschichte einer höchst einsamen und zutiefst unglücklichen Seele schreiben, ein Trauerspiel unverstandener dichterischer Größe, einen Menschenuntergang und Zusammenbruch von unaufhaltsamer und erschütternder Gewalt. Was an übermenschlicher Kraftanstrengung, an künstlerischer Entwicklung, Reife und reiner Leistung in die vier- unddreißig armseligen Jahre dieses rasenden Daseinsablaufes hineingepreht wurde, ist nahezu unfaßbar. Dabei ist nicht einmal alles erhalten: der große zweibändige Roman ist spurlos verschwunden; wir kennen keine Zeile davon, und es besteht wohl auch keine Hoffnung mehr, je etwas davon wiederaufzufinden. Die Schwierigkeiten, die sich dem Unternehmen eines Kleist-Romans entgegenfteUen, sind ungeheuer und im einzelnen kaum aufzuzählen. Die beiden elementarsten Forderungen, die an jeden Derartigen Versuch von vornherein und unbedingt zu stellen sind, müssen wohl folgendermaßen lauten: hinter dem verführerisch bewegten und dramatisch Handlungsreichen äußeren Lebensablaufe die ent« cheidende innere Geschichte eines genialen Menschen sichtbar werden zu lassen, der wie ein Fremdling in einer feindlichen oder ahnungslos-gleichgültigen Welt zu leben verdammt war; ferner, ohne psychologisierende Einseitigkeit, die vielfältig und verhängnisvoll sich häufenden und überschneidenden Motive hervorzukehren, deren Summe schließlich den verzweifelt-unabwendbaren Ausgang wenn nicht rechtfertigt, so doch erklärt. Wer diese Voraussetzungen ober Forderungen billigt, wird die Leistung Molos anerkennen müssen, selbst dann, wenn er davon überzeugt ist, daß jeder Versuch einer künstlerisch-intuitiven Kleist-Biographie günstigenfalls einen Annäherungswert zeitigen könne; und selbst bann, wenn er ber sprachlichen Eigenart und den stilistifchen Formulierungen Molos nicht allenthalben ober nur bebingt zu folgen unb
Der Tod als Freund.
— Georges Barbarin: Der Tod als Freund. Preis in Seinen geb. 4,80 Mk. Deutsche Verlagsanstalt in Stuttgart. — (235) — Gewiß gibt es keinen Menschen, ber sich nicht in einem bestimmten Augenblicke seines Lebens sehr ernsthafte Gebauten über den Tod gemacht hat, nicht nur solche der Sorge um seine Familie ober sein Unternehmen, sonbern solche seines allerpersönlichsten Verhältnisses zum Tobe, unb gewiß hatten nur sehr wenige in solchen Augenblicken bie innere Ruhe und Ueberlegenheit, ohne Beklemmung an bie letzte Stunbe ihres Lebens zu benken, ja man darf wohl behaupten, baß bie Angst vor dem Tode manche Menschen in steter aufreibender Spannung hält. Dieses Buch eines wahren Menschenfreundes gibt nun eine Wesensschau des Todes, bie sich nicht mit philosophischen ober religiösen Ueberlegungen begnügt — sie stehen ja auf einem ganz anbern Blatt —, fonbern nüchtern unb sachlich, aber mit ber behutsamen Delikatesse, bie ber Gegenstand fordert, von den Tatsachen ausgeht, bie bie Physiologie bes Tobes und bie Erfahrung bieten. Der Verfasser hat bie Berichte solcher Menschen gesammelt, die schon einmal an ber Schwelle des Todes standen unb erst im letzten Augenblick gerettet werden konnten. Er lehrt uns, einen Unterschied zu machen zwischen den Eindrücken Derer, die Zeugen waren beim „Todeskampf" eines ihrer Sieben, und den eigenen Wahrnehmungen des Sterbenden, wie sie Die medizinische Wissenschaft uns glaubt verbürgen zu können unb wie sie ben Erfahrungen derjenigen entsprechen, die wieder ins Leben zurückgerufen werden konnten. Der Verfasser verlegt Den „Todeskampf", den jeder von uns, soweit er nicht durch einen Unfall plötzlich abberufen wird, einmal durchkämpsen muß, in den Augenblick vor, in dem es uns zur Gewißheit wird, daß unser Leben sich seinem Ende nähert. Wie wir uns aus dieser unausweichlichen Erkenntnis heraus zum Tode stellen, liegt ganz in unserem Willen. „Wenn der Mensch an die Schleuse bes Tobes kommt, so weiß er wohl, daß bas Niveau berg» roärts höher steht als bas Niveau talwärts, und baß man nicht ohne Stoß von bem einen Wasser- ftanb zum andern Übergehen könnte, aber dazwischen befindet sich die Schleusenkammer, in der man einen Augenblick verbleibt. Dort gleicht sich das Niveau der beiden Wasser unmerklich aus. Zunächst ist man in der Schwebe zwischen den beiden Niveauhöhen: zwischen der des fallenden und der des steigenden Wassers, bann öffnet sich bas Tor, und die Barke gleitet ohne Erschütterung dahin." Lassen wir ber Natur ihren Sauf, wenn die Stunbe gekommen ist, so wird sie uns auch das Sterben leicht machen, das ist ber Trost bieses Buches, bas nicht in hohlen Phrasen hängen bleibt, sondern jedem etwas zu sagen hat, dem Arzt durch das hier zufammengetragene reiche Material ausländischer Beobachter, das der Herausgeber durch deutsche Zeugnisse ergänzt hat, dem Saien durch die mit Feingefühl und sachlichem Ernst durchgeführte Klarlegung eines Problems, das nicht aufhören wird, die Menschheit zu bewegen. Fr. W. Lange.
darauf hin, wie die italienische Sprache in ihrer Klangfülle und biegsamen Musikalität gerade dem lyrischen Dichter einen überaus dankbaren unb ge- schmeibigen Grunbstoff liefere; das läßt sich an dieser Auswahl ebenso eingehenb unb anregend verfolgen wie etwa die Wahl der mehr oder minder national und landschaftlich begründeten Themen unb Motiokreise. Dem italienischen Gebicht ist bie beut» sehe Uebertragung hier (im wörtlichen Sinne) gegenübergestellt, unb zwar bewußt als selbständiges Kunstwerk. Das Nachwort legt auf bie künstlerische Arbeit bes Uebersetzers um so mehr Gewicht, als diese Arbeit noch vielfach Mißverständnissen und einer betrüblichen Unterschätzung ausgesetzt ist. Wenn man sich der bereits erwähnten (keineswegs vollständigen) Folge der Uebersetzer-Namen erinnert, wird man finden, baß bie verbienstvolle Sammlung auch einen beachtlichen Beitrag zur Geschichte unseres jahrhundertealten Italien-Traumes und der deutschen Sehnsucht nach dem Süden liefert. Das sorgfältig gearbeitete unb ausgestattete Buch barf in ber Zeit eines neu aufblühenben Kulturaustausches zwischen ben beiben Nationen herzlich willkommen geheißen werben. Hans Thyriot.
schaffen haben, war in einheitlicher, großzügiger Planung vollendete Nachahmung der besten Bauwerke großer künstlerischer Epochen, ein Stadtbild, bas heute der Ausgangspunkt für die großartige Ausgestaltung und Erweiterung geworden ist, bie München als Stadt der deutschen Kunst wie als Hauptstadt der Bewegung durch den vom feinsten künstlerischen Empfinden getragenen Bauwillen bes Führers erfährt. Cortis Werk erschließt uns ben Zugang zu ber Persönlichkeit dieses Königs, ber nicht minder wie in seinem künstlerischen Wollen auch in seinen politischen Auffassungen ein Vorläufer unserer Zeit war. Ludwig, in Straßburg geboren, als Sohn eines Wittelsbachers ber Linie Pfalz- Zweibrücken, ber als General in französischen Diensten stand, dachte großbeutsch sein Leben lang. Niemals hat er das Gefühl tiefer Beschämung ver- gessen, das er als bayrischer Kronprinz im Heerlager Napoleons trotz aller Schmeicheleien des Kaisers empfunden hat, bitter empfand er Bayerns schiefe Stellung in ben Jahren ber deutschen Erniedrigung besonders als Frankreichs Zwingherr in Tirol, immer wieder begehrte er auf gegen die frankophile Politik des Grafen Montgelas, und er ist überglücklich, als sein Vater sich endlich kurz vor
zuzustimmen vermag. (Das sind Erwägungen, die sich schon in den früheren Romanen Molos aufdrängten.) Die dennoch bedeutende, manchmal bewundernswerte Leistung dieses Buches völlig zu überschauen und zu würdigen wird nur der in der Lage fein, welcher die hier anbringenbe, außerordentliche Fülle bes Stoffes einigermaßen beherrscht; man muß bie fünf Bänbe ber vorbilblichen kritischen Ausgabe Erich Schmidts gründlich gelesen haben und aus ber riesigen Flut ber biographisch- monographischen Kleist-Literatur das Meiste unb Wichtigste: nur ber genaue Kenner Kleists, seiner Zeit unb seiner Zeitgenossen wird bei Molo saft auf jeber Seite bestätigt finden, wie außerordentlich be« lesen unb kenntnisreich hier gesammelt, gesichtet, aufgebaut unlX gestaltet würbe. Die einftihlenbe Durchbringung und Erhellung dieses Menschenbildes freilich bleibt bei Molo über alle Quellenstudien hinaus bas Entscheibenbe; hier liegt, wie in ben Romanen um Schiller, Friebrich unb Luise von Preußen, das eigentliche Schwergewicht seiner nach« schöpferischen Gestaltung. Die bichterischen unb vor allem brieflichen Zeugnisse Kleists sind mit ebensoviel öerftänbnis wie Taktgefühl behanbelt unb aus» geschöpft worben. (Hier lagen debrohliche Gefahrenquellen.) Nur einmal, soweit wir sehen können, ist eine Briefstelle nahezu wörtlich in eine Romanszene transponiert worben: es handelt sich um bie Schilderung ber Würzburger Ritter- unb Gespensterge- schichten-Bibliothek, Die ber Dichter auf ber berühmten Reise im Jahre 1800 schaudernb kennenlernte. Sehr überzeugend gelang die wichtige Jugendgerichte (Potsdam, Berlin unb Frankfurt); ein breiter Raum im Gesamtbilbe gehört, mit Recht, Kleists Verhältnis zu ben Frauen, vor allem zu Ulrike, zu Wilhelmine, zu Marie von Gualtieri; gewichtige Stationen der weiten unb wirren Lebens« weise sind ferner ber Thuner See, Paris, Weimar (bie Begegnungen mit Goethe, mit Wieland unb besten Tochter Luise), Königsberg unb ganz zuletzt noch einmal Berlin. Man kann in einem knappen Referat nur Anbeutungen von der Breite unb Dichte, ber Szenen- unb Figurenfülle bes Werkes geben. „Die Geschichte meiner Seele" nannte Kleist, wie bie Freunbe Ernst von Pfuel unb Rühle von Lilienstern bezeugen, seine Tagebuch-Aufzeichnun« gen, bie er später selbst verbrannte: ein ebenso unersetzlicher Verlust wie bas Derschwinben seines Romans. Was Molos Dichtung, im Titel an jene für immer verlorenen Tagebuchblätter anklingenb, vermittelt, ist bas Bild eines großen, früh voll- enbeten, einsamen Menschen unb "Künstlers in seiner Zeit: es wirb bem Leser um so tieferen Einbruck machen, je klarer er sich bewußt ist, was ber Name Kleist in ber Geschichte des beutschen Geistes bebeutet.
Hans Thyriot.
Zeichnungen bes Dichters. 250 Seiten. In Seinen 3,75 Mark. Im Insel-Verlag, Leipzig, 1938. — (316) — Wenn es jemanden geben sollte, der noch keine Zeile von Timmermans gelesen hat, für den wäre das „Licht in ber Laterne" gerade das richtige Buch; unb wenn er dann später, begierig und leselustig geworden, zu den andern Büchern vordringt, so wird er gewahr werden, daß viele charakteristische Züge daraus bereits in dieser Sammlung alter und neuer Geschichten zu finden sind; in ihnen ist, wenn man es recht verstehen will, der ganze Timmer- mans enthalten — vom „Pallieter" bis zum „Fran- ziskus", von den „Delphinen" bis zum „Jesuskind": Der geborene Erzähler, der Realist und der Fabu- lierer, der fromme und der heitere Dichter Flanderns. Seine Freunde werden neben schonen und unvergeßlichen alten auch manche neue Erzählung finden. Die zartesten und dichterischsten Stücke des Buches sind wohl noch immer „Die Flucht nach Aegypten" und „Sankt Nikolaus in Not"; die persönlichsten, in denen Timmermans einmal von sich selber, feinem Leben und seiner Arbeit erzählt, heißen „Meine Kramkommode" unb „Wie ch Erzähler wurde": dieses heiter-besinnliche Prosastück wird manchen Leser an den Besuch des Dichters in Gießen erinnern. Ein reines Phantastespiel voll überströmender Fabulierfreude ist die märchenhafte Erzählung vom geretteten Goinarus unb vom verliebten Meerweibchen Perlamuna. Daneben stehen aber ganz unverblümt realistische Geschichten wie die vom gewalttätigen Bäcker Ambiorix und vom Gustav aus ber „Roten Katze", roie „Die lanbliche Pro- zession" unb „Zmn Königlichen Fladen . Außer dem anmutigen Scherzo vorn Schwe mche n, bas hier seinerzeit mit Recht alle Zuhörer entzückte, finden sich andere Tiergeschichten, von der Eule, vom Has- lein und vom Raden Hans unb besonders die vom Schwein Kringel, bas weder tn die Wurst noch in Hackbraten wollte und am Ende mit dem frommen Einsiedler Antonius ins Paradies fuhr ... Das fugt sich alles zusammen zu einem prächtigen und kurzweiligen Lese- und Dorlesebuch, unb Timmermans hat auch nach alter Weise seine .kleinen indl.ch- phantasieoollen Zeichnungen dazwischengestreut, d e den Text so lebendig und stilvoll begleiten. - D e Übersetzung aus bem Flämischen besorgten Peter Mertens unb Anna 93 a U f °Thyriot.
Deutsches ÄMli« Erlebnis.
— Herbert Nette: Die großen Deutschen in Italien. Dichtung, Briefe und lBerichte. Preis in Seinen geb. 5 Mark. Verlag L. C. Wittich in Darmstadt. — (308) — Es war em hübscher Gebanke, dem Jtalienerlebnis unfern deutschen Volkes em literarisches Denkma au feften. Dabei ist es jeboch bem Verfasser nid) darauf angekommen, auch solche Jtalienrelienbe mi ihren Berichten aufzunehmen, bie wohl beji nielften Lesern dieses Buches zum erstenmal vor Augen kom men. Es lag dem Herausgeber daran dl! Aeug rungen solcher Männer oornehmllchzu.sammeln.dle besonders treue, lebendige ober vielseitige 3eugn j| non ihrer Begegnung mit Italien gegeben haben Der Versuch barj als burchaus gelungen bezeichnet werben. Die vielen burchweg wenig bekannten zett genössischen Bilder gliedern sich gut in den Text ?in Stefan Georges Wort, an die Rom-Fahrer könnte diesem schonen Lesebuchlein als Motto vor °""N euch>ß n!« euch fremde- land g-ward-n, Der weihe land der väter paratnes Das sie erlöst vom nebeltraum im norden, * Das oft ihr fang mehr als die Heimat pries.
_ Italienische Gedichte. Mit ^jbertra- gunaen deutscher Dichter Zufamm-nMektt w>n Korst Rüdiger. 337 Seiten 8,50 !War - svan Rauch Vertag, Leip,ig-Markk e-b-rg 1938. — (311) Die Sammlung stellt sich °„ -,n- f°g. idnop ' rye Ausgabe bar: man liest auf d-r 'nk-n Sette da- itali-nisch- Original, aus der rechten daneben d:e
Das Sebaldusgrab.
— Peter Vischer: Das Sebaldusgrab z u Nürnberg. 44 Bildtafeln. Mit einem Geleitwort von Herbert K ü a s. Im Insel-Verlag zu Leipzig. — (334) — In der Reihe der Kunstbücher ber Insel-Bücherei, aus der wir früher die Darstellungen ber Naumburger und ber Bamberger Domplastik unb auletzt bas farbige Bänbchen mit den kostbaren Holbein-Bildnissen hier angezeigt haben, ist jetzt (als Nr. 330) ein neues erschienen, bas sich mit dem Nürnberger Sebaldusgrab des berühmten Erzgießers Deter Vischer beschäftigt. Sebaldus war, wie die Legende erzählt, ein dänischer Königssohn, der ins Land der Franken zog, diesen das Christentum zu bringen. „Als er nach einem wunderreichen Leben in Frieden entschlafen war und bestattet werden sollte, blieben bie Ochsen, bie den Wagen zogen, an der Peterskapelle zu Nürnberg stehen. Man deutete diele Weigerung aus dem Wunsch des Heiligen, am selben Ort begraben zu sein..." (Eine merkwürdig ähnliche Legende gibt es vom Wendeischrein in Butzbach, worüber m der „Heimat im Bild",1933, Nr. 10 vom 9. März, berichtet wurde.) Mit ber Errichtung des Grabmonumentes wurde Vischer 1488 beauftragt; 1519 war es vollendet. Den meisten wird das Werk dem Namen nach, zum mindesten flüchtig, bekannt fein; die wenigsten aber werden eine voll« kommens Vorstellung vom Ganzen unb von den überaus zahlreichen Einzelheiten haben: hiervon vermittelt bas neue Insel-Bändchen in vorzüglichen Aufnahmen, zu denen der Kunsthistoriker Herbert K ü a s ein erläuterndes Geleitwort schrieb, einen großartigen Eindruck. Man wird gewahr, wie das Werk bes Peter Vischer weit über bas hinausreicht, was man sich etwa heute unter einem Grab oder Grabmal vorstellen würde; dies ist vielmehr ein großes, sehr bewegtes, figuren* unb szenenreiches Monument, in bem sich Heiliges und Profanes, Irdisches unb Mythisches mischt und alles durch formende Phantasie und einen sehr einheitlichen Stil zusammengeschlossen wirb. Neben der Darstellung der Taten bes Sebaldus, des Eiszapfen- Wunders unb ber Heilung des Blinden, wird ben Beschauer vor allem die imposante Reihe der ausdrucksmächtigen Apostelsiguren bewegen, die auf hohen Sockeln bas riesige Grabmal wie himmlische Wächter umstellt haben, während unten die Schmalseiten jeweils von ben Figuren des Heiligen unb des Peter Vischer selbst (mit Schurzfell unb Hammer) beherrscht werben. Hans Thyriot.


