ltr.44 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Dienstag, 22. Zebruar 1958
Neue Ausgrabungen auf dem„Berg der Deutschen".
Nach einem Gespräche mit ^-Gruppenführer Oberst a. O. Reinhard, Führer des Deutschen Reichskriegerbundes.
Don unserem p. M.-Lerichterstatter.
Sage und Dichtung umgeben feit alten Zeiten das Kyffhäufergebirge, jenes schöne Waldgebirge im Herzen Deutschlands, das in einer Urkunde aus dem Jahre 1277 als „Wodansland" bezeichnet wird, dem man aber auch den Namen „Berg der Deutschen" gegeben hat. Von stolzer Höhe schaut das Ehrenmal des Reichskriegerbundes ins Land. Jahrhundertelang währte der Dornröschenschlaf der Ruinen hier, denn schon um 1400 herum berichteten die Chronisten von „wüsten Schlössern aus Kyffhusen". Erst im Herbst 1934 wurde auf Anordnung des Führers des Deutschen Reichskriegerbundes, ^-Gruppenführer Oberst a. D. Reinhard, damit begonnen, diese Stätte großer deutscher Geschichte wieder in einen würdigen Zustand zu versetzen. Mit Unterstützung -des Reichs- arbeitsdienstes begann eine großzügig angelegte Ausgrabung und Untersuchung des gesamten Burggeländes, wobei die Reste von drei selbständigen, in sich geschlossenen Wehr- anlagen freigelegt und interessante frühzeitliche und mittelalterliche Funde geborgen wurden.
0er Kyffhäuserberg, eine altgermanische Kultstätte.
Die Ausgrabungen des Jahres 1937, die sich besonders auf das Gebiet der sogenannten Ober- bura erstreckten, haben nun, wie der Bundesführer, ^-Gruppenführer Oberst a. D. Reinhard, in einer Unterhaltung ausführte, den endgültigen Beweis erbracht, daß die Besiedlung o e s Kyff - Häusers Ausgang des sechsten Jahrhunderts vor der Zeitenwende einsetzte, und daß zu dieser Zeit Germanen auf dem Burgberg saßen. Ob die Germanen als erste auf dem Kyffhäuser gesessen haben oder vor ihnen bereits Kelten die Bergkuppe befestigt hatten, konnte nicht geklärt werden. Keltische Scherben und Bronzeschmuck sind zwar gefunden worden, aber nur in geringer Zahl und nicht in einer verbreiteten zusammenhängenden Siedlunqsschicht. Dagegen spricht die Lage des Kyffhäusergebirges dafür, daß die Kelten den Kyffhäuserberg wenigstens zeitweise als Vorposten haben halten können. Die Wallanlage, die im Verlaufe der Grabungen auf der Nord- und Südseite des Burgberges angeschnitten wurde, ist aber sicher erst den Germanen zuzuschreiben, denn die starke Kulturschicht im toten Winkel des Waldes barg nur germanische Funde, während die keltischen Fundstücke von der Bergspitze stammen. Mit dem Nachweis des germanischen Burgwalles und der reichen germanischen Besiedlung aus dem 6. und 5. Jahrhundert vor der Zeitwende ist auch die germanische Kultstätte gesichert, die man bisher auf dem Kyffhäuser annehmen zu können glaubte.
Ein Turm, den Barbarossa baute.
Bei den letzten Ausgrabungen auf der Oberburg, der größten der drei Befestigungsanlagen, wurde neben großen Teilen der Ringmauer vor allem die Westspitze der Burg freigelegt. Der Kaiser- Friedrich-Turm muß einmal eine Höhe von 30 bis 35 Meter gehabt haben und wurde höchstwahrscheinlich in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts beim Wiederaufbau der 1118 zerstörten Burg aufgemauert. Obgleich Oberst Reinhard alle erreichbaren alten Archive, besonders diejenigen Niedersachsens, hat durchforschen lassen, ist man
auch heute noch nur auf Vermutungen über den Erbauer der ersten Burg angewiesen. Man nimmt an, daß sie auf Heinrich IV. zurückzuführen ist, der sie zur Sicherung des kaiserlichen Besitzes erbaute. Bei den Ausgrabungen hat man umfangreiche Wohnräume, Kelleranlagen und Küchen festgestellt. Man glaubt, daß hier alte Palisadenbauten standen und schließt aus zahlreichen Brandstellen auf alte hölzerne Wehrgänge. Außerhalb der später erbauten großen Umfassungsmauern wurde ein germanischer Burgwall mit außerordentlich hohen Scherbenschichten gesunden. An der Stelle des Kaiser-Friedrich-Turmes stand wahrscheinlich noch früher em hoher Holzturm. Der seit Jahrhunderten überlieferte Name,, Kaiser-Friedrich-Turm" läßt darauf schließen, daß Friedrich I., Barbarossa, selbst das gewaltige Bauwerk hat errichten lassen. Der Germanenwall ist übrigens noch nicht überall durchgegraben; man hat Suchgräben gezogen und ist dabei aus die eng zusammengedrängten Scherbenschichten gestoßen.
Küche nach Norden und Wohnung nach Süden.
Auf der Ostseite des Turms zeigt sich 7 Meter über dem Boden eine schmale Tür als einziger Zugang; unterhalb der Tür lind in der Mauer Kragsteine zu erfemren, bei oenen es sich wohl um die Reste eines Kaminvorbaues handelt, in dem sich der getarnte Aufgang befand. Ein tiefer Halsgraben, der aus dem Felsen des Bergrückens herausgesprengt ist, sicherte dem Westteil der Burg völlig eigene Verteidigungsmöglichkeiten. Die letzten Reste einer früher auf der Ostseite des Halsgrabens vorhandenen Binnenriegelmauer und einer Zugbrücke sind noch zu erkennen. Eine Keller- a n l a g e , die sich bis an die Nordmauer der Burg erstreckt, ist mit außerordentlich starken lehmgebundenen Mauern versehen und liegt unter der ehemaligen Küche, die sich, wie aus überaus zahlreichen Funden hervorgeht, auf der kühleren Nordseite befunden hat, während die Wohnräume auf der Südseite lagen. Eine starke Mauer, die in Verlängerung der Turmostwand nach Norden zur Nordmauer und südlich vom Turm zur Südmauer verläuft, beweist wieder den starken Verteidigungscharakter der Gesamtanlage, denn diese Quermauer legte sich noch einmal wie ein Riegel rechts und links an den Turm an, um zum letzten Male Halt zu gebieten, wenn der Halsgraben im Osten vom Gegner bezwungen war. Von der Nordseite der Oberburg hat man heute einen guten Einblick in die doppelte Wall- und Grabenanlage, die der Burg westlich vorgelagert ist, um ein mögliches Ersteigen auf dem etwas flacher ansteigenden Bergsporn zu verhindern.
Der Burgbrunnen der Oberburg ist mit seinen 176 Metern wohl die t i e f ft e Brunnen- anlage Deutfchlands. Er war bis zu [einer Freilegung, die 1936 Mittels elektrischer Förderanlagen erfolgte, fast bis zum oberen Rande mit Steinen, Schutt und Felsblöcken angefüllt. Der Brunnen ist 1937 mit einem Brunnenhäuschen versehen worden und kann durch einen starken Scheinwerfer bis zum Wasserspiegel übersehen werden.
Kunstschähe wie im Aachener 0om.
Aus der Oberburg konnte eine über alles Erwarten reiche Sammlung schönster frühzeit
licher und mittelalterlicher Kultur- Hinterlassenschaften geborgen werden, darunter eine ganze Anzahl wahrer Kostbarkeiten. Für die Kulturhöhe der Burgbewohner zeugen ein wertvoller romanischer Leuchterfuß mit drei Tierköpfen als Füßen, der ganz unter dem Einfluß des nord- germanischen Tierschlingstils gearbeitet ist, sowie ein Schloßbeschlagstück, dessen Griff in Form eines Adlers gegossen ist. Das sind Schätze, wie sie höchstens noch der Aachener Dom aufweist. Die Scherben zeigen teilweise Verzierungen wie hängende Dreiecke, mit Strichen gefüllt, und wellenförmige Strichmuster. Weiter wurde'v e r k o h l t e s Getreide gefunden, das ein Alter von 2500 Jahren aufweist; wahrscheinlich handelt es sich um Opfergaben. Unter den etwa 300 Bronzestücken befinden sich zahlreiche Amulette, Schmuck- und Belagstücke, sowie Münzen, eine Reihe schön verzierter Schreibgriffel, vergoldete Sattelknöpfe und vergoldetes Sattelbeschlagzeug. Eine Anzahl Zaumzeuganhänger zeigt als Zierelemente Lilien, Kreuze und Greifen.
Die Scherben gehen teilweise bis auf das 6. Jahrhundert vor der Zeitenwende zurück. Das Kyff- häufermufeum ist zu klein geworden, um alle Schätze aufzunehmen.
Auf dem Platze, an dem die Wege zum Denkmal und zum Burghof sich gabeln, wird noch in diesem Sommer auf einer terrassenförmig erhöhten Anlage ein fteinernes Bildwerk Hindenburgs errichtet werden, an dem der Berliner Bildhauer Professor H o s e u s arbeitet. Es wird ein machtvolles Bildwerk in vereinfachten Formen, das die unerschütterliche Ruhe und Entschlossenheit des deutschen Soldaten roiebergibt. Der Marschall des Weltkrieges steht hier als Vorposten und Vertreter ewigen deutschen Soldatentums vor dem Berg der Deutschen, lieber die Wipfel hinweg grüßt ihn der zum Himmel ragende Denkmalsturm als Symbol der Kriegerehre von 1870/71 und der alte Barba- roffaturm als Zeichen mittelalterlicher Mannentreue.
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Aus deutschem Obst - verbilligte Marmelade.
3u Besuch in einer großen Marmelade-Fabrik.
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Beim Abfüllen der fertig gekochten Marmelade aus dem Vakuumkessel. (Aufnahme: Landesbauernschaft.) e
Ausführlich würdigten wir gestern in einem Aufsatz unter dem Titel „Das Nahrungsmittel aus Obst und Zucker" die Aktion der Verteilung verbilligter Marmelade an breiteste Kreise unserer Bevölkerung in Stadt und Land. Gleichzeitig wurde der tiefere Sinn dieser Aktion, vor allem die Notwendigkeit eines gesteigerten Marmelade- Verbrauchs Umrissen. Angesichts dessen, daß die Marmelade als Volksnahrungsmittel eine immer bedeutendere Rolle spielt, erschien es angebracht, einmal eine Stätte der Herstellung dieses nahrhaften Brotaufstrichs zu besuchen. Die Landesbauernschaft gab deshalb der Presse des Rhein- Main-Gebietes Gelegenheit, einen neuzeitlichen Fabrikbetrieb für Marmeladen und Konserven kennen zu lernen. Wir nahmen an dieser Besichtigung teil. Man besuchte den größten derartigen Betrieb im Gebiet der Landesbauernschaft, die Marmeladen- und Konservenfabrik „Helvetia" m Groß-Gerau!
Da sah es denn etwas anders aus, denn in Mutters Küche zur Einmachzeit! Zwar roch es in der Fabrik genau so angenehm und würzig, so aromatisch nach allen
möglichen Früchten, aber im Kochsaal brodelte es in vielen, großen, blitzenden kupfernen Kesseln und es wurde mit anderen Mengen von Früchten und Zuckern umgegangen, wie in der eigenen Küche zur hohen Zeit der Hausfrau.
Allerdings: gegenwärtig kann in einer Marmeladenfabrik der gesamte Verarbeitungsprozeß des Obstes nicht gezeigt werden. Liegen doch die Ernte
zeiten des Obstes sehr verschieden, und so muß man darauf bedacht fein, alle die Früchte über Monate hinweg in ihrer Substanz zu erhalten, jeglichen Verlust zu vermeiden, um sich auch während der Wintermonate mit der Marmelaoe-Her- stellung beschäftigen zu können. Es ist praktisch nicht möglich, die in den Zeiten der Ernte anfallenden Obstmengen kurzfristig genug oder gar von
Schopenhauer und Du.
Zum 15v. Geburtstage des Philosophen am 22. Februar.
Gründet sich auch der Weltruhm Arthur Schopenhauers auf fein Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellun g", so haben doch feine zahlreichen anderen Schriften nicht minder fruchtbar gewirkt. Zu diesen Werken kleineren Umfangs aber gleicher Erkenntnisschärfe, wie sie sein Hauptwerk auszeichnet, gehören auch die „Aphorismen zur Lebensweishei t", die ihre Gültigkeit behalten werden, solange es Menschen gibt, und die den großen Vorzug haben, auch von philosophisch nicht vorgebildeten Lesern verstanden zu werden, zumal diese Lebensweisheiten bald mit feinem, bald mit polterndem Spott durchtränkt find.
Indem Schopenhauer das Wort des Franzosen Chamfort „Das Glück ist ein schwierig Ding. In uns finden wir es nur sehr schwer und gar nicht außer uns" seinen Aphorismen voranstellt, wendet er sich nicht rtur an den einzelnen Menschen, an das Du, sondern er leitet damit auch sofort zu einer wichtigen Tatsache über: „Jeder steckt in feinem Bewußtsein, wie in seiner Haut, und lebt unmittelbar nur in demselben; daher ist ihm von außen nicht sehr zu helfen". Von dieser Tatsache ausgehend, durchwandert Schopenhauer alle Gebiete des Lebens. , . , . . t
Von der Heiterkeit.
Was uns am unmittelbarsten beglückt, ist die Heiterkeit des Sinnes: denn diese gute Eigenschaft belohnt sich augenblicklich selbst. Wer eben fröhlich ist, hat allemal Ursach es zu sein: nämlich eben diese, daß er es ist. Nichts kann so sehr, wie diese Eigenschaft, jedes andere Gut vollkommen ersetzen; wahrend sie selbst durch nichts zu ersetzen ist. Einer fei jung, schön, reich und geehrt; so fragt sich, wenn man sein Glück beurteilen will, ob er dabei heiter fei? Ist er hingegen heiter, so ist es einerlei, ob er jung oder alt, gerade oder bucklich, arm oder reich sei- er ist glücklich! Dieserwegen also sollen wir der Heiterkeit, wann immer sie sich einstellt, Tur und Tor öffnen: denn sie kommt nie zur unrechten <jeit.
. . . und von der Gesundheit.
Wie sehr unser Glück von der Heiterkeit der Stimmung und diese vom Gesundheitszustände abhängt, lehrt die Vergleichung des Eindrucks, den die nämlichen äußeren Verhältnisse oder Dorfalle am gesunden und rüstigen Tage auf uns machen m t dem welchen sie hervorbnngen, wann KraiiklMirett uns'verdrießlich und ängstlich gestimmt hat Nicht, was die Dinge objektiv und, wirklich sind, sondern was sie für uns, in unserer Auffassung sind, macht
uns glücklich ober unglücklich. Ueberhaupt aber beruhen neun Zehntel unseres Glückes allein auf der Gesundheit. Mit ihr wird alles eine Quelle des Genusses. Hieraus aber folgt, daß die größte aller Torheiten, feine Gesundheit aufzuopfern, für was es auch fei, für Erwerb, für Gelehrsamkeit, für eitlen Ruhm, geschweige für Wollust und flüchtige Genüsse.
Wie bleibe ich gesund?
Man Härte sich dadurch ab, daß man dem, Körper, sowohl im ganzen,, wie in jedem Teile, so lange man gesund ist, recht viel Anstrengung und Beschwerde auflege und sich gewöhne, widrigen Einflüssen jeder Art zu widerstehen.
Der Muskel wird durch starken Gebrauch gestärkt; der Nerv hingegen dadurch geschwächt. Also übe man seine Muskeln durch jede angemessene Anstrengung, hüte hingegen die Nerven vor jeder; also die Augen, ebenso die Ohren, vorzüglich aber das Gehirn vor gezwungener, zu anhaltender upd unzeitiger Anstrengung. Besonders gebe man dem Gehirn das zu seiner Erfrischung nötige volle Maß des Schlafes; denn der Schlaf ist für den ganzen Menschen, was das Aufziehen für die > Uhr. Das nötige Maß des Schlafes zu überschreiten, wäre jedoch Zeitverlust, weil b*ann der Schlaf an Wirkung verliert, was er an Ausdehnung gewinnt.
23 o m Reichtum, Vermögen und Besitz.
Der Reichtum gleicht dem Seewasser: je mehr man davon trinkt, desto durstiger wird man!
Vorhandenes Vermögen soll man betrachten als eine Schutzmauer gegen Unfälle; nicht aber als eine Erlaubnis oder gar Verpflichtung, die Vergnügen der Welt herbeizuschaffen.
Ich meine, wir sollten das, was wir besitzen, bisweilen so anzusehen uns bemühen, wie es uns vorschweben würde, nachdem wir es verloren hätten.
Von der Phantasie.
In allem, was unser Wohl und Wehe betrifft, sollen wir die Phantasie im Zügel halten: also zuvörderst keine Luftschlösser bauen; well diese zu kostspielig sind, indem wir sie gleich darauf unter Seufzern wieder einzureißen haben. Aber noch mehr sollen wir uns hüten, durch das Ausmalen möglicher Unglücksfälle unser Herz zu ängstigen.
Dom Schicksal.
Unser Lebenslauf ist keineswegs schlechthin unser eigenes Werk, sondern das (Ergebnis zweier Großen, nämlich der Reihe der Begebenheiten und der Reihe unserer Entschlüsse, welche stets inemander- greifen und sich gegenseitig bestimmen.
Das Schicksal mischt die Karten und wir spielen. (Aber auch:) Was die Leute gemeiniglich das
Schicksal nennen, sind oft nur ihre eigenen dummen Streiche.
Alles*was geschieht, vom Größten bis zum Kleinsten, geschieht notwendig.
Leben und Tod.
Das ganze Leben ist ein Kampf, jeder Schritt wird uns streitig gemacht. Daher ist es eine feige Seele, die, sobald Wolken sich zusammenziehen oder wohl gar nur am Horizont sich zeigen, zusammen- schrumpst, verzagen will und jammert. Solange der Ausgang einer gefährlichen Sache noch zweifelhaft ist, darf an kein Zagen gedacht werden, sondern nur an Widerstand.
Das Höchste, was ein Mensch erreichen kann, ist ein heroischer Lebenslauf.
Wer für fein Volk in den Tod geht, ist von der Täuschung frei geworden, welches das Dasein auf die eigene Person heschränkt: er dehnt sein eigenes Wesen auf feine Volksgenossen aus, in denen er fortlebt, ja auf die kommenden Geschlechter, für welche er wirkt — wobei er den Tod betrachtet wie das Winken der Augen, welche das Sehen unterbricht.
So sprach Schopenhauer! Wem das kleine Kapitel großer Lebensweisheit allzu klein ist, der nehme die Aphorismen selbst zur Hand. Vielleicht läßt sich der eine oder der andere auch bestimmen, noch weiter zu greifen und sich zu vertiefen in bas Lebenswerk dieses Philosophen, der — nehmt alles nur in allem — einer der erhabensten Geister Deutschlands gewesen ist.
? Dr. Friedrich Bubendey.
Lichtspielhaus: „Brillanten." ,
Kriminalstücke sind hier gegenwärtig die große Mode. Dies ist eins mit komischen Pointen, aus- gebaut auf dem feit altersher beliebten Doppelgänger-Motiv. Auf der Bühne ist das stets ein nicht völlig gelostes Problem geblieben; der Film hat es zu einer seiner Trick-Spezialitäten entwickelt. Hier handelt es sich um einen raffiniert angelegten Schwindel mit einem kostbaren Brillantschmuck; die Fäden laufen von einem Spielfaal in San Franzisko nach der Edelsteinstadt Amsterdam, und es ist einer der hübschesten Züge in diesem von Eduard von Borsody geschmeidig und großzügig in Szene gesetzten Film, daß er eine Reihe sehr anziehender Aufnahmen aus dem internationalen Juwelenhandelsplatz festgehalten hat. Mit dem Kriminalfall ist natürlich, wie es sich gehört, eine Liebesgeschichte verquickt, auch tut man einen der stets beliebten Blicke in die Welt eines großen Varietes und erlebt den Aufstieg einer namenlosen Tänzerin zum ungeahnten Erfolg: die Drehbuch
autoren Emil B u r r i und Walter Forster haben die Karten gut gemischt, um das Spiel zu einer fesselnden Unterhaltung zu machen. Darstellerisch interessiert in erster Linie ein neuer Mann: Hans Olden, der den Hochstapler Lamont mit einer bemerkenswerten Einfühlungsgabe spielt und sich mit komödiantischer Sicherheit und Wendigkeit in feiner Doppelrolle zurechtfindet. Hansi K n o t e ck sieht man hier von einer Seite, von der man sie kaum zu sehen erwartet hätte; nicht „Seelchen" und nichts von Ganghofer, sondern ein Revuestar mit schlanken Beinen, dazu als Gegentyp die vielseitig begabte Hilde Korber und als Partner Viktor Staat, der hier einmal mit Temperament und Energie aus sich herausgehen darf. Ferner Brausewetter, der mit Humor noch immer einen netten, großen Jungen spielt, und Aribert Wäscher, der mit beschwörenden Gebärden eine groteske Mischung aus Whiskyrausch und spiritistischer Besessenheit zum Besten aibt. An der Kamera stand Günther Anders; Lothar Brühne schrieb die Musik. - (Ufa.)
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Im Beiprogramm läuft ein Kulturfilm „Jugend am Motor" und die neue Wochenschau der Bavaria.
Hans Thyriot
Gtraßenkampf mit dem Wildschwein.
Ein merkwürdiger Vorfall spielte sich in dem französischen Städtchen Conde-sur-Escaut ab. Gegen Einbruch der Dunkelheit war in einer Straße ein junges Mädchen von 16 Jahren, Mlle. ßinionce, gerade von ihrem Fahrrad gesprungen und unterhielt sich mit einem Briefträger. Da tauchte dicht vor der Gruppe eine dunkle Masse auf, die im Galopp herankam, auf die beiden jungen Leute einstürmte und sie zu Boden warf. Der Briefträger, der nicht wußte, wie ihm geschehen war, blieb ein paar Augenblicke verwirrt liegen, während das junge Mädchen halb ohnmächtig über ihr Rad hingeworfen verharrte. Inzwischen machte der wilde Angreifer plötzlich kehrt und stürzte sich aufs neue auf das Mädchen. Die wenigen Zeugen der Szene erkannten in dem Tier ein Wildschwein, das mit den Hauern sein unglückliches Opfer bearbeitete. Von allen Seiten strömten jetzt die Nachbarn mit Stöcken ober Heugabeln bewaffnet zur Befreiung des Mädchens herbei. Vor dieser drohenden Menge ergriff das Wildschwein die Flucht und verschwand ebenso schnell wie es gekommen war. Es nahm seine Richtung in das Gehölz von Bon Secours, von den herbeigerufenen Gendarmen auf Rädern verfolgt. Das Mädchen wurde mit ernsthaften Verletzungen aufgehoben. Seltsam ist, daß man in den Wäldern der Umgegend bisher noch niemals ein Stück Schwarzwild gespürt hat.


