Schwurgericht in Gießen.
Gestern trat das Schwurgericht am Landgericht Gießen zur ersten Verhandlung der lau>enden Schwurgerichtsperiode zusammen. Den Vorsitz führte Landgerichtsdirektor Dr. Speckhardt. Die Anklage vertrat Assessor Dr. Schuchmann.
Angeklagt waren wegen Meineids die neunzehnjährige Elisabech Loch aus Zeilbach (Kreis Alsfeld) und wegen Anstiftung dazu der W. Stark aus Nidda. Der Angeklagte Stark war im Jahre 1934 in der Gemeinde Zeilbach tätig. Dort lernte er die damals 15jährige Loch kennen und trat mit dieser in strafbare Beziehungen? Ein mit Start verfeindeter Einwohner der Gemeinde erhob deswegen gegen diesen Anzeige. Es wurde dann gegen den Anzeiger ein Verfahren wegen Beleidigung eingeleitet. In dem sich daraus entspinnenden Prozeß wurde von dem Zeugen und damaligen Angeklagten behauptet, daß Stark das Mädchen vergewaltigt habe. Daraufhin wurde dieses Verfahren ausgesetzt und gegen Stark ein Verfahren wegen Sittlichkeilsverbrechens eingeleitet, welches jedoch eingestellt wurde. Im Laufe der damals schwebenden Ermittlungen wurde die Angeklagte Loch von dem Amtsgericht Ulrichstein informatorisch gehört. Dabei gab sie zu Protokoll, daß die von dem Zeugen in dem Beleidigungsprozeß ausgestellten Behauptungen über ihr Verhältnis zu Stark den Tatsachen entsprächen. Dies führte dazu, daß Stark aus seinem Dienst entlassen wurde. Nunmehr trat dieser mit der Angeklagten in Derbinüuna und setzte zwei Briefe auf des Inhalts, daß ihre Aussage vor dem Richter in Ulrichstein nicht richtig gewesen sei. In den Briefen wurde zwar zugegeben, daß es zwischen den beiden Angeklagten zu Beziehungen gekommen rft, allerdings erst nach Vollendung chres 16. Geburtstages. Die beiden Briefe wurden von der Angeklagten unterzeichnet unb an das Amtsgericht Ulrichstein, sowie an den Vorgesetzten Starks abgesandt. Dabei schärfte ihr Stark ein, die Briefe eigenhändig zu falten und wegzuschicken, damit bei einer etwaigen chemischen Untersuchung keinerlei Fingerabdrücke oder sonstige Verdachtsmomente, daß er seine Hand dabei hn «Piel gehabt hätte, festgestellt werden könnten. Außerdem verbot er ihr, mit irgend einem Menschen über diesen Vorgang zu sprechen. Auf Grund der Briefe wurde das Verfahren gegen den Zeugen wegen Beleidigung weiterbetrieben, das schließlich mit dessen Verurteilung endete.
In der damaligen Hauptverhandlung vor dem Amtsgericht lllricgftein beschwor die Angeklagte, daß sie vor ihrem 16. Geburtstag mit dem Angeklagten nicht in Beziehungen getreten sei, und weiterhin, daß sie die bechen Briefe aus eigener Initiative und vollkommen selbständig verfaßt und ab- gefandt habe. Auf Grund dieses Ergebnisses durfte der Angeklagte seinen Dienst wieder aufnehmen. Schon kurze Zeit nach dem Prozeß wurde festgestellt, daß Stark wenige Tage vor dem Termin die Loch, die mittlerweile in Gießen eine Stellung angenommen hatte, bott ausgesucht und mit* * ihr Verhandlungen gepflogen hatte. Ebenfalls konnte ermittelt werden, daß er am Verhandlungstage in Saasen zu ihr ins Abteil gestiegen war und sich mit ihr über den Prozeß unterhalten hatte.
Diese Verdachtsmomente führten zu dem gestrigen Verfahren. Gegenstand der Anklage war die zweite Behauptung der Loch, sie habe den Brief selbständig abgefaht. In der gestrigen Hauptver- handlung war die Stngetlagte restlos geständig. Sie gab unumwunden zu, von Stark die Anweisung erhalten zu haben, mit niemanden darüber zu sprechen, daß er der Verfasser der beiden Briefe sei, und sie gestand auch, daß der Angeklagte ihr im
Zug nochmals eindringlich zugeredet habe, auch vor Gericht in diesem Punkte standhaft zu bleiben. Ueberraschenderweise erweiterte sie dieses Geständnis noch dahin, daß die näheren Beziehungen zwischen ihnen schon vor Vollendung ihres 16. Lebensjahres bestanden hätten, obwohl Anklage in diesem Punkte überhaupt nicht erhoben war. Da der Angeklagte Stark. vor dem Amtsgericht Ulrichstein ebenfalls beschworen hatte, der Zeitpunkt ihrer näheren Beziehungen sei erst nach dem 16. Geburtstage gewesen, wurde auch er auf Grund dieses Geständnisses eines vollendeten Meineides überführt. Die verfahrensrechttichen Bestimmungen gestatten nicht, daß der Angeklagte wegen dieses Verbrechens gestern mit abgeurteilt werden konnte, so daß er sich demnächst erneut wegen Meineides zu verantworten haben wird. Im Gegensatz zu dieser Darstellung blieb der Angeklagte St. dabei, sie nicht zum Meineid angestiftet zu haben. Er gab wohl zu, die Briefe verfaßt zu haben und ihr aufgetragen zu haben, darüber Stillschweigen zu bewahren. Dies wollte er jedoch nicht in dem Sinne verstanden haben, daß sie vor Gericht die Unwahrheit sagen solle. Mit der Besprechung in der Bahn vor dem Termin habe er lediglich beabsichtigt, der Angeklagten etwas Mut zuzusprechen.
Der Vertreter der Anklagebehörde bezeichnete das Geständnis der Angeklagten als durchaus glaubwürdig und hielt auf Grund dessen auch den Angeklagten Stark trotz seines beharrliches Bestreitens für überführt. Er beantragte gegen die Angeklagte Loch die Mindeststrafe von einem Jahr Zuchthaus, gab ihr jedoch anheim, ein Gnadengesuch einzureichen. Gegen den Angeklagten Starck hielt er ebenfalls eine Zuchthausstrafe von einem Jahr für ausreichend, allerdings mit Rücksicht auf fein ungleich größeres Verschulden ohne den Hinweis auf ein Gnadengesuch.
Der Verteidiger der Angeklagten Loch schloß sich diesen Ausführungen an und beantragte gleichfalls, auf die Mindeststrafe zu erkennen. Der Verteidiger des Angeklagten Stark wies in längeren Ausführungen darauf hin, daß die Schuldfrage einzig und allein davon abhänge, wem das Gericht von den beiden Angeklagten Glauben schenke. Er beantragte daher Freispruch für seinen Mandanten.
Nach längerer Beratung kam das Gericht zu folgendem Urteil: Die Angeklagte Loch wurde wegen Meineides zu der gesetzlichen Mindeststrafe von einem Jahr Zuchthaus, sowie zwei Jahren Ehrverlust verurteilt. Der Angeklagte Stark er- hiett wegen Anstiftung zum Meineid ein Jahr drei Monate Zuchthaus und Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf drei Jahre. Beiden Angeklagten wurde die Fähigkeit zur Eidesleistung auf Lebenszeit aberkannt. In der Urtellsbegrün- bung führte der Vorsitzende aus, daß das Gericht dem Geständnis der Angeklagten gefolgt sei, da gar kein Grund für die Angeklagte bestehe, sich eines Verbrechens zu bezichtigen, wenn sie es nicht begangen habe. Im übrigen werden die Dar^ ftellungen der Angeklagten durch verschiedene Momente gefeftigt. Der Angeklagte Stark habe schon bei seiner Anweisung, den Brief zu fallen, um Fingerabdrücke von seiner Person zu vermeiden, gezeigt, daß er auf lange Sicht gearbeitet habe und zum Aeußersten entschlossen gewesen sei. Dieses Bild runde sich noch durch den Besuch in Gießen und dos Aufsuchen in der Bahn ab. Die ganze Anlage des Vorgehens des Angeklagten hätte bei Gericht jeden Zweifel an feiner Schuld ausgeschlossen. Gegen den Angeklagten Stark wurde sodann Haftbefehl erlassen und Stark abgeführt.
der Anfuhrrainpe weg sofort zu Marmelade zu derarbeiten. So muß also ein großer Obstoorrat in Silos! Das geschieht nun folgendermaßen. Alles Obst wird fauber gewaschen, dann gedämpft und schließlich wird die gedämpfte Frucht durch eine „Passiermaschine" Getrieben, in der sich reinlich das Fruchtmark von Kernhaus, Kernen oder Schalen scheidet. Das Fruchtmark selbst, eine wunderbar zarte, duftende Masse, wird mit edlen Konservie- rungsftoffen versetzt und entweder in große Silos oder in sorgfältig vorbereitete große Fässer gefüllt. So liegen gegenwärtig in der Marmeladenfabrik Groß-Gerau im wahrsten Sinne des Wortes ungeheure Mengen Fruchtmark konserviert für die allmähliche Bearbeitung bereit. Bis zur neuen Ernte müssen dann Silos und Fässer wieder leer sein.
Jetzt wird also Marmelade in den verschiedensten Zusammenstellungen aus den Fruchtmarkvorräten gekocht. So entstehen im Zuge der großzügigen Herstellung verbilligter Marmeladen Kombinationen non Himbeer-Apfel, Erdbeer-Apfel, Apfel-Erdbeer-- Zwetschen-Trauben (Vierfruchtmarmelade) u. a. m. Alle diese Marmeladen werden aus dem reinen Fruchtmark hergestellt, bestehen also lediglich zu gleichen Teilen aus Fruchtmark und Zucker, aus einem Zusatz von edlen Gewürzen und etwas Stärkesyrup (aus Kartoffelstärke oder Mais gewonnen), der dafür sorgt, daß die Marmelade mit dem Erkalten Schnittfestigkeit erhäll.
Da standen wir denn daneben,, wie im Kochsaal eine Schüssel nach der anderen voll Fruchtmark in die Kupferressel wanderte, Zucker sackweise zuge- schüttet und eingerührt wurde, wie mit Hilfe heißen Dampfes fünf Minuten gekocht wurde und dann die ganze Masse (jeweils 334 Kilogramm) in einei^, zweiten Kochkessel (im Stockwerk darunter) floß und dort unter luftleerem Raum und bei nur 50 Grad Celsius noch einmal sieben Minuten gekocht wurde. Während dieses zweiten Kochens wurde der Wafsergehall mit Hilfe des „Refraktometers"' ständig überprüft, denn der Wassergehalt darf eine bestimmte Menge nicht übersteigen. Und dann wurde aus dem Kessel ummttelbar in 12V2= Kilo-Eimer abgefüllt. Das alles geschieht hygienisch etnroanbfrei! Stets werden die Erzeugnisse wijsen- schaftlich im Laboratorium der ffabrit, aber auch von den staatlichen Nahrungsmittel-Untersuchungsbehörden nachgeprüft. Für die verbilligte Marmelade sind besonders strenge Bestimmungen einzuhallen.
So ist also diese „verbilligte" Marmelade nicht etwa ein „billige" Marmelade, im Sinne von „weniger wertvoll", sondern ein vollwertiges unreines Erzeugnis, dem gerechterweife alles Vertrauen entgegengebracht werden darf.
Aus der Stadl Gießen.
Betrachtungen vor dem Thermometer.
Wir sind überfallen worden. Die Kälte tarn, als die Fruhlingspoeten schon gute Tage witterten, im Moos Schneeglöckchen erwachen wollten, Primeln, vielleicht die ersten frechen Krokusflämmchen. lieber Nacht war der frühe Spuk vorbei. In die Maskenbälle und Damensitzungen schwebte vermummtes und geputztes Volk vergnügt mit offenem Mantel, aber wer früh heraus kam, also spät und eben deswegen früh, der wurde wie mit Ruten geschlagen.
Der Winterwind war erwacht. Es mar eine Attacke, an die wir nicht mehr dachten. Jeder Mensch ist von Natur aus optimistisch. Dann kommt ein Winterwind und bläst die ganze Frühlinas- zuversicht hinweg. (Dabei sind wir, wenn wir die .Wahrheit bekennen, froh um die Kälte. Es war uns ohnehin nicht ganz wohl bei dieser seltsam verdrehten Wttterung. Lieber jetzt kalt, als im Mat!)
Noch einmal sind mir an den Ofen gescheucht, die Straßen sind sellsam leer, die Doppelfenster erfüllen ihren Daseinszweck und die Tritte der frühen Boten hallen: Milchmann, Briefbote, Bäckerjunge.
Etwas reckt sich und heißt: Februar 1929. War es schön damals? Die Erinnerung: Der Ritt über den Strom, die arktische Landschaft des Flusses, die tödliche, schwarze Einsamkeit der Pappeln. Es war, als wollte die Welt nicht mehr auftauen. Die Erinnerung macht das Bild von damals großartig,
Oie Mädchen aus der Burgflraße.
Roman von Hilde X Lest.
23 Fortsetzung. ■ (Nachdruck verboten.)
„Dielen Dank, Herr Schulmeister, ich werde das alles getreulich befolgen. Nun sagen Sie mir aber endlich, wer Sie sind, damit ich weiß, wem ich für meine Rettung dankbar sein darf."
„Nicht, so lange Sie diesen überheblichen Ton beibehalten. Ich will Ihnen gestehen, daß ich Ihnen heute nur aus Neugierde nachgegangen bin, verehrtes Fräulein Carla. Ja, ich kenne Ihren Namen, und ich weiß auch sonst einiges von Ihrem Dasein. Eben daher kam meine Neugier, ich wollte mehr erfahren. Jetzt ist mein Interesse erheblich gestiegen. Ich brenne darauf, zu erfahren, wie lange Sie Ihre Rolle spielen, die Ihnen gar nicht liegt. Ich wurde Ihnen gerne behilflich fein, wieder etwas festeren Boden zu gewinnen."
„Wenn ich aber auf Ihre Hilfe verzichte —?"
Der Fremde hob die Schultern. „Sie werden nicht verzichten? Denn ich will Ihnen hinreichend Zeit lassen, sich zu überlegen, ob Sie unter den Menschen, die Sie kennen, nicht auch einen haben wollen, der Ihnen keine Flöhe ins Ohr setzt, der Sie nicht anhimmelt, aber auch nicht nach der Rolle einschätzt, die Sie augenblicklich spielen und — merken Sie sich das wohl — der auch gar nichts anderes fein kann als ein guter Freund, weil es chm verwehrt ist, sich an eine Frau zu binden."
Er klemmte sich mit den Ellenbogen ans Ge länder, entnahm seiner Brieftasche eine Karte und einen Umschlag, steckte die Karte in den Umschlag, verschloß diesen und sagte: „Segen Sie das, bitte, in die tiefste Schublade Ihres Schrankes. Sind Sie mit sich zufrieden, so vergessen Sie es. Sollten Sie aber unzufrieden werden, so bedienen Sie sich der Telephonnummer, die unter meinem Namen sieht. Und nun gehen Sie nach Hause, die Luft ist inzwischen rem geworden."
„Wollen Sie mich nicht begleiten?"
„Nein", war die Antwort, „wir wollen das Spiel wieder von vorne beginnen." Er stieg erst wieder über das Geländer, als Carla im Hausflur verschwunden war.
Carla stand in ihrem Zimmer vor dem Spiegel und nahm den Hut ab. Sie warf die dunklen x Locken aus der Stirn und sah sich prüfend an. x Brrr! Sie hatte sich heute keine Lorbeeren geholt,
aber die Wirklichkeit war — kalt, einfach hundekalt, war Frieren, Einmummen, Augen, die tränten vor Frost, arme Vögel, die za hunderten starben, bis auf das seltsam zäh? Volk der Raben. Soll es noch einmal so werden, wie damals, wo viele zum erstenmal einen blassen Schimmer davon bekamen, was sie bedeuten, die großen Namen Alaska, Aukon-Fluß, Grönland und Spitzbergen?
Nein, mir sind nicht begierig auf eine Wiederholung des Februar 1929. Rechtschaffen kalt? Ja. Aber die Starre, die damals über der Erde lag, die träumt niemand gern zurück. • k.
und die Gardinenpredigt war ihr gut. bekommen, wenn auch — zum Teufel! — wenn sie auch eine Unverschämtheit war. Sie hätte ihn einfach stehen- lasien sollen. War sie ein Schulmädel, das wildfremde Leute auf der Straße abkanzeln konnten? Da lag der verschlossene Umschlag auf dem Tisch. Oeffnen? Natürlich rechnete er damit, daß sie ihn öffnen würde, sei es auch aus bloßer Neugierde. Nun erst recht nicht! Sie verschloß den Umschlag in der untersten Schublade des Wäscheschrankes.
.15. . '
Am nächsten Tag erschien Herr Viereck am Mittagstisch der Mutter Lenz und bat, fortan ihr Gast sein zu dürfen. Er widmete Carla eine formvollendete Verbeugung, scherzte mit Ursel und ihrem Verlobten, schien aber sonst nur für Lisbeth da zu sein. Die beiden sprachen miteinander wie zwei Leute, die sich seit langem fennm, und Carla glaubte in Lisbeths Stimme einen wärmeren Ton Zu vernehmen, den die Schwester Männern gegenüber nicht anzuschlagen pflegte. Sie suchte vergebens ihren Aerger zu bekämpfen. Gewiß, sie hatte Viereck längst vergessen. Mußte er sie deshalb wie Luft behandeln?
Professor Mollwitz flötete ihr in aufdringlicher Weise Komplimente über den Tisch zu. Viereck sah sekundenlang zu ihr hin, und um seine Lippen zuckte ein verdächtiges Lächeln.
Also Spott! Ursel, die kleine Ursel, die kein Mensch für voll genommen hatte, verlobte sich ohne viel Federlesens mit dem Assessor, der doch nur Carlas wegen ins Haus gekommen war. Lisbeth, die spröde Lisbeth, schien sich mit Herrn Viereck zumindest gut zu vertragen. Ihr blieb — Professor Mollwitz, die komische Figur dieser Tafelrunde, die komische Figur auch dieser Reise, die sie zu dritt unternommen hatten. Viereck konnte aus guten Gründen spotten. Aber so leicht sollte ihnen allen der Triumph nicht fallen'.
Sie wandte sich plötzlich dem Professor zu. In ihren großen braunen Augen funkelten helle Lichter, ihre Sippen reihten Satz an Satz, ein in allen Farben sprühendes Feuerwerk weiblichen Witzes. Bald schwiegen die andern ringsum, die Beamten unterbrachen ihre Gespräche, die ältlichen Fräuleins stießen sich mit den Ellenbogen an. Man horte nur Carla. Dann begann Mollwitz, aus seinem Seben M erzählen, von seinen großen Erfolgen, von seinem schönen Haus an einem stillen See, dem leider die Herrin fehle, vom Winter in Stockholm und seinen Festen, von weiten Reisen zu den Schätzen der Welt, Und Carla pflichtete ihm bei, bewunderte ihn, hielt seine Blicke fest---
Dornoiiren.
Tageskalender für Dienstag.
Stadttheater: 20 bis 23.15 Uhr „Clivia". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Wie einst im Mai". — Sichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Brillanten". — Ober- hessischer Kunstoerein: Ausstellung im Turmhaus am Brand.
Siadttheaker Gießen.
Heute um 20 Uhr finbet eine Wiederholung des Operettenerfolges „Clivia" von Nico Dostal ftatt. Musikalische Seitung Heinz Markwardt, Spielleitung
Am folgenden Tag glaubte sie feststellen zu können, daß keiner an der Tafelrunde noch zu Spott neigte, auch Herr Viereck nicht. Er ,aß unruhig auf feinem Stuhl. Er schien sich nicht mehr ausschließlich Lisbeth zu widmen. Wenn er .Carla anblickte, lag es wie Besorgnis in feinen Augen. Da sandte sie ihm zur Entgegnung ein strahlendes Lächeln, und immer häufiger kreuzten sich ihre Blicke, und sie hatte auf seine stummen Fragen immer nur die Antwort dieses Lächelns, das man deuten konnte, wie man wollte.
Als der Professor, zufrieden wie ein satter Pfau, gegangen war, erhob sich auch Carla und bemerkte, daß sie dringend beschäftigt sei. Mutter Lenz und ihre beiden Töchter blieben mit Viereck und dem Assessor allein zurück.
„Bleiben Sie noch!" bat Mutter Lenz, als Viereck gehen wollte. „Sie haben Carla recht gut kennengelernt. Sie macht mir schwere Sorgen. Wissen Sie ihr Verhalten zu deuten?"
„Carla ist unberechenbar", sagte Lisbeth. ,Wenn sie uns nur ein glänzendes Schauspiel vormachen wollte, könnte sie sich auf den Mittggstisch beschränken. Aber sie ist dauernd aus dem Haus, obwohl sie zur Zeit nichts auf der Universität' zu tun hat. Mit wem? das ist unschwer zu erraten."
„Ich glaube trotzdem nicht daran", sagte Viereck, „aber es müßte sich schließlich fefffteCen lasten ..."
Da traf ihn ein Blick Lisbeths, der ihn den Satz nicht zu Ende sprechen ließ. Er verabschiedete sich, um, wie er sagte, mit Lisbeth zur Arbeit zu gehen. Vor dem Hause blieb er stehen.
„Mir ist heute nicht mehr nach Arbeit zumute", sagte er, „mich dürstet nach ftischer Luft."
„Es ist gut", erwiderte Lisbeth, „bann auf morgen!"
„So ist das nicht gemeint. Nicht ohne Sie! Sie haben frische Luft noch mehr verdient als ich. Ist es sehr schlimm, wenn ich Sie bitte, diese Lust mit mir zu teilen?"
„Es ist nicht das Schlimmste an Ihnen."
„Recht so, Lisbeth, man muß mtzh nehmen, wie ich bin. Kommen Eie."
„5d> komme ja schon. Wollen Sie mir nicht we- nigstens sagen wohin?"
„Ich würde Vorschlägen: aufs erste in die Fennstraße."
„Ein seltsamer Vorschlag. Sollte da die Lust gar so frisch sein?" P
„Wir könnten da meine Maschine holen."
„Und bann?"
„Dann gibt 5 frische Luft, so wahr ich hier stehe" Sie fuhren in die Fennftraße, und Viereck holte seine Maschine aus dem Stall. Sie war ein schwe-
Karl-Ludwig Lindt, Leitung und Einstudierung der Tänze Irmgard Zenner, Bühnenbild Karl Löffler. Die Vorstellung findet als 20. Vorstellung der Dienstag-Miete ftatt Ende 23-15 Uhr.
Slaatsfchaufpieler Paul Wegener im Sladilheaker.
Die Intendanz des Stadttheaters hat den Staats- schauspieler Paul Wegener (Berlin) für ein ein« maliges Gastspiel am Donnerstag, 24. Februar, verpflichtet. Paul Wegener gaftiert mit eigenem Berliner Ensemble in „Kollege Crampton", Komödie in fünf Akten von Gerhart Hauptmann. Spielleitung: Paul Wegener. Dühnenblider: Karl Löffler. Die Vorstellung findet außer Miete statt. Anfang 20 Uhr, Ende 22.30 Uhr.
Gießener ttonzerkverein.
Man schreibt uns: Einen Genuß auserlesenster Art wird am kommenden Sonntag ein Kammermusik-Abend des ausgezeichneten Quartetto di Roma bringen. Diese vorzügliche römische Duartettoereini* gung kommt auf ihren Gastspielreisen feit mehreren Jahren auch nach Deutschland, zur Freude jedes anspruchsvollen Kammermusikverehrers, und so wird es auch jeder Freund dieser edelsten musikalischen Kunst in Gießen dankbar begrüßen, daß es dem Konzertverein möglich gewesen ist, dieses wundervolle Stteichquartett zu einem Konzert zu verpflichtet. Wertvollste alte italienische Mersterinftrumente erklingen unter den Fingern dieser vier Meisterspieler. Pressekritiken heben überall hervor, daß die Darbietungen in jeder Hinsicht vollkommen sind. Oberhessische Gesellschaft für Natur- und Heilkunde.
Am morgigen Mittwochabend Vortrag von Professor Standsuß über „Seefische als Nahrungsmittel."
TLS<3» „Lraft durch Freude", kreis Gießen. Theatervorstellung.
Samstag, den 26. Februar 1SZÜ, Beginn 20 Uhr, SdF.-Miete. Gruppe I (10. Vorstellung),
„£abg Windermeres Facher".
Komödie in 4 Akten von Oskar Wilde.
Eintrittskarten zu —,90 und 1,— R2IL find In der Verkaufsstelle Selters weg 60 und bei den Be- lriebswarten erhältlich.
Am 28. Februar 1938 fahren Omnibusse zum Rosenmontagszug nach Mainz. Fahrpreis beträgt 4.40 RM. Anmeldungen Seltersweg 60. 1152V
NSDAP., Ortsgruppe Gieße«-Nord.
Am Donnerstag, 24. Februar, finden um 20.30 Uhr folgende Zellenabende statt:
Zelle 5, 7, 8 nn Restaurant „Frankfurter Host', Lindengasse.
Sämtliche Parteigenossen, Parteianwärter und Mitglieder der DAF.» NSV. und NS.-Frauenschaft innerhalb der ZÄenbereiche haben an diesen Abenden Leilzunehmen und sich pünktlich in ihrem zuständigen Lokal einzufinden.
WHW. Ortsgruppe Gießeu-Mitte.
Vetr.r Vfnndspende.
Am Mittwoch, 23. Februar, werden die Pfundspenden durch die NS.-Frauenschaft eingesammelt. Die Hausfrauen werden gebeten, den Inhalt auf der Umhüllung der Päckchen kennttich zu machen. Die Pfundsammlung erstreckt sich während der Dauer des WHW. auf alle Volksgenossen.
WHW. Ortsführung Gießen-Güd.
Am Montag, 21., Dienstag, 22., und Mittwoch, 23 Februar, findet im Bereich der Ortsgruppe Gie- ßen-Süd die Pfundsammlung durch die NS.-Frcm?n- schaft statt. Es wird während der Dauer des WHW. 1937/38 nicht nur bei den Mitgliedern des Lebens- mittel-Opferringes, sondern bei allen Volksgenossen die Pfundfammlung durchgeführt. Als Spenden sind vorwiegend Mehl, Hülsenfrüchte, Graupen, Nudeln, Grieß, Wurstwaren, Konserven erwünscht. Selbstverständlich werden auch alle anderen Pfundspenden
res Ding, und Lisbeth bekam gemischte Gefühle, als sie die dicken Zylinder sah.
,Keine Sorge", sagte er, „aber vielleicht ziehen Sie in der Garage doch schnell diese Hosen über, wenn sie auch ein bißchen wett sind."
Und dann brausten sie ab. Es ging nordwärts auf der Straße nach Oranienburg. Als sie die Stadt durchquert hatten, drehte er auf.
*
Carla war auf ihr Zimmer gegangen. Sie kramte in ihrem Wäscheschrank und holte den Briefumschlag des Unbekannten hervor. Sie glaubte fetzt zu wissen, wesien Anschrift er barg. Sie hatte Ursel bei Tisch sagen hören, Herr Stelling habe angerufen und sich entschuldigt, daß er der Verlobungsfeier nicht habe beiwobnen können. Dringende Pflichten hatten ihn plötzlich abgehalten. Carla überlegte. Der Fremde hatt^ sie beim Verlassen des Hauses gesehen und war ihr gefolgt. Also hatte chn irgendein Umstand in die Nähe des Lenzschen Hauses geführt. Er hatte auch gewußt, daß Ursels Verlobungsseiec stattfand. Vielleicht war dieser Gast gar nicht so frohen Herzens zu Ursels Verlobung gekommen. Alle diese Spuren wiesen auf einen gewissen Herrn Stelling hin. Es gehörte nicht viel kriminalisttsche Logik dazu, das herauszubekommen. Sie lachte, als sie sich daran erinnerte, wie heimlich er getan hatte!
Sie brauchte nur den Umschlag auszureißen. Halt! durchzuckte es sie, als sie das Papier m Händen hielt. „Sollten Sie mit sich unzufrieden werden, so bedienen Sie sich der Telephonnummer..." hatte der vermeintliche Fremde gesagt. Wenn sie den Umfchlaa öffnete, sah das so aus, als brauche sie die Ratschläge und schulmeisterlichen Ermahnungen dieses Herrn. Weiß Gott, sie brauchte sie nicht. Es wäre nur angebracht, ihm bei Gelegenheit zu zeigen, daß fein überlegenes Getue fehl am Platze war...
Sie lauschte. Durchs offene Fenster drangen bekannte Stimmen von der Straße herauf. Sie spähte durch die Gardinen. Da standen Lisbeth und Viereck gerade unter dem Fenster. Sie planten also eme Spazierfahrt. Sie wollten also heute nid? zu Macher gehen. Sieh an, dachte Carla, die spröde Lisbeth...
Der Name Macher brachte sie auf einen neuen Gedanken. Dieser Herr Stelling, den sie auf so absonderliche Weise kennengelernt hatte, gehörte doch auch zur Macherschen Kumpanei, wenigstens war davon die Rede gewesen. Man mußte oer- suchen —
(Fortsetzung folgt.)


