Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)
Warum nicht Hecken um die Gärten?
Wir nennen, Gießen eine Gartenstadt. Viele Fremde kommen bei ihren Rundgängen durch unsere Straßen zu der gleichen Meinung. In der Tat gibt es auch wohl nicht allzu viele Städte von der Größe unseres Gießen, die neben den öffentlichen Anlagen so ausgedehnte Gartenflächen besitzen. Diese „Lungen der Stadt", wie man die Gärten und Anlagen zu nennen pflegt, sind nicht nur vom Standpunkt der Volksgesundheit zu bewerten. In hphem Maße kann man sie auch, wenn sie gut gepflegt sind, vom ästhetischen Gesichtspunkt aus als einen Gewinn betrachten. Wer sich mancher Stadtbilder m Industriegebieten oder in wirtschaftlich armen Gegenden erinnert, oder wer unmittelbar von dort aus seinen Wohnsitz hierher verlegt, der wird unseren Gartenreichtum besonders zu würdigen wissen. Dabei soll nicht verkannt werden, daß von den Vorgärten noch mancher schöner sein könnte als jetzt. Wir meinen damit nicht nur die Pflege, sondern auch den Bestand, kurzum das Gesamtbild des Gartens. Diese Einschränkung der Anerkennung für einen kleinen Teil der Gärten soll aber nicht die Tatsache in den Hintergrund drängen, daß die große Mehrzahl der Vorgärten den Straßenpassanten allen Grund zur Zufriedenheit bietet. Allen gemeinsam ist jedoch eines: die Abgrenzung der Vorgärten nach den Straßen und den Nachbargrundstücken zu bedarf einer Erneuerung, die sich an Stelle der jetzigen toten Zäune in sinnvoller Weise in das Bild des blühenden Lebens der Gärten einfügt. Uebrigens besteht dieser Vorschlag für eine ganze Reihe von Nutzgärten hinter den Häusern ebenfalls zu Recht.
Die Frage lautet: Warum nicht Hecken auf den Grenzlinien? Derartige Pflanzungen werden sich lebensvoll und harmonisch in das Gesamtbild des Gartens einfügen und auch das Straßenbild entschieden schöner in Erscheinung treten lassen, als es jetzt der Fall ist. Hecken als Grundstücksabgrenzung sind aber auch nach anderer Richtung hin zu empfehlen. Man denke daran, wie dankbar unsere Vögel die Hecken als Vermehrung von Nistgelegenheiten und von Zufluchtsstätten gegen vier- und zweibeinige Feinde begrüßen werden. Vielfach ist es jetzt doch so, daß trotz der großen Zahl von Gärten den Vögeln eine dicht gewachsene Zufluchtsstätte fehlt. Mancher „Mieze" ist es ein leichtes, nicht nur den Baum zu erklettern, sondern auch in die niederen lichten Büsche zu gelangen und dort die Vögel und ihre Brut zu überfallen. Eine dichte Hecke, die mit allerlei kleinen Dornen gespickt ist, dürfte wohl auch der Mieze wenig erfreulich, den Vögeln aber dienlich sein. Ein weiteres: Wer von den Gartenbesitzern Wert darauf legt, in seinem Vorgarten möglichst ungezwungen und weitgehend vor Staub geschützt zu sitzen.
dürfte wohl m einem Heckenzaun das richtige Mittel zur Erfüllung dieses Wunsches erblicken. Und schließlich noch ein Gesichtspunkt von der Verkehrssicherheit: Die Fälle waren bisher nicht selten, daß Kraftfahrer oder Radler infolge schnellen Fahrens oder auch in schwierigen Kurven gegen die bisher gebräuchliche Garteneinfriedigung sausten und sich dabei manchmal erheblich, zum Teil sogar tödlich verletzten; es hat sich auch schon ereignet, daß kletterfrohe Buben von einem Baume stürzten und in das feste Gartenspalier hineinfielen, wiederum mit schwerwiegenden Folgen. Alle Fährnisse dieser Art kann man als ausgeschlossen ansehen, sobald Hecken die Gärten umgeben. Wer dann als „Segler durch die Lüfte" auf einer derartigen Einfriedigung landet, wird im schlimmsten Falle eine Anzahl Kratzer davontragen und an der Aufschlagstelle die Hecke niederdrücken; weiter wird aber kein Unheil entstehen. Aus allen diesen Gründen verdient die Hecke als Garteneinfriedigung, neben dem Gesichtspunkt der Schönheit, also den Vorzug. Gerade jetzt vor Beginn des Frühjahrs sollten sich die Gartenbesitzer diese Gedanken überlegen und aus der naheliegenden Schlußfolgerung möglichst umgehend zur Umänderung der Grundstückseinfriedigung schreiten.
Hecken an der Straße sind bestimmten Bedingungen unterworfen. Sie sollen schön sein, einen geordneten Eindruck Hervorrufen, die Uebersicht für den Verkehr nicht behindern, müssen demnach niedrig gehalten werden, und sollen auch einen sicheren Schutz gegen Tier und Menschen bilden. Bevor im Frühjahr oder Herbst gepflanzt wird, gilt es, einen 50 Zentimeter breiten Streifen auf 40 bis 50 Zentimeter zu locken und nötigenfalls zu verbessern. Am Pflanzmaterial darf nicht gespart werden, denn die Hecke soll dicht werden. Man pflanzt daher doppelreihig in Verband, je Meter 12 Stück. Geschnitten wird von Anfang an und alljährlich zweimal, im Winter und gegen Mitte Sommer. Die besten Heckenpflanzen sind Weißdorn und Eibe- Taxus. Dabei ist zu beachten, daß die Eibe ein gefährliches Gift für alle Einhufer ist, darum soll sie so weit vom Fahrdamm entfernt sein, daß stehende Pferde nicht zu der Hecke reichen können Billig im Preis und zufriedenstellend im Wuchs sind der gemeine Liguster und die Weißbuche. Diese beiden Holzarten leiden nicht an Krankheiten, sie haben schönes, frisches Grün und vertragen den Schnitt gut. Für besondere Zwecke ist noch die Korne^irsche zu empfehlen. Sie bildet gut geschlossene Hecken, die sich auch zu größerer Höhe ziehen lassen. Für die innere Ausgestaltung von Schmuckplätzen, Grünstreifen, wie auch für alle anderen Gärten gibt es außerdem noch eine große Anzahl von geeigneten Ziergehölzen.
Nr. 18 Drittes Blatt
Aus der Stadt Gießen.
Sprachsünden.
Zn jeder Familie gibt es sogenannte „Erbstücke", die von den Vorfahren übernommen wurden Diese . Stücke werden besonders geschätzt und dementsprechend pfleglich behandelt. Das können alte, wertvolle Bilder, Bücher oder auch Möbelstücke sein. Wlevlel wertvoller aber ist unsere liebe Muttersprache, die wir doch auch von unfern Ahnen übernahmen und an unsere Kinder weitergeben sollen!
Wie oft wird aber gerade unsere deutsche Sprache vernachlässigt und als Aschenbrödel behandelt! Wir müssen stolz auf unsere Muttersprache sein, denn sie ist so schön und reich, wie kaum eine andere Sprache Wir brauchen nur einige Goethesche oder Kellersche Gedichte zu lesen, vielleicht auch eine Novelle von Storm oder Wilhelm Schäfer, dann kommt uns so recht zum Bewußtsein, welcher Reichtum an Schönheit und welcher Wohlklang in unserer Sprache stecken.
Es ist schmerzlich, wenn wir fast täglich erleben müssen, wie unsere Muttersprache vernachlässigt und oft gar mißhandelt wird. Wir sollten sie genau so sorgfältig und achtungsvoll behandeln wie die erwähnten „Erbstücke". Jeder einzelne Volksgenosse kann hier durch Selbsterziehung mithelfen, daß nur ein gutes, fehlerfreies Deutsch gesprochen und geschrieben wird.
Wir halten es für selbstverständlich, daß sich jeder, der einen Brief schreiben muß, vorher genau überlegt, was er mitteilen will. Ein Durcheinander der Gedanken oder gar eine Unklarheit im Stil muß der Empfänger als eine Ungehörigkeit empfinden, von äußeren Dingen, Schreibfehlern, schlechter Schrift und Unsauberkeit ganz abgesehen.
Aber es gibt viele Menschen, die sich keine Zeit nehmen, ihre Gedanken richtig zusammenzufassen, um dann kurz, klar und deullich zu schreiben. Ist es bei der täglichen Umgangssprache nicht ebenso? Viele Volksgenossen glauben, bei einer Erzählung oder Schilderung recht umständlich gebaute Sätze anwenden zu müssen. Die einfachsten, klarsten und deshalb verständlichsten Wörtchen werden dabei meistens übergangen. Da regnet es dann Ausdrücke wie: „Angesichts der Tatsache, daß ...", oder „Letzten Endes ..." usw. Solche verdrehten Wendungen hören wir täglich. Die Wörtchen „weil" oder „schließlich" sind den Sprechern wohl zu bescheiden. Ist irgendeine Sache schon gewesen, so genügt vielen auch dieses Wörtchen nicht. Das war „einfach grandios", „phänomenal" oder — heute bei der Jugend besonders bevorzugt — „pfundig!" Kleine Wörter wie „schön", „gut" usw. sind nach der Meinung vieler eben zu schwach. Da muß mindestens „fabelhaft schön" gesagt werden, oder auch ganz falsch „selten schön"!
Und wie ist es mit den Fremdwörtern? Wir wollen zugeben, daß es im Vergleich zu früher etwas besser geworden ist, aber noch immer wimmelt es in unserer Umgangssprache von diesen Fremdlingen. Wir sollten heute nicht mehr die Worte Chauffeur, Radio, Telephon, Temperatur, Coupe, Trottoir, Perron u. v. a. gebrauchen. Für jedes dieser Worte haben wir gute deutsche Ausdrücke.
Wir können hier keineswegs alle Sprachsünden au Böhlen, aber wer seine Ohren öffnet, der wird fall täglich feststellen können, wie schrecklich unsere Muttersprache manchmal vergewaltigt wird. Anderseits würden wir uns lächerlich machen, wenn wir uns nun so gewählt ausdrücken wollten, wie etwa Schiller in' feinen Dramen. In unserm schriftlichen und mündlichen Verkehr aber sollten wir versuchen, em klares und fehlerfreies Deutsch zu gebrauchen. Das sind wir unserer schönen deutschen Sprackse schuldig! H.
Dornotizen
Tageskalender für Samstag.
Stadttheater: 20 bis 22.30 Uhr „Die Boheme". — Gloria-Palast: „Monika" — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Die Kameliendame" — LB.
Volkstum und Heimat: 20 Uhr im Cafe Leib „Gießener Heimatabend" — Deutsche Stenographenschaft: 20.30 Uhr in der Stadt Lich Jahreshauptversammlung. — Gießener Rudergesellschaft: 20.30 Uhr im Cafe Am end.
Tageskalender für Sonntag
Stadttheater: 11.30 Uhr Morgenfeier; 19 bis 21.30 Uhr „Die Geisha". — Gloria-Palast (Seltersweg): „Monika". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Die Kameliendame" — Oeffentliche Vorträge über Physiologie: „Herz und Blutdruck", 11.30 Uhr im Physiologischen Institut (Friedrichstraße 24)
Stadttheater Gießen.
Heute, Samstagabend, Wiederholung der Oper „Die Boheme" von Puccini Musikalische Leitung Joachim Popelka Spielleitung Dr. Erich Schumacher. Bühnenbild Karl Löffler. Diese Vorstellung findet gleichzeitig für die KdF.-Miete, Gruppe I, 8. Vorstellung, statt. Anfang 20, Ende 22.30 Uhr. Freier Kartenverkauf im Vorverkauf und an der Abendkasse.
Am Sonntag, 23. Januar, 9. Morgenveranstaltung; sie sieht vor: Smetana: Streichquartett „Aus meinem Leben", Schubert: Forellenquintett, 11.30 dis 12.30 Uhr. — Am Abend Wiederholung des großen Operettenerfolges „Die Geisha", Operette von Jones Musikalische Leitung und Gesangstexte Joachim Popelka. Spielleitung Karl-Ludwig Lindt. Beginn 19 Uhr, Ende 21.30 Uhr. Außer Miete
Deutsche Kunst als Erlebnis.
Am kommenden Montag wird, wie man uns fchrsibt, Wilhelm M ü se l e r auf Einladung des Goethe-Bundes und des Kaufmännischen Vereins einen Lichtbildervortrag über das Thema „Deutsche Kunst als Erlebnis" halten. Er zeigt die Meisterwerke deutscher Kunst -n Verbindung mit der Entwicklung des geschichtlichen und kulturÄen Lebens unseres Volkes. t
Steuererklärungen abgeben
Die Finanzämter veröffentlichen heute eine öffent- liche Aufforderung zur Abgabe der Erklärungen
$amstag,2-,.3anuar 1958
für die Einkommen-, Körperschafts-. Wehr- und Umsatzsteuer für das Kalenderjahr 1937 und für die Gewerbesteuer 1938. Die Steuerpflichtigen mögen diese wichtige Bekanntmachung sorgsam beachten.
Küpretz 1938.
Küpreß lautete der Gießener Faschings« Schlachtruf im vorigen Jahre: das Gießener Künstler- und Pressefest war ein so schöner Erfolg auf der ganzen Linie, daß schon damals der Wunsch laut wurde, die Sache zu wiederholen. Jetzt ist es so weit: am 15. Februar wird Küpreß 1938 gefeiert werden Erinnern Sie sich noch, wie hübsch und wie lustig es das letzte Mal war? Hat es Ihnen nicht großartig gefallen, sind Sie nicht ungewöhnlich früh nach Hause gekommen? Na also. Küpreß 1938 soll nicht weniger schön, nicht minder luftig, nicht minder farbenfreudig werden. Veranstalter sind, wie letztes Mal, das Gießener Stadt- theater, die bildenden Künstler und die Presse. In särnlichen Räumen des Clubs soll auch Küpreß 1938 einen Schauplatz finden, der sich sehen lassen kann, wo es den Leuten eine Freude sein wird, nach den unsterblichen Klängen des
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Narrhalla-Marsches und anderer aktueller Faschingsmusiken das Tanzbein zu schwingen. Die Ausstattung der Räume werden wiederum die bildenden Künstler in Gemeinschaft mit den Kollegen vom Stadttheater in die Hand nehmen — wissen Sie noch, wie nett die Säle im letzten Jahre ausge- sehen haben? Sie sollen sich Heuer nicht minder reizvoll präsentieren, das kann schon jetzt versprochen werden. Wie wir hören, werden bereits feit Tagen mit Andacht und Eifer die Pinsel geschwungen: die malerischen Dekorationen für das Fest sind heftig in Angriff genommen. Auch haben wir schon vom festlichen Einzug des Prinzen Karneval in den großen KluSsaal etwas läuten hören, wo ihn die Küpreß-Gemeinde stürmisch empfangen wird. Das Theater wird, wenn wir recht unterrichtet sind, die Nacht vom 15. Februar im venezianischen Stile beleben, und es soll überhaupt ein fqines, ein heiteres, ein farbenfrohes Fest werden, das Fest des Gießener Faschings: Küpreß 1 9 3 8!
NSDAP., Ortsgruppe Gießen-Nord.
Die Zellenbefprechungen für den Monat Januar 1938 finden am Montag, 24. Januar, 20.30 Uhr, wie folgt statt:
Zelle 1 im Restaurant „Frankfurter Hof". Lin- dengafse 2;
Zelle 2 im Restaurant „Zum Aquarium", Walltorstraße 5;
Zelle 3 im Restaurant „Zum Gambrinus", weh- steingasse 10;
Zelle 4 im Restaurant „Zum Waldschlößchen", Horst-Wessel-Wall 64;
Zelle 5 in der Gastwirtschaft „Rohl", Ederstr. 6;
Zelle 6 in der Gastwirtschaft „Stephan", Stein- straße 74;
Zelle 7 in der Gastwirtschaft „Stadt Marburg", Marburger Straße 23;
Zelle 8 in der Gastwirtschaft „Becker", Wiesecker Weg 44;
Zelle 9 und 10 in der Gastwirtschaft „Bönsel", Gabelsberger Straße 5. ,
Sämtliche Politischen Leiter, Amtswalter bzw. Amtswalterinnen der DAF., NSv. und RS.- Frauenfchaft haben an diesen Besprechungen teilzunehmen und werden ersucht, pünktlich um 20.30 Uhr in ihrem zuständigen Lokal anwesend zu sein.
Lord Byron.
Zu seinem 15tt. Geburtstage am 22. Januar.
Ach, zum Erdenglück geboren. Hoher Ahnen, großer Kraft, Leider früh dir selbst verloren, Jugendblüte weggerafft!
Scharfer Blick die Welt zu schauen, Mitsinn jedem Herzensdrang, Liebesglut der besten Frauen Und ein eigenster Gesang.
Doch du ranntest unaufhaltsam Frei ins willenlose Netz, So entzweitest du gewaltsam Dich mit Sitte, mit Gesetz;
Doch zuletzt das höchste Sinnen Gab dem reinen Mut Gewicht, Wolltest Herrliches gewinnen, Aber es gelang dir nicht.
Zn dieser Totenklage um den gestürzten Eupho- rton im zweiten Teil des „Faust" hat sich bei Goethe die Trauer um den Tod Lord B y - rons verdichtet, des einzigen europäischen Dichters, den er außer Schiller als ebenbürtig neben sich anerkannte und zu dem er, ohne ihn je gesehen zu haben, ein tiefes persönliches Verhältnis hatte, das von Byron mit leidenschaftlicher Verehrung erwidert wurde. Fast mit der Zärtlichkeit eines Vaters hatte der greife Olympier dem jungen Lord ein Jahr vor dessen Tode in seinem Gedicht „lieber Lord Byron" mahnend zugerufen, die „Selbstbefehdung im Innersten" aufzugeben und - die Selbstbeglückung in der Arbeit zu finden. „Und wie ich ihn erkannt, so mög' er sich erkennen", schließt jenes Gedicht. Die Nachricht vom Tode Byrons erschütterte Goethe so tief, daß er lange keine Worte fand, dann aber widmete er ihm einen Nachruf, den er bezeichnend „Lebensverhältnis zu Lord Byron" überschrieb. Und von Goethes Patriarchenwort gemahnt, hatte das ganze deutsche Volk, namentlich die geistige Jugend, in stürmischer Liebe von den Lebenswerken des genialen Engländers Besitz ergriffen. Auch der junge Bismarck bezeichnet Byron als den einzigen Dichter, dem er sich innerlich verwandt fühle, und feine Briefe an seine Braut sind voll von Byronschen Versen. v .
Tatsächlich ist es Deutschland, von dem nach dem flüchtigen Moderuhm Byrons unsterblicher Nachruhm ausgegangen ist Denn zu der gleichen Zeit, in der er bei uns geliebt, gefeiert und verehrt würde wie kaum ein Zweiter, war er in seinem
eigenen Vaterlande verlästert und verpönt. Woher diese ungleiche eBurteilung, diese Abkehr Englands von einem seiner großen Söhne, die nur ganz langsam der Anerkennung gewichen ist? Goethe gibt uns den Schlüssel mit seinen Versen:
„So entzweitest du gewaltsam Dich mit Sitte, mit Gesetz ..."
Sein ganzes Leden lang hat Byron alles getan, um dem so ausgeprägten englischen Gefühl für
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(Scherl-Bilderdienst-M.)
Schicklichkeit und Wohlanständigkeit ins Gesicht zu schlagen. Schon auf der feudalen Schule von Har- row erregte er durch seine Disziplinlosigkeit Aussehen, nicht minder als Student auf dem Trmity- College in Cambridge. In der Londoner Gesellschaft tauchte der junge Mann, schön, reich, unabhängig, hochbegabt, Pair von England, anfangs wie ein Meteor auf, die Veröffentlichung der beiden ersten Gesänge des ,Childe Harold" häufte buchstäblich über Nacht den Ruhm eines genialen Dichters auf ihn. Es war keine Uebertreibung, wenn er selbst berichtet: „Ich wachte eines Morgens auf und fand mich berühmt." Bald aber begannen die Skandale, schon vor seiner Heirat war er als junger Mann mit unmoralischem Lebenswandel gestempelt, und nach seiner Scheidung wandte die Gesellschaft sich eindeutig von ihm ab. Byron vergalt seinen
Landsleuten, indem er ihre Engherzigkeit und ihr Pharisäertum verhöhnte, sie in ihrem empfindlichsten Punkt, der nationalen Eitelkeit, verletzte. Ein seltsamer Antagonismus herrschte zwischen ihm und feinem Volke, der tiefgehende Ursachen hatte.
Heine erste Kindheit hatte Byron unter den unglücklichsten Verhältnissen in Schottland verbracht, wo seine Mutter, von ihrem skrupellosen Mann verlassen, eine winzige Rente verzehrte. Armselig und liederlich zugleich ist der Haushalt, die hysterische Mutter quält den Knaben abwechselnd durch schlechte Behandlung und übertriebene Zärtlichkeit, zudem bildet sein, durch einen Geburtsunfall entstandener Klumpfuß und die qualvollen und vergeblichen Behandlungsoersuche, eine ständige Quelle des Leidens. Der phantasievolle und reizbare Knabe nährt sich geistig von den düsteren schottischen Sagen und Märchen, die ihm die Amme erzählt, und von der Bibel. Mit 10 Jahren wird er durch den Tod des Großonkels plötzlich Lord. Von einem Tag auf den anderen sind Reichtum und Ansehen da. Aber zehn solcher Kinderjahre lassen sich nicht auslöschen. Zumal bei einer Erbanlage, die von Natur zur Maßlosigkeit im Guten wie im Bösen neigt. Byrons unbezähmbarer Stolz war sein ganzes Leben hindurch genährt von der Erinnerung an die Erniedrigungen seiner Kindheit, von der Scham über sein Leiden, der Scham über seine Mutter.
Sehr früh erwachte die Liebe m dem nach Zärtlichkeit verlangenden Knaben. Die ersten schwärmerisch heftigen Zuneigungen verliefen unglücklich, bis die vornehmen Damen der Londoner Gesellschaft sich freiwillig für ihn kompromittierten. Byrons Beziehung zu Frauen hat eine merkwürdige innere Verwandtschaft mit seiner Beziehung zum Vaterlande. Er erwartete alles von der Frau, Erhöhung und Ergänzung seines eigenen Ich. Daß er enttäuscht wurde, vergalt er mit Haß und Verachtung. In der Wahl seiner Gattin, einer typischen Vertreterin des tugendhaften, gutwilligen, aber pharisäischen England, dürfen wir geradezu den Versuch sehen, mit England feinen Frieden zu machen. Der Versuch mußte mißlingen. Skandal und Scheidung waren das notwendige Ende. Eip Ende in mehr als einer Beziehung. Byron verließ sein Vaterland, wurde ein Wanderer unter fernen südlichen Himmeln. Seine Teilnahme an dem Freiheitskampf der Griechen bedeutet eine letzte heroische Flucht ins Außerordentliche, eine letzte furchtbare Enttäuschung und endlich den Tod. Die Griechen trauerten um ihn wie um einen Nationalhelden und wünschten seinen Leichnam in den Ruinen des Theseustempels zu Athen zu begraben, feine Familie aber holte den Toten nach England und gab ihm, da die Westminster Abtei ihm verschlossen blieb, die
letzte Ruhestätte in der einsamen Dorfkirche von Hucknall Torkard, in der Nähe feines Stammsitzes Newstead^ Abbey.
Wenn man von einem Dichter sagen kann, daß in ihm der Mensch und der Künstler eins sind, so von Lord Byron. Wie sein Leben selbst fast als Dichtung anmutet, so sind alle seine Werke Bruchstücke eines Selbstbekenntnisses im Goetheschen Sinn. „Alle Zuckungen enden bei mir in Versen", hat er selbst bekannt. So finden wir in den Abenteuern eines „Childe Harold", in den Träumen eines „S a r d a n a p a l", dem Mtznschheitsringen eines „K a i n", in j)en Klagen des „P r i s o n e r o f Chillon“, vor allem aber in feinem genialsten Werk „Son Iuan" den ganzen Byron. Er war stolz darauf, feine Werke als vornehmer Dilettant so nebenbei hinzuwerfen, und tatsächlich besitzen alle seine Dichtungen die Unmittelbarkeit und Frische der Skizze, leiden freilich auch an einer gewissen Planlosigkeit des Aufbaues, an Sprunghaftigkeit und vielem allzu Flüchtigem, an überflüssigen und manchmal sogar geschmacklosen Abschweifungen, die durch seinen Mangel an Kritik noch verstärkt wurden. Dafür atmen sie aber als Ganzes den hinreißenden Schwung seiner Persönlichkeit, die heroische Größe seines Gefühls, den dämonischen Zwiespalt, der sich doch stets in Versen von trunkener Süßigkeit löst, und sie umfangen uns noch heute mit demselben Zauber, den seine Person zu Lebzeiten ausgestrahlt haben muß.
Annemarie von Puttkamer.
Kampf mit Adlern.
Einen aufregenden Kampf mit Adlern hatte ein italienischer Jäger in der Gegend von Novara zu bestehen, der zu den Bergen über Premvsello auf- gestiegen war, um Adler $u jagen, da diese nach den ersten Schneefällen oft ausgehungert zu den Häusern im Tale herabstießen und die Einwohner erschreckten. Nachdem er lange gewartet hatte, gelang es ihm, einen jungen Adler mit zwei Schüssen zu verwunden. Der junge Räuber stieß, als der Jäger sich seiner bemächtigen wollte, Helle Schreie aus und rief dadurch zwei große Adler herbei, die sich sofort auf den Mann stürzten und ihn so hart bedrängten, daß er sich nur noch mit Fußtritten und dem Geryehrlauf wehren konnte. Er blutete bereits an den Händen und am Halse und wurde von den wütenden Tieren immer weiter bedrängt, bis er in eine tiefe Grube stürzte. Hier blieb er mehrere Stunden leblos liegen, ehe er aufgefunden wurde. Inzwischen hatten die beiden Adler den von ihnen befreiten jungen Raubvogel mit sich fortgeführt.
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