M.24? Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheilen)Zreitag,2i. Oktober 1938
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Wilson und Oer Weltkrieg
... ___________..... ,_____ in- her nur „kreuzersicher" war. Datieben geht der Aus-
neren Ordnung in Beziehung zu setzen, und bau von Simonstown als Seefestung einher. — r-- -------"— fc- t-11— -,f-1 '7': - fc4— —beziehen sich in
seine Kapstellung als mittleren Etappen-Stützpunkt aus. Dazu gehört die Einbeziehung der Städte Port Elizabeth und Cast London in den Lerteibigungsbezirk. Bei Kapstadt und Dur-
kritisiert, wurde wenig bemüht. S ü b a f r i f a verpflichtete sich zum großzügigen Ausbau seiner Land- unb L"ftverteibiglmg Dabei würbe durch wieder-
Südasrika rüstet aus.
Lton ^onterobmiral a. O, Gadow.
Im Jahre 1928 bereiste Sir Maurice Hankey von der britischen Reichsverteidigungskommission die Dominions und sammelte das Studienmaterial für deren künftigen Schutz gegen militärischen Angriff. Weder von der japanischen Expansion noch von
holte Kabinettsbeschlüss^ der Unionregierung festgelegt und ganz vor kurzem von Ministerpräsident General Hertzog noch einmal wiederholt, daß Südafrika keineswegs z u'r unbedingten Heeresfolge verpflichtet sei, wenn (Eng» I land in einen Krieg verwickelt würde. Insbesondere sagte General Hertzog, stehe man der Frag« Tschecho-Slowakei neutral gegenüber. Das Parlament werde jeweils seinen freien Beschluß über Anteilnahme oder Enthaltung von dem Konflikt fassen.
Diese Betonung der formellen Unabhängigkeit Südafrikas mag, was die künftige Entsendung von ; Hilfstruppen auf einen auswärtigen Kriegsschauplatz betrifft, wie im Weltkriege, mehr als eine Redensart fein, und zwar infolge des vordringlichen inneren Problems: der Farbigenfragfe. In der Union stellt sich die Zahl der Koffern zu den Weißen wie 4:1. Es ist bekannt, daß sie ebenso unentbehrlich für die harte, ungelernte Arbeit sind, wie sie andererseits ihren sozialen und bürgerlichen Ausstieg vollziehen, einem künftigen politischen Uebergewicht entgegen. In der Kapkolonie haben sie bereits das Wahlrecht, nur Alkohol und Feuerwaffen find ihnen verboten, upb in Natal, Transvaal unb Oranje-Fr,eistaaK ist bie gleiche Entwicklung zu erwarten. Der Kommunismus wie bie Aethiopilche Bewegung findet in diesen Massen feit lange Widerhall. Daneben steht die Ueberfrembung -es weißen Gewerbetreibenden durch die indische Bevölkerung.
Unter diesem Umständen darf billig bezweifelt werden, ob eine Kriegslage der Union aestatten würde, weiße Hilfstruppen abzuaeben, da vermutlich jeder waffenfähige Mann für die innere Ordnung gebraucht werden wird. Im übrigen sind die Möglichkeiten einer Rüstungsver- ftärfung in dieser Richtung auch verhältnismäßig l bescheiden. Bisher bestand eine kleine Wehrmacht l von 1200 Mann mit etwas Artillerie, dazu eine f Miliz von 8000 Aktiven und 120 000 Reserven, und eine Landpolizei von 10 000 Mann. Die weiße Bevölkerung zählt 1,5 Millionen (bei 7 Millionen Farbigen), darunter eine zunehmende Zahl Ver- armt^. Em zuläßlicher Rüstungsetat von 6 Millionen Pfund erscheint der Regierung daher als der zur Zeit höchste zulässige Aufwand.
Für seine Verwendung ist es interesiant, die stra- tegjschen Bedenken und Vorstellungen der südafrikanischen Machthaber kennenzulernen. Schon während des abessinischen Feldzuges ließ der Verteidigungsminister P i r o w Besorgnisse vernehmen, daß ein italienisches Kolonialheer eines Tages gen Süden ayfbretfjen und Südafrika überrennen könne Na- lürlich steht die (Erinnerung an den Krieoszug Let - Eow-Vordecks durch Deutsch-Ostafrika ins por
tugiesische Gebiet hinein bei diesen Vorstellungen!wegstrahe über das Kap nach Indien Pate. Daß sie gleichwohl phantastisch $u nennen für die englische Seemacht und Seefahrt für seinen sind, lehrt ein Blich auf die Landkarte, die zwischen Teil auszubauen. Während das Mutterland :n Abessinien oder Somaliland und Transvaal immer» Sierra Leone und auf den Inseln Ascen -
räumten Machtfülle und Verantwortung zutiefst durchdrungen, ein Mann, der sich mit den Jahren mehr und mehr von der Außenwelt abkapselte und geneigt war, mit dem ganzen Starrsinn des Doktrinärs die politische Praxis seinen Theorien zu unterwerfen. Es mußte deshalb von entscheidender Bedeutung für die amerikanische Außenpolitik während des Weltkrieges werden, daß Colonel House, vielleicht der einzige, der neben der Gattin Wilsons auf den Präsidenten maßgebenden Einfluß gewann, seine enge Freundschaft dazu benutzte, den Präsidenten in die Bahnen zu lenken, die unfehlbar zum Bruch mit Deutschland führen mußten. Man hat Colonel House, der als unabhängiger Privatmann, weiteren Kreisen gänzlich unbekannt, einen so verhängnisvollen Einfluß auf die Politik seines Landes genommen hat, den stillen Teilhaber des Präsidenten genannt. Und tatsächlich hat Wilson während der sieben Jahre dieser Freundschaft keinen wichtigen Beschluß gefaßt, ohne ihn vorher mit House eingehend durchzusprechen. Dazu diente eine private Telephonleitung vom Weißen Hause in Washington zur Neuyvrker Wohnung des Colonels, und ein regelrechter Geheimcode sicherte diese Gespräche gegen unberufene Mithörer. House wurde auch der Mittelsmann des sich im Weißen Hause immer mehr abschließenden Präsidenten zur Welt. Er reifte sogar im Auftrage Wilsons nach Europa, um hier den Boden für eine Friedensaktion im Sinne der Ideologien des Präsidenten zu sondieren. Es wurde von schicksalhafter Bedeutung, daß die Vereinigten Staaten in London durch einen Botschafter vertreten waren, der wie Page englischer war als die Engländer und durch eine in der Geschichte der Diplomatie wohl einzigartige Bericht- .erftattung alles darauf anlegte, Amerika an die Seite der Entente zu führen, obwohl die brutale Rücksichtslosigkeit, mit der England die Freiheit der Meere unterband und jeden Handel der neutralen Länder mit Deutschland lahmlegte, in der amerikanischen Öffentlichkeit einen sehr schlechten Eindruck gemacht und den Präsidenten Wilson auf das
Eine Buchbesprechung.
— A. Heinrich Kober: Wilson und der Weltkrieg, Rätsel einer Freundschaft. Preis geb. 5,40 Mark, Sozietäts-Verlag, Frankfurt a. M. — (219) — Obwohl der Weltkrieg durch den Eintritt der Vereinigten Staaten entschieden worden ist und diesem ein langer und zäher Kampf der Diplomaten Doraufgegarigen war, ist dieses wichtige Kapitel der Geschichte des Weltkrieges trotz umfangreicher amerikanischer Literatur in Deutschland bisher wenig beachtet worden. Das mag an der für uns Deutsche höchst eigenartigen und deshalb auch schwer faßbaren politischen Gewichtsverlagerung Amerikas liegen, die dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, als Staatsoberhaupt und Regierungschef zugleich und schließlich noch als Exponent der grade am Ruder befindlichen Partei auch von maßgebendem Einfluß auf das Parlament, eine unerhörte, von europäischen Monarchen niemals erreichte persönliche Machtstellung verleiht. Von der Persönlichkeit des Präsidenten und von den Männern, die sein Ohr hatten, mußte es also wesentlich abhängen, welche Einstellung Amerika zum Kriegsproblem fand. Im allgemeinen wird die Auffassung vertreten, daß das amerikanische Großkapital, die Rüstungsindustrie und die Bankwelt, den Präsidenten zu einer antideutschen Politik und schließlich auch zur Kriegserklärung an Deutschlang gezwungen habe. Nach der Lektüre des ungemein spannend geschriebenen und höchst aufschlußreichen Buches von A. H. Kober wird man diese Auffassung in einigen wesentlichen Punkten revidieren müssen. Wilson wäre durchaus der Mann gewesen, dem Drängen dieser gewiß einflußreichen und mächtigen Kreise erfolgreich ’ Widerstand entgegenzusetzen, wenn er dies gewollt hätte. Er blieb auch als Präsident der in sehr bestimmten Ideologien befangene Geschichtsprofessor und war keineswegs ein weicher, leicht zu nehmender Mann, den die Hochfinanz schieben konnte wie sie wollte, sondern von der ihm durch die Verfassung einge
gung Ie I d ft bestimmen und dafür aufkommen> soll, brei aktive Bürgerdivisionen von 67 000 Mann auf- erster Linie auf Japan, dessen Aktionsbereich an- Lis Veritarkung emtrifft. In der Auswirkung dieser gesollt werden, drei Brigaden mit 10 000 Mann scheinend mit ebenso übertriebenen Maßstäben gc» und weiterer Beschlüsse entwarfen Australien aus den Schützengesellschaften und drei weitere Re- messen wird, wie derjenige Italiens, ober was das und Neuseeland vor allem em Programm für ferne Schützenbrigadeck mit 60 000, zusammen betrifft, auch Deutschlands. Freilich trägt an diesen Kriegsindustrie, Flottenverstarkung, Flugplätze und 137 000 Mann. Im Kriege tritt die Wehrpflicht für. Besorgnissen ein Stück unvorsichtiger japanischer Flugzeuge, Kanada blieb einigermaßen passiv, bie Altersklassen zwischen 17 und 60 Jahren ein.! Fachliteratur Schuld, das Buch eines japanischen übernahm jedoch den Ausbau oon Befestigungen Die Bewaffnung svll höchst modern sein, — soweit Marineoffiziers, in dem dieser in Gedanken schon am Stillen Ozean. Indien, das mit wachsender bie Mittel gestatten — und aus England bezogen, Hongkong und Singapore erobert, Australien über» Unabhängigkeit ohnehin bie Thlitarla|ten scharf j zum Teil im ßanbe gefertigt werden, mit dem rannt und die japanische Flotte am Roten Meer murho komuhi „ h n f r. f n n»r- Schwergewicht auf der Infanterie, ba bas Busch- unb am Kap ber Guten Hoffnung auf ben britischen velbt für mechanisierte Waffen wenig günstig sei. Anmarschwegen stehen sah. — Immerhin ist man Keine Waffen für Nichteuropäer unb Farbige, bie selbst in Sübafrika ber Ansicht, baß biese „Drohung" zum Transport- unb Arbeitsbienst heranzuziehen nicht ohne Vorzeichen und eine Vorbereitungspause finb. Für bie Luftwaffe, bie zur Zeit nur eine oon sechs Monaten wirksam werben könnte. Alles Staffel unb Fliegerschule umfaßt, sollen aus Eng- in allem vollzieht sich hier ein Aufrüstungsvorgang, lanb ausrangierte Lehrmaschinen, im Kriege erst- ber in bas heutige ruhelose Weltbilb paßt, jeboch tlalfiqe Flug euqe geliefert werben. | mehr von grundloser Panik verrät als von der
Für bie Verteidigung nach ber S e e s e i t e! vernünftigen Einsicht, baß man nicht alles glauben sprechen anbere Erwägungen. Einmal hat Süb.-!barf, was eine künstliche Weltmeinung ben „D:k afrita sich einoerftanben erklärt, bie große Um-- taturen" in bie Schuhe schieben will.
hin einen Abstanb von 25 Breitengraden oder rund sion und St. Helena für das Notwendigste 2400 Ki^omo er — die Strecke Leningrad- Kairo —,! sorgt, im Indischen Ozean dann weiter auf Mau - und zwar bestehend aus Gebirgen, Urwald, Steppe ritt u_s und den Seychellen, baut Südafrika unb Buschvelbt zeigt. Diese Gefahr ist also ein reines Kunstprobukt, auherbem hat ber englisch-italie- — r. . . ' • 1» • • j. •— rc • - s , nische Ostervertrag bie Aufstellung eines Singebore.
21be|finien ober t>om Umbruch in (Europa mar ba-1 ncnI;eereä in 2n,”|[inien «„hindert. Daß Italien -..................
mals etwas zu (puren, so daß die Borschlage einst überhaupt auf solche Gedanken kommen könnte, gc- ban werden die Süftenbatterien mit 38 Geschützen weilen auf dem Papier blieben. Die Re ichs kon- hört zu den abwegigsten Einfällen, an denen unsere — wohl aus englischen Marinevorräten — ausge» ferenz oon 1937 hatte es danach leichter, die Zeit freilich nicht arm ist. ! stattet und die Stellung damit, wie Minister Pirow
Tochterstaaten von der Dringlichkeit ihrer 2Iuf» । ($5 bleibt also nur übrig, die Pläne Südafrikas agt, „schlachtschiffsicher" gemacht, während sie bis- Munq Überzeugen iRidjtungnebenb war babei für bie Verstärkung ber Lanbmacht mit feiner i ' ' ~
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Weltreiches über Art und Umfang feiner 23erteibi» | hierfür erscheinen sie angemessen. Es sollen also! .Die hier vermuteten „Gefahre aung selbst bestimmen und dafür aufkommen soll, drei aktive Bürgerdivisionen von 67 000 Mann auf»1 e-“- ----
iis Berstärlung eintll t. In ber Auswirkung btefer gestellt werben, brei Angaben mit 10 000 Mann iinh motioror 'KofmliiH» onfmnrfpn VI 11 ff r n I i n '____ v ... r- i < ■ cn .
stärkste gegen England aufgebracht hatte. Page und Sir Edward Grey sollte es nun gelingen, den Colonel House während dessen Besuch in London so völlig für die Sache der (Entente einzufangen, daß House in höchstem Maße voreingenommen und im Grunde nur noch pro forma auch noch nach Berlin reiste, wo eine vielleicht nicht sehr geschickte Behandlung des Amerikaners, bas übrige dazu tat, daß House mit dem festen Entschluß nach Washington zurückkehrte, Wilson zur offenen Parteinahme für die Entente zu bringen. Was nun folgte, war ein höchst geschickt angelegtes, ganz auf den Charakter des Präsidenten berechnetes Spiel täglicher persönlicher Bearbeitung, dessen (Erfolg uns nur zu bekannt ist. Kober hat es aus den amerikanischen Quellen überzeugend rekonstruiert. Dieser Kampf um die Kriegserklärung ist wohl das spannendste Kapitel seines spannenden Buches. Colonel House hat bann auch in Wilsons berüchtigte Botschaften ber vier und ber vierzehn Punkte jene Wenbunaen lanciert, bie bie moralische Offensive gegen Deutsch- lanb eröffneten, indem sie Volk und Regierung zu trennen suchten. House hat auch in Varis während der Friedenskonferenz, von ber ben Präsi- benten fernzuhalten, ihm nicht gelungen war, alles
Hdec £ödix (üc sein Sckuku/eck nimmt,
dec pflegt und schützt es ganz bestimmt!
QUALITÄTS-ERZEUGNIS DER SIPO L-WERKE
getan, um Wilson für die mit ben ibeologischen Vorstellungen des Präsibenten von einem Frieben ber Gerechtigkeit unvereinbaren Forberungen ber Alliierten mürbe zu machen. Und bann kommt Amerikas Absage an bas Friedenswerk seines Präsidenten und der Zusammenbruch Wilsons. An Stelle von Colonel House, der von heute auf morgen die Freundschaft des Präsidenten verliert, wird Wilsons Gattin seine einzige Vertraute, sie sperrt in diesen letzten Monaten seiner Präsidentschaft bas Weiße Haus hermetisch ab, nicht einmal ben Ministern gelingt es, ohne Vermittlung Frau Wilsons zuM Präsibenten vorzubringen, ber, selber nur noch ein Wrack, seine Amtsgeschäfte nur noch Non feinem Ar- beitszimmer aus mit Hilfe feiner Frau erlebigen kann, bis ber Amtsantritt Hardings am 4. März 1921 bem Kranken enblich noch brei Jahre bie Ruhe eines Privatmannes schafft. Nichts vermag beut- licher als dieses fesselnde Buch die alte Wahrheit zu illustrieren, daß die Macht des persönlichen Einflusses alle politischen Systeme beherrscht, selbst wenn sie so „demokratisch" aufgezogen finb, wie bas d"s amerikanischen Urbilds der Demokratie. Das Buch Kobers ist mit einer Reihe meist unbekannter Bilder ausgestattet, die den Kreis um Wilson uns auch in figura nahebringen.
Fr. W. Lange.
Wechsel in der Leitung der ^Reichsgruppe Industrie.
Berlin, 20. Okt. (DNB.) Der bisherige Leiter der Reichsgruppe Industrie, Gottfried Dierig, Langenbielau, hat den Reichswirtschaftsminister um Abberufung aus feinen Aemtern gebeten, weil er sich in Zukunft ausschließlich seinem eigenen Wirtschaftsunternehmen widmen möchte. Der Reichswirt- schaftsminister hat Herrn Dierig seinen besonderen Dank für die der Industrie geleisteten hervorragenden Dienste ausgesprochen und zum Nachfolger als Leiter der Reichsgruppe Industrie den Generaldirektor ber Mannesmann-Nöhrenwerke, Wilhelm Zangen, Düsselborf, berufen. Der neue Leiter ist nach kaufmännischer Ausbilbung unb Praxis in ber (Elfen- inbuftrie, im Bergbau unb in ber weiterverarbeiten- ben Mafchineninbustrie, wo er seit 1924 Vorstanbs- mitglieb ber DEMAG unb ber Schieß-Defries AG.
fiitmt AM mit gioseoi mol
Roman von Kurt Riemann
Copyright by Verlag Oskar Meister, Werdau I. Sa
12 Fortsetzung (Nachdruck verboten!/
„Ich möchte nicht mitfommen zum Autobus, Herbert!"
Er nickt und Der teht ohne Worte.
„Es wird mir chwer, so von dir zu gehen, Karola. Aber es gilt jetzt meine Arbeit.... und damit unser Glück. Bleibst du noch lange bei deiner Kante?"
„Ich fahre wahrscheinlich in der nächsten Woche nach Dresden zurück. Auch auf mich wartet Arbeit, Herbert."
„Musik! Ich weiß, Kleines. Wirst du mir schrei- ben? Nach Maadeburg?"
„Jeden Tag, den Gott werden läßt."
Sie reichen sich fest die Hände. Ihre Augen sagen mehr als Worte ausdrücken können.
„Leb wohl, Herbert!"
#rßeb wohl, Karola!" Ein le-tzter Händedruck... bann läuft er in langen Schritten den Freunden rach. Karola geht langsam ins Haus zurück.
Am andern Morgen kommt der Brief oon Häge- barth.
Karola hat Glück. Die Tante ist in die Kreis- ftadt gefahren, der Onkel hinaufgeftiegen an den Sperrsee zum Angeln. Das dauert seine Zeit, denn tr läßt nicht locker, ehe die Büchse an seiner Seite le füllt ist, und Tante wird vor Mittag nicht zuruck lein.
Karola kann also in aller Ruhe überlegen. Oh, fie hat trotz des scherzhaften Tones sofort begriffen, was die Mitteilung bedeutet, die ihr Hägebarth da Macht. Das bedeutet, ein ganz großes Geschäft, das fie schon sicher glaubte, für immer verloren. (Einen Lbsatzrnarkt losgeworden zu sein, mit dem man cfs einer festen Zahl seit einigen Jahren rechnete. Tas bedeutet wahrscheinlich noch mehr: (Betriebs» e nschränkung. Arbeiterentlassung; unb wenn bas Io weitergeht, wenn bie „Union AG" weiterchm jibes Geschäft burchkreuzt, bann sieht sie ben Tag bmmen, wo sie schließen muß.
Natürlich ist bas nicht Zufall. Im Gegenteil!
Es liegt bem allen ein wohlberechneter Angriffs- p'an zugrunbe. Man will sie mürbe machen. Und b sjes „Man" ist niemand anders als. Meßdorff — der seine Rache sucht, dem es unerträglich
ist, daß da ein Mensch eine Fabrik leitet, der weiß, was für ein Kerl er iff. Hätte er Karola nie gesehen, wäre er niemals ihr Geliebter gewesen, hätte sie ihn nicht aufgelesen damals, als es ihm dreckig ging — die „Vereinigten" wären ihm gleichgültig gewesen. Aber das ist nun einmal so: sie weiß zuviel oon ihm, er will sie zwingen, abzutreten.
Man macht das, da es nicht anders geht, mit wirtschaftlichen Mitteln. Er stellt mit den ausgedehnten finanziellen und technischen Möglichkeiten der „Union AG." so ziemlich die gleichen Waren her, unterbietet jedes Angebot, verzichtet für einige Zeit auf jeden Verdienst, ja, legt gegebenenfalls noch einiges dazu, um dann, wenn die Frucht reif ist, das ganze Unternehmen für ein Butterbrot aufzukaufen und stillzulegen. Der unangenehme Partner wäre dann tot.
Karola hat bisher zäh und verbissen baaegen an- gekämpft, sie hat gearbeitet, hart gearbeitet, aber sie hat es nicht verhinbe?n können, baß seine Methoben bvch (Erfolg haben. Der Geschäftsgang wird flauer. Alte Kunben werben untreu. Neue kommen selten, benn man muß jeben Groschen sparen unb kann für bie Werbung nur bescheibene Summen ausgeben.
Dazu kamen bie Jahre nach Mutters Tob. Fast zweimalhunberttausenb Mark Schulben hatte sie ihrer Tochter hinterlassen. Karola hat sie bezahlt bis auf ben letzten Pfennig. Es war ihr, als wische sie bamit fort, was ihr noch an Unsauberem aus jenen Tagen anhaftete, in benen Meßdorff mit ihr tun konnte, was er wollte. Als bie letzten Außen- ftänbe bezahlt waren, Schulben für eine Weltreise, zu der Mutter nicht weniger als sechs Freundinnen und Freunde eingeladen hatte, da atmete Karola auf, fühlte sich erlöst und glaubte nun, durch harte Arbeit die Vergangenheit ausgelöscht zu haben. Aber Meßdorff ließ nicht locker. Er arbeitete auf lange Sicht, konnte warten bis zum günstigsten Augenblick.
Und der scheint jetzt gekommen zu sein. Der Auftrag aus Norwegen stellte für die Existenz der „Vereinigten" eine Schicksalsfrage dar. Ob man ihn verschmerzen kann, ist fraglich. Wahrscheinlich kaum.
Nun bin ich dran! denkt Karola. Dabei wird ihr Mund hart, und die kleine Falte steht scharf zwischen ihren Brauen.
Doch diese Müdiakeit ist nur für einen Augenblick da, dann hat sie sich schon wieder in der Gewalt. Sie denkt natürlich nicht daran, das Feld kampflos zu räumen. Sie weiß nur noch nicht recht, was zu tun ist. Zunächst muß sie erst einmal nach Radevormwald in den Betrieb.
Sie erklärt Tante Therese, was los ist, denn vor
ihr hat sie keine Geheimnisse, und dann macht sie ihren Wagen fertig.
„Ich fahre auf der Stelle. Wenn ich gegen Abend ba bin, kann ich in der Nacht noch alle Unterlagen durchsetzen und morgen Kriegsrat halten!"
„Kind, Kind", seufzt Tante Therese, „warum plagst du dich nur jo? Verkauf doch! Gib doch nach...! Laß diesem Kerl, diesem Meßdorff, was er will, dann hast du deine Ruhe. Kannst du nicht Doktor Karajan mit deinem Kapital viel helfen? Siehst du, zu dem hätte ich alles Zutrauen! Hat er nicht eine neue Erfindung gemacht? Vielleicht kannst du da den (Erlös aus dem Verkauf der Fabrik anlegen? Eine Fabrik leiten, bas ist Männersache
„Er darf nie erfahren, baß ich biese Fabrik habe."
Tante Therese aber schlägt bie Hänbe über dem Kopf zusammen und kann bas gar. nicht verstehen: „Er ist ja nicht mehr hier... aber warum sollte ich ihm denn nicht sagen, daß du eine Fabrik hast? Schließlich wollt ihr doch wohl heiraten? Wie kannst du ihm da verschweigen, wer du bist?"
„Du brauchst ihm das nur zu erzählen, Tante, dann wirst du erleben, wie er seine Sachen packt unb loszieht. Unb bamit bu auch weißt, weshalb: Diesen Doktor Karajan hat Meßborff vor sechs Jahren fast zugrunbe gerichtet. Er war in meiner Fabrik Chemiker. Seine erste (Erfinbung hat er bei uns erarbeitet...!
Meßdorf hat sie ihm damals gestohlen! Unb ich habe Meßborff bei Vater unb Mutter geberft, habe also ben Prozeß gegen Karajan finanziert... Gott, was verstaub Muttt schon baoon, unb Vater war krank unb gleichgültig... also ich bin schon schul- big! Unb warum? Weil Meßborff Gelb brauchte... viel Gelb... ich war schwach bamalß...
Verstehst bu jetzt, warum Karajan nie erfahren bars, wer ich eigentlich bin?"
„Du lieber Heilanb! Das geht boch nicht gut! Du hast ihn boch bamals gar nicht gekannt! Dann kann er bir boch keinen Vorwurf machen!"
„Glaubst bu selber daran, Tante?" lächelt Karola schmerzlich.
Da seufzt die Gute unb nickt. „Du mußt's ja wissen! Ich werbe schweigen. Und deine Anschrift? Wenn er anfragt, muß ich doch schließlich Bescheid wissen?"
„Gib ihm meine Dresdener Anschrift an. Er kann ruhig wissen, daß du mir dein Häuschen in Loschwitz eingeräumt hast."
,Und wenn er dich dort aufsucht und du bist nicht ba?"
„Ich wevbe Frau Kolzow instruieren. Kannst chnen übrigens schreiben, baß ich Mitte nächster Woche komme, bamit sie sich barauf einrichten. Unb wenn Karajan vorher was von sich hören läßt, soll man mir das ins Werk nachschicken. Ich teile ihm jedenfalls mit, baß ich in Dresden bin und Musik studiere!"
„Auch bas noch! Siehst du — eine Lüge holt die andere hinterher."
Doch Karola streicht ihr lächelnd über ben grauen Scheitel. „Ich werde wohl von dir Vergebung für diese Sünde erlangen, Tante! Du wirst mich ver- Stehen, glaub ich. Wir Frauen von heute haben es nicht leicht, Tante. Die eine Sorte Männer, bie ist sehr umgänglich, mit denen hat man gar feine Schwierigkeiten, aber es steckt auch oft nichts da- hinter. Und die andern sind rein närrisch. Sie sind in den bösen Jahren aus der Bahn geworfen, weil man ihnen die Arbeit genommen hat und den Glauben an sich selbst. ,Es sind nicht die schlechtesten, die so sind wie Herbert..."
„Versteh ich nicht, Kind!" Die Tante läßt sich gar nicht drauf ein. „Wo eben die Liebe hinsällt! Ich habe mir meinen Mann geholt, obwohl mein Bruder in seinem Künstlerstolz Ach und Weh schrie, und er hat auch ja gesagt. Das war eben früher viel einfacher!" |
„Ach Gott!" meint Karola. „Ihr seid alle behütet herangewachsen. Unser Geschlecht ist Kriegs- generation. Wir sind die Kinder eines Volkes, das viel mitgemacht hat, und das läßt sich nicht wegwischen wie ein Kreidestrich. Ihr hattet es gut damals ... es ging alles so, wie ihr es plantet. Wir müssen uns das alles erst wieder zurechtbiegen. Glaubst du, daß aus Karajan jemals solch gehetzter Mensch hätte werden können, wenn nicht ber Schatten jener entsetzlichen Jahre nach bem Zusammenbruch sein Leben bestimmt hätte?... Aber jiehst bu, Tante, ich hab ihn lieb, gerabe wie er nun einmal ist... mit allen seinen knorrigen Heften...!"
Da streicht ihr bie Tante übers Haar und sagt gar nichts mehr. Sie weih es ja, daß Worte nichts nützen. Sie kennt auch Karola. Die wird sich ihr Leben schon einrichten. Da kann man ihr nur hilfreich die Hand reichen, wenn es einmal hart “luf hart kommt.
Helene Christbucher hat ein Paket mit guten Butterbroten zurechtgemacht. Ein Paket, das für eine Korporalschaft ausreichen würde. Das soll für die Fahrt sein.
„Brot können sie in der Stadt ja doch nicht backen!"
(Fortsetzung joljt!)


