Tag im Pimpsenlager Mühlbachtal.
Wilderer-Prozeß in Gießen.
Gefährliche Verbrecherbande aus dem Taunus soll abgeurteilt werden.
nach links in den Hindenburgwall einzubiegen, als im gleichen Augenblick vom Stadttheater her ein anderer Personenkraftwagen kam. Da die Kraftfahrerin ihren Wagen nicht mehr zum Stehen bringen konnte, für den anderen Kraftfahrer aber bei dem überraschenden Auftauchen des zweiten Wagens der Bremsweg zu kurz war, war der Zusammenstoß nicht mehr zu vermeiden. Es gab an beiden Wagen, an Vorderrädern, wie auch an Hinterrädern, starke Beschädigungen. Glücklicherweise wurde niemand verletzt, es entstand lediglich Materialschaden.
** Unfälle. Ein 18jähriger Motorradfahrer aus der Kaiserallee kam mit seinem Kraftrad zu Fall und erlitt einen Schlüsselbein- und einen Kniescheibenbruch. — Mit schweren Schulterverletzungen mußte die landwirtschaftliche Helferin AnnäWalb (beim Universitätsoersuchsgut Hardthof beschäftigt) in ärztliche Behandlung gebracht werden. Die Der unglückte war von einem Erntewagen abgestürzt.
ihre Sache schon so, wie es sich gehörte. Dann gab es noch den Uniformappell. Inzwischen war auch die Sonne gekommen, und im Lager herrschte die beste Stimmung. Nach dem Antreten am Fahnenturm und der Flaggenhissung traten die Essenholer an der Küche an und faßten für ihre Kameraden Brot, Marmelade und Kaffee in rauhen Mengen. Nach einem ausgiebigen Frühstück ging es dann zum Dienst in das Gelände, von dem die Pimpfe erst um die Mittagszeit zurückkehrten. Sie kehrten mit gehörig hungrigem Magen heim, und da inzwischen im Lager und in der Küche alles vorbereitet war, dauerte es nicht lange, da gab es das Mittagessen „ganz groß". Eine dicke Suppe mit Erbsen, Speck, Kartoffeln und einer Reihe weiterer guter Zutaten schmeckte vorzüglich, und manche aßen so viel davon, daß die anschließende Mittagspause von 14 bis 15.30 Uhr dringend notwendig war, um von den Strapazen des Mittagessens ausruhen zu können. ,
Der Nachmittag sah die Mannschaften zum Teil im Schwimmbad, andere marschierten nach Nassau, besichtigten eingehend die Burg und weilten am Denkmal des Freiherrn vom Stein. Der Abend vereinigte dann wieder alle in idealer Gemeinschaft im Eßring zum Abendbrot. Ein kurzer Schlußappell, eine Stunde des gemeinsamen Gesanges noch — und dann blies der Fanfarenzug den Zapfenstreich.
mehr für seine bekanntlich kündbare Arbeitsleistung bezahlt, die keinen selbständig veräußerlichen Werl darstellt. Schon aus Gründen der Preispolitik dürfe der Hausverwalterberuf nicht mit geldlichen Vorleistungen belastet werden.
Schulung oer OAI. auf Burg Gleiberg
Zn diesen Tagen wurde der Schulungsbetrieb auf der Burg Gleiberg mit einem neuen Lehrgang der DAF. wieder ausgenommen, deren Abteilung für Berufserziehung und Betriebsführung mr Zeit Be- triebsobmänner aus den Kreisen Dillenburg-Biedenkopf, Wetzlar und Gießen schult. Die Schulung untersteht den Kreisschulungsleitern der DAF. Bienengräber (Gießen) und Erpel (Wetzlar). Das derzeitige Lager wird von Kreisfachabteilungsleiter Heinrich Schmidt (Wetzlar) geleitet. Die Betriebsobmänner sind eine Woche auf der Burg.
Das Lager wurde am Sonntag durch Kreisobmann H e l f p e r (Wetzlar) eröffnet, der über die Vorgänge in der Welt sprach. Am Montag sprachen die Kreisschulungsleiter der NSDAP. R e e h (Wetzlar) und Michel (Großen-Linden-Gießen) über die Grundgedanken des Nationalsozialismus und über die Rassefragen. In einem Vortrag am Nachmittag gab Kreisobmann H e l s p e r einen Ueberblick über die Aufgaben der DAF. Den Dienstag verbrachten die Lehrgangsteilnehmer mit Gauschulungsleiter W a ch s m u t h und Kreisschulungsleiter Bienengräber von der Gauwaltung der DAF. Frankfurt a. M., die über wirtschaftliche und sozialpolitische Fragen sprachen und wertvolle Hinweise für die praktische Kleinarbeit in den Betrieben gaben. Der Nachmittag diente einer Besichtigung der näheren Umgebung. Dabei wurde dem Hardthof ein Besuch abgestattet. Mittwoch vormittag hielt der stellvertretende Dereinsführer des Gleiberg-Vereins, Direktor M e n k e n (Kinzenbach) einen Vortrag über die Entstehung und die Geschichte der Burg und die Erneuerungsarbeiten, die der Gleiberg-Verein im Laufe seines Hundertjährigen Bestehens dort oben durchgeführt hat. Nach einem Besuch des Gloria-Palastes in Gießen war der Mittwochnach- mittaa dienstfrei. Am heutigen Donnerstag sprechen Kreishauptstellenleiter Benz (Dillenburg) und Schmi.dt (Gießen) über Fragen des Arbeitsrechtes und der Rechtsberatung, sowie über organisatorische Fragen.
Gietzener Wochenmarktprette.
* Gießen, 21. Juli. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Feine Molkereibutter, 7i kg, 1,52 Mark, Markenbutter 1,55 bis 1,60 Mark, Matte 20 bis 25, Käse, das Stück, 4 bis 9, Eier, deutsche, Klasse S 13, Klasse A \27i, Klasse B 12, Klasse C IVA, Klasse D 10)4, Enteneier 11)4 bis 12X, Tauben 50 bis 55 Pf., junge Hähne, 7i kg, 1,10 bis 1,15 Mark, Suppenhühner —,90 bis 1,05 Mark, Wirsing, grün, 10 bis 12 Pf., Weißkraut 12, Rotkraut 18 bis 22, gelbe Rüben, das Bündel 10 bis 12, 7i kg 18 bis 20, rote Rüben 10 bis 12, Spinat 20, Römifch- kohl 8 bis 12, Bohnen, grün, 30 bis 40, Erbsen 20 bis , 25, Tomaten 25 bis 50, Zwiebeln, das Bündel 10 bis 12, 7i kg 14 bis 18, Rhabarber 10 bis 15, Pilze 45 bis 55, Kartoffeln, alte, 5, 5 kg 45 Pf., 50 kg 3,30 bis 3,90 Mark, neue 6.— bis 6,50 Mark, Vi kg 7 bis 8 Pf., Pfirsike 45 bis 60, Himbeeren 55, Dörrobst 40, Sauerkirschen 46, Heidelbeeren 45, Stachelbeeren 30 bis 50, Johannisbeeren 35 bis 40, Erdbeeren 55, Blumenkohl, das Stück, 10 bis 50, Salat 5 bis 10, Salatgurken 20 bis 60, Einmach- gurken 1% bis 5, Oberkohlrabi 5 bis 8, Suppengrün 5, Rettich 5 bis 15, Radieschen, Bund 5 bis 10 Pf.
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** Ferienkinder für den Kreis Wette r a u. Am gestrigen Mittwochnachmittag trafen etwa 175 Ferienkinder aus dem Gebiet Koblenz— Trier—Birkenfeld, von Koblenz kommend, auf dem hiesigen Bahnhof ein, die von der NSV. im Kreis Wetterau untergebracht wurden. Es handelt sich um erholungsbedürftige Kinder aus der Westmark, die im Kreis Wetterau einen vierwöchigen Urlaub verbringen werden. Etwa 25 Kinder blieben in Gießen, eine größere Anzahl verteilte sich auf die nähere Umgebung, andere fuhren nach Friedberg und in Richtung Nidda weiter. — Am heutigen Abend fahren mit der NSV. 91 Gießener Kinder nach Schleswig-Holstein zur Erholung. Sie schließen sich hier einem Sammeltransport an.
** Kanalbauarbeiten im östlichen Eichgärtengebiet. Der umfangreiche Wohnhausbau im Tannenweg und auf dem anschließenden Gelände unterhalb der Liebigshöhe macht nunmehr die Anlage von Regen- und Schmutzwaßer- kanälen als wichtigen Bestandteil des Straßenbaues in diesem neuen Wohnhausblock erforderlich. Die Bauarbeiten erstrecken sich auf den ostwärts hinziehenden Teil des Tannenwegs und die daran anschließenden neuen Straßen „Unter den alten Eichen", „Am Philosophenwald" sowie die Querstraßen unterhalb der Tennisplätze an der Liebias- höhe. Mit der Durchführung der jetzt ausgefchrlebe- nen Arbeiten soll in Kürze begonnen werden.
** Zusammen st oß. Gestern gegen 18 Uhr ereignete sich an der Ecke Hindenburgwall/Goethe- straße ein Zusammenstoß zweier Personenkraftwagen, der schlimmste Folgen nach sich z«ehen konnte. Ein Personenkraftwagen, von einer Frau gesteuert, kam aus der Goethestraße gefahren, um
Unser Gießener Jungvolk war im Zeltlager Mühlbachtal rasch zu Hause. Mancher der Pimpfe kennt das Leben im Zeltlager ja auch schon, und so war es kein Wunder, daß man sich in der neuen Umgebung schnell zurechtfand.
Der erste volle Tag im Lager, der Tag nach der Anreise, begann allerdings zunächst nicht sehr vielversprechend. In früher Morgenstunde trommelte der Regen auf die Zelte. Mancher Pimpf mag davon erwacht sein, aber zunächst lag man ja trocken im Stroh, und bis zum Aufstehen konnte das Wetter längst anders sein. Einer der Pimpfe ließ in diesem Zusammenhang eine Weisheit vom Stapel, die er bei irgendeiner Gelegenheit von einer Bauersfrau „geerbt" hatte: „Regen am frühen Morgen und alter Weiber Tänze Dauern nicht lange!" — Und so war es auch!
Als um 7 Uhr zum Wecken geblasen wurde, hatte der Regen schon merklich nachgelassen. Im Nu waren die Pimpfe auf den Beinen, und diejenigen, die glaubten, noch einige Minuten zugeben zu können, waren bald ausgehoben. Dann traten die „Mannschaften" vor den Zelten an, es wurde zum Waschen abgerückt, anschließend hatte jede Zeltmannschaft ihre Behausung in Schuß zu bringen und schließlich wurde der Tornister gepackt.
Jungbannführer T a e s L e r ging von Zelt zu Zelt und sah nach dem Rechten. Er hatte aber wenig zu beanstanden, denn die Pimpfe machten
Lpd. Die Justizpressestelle Darmstadt teilt mit: „Das in den Gemarkungen der Taunusgemeinden Kransberg und Friedrichsthal und in den angrenzenden Gebieten bis zum Herbst 1937 in außergewöhnlichem Umfang festgestellte Wildererunwesen führte zur Einleitung eines umfassenden Ermittlungsverfahrens gegen die seit Mitte 1937. in Untersuchungshaft befindlichen Brüder Josef Heinrich und Karl Odenweller aus Kransberg und Friedrichsthal.
Die von dem Oberstaatsanwalt in Gießen in engster Zusammenarbeit mit den zuständigen Abteilungen der Kriminalpolizei in Frankfurt a. M. geführte Untersuchung hat abschließend zur Anklageerhebung vor der Großen Strafkammer des Landerichts Gießen geführt. Als Mitbeschuldigte werden sich in der demnächstigen Hauptverhandlung auch Karl Philipp Lauer aus Kransberg, Jakob Matern aus Friedrichschal und Friedrich Thyssen aus Frankfurt a. M. zu verwarten haben. Die Beschuldigungen der Anklage richten sich gegen die fortgesetzten gewohnheits- und gewerbsmäßigen, in rücksichtsloser Weise auch nachts und unter gröblicher Verletzung der Schonzeiten und sonstigen jagdrechtlichen Einschränkungen begangenen Wildereien der Gebrüder Odenweller und gegen die damit zusammenhängenden gleichfalls fortgesetzten ober mehrfachen Verfehlungen der übrigen Angeklagten auf dem Gebiete der miß
bräuchlichen Jagdausübung, teilweise auch der Hehlerei und des Urkundsverbrechens.
Wegen eines bereits im Juli 1919 vorgekomme- nen Zusammenstoßes des Försters Nothnagel aus Ziegenberg mit den schon damals wegen Wilderei gestellten Gebrüder Odenweller ist anläßlich des jetzigen Ermittlungsverfahrens auch der Verdacht des Mordversuchs an dem Förster nochmals aufgegriffen worden, nachdem frühere Aufklärungsversuche ergebnislos geblieben waren. Josef Odenweller hat erst jetzt den Beamten der Kriminalpolizeistelle Frankfurt a. M. gegenüber eingestanden, 1919 bei dem Zwischenfall im Wald auf den Förster Nothnagel einen Karabinerschuß abgegeben zu haben, der den Beamten „umlegen" und den bereits gestellten Bruder Wilhelm Odenweller befreien sollte. Durch einen glücklichen Umstand mißlang der Anschlag. Josef Odenweller kann wegen Verjährung der Strafverfolgung für diesen nahezu 20 Jahre zurückliegenden Mordversuch nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden, da erst das jetzige Geständnis des Täters den Zugriff der Strafverfolgungsbehörden ermöglichte.
Anläßlich der vor wenigen Tagen mit der Hinrichtung des Wilderers Johann Wilhelm M i e g e r abgeschlossenen Strafsache wegen der 1917 und 1937 erfolgten Morde an dem Forstmeister Birkenauer und dem Waldwärter Hofmann ergab sich im Verlauf der von dem Oberstaatsanwalt und der Kri--
minalpolizei Frankfurt a. M. durchgeführten Ermittlungen die Vermutung, daß es gelingen könne, auch das Verschwinden des nach nahezu einjähriger Verschollenheit im Dezember 1922 in einem alten verfallenen Schacht der Gemarkung Langenhain mit schweren Schädelverletzungen tot aufgefundenen Landwirts und Bürgermeisters Philipp Odenweller aus Friedrichsthal aufzuklären. Gegenüber der von Anfang an nach den ganzen Umständen des Leichenfundes bestehenden Möglichkeit eines Unfalls haben sich auch im Verlauf der jetzigen Ermittlungen belastende Umstände im Sinne eines Mordverdachts gegen die Gebrüder Odenweller ober anbere Personen nicht ergeben. Der Oberstaatsanwalt in Gießen hat demgemäß das Verfahren, soweit es sich um den Verdacht eines Verbrechens an Philipp Odenweller handelt, mangels Täterermittlung eingestellt.
Gerichtliches Nachspiel
des Köpperner Waffenfundes.
LPD. Frankfurt a. M., 20. Juli. Als nach der Ermordung des Waldhüters Hofmann seitens der Staatsanwaltschaft und ber Polizei die große Aktion zur Ermittlung der Wilderer in der Köpperner Gegend einsetzte, geriet ein gewisser K. in den Verdacht, der Waffenlieferant einer Anzahl Wilderer gewesen zu sein und sich selbst als Wilderer betätigt zu haben, nachdem er bis 1933 Jagdberechtigung besaß. K. wurde von der Kriminalpolizei in dem Augenblick überrascht, als er sich bemühte, Waffen in seinem Haus zu verstecken. Die Menge der bei ihm gefundenen Waffen und Waffenteile war derart umfangreich, daß man zwei Wagen zum Abtransport benutzen mußte. Unter den beschlagnahmten Gegenständen befanden sich Jagdgewehre aller Art, eine Elefantenbüchse, Stock- flinten usw. K. erlag in der Untersuchungshaft | einem langwierigen Leiden. Vor seinem Ableben machte er gewisse Angaben über seine Wilderer- tätigfeit. Er belastete einen gewissen St. aus Köppern, der sein Begleiter gewesen sei und sich hierzu trefflich geeignet habe, weil er dicht halte und einen Rucksack besitze, der nicht pfeife,, d.h. St. verrate nicht, woher der Inhalt des Rucksackes sei. St. ist im vorigen Jahr wegen gewerbs- und gewohnheitsmäßigen Wilderns und verbotenen Waffenbesitzes zu zwei Jähren Gefängnis verurteilt worden. In ber BerufunaÄnstanz würbe er lediglich des verbotenen Waffenbesitzes schuldig befunden und zu neun Monaten Gefängnis verurteilt. Das Gericht konnte sich nicht entschließen, den Angeklagten nur auf Grund der Angaben des K. wegen Wilderns zu bestrafen.
Der Fall Hatte jetzt noch ein weiteres gerichtliches Nachspiel, und zwar drehte es sich um die Ein« Ziehung der beschlagnahmten Waffen usw. Da es zu keiner Verurteilung des K. gekommen ist und somit nicht feststeht, daß er gewildert hat, war eine Einziehung im üblichen Sinne nicht möglich. DrÄ Tische im Gerichtssaal waren mit dem beschlagnahmten Material bedeckt. Das Gericht fand einen Mittelweg: das Material soll verkauft und der Erlös der Witwe zugewies-n werden.
Ausbrecher unschädlich gemacht.
# Auf der Flucht erschossen.
LPD. Darmstadt, 20. Juli. Die Justizpresse, stelle teilt mit: Nachdem, wie bereits gemeldet, vor kurzem zwei der Ende Juni aus dem Gerichtsgefängnis in Offenbach ausgebrochenen Untersuchungsgefangenen bei Mosbach (Baden) wieder festgenommen werden konnten, ist es nunmehr gelungen, auch den dritten und. letzten Flüchtling unschädlich zu machen. In Büchelberg (Pfalz) wurde ein Einbrecher auf frischer Tat gestellt und, da er sich der polizeilichen Festnahme widersetzte und Zu entfliehen versuchte, erschossen. Die erkennungsdienstliche Behandlung des zunächst unbekannten Toten ergab, daß es sich unzweifelhaft um den in Offenbach wegen Bandendiebstahls verhafteten und dort aus- gebrochenen Josef Krepp aus Seligenstadt handelt.
Wie der LPD. aus Kandel in der Pfalz meldet, versuchte in der Nähe des Ortseingangs von Lüchel- berg ein Unbekannter einen Raubüberfall auf einen Einwohner. Der Täter ging, als er Wider-
Zwei hinter Gisela.
. , Roman von Hans Hirthammer.
Urheberrechtschutz Verlag Oskar Meister, Werbau/Sa.
4. Fortsetzung (Nachdruck verdaten!)
Als Frau Stadelmann pünktlich um acht den Wagen meldete, stand vor ihr ein vollkommener Gentleman, dessen Aeußeres sogar ihr altes Witwenherz in leichte Wallung brachte.
In der Neanberftraße fanb Radegast zunächst Herrn Kagereit vor, der ähnlich wie er selbst, wie aus dem Ei gepellt, sich wartend im Musikzimmer erging.
„2lh, Herr Radegast, nicht wahr!" begrüßte er den Eintretenben. „Dorothea hat mir schon von Ihnen erzählt. Haben Sie sich schon ein bißchen eingewöhnt in unserem alten Sündenbabel?"
„Warum nicht?" entgegnete Rabegast lässig, während er die musternben Blicke des anderen erwiderte. „Es lebt sich ganz angenehm in Berlin!"
Was war mit diesem Kaaereit? Wußte der Mann um seine Angelegenheiten? Anscheinend ja, denn er schien Frau Malicks Vertrauter zu sein.
„Sie ist natürlich noch nicht fertig! Weiberart, man gewöhnt sich daran. Sie werben ja sehen, mein Lieber, es wirb Ihnen bei Ihrer Kleinen nicht anbers ergehen."
Rabegast beschränkte sich auf ein vorsichtiges Lächeln.
»Eine tipptoppe Sache, die Sie sich ba ausgebacht haben. Unsereins vetsteht das zu würdigen. Ist sie hübsch?"
„Wir wollen hoffen. Hatte noch nicht das Vergnügen, sie kennenzulernen. Frau Malick scheint Sie bereits unterrichtet zu haben?"
„Gewiß doch! Ich bin sozusagen ihr Vermögens« berater, ba ist es nur selbstverständlich, baß sie mich bei ihren finanziellen Dispositionen ins Vertrauen zieht. Sie brauchen aber deswegen nicht in Sorge zu sein, größte Diskretion."
Radegast fand keine Zeit mehr zu einer Erwiderung, denn soeben erschien Frau Malick unter der Tür.
Sie sah so gut aus, baß Radegast sich eines be- munbernben Ausrufes nicht erwehren konnte. Ein kostbares, eng anschließendes Brokatkleid brachte ihxe schlanke, gepflegte Figur voll zur Geltung. Da die gewagten Ausschnitte mehr offenbarten, als Radegast bisher zu sehen gewohnt war, so konnte die Verwirrung, die sich feiner bemächtigte, nicht weiter verwunderlich sein.
Dorothea Malick Half ihm mit einem bezaubernden Lächeln über Die Verlegenheit. „Nett von Ihnen, daß Sie so pünktlich gekommen sind! Sie sehen gut aus, alle Anerkennung! Mir scheint, lieber Kagereit, daß Sie sich die Mühe sparen können, unseren Freund zum Gentleman auszubilden. Er ist es bereits!"
„Oh, davon kann nicht die Rede sein. Ich weiß wohl, daß ich noch sehr viel zu lernen habe. — Wenn Sie es mit mir versuchen wollen, Herr Kagereit--?"
„Mit dem größten Vergnügen!" lachte der und ließ, indem er die Tür öffnete, Frau Malick vorausgehen.
Kagereits kleiner, aber sehr flinker Wagen brachte die Gesellschaft rasch zum Westen Berlins, wo die grellen Lichtreklamen an den Häuserwänden die Nacht zum Tage verwandelten. Frau Malick hatte einen Pelzmantel über die Schulter geworfen und saß neben Radegast im Fond. Kagereit führte das Steuer.
„Nun, haben Sie schon etwas unternommen?" begann sie sogleich begierig zu forschen, indessen sich ihr Gesicht dem seinen näherte, so »daß er den Dust ihres Puders spüren konnte.
Radegast, der seine Befangenheit noch nicht ganz überwunden hatte, berichtete von seinem Besuch bei Frau Kretschmar. „Die Dinge scheinen mir recht günstig zu liegen. Ich hätte es mir gar nicht besser wünschen können. Es sollte mich sehr wundern, wenn das kleine Fräulein sich auf die Anzeige nicht meldet."
„Haben Sie das schon erledigt?"
„Ich habe die Anzeige in ber Zeitung aufgegeben, bie Frau Kretschmar hält."
„Diese Frau Kretschmar ist also gewonnen?"
„Ja! Sie wirb, wenn es notwendig werden sollte, ein wenig nachhelfen und dem Kind einreben, daß es sich an feinem Glück oerfünbigt, wenn es die Anzeige unberücksichtigt läßt."
Frau Malick öffnete den Pelzmantel. „Na, wir werden ja sehen!" Sie schien noch nicht restlos überzeugt zu sein.
„Sie werden sehen, daß Fräulein Mertens bestimmt antworten wird! Seien Sie ganz ohne Sorge!"
Frau Malick zeigte im Lachen zwei Reihen weißer Zähne. „Sie tun gerade so, als wenn damit alles getan wäre! Ein grundlegender Irrtum, mein lieber Radegast! Ihre Hauptarbeit beginnt, wenn Sie das erste Stelldichein mit der jungen Dorne verabredet haben. Besitzen Sie überhaupt die Fähigkeiten, ein kleines Mädchen verliebt zu machen?"
Walter Radegast räusperte sich. ,^Jch — denke doch
wohl!" versuchte er zu scherzen. Aber es gelang ihm nicht, den leichten, überlegenen To". zu finden, der einen solchen Ausspruch $u überzeugender Wirkung gebracht hätte. „Allerdings habe ich noch keine — hm — sehr reichen Erfahrungen."
Frau Dorothea blickte ihren Begleiter von der Seite an und begann plötzlich hell herauszulachen. „Wollen Sie damit andeuten, daß ich den Unterricht von Herrn Kagereit in dieser Richtung ergänzen und — ha ha — Ihre Erfahrungen bereichern soll?"
Radegast half sich über den Anfall schrecklicher Verlegenheit hinweg, indem er in Frau Malicks Gelächter mit einstimmte. „Das wäre in ber Tat — wahrhaftig, man könnte einen solchen Unterricht — ins Auge fassen."
Sein Lachen erstarrte, als er fühlte, wie Frau Malicks Blick sich an bem feinen festsaugte, als er ben gierigen Zug um ihre zu stark geschminkten Lippen entdeckte.
Auch ihre Stimme klang auf einmal anders. „Sie sind wohl noch ein rechter Unschuldsengel, wie?"
Radegasts Mund formte sich zu einem verzerrten Lächeln. Er hatte das beklemmende Gefühl, daß etwas nach ihm griff, eine Gewalt, vor der es kein Entfliehen gab.
„So, ba wären wir!" rief Kagereit und hielt den Wagen an.
„Wir sprechen noch darüber!" sagte Frau Malick, während sie beim Aussteigen wie zufällig ihre Hand auf Radegasts Schulter legte.
Kagereit, dem die Erregung des anderen nicht verborgen blieb, runzelte die Stirn.
Frau Malick schloß den Pelzmantel. „Wir unterhielten uns gerade davon, wie Herr Radegast sein Unternehmen ins Werk setzen solle, der arme Mann scheint etwas Lampenfieber zu haben."
6.
„Schau, schau, ein bißchen verschlafen?" schmunzelte Herr Lüdike, der Zigarrenhändler an der Ecke. „Ich hatte schon gedacht. Sie kommen heute nicht mehr." Er reichte Fräulein Mertens die Tüte mit ben Zigarren, die sie Tag für Tag bei ihm kaufte, bas Stück zu zwanzig Pfennig.
Diese Zigarren waren für Herrn Hasselscbwert. Gisela war ein für allemal mit ber Lieferung beauftragt worben: das ausgelegte Gelb erhielt sie bei ber Gehaltszahlung.
Als Gisela mit keuchenbem Atem endlich an ihrer Arbeitsstelle erschien, erfuhr sie, daß ber Chef bereits zweimal nach ihr gefragt hatte. „Sie wissen boch, er schnappt über, wenn er nicht bei Bürobeginn seine Morgenzigarre rauchen fann/*
Gisela streifte hastig ihre Aermelschoner über. „Hat er sehr großen Krach gemacht?" fragte sie ängstlich.
Fräulein Hinterhuber lächelte sauer. „Getobt hat er, fragen Sie Weiß floh!"
Aber ber war noch zu erschüttert, um schon eine Auskunft geben zu können, beim er pflegte heftig zu stottern, wenn er sich in Erregung befand.
Gisela nahm die Zigarrentüte und betrat das Büro des Chefs.
Herr Hasfelfchwert war ein kleiner, dicker, runder Mann. Aufgebläht wie ein Frosch saß er hinter seinem Schreibtisch verschanzt, mit unstet rollenden Kugelaugen, bie unter dem Dach farbloser Wimpern die Eintretenben böse musterten.
„Ich bitte um Entschuldigung!" sagte Gisela. „Ich habe verschlafen." ©ie legte die Zigarren auf ben Schreibtisch.
„Verschlafen? Sie sollten sich schämen! Ein junges Mädchen — wie alt eigentlich?"
,Zm September werde ich zwanzig."
„Mit zwanzig Jahren verschläft man nicht, hören Sie! Als ich so alt war, mußte ich jeden Morgen um fünf auf steh en."
Mit einer ruckartigen Handbewegung schob er die unangenehme Erinnerung beiseite. Er griff nach einem Schriftstück. ,Lch fjabe zu diktieren."
„Gewiß, Herr Direktor!" Gott sei Dank, es war noch glimpflich abgelaufen. Gisela setzte sich an ben kleinen Ecktisch und zückte ben Bleistift.
Und während sie Herrn Hasselschwerts nüchternes Diktat aufnahm, empfand sie mit einer tiefen Verzweiflung die Sinnlosigkeit ihres Daseins. Da saß sie nun und tat eine Arbeit, bie tausenb anbere ebensogut ober besser verrichten könnten, während ihr ganzes Sinnen nach jener anderen Tätigkeit hun- ?;erte, nach der schöpferischen Gestaltung Des künst- erischen Erlebnisses, von dem sie erfüllt war. Oh, jetzt vor dem Skizzenblock sitzen dürfen, schöne Dinge entwerfen, den Farben und Formen, die in ihr lebendig waren. Gestalt geben zu dürfen!
„Wie sagten Sie, Herr Direktor?"
Hasselschwert hob drohend bie Brauen. „Sie scheinen mir wieder einmal reichlich zerstreut! — so daß wir uns zu unserem Bedauern nicht in der Sage sehen, ihren Vorschlägen nahezutteten. — Haben Sie bas?"
Gisela nickte und behielt ihre Gedanken eine Weile fest bei ber Arbeit.
„Um aber boch zu einer positiven Erlebigung der in Frage stehenden Angelegenheit zu kommen —"
(Fortsetzung folgt!)


