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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

ttr.US Zweites Blatt

nur

die großen Fische die

Peter

doch der kleine anzuziehen.

Wohlhabenheit. Märchenhaft, rhapsodisch oder von Dämonen getrieben wie man sein Leben sehen mag ein Mensch entschwand den Blicken der Zeit­genossen, dessen irdisches Dasein noch heute nicht im unverschleierten Lichte der Tatsachen erkennbar ist. Es blieb die Erinnerung an einen der wenigen und Seltenen Götterlieblinge, die aus Leid und Not, aus Bitternis und prüfender Drangsal im Schmelzofen eines glühenden Lebens zum Edelstahl der zeit- und geistprägenden Persönlichkeit gehärtet werden.

Unter den schattenden Bäumen des Hofgartens von Bayreuth, wo das bürgerliche Privatreich Wahnfrieds" mit dem fürstlichen Lustgarten zusam-

hetzte Emigrant und der Hausherr vonWahnfried" in atlasseidenen Schlafröcken von unheimlicher An­zahl, der gequälte Ehegatte, der im stillen Verzeh­ren nach der unerreichbaren Mathilde Wesendonck die Liebesglut vonTristan und Isolde" entfacht, dem das Geschick nach langen Irrungen Cosima als Muse seiner Reife schenkt, der Komponistgroßer Opern" französischen Einschlags und der Schöpfer des deutschen Musikdramas, der Mann, der vier­einhalb Riesenwerke unausgeführt in der Schublade liegen läßt und lieber auf jeden Ton "feiner Musik verzichtet, wenn sich das Ziel, das Festspiel als Ausnahmeereignis, nicht verwirklichen läßt Ge­gensätze, wirkliche und scheinbare Widersprüche, Entwicklungen von beängstigender Weitschweifigkeit, wohin man blickt! Aber alle Wege und Umwege führen zum Werk, zur epochemachenden Tat, die geistig, kulturell, musikalisch und ästhetisch das Tor

Hans Sachs ruft also das Volk als Richter auf! Er selbst ist als Spruchrichter bestellt, aber er fühlt sich nicht zuerst den Regeln der Zunft ver­pflichtet, wenn er sie auch ehrt und als Formen gelten läßt, denn jeder Inhalt muß in Formen gegossen werden, um nicht zu zerfließen. Aber höher als die Zunftregeln steht der schöpferische Geist. Der kommt aus dem Volke, den hat das Volk bewahrt und darum fühlt sich Hans Sachs als Spruchrichter auch nur in dem Sinne, daß er der Sprecher ist für das, was das Volk empfindet.

platzt er los:

Aber wie kriegen denn Büchse auf?!" *

Müllers wollen verreisen.

Die Koffer sind gepackt,

Ein Meister, reich und hochgemut, der will euch heut' das zeigen: fein Töchterlein, sein höchstes Gut, mit allem Hab und Eigen^ dem Singer, der im Kunstgesang vor allem Volk den Preis errang, als höchstes Preises Kron' er bietet das zum Lohn ... Ihr Meister, die ihr's euch getraut, euch ruf ich's vor dem Volke laut: erwägt der Werbung selt'nen Preis, und wem sie soll gelingen, daß der sich rein und edel weiß, im Werben, wie im Singen, will er das Reis erringen, das nie bei Neuen noch bei Alten ward je so herrlich hoch gehalten, als von der lieblich Reinen, die niemals soll beweinen, daß Nürenberg mit höchstem Wert die Kunst und ihre Meister ehrt."

burtstags es ist zugleich der Weihnachtsmor­gen spielte eine kleines Orchester im Treppenhaus zu Triebschen das für Cosima komponierte Idyll, das später alsSiegftied-Jdyll" bekannt wurde. Aus den Themen der Schlußszene des dritten Aktes imSiegfried" ersteht qualvolles Ringen, Sehnsucht und' Beglückung einer großen Liebe, die sich im Kinde erfüllt hat. Das ist für Richard Wagner das köstlichste Geschenk der Triebschener Jahre gewesen.

Im Januar 1867 hatte Gottfried Semper das Modell des monumentalen Renaissancebaus zu einem Nibelungentheater vollendet, das am Isar- Ufer errichtet werden sollte. Damals hatten sich in München große Widerstände gegen diesen Plan gebildet. In Triebschen taucht nun der Gedanke auf, das Festspielhaus nicht in dem lärmerfüllten Ge­triebe der Residenz zu errichten. Im Lauf des Früh­jahrs 1871 schickt Wagner ein kleines grünes Heft­chen in die Welt hinaus:Ueber die Aufführung des Bühnenfestspieles: Der Ring des Nibelungen". Noch ist darin der Sitz der zukünftigen Festspiele nicht genannt. Im gleichen Frühjahr betritt Richard Wagner zum ersten Mal die stille, alte, fränkische Markgrafenstadt, am Roten Main, deren berühmtes Rokoko-Opernhaus von Bibiena ihn hergezogen hat.

Ein Jahr darauf nimmt er Abschied von der In­sel der Seligen. Bücher, Noten, die großen Saf- sianmappen mit den Partiturblättern werden zu- sammengepackt. Das Triebschener Idyll ist verklun­gen. In Richard Wagners fruchtbarem, reichem, er­schütterndem Leben,ganz abweichend und unerhört unter mittleren Sterblichen", wie Nietzsche es nennt, beginnt nun der letzte große Abschnitt: Bayreuth.

Walter Schwerdtfeger.

Es wird keinen Deutschen geben, der nicht er­frischt aus einer Aufführung derM e i st e r s i n - ger von Nürnberg" käme. Wir wissen, daß auch der Führer immer wieder diese Oper besucht. Alles ist Farbe, Frohsinn, Humor, Beglückung, er­tragenes Leid in diesem Kunstwerk. In einer Zeit, in der die Geister erwachten und es nach dem Aus­spruch Huttens eine Lust war zu leben, kommt Walther Stolzing, der junge Ritter, nach Nürn­berg. Aber was er antrifft, ist nicht mehr die frei- strömende künstlerische Kraft des Volkes. Vielmehr findet er einen alten Zopf, mit fürchterlichen Re­geln, die Selbstzweck geworden sind, statt Hilfs­mittel des Ausdrucks zu sein. Da singt er, mit Hilfe des klugen Hans Sachs, der selbst unter diesem Zopf leidet, die braven, ehrlichen, aber steifen und wich­tigtuerischenMeistersinger" in Grund und Boden. Und er bleibt Sieger warum? Weil er einen Verbündeten hat, von dem er sich vorher wahr­scheinlich nichts hat träumen lassen: das Volk, das die Begabung und Genialität erkennt. Hoher als die zum starren Handwerk gewordene Kunst der Zunft" ist das freiströmende Gefühl, die unbe­zwingliche Liebe, der sich Walther von Stolzing an- vertraut. Das spürt das Volk und darum zwingt es die Meistersinger, dem kühnen Mann den schön­sten Preis zu geben, dem Mann, der den Weg zu den ursprünglichen Quellen des Schaffens wie-

Wir wissen, daß Richard Wagner nicht nur Dich­ter und Gestalter war, sondern daß er sich auch immer Rechenschaft ablegte über das, was er tat, und über die Art und Weise, wie sein Schaffen im großen Zusammenhang der deutschen Kultur stand. Das macht Wagner so groß, daß er mit dem Volke und seinen Schicksalen lebte, daß er mit leidenschaftlicher Seele empfand, was das Volk im Tiefsten aufwühlt, und daß er sich auch nicht scheute, praktisch die Folgerungen daraus zu ziehen. Nachdem er sich im Revolutionsjahr 1848 in Dres­den mitten in das Volk gestellt hatte, hat man ihn verbannt, und er durfte 15 Jahre deutschen Boden nicht betreten. Aber er hat gesiegt mit seiner Idee vom Volke; denn sie war so tief verankert in fei­nen Gedanken, er hat das im Volke sichtbare Gut so deutlich erfaßt und ihm selbst höchsten Ausdruck verliehen, daß wir ihn heute grüßen dürfen als den Mann, der Kunst und Volk zum ersten Male unzertrennbar verbunden hat. Wenn wir heute ganz sicher wissen und fühlen, daß nur das Volk der tragende Untergrund aller Kunst ist, also auch höchster' Richter über das, was das ein­zelne Genie gestaltet, so verdanken wir diese im eigentlichen Sinne deutsche Wahrheit Richard Wagner. Sie ist deutsch, weil sie nicht das Indi­viduum, den schöpferischen Geist, allein gelten läßt, wie der falsche Geniekult, sondern weil das Gerne nur in seinem Zusammenhang mit dem Volke etwas gilt, also insoweit, als es das, was das Volk wirk­lichangeht", gestaltet und so eines dauernden Echos im Herzen des Volkes sicher sein darf.

Es ist gewiß nicht allzu bekannt, daß Richard Wagner auch in seinen gedanklichen Schriften die Erkenntnis von der unzertrennlichen Verbindung von Volk und Kunst häufig ausgesprochen hat. Im dritten Kapitel desKunstwerks der Zu- kunft" stellt er die FrageWer ist das Volk? Die Antwort lautet:Das Volk war von jeher der Begriff aller der Einzelnen, welche ein Gemein­sames ausmachten. Es war vom Anfänge die Familie und die Geschlechter; bann die durch Sprachgleichheit vereinigten Geschlechter als Na-

voll alle Partien singt: Sachs und Beckmesser, Stol­zing und Evchen, dann muß der montenegrinische Kammerdiener noch lange nach Mitternacht auf den Herrn Abbe warten, obwohl er doch schon morgens mit dem Fünfuhrzug Luzern wieder verlassen muß.

Das Jahr 67 bringt die herrliche Uraufführung derMeistersinger" in München, der Richard Wag­ner ein neuer Skandal! in der Komgsloge des Schauspielhauses beiwohnt, neben dem jungen Herrscher. . .

Auch eine ganze Anzahl größerer und kleinerer Abhandlungen wurden ht den Triebschener Jahren veröffentlicht; so die AufsatzfolgeDeutsche Kunst und Deutsche Politik", die Schrift zum Gedächtnis Beethovens, der Aufsatz überDas Judentum m der Musik", der jetzt zu einer ganzen Broschüre am

Triebschener )Vyu.

Zu Richard Wagners 125. Geburtstage am 22. Mai.

Nach den erbitterten Kämpfen des Jahres 1865, .bem fluchtartigen Verlassen Münchens, schienen alle Hoffnungen Richard Wagners gescheitert.Bleich, mit verworrenen Zügen, das lange, schlaffe Haar ganz grau schimmernd", so war er an einem Dezem­bermorgen aus der Villa an der Brienner Straße vor den Propyläen fortgegangen und hatte fröstelnd und einsam in der Campagne aux artichauts, einem Landhause am Genfer See, die Wintermonate zu­gebracht. . ,

Ostern 1866 entdeckt er bei einer Dampferfahrt über den Vierwaldstätter See nahe der Alpnacher Enge eine schmale Landzunge, die sich weit in das smaragdgrüne Wasser streckt; auf einem Wiesen- HÜgel 'erhebt sich dort, zwischen alten Bäumen und steilen, hohen Pappeln, ein zweistöckiges Haus mit altmodischem, stumpfrotem Walmdach. In einer kleinen Bucht schaukelt ein Kahn unter dem Wellen­schlag des Raddampfers. Triebschen.

Zwei Tage danach hat Wagner das Haus gemie­tet. Es ist die Insel der Seligen, die er entdeckt hat. Zur Rechten erhebt der Pilatus den zerklüfteten Gipfel, und wenn des Abends der Firn des Gott- I hard in sonnendurchlodertem Blau erkaltet, sieht man über die Bucht hinweg die Lichterkette der ^Laternen am Kai von Luzern. Sechs Jahre des Schaffens werden nun dem alternden, vielumhergetriebenen Manne geschenkt. Hier in der herbstlichen Stille von Triebschen reifen die großen Entscheidungen seines

Hochschulnachrichten.

Professor Dr. Hermann G o ch t, der hervor­ragende Berliner Orthopäde und ehemalige Ordi­narius für Orthopädie an der Universität Berlin, ist nach langem Leiden im 70. Lebensjahre ge­storben. Gocht, am 3. Februar 1869 in Köthen (Anhalt) geboren, mar eine Zeitlang Schiffsarzt, wirkte später in Halle und von 1915 bis zu seiner Entpflichtung (1936) als Direktor der orthopädischen Universitätsklinik an der Charite in Berlin. Seine Verdienste als Arzt und Forscher haben in der ganzen Welt hohe Anerkennung gefunden.

Professor Dr. Karl B r a n o i, der vor zwei Jahren entpflichtete Ordinarius für mittlere und neuere Geschichte an der Universität Göttingen, beging seinen 7 0. Geburtstag. Brandi, aus Meppen in Westfalen gebürtig, hat von 1891 bis 1936 fast ununterbrochen in Göttingen gewirkt; nur als Extraordinarius war er kurze Zeit in Marburg. Brandi hat sich vor allem als Urkunden­forscher einen Namen gemacht. Von seinen Büchern seien genanntDie Renaissance in Florenz und Rom",Deutsche Reformation und Gegenrefor­mation" und die erst vor kurzem erschienene große Biographie Kaiser Karls V. Brandi ist korrespon­dierendes Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und Ehrendoktor der Universität Cambridge.

Richard Wagner.

Zu seinem 125. Geburtstage am 22. Mai.

Bon Johannes Lacobi.

Eine verwirrende Fülle von Bildern und Ge- iicf)ten tanzt vor unfern Augen beim Gedenken an Wagner. Vor 125 Jahren tat er den kleinen Schritt n ein ärmliches Leben, vaterlos, von Not umlauert. Lor 55 Jahren hauchte er den Odem wieder aus in einem italienischen Palazzo, ein Fürst im Reiche Jes Geistes, gebettet in den dunklen Prunk der

Randglossen zur kleinen Zeitgeschichte Bon Ernst von Riebelschüh.

Aehnlich wie im griechischen Altertum, wo be. kanntermaßen sieben Stadtgemeinden den Homer als ihren Landsmann beanspruchten, ohne daß bis jetzt die wirkliche Geburtsstadt der Ilias und Odyssee ermittelt werden konnte, haben sich zu un­serer Zeit verschiedene deutsche Städte um die Ehre gestritten, das Grab Herrn Walthers von der Vogelweide, des berühmten Minnesängers und Spruchdichters der Hohenstaufenzeit, in ihren Mau- ern zu bergen. Wohlbemerkt: sie haben es getan. Denn die Frage ist nunmehr zugunsten Würz- b u r g s , das seine Ansprüche stets mit dem größten Eifer verfochten hat, endgültig entschieden. Und zwar durch Auffindung von zwei zeitgenössischen Urkunden, die sich genau decken. Die eine wurde tm Würzburger Archiv gefunden; es ist eine Hand-- schrift des mit Walther bekannten Kanzlers Michael Leone, die außer der Grabwidmung auch die An­gabe der Grabstätte enthält: im Kreuzgang des Neumünsters. Die andere, in München entdeckte Urkunde sagt das gleiche aus:Herr Walteher von der Vogelweide begraben ze Wircceburg zu dem Nuwemunster in dem grasehove." Die Würzburger haben also recht behalten, als sie kürzlich an der Nordseite der Neumünsterkirche, auf dem rasen- bewachsenen Hof (grasehove) des ehemaligen Kreuz­ganges, eine Gedenktafel aufrichteten, die ihrem Besitzanspruch Ausdruck, verleiht. Dessen nunmehr erfolgte Bestätigung sollte sie nun aber auch veran- lassen, ein Unrecht sobald wie möglich wieder gut* zumachen. Wir meinen die gedankenlose, durch nichts gerechtfertigte Versetzung des erhaltenen Tei­les der schönen Kreuzgangarchitektur in das stad- tische Luitpoldmuseum. Zwar ruhen jetzt im Schat­ten dieses romanischen Bogenganges die Gebeine eines anderen Würzburger Dichters, Max Dauthen- deys. Gleichwohl: sollte jetzt nicht doch die Stunde gekommen sein, sich in Würzburg der Notwendig­keit des längst fälligen Wiederaufbaues des Neu-

Kleinigkeiten.

Die Familie saß beim Abendessen.

Es gab Oelsardinen.

Die Mutter hielt es für nützlich, eine Belehrung daran zu knüpfen.

Denk dir mal an, Karlchen, diese kleinen Fische werden oft von den großen verfolgt und dann gefressen." r

Karlchen blickt die Sardinen mit stummem Stau­nen an und verdaut die mütterliche Weisheit. Dann

macht keine Anstalten, sich .....

Er scheint überhaupt sehr verstimmt.

gewachsen war

Im Ium 1869 schenkt ihm Cosima den sehnlich erwarteten Sohn: Siegfried. An diesem Tage macht gerade der neue Extraordinarius für klassische -pqi® iologie an der Universität Basel, Friedrich Nietz­sche, seinen - ersten Gastbesuch in Triebschen. Es schien ein gutes Vorzeichen der Freundschaft zu sein. Fast jedes'Wochenende über ist er von nun an auf der Insel der Seligen. Mit einem langen Zettel von Frau Cosima versehen, kauft er in Basler Spiel- zeugläden Marionettentheater und Puppen für die Kinder und vergißt darüber ganz die professorale Würde seiner fünfundzwanzig Jahre.

Unvergeßlich bleiben auch die Abende am See; die scharf umrissenen Berggipfel werden immer durch­sichtiger im sinkenden Licht. Da ist Cosima, ,m rD'a Kaschmirkleid, den großen Florentiner m der Hand, am Arm des jungen Professors mit den vergrubel- ten, tiefliegenden Augen; Wagner im niederländi­schen Malerkostüm: schwarzer ^amtrotf Kniehosen, breites Barett und gefältelte lichtblaue Atlaskrawatte. Vor ihnen, in schwerfälligem Trott, Ruß, der riesige Neufundländer; man spricht über den Geist des neuen deutschen Kulturideals, das im Werden ist, über all die Gedanken, die Nietzsche dann in der SchriftDie Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik" abgehandelt hat. Noch zwanzig Jahre später, als aus dieser Freundschaft langstder Fall Wagner" geworden ist, hat Nietz che geschrieben: Ich lasse den Rest meiner menschlichen Beziehungen billig; ich möchte um keinen Preis die Tage von Triebschen aus meinem Leben meggeben, Tage des Vertrauens, der Heiterkeit, der sublimen Einfalle, der tiefen Augenblicke ..

Während der ersten Wochen des deutsch-franzost- f»;n Srieqes 'and in aller Stille in der kleinen protestantischen Kirche non Luzern die I r a u u n » mit Cosima statt. Am Morgen ihres nächsten Ge°

der freilegte

Hans Sachs, der die Handlung miterlebt und erleidet, deutet und vertieft, spricht das, was ge­schah, in den schönen Schlußworten aus, von denen einige ins Gedächtnis gerufen ,feien:

menstößt, liegt des Meisters Leib. Sein Gast aber lebt. Bestürzt halten wir inne, wenn der Kalender die Jahre seines Lebens zur runden Zahl einesGe­denktages" gesammelt hat; denn der in unser Ge­dächtnis zurückgerufen werden soll, schafft und wirkt ja weiter. Wohin wir auch greifen ins Leben, ins Werk, ins Planen, Denken oder Mahnen des - Meisters die Bilder zerfließen, überdecken sich Lind entziehen sich noch abschließender, urteilender Bewertung, wie es nur lebendige Gegenwart tut.

Wagner hat die Geister feiner Zeit geschieden. Er bat Haß und Bewunderung geerntet Sein über­mächtiger Genius hat Generationen von Nach-1 jähren überschattet. An seinem Vermächtnis rieb sich eine Jugend, die zu neuen Zielen stoßen wollte. Heute blickt die erwachte Nation in Ehrfurcht zu ihm auf und liebt in feinem Werk, in seinen Ge­danken den frühen Künder einer beglückenden Ge­genwart. Sa wird sein Erdendasein langsam zum Mythos. Jedes Geschlecht schöpft aus seinem Erbe die Schätze, die es sucht.

Der Revolutionär auf den Barrikaden von Dres­den und der Herr von Bayreuth, der einen Kaiser unb einen König in seinem Theater empfängt, der Noten kopierende Hungerleider, der mit Mühe dem Schuldturm entrinnt, und der Märchenprinz, der einen Märchenkönig als Freund erringt, der ge-

Ein Führer zur Idee des Volkes

Bon Hans Hartmann.

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Lebens.

Don neuem war ich wieder m dem schweigenden Asyl, fern jedem Klange, anyelangt, aus welchem ich dereinst in die stumme Alpenwelt blickte, als ich jenen überschwänglichen Plan (Nibelungen) ent­warf." In diesem ersten Triebschener Sommer ent­steht Wagnersklassischestes, deutschestes,^ reifstes und allgemein zugänglichstes Kunstwerk":Die Meistersinger von Nürnberg"Siegfried" wird vollendet,Die Götterdämmerung" in diesemalten Bauernhaus" begonnen.

Unvergeßlich sind die Abende, wenn er mit C o - sima, die noch immer den Namen Hans von Bülows trägt, neben dem Backsteinkamin sitzt und ihr Dorlieft: Shakespeare, Platon-Dialoge, gespen­stische Erzählungen von E. T A. Hoffmann. Und wenn Franz L i f U zu Besuch kommt und man musiziert, dieMeistersinger"-Partitur auf dem No­tenpult des Flügels, während Wagner temperament-

Macht dir die Reise keine Freude?" fragt die Mutter.

Gar nicht", antwortet Peter,Vater hat heut morgen gesagt, er hat sich die ,Reiserute< schon zu­rechtgelegt."

Mariechen wünscht sich sehnsüchtig ein Schwester- chen und legt darum jeden Abend ein Stück Zucker auf das Fensterbrett, um den Storch heranzulocken.

Eines Tages fragt Tante Fränzchen:

Ist denn das Schwesterchen schon eingetroffen?

Ach Tante, noch immer nicht", seufzt Mariechen, und wir tun doch wirklich alles dafür, was wir können!"

*

Man ist Tante Molchen, die bald achtzig Lenze zählen mag, begegnet.

Nicht ohne Grund wundert sich Mariechen:

Och, ist die immer so klein gewesen?"

O nein", entgegnet die Mutter,aber alte Leute wachsen in die Erde hinein."

Mariechen überlegt und dann platzt sie heraus:

Mutti, wenn du mal so klein bist, und ich bin groß, und du machst dein Kleid dreckig... aber dann... 1"

einer neuen Zeit aufreißt.

Wir stehen mitten in ihr. Ob der Strom Wagner- scher Musik die gehetzten Menschen unserer schnell­lebigen Zeit auf seine weitschwingenden Wogen nimmt und zur inneren Ruhe, zur seelischen Einkehr führt, ob die germanischen Götter- und Helden­gestalten, die Ritter und Frauen der deutschen Sage1

tion." Man muß den Empfindungsgehalt dieser Worte spüren, ihn spüren auf dem Grunde einer Zeit, die noch in Fürstenegoismus versank. Die noch kaum eine Ahnung hatte, was in der Idee der Volksgemeinschaft für Lebenswerte beschloßen lind.

.Sind wir nicht vielmehr alle ,das Volk', vom Bettler bis zum Fürsten?" fragt der Mann, der kein Fürstenknecht war, den das Schicksal für seine schlimmen Erfahrungen mit fürstlicher Engstirnig- feit so belohnte, daß es den romantischen Jdeal- sürsten seinen Weg kreuzen ließ, der in der Gestalt Ludwigs II von Bayern dem Werke Wagners ge­rade damals die Bahn bereitete, als es aufs höchste gefährdet war. Wagners Antwort aber auf diese Frage lautet:Das Volk ist der Inbegriff aller derjenigen, welche eine gemeinschaftliche N o t empfinden. Zu ihm gehören daher alle die- jenigen, welche ihre eigene Not als eine gemein­schaftliche erkennen, oder sie in einer gemeinschaft- lichen begründet finden; somit alle diejenigen, welche die Stillung ihrer Not nur in der Stillung einer gemeinsamen Not erhoffen dürfen, und demnach ihre gesamte Lebenskraft auf die Stillung ihrer, als gemeinsam erkannten, Not verwenden." Nachdem Wagner geschildert hat, wie nur das gemeinsam empfundene Bedürfnis nach (seelischer, künstlerischer, ovlklicher) Befreiung wirklichnotwendig" ist, schließt er diesen Abschnitt:Nur das Volk handelt nach Notwendigkeit, daher unwiderstehlich, siegreich und einzig wahr." Prüfen wir diese Worte in dem heutigen deutschen Schicksal und Wagner wird uns als deutscher Prophet erscheinen.

und Geschichte dem Volke kräftige Anschauungsbilder seiner großen Vergangenheit geben, ob die Idee der Erlösung aus tragischer Schuld durch liebende Hin­gabe, die Ueberwindung des Ichs durch das Opfer und das Aufgehen des einzelnen in der Gemein­schaft, durch Die künstlerischen Symbole Wagners die Menschen von heute erhebt, ob der Denker und kulturpolitische Schriftsteller Wagner die Ahnenreihe der neuen deutschen Weltanschauung bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts verlängert und durch seinen Kampf für das wahre Deutschtum die Bestrebungen der Gegenwart mit der Wucht seiner säkularen Persönlichkeit unterstützt wohin wir den Blick auch wenden: Richard Wagner lebt! Sein Geist und seine Werke sind die Grund- und Ecksteine eines Deutschen Reiches geworden, das auf langen Irrwegen zu sich selbst gefunden hat- Dem größten Musikdramatiker der deutschen Geschichte, dem unerschrockenen Vorkämpfer für eine völkisch­deutsche Kultur gilt unser Dank und stummer Gruß an einem Tage, der wie eine Sekunde zwischen Zeit und Ewigkeit einen der erhabensten deutschen Mei­ster in seiner schier unerschöpflichen Bedeutung vor unser geistiges Auge rückt.

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