Nr. 207 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)
Dienstag, 20. Dezember M8
Aus der Stadl (Ziehen.
ßr ist da!
Man hatte ja schon den letzten Tagen mit ihren „höheren Graden", die eigentlich unter dem Null- punkt liegen, angemerkt, daß der richtiggehende Winter im Anzuge sei, aber so recht wollte man es noch nicht glauben. Was sind schon drei, vier Kältegrade, wenn die Sonne so wunderschön- herniederlacht! Erst am Samstag wurde man nachdenklich, als auf den Straßen das gelegentlich verschüttete Naß gefror und es in den Ohrspitzen kitzelte. Immerhin, man wußte sich in einer warmen Breite und vergaß, daß wir nach Jahrzehnten im Winter 1928 so allerlei Ueberraschungen erlebten, daß damals z. B. Vater Rhein sich eine Eisdecke über den Kopf zog, die nicht von Pappe war, und daß Main, Neckar, Lahn und sonstige Rheinzuflüsse es ihm nochmachten.
Ach was, noch ist nicht ein Flöckchen Schnee gefallen! Auch hat der Winter sich schlimmstenfalls an sein Ankunftsdatum, den 22. Dezember, zu halten!
Leider, leider fehlt uns noch die Schneedecke, d. h. eigentlich nicht uns, sondern den Feldern mit ihren Wintersaaten, und mir möchten doch nicht, daß sie uns auswintern.
In der Nacht auf Montag schlugen die Nachtschwärmer den Kragen hoch, selbst wenn sie durch spirituelle Einflüsse schon temperiert waren. Und erst in aller Frühe! Da taten die Bäckerjungen die Brötchen mit verklammten Fingern in die Beutel, denn die Quecksilbersäule war auf 15 Grad unter den Strich gesunken.
Was folgt daraus? Der Winter ist da, und die Leserin, die bekanntlich nie etwas anzuziehen hat, steht vor der Ueberlegung: Was ziehe ich an? Der Mann hütet sich wohl, „Laut zu geben", aber es soll ihm nichts erspart bleiben. Die Kinder haben nun die Stahlschuhe hervorgeholt, und Frau Holle wird sich entschließen, nun bald an das Ausschütteln ihrer Betten zu gehen.
I
Dornotizen.
Tageskalender für Dienstag.
Stadttheater: 20 bis 23 Uhr: „Wiener Blut". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Gastspiel im Paradies". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Zwei Frauen". — Oberhessischer Kunstverein: 17 bis 18 Uhr Weihnachtsausstellung im Turmhaus am Brand. — Weihnachtsmarkt auf Oswaldsgarten.
Stadltheater Gießen.
Heute abend findet eine Wiederholung des großen Operettenerfolges „Wiener Blut" von Johann Strauß statt. Musikalische Leitung Heinz Markwardt, Spielleitung: Gert Buchheim, Tänze: Thea Maaß, Bühnenbilder: Karl Löffler. Die -Vorstellung findet gleichzeitig als 12. Vorstellung der Dienstage Miete statt. Anfang 20 Uhr, Ende gegen 23 Uhr.
I /8Z. ^-Standarte.
Unabhängig von der von der Kreisleitung der NSDAP, auf dem Trieb veranstalteten Sonnwendfeier findet die Sonnwendfeier der ff am 21. Dezember 1938, um 22 Uhr, auf dem Gleiberg statt.
Fahrtmäglichkeit besteht ab Oswaldsgarten mit Autobus für HI. um 20 Uhr, für ff um 20.30 Uhr, für Angehörige um 21 Uhr. Fahrpreis für HI. und ff 50 Pf., für Angehörige 1 Mark.
DOM.-!lntergau 116 Gießen.
Unsere Sonnwendfeier findet nicht, wie angesetzt, am 22., sondern am 21.12. statt. Antreten für alle Gießener M.-Gruppen 19.45 Uhr, Ludwigsplatz.
IN. Ring Gießen.
Die mit den Führerinnen besprochene Feier findet nicht am Mittwoch, sondern am Donnerstag, 22., um 20 Uhr, im Studentenheim statt.
J2N.-Unlergau Wetierau (116).
Zur Sonnwendfeier am 21.12. treten alle Gießener IM.-Führerinnen um 20 Uhr am Ludwigsplatz an.
„Zwei Frauen."
Lichtspielhaus.
Dieser Film ist nach dem Theaterstück „Schauspielerin" von Roland Schacht gedreht worden, das wir vor nicht langer Zeit als Gastspiel von Agnes Straub hier erlern haben. Es war, wie man sich erinnern wird, eines der amüsantesten und geistreichsten Schauspiel-Erlebnisse der letzten Jahre, und man begreift eigentlich nicht, was die Hersteller zur Verfilmung gereizt haben könnte. Die Erinnerung an das Vorbild regt naturgemäß zu Vergleichen an, und man wird sich nicht verhehlen können, daß das Drama ungleich konzentrierter und lebendiger wirkte. Der Film bbingt, abgesehen von der üblichen räumlichen Ausweitung, ein paar hübsche, filmisch wirksame Einfälle, aber infolge des häufigen Bildwechsels zerflattert das bei Schacht ungemein einheitliche und ineinandergreifende Bild; auch spielt der Film an den wirklich großen Szenen vorbei, die im Stück den ganzen Zauber und die ganze schillernde Unwirklichkeit des Komödiantendaseins auf eine wahrhaft faszinierende Weise lebendig machen. Das kann durch die ganz äußerlichen, übrigens häufig vermittelten Spannungsreize etwa eines Autorennens mit Panne, Sturz und Krankenwagen natürlich nicht wettgemacht werden. Im veränderten Titel ist die Akzentverschiebung bereits angedeutet, die der Stoff auf dem Wege von der Bühne ins Atelier erhalten hat. Frau Straub legte, wie man sich erinnern wird, die in der Titelrolle enthaltenen drei Komponenten wundervoll auseinander: sie war Schauspielerin, war Frau und war Mutter — und dies alles vollkommen: drei Erscheinungsformen oder Seelenzustände in der Einheit einer Persönlichkeit zusammengefaßt. Olga Tschechowa, die hier die Hauptrolle spielt, betont die Frau und die Mutter sehr viel mehr als die Schauspielerin, zumal ja das Drehbuch (Hans H. 3er» lett) ihr hier bei weitem nicht den Spielraum gestattet wie der Bühnentext; sie spielt sehr gepflegt, sehr exakt und ganz gedämpft, — ohne Ausbruch und große Szene. Die Tochter ist diesmal Irene v. Meyendorfs: in jeder Hinsicht so jugendlich, wie man die Figur zu sehen erwartet, einmal sogar wie aus einem Porträt von Reynolds ober Gains- borough herausgestiegen. Eine reizende Rolle, die im Stück nicht oorkommt, ist der Bruder der berühmten Schauspielerin, Herr Alexander Corvey: ihn spielt Walter Janssen mit einem liebenswürdig nachdenklichen Humor und einer Lebensechtheit, die sehr angenehm roirfen. Gut auch TO "'Her Stein- b e ck als Intendant und Roma Bahn als die
Vortrag von Staatsminister Dr. Schmitthenner in der Gießener Hochschuigesellschast.
Arn gestrigen Montagabend vermittelte die Gießener Hochschulgesellschaft einem sehr großen Hörer- kreis, der die Neue Aula der Universität in weitem Ausmaß füllte, ein Vortragserlebnis, das sicherlich die meisten, wenn nicht gar alle Zuhörer zu ernstem Nachdenken und zu bereitwilligster Mithilfe veranlaßt haben wird.
Nach kurzen Grußworten des Vorsitzenden der Hochschulgesellschaft, Dr. Meesmann, sprach der
Staatsminister Dr. Schmitthenner,
Professor für Geschichte, Kriegsgeschichte, Wehrpolitik, Rektor der Universität Heidelberg und ff-Stan- dartenführer im O.A. Rhein, über das wichtige und fesselnde Thema „Wehrhaftigkeit, Raum und deutsches Schicksa l". In etwa einstündigen, mit größter Spannung verfolgten Darlegungen machte der Vortragende seine Hörer mit einem Stück deutscher Geschichte und deutschen Lebens bekannt, das für unser Volk schon in früheren Zeiten ernstes Schicksal gewesen ist und das auch für die Gegenwart und für die Zukunft große Bedeütung hat.
Zweck und Ziel des Vortrages zeigte der Redner, der als Wehrpolitiker und Vertreter der Wehrwissenschaften sprach, in der Aufgabe, Klarheit darüber zu gewinnen, welche Wirkungen die deutsche Wehrhaftigkeit in der deutschen Geschichte ausgeübt hat und was wir tun müssen, um jiefe Wehrhaftigkeit zu einer aufbauenden Kraft unseres deutschen Lebens zu gestalten.
Um das geistige Auge feiner Hörer zu schärfen, lenkte der Redner die Blicke zunächst auf interessante Vergleiche zwischen der Geschichte der Engländer und der Franzosen und der deutschen Geschichte. Er machte dabei das starke Auf und Nieder in der deutschen Geschichte deutlich erkennbar, und gebrauchte als anschaulichen Vergleich für diese schicksalsvolle Zickzacklinie das Bild eines Blitzstrahls am nächtlichen Himmel.
Dann legte er die guten und die schlechten Seiten unserer bisherigen Wehrhaftigkeit dar, die aufbauende und zerstörende Kräfte in sich tragen. Die guten Eigenschaften der bisherigen deutschen Wehrhaftigkeit faßte der Redner in folgende vier Punkte zusammen: 1. Hervorragende soldatische Tüchtigkeit des einzelnen deutschen Mannes, von den Germanen her vererbt bis in unsere Generation; der deutsche Soldat ist, ohne ruhmredig zu sein, der beste Soldat der Erde. 2. Besondere Begabung der Deutschen in der Gemeinschaftsleistung, auch ein germanisches Erbe; als Beispiel ist u. a. zu nennen das preußische Heer mit seiner sozialistischen Kraft der wunderbaren Einheitsleistung. 3. Hervorstechende Begabung der Deutschen für wehr- taktische, wehrtechnische und wehrgeistige Dinge. Beweis dafür ist, daß unser Volk so viele gute Generale und so viele gute militärische Unterführer hervorgebracht hat; aus der gleichen Eigenschaft heraus ist auch der rasche Wiederaufbau unserer Wehrmacht nach den langen Jahren der Wehrwüste seit dem Weltkriege erfolgt. 4. Innerer Hang unseres Volkes zur allgemeinen Wehrpflicht. — Die s ch l e ch t en Eigenschaften, also die Kehrseite der Medaille, faßte Professor Schmitthenner folgender/ maßen zusammen: Die wehr p o l i t i s ch e Fähigkeit, aus diesem wunderbaren deutschen Menschen- material mit seinen hervorragenden militärischen Eigenschaften etwas zu machen für das ganze Volk, für die Dauer, für unfern völkischen Bereich, für unsere ewige Ausgabe, suhlte unserem Volk so gut wie ganz, abgesehen von einigen wenigen Höhepunkten, auf die geniale Menschen uns emporge- hoben haben. Den Beweis für diese Feststellung führte der Redner bei einem kurzen geistigen Gang durch die deutsche Geschichte, bei dem er die jahrhundertelange Zerrissenheit des deutschen Raumes
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in eine Unmenge von Vaterländern, sowie die geradezu unfaßliche Zersplitterung aller wehrhaften Kräfte des deutschen Volkstums in zahllose bewaffnete Gruppen mehr ober minder größerer Art, Kontingentstruppenteile usw. kennzeichnete, schließlich auch die erschütternde Feststellung ins Gedächtnis zurückrief, daß dem Heere des Zweiten Reiches, dem ruhmreichsten Heere der Welt, nach unzähligen glänzenden Siegen an allen Fronten des Großen Krieges aus dem eigenen Volke der Dolchstoß in den Rücken versetzt wurde. Den Grund dafür, daß unser deutsches Volk einerseits die wunderbarsten Soldaten der Welt besaß, auf der anderen Seite eine absolute wehrpolitische Unfähigkeit bestand, aus diesem Soldatentum etwas zu machen, haben wir bei uns selbst zu suchen.
Diesen Grund, der zugleich der innere Feind unseres Volkes war und in gewissem Maße heute noch ist, machte der Vortragende deutlich erkennbar in der Ueberfrembung des Deutschen, an der wir seit der Zeit der Germanen bis heute gelitten haben und die auch in unserer Zeit noch nicht verschwunden ist. Daraus resultiert der alles zerstörende und für unser Volk so außerordentlich schädliche Partikularismus auf allen Gebieten des deutschen Lebens. Alle unsere Kräfte sind nötig, um dieses Erbübel zu vernichten. Durch den Partikularismus hat sich unser deutsches Schicksal vielfach zum Schaden unseres Volkes erfüllt. An Hand einer Anzahl graphischer Bilder machte der Redner in diesem Zusammenhänge deutlich, welchen schweren Daseinskampf unser Volk mit seinen Grenzen ohne natürliche Festigkeit und ohne politisches Zentrum um seine Existenz zu führen hat, und wie der gewaltige Druck der in dieser Hinsicht bessergestellten Mächte Frankreich und Rußland mit ihren geographisch- politisch festen Zentren und dementsprechender Ordnung des Raumes sich gegen die Deutschen ausgewirkt hat. Weiter zeigte der Redner auf, wie sich der Partikularismus auch in die deutschen Seelen hinein- gefressen und dort die gleichen Verheerungen ange- richtet hat, wie im deutschen Raum. Daraus ist es zu erklären, daß in England und Frankreich Dutzende wehrpolitischer Menschen aus dem Volke emporgestiegen sind, die wehrpolitisch von Natur aus waren und in deren Händen das Schicksal ihres Landes aufs Beste geborgen war, uns Deutschen einst aber nur einmal dieses Geschenk des Schicksals vergönnt war, in dem Altreichskanzler Bismarck. Aber auch dieser Mann hatte schwere Kämvse mit dem deutschen Partikularismus auszukämpfen, und vor allem war der Deutsche Reichstag von damals geradezu der Vertreter dieses Partikularismus. In diesem Reichstag war der größte Feind unseres Volkes, der Partikularismus, zum deutschen Gesetzgeber erhoben.
Das unheilvolle Wirken dieser partikularistischen
Kräfte im Reichstag machte der Vortragende beut« lich erkennbar an der Wehrpolitik vor dem Kriege. Er schilderte dabei die Knauserigkeit, ja den geradezu filzigen Geiz jenes Reichstags bei der Behandlung der lebenswichtigen deutschen Wehrbe- lange. Dadurch kam es, daß Millionen gesunder, waffenfähiger deutscher Männer bei Ausbruch des Großen Krieges nicht mit der Waffe ausgebildet waren, fünf Millionen deutsche Menschen am 1. August 1914 ungeübt im Gebrauch der Waffe herumliefen, währenb in Frankreich die Ausbildung der waffenfähiger Männer erheblich weiter als bei uns vorangebracht war. Frankreich mit feiner geringeren Bevölkerungszahl stellte bei Kriegsausbruch ein größeres Heer ins Feld, als Deutschland^ mit seiner erheblich größeren Bevolkerungsmenge. Wären damals die fünf Millionen nicht ausgebildeter deut« scher Männer im Gebrauch der Waffee geübt gewesen und sofort mit eingesetzt worden, bann hätte
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die Weltgeschichte einen anderen Sinn bekommen. Der Redner machte aber auch deutlich, wie in der Vorkriegszeit dem im Heere dienenden deutschen Manne weitgehende Fürsorge zuteil mürbe, wie man aber nach seiner Entlassung ihn sich selbst überließ, sich in keiner Weise um fein weiteres Lebensschicksal kümmerte, ihn in menschenunwürdigen Wohnungen hausen ließ und in sozialer Hinsicht gar nichts zu seinem Besten tat, ja ihn widerstandslos den staatsfeindlichen Strömungen in die Hand kommen ließ. Und doch geschah das große Wunder, daß alle diese Männer im August 1914 aufstanden und bereit waren, bis zum Letzten für das Vaterland einzutreten.
Nun endlich ist ein Mann gekommen, der den Feind in der deutschen Seele und im deutschen Leben, den Partikularismus, überwindet, den Klassenhaß und Klassenkampf vernichtet hat. Jede Milliarde für unsere beutfehe Wehrmacht i ft d i e beste Lebensslcherung, die beste Friedenssicherung für unser Volk. Das ist die Erkenntnis, die uns durch diesen Ueberroinber des Partikularismus geworben ist. Und wir wissen auch, daß Pazifismus, Defaitismus und Partikularismus Verbrechen am Volke find. Darum bringen wir auch allen Dingen des deutschen Lebens wachsendes wehrpolitisches Verständnis entgegen. Und wenn wir unsere Wehrhaftigkeit in vollem Ausmaß gestalten, bann tragen wir in bester Weste bei zur Stärkung unserer wehrpoliti- schen Lage.
Der Nationalsozialismus erst machte uns zu einem reifen politischen Volk, er erst macht unsere Wehr-
parier feier! Sonnenwende auf dem Trieb.
Alle Volksgenossen sind dazu eingeladen.
Der Trieb vor der Volkshalle wird am morgigen Mittwoch, 21. Dezember, der Schauplatz einer besonderen und würdigen Feier sein. Die Partei veranstaltet an diesem Abend eine große Sonnwendfeier, an der sich sämtliche Gliederungen beteiligen werden. Darüber hinaus ist die ganze Bevölkerung von Gießen herzlich eingeladen. Um jedermann die Beteiligung zu ermöglichen, wurde der Ort der Feier so nahe an die Stadt verlegt, daß es keines weiten Weges zurückzulegen bedarf.
Die Gliederungen der Partei werden in großem. Viereck um den Holzstoß antreten; vier Sprecher der Hitler-Jugend bringen den Feuerspruch zum Vortrag. Im Mittelpunkt der Feier wird die Ansprache des Kreisleiters Backhaus stehen. Zur musikalischen Ausgestaltung wirkt der Musikzug der SA.- Stanbarte 116 mit.
Die Feier beginnt um 2 0.30 Uhr. Sie soll zu einer schonen Kundgebung der Volksgemeinschaft werden. Es wird erwartet, daß sich alle Volksgenossen unserer Stadt an dieser Feierstunde beteiligen.
Hausdame Fräulein Bogner. Paul Klinger ist der Rennfahrer Werner Bruck. Spielleitung: Hans H. Z e r l e 11. Im Programmheft sucht man vergeblich nach einem Hinweis auf die „Schauspielerin" von Roland Schacht, dem der Film doch immerhin allerlei zu verdanken hat. Im Vorspann heißt es wenigstens „nach einem Motiv ..." — (Tobis.)
Im Beiprogramm gibt es die neue Tobis- Wochenschau, einen Kurzfilm „Die geliebte Stimme" und interessante Bilder von einer Seereise nach Java.
Hans Thyriot.
Saatkrähen im Dezember.
Don Karl Scherer.
Die lange Zeile der alten Poststraße steigt schnurgerade zwischen Feldern und Wiesen den Hügelrücken hinauf und mündet auf der Kammhohe in den Hochwald. Zwei Reihen turmhoher Silberpappeln säumen die Straße ein. Heute schwanken die mächtigen Stämme, die Rastbäume aller Raben und Krähen, im Dezembersturm, der pfeifend durch die Kronen fährt. Ein dunkler Vogelschwarm treibt, wirr durcheinandenschießend, vor dem harten Wehen mit großer Fahrt nach Norden; jetzt heben sich die schwarzen Wanderer höher, daß sie nur noch faustgroß erscheinen. Nun haben sie den windstillen Luftgürtel über dem Sturm erreicht und streben mit raschen Flügelschlägen nach Süden zurück, schon sind sie dem Auge entschwunden ...
Die Saatkrähe ist einer unserer stärksten und kühnsten Flieger, der im Gegensatz zu den meisten anderen Vogelarten, die sich feiten über 200 bis 400 Meter erheben, auch höhere Luftschichten nicht meidet! Flugzeuge sind ihnen in Höhen von 2000 Meter und darüber begegnet. Das tiefschwarze Gefieder mit stahlblauem Metallschiller auf Rücken und Flügeldecken läßt sie leicht von der grauen Nebelkrähe unterscheiden. Die Saatkrähe ist kein Kulturflüchter. Während die Raben- und Nebelkrähen auch in der Tiefe weiter zusammenhängender Waldungen horsten, zielt die Saatkrähe Feldgehölze und kleine Wälder vor, doch nur solche mit hoben alten Bäumen, deren dichte Kronen dem Brutgeschäft eine gewisse Ruhe und Verborgenheit sichern. Dem Gebirge bleibt sie fern, die Ebene ist ihr eigentliches Revier. Wo Seen und Sümpfe zwischen Feldern und Wäldern sich ausbreiten, wo ein Fluß, dessen Userbäume gute Deckung geben, durch Auen und Wiesen zieht, dort haust die Saatkrähe gern; erst
der Christmonat mit seinen Stürmen und Schneefällen treibt sie in die Nähe menschlicher Ansiedlungen.
Es ist Winter geworden, lieber der Großstadt hängen niedrige graue Wolken, aus denen es bei gelindem Frost leicht und flockig feit der Abenddämmerung herniederrieselt. Am Morgen glänzen Dächer und Straßen silberweiß, Anlagen und Parks sind verschneit, und die Pflüge türmen die Schneemassen zur 5eite auf, um den Straßengängern Weg und Bahn zu schaffen. Die erleben heute eine Überraschung: die ersten Wintergäste haben sich eingestellt! Zwischen jben Nadelholzgruppen und kahlen Laubbäumen des Stadtparks fliegen große schwarze Vögel umher, lassen sich auf der blitzenden Decke nieder, suchen im Schnee und flattern vor btn Vorüberkommenden zwischen die Sträucher. Das tiefe Schwarz des Gefieders sticht prächtig ab gegen das blendende Weiß des Winterschmucks. Jetzt opfert ein Tierfreund einen Teil feines Frühstücks und streut Brotbrocken unter die Stauden. Den dunklen Gästen entgeht die Spende nicht; mit scheuer Vorsicht Hüpfen sie von Ast zu Ast, nähern sich verstohlen und fliegen mit der Beute vom Wege ab, um von nun ab, solange die Notzeit währt, allmorgendlich zur gleichen Stelle zu erscheinen und ihre ßiebesfteiTer zu fordern ...
Die Tage werden wieder länger, der März hat nach hartem Frost Tauwetter und linde Vorfrühlingstage gebracht; auf den Grashalden gegen Mittag keimen blaue Bergaurikeln und gelbe Himmelschlüssel. Furche um Furche zieht der Pflug die Ackerbreite auf und nieder. Ein Schwarm Saatkrähen folgt dem hemdärmeligen Bauern und durchsucht die braunen Schollen nach Gewürm und Engerlingen. Nun heben sie sich unversehens meterhoch über den Boden, streichen quarrend und krächzend — die Krähe zählt zu den vorlautesten und lärmendsten Rusern unter den Vögeln — eine Strecke weit felbeinroärts, lassen sich beobachtend nieder und kehren erst zurück, wenn die Luft wieder rein ist — auf dem Randweg war der Heger mit seinem Krummbein aus den Birkenbüschen aukge- taucht, und die klugen, scharfsichtigen Vögel wissen das fatale Schießeisen des Grünrocks von der harmlos knallenden Peitsche des Pflügers wohl zu unterscheiden.
Das Eschengehölz am Hügelhang ist die Brutstätte der Saatkrähen; Dutzende von Nestern stehen in den kahlen Wipfeln der hohen Bäume dicht beieinander, und wenn die alten Horste nicht ausreichen, werden in den oeräfteten Kronen der Nachbar- tämme neue gebaut. Auf Form und Aussehen ihrer
Bauten legen die Krähen kein Gewicht, nur der Spatz, der Gassenjunge unter den Vögeln, kommt ihnen an Lüderlichkeit des Nestbaus gleich. Bald liegen vier grüne, braungetüpfelte Eier in der Mulde, denen blinde und nackte Jungen entschlüpfen; ihre Gefräßigkeit läßt die aller anderen Dogelarten weit hinter sich — der Futterbedarf des Nesthockers ist etwa viermal so groß wie der des alten Vogels! Jetzt kommt Me Nützlichkeit der Saatkrähe zur Gel« tung, die dem Schaden mindestens die Waage hält: unwahrscheinliche Mengen von Schnecken, Grillen und sonderlich von Maikäfern werden auf den sprossenden Wiesen und unter den Bäumen ausgelesen, im Schlund zum Horst getragen und in Eile verfüttert, und dieses nützliche 'Werk währt von der Frühe bis zum Abend ... *
Doch die Zahl der Krähenfeinde ist groß; der Fuchs liebt ihr zartes Fleisch und beschleicht sie gern, der Baummarder überrumpelt sie auf dem Gehege und vernichtet ganze Kolonien, Wanderfalken und bei Nacht die großen Eulen halten unter den Saatkrähen fürchterlich Musterung, lieber ben Baumwipfeln kreist ein Habichtspaar. Mit durchbringen- bem Geschrei flattern bie geängstigten Krähen wirr durcheinander; sie haben bie Gefahr längst wahrgenommen, boch sie weichen nicht von ihren Horsten: größer als der Selbsterhaltungstrieb ist die Elternsorge. Der wachsende Lärm der Bedrohten stört die Räuber nicht: schon steht der eine auf bem Horst- ranb, greift die noch nicht flüggen Nestlinge und steigt steil wieder auf, und während bie Massen der Schwarzen wütend auf den Feind stoßen urtb hassen, raubt der andere ein zweites Nest aus urtb entkommt glücklich mit der Beute zu der eigenen gierenden Brut ...
Hochschulnachrichten.
Professor Dr. Hennig Brinkmann wurde zum Ordinarius für deutsche Philologie an der Universität Frankfurt und zum Nachfolger des nach Berlin berufenen Professors Dr. Schwietering ernannt.
Der ao. Professor Dr. William Th reis all ist zum Ordinarius für Mathematik an der Universität Frankfurt ernannt worden.
Dem Professor Dr. Paul Bockmann ist der Lehrstuhl für neuere deutsche Literaturgeschichte an der Universität Heidelberg Übertranen roorbep. Professor Böckmann habilitierte sich 1930 in Hamburg und wurde 1938 zum ao. Prof, ernannt 1937 wurde er zunächst mit der Vertretung des Lehrstuhls in Heidelberg beauftragt. 1935 erschien sein Buch „Hölderlin und seine Göttec".


