Hr.271 viertes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
19./2V. November 1958
Erster Tag unserer Rekruten.
Einzug in die Kaserne: Zivilleben ade!
Die Rekruten sind da. Ein Teil von ihnen ist au- Gießen und aus der engeren oberhessischen Heimat gekommen. Viele haben aus anderen Gegenden des Reiches den ersten Bahntransport in ihrem Soldatenleben hinter sich. Jeder der jungen Männer trägt seinen Rekrutenkoffer an der Hand. Manches Gepäckstück ist etwas schwer ausgefallen, denn die Mutter hat für ihren Soldaten gut aufgepackt Viele haben sich mit leichtem Gepäck' begnügt, noch nicht einmal einen Mantel oder einen Hut haben sie mitgenommen. Um so leichter ist das erste .,Heimatpaket", das „die Reste des Zivillebens" aus der Kaserne zum Elternhaus zurückbringt.
Auf dem Bahnhofsplatz sammelt sich am Donnerstag die Schar der Einberufenen. Einige Unteroffiziere und Gefreite bringen im Handumdrehen militärische Ordnung in das Gewimmel junger Männer. Dann wird in Dreierreihen in langer Kolonne zur Kaserne marschiert. Frohe Marschlieder singend, geht's durch die Straßen. Mit eisernem Willen wird auch der schwerste Rekrutenkosfer transportiert, einmal rechter Hand einmal linker Hand. Und stramm wird Schritt gehalten. Mit Freude blicken die Volksgenossen auf die jungen Männer. Vor allem die alten Soldaten haben ihre Freude, denn beim Anblick einer solchen Marschkolonne werden vor'ihrem geistigen Auge Erinnerungen an ihre eigene Dienstzeit lebendig. Bald wird das Kasernentor weit geöffnet Die große Marschkolonne hält ihren Einzug in die Kaserne Das Zivilleben versinkt für zwei Jahre hinter den jungen Männern. Eine neue Welt tut sich vor ihren Augen auf ...
In den Kasernen bricht der. Tag irüh an. Für manchen der Einberufenen schon zu einer Stunde, da sie sich „daheim" noch einmal auf die andere Seite gelegt hätten. Der erste Frühmorgen mag ihnen nach dieser Richtung hin ungewohnt vorkommen. Aber sie haben einen Trost: alle miteinander stehen nun unter dem gleichen Gesetz des Tages. Und rasch findet man sich auch damit ab, daß man seinen „Kahn" selber bauen muß, daß der Kaffeetisch etwas anders aussieht als bei Muttern, kurz und rund: alles selbst getan werden muß, was man daheim bequem und nett von der Mutter oder von den Geschwistern hergerichtet bekam. Aber der angehende Soldat hat nicht lange Zeit, über diesen
Wandel der Dinge sich Gedanken zu machen oder Betrachtungen über das Gestern und das Heute an-
Guter Sitz des Mantels muß sein.
I 1
Am gestrigen Freitag. Wir besuchen in den Vormittagsstunden das ll. Bataillon unserer 116er in der Verdun-Kaserne. Unser Besuch gilt den Rekruten. Trotz vieler Arbeit widmet sich der Bataillonskommandeur selbst uns auf dem Rundgang, ebenso nimmt sich der gleichfalls vielbeschäftigte Stabszahl- mcister die Zeil, als unser weiterer Begleiter mitzugehen.
Zunächst geht es zu einer der Kompanie-Kammern. Unter einer solchen Kammer darf sich die Leserin dieses Berichts nicht etwa einen Raum vorstellen, der sich mit der Hausbodenkammer eines Privathauses vergleichen ließe. Diese „Kammern" sind langgestreckte, hohe und helle Räume im Dachgeschoß eines ganzen Kompanie-Wohnblocks. In dieser „Kammer" ist der Kammerunteroffizier mit einem Hilfsarbeiter tagaus und tagein voll beschäftigt, um alles, was die Bekleidung feiner Kompanie angeht, in bester Ordnung zu halten.
Das „Tischleindeckdich" für die Kompanie-Kammern ist die Bataillons-Kammer als Zentrale des gesamten Bekleidungswesens für ein Bataillon, von der aus die Lieferungen an die einzelnen Kompanien erfolgen. Der Bataillonskommandeur und der Stabszahlmeister sind die beiden Männer, die mit den zur Verfügung gestellten Geldmitteln die Anschaffungen für das Bataillon und die Verwaltung der Bestände unter ihrer Verantwortung haben. Der Stabszahlmeister ist dem Bataillonskommandeur für die fachgemäße und sorgsame Führung der Kammergeschäfte verantwortlich. Da muß alles bis zum letzten Hosenknopf und bis zum letzten Stiefelnagel einwandfrei nachgewiesen und in der Verwendung zweckentsprechend bewirtschaftet werden. Die Männer der Kompanien müssen in ihrer ganzen Bekleidung immer einwandfrei aussehen, auf der anderen Seite sind aber die bereitgestellten Geldmittel in der sparsamsten Weise zu verwenden. Beides auf einen Renner zu bringen, ist nicht selten geradezu ein Kunststück, um dessen Gelingen der Bataillonskommandeur und sein Stabszahlmeister sich manchmal ernstlich die Köpfe zerbrechen. Aber wie alles bei der „Familie Preußen", so wird auch diese Aufgabe in guter Weise gelöst. Und so sind denn alle Kompaniekammern jederzeit und nach jeder Richtung hin mit allem ausgezeichnet versehen, was zur Bekleidung und zur Ausrüstung des Soldaten in vielerlei Gestalt erforderlich ist.
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Der Kammerunteroffizier hat mit feinem Kammerarbeiter schon seit etlichen Tagen für die Einkleidung der Rekruten weitgehend vorgearbeitet. Da sind an einer Seite der Kammer, in Zeltbahnen zusammengepackt, große Bündel aufgestapelt. Jedes enthält alles das, was der Soldat au Normalstücken seiner Ausstattung notwendig hat (z. B. Tornister, Kochgeschirr, Patronentaschen, Koppel usw.) Dank dieser Vorarbeit geht die Einkleidung schnell voran, so daß eigentlich nur noch das Verpassen der Exerzier- und der Ausgeh-Garnitur, des Stahl-
zustellen. Schon bald beginnt der erste Dienst, bei Helms, der Mütze, der Stiefel und der Schuhe vordem die Zivilhaut verschwindet und aus dem Zivi-; zunehmen ist. Dabei wird, schau aus rein dienst- listen wenigstens äußerlich der Soldat wird: hässlichem Interesse, mit größter Sorgfalt darauf ge- Ein kleiden. achtet, daß alle Sachen, ganz besonders die Stiesel
Richtiges Einräumen des Spindes — eine wichtige Sache!
„Bettenbauen" — der „Kahn" muß tadellos fein.
Beim Verpassen der Stiefel. (Aufnahmen |6|: Neuner, Gießener Anzeiger.)
und die Schuhe, gut passen. Im Regelfälle sind zur Einkleidung eines Mannes von A bis Z nur etwa zehn Minuten erforderlich, da aber der Kammerunteroffizier und sein Kammerarbeiter bereits vorgearbeitet habeii, wird eine ganze Gruppe von Rekruten in etwa 30 bis 35 Minuten fertig eiugeklei- det Jeder Rekrut erhält aus den reichen Beständen
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Der richtige Helm wird ausgesucht.
der Kammern — nebenbei bemerkt: jeder Hausfrau und jedem Hausvater würde das Herz vor Freude lachen, wenn sie eine solche Fülle von Wäsche und sonstigen Kleidungsstücken in ihren Bestanden hätten, die auf den Kammern immer noch vorhanden sind, auch wenn die Einkleidung bereits beendet ist — seine Bekleidungsstücke in so ausgezeichneter Qualität, daß daran auch nicht das mindeste auszusetzen ist. Auf einem Bekleidungsnachweis, den er am Ende der Einkleidung unterschreiben muß, bestätigt er den ordnungsmäßigen Empfang. Dieser Bekleidungsnachweis wandert mit seinen Papieren während der ganzen Dienstzeit, also auch bei Versetzungen, Kommandierungen ober dergleichen mit ihm.
Wir kommen gerade zurecht, um beim Verpassen der Röcke, Mützen und Stiefel dabei zu sein. Jeder Rekrut hat seine Zeltbahn mit vielen Sachen darin vor sich liegen. Und immer noch kommt Neues hinzu. Da steht z. B. ein Mann, der „obenherum" schon Soldat ist, „untenherum" aber noch den Zivilisten zeigt; wenige Minuten später,, nachdem wir uns in der Kammer etwas umgeschaut haben, sehen wir diesen Mann wieder, und nun ist der Zivilist
(Nachdruck verboten!/
35 Fortsetzung
Es ist lange nach Mitternacht — noch liegen ihnen die Klänge der schmeichelnden Geigen im Ohr, noch schwingt der Rhythmus des Tanzes in ihren Glie- dern. . .. ...
Karola huschelt sich in ihren Pelz, den sie über dem Abendkleid trägt, denn es ist kühl.
„Fahr du!" sagt sie und springt m den Nebensitz des flinken „Tiltt'. „Ich bin zu müde.
Gehorsam setzt sich Karajan ans Steuer. Leise summt er eine jener Melodien, nach der er dort oben im Kabarett noch vor einer Viertelstunde mit Karola getanzt hat. Glücklich. Von allen Mädchen war Karola das schönste. .. ,
„Wohin befehlen das gnädige FrauleiN? fragt er übermütig und läßt den Anlasser heulen.
„Nach irgendwo und nirgendwo. Nur nach nicht nach Hause. Fahr ins Blaue, Herbert. Ich dm so glücklich, ich kann jetzt noch nicht schlafen gehen.
Der schmale Sportwagen setzt sich in Bewegung— seltsamer Gegensatz, die beiden Menschen in abendlichen Gewändern in diesem Gesahrt — Doch die zwei sehen und bemerken nichts — sehen uno fühlen nur sich. <«..<. x
Karajan muß Obacht geben, daß ihm der Wagen nicht wegläuft, das schnelle Gefährt ist nicht für geruhsame Stadtfahrt gebaut.
„Wohin bringst du mich?" fragt Karola, sie aus dem Zentrum der Stadt fahren, als die Straßen immer verlassener werden.
„Nach — irgendwo'" wehrt er schmunzelnd ab. „Wirst es bald sehen!" ..
Ach, Karola weiß es schon langst — die Gassen kennt sie — sie fahren zu Tantes Grundstück hier geht's zu Karajans Werk. Er fuhrt ste in s Fabrik. Da taucht auch schon der dunkle Block der Nebenbauten auf, imponierend in der "
der verhältnismäßig kleinen Ausmaße. Em yoye Eisengitter schließt das Gitter. .
„Hier, Karola ist (nein zweites Zuhause, mein
Leine M mil Mm Biiii
Roman von Kurt Riemann
Copyright by Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa
Werk. Ich wußte keinen Ort, an den ich dich lieber gefahren hätte als an diese Stelle."
„Du Lieder!" flüstert Karola und drückt ihm heftig die Hand. „Du schenkst mir viel Vertrauen."
Leise lacht Karajan auf, während er den Zündschlüssel herauszieht und ihn in seine Tasche verstaut.
„Ich würde dir alles anvertrauen, Kind. Alles. Außerdem — was versteht eine Musikstudentin schon von chemischen Vorgängen, von Formeln und Reagenzen von Preßstoffstempeln und Matrizen—?"
Karola konnte ein flüchtiges Lächeln nicht verkneifen. Wie gut, daß in der Dunkelheit ihr Gesicht nicht zu erkennen ist. Ach, lieber Herbert, du solltest nur wissen, wieviel ich davon leider verstehen mußte! Und es fällt ihr wieder schwer aufs Herz, daß sie noch immer das Geheimnis vor ihm hat. —
Inzwischen ist der Pförtner herausgekommen, ein Hüne von einem Mann. Er erkennt seinen Chef und grüßt stramm und militärisch.
„Alles in Ordnung, Westerhausen?" fragt Karajan.
„Alles in Ordnung!" erwidert der Pförtner. „Karl — ich meine, Bethge ist auf dem Rundgang in Halle vier und im Labor." .
„Danke, Westerhausen. Und das hier ist meine Braut. Fräulein Westner ist der einzige Mensch, der außer den Angehörigen des Werks hier Zutritt hat. Jederzeit. Gucken Sie sich die Dame gut an!" lacht Karajan und hält Karolas Gesicht m den Schein der Torlampe. m r,
„Gemacht, Herr Doktor!" schmunzelt Westerhausen. „Hätte die Dame auch so wiedererkannt."
-Wieso?" r „
„Na, so etwas hübsches sieht unsereiner nicht alle Tage!" lacht Westerhausen. Errötend hängt sich Karola fester in Karajans Arm. .
„Komm — laß uns einen kleinen Streifzug machen, Herbert. Ich bin nun wirklich begierig auf dein Reich."
„Wollen sie eine Laterne, Herr Doktor ?
„Danke, ich finde mich hier sogar bei Mondfinsternis zurecht."
Sie gehen über den weiten Hof. In Halle eins beginnt Herbert feine Führung. Fast geräuschlos öffnet sich das schwere Eisentor. Drinnen i|t s un- h milch, auch als die Ti-istrahl°r mles m blendende Helle tauchen, bleibt die bedruckende Leere.
Und nun schreiten sie von Raum zu Raum, von Halle zu Halle, und bald hat Karola den ersten unheimlichen Eindruck vergessen. Der Produktionsgang beginnt sie zu fesseln. Von Schritt zu Schritt erkennt sie, daß hier in der gemeinsamen Arbeit der drei Männer etwas Vorbildliches aufgebaut ist, daß dieses noch immerhin kleine Werk in seiner Geschlossenheit eine Meisteeleistung m jeder Hinsicht bedeutet.
Auch Karajan wird gepackt von seiner eigenen Erklärung. Er erlebt im Geiste noch einmal alle die Kämpfe, die Mühen und Sorgen, die überwunden werden mußten, ehe das alles hier stand.
„Und hier, Karola, führe ich dich in mein Heiligtum!" sagt er am Ende des Rundgangs und stößt die Tür zum Laboratorium auf. „Hier wird an der letzten Vervollkommnung des „Karolit" gearbeitet, und in diesem Tresor liegen die Pläne zu meiner Erfindung. Nur Wernicke kennt das Schlüsselwort außer mir — Kannst du dir etwa denken, welches Wort den Schrank öffnet?" lächelt er sie an.
„Woher soll ich das wissen, Herbert?" gibt sie erstaunt zurück. „Und ich bin auch gar nicht neugierig. Es hat für mich keine Bedeutung."
„Für dich nicht, aber für mich! Für mich bedeutet es alles Schöne im Leben! Alles—"
Zärtlich küßt er ihre Hand, und schnell schlingt sie beide Arme um seinen Hals. Sie weiß nun, daß ihr Name sogar in diesen Hallen der Arbeit Zauberwort ist, das die geheimsten Pforten öffnet. Das macht sie über alle Maßen glücklich.
„Ich bin stolz auf dich, Herbert!" flüstert sie. „Furchtbar stolz — es tut mir nur eins leid: daß dich diese Räume hier viel öfter sehen, als ich es kann. Es ist lächerlich, aber es stimmt — ich bin eifersüchtig auf all die Gläser, Retorten, Maschinen und Prüfstände, zwischen denen du dein Leden verbringst. Warum kann ich nicht immer um dich sein?"
„Was hindert dich, mich zu besuchen, jederzeit? Sieh es doch ein, Karola, ich muß hier arbeiten, hart arbeiten, denn ich muß mein Werk durchdrücken gegen den Widerstand einer Industrie, die hundertfach so stark ist wie ich. Das erfordert noch für einiae Zeit viel Kraft. Aber wenn du mich am Abend hier aufsuchst, wenn du mich abholst oder hier oben ein Stündchen bei mir hockst — kann dich das nicht ein wenig entschädigen?"
„Ach Herbert, das wäre unendlich viel!"
„Ich werde Bescheid sagen, Karola! Hier hast du den Schlüssel zu meinem Labor. Wenn ich im Werk bin, wartest du einfach auf mich. Aber — Kind, Kind!— bewahre ihn gut. Ich kann mir denken, daß er für gewisse Leute fein Gewicht in Gold wert ist — und darüber! Also—!"
Er droht ihr scherzhaft mit dem Finger und erschreckt hält Karola inne in der Bewegung, die schon den Schlüssel greifen wollte.
„Ist es so gefährlich, Herbert, zu dir zu kommen?"
„Unsinn!" lacht er. „Paß nur gut auf, daß ihn kein Fremder in die Hände bekommt."
„Darauf kannst du dich verlassen!"--
Seit jenem Besuch ist Karola bei ihm, leistet Gesellschaft, geht ihm unmerklich zur Hand, meist aber entführt sie ihn in ihrem Wagen auf ein Stündchen ins Freie, um ihn ganz für sich zu haben.
„Das wird die richtige Frau für den Chef!" sagt Westerhausen, der Pförtner, zu seinem Kollegen. „Die sorgt dafür, daß er in seinem Labor nicht blödsinnig wird!"
Womit er ganz den Beifall feines Kollegen findet.
*
Atemlos lehnt das blasse Mädchen in der gepolsterten Tür. Der Mantel hängt ihr nur halb auf den Schultern, neben ihr steht, verlegen lächelnd, die junge Dame aus Meßdorffs Vorzimmer.
„Ich habe sie nicht halten können, Herr Doktor", zuckt sie die Achseln. „Sie ließ sich nicht abweisen!"
„Ich laß mich nicht belügen", flüstert das blasse Mädchen. „Ich habe gesehen, wie du vor einer halben Stunde in das Hauptportal hineingingst. Seit drei Tagen stehe ich unentwegt und warte, warte—. Glaubst du, daß ich mich mit der lächerlichen Lüge verjagen lasse, die für dich so bequem und für mich so niederträchtig ist?"
Meßdorff steht langsam hinter seinem Schreibtisch auf.
„Sie können gehen", nickt er seiner Sekretärin zu, und der Blick, den sie dabei einstecken muß, verheißt wenig Gutes. Sie schaut das blasse Mädchen noch einmal lange an, bann wendet sie sich und geht.
Die gepolsterte Tür faucht leise.
Stumm sehen sich die beiden Menschen an Es ist unheimlich ruhig.
(Fortsetzung folgt!).


