Kr.66 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
l9./20.MarzM8
Fußgängerwege um Gießen.
Im „Gießener Anzeiger" Nr. 57 vom 9. März haben wir einer Zuschrift von Rektor i. R. Valentin Müller (Hausen bei Gießen) Raum gegeben, in welcher der Bau von Fußgängerwegen in der unmittelbaren Umgebung von Gießen angeregt wurde. Die Dringlichkeit dieser Bitte wurde von dem Einsender auf Grund eigener Erfahrungen dargelegt.
Zu dem gleichen Thema erhalten wir von Dr. Meesmann (Gießen) eine Zuschrift, in der unter Zustimmung zu dem vorerwähnten Vorschläge ebenfalls auf den Mangel an geeigneten Fußgängerwegen in der unmittelbaren Umgebung von Gießen hingewiesen wird. Herr Dr. Meesmann erinnert weiter an eine Aussprache, die in einer vom Herrn Oberbürgermeister geleiteten Versammlung der Fremdenoerkehrsinteressenten am 8. Juni 1937 stattgefunden hatte. In jener Versammlung wurde ein Ausschuß eingesetzt, dem die beiden Oberforstmeister Nicolaus und Lipp sowie Dr. Meesmann angehörten. Dieser Ausschuß hat als Ergebnis seiner Beratungen Herrn Oberbürgermeister Ritter eine Denkschrift vorgelegt, die neben allgemeinen Grundsätzen für die Anlegung von Spaziergängerwegen auch E i n z e l v o r - schlage, nach Zielpunkten geordnet, enthält: Annerod, Schiffenberg, Bergschenke und Bergwerkswald, Rindsmühle, Gleiberg. Der leitende Gesichtspunkt ist in der Denkschrift in folgendem Satz niedergelegt: „Spazierwege bei einer Stadt sollen keine Promenadenwege wie in einem Kurort sein, sie sollen sich der natürlichen Beschaffenheit des
Bodens möglichst anpassen, sie sollen auch bei nassem Wetter mit gewöhnlichem Schuhwerk passierbar und dürfen daher weder mit spitzen Steinen belegt, noch von Pfützen unterbrochen sein, sie sollen möglichst viel Schatten bieten und müssen so angelegt werden, daß sie den Fußgänaer vor den Gefahren des Fuhr-, Auto- und Radfahrverkehrs bewahren." Wie Herr Dr. Meesmann uns weiter schreibt, hat die Bürgermeisterei diese Vorschläge dem Stadtbauamt weitergegeben mit dem Auftrag, einen Kostenooranschlag und einen Arbeitsplan zum Bau der Wege in den nächsten drei Jahren vorzulegen.
Wie wir auf Anfrage im Stadthaus hören, sind im Verfolg dieser Denkschrift mancherlei Vorschläge in Bearbeitung genommen, über die demnächst wohl die Entscheidung getroffen werden wird. Von besonderem Interesse dürfte dabei die Schaffung eines Spaziergängerweges vom Wartweg nach dem Bergwerkswald fein. Weiter planen der fachmännische Betreuer unseres Stadtwaldes, Oberforstmeister i. R. Beigeordneter Nicolaus, und Oberforstmeister Lipp etwa von der Landstraße nach Steinbach bzw. vom alten Steinbacher Weg aus neue schöne Spaziergängerwege in Richtung Schiffenberg zu erschließen.
Man darf der weiteren Entwicklung dieser Sache, der auch der Herr Oberbürgermeister seine nachhaltige Förderung zuteil werden läßt, mit besonderem Interesse entgegensetzen.
Kein falsches Mitleid!
Appell an die Frauen und Mütter. — Gebt das Geld der NSV.!
In Lollar hat die Gendarmerie am Mittwoch bei einer umherziehenden Zigeunerbande eine große Menge Kleingeld und einen stattlichen Sack voll Silbermünzen vorgefunden. Vor einigen Wochen konnte die Gendarmerie eine andere Zigeunerbande in Watzenborn-Steinberg stellen, bei der etwa 1500 Mark Bargeld, und zwar viel Kleingeld und in Geldscheinen, außerdem eine Menge verschimmelter Wurststücke gefunden wurden. Beide Funde geben Anlaß, in erster Linie unseren Frauen und Müttern als Hüterinnen von Haus und Familie einige Gedanken zur Ueberlegung mitzuteilen.
Zigeuner besuch wird allgemein mit Recht als Landplage empfunden. Wenn Zigeuner im Dorfe oder am Rande der Stadt auftauchen, vermeidet es die Hausfrau in der Regel, das Haus oder den Garten unbeaufsichtigt zu lassen. Das hat seinen guten Grund. Daß diese lästige Gesellschaft immer wieder erscheint, hat vor allem seinen Grund in den Geschenken, die ihr auf dem Lande, aber auch am Rande der Stadt stets aufs neue zugewandt werden. Solange diese Geschenke gegeben werden, wird nirgends daran zu denken fein, daß die unerwünschten Besucher wegbleiben. Wenn man sie also los werben will, muß man sich jedes Geschenkes an diese Gesellschaft konsequent enthalten! Mütter müssen sich in solchen Fällen von falschem Mitleid freimachen: sie müssen ihr empfindsames Herz fest in beide Hände nehmen und es nicht zum Rucken und Zucken kommen lassen; sie müssen auch die Kinder anhalten, in solchen Fällen nicht mit Bitten zu kommen und dadurch unbewußt den faulenzenden Landstreichern die Stange zu halten. Wenn überall in Stadt und Land in dieser Weise gehandelt wird, dann werden die meist kräftigen und leistungsfähigen Männer und Frauen der Zigeunerbanden schnell merken, daß sie eben nur durch Arbeit ihren Lebensunterhalt finden können. Für Tagediebe darf es in unseren Landen nirgendwo mehr Raum geben!
Die bei jenen Zigeunern vorgefundenen ansehnlichen Geldbeträge und die zum Teil verdorbenen
Vorräte an Lebensrnitteln sind ein erneuter Beweis dafür, daß man allerorten immer noch nicht nur Kupfergeld, sondern auch einen Fünfer, einen Zehner oder ein Stück Brot oder Wurst für die bekannten „Künste" der Zigeuner spendet. An einer solchen Stelle ist die Opferbereitschaft aber höchst unangebracht! Man sollte die Fünfer und Zehner besser in einer Sparbüchse sammeln und sie allmonatlich dem Ortsgruppenwalter der NS. - Volkswohlfahrt aushändigen, der sie dem großen und vorbildlichen Hilfswerk der NSV. zuführen wird! Ebenso sollte man es mit Nahrungsmittelspenden halten, wenn man auf diesem Gebiete irgendwie noch etwas locker machen kann. Als bezeichnend sei in diesem Zusammenhänge erwähnt, daß man bei der Durchsuchung der Zigeunerbande in Lollar in den Futterkästen für die Affen nicht nur Brötchen, sondern auch RestevonButterbroten vorfand! Man kann hieraus ersehen, wie falsch derartige Spenden an die Zigeuner sind und wie schmählich diese Gesellschaft wertvolle menschliche Nahrungsmittel behandelt!
Wer die Mittel der NSV. immer wieder stärkt, kann das Bewußtsein haben, daß er damit wirklich einen guten Dienst für seine hilfsbedürftigen Volksgenossen leistet. Das ist besser, als die Spenden, auch wenn sie im Einzelfalle nicht groß sind, faulenzenden Zigeunern in die Hand zu geben. Und man erreicht — wenn man sich diesen unliebsamen Besuchern gegenüber völlig zugeknöpft verhält — obendrein noch schnell das gute Ergebnis, ein für allemal von derartigen lästigen Besuchern befreit zu sein! Für die Tiere der Zigeuner findet sich sicherlich eine bessere Pflegstatt, als sie die armen Kreaturen jetzt haben. Die niedlichen Aeff- chen, die in dem Lollarer Falle den Zigeunern die Taschen füllen halfen, würden in einem Zoologischen Garten besser aufgehoben sein, als bei efner so zweifelhaften Gesellschaft, wie die Zigeuner es nun einmal sind.
Die Moral von der Geschicht': Gebt den Zigeunern nichts, sondern laßt jede Möglichkeit zurSp^nde der NSV. zugute kommen! B.
Aus der Stadt Gießen.
Stille Liebe zur Natur.
Von Tag zu Tag mehr erwacht die Natur aus ihrem Winterschlaf. Hier eine Knospe, dort neue Schneeglöckchen, lauter wird in der Frühe der Gesang der Vögel...
Gerne gehen wir auf kleine oder größere Ent- deckungsrelsen, vieles läßt sich die Natur nur im Schweigen ablauschen, und unsere Liebe zu ihr muß von Stille erfüllt sein.
Während des Winters haben wir etwas über das Walten der Natur gelesen. Wer von stärkerer Neigung zur Biologie erfüllt ist, griff wohl zu ausführlicheren Werken, die ihm das Walten der Naturkräfte erschließen können Wir staunen über den Reichtum der Natur, aber ebensosehr über ihre zweckbewußten Kräfte, mit denen sie für ihre Geschöpfe sorgt, auch dann, wenn diese unser Leben bedrohen, Wälder wegfressen, Krankheiten übertragen, unser Haus und unjere Möbel zernagen.
Gelehrte neigen zuweilen dazu, ihre Einzelerkenntnisse in große Zusammenhänge hineinzustellen. So hat der führende amerikanische Jnsekten- forscher Howard ein Buch „The menace of man- kind" (Die Bedrohung der Menschheit) geschrieben, in dem er aus führt, wie der Kampf zwischen Mensch und Insekt mit ungefähr gleichen Kräften geführt wird; jedenfalls bedarf es der schärfsten Anspannung aller Jnsektenforscher, um diese Milliarden und Billionen in Schach zu halten. Andere Gelehrte haben gefragt, wie es werden würde, wenn die Vögel infolge der vordringenden Zivili- satton aussterben würden. Sieben Jahre später, so haben sie ausgerechnet, würden die menschlichen Rassen aussterben; denn das Gewürm würde so überhand nehmen, daß aller Pflanzenwuchs zerstört wird. Wir hätten dann kein Getreide, keine Kartoffeln und kein. Obst und könnten auch unseren Haustieren kein Futter mehr geben. Wie unvernünftig, wenn wir das Leben unserer Vögel stören oder zerstören! Jede Krume, die wir im Winter den hungernden Vögeln gegeben haben, stärkt uns im Kampf gegen den Feind des Menschengeschlechtes
Besonders gefährlich ist die Nonne. Bei dem riesigen Nonnenfraß im ostpreußischen Rotebuder Revier im Jahre 1854 mußten 84 Quadratkilometer, die völlig kahlgefressen waren, eiligst geschlagen werden — um nicht dem nächsten Feinde, dem Borkenkäfer, riesige Entwicklungsmöglichkeiten zu geben. Diese Fläche entspricht dem zehnten Teil der Fläche Berlins (das an Fläche die fünftgrößte Weltstadt ist). Aber die Kenner wachen. Wer sich mit der Nonne zu befassen hat, wird dafiir sorgen, daß die Schlupfwespen und Raupen, Fliegen oder der Spaltpilz, der in den Nonnen eine Wipfelkrankheit erregt, möglichst gefördert werden; sie sind unsere Helfer im Kampf ums Dasein.
So gewinnen wir in der Stille und auf besinnlichen, aufmerksamen Spaziergängen lehrreiche Einblicke in den rastlosen Kreislauf der Natur.
H. H.
NSDAP., Ortsgruppe Gießen-Mitte.
Gauschulungsleiter pg. Kutter (Frankfurt a. 2H.)
spricht am 23. März, abends 8.30 Uhr, im Cafe Leib. Der Besuch dieser Versammlung ist für alle Gliederungen der Ortsgruppe Gießen-Mitte Pflicht.
„Konto Oesterreich."
Sämtliche Dienststellen der JISB. und alle Zahlstellen der Banken nehmen Geldspenden entgegen.
Der Reichsbeauftragte für das Winterhilfswerk des deutschen Volkes teilt mit, daß Geldspenden für die Deutschen in Oesterreich auf das „Konto Oesterreich" bei allen Dienststellen der NSV., sowie bei allen Zahlstellen der in der Reichsgruppe Banken zusammengeschlossenen Kreditanstalten (Banken, Girozentralen, Sparkassen, Girokassen, gewerbliche und wirtschaftliche Kreditgenossenschaften) eingezahlt werden können.
Oesterreichs deutsche Musik.
Von Johannes Jacobi.
Durch Oesterreichs Heimkehr ins Reich sind eine Reihe ehrwürdiger Stätten der Obhut des gesamtdeutschen Volkes anoertraut worden, die es als Nationalheiligtümer zu hüten berufen ist, von denen es aber durch eine sinnlose Grenze bisher getrennt war. Auf dem Wiener Zentralfrjedhof ruhen die Gebeine eines Beethoven, Schubert, Brahms, Hugo Wolf und Johann Strauß. Mozart wurde in einem Wiener Armengrab unauffindbar verscharrt. Die Gruft des Sttftes St. Florian birgt die sterbliche Hülle Bruckners.
Die Namen beschwören den Glanz und den Ruhm der Musikstadt Wien. Aus dem Reich des deuftchen Geistes ist sie nicht wegzudenken. Was das Weimar Goethes und Schillers für die deutsche Dichtung bedeutet, das ist die „Wiener Klassik" der Musik. Haydn, Mozart Beethoven — dieses Dreigestirn strahlt seinen Glanz noch über das Musikleben der deutschen Gegenwart aus. Zwei dieser Meister waren Oesterreicher, und Beechovens Wahlheimat war seit seinem zweiundzwanzigsten Lebensjahre Wien. Ist uns Bayreuch zum Sinnbild für das romantische Musikdrama Richard Wagners geworden, so führen die Erinnerungen an den Klassiker der Musikbühne, an Mozart, zu seinem Geburtsort, dem österreichischen Salzburg. Was das deutsche Volk Jahrhunderte hindurch als feinen selbstverständlichen Besitz zu empfinden und zu verehren gewohnt ist, war zunächst durch eine „kleindeutsche" Absperrung und dann durch die parteipolitische Erfindung eines „österreichischen Menschen" ausländisches Geistesgut geworden. Im vergangenen Jahr konnte es sogar geschehen, daß einem deutschen Musiker sein gleichzeitiges Wirken in Salzburg und Bayreuth bestritten, daß die beiden Symbole gesamtdeutscher Musiktradition als Gegensätze erklärt wurden.
Auf keinem Gebiet der deutschen Kulturgeschichte ist aber der Zusammenhang zwischen dem Reich und seiner südöstlichen Grenzmark sinnfälliger als in der Musik. Die Ausstrahlungen der Klassiker von Haydn bis Schubert, von Hugo Wolf und Bruckner bis in Deutschlands entlegensten Ort und die Bewertung dieses künstlerischen Erbes als „deutsche Musik" im Urteil der Welt beweisen es ebenso, wie der Zug der größten Komponisten aus nördlicheren Bezirken des Reiches nach Wien. Neben den vielen« die vorübergehend dort einkehrten, unb.
aus der Berührung mit dem Geiste österreichischen Volkstums oder Wiener Kultur wesentliche Anregung empfinden, seien nur die Namen des in Böhmen ausgewachsenen Bayern Gluck, des Rheinländers Beethoven und Hamburgers Brahms genannt. Wie Gluck in Wien den Boden für feine Reformation der deutschen Oper bereitet fand, so sind aus dem Schaffen Beethovens die Spuren österreichischen Lebens und österreichischer Landschaft nicht wegzudenken — erinnern wir uns nur an Stimmung und Naturlaut seiner Pastoralsymphonie! Als Sinnbild aber darf der fünfunddreißlg- jahrige Aufenthalt von Johannes Brahms in Wien gelten. Für die Muse des spröden Niedersachsen mußte die sinnenfrohe Atmosphäre der Donaustadt als glücklicher Ausgleich wirken. Seine Verehrung für Johayn Strauß und feine Bereitschaft, mit ihm zu tauschen, wenn er eben nicht „der Brahms" wäre, bezeugen diese Ergänzung zweier Landschaftscharaktere im deutschen Raum ebenso, wie manche beglückende Verschmelzung dieser Gegensätze im Schaffen des norddeutschen Meisters.
Anderseits fand das Genie des fächfischen Musik- dramatikers Richard Wagner eine ebenbürtige Ausprägung in den künstlerischen Bezirken des Liedes und der Symphonik bei dem Sceiermärker Hugo Wolf und dem Oberösterreicher Anton Bruckner. Die Wechselwirkungen zwischen Reich und Oesterreich fanden in dieser Gruppe während der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts noch einmal eine schöne Bestätigung, und diesmal lief der Kraftstrom von Norden nach Süden.
Während für die Pflege der Musik im Wien des ersten Reiches die höfische Kultur der kaiserlichen Residenz und die verfeinerten Lebensverhältnisse der Metropole, vor allem ihre Adelskreise, das soziologische Fundament bildeten und der Musikstadt Wien damit den Vorrang sicherten, so entstammten ihre schöpferischen Kräfte ausnahmslos Dem kräftigen Boden deutschen Volkstums. Ja, es ist ein besonderes Ruhmesblatt in der Geschichte des deutschen Musiklandes Oesterreich, daß seine weltbeherrschende Klassik und seine Romantik unmittelbar von den Söhnen des einfachen Volkes geschaffen wurde. Gluck war das Kind eines Försters und Büchsenspanners, Haydn der Sohn eines armen Hufschmieds und einer Köchin, M o - z a r t s Großvater war Handwerker, Schubert wuchs unter den neunzehn Kindern eines Dorstadt- schulmeisters bei Wien auf, der Vater Hugo Wolfs mußte statt Musiker Sattler werden, Bruckner war ein früh verwaister Lehrtrssohn, und die Väter der zugewayderten Meister Beethoven und Brahms waren als Berufsmusiker ebenfalls
„Handwerker" ihres Standes im gesellschaftlichen Sinn des Wortes.
Durch die Bindung an das Blut der Ahnen und den eigenen -Lebenskreis verkörpern auch die welttäufigen Schöpfungen der österreichischen Meister noch die reiche Mannigfalttgkeit deutschen Volkstums. lieber alle Stilunterschiede hinweg behauptet sich das ländliche Element in der Musik Haydns und Bruckners, während bei Mozart und Schubert die differenziertere Empfindungswelt städtischer Kultur überall spürbar bleibt. Dennoch vereinigen die Werke eines jeden die ganze Erlebnisweite deutschen Menschentums mit all seiner Gegensätzlichkeit und Lebensfülle. Neben der weltabgeschiedenen Mystik eines Brucknerschen Adagio steht das Scherzo mit seiner bäuerlich-derben Erdennähe. Aus der treuherzigen Männlichkeit Haydns bricht plötzlich die Dämonie hervor, und d.ie spielende Grazie eines Mozart, die blühende Gesanglichkeit eines Schubert- liedes ist nur der goldene Rahmen für das abgründige Wissen um Leid und Tod, für den Schauer vor dem Unendlichen. Ist somit keine Stimmungslage deutschen Lebensgefühls den österreichischen Meistern verschlossen, so ist ihre unbedingte Liebe zum stets siegenden Leben doch der besondere Dienst, den der südlichste Volksstamm des Reiches der Ge- samtnaticm zu erweisen vermag. Von der feierlichen Hymnik Brucknerscher Finalsätze bis zu den schäumenden Klängen heiteren Lebensgenusses in den Werken der Strauß und Lanner fin'ben die deutschen Menschen aller Gaue Lebensanttieb und Aufschwung in der Musik ihrer österreichischen Groß- und Kleinmeister.
Oer erfinderische Herr Biedermeier.
Einen Einblick in die schrullenhafte Welt der Biedermeier-Erfinder gestatten die Zeitungen und Zeitschriften vor hundert Jahren, die immer wieder Kurioses berichten. So meldete damals die „Tante Voß", daß der Hamburger Professor Danzel auf einer Alsterarche eine hydrauliche Maschine ausgestellt habe, mit der man ein Schiff bei Windstille fortbewegen könne; ja, sogar Luftballons wollte der gelehrte Herr mit diesem Apparat lenken. Dem Hang zur Sparsamkeit kamen die Patentmöbel eines Herrn Eckhard entgegen, bei denen die Stühle umgedreht werden konnten, so daß für den Alltagsgebrauch der schlechtere Bezug, bei Besuch aber der feinere oben war. Merkwürdig war die Erfindung des Nürnberger Stockenschneider. Dieser sinnreiche Mann hatte eine Maschine ersonnen« auf der man angeblich ohne Feuer kochen
Vornotizen.
Tageskalender für Samstag.
Stadttheater, 20 bis 22 Uhr: „Parkstraße 13". Gloria-Palast (Seltersweg): „Das indische Grab- mal". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Die Fledermaus" und die neueste Wochenschau. — Männer-Badeoerein: 20.30 Uhr, „Frankfurter Hof", Generalversammlung. — Tv. 1846/Mtv. Gießen: 20 Uhr, Volkshalle, Vorspiele 6. Hallen-Handball- Turnier. — Ev. Stadtmission, Löberstraße 14: 20.15 Uhr Vortrag. — Oberhessischer Kunstverein: 17 bis 18 Uhr Ausstellung im Turmhaus am Brand.
Tageskalender für Sonntag.
Stadttheater, 11.30 bis 12.30 Uhr: Maja von Rabenau tanzt. 19 bis 21.30 Uhr: „Lady Windermeres Fächer". — Gloria-Palast (Seltersweg): 11 Uhr, Sonderfilme über die Ereignisse in Oesterreich; zu den bekannten Zeiten: „Das indische Grabmal". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Die Fledermaus" und die neueste Wochenschau. — Tv. 1846/Mtv. Gießen: Volkshalle, 7.30 Uhr, Vorspiele, 14 Uhr, Entscheidungsspiele des 6. Hallen-- Handball-Turniers. — Ev. Stadtmifsion, ßöber-
Dem Auge das Beste!
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straße 14: 20.15 Uhr, Vortrag. — Gustav-Adolf- Frauenverein Gießen: 20 Uhr, Stadtkirche, Vortrag „Frauenarbeit in den deutsch-evangelischen Gemeinden Siebenbürgens". — Vauerscher Gesangverein: 16 Uhr, in Der Neuen Aula der Ludwigs- Universität Konzert. — Oberhefsischer Gebirgsverein: Wanderung. — Gießener Billard-Klub: 10 Uhr und 15 Uhr im Eafs Amend Städtefpiel gegen Kasseler Billard - Sportverein. — Oberhessischer Kunstverein: 11 bis 13 Uhr Ausstellung im Turmhaus am Brand.
Stadtthealer Gießen.
Heute, 20 Uhr, Wiederholung des Kriminalstückes „Parkstraße 13" von Axel Jvers. Spielleitung Hans Geißler, Bühnenbild Karl Löffler. Die Vorstellung findet gleichzeittg für die KdF.-Miete Gruppe I (12. Vorstellung) statt. Freier Kartenverkauf zu Tagespreisen. Ende der Vorstellung 22 Uhr.
Sonntag, 20. März, tanzt Maja v. Rabenau im Rahmen der 11. Morgenveranstaltung des Stadt- theaters. Maja von Rabenau ist Solotänzerin der Deutschen Tanzbühne Berlin. Am Flügel: Meinhart Becker, Darmstadt. Die Intendanz macht darauf aufmerksam, daß die Veranstaltung punkt 11.30 Uhr beginnt. Für Zuspätkommende Einlaß nur nach den einzelnen Tänzen. Karten für den Theaterring der Hitler-Jugend nur gegen Ausweis. Ende 12.30 Uhr. — Am Abend, 19 Uhr, zum letzten Male Wiederholung des größten Schaufpielersolges dieser Spielzeit, „Lady Windermeres Fächer", Komödie in vier Akten von Oscar Wilde, Neubearbeitung: Karl Lerbs. Spielleitung Hermann Schultze-Griesheim, Bühnenbilder Karl Löffler. Die Vorstellung findet außer Miete zu Sonntagspreisen statt. Ende 21.30 Uhr.
Montag, 21. März, Anfang 19.30, Ende 22.15 Uhr, Theaterring der Hitler-Jugend, 7. Vorstellung, „Wilhelm Tell", Schauspiel von Schiller. Kein freier Kartenverkauf.
126 Wettbewerbsarbeiten
für ein HZ -Heim in Gießen.
Die Frist zur Einreichung der Arbeiten in dem Preisausschreiben zur Erlangung von Entwürfen für den Bau eines HJ.-Heirnes in Gießen ist am gestrigen Freitagmittag abgelaufen. Wie wir auf Anfrage hören, sind bei diesem Wettbewerb 126 Entwurfsarbeiten eingegangen. Nunmehr werden diese Arbeiten ihre weitere Behandlung durch die vorgesehenen Prüfungsstellen, also das Preisgericht, erfahren.
konnte, indem durch Reibung einer gedrehten Scheibe eine Platte erhitzt wurde, die ihre Wärme dem Kochtopf mitteilte. Von musikalischen Suppentellern berichtet im Juli 1829 der „Sächsische Trompeter": „In Schleswig bereitet eine Fayencefabrik Teller, die Musik machen. Die Teller sind hohl und fangen, sowie eine heiße Feuchtigkeit hineinkommt, an zu tönen, und da jeder Teller auch auf einen gewissen Ton gestimmt werden kann, so kann eine suppenessende Gesellschaft sich auf das allerbequemste vortreffliche Tafelmusik verschaffen." Nicht minder originell waren die heizbaren Kleiderstoffe, die in England erfunden waren: „Sie werden aus Wasser und luftdichtem Stoff verfertigt, und hinten ist, wie eine Patronentasche, ein kleiner zierlicher Ofen angebracht, der mit Spiritus geheizt wird und die erwärmte Luft durch die hohlen Zwischenräume des Kleides versendet. Dreht man den Ofen nach vorn hin, so dient er zugleich als Laterne." Der Erfinder- Spleen der Engländer trieb schon' damals seltsame Blüten. So Hütte ein Mr. Birthelm eine Kutsche erfunden, in der man sich in größter Sicherheit befinden sollte, selbst wenn man von einer ganzen Räuberbande umzingelt war. „Rund um den Boden des Kutschkastens befinden sich 100 Schießapparate, und mit einem Fingerdruck entladen sich ebenso viele Feuerschlünde auf die nichtsahnenden Bösewichter." Es war also eine Art Maschinen- gewehrdroschke.
Oie Wette.
Ein Bewunderer sprach sich einmal zu dem Maler D e g a s äußerst lobend über seine Gemälde aus. Degas hörte schweigend zu, dann meinte er:
„Sie loben meine Bilder. Aber loben Sie nicht mehr den Namen, mit dem Sie bezeichnet sind?"
Der Besucher widersprach lebhaft. Jeder müsse sehen, meinte er, wie wundervoll diese Bilder gemalt seien, auch wenn der Name des Meisters nicht darauf stände. Degas dachte eine Weile nach und schlug dann eine Wette vor:
„ ... Es geht also darum, daß binnen eines Halden Jahres dies neue Bild von mir, das mit meiner Signierung bestimmt 10 000 Franks bringen würde, nicht einmal 500 Franks bringt, wenn ich es ohne meinen Namen in einer Kunstausstellung ausstelle."
Die, Wette wurde abgeschlossen. Das Bild ohne Degas' Namen kam in ein ©djaufenfter an einer Pariser Hauptstraße. Es stand ein halbes Jahr in diesem Fenster, ausgezeichnet mit dem Preise von 500 Franks, ohne daß sich ein Käufer dafür gefunden hätte. Degas hatte seine Wette gewonnen E.&


