Ausgabe 
19.2.1938
 
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Hr.42 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

19./20. Februar 1938

3nfemationafe Automobil- und Molorrad-Aus-ellung Berlin1938.

Ein Rundgang durch die Hatten der Auioschau am Kaiserdamm.

ZmZeichen derReichsautobahnen

Die alle Vorgänger an Ausöehnung übertreffende Internationale Autoschau trägt em eigenes Ge­präge. Nicht, weil sie durch eine große Zahl von Neuerungen überrascht, sondern weil die Straßen des Führers Gestalt der Fahrzeuge und inneren Aufbau in neue Bahnen gelenkt haben. Der deutsche Kraftfahrzeugbau steht i m Zeichen der Reichsautobahnen! Die Aufbauten von Personen- und Nutzfahrzeugen haben weit mehr als bisher windschnittige Formen erhalten, um den Luftwiderstand ohne allzu große Motorleistung überwinden zu können. Die Konstrukteure haben bei aller Beachtung der Strömungslehren bizarre Formen vermieden. Hat man früher über wind- fchnittige Kleinwagen gelächelt, weil man wußte, daß so ein Springinsfeld gar keine Gelegenheit hat,

Mercedes-Benz Typ 230 (2,3 Liter Sechszylinder) 23sitziges KabriolettA".

feine volle Geschwindigkeit zu entfalten, fo haben die Autobahnen bewiesen, daß auch der Kleinwagen autobahnfest gebaut werden muß, um auf große Strecken mit hoher Fahrt voranzukommen. Aus diesem Grunde muß auch er einen windschnittigen Aufbau erhalten.

Viel wichtiger ist die Ausbildung von Motor und T r i e b'w e r k, die Kühlung des Wassers und Oels, von Steuerung und Bereifung. Die Auto­bahnen haben daher auchunter die Haube" ge­griffen und hier mancherlei Veränderungen hervor­gerufen. Bis in die Zylinder hinein reicht ihr Ein­fluß, denn Formgebung der Kolben, gesicherte Schmierung, schnelle Umwälzung des Kühlwassers muß der Konstrukteur gewährleisten, wenn er den Kleinwagen auf die Autobahn schicken will, ohne feine Lebensdauer zu verkürzen. Das hat zum Bau automatischer Temperaturregler für Wasser und Oel geführt, ließ selbstregelnde Wasserpumpen ent­stehen (Steyr, Daimler), führte automatische Saugrohrheizung und eine vom Unterdrück im Zylinder abhängige Zündverstellung (Daimler- Benz) ein. Man kann also nicht behaupten, daß im Autobau Ruhe eingetreten sei.

Heue Werkstoffe.

Die Werk st off fragen stehen im Vorder­grund der deutschen Autotechnik Wer auf den Ge­danken kommen sollte, daß die neuen Werkstoffe den Autobauverschlechtern" weil er an Stelle von Grauguß mit Leichtmetallvorliebnehmen" muß, oder weil Kupferrohre gegen Stahl und Kunststoff ausgetauscht worden wären, hat sich mit den Fragen der Kraftfahrzeugtechnik noch niemals gründlich be­faßt. Austauschstoffe im Autobau sind ebenso als Fortschritt zu bewerten wie die Verdrängung des Rohrzuckers durch den Rübenzucker, die des natür­lichen Indigos durch den künstlichen oder die der Petroleumlampe durch das elektrische Licht. Aller­dings wird oft nur das geschulte Auge erkennen, wo die Neustoffe angewendet wurden. Die aus ge-

O p e l ist überhaupt sehr lehrreich. Bei einem Ver­gleich der verschiedenen Typen entdeckt man, daß der gleiche Motor mehrfach wiederkehrt. ImAd - m i r a l" ist der Motor des 3-Tonners eingebaut oder umgekehrt. Der VierzylinderOlympia" hat noch zwei Zylinder dazu bekommen und erscheint dann imSuper 6" Diese Typisierung bringt nicht nur bei der Herstellung Vorteile, sondern auch bei der Beschaffung von Ersatzteilen. Ford baut Übrigens seinen V 8-Motor auch in den 3-Tonnen- Nutzwagen ein. Ferner verwendet BMW. bei allen Typen den gleichen Motor, obwohl die Leistung der Maschinen zwischen 45 und 55 PS chwankt.

Im Motorradbau finden wir das gleiche Zusammensetzspiel" einzelner gleicher Bauteile zu verschiedenartigen Modellen (Z ü n d a p p). Die hohen Geschwindigkeiten der großen Wagen haben zu besonderer Ausbildung der Schaltung geführt. Dadurch, daß zwei Uebersetzungen in die Hinter­achse eingebaut wurden, lassen sich durch die vier Vorwärtsgänge acht Gänge ausnutzen. Außer Mercedes macht Maybach dieses Kunststück, eine feinmechanische Höchstleistung, durch die eine autobahnsichere Geschwindigkeit von 160 km/st zu erreichen ist.

Heuerunflen an Personenwagen

In weitem Umfang hat sich die Belüftung des Wageninnern durch Kippen der Fenster eingeführt. Eine interessante Neuerung bei der Anordnung der Türen zeigt BMW. durch den Bau einer Par-

Adler-Trumpf-Junior-Limousine.

allelogrammtür. Sie wird beim Oeffnen zu­nächst in voller Breite nach außen gedrückt und dann an einem breiten Hebelarm parallel zum Wagen nach hinten geschwungen. Auf diese Weise wird auf der Fahrbahnseite eine Gefährdung vor- übe^fahrender Wagen und Radfahrer vermindert. Der Dieselpersonenwagen von Daimler-Benz wird jetzt serienmäßig geliefert, nachdem die Gefahr der Oelverdickung durch Ruß beseitigt worden ist. Zur Erleichterung des Anlassens aus kaltem Zu­stand dienen elektrisch geheizte Glühkerzen. Einen

Mercedes-Benz Typ 170 V (1,7 Liter Vierzylinder) 45sitziges KabriolettB".

Dieselmotor im Schnitt zeigt außerdem Hano­mag, der für denR e c o r d" bestimmt ist. An dieser Type ist die rückwärtige Anordnung des Brennstoffbehälters neu, dessen Inhalt von 34 auf 54 Liter erhöht wurde. Der Freilauf ist nach wie vor bei den D K W. ° Wagen, mit Ausnahme bei derReichsklasse", zu finden. Erwähnenswert ist weiter die Anwendung des Ganzstahlbaues für Karosserien, wodurch das Gewicht vermindert und die Stabilität des Ausbaues erhöht wird. Eine Ganzstahlkarosserie mit Dach aus nahtlosem Stahl­blech zeigt Hudson. Die Verwendung von splitter­freiem Glas, die in absehbarer Zeit überall einge-

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Opel 1,1 LiterKadett" Normal-Limousine.

führt werden muß, ist an den Modellen von Wan­derer, Daimler-Benz. Stoewer, aber auch bei Hudson und 21 u ft i n zu finden.

Die innere Ausstattung der Personenwagen ist allgemein verbessert worden. Ost sind umklapp­bare Sitze vorgesehen, damit sich im Wagen zwei Schlafplätze schaffen lassen. Auch der Einbau von Rundfunk ist in vielen Modellen vorge­sehen, doch ist eine einheitliche Abmessung der Auto­empfänger noch nicht durchgeführt. Schließlich sei noch auf die pfoftenlofen viertürigen Limousinen, auf die Verbesserung der luftgekühlten Motoren (Phänomen) und auf neue Kühlerformen hinge- wiesen.

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Bei den Nutzfahrzeugen sind die Auto­bahnen auch nicht ohne Einfluß auf die äußere Formgebung geblieben. Besonders bei den für Schnellverkehr bestimmten Reiseomnibussen tritt die Stromlinie stark in den Vordergrund. Eine beson­dere Bauart ist der Besprechungswagen (auf dem Stand der R e i ch s p o st), der eine Fortsetzung von Tagungen während der Fahrt ermöglicht. Daneben gibt es eine Fülle von Spezialfahrzeugen für Polizei, Feuerwehr, Krankentransporte und Kommunalbetriebe. Auch fehlt es nicht an G e - ländewagen mit Allradantrieb und an Raupen­wagen für postalische und landwirtschaftliche Zwecke. Herrscht im Personenwagenbau der Vergasermotor vor, so find die meisten Nutzwagen mit Diesel­motor ausgerüstet. Ferner werden hier als Treib­stoff heimische Braunkohlenöle, Flüs­siggase, Generatorgasantrieb und Elektrizität verwendet. Viele Motortypen können wahlweise mit Dieselöl, Teeröl ober Flüssiggas angetrieben wer­den. Hiermit wird dem Verbraucher die Möglich­keit gegeben, schon jetzt Fahrzeuge zu benutzen, die in Zukunft vom ausländischen Treibstoff auf heimische Treibstoffe übergehen sollen, ohne kon­struktive Aenderungen vornehmen zu müssen. Der Lastwagenbau ist mit seinen sinnreichen Konstruk­tionen eine Fundgrube für technisch interessierte Be­sucher.

Die Reichsbahn.

Da die Deutsche Reichsbahn zu den größ­ten Kraftfahrzeughaltern gehört, ist ihre Schau um­fangreich und sehenswert. Die Motorisierung der Schiene wird im wesentlichen durch den Schnell­trieb-Motorwagen gekennzeichnet. Für ihn ist der große 600-PS -Motor bestimmt, der auf der Pariser Weltausstellung mit demGrand Prix

und der Goldmedaille ausgezeichnet wurde. Die gleiche Wertschätzung fand der 450-PS-Dieselmotor, der Eiltriebwagengeschwindigkeiten bis 120 km/st verleiht. Bei der Uebertragung der Motorleistung auf die Treibräder der Schnellwagen gewinnt an Stelle der mechanischen Kraftübertragung die hydrauliche an Bedeutung. Auch ist das Problem der selbsttätigen Regulierung der Kühlwassertempe- ratur im Triebwagenverkehr gelöst worden. Unab­hängig von Besetzung der Wagen, Gegenwind, Außentemperatur und Streckenneigung hält eine be­sondere Sicherung das Kühlwasser automatisch auf der für den Betrieb günstigsten Temperatur. Das Modell desGläsernen Zuge s", des neuen Aussichtswagens der Reichsbahn, ist ein Beispiel für die technische Vervollkommnung im Triebwagen­bau.

Da die Reichsbahn auch auf der Straße gewaltige Lasten zu befördern hat, zeigt sie auch im Nutz- roagenbau hervorragendes. Für den Fernlast- vermehr hat sie einen 6,5-Tonnen-Wagen ent­wickelt, den ein 150-PS-Dieselmotor antreibt. Für kleinere Lastwagen hat sie einen Einheitsdiesel von 85 PS entwickelt. Der Transport beladener Güter­wagen über die Straßen hat sich im letzten Jahr in 27 Orten eingeführt. Waren bisher nur zwei­achsige Güterwagen hierfür geeignet, so können jetzt auch vierachsige Wagen auf zwei Ißräbrigen Stra- ßenfahrzeuaenins Haus^ gebracht werden. An einem Modell wird sogar gezeigt, daß für den Transport besonders schwerer Stücke zwei 24rädrige Straßenfahrzeuge eingesetzt werden können, vor die ein kräftiger Trecker gespannt wird. Dieses 48räd- rige Ungetüm gleicht einem Lindwurm.

Die Reichspost.

Wer einen Fahrzeugpark von über 17 000 Kraft­fahrzeugen besitzt, wird auch auf der Autoschau einiges zu zeigen haben. So gibt die Deutsche Reichspost einen Einblick in ihren Großbetrieb, durch den jährlich allein über Land zwölf Millionen Fahrgäste und um ein mehrfaches zahlreiche Post­sendungen befördert werden Für viele Besucher wird es neu sein, daß sie die Reichspost im Alpen­dienst auf besonders steilen und engen Bergstraßen mit Raupenschleppern fährt. Nicht nur bei Schnee, auch im Sommer, weil die steinigen Stra­ßen einen Verkehr mit normalem Radantrieb un­möglich machen. Wie man also bei Landreisen durch die Wüsten von Tibet oder Afrika an bestimmten Verkehrspunkten das Pferd gegen das wüstensichere

Adler-2,5-Liter-6-Zyl.-Sport-Limousine.

fupfertem Stahl hergestellte Benzinleitung läßt sich von der rein kupfernen kaum unterscheiden. Wer will erkennen, ob ein Kühlergitter aus Spritzguß- oder in der bisherigen Form gefertigt wurde? Wetterbeständige Leichtmetalle, ans denen Türgriffe und Beschläge, Scheibenrahmen und Radzierkappen bestehen, fallen höchstens durch ihr prächtiges Glitzern und Spiegeln auf, verraten aber nicht, daß sie zur Verminderung des Wagengewichtes bei­tragen. Ebensowenig erkennt der flüchtige Betrach­ter, daß die den Wagen von unten abdeckenden Bleche oder die mit Lacken überzogenen Karosserie­bleche durch Bondern, Attramentieren oder Parkern dem Angriff des Rostes entzogen sind, auch wenn ein Teil des Lackes abgestoßen wurde. Niemandem wird auf der Ausstellung Gelegenheit geboten wer­den, zwei mit Kunstharzlacken überzogene Wagen gegeneinander zu fahren oder die Karosserie mit einem Hammer zu bearbeiten, um sich davon zu überzeugen, daß auch bei stark verbeulten Kot­flügeln eine Ausbeulung geschehen kann, ohne daß der Lack abplatzt. Erwähnt sei weiter, daß an eini­gen Modellen der Luftreiniger aus Preßstoff ge­fertigt wurde, daß manche Untergehäuse von Moto­ren aus Elektron bestehen und daß komplizierte Bauteile des Motors heute infolge der Vervoll­kommnung der Spritzgußtechnik aus Leichtmetall gemacht werden können. Auch eine schwanzlose Stromlinienkarosserie aus Leichtmetall zeigt die Autoschau-, mancher Besucher wird sich dadurch überraschen lassen daß eine Karosserie aus Kunst­stoff kein Märchen mehr ist (A u t o u n i o n).

Bewährte Bauweisen.

Schon diese wenigen Hinweise zeigen, daß die Autotechnik in ständigem Flusse ist. Das Streben der Konstrukteure geht aber nicht dahin, um jeden Preis Neuerungen zu schaffen, sondern um be­währte Bauweisen Bewährung im prak­tischen Gebrauch ist wichtiger als die Ausklügelung neuer Formen Der Grundaufbau des Wagens muß als abgeschlossen gelten Es gibt dennoch man­ches Neue zu sehen, besonders bei den Personen­wagen, die ja immer im Vordergrund des Inter­esses stehen. Ein 8-Liter-Mercedes, das Prachtstück deutscher Werkmannskunst! Auch für den kleineren Geldbeutel gibt es Neues. Der bekannte O l y m p i a" ist auf, 1,5 Liter verstärkt worden und gilt mit Spitzengeschwindigkeiten von über 110 km/st als der Kleinwagen der Autobahn. Der Stand von

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Aul der Automobil-Ausstellung in Berlin sieht man dieses Modell des Werkes, in dem der deutsche Volkswagen gebaut wird. Das Werk wird am Schnittpunkt der Nordsüdstrecke der Reichsautobahn, des Mittellandkanals und der Eisenbahnlinie BerlinKöln in der Nähe der Stadt Fallers« 1 leben errichtet und entsprechend seiner späteren Produktionshöhe eine der größten Industrieanlagen Deutschlands werden.

(Presseamt der DAF. Scherl-M.)