Ilr.270 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für VberWen)
Aeitag, 18. November 1958
Aus der Stadl Gießen.
Dunkle Tage...
Kurz sind diese trüben Tage. Spät kommt der Morgen, und wenn es endlich im Osten Heller zu werden beginnt, duckt sich noch eine ganze Weile der Nebel in Straßen und Winkeln. Ist um die Mittagsstunden schließlich das Tageslicht stark genug geworden, dann dauert es nicht lange, bis wieder der graue Dämmerschein alle Konturen verschwimmen macht. Und schon in den Nachmittagsstunden flammen bereits die künstlichen Lichter auf, die dem unaufhörlich pulsierenden Leben der Stadt die Sicherheit des Schaffens gewährleisten.
Beim Schein der Lampen beginnt der Werktag, und beim Schein der Lampen endet er. In den Mor- genstunden zeigt sich schon in aller Frühe ein Spiel tanzender Lichter. Das ist um die Zeit, wenn der Uhrzeiger auf sieben geht. Eine Kette kleiner Son- nen spiegelt sich dann auf dem feuchten Pflaster oder dem nassen Asphalt: die Lichter der Fahrräder, die ihren Weg zur Arbeitsstätte nehmen. Es ist ein eindrucksvolles Bild, das man um diese Zeit an einer Straßenkreuzung oder an einer Strecke genießen kann, die einige freie Sicht gewährt. Zwischen all den kleinen Sonnen blitzt zuweilen das hellere Feuer einer Doppelsonne auf, die sich mit der Kraft des Motors in rasender Eile nähert, um ebenso rasch wieder in der Ferne zu verschwinden.
Von den Fabriken und Werkstätten leuchten dann noch lange die künstlichen Lichter als glitzernde Zeugen des Arbeitsfleißes. Und selbst, wenn die Stunde kommt, wo die Läden rasselnd in die Höhe gehen, blitzen auch dort die Scheiben noch eine Weile im Glanz der elektrischen Glühbirnen. Ja, es kann passieren, wenn der Nebel in dicken Schwaden über der Stadt liegt, daß die Leuchtkraft der Elektrizität bis in die späten Vormittagsstunden nicht entbehrt werden kann. Dann ist es, als habe die Düsterkeit einen Bann über die Landschaft geworfen, der mit seiner einschläfernden Kraft alles bedroht, was sich . in diesen dunklen Tagen trotzig dem Leben stellt.
Aber die dunkle Zeit hat erfreulicherweise ihre Grenzen. Während wir gegenwärtig von dem ohnehin schon kargen Tageslicht noch täglich etwa zwei Minuten verlieren, nähern wir uns ziemlich rasch dem tiefften Punkt, den der Helligkeitsgrad tm Kreislauf des Jahres aufzuweisen hat. Am Ende des zweiten Drittels des Monats Dezember ist dieser Punkt erreicht, und dann geht es in demselben Tempo wieder aufwärts. Der kalendarische Anfang des Winters bringt zugleich diese Wende, auf die wir uns schon jetzt freuen können, wenn uns die Dunkelheit dieser trüben Tage zu schaffen macht.
H. W. Sch.
Dornoiizen.
Tageskalender für Freilag.
Stadttheater: 20 bis 22 Uhr „Eine Frau wie Jutta". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Stärker als die Liebe". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Frau Sixta". — Dolkshallenverein Gießen: 16 Uhr, Stadthaus, Bergstraße, Sitzungssaal, ordentliche Generalversammlung. — Öberhessischer Geschichtsverein: 20.15 Uhr, Aula des Gymnasiums, Regierungsrat Schäfer (Darmstadt) Dorttag über „Familienwappen". — Öberhessischer Kunstverein: 16 bis 18 Uhr Ausstellung „Das alte und neue Gießen" im Turmhaus am Brand.
„(Eine Frau rote Julia."
Heute abend findet die letzte Aufführung des Lustspiels von Möller und Lorenz „Eine Frau wie Jutta" statt. Spielleitung Karl Dolck, Bühnenbilder Karl Löffler. Die Vorstellung findet gleichzeitig als 8. Vorstellung der Freitag-Miete statt. Ende 22 Uhr.
Musikalische Abendfeier in der Johanneskirche.
Am Sontag, 20. November, findet die 30. Musikalische Abendfeier statt. Der Kirchenchor der Gesamtgemeinde singt Kantaten von I. S. Bach. Die Solo- partten werden von Maria Reinhold-Schaefer, Alt (Kassel), und Walter Bobel, Tenor (Kassel), gesungen. Die Leitung hat Johannes N e - Geling.______
An alle Schaffenden!
Aus der Teilnahme und der Bewährung im Reichsberufswellkamps erwächst die Erkenntnis und die Lehre, daß der schaffende Mensch das Schicksal der Ration gestaltet. Daß nicht Geld und Geburt entscheiden, sondern einzig und allein die schöpferischen Leistungen.
Durch die geschichtlichen Taten des Führers in den hinter uns liegenden Monaten lebt und schasst das deutsche Volk in Frieden und Freiheit. Diese Erkenntnis verpflichtet es zu weiterer, größerer Leistungssteigerung.
Die Teilnahme am Reichsberufswettkampf soll und wird der Welt wieder zeigen, daß wir bereit sind, durch Fleiß und Tüchtigkeit dem Führer bei seinem Ausbauwerk zu helfen.
Keiner darf abseits stehen!
keiner darf sich zu fein, zu klug, zu groß oder zu klein Vorkommen.
heil Hiller!
Bannsührer der HZ.: Kreisleiter der RSDAP.:
Rohrbach. Backhaus.
Kreisbeauftragter des RBDK.
aller schaffenden Deutschen: Kreisobmann der DAZ.:
h. Baur. kahenmeier.
Oie Losung aller Mädel: Ich will!
Führerinnenappell des DOM. durch die Obergauführerin.
Die Führerinnenschaft des Mädel- und JM.- Untergaues Wetterau (116) trat am vorigen Samstag zu einem Appell an, bei dem die Obergauführerin Else Riese zu den Mädels über die kommende Arbeit sprach.
Das Lied „Die Welt gehört den Führenden", begleitet von dem Orchester des BDM., und ein Gedicht leiteten den Führerinnenappell ein. Nach dem Lied „Wo wir stehen, steht die Treue" begrüßte die Untergauführerin Käthe Pfeffer die Obergauführerin.
Obergauführerin Else Riese
sprach dann in großen Zügen über die zu leistende Winterarbeit. Wir Mädel- und Jungmädel-Führe- rinnen werden hier unsere ganze, Kraft einsetzen, denn es gilt ja, dem Führer für seine geschichtlichen Taten einen kleinen Beweis des Dankes zu erbringen. Die Aufgabe der Führerinnen soll es nicht nur sein, einen guten Heimabend oder Sportnachmittag zu halten, sondern darüber hinaus auch persönliche Kameradschaft mit ihren Mädeln zu suchen.
Das Mädel sott wissen, daß es eine Kameradin hat, die ihr in jeder Beziehung, auch außerhalb des BDM., zur Seite steht. So sott auch der Heimabend nicht nur Vermittlung von Wissen sein, vielmehr Haltung, Wissen und Lebensstil auf eine Linie bringen. Der Grundsatz der Führerin heißt: „Ich will" und nicht „ich muß". Mit ganzem Herzen und der Verantwortung bewußt, gilt es bei der Sache zu sein.
Praktisch gesehen gilt die Arbeit in besonders verstärktem Maße dem WHW., denn wir haben
Für unsere engere Heimat ist es von besonderem Interesse, zu hören, daß ein Sohn Oberhessens in den letzten Wochen vom Führer auf den Posten des erftendeutschenGesandtenamKaiser- hof von Mandschukuo berufen wurde.
Der neu ernannte erste deutsche Gesandte beim Kaiserreich Mandschukuo ist Dr. Wilhelm Wagner, geboren in dem Pfarrhaus zu Wetter- f e ld (früher Kreis Schotten, feit 1. November 1938 zum Kreis Gießen gehörig). Er war der jüngste von
ja dieses Jahr die große Not unserer Kameraden in der Ostmark und im Sudetenland zu lindern. Es werden deshalb von allen Mädeln Arbeiten für die NSV. und noch speziell für die Sudetendeutschen angefertigt. Außerdem werden die Jungmädel wieder Spielzeug und Kleinkinderwäsche sammeln. Kurz vor Weihnachten schließt die gesamte HI. ihre Arbeit für das WHW. mit dem Verkauf der Märchenfiguren ab.
Die Obergauführerin kam dann auf den Leistungswettkampf der Gruppen, der auch in diesem Jahr wieder ausgetragen wird, zu sprechen. Hierbei wird die gesamte Arbeit einer Gruppe berücksichtigt. Am 20. 4. wird entschieden, wer aus diesem Leistungskampf als untergaubeste Gruppe hervorgeht. Der 1. Mai bringt dann den letzten Entscheid, den sich der Gauleiter und die Obergauführerin persönlich Vorbehalten haben, wer von den untergaubeften Gruppen die obergaubeste Gruppe wird.
In diesem Gedanken der Leistung ist es natürlich auch für jedes Mädel und für die Führerinnen selbstverständliche Pflicht, an dem Reichsberufwettkampf, dem Symbol der Hitler-Jugend, teilzunehmen. Jede wird hier den Beweis ihrer Leistung und ihres Könnens erbringen, mit dem Bestreben, von Jahr zu Jahr eine Leistungssteigerung zu erzielen.
Mit dem Siebe der Jugend und dem Gruß an den Führer beschlossen die Mädel den Führerinnenappell, und gelobten, sich mit ganzer Kraft und Beharrlichkeit, aber auch mit Freude, für :as Gelingen der Mädelarbeit einzusetzen.
sieben Brüdern, die eine vortreffliche Mutter nach dem frühen Tode des Vaters erzog und sämllich studieren ließ. Während fünf der Brüder in Hessen blieben — der älteste ist unser Mitbürger D. Karl Wagner, Oberkirchenrat und Superintendent i. R. von Oberhessen, der zweite der langjährige Vorsitzende des Vereins für Innere Mission in Hessen, Pfarrer i. R. Heinrich Wagner (Darmstadt), der dritte Pfarrer D. Ernst Wagner (Bensheim), bekannt als Vorkämpfer für das Deutschtum
im Ausland und Vorsitzender der Gustav-Adolf« Stiftung, der vierte der erst vor kurzem in Gießen verstorbene hochangesehene Oberlandwirtschaftsrat Dr. Otto Wagner, der fünfte Vermessungsrat i. R. Georg Wagner in Darmstadt, der sechste Emil Wagner ist Apotheker in Württemberg, — zeigte der jüngste schon als Gymnasiast ein ausgesprochenes Interesse für fremde Welten, zumal den „Fernen Osten", wie wir heute sagen.
Geboren am 3. Juli 1884 im Pfarrhause in W etter f e l d , studierte Wilhelm Wagner in Gießen, Berlin und Lausanne Rechtswissenschaft und Sprachen, promovierte in Gießen zum Dr. jur. und bestand das schwere Dolmetscher-Examen in Französisch, Englisch und Chinesisch. Nach Ableistung seiner Dienstpflicht im ehemaligen Leib« zarde-Regiment 115 in Darmstadt und der vorge- djriebenen Hebungen wurde er 1908 der deutschen Botschaft in Peking zugeteilt und blieb dort als Dizekonsul bis 1914. Seine amtliche Stellung brachte ihn in Berührung mit den führenden Persönlichkeiten des alten China. Bei seinem ersten Heimaturlaub, von dem Kriegsausbruch überrascht, zog er als Bataillonsadjutant nach dem Osten, wo er annähernd drei Jahre weilte. Es darf als besondere Auszeichnung betrachtet werden, natürlich auch als Beweis für außerordentliche Tüchtigkeit, b der junge Leutnant, der Reserve schließlich Brigade adjutant wurde. Dann wurde er vom Auswärtigen Amt angefordert und als Generalkonsul des Reiches nach 'Genf geschickt. Nach Kriegsende erlebte er den Kapp-Putsch in Berlin und wurde im Mai 1919 wieder nach China geschickt, um dort den Sonderfrieden mit dem Reiche der Mitte abzuschließen, das dem „Friedens"-Vertrag von Versailles nicht beigetreten war. Er wurde später Konsul und Generalkonsul in Hongkong, Schanghai und Kanton, um dann in Wladiwostok das deutsche Konsulat neu aufzubauen. Die letzten drei Jahre führten ihn als Generalkonsul nach Kobe in Japan.
Vor einigen Wochen hat Dr. Wilhelm Wagner sein Beglaubigungsschreiben in Hsingking, der Hauptstadt von Mandschukuo, überreicht. Wir wünschen unserem oberhessischen Landsmann, der übrigens mit einer Sudetendeutschen aus Mährisch- Odrau verheiratet ist, einen vollen Erfolg seiner diplomatischen Mission im kampfumtobten Fernen Osten.
Oberstudienrat Prof. Dr. Kraemer 70 Jahre alt.
Am morgigen Samstag, 19. November, begeht der in Gießen im Ruhestand lebende Oberstudienrat Professor Dr. Adolf Kraemer in bester Frische seinen 70. Geburtstag.
Prof. Dr. Kraemer, Goethesttaße 40 wohnhaft, wurde in Darmstadt im Jahre.1868 als Sohn des Universitäts-Professors Dr. Adolf Kraemer geboren. Er war zunächst Rektor in Rimbach (Odenwald), bann lange Jahre Professor am Humanistischen Wolfgang-Ernst-Gymnasium in Bübingen. Zuletzt war er, ebenfalls seit einer Reihe von Jahren, am Realgymnasium in Gießen tätig. Als begeisterter Soldat kämpfte er als Hauptmann, später als Major an der Westfront und in Rußland. Als Kompaniechef im Landwehr-Regiment 99 tat er sich bei
T
STUCK 18 PPG»
Ein Oberheffe Gesandter inMandschukuo
(Nachdruck verboten!,
34. Fortsetzung.
Er wischt sich den Schweiß von der Stirn und reicht das Werkstück weiter. Lächelnd sieht Karajan zu, wie sich auch die beiden andern vergeblich be-
„Ihr werdet's nicht schaffen", weint er endlich lächelnd. „Ich hab's auch nicht geschafft! Hier ... wollen mal mit einem Hammer versuchen! Bitte Grote, Setzen Sie mal alle Kraft hinter Ihren
Grote holt aus ... der Schlag saust nieder. Aber das Werkstück steht unversehrt. Nur da, wo der Hammer die dünnen Kanten des Aschenbechers traf, zeichnet sich ein leichter Eindruck ab.
„Ihr seht, die Festigkeit des Materials kommt der eines guten Schmiedeeisens gleich. 'Karottt kan nicht rosten. Alles andere liegt auf der Hano.
„Toll! Toll!" stöhnt Wernicke. „Ich hab's nicht glauben können bis jetzt. Aber da gibt's nun feinen
„Das ist das Ergebnis von Presse eins. Hier ist ,Karolit-Glas'. Bitte, Schorsch, hall das Reage^- glas in diese Schüssel mit der Kältelosung. Welche Temperatur kannst du da ablefen?"
„Minus sechs Grad!"
„Und wenn du meinst, daß das Glas kalt ist bitte, hier in das kochende Wasser!"
Schorsch besorgt alles mit der Miene eines gewissenhaften Assistenten. „Zauberei in der ,Kontor- diw oder das kleine Hexeneinmaleins", nickt er mit geheimnisvollem Spott den andern zu. „Paßt auf ... jetzt tauche ich's ins heiße Wasser und es kommen Mäuse, weiße Mäuse heraus."
,L°r Kerl trinkt zuviel Schnaps", knurrt Wer- nicke. „Er kann überhaupt nicht mehr ernsthaft jein.
Das Reagenzglas zeigt keinen Sprung, nichts, es hat die Probe unversehrt überstanden.
„Muß doch mal fühlen, ob das Ding . ... au. -verdammt und zugenäht!" Mit einem toä)rei laßt Schorsch das heiße Glas fallen und reibt sich die Finger.
„Jetzt zerschlägt er uns das Geschirr! flafj bod) die Hände von Sachen, die du nicht verstehst! brüllt Wernicke wütend, aber lächelnd beruhigt ihn Karajan. ____— - —
MM MM WWM
Roman von Kurl Riemann
Copyright by Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.
er
da zu
haften Händedruck.
Selbst Schorsch vermag in diesem Augenblick, der Erfolg nun gesichert ist, kaum Vernünftiges sagen. ..
21m meisten aber hat es doch Wernicke gepackt.
„Ist ja nichts entzwei gegangen! Brauchst nicht gleich zu schimpfen, Günther!"
„Zufall! Reiner-Zufall! Die Dummen haben eben immer Glück."
„Das verbitte ich mir ganz entschieden ...! pustet Schorsch erregt. „Das geht denn doch zu weit!"
Doch weiter kommt er nicht, denn jetzt hat Karajan das heruntergefallene hauchdünne Glas wieder aufgehoben, und ehe fie's hindern können, wirft er es blitzschnell mit aller Gewalt gegen die Wand.
Es klirrt ... aber als Grote schnell zuspringt, hebt er es unbeschädigt auf.
„Karolit!" sagt Karajan lakonisch. „Man müßte es schon mit einem Hammer zertrümmern. Bei einer Wandstärke von einem Zentimeter schlägt keine ^Gewehrkugel durch ... nach meinen Berechnungen."
„Toll, toll!" stöhnt Wernicke. „Ich werde langsam wahnsinnig. Wenn ich bedenke ... kugelsichere Der- glasung aus ,Karolit* ...? Karajan, Karajan! Ist das nicht zu viel!"
„Noch nicht. Hier dies biegsame Band fehlt noch. Es ist das einzige, was noch nicht ganz fertig ist. Es ist nicht schmiegsam genug, aber von vorzüglicher Isolierfähigkeit. Man kann Kabel und Zuleitungen damit isolieren, für die man bisher Gummi und Guttapercha brauchte. In einem Jahr bin ich auch damit fertig. Was sagt ihr nun?"
Karajan empfängt von den Männern manch herz-
Jhm stehen die Tränen in den Augen, als Karajan die Hand quetscht. „Mensch, Karajan ... und daß wir bas alles unferm Vaterland m bie Hand geben können ... ach, das tut gut. Das wijcht manch bittere Stunde wieder fort."
Was redet der schon wieder von bittern Stun- ben?" sprudelt Schorsch und öffnet die Schleusen feiner Beredsamkeit. „Jetzt — und bittere Stunden. Hast du 'ne Ahnung! Jetzt sollt ihr mal sehen, was Georg Hausmann, genannt Schorsch, für ein Tempo oorleqt! Artikelserien für die Presse sind vorbereitet. Werkphotos in einer Stunde fertig, .Anzelgenaus- träqe bereits ziemlich genau ausgearbeitet, cm Telephonanruf verständigt sechs 21n3etgenburos m Deutschland und siebzehn ausländische Agenturen. Sämtliche Fachzeitschriften bungern nad) meinen Auskünften, Meßdorff wird grün und blau vor Wut, die Konkurrenz kann sich 'n Lehnstuhl kaufen, Herrschaften, denn wir ... mir haben gewonnen!
Wir haben die bedeutendste Schlacht gewonnen, die es vielleicht heute zu schlagen gibt: wir haben den universalen deutschen Werkstoff aus inländischem Material: das .Karoliti! Wir ... die .Konkordia' ...!"
„Das ist vielleicht das Schönste an unferm Sieg", fügt Karajan ernsthaft hinzu, „daß er in erster Linie unferm Vaterland zum Segen werden wird! Kinder ... ich möchte euch bitten, für den Rest des Tages meine Gäste zu fein! Ich glaube ... mir haben das Recht, ein wenig fröhlich zu fein!"
„Genehmigt!" ruft Grote. „Aber wenn ich bitten darf: zuvor einen Rundttunk bei meinem Freund nebenan. Er soll sehen, daß wir ihm gern etwas zukommen lassen."
,Zch schließe mich Grote an!" stimmt, Karaian zu. „Hernach essen wir irgendwo zusammen. Einverstanden?"
„Einstimmig angenommen!" *
Gegen acht Uhr fragt Hausmann plötzlich: „Ja, zum Teufel, wo steckt denn der Doktor?"
Aber soviel man sich umsieht, er ist und bleibt verschwunden, lieber allen Plänen und Zukunftsmusiken hat man ganz vergessen, darauf zu achten, wohin er denn so schnell entschwunden ist.
Wernicke winkt lächelnd ab, als die andern aufstehen, um nach ihm zu sehen. „Laßt ihn! Ich kann mir denken, daß er heute abend sein volles Herz noch an einer andern Stelle ausschütten muß!"
Da nicken die Männer, Schorsch pfeift leise durch die Zähne und alle lächeln in schweigendem Verständnis.
Karajan aber steht längst auf der Straßenbahn, die ihn ins Innere der Stadt bringt. Er hat in aller Eile seinen Hut vergessen, aber das tut ihm nichts, ja, er empfindet es herrlich, sich den kühlen Herbstwind durch die Haare sausen zu lassen.
Die Normaluhr zeigt gerade fünf.
Paßt vorzüglich, denkt er und beginnt, sich halblaut eins zu pfeifen. Wir werden noch eine Stunde ins Freie fahren und den Abend für uns haben.
Am Schloß wird gebuddelt. Er steigt aus, kann gerade noch vor den Rädern eines Autobus, der von der Augustusbrücke kommt, zurückspringen, erntet einen abgründigen Fluch des Fahrers und ein pikiertes Kopfschütteln zweier älterer Damen, aber das hort und sieht er alles nicht. Er findet es ganz selbstverständlich, daß sich der Betrieb der Stadt Dresden heute nach ihm zu richten hat.
Die Tauben vor dem Opernhaus, die in großen Scharen die letzten zerstreuten Krümel vor dem Schlafengehen als Nachtmahl aufpicken, jagt er mit
radschlagenden Armen aus ihrer gefräßigen Ruhe. Dazu pfeift er durchdringend und gellend wie ein Gassenjunge. Zwei Backfische lachen über ihn, ein alter Herr schiebt bedächtig die Brille hoch.
Ha! denkt Karajan. Ihr könnt mich heute alle nicht ärgern. Ich habe eine Schlacht gewonnen ... und heute abend geh ich aus ... heute abend bin ich mit ihr ganz allein unter vielen Menschen ... ach, Karola!
Auf der Prager Straße ist allerlei Gedränge, er durcheilt es mit kühnem Schwung.
Was gibt's denn im Kino? ... Kino ist dunkel ... herrlich! Also ist's ganz gleich, was sich auf der Leinwand zuträgt!
„Haben Sie noch eine Loge frei für die letzte Vorstellung?"
„Für heute abend ...?"
„Bitte. Ich möchte auch die Hinterplätze kaufen."
Es hat geklappt. Glückstrahlend versenkt Karajan seine vier Karten in die Manteltasche. Und nun ... Karola anrufen! ♦
Da ist sie, die geliebte Stimme.
„Karola? Du bist es? Ja, ja, brauchst gar nicht zu antworten! Ich hör's schon. Also paß auf, Mädel, zieh dein bestes Kleid an! Mach dich schön! So schön, wie du es nur kannst! Ich habe uns Karten fürs „Universum" besorgt ... irgendeine Premiere ... ist ja ganz gleichgültig. Hauptsache: es ist dunkel! Heute muß ich mit dir ausgehen, unter allen Umständen! Wie? ... Du bist erstaunt? Ja, war ich denn wirklich bisher ein so schlechter Kerl, daß ich nie mit dir ausgegangen bin?
Ach, du Armes! Aber heute habe ich auch einen Grund ... einen sehr, sehr wichtigen Grund! Es ist gelungen, Karola ... wirklich gelungen! Mehr will ich dir noch nicht verraten ... aber das eine kannst du mir glauben, wir haben allen Grund, uns zu freuen. Wollen mir nicht noch eine Stunde mit dem Wagen herausfahren? Wenn du schnell machst, können wir noch irgendwo ganz still ... ja?
Wann kann ich dich erwarten? ... In einer Stunde? ... Schön. Ich werde bei Kreuzkamm warten. Und dein festliches Kleid, horst du...? Wir gehen tanzen nach der Vorstellung!"
Glückstrahlend hängt er an, schlendert quer über den Postplatz und beschließt, zunächst einmal etwas Herzhaftes zu essen, denn seit heute morgen hat er keinen Bissen über die Lippen gebracht. Dann ist's Zeit, sich eine Taxe zu nehmen und sich zu Hause in den Abendanzug zu werfen.
(Fortsetzung folgt!)


