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Ur. 140 vierter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

18./10. Zuni 1938

Vortragsabend im AS.-Rechtswahrerbund.

Noch einmal vor der Sommerpause vereinigte gestern abend der NS.-Rechtswahrerbund seine Mit­glieder zu einer Kreisversammlung im Kunstwissen­schaftlichen Institut, die allen Teilnehmern in der Form eines Vortrags eine sehr anregende Stunde brachte. .Nach der Begrüßung durch den Kreis­gruppenführer, Oberstaatsanwalt Knauß, hielt Professor Dr. Frölich einen Vortrag über das Thema: ,,Mittelalterliche Bauwerke als Rechtsdenk­mäler". Der Redner wies einleitend darauf hin, daß das Verständnis für das Rechtsleben in der deut­schen Vergangenheit nicht nur aus dem geschriebe­nen Wort, aus der Urkunde, gewonnen werden könne, sondern in vielerlei und eindrucksvoller Form auch in Bauwerken sich ausdrücke. Vielen Bauten in unserem Daterlande wohne nach Art und Form, nach Zweckbestimmung und Schmuck ein rechtlicher Sinngehalt inne. Weltliche und kirchliche Bauwerke seien oft als Rechtsdenkmäler zu erkennen, dienten einer öffentlichen Verwaltung, der Gerichtsbarkeit, oder dem Ausdruck einer Macht oder einer Herr­schaft. Zu unterscheiden seien in großer Linie Bau­lichkeiten im Dienste des Reichsgedankens und Bau­ten zum Nutzen des Gemeinwesens. Ferner unter­schied der Redner in seinem VortragGebäude als Rechtsaltertümer" undRechtsaltertümer an Ge­bäuden". Nach einigen weiteren grundsätzlichen ein­führenden Worten gab der Redner im Wort und in vielen, überaus anschaulichen Bildern einen Ein­blick in die vielfältigen Formen, in denen sich deut­sches Rechtsleben im Mittelalter im Bauwerk sinn­fällig ausdrückt. In mehreren Bildern sah man z. B. die deutschen Kaiserpfalzen als die Zeugen

des Machtwillens deutscher Könige und Kaiser. Der Redner zeigte aber auch im Bilde die großartigen Schauplätze der deutschen Kaiserwahlen im Mittel- alter. Ferner sah man Stätten, die durch Reichsoer­sammlungen und Reichstage zu großer öffentlicher Bedeutung gelangten; schließlich sprach Prof. Frölich von den vielen Zeugnissen städtischer Macht, die sich häufig genug im Rathausbau, in der Gestaltung der Rathaussäle und in ihren Einrichtungen ausdrückt. Besonders eindrucksvoll wußte der Redner die eigentlichen Gerichtsstätten darzustellen und in vie­len Bildern zu zeigen. Da sah man und hörte man von den verschiedenen Formen der Anprangerung wegen leichter Vergehen, von Gepflogenheiten bei der Rechtsprechung überhaupt, von Formen der öffentlichen Urteilsverkündung bei Bluturteilen, von der Stellung des Henkers im Volke usw. Schließlich wandte sich der Redner noch den Zeug­nissen einer bedingt öffentlichen Bedeutung, insbe­sondere dem Verhältnis zu, wie es insbesondere zwischen Stadtherrschaft und Geschlechtern, Zünften und Kaufmannschaften bestand. Auch Kirchen und Brunnen zog der Redner in den Kreis seiner Be­trachtungen und gab damit ein nach den gegebe­nen Möglichkeiten vollständiges Bild über mittel­alterliches Rechtsleben, wie es sich in vielen Bau­werken und in vielen Einzelheiten an Bauwerken dokumentiert. Die Zuhörer folgten dem Vortrag mit gespannter Aufmerksamkeit. Oberstaatsanwalt Knauß brachte dem Redner den Dank der Ver­sammlung noch in herzlichen Worten zum Aus­druck. Mit Mitteilungen geschäftlicher Art fand der Abend seinen Abschluß.

Aus Oer Stadt Gießen.

Der Lindenbaum.

Gegenüber von unserem Hause stand ein Linden­baum. Es war zwar nicht

am Brunnen vor dem Tore" und ich habe in seinem Schatten auch nicht so man­chen süßen Traum geträumt. Aber so mancher Blick flog zu ihn hin! Man mußte sie oft an- fchauen

die Linde im tiefen Tal, war oben breit und unten schmal".

Wie konnte sie zittern im Frühlingswind, wie stand sie geduldig in Regen oder heißer Sonne, wie streckte sie klagend ihre feinverzweigten Aeste in Schnee und Kälte!

Vögel schlüpften fröhlich aus und ein in dem grünen, luftigen Blätterhaus, eine Amsel saß oft auf seiner höchsten Spitze und sang fröhlichen Dank für Regen und Regenwürmer. Aber nun?

Heut wetzt er das Messer, es schneidet schon viel besser, bald wird es dreinschneiden, wir müssen's nur leiden: hüt dich, schön's Blümelein!"

Vier Männer kamen, mit Axt und Säge. Vier gegen einen, wie wird das ausgehen? Zuerst wurde die Erde ringsum fortgegraben, die Wurzel wurde freigelegt und dann angesägt. Nun frißt sich die lange Säge unten in den Stamm, rrschrrsch, gleichmäßig geht es hin und her. Dann kommt die Axt. Mit harten Schlägen fällt sie nieder, große Stücke Rinde fallen nach allen Seiten, so daß ein klaffender weißleuchtender Riß entsteht. Jetzt haben die Männer ein Seil um die Mitte des Stammes geschlungen und wallen den Baum umziehen.

Aber nach wehrt er sich, er will nicht sterben, nach spielt der Wind in seinen Zweigen, nach lebt er! Lange, lange arbeiten sie nun schon, es ist eine harte Arbeit, aber noch viel, viel länger, vielleicht jahrzehntelang, hat der Baum gebraucht, um so stolz in die Höhe zu wachsen, in Licht und Sonne, dem Himmel zu.

Wieder dröhnt die Axt, wieder wird an dem Seil gezogen, mit aller Kraft; da neigt sich der Baum und fällt, mit einem Geräusch, das wie Auf­stöhnen klingt, zu Boden.

Es ist ein Schnitter, der heißt Tod ..." E. L. St.

Vornotizen

Tageskalender für Samstag.

125-Jahrfeier der Infanterie-Regiments 116: 20 Uhr Kameradschaftsabend in der Volkshalle. Glo­ria-Palast (Seltersweg):Dreiklang". Lichtspiel­haus (Bahnhofstraße):Ihr Leibhusar".

Tageskalender für Sonntag.

125-Jahrfeier des Infanterie-Regiments 116: 10.20 Uhr Einholung der Regimentsfahnen; 10.30 Uhr Gefallenengedenkfeier am 116er-Denkmal; 12 Uhr Paradeaufstellung des Regiments; ab 13.30 Uhr Essenausgabe bei den Feldküchen; 17 Uhr Wehrsportfest auf dem Trieb, anschließend Preis­verteilung; 20.30 Uhr Aufführung vonWallen­steins Lager"; 21.40 Uhr Tanz in der Dolkshalle. Gloria-Palast (Seltersweg):Dreiklang". Licht­spielhaus (Bahnhofstraße):Ihr Leibhusar".

Vortrag im NSD.-Dozentenbund und Volksbildungswerk KdF.

Am kommenden Dienstag spricht in der Aula Professor Dr. Günther Franz über das Thema Das Judentum in der deutschen Geistesgeschichte." Alle Volksgenossen haben zu diesem Vortrag freien Zutritt.

Agnes Straub im Stadttheater Gießen.

Die Intendanz des Stadttheaters hat die durch Bühne und Film bekannte Schauspielerin Agnes

Straub, Berlin, für ein einmaliges Gastspiel mit ihrem Berliner Ensemble am Mittwoch, 22. Juni, verpflichtet. Agnes Straub gastiert in dem neuep StückSchauspielerin" von Roland Schacht. Das Gastspiel findet außer Miete statt. Anfang 20 Uhr, Ende 22.30 Uhr.

H und HI.

feiern oemeinsamEommersonnenwende

Arn Dienstag, 21. Juni, feiert die ff gemeinsam mit der HI. auf dem Schiffenberg die Sonnen­wende. Nach einer Feierstunde am flammenden Holzstoß wird ein fröhlicher Kameradschaftsabend stattfinden. Damit auch die Frauen und Bröuje die Möglichkeit haben, diesen Abend mit. zu ver­leben, wird ein Autobus bereitgestellt, der um 21 Uhr von der Dienststelle der 83. ff-Standarte ab fährt. ,

Wechsel in der Führung

der T71. OG. X1I/133 Gießen.

Da der bisherige Führer der Ortsgruppe der TN. Gießen, Kameradschaftsführer Schaffner, in den Stab der Kreisleitung berufen wurde, mußte er von feiner Dienststellung als Ortsführer der TN. entbunden werden. An seine Stelle ist der bis­herige Führer des Technischen Dienstes der Orts­gruppe Gießen, Kameradschaftsführer Schuch­mann, unter gleichzeitiger Beförderung zum Ge­meinschaftsführer als Ortsführer eingesetzt worden. Kameradschaftsführer Schaffner verbleibt jedoch im Stabe der Ortsgruppe der TN. XII/133 Gießen.

B'umeuschmuckwetibewerb 1938.

Auch in diesem Jahre veranstaltet der Fremden- verkehrsoerein Gießen wieder einen Blumenschmuck­wettbewerb. Der Verein ersucht alle Einwohner der Stadt, die Häuser, Balkons und Vorgärten mit Blumen zu schmücken. Dieses Ersuchen richtet sich insbesondere auch an die Geschäfts- und Wohnungs­inhaber der Innenstadt. Da blumengeschmückte

Straßen für die Fremdenverkehrswerbung uner­läßlich find, hofft der Verein, daß seinem Ersuchen in weitestem Ausmaße entsprochen wird.

Jahres-Versammlung

der Gesellschaft Liebig-Museum.

Jrn ehemaligen Hörsaal Justus von Liebigs im heutigen Liebig-Museum hielt gestern nachmittag die Gesellschaft Liebig-Museum ihre Jahresversamm­lung ab.

Der Vorsitzende, Dr. Fr. Merck (Darmstadt), gab zunächst eine kurze Uebersicht über das abge- laufcne Geschäftsjahr, sprach von dem Verlust, den die Gesellschaft durch den Tod von Geheimrat Prof. Dr. Sommer erlitt und erinnerte ferner an die Gedenkansprache, die Prof. B e h a g h e l für den Vorstorbenen in der Gesellschaft hielt. Das Museum sei im vergangenen Jahre verschiedentlich von Gruppen der Offiziere des Standorts, vom Arbeits­dienst, wie auch von Schülern der Justus-v.-Liebig- Schule besucht worden. An die Stadtverwaltung habe man den Vorgarten abgetreten. Es sei vor­gesehen, zwischen den Säulen der Hausfront Gitter anzubringen, die in schöner ornamentaler Gestaltung zum weiteren Schmuck des Hauses beitragen sollen.

Aus dem Kassenbericht, den ebenfalls der Vor­sitzende erstattete, ging hervor, daß der Kassen- und Vermögensstand zwar nicht ungünstig ist, daß es aber trotzdem nicht möglich sei, notwendige gründ­liche Ausbesserungsarbeiten allein aus Mitteln der Gesellschaft durchzuführen. Ein Voranschlag über die Höhe der Unkosten für die Ueberholung nenne den Betrag von 3000 Mark.

Im weiteren Verlaufe der Versammlung wurde noch über die Arbeit des laufenden Geschäftsjahres gesprochen. Es soll auch diesmal wieder eine Vor- tragsoeranstaltung einen größeren Kreis von Mit- aliedern vereinigen. Die Gesellschaft will zur Er­haltung der Briefe Justus von Liebigs die Briefe photokopieren lassen, um sie so für alle Fälle zu sichern. Außerdem sollen die Werte des Museums durst den Abschluß einer Versicherung wenigstens in materieller Hinsicht sichergestellt werden. Im

Huiten-Feierstunde der Llniveisitai.

Die Landesuniversität veranstaltete gestern im Großen Hörsaal eine Feierstunde zum Gedächtnis des ritterlichen Dichters Ulrich von Hutten, der vor 450 Jahren geboren wurde. Professor Dr. Rauch als Dekan der Philosophischen Fakultät hieß die Erschienenen willkommen, gedachte der Heimkehr der Ostmark ins Reich und wies dann am die Bedeutung der Gedenkstunde hin. Herr Gustav Philipp fang, von Professor Dr. T e - mesvary am Flügel begleitet, zu Beginnein schön neu Lied", zum Schluß das berühmte Hutten- ßiebIch hab's gewagt", kraftvoll und klangschön im alten Stil gesetzt von Stefan Temesvary.

Im Mittelpunkt der Feierstunde stand der Vor­trag des Gießener Germanisten Professor Dr. Al­fred Götze, der als genauer Kenner des Refor- mations- und Humanistenzeitalters ein wohlabge­wogenes Bild vom Leben und Wirken Ulrichs von Hutten zeichnete. Professor Götze schilderte Hutten als einen der letzten Kämpfer und begabtesten Söhne der immer tiefer sinkenden Ritterschaft; sein Geschlecht ist in unserm Lande seit dem 13. Jahr­hundert urkundlich bezeugt; am 21. April 1488 be­gann auf Steckelberg bei Schlüchtern sein bewegtes Leben. Wider seine' Natur nach dem Willen des Vaters im Kloster erzogen, entfloh er mit Hilfe feines Freundes Crotus Rubeanus dem Kloster- zwang, überwarf sich mit den Seinen, studierte, er­warb das Baccalaureat und begann, schon ganz im humanistischen Lager, zu dichten. Es folgen un­ruhige Wanderjahre, in denen er krank und mittel­los, vielfach angefeinüet, umherzieht. Seine Dich­tung wird reifer, charaktervoller und kämpferischer; 1510 entsteht derNemo", kritisch und witzig. In Wittenberg und Leipzig sucht er vergebens Fuß zu fassen; später geht er nach Wien und nach Italien. Zum ersten Male wendet er sich von eigener Sache zur großen Sache des Vaterlandes. Auch in Italien macht er sein Glück nicht: Krankheit, Gefangenschaft, Flucht sind auch hier sein Los. Im Kriegslärm ent­stehen die Epigramme an Kaiser Max, in denen er sich, fünf Jahre vor Luthers Thesenanschlag, gegen das Papsttum wendet. (Doch sollten ihm europäische Politik und die innere Welt der Kirche zeitlebens fremd bleiben.) Alsverlorener Sohn" kehrt er heim. 1515 gab die Ermordung seines Det­ters Hans dem Leben Huttens eine neue Wendung; wieder an der Seite der empörten Seinen, richtete er, nach klassischem Vorbilde, vier Reden gegen den Mörder, Herzog Ulrich von Württemberg. Zum zweiten Male in Italien, schrieb er politische Ge­dichte für den Kaiser, gegen welsche Habgier und

Untreue. Die Beschäftigung mit Lukian führte ihn zur Form des Gesprächs, der eigentlichen und höch­sten, die er künstlerisch je gefunden hat. Als Ver­fasser des zweiten Teiles der berühmten Dunkel­männerbriefe, als pathetischer Satiriker, kam er zur Tagesschriftstellerei; prophetische Leidenschaft über­tönte die ruhige Sachlichkeit. Seine wertvollsten, flammendsten Dialoge und Klagschriften entstanden in den Jahren 1519 bis 1521; damals wurde er, mit dem Uebergang von der lateinischen zur deut­schen Sprache, wirklich volkstümlich. Der Refor­mation hat er aber innerlich nicht angehört; er stand bis zuletzt im hoffnungslosen Endkampf der Ritterschaft gegen das Fürstentum, an Sickingens Seite. Huttens Tod auf der Insel Ufenau im Zü­richer See, wo er bedroht und verfolgt, geächtet und schon totkrank, eine letzte Zuflucht gefunden hatte, war Erlösung von furchtbarem Leiden, .Be­freiung aus unrettbarer Lage.Der durch die lieber» macht widriger Verhältnisse verursachte Untergang", so schloß Professor Götze seine gehaltvollen, mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Darlegungen, hat dem Helden den Schimmer tragischer Große verliehen."

Mit dem Gruß an den Führer und den Liedern der Nation fand die Feierstunde ihren Ausklang.

Kesselschmied und Dichter.

Zum Todestage von Heinrich Lersch.

Und dann: ich will in den Stiebeln sterben; ich war mein Leben lang Soldat der Freiheit."

Er war sein Leben lang Soldat der Freiheit. Und dieses Leben war nicht mit Rosen bestreut. Es ging durch die Tiefen pon Schmerz, Hunger und Krankheit. Es führte an die Abgründe tiefer Not und Sgrge. Es formte die Züge des Mannes hager und die Stirn furchig. Aber es machte auch das Herz fest und den Kerl hart. Er erkannte in diesem Sein des Kampfes die Herrlichkeit des Lebens. Sein Mund fang das Lied des Lebens und seinen Lippen entströmten Hymnen von Kraft, Liebe, Opfer, Leid, Schmerz und Jubel.

Hein Lersch ist aus dem deutschen Arbeitertum gekommen. Die Feuer der väterlichen Kesselschmiede flammten um seine Geburt. Hammerschläge und Kesselklingen drangen in seine Wiege. Sie stand in München-Gladbach, wo Hein am 12. September 1889 dem Leben geschenkt wurde. Uns geschenkt wurde. Man wird seine Jugend am besten in seinen eigenen Worten finden. Er mußte mit seinen Brü­dern von früh an in der väterlichen Schmiede arbeiten. Schwere Arbeit für einen Jungen, der nie ein Enakssohn gewesen ist. Und dann ein Junge, in dem sich schon Sehnsucht und Bestim-

muna regten:Schrie der Jüngling in Sehnsucht, überschrie ihn die Not: Du mußt! Mußt dienen! Dienen! Schwingende Hämmer schlugen die Sehn­sucht tat." Aber:Aber die Nächte! Dann war ich Mann und Held. Ich trieb meine Schiffe bis an den Rand der Welt, Urwälder rauschten in meine Kammer hock unter dem Dach, Abenteuer hielten bis ins Frührot mich wach."

Nicht etwa, daß der junge Lersch ein Schwärmer und Phantast gewesen wäre. Schon damals war Hein mit beiden Beinen in der Wirklichkeit ge­standen und von großer Redlichkeit erfüllt. Sie hatten in der Schule einen Aufsatz zu schreiben. Es hatte in der Nähe gebrannt. Hein schrieb in lako­nischer Kürze:In dem Dorf hat es gebrannt. Ich war nicht habet gewesen, kann also nichts darüber schreiben." Oder war dies nicht so sehr der redliche Sinn Heins, als. vielmehr feine Schalkhaftigkeit, die den Mann später trotz Not und Sorge das ganze Leben begleitete, um im Mann zum Humor und Teil seiner selbst zu werden? Hein Lersch war in Ernst und Spiel wohl immer, wie man so sagt, ein großes Kind. Deshalb wahrscheinlich hat er mit nachtwandlerischer Sicherheit zur Jugend gefunden. Er war Jungzugführer in der Hitler-Jugend, wäh­rend einer feiner Jungen als Stammführer sein Vorgesetzter und der andere als Jungzugsührer sein Kamerad gewesen ist. Auf unzähligen Abenden sprach Hein zu Pimpfen und Hitlerjungen. Er stellte sich nicht aufs Rednerpult, sondern pflanzte sich mitten unter die Jungen auf eine Tischkante und erzählte ihnen aus seinem Leben. Wir liebten diesen Hein. Er war uns Inbegriff des Lebens, der Arbeit, des Dichters, wenn er so unter uns saß und die Stunden bleibend machte.

Unrast trieb Hein Lersch dann in die Welt hin­aus. Er durchwanderte die Jndustriereviere Mittel­europas. Er nahm Arbeit, wo er sie fand. Er hungerte oft, wenn es sein mußte. Er sah die Schweiz, Tirol, Oesterreich, Italien, Antwerpen und kehrte doch bald wieder in sein Deutschland zurück. Zurück in die Schmiede am Niederrhein, und griff sich den Hammer und schürte das Feuer und war der Arbeit verhaftet, die er besang. Seine ersten Gedichte wurden in den Zeitungen abgedruckt. Erst als 25jähriger erlebte Hein Lersch bann den ersten größeren Erfolg. 1914 erschien fein erstes Buch, der GedichtbandAbglanz des Lebens". Hein Lersch wollte nicht Dichterwerden". Er schrieb einmal: Es ist nicht wegen der Feder, Bruder. Hier, zwischen den Eisen habe ich keine Ruh. Das schreit alles mit metallenem Munde mich an in seiner Sprache. Nun soll ich bas ins Deutsche übersetzen. Wenn ich's nicht tue, wer soll es bann tun. Die andern wissen nichts vom Gott, her Eisen wachsen läßt."

Dann kam der Krieg. Hein ging wie alle deutschen Arbeiter hinaus, die Heimat zu schützen, in dem

Herbst wird eine weitere Versammlung stattfinden, in der die Wahl des Vorstands zur Erledigung stehen wird.

Gießener IDodicnmarftpreile

* Gießen, 18. Juni. Auf dem heutigen Wochen- markt kosteten: Feine Molkereibutter, Z kg 1,52 Mark, Markenbutter 1,55 bis 1,60 Mark, Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück, 4 bis 10, Eier, deutsche, Klasse S 13, Klasse A 12Z, Klasse B 12, Klasse C 11/,, Klasse D 10/, Enteneier 11/ bis 12/, Wir- fing, grün, / kg, 10 bis 12, Weißkraut 10 bis 12, gelbe Rüben, neue, bas Bündel 15 bis z5, rote Rü­ben, Z kg, 10 bis 12, Spinat 8 bis 15, Römifchkahl 8 bis 12, Bohnen, grün, 30 bis 35, Spargel, 1. Sorte 52 bis 55, 2. Sorte 48 bis 50, 3. Sorte 40 bis 45, 4. Sorte 20, Erbsen 30 bis 35, Tomaten 40 bis 75, Zwiebeln, neue, das Bündel 10 bis 15, Rhabarber,

Ruhl Seliersweg Nr. 67

adiO Telephon Nr. 3170 I

eparaturen

Z kg, 10 bis 15, Kartoffeln, alte, 5, 5 kg 44 Pf., 50 kg 3,30 bis 3,90 Mark, neue, Z kg, 13 bis 15 Pf., Aepfel, ausländische, 60 bis 65, Kirschen 60 bis 70, Stachelbeeren 25 bis 30, Erdbeeren 55 bis 70 Pf., junge Hähne 1, bis 1,15 Mark, Suppenhühner ,90 bis 1,05 Mark, Tauben, das Stück, 45 bis 55 Pf., Blumenkohl 10 bis 50, Salat 5 bis 10, Salat­gurken 35, Oberkohlradi 8 bis 12, Lauch 5 bis 10, Rettich, das Bündel 20, das Stück 10 bis 20, Sellerie 10 bis 30, Radieschen, das Bündel 5 bis 10 Pf.

** Verkehrssünder. Die Polizei schritt in der Zeit vom 9. bis 16. Juni ein: gegen Kraft­fahrer mit 3 Anzeigen und 4 Verwarnungen und Belehrungen, gegen Radfahrer mit 4 Anzeigen und 10 Verwarnungen und Belehrungen, gegen Fuß­gänger mit 1 Anzeige und 1 Verwarnung und Belehrung.

Kleine Strafkammer Gießen.

Das Amtsgericht Friedberg verurteilte den Ju­den Willi Kahn und den Juden Ludwig Eck­stein, beide aus Friedberg, wegen Hehlerei in vier Fällen Kahn zu acht Monaten und Eckstein zu vier Monaten Gefängnis. Gegen dieses Urteil legten sowohl Kahn, als auch Eckstein Berufung ein.

Die am Freitag vor der Kleinen Strafkammer geführte Berufungsverhandlung ergab folgenden Sachverhalt: Beide Angeklagten waren zusammen als Altwarenhändler tätig. In den Sommermonaten 1937 kauften sie van dem B., den sie schon von Kind auf kannten, viermal Altmetalle an. B. hatte dieses Altmaterial auf seiner Arbeitsstelle gestohlen und wurde deswegen als rückfälliger Dieb zu einer Zuchthausstrafe von einem Jahr verurteilt. Die An­geklagten leugneten, von diesen Diebstählen gewußt zu haben, auch hätten sie nach den Umständen nicht annehmen können, daß es sich um gestohlene Ware handelte. Für die drei ersten Ankäufe konnte ihnen dies nicht widerlegt werden. Anders in dem vierten Fall, bei dem beide Angeklagten zusammen von dem B. 200 Kilogramm gußeiserne Rohre kauften. Bei der Erfassung aller verwendbaren Metall­abfälle mußten sich die Angeklagten sagen, daß eine solche Menge Gußeisen niemals herumliegen konnte. Sie wußten auch, daß B. auf einer Bau­stelle beschäftigt war, wo er Gelegenheit hatte, sich rechtswidrig Altmaterial anzueignen. Aus her Kenntnis all hiefer Umftänhe mußten die Ange­klagten gewußt haben, haß hie von ihnen ange­kaufte Ware von B. strafbarerweise erlangt war.

Die Strafkammer hob bas Urteil bes Amts­gerichts Friehberg auf urtb verurteilte ben Willi Kahn wegen Hehlerei in einem Fall zu einer Gefängnis strafe von brei Monaten. Gegen ben ßubroig Eckstein würbe bas Verfah­ren auf Grunb bes § 1 Abs. 2 bes Straffreiheils- gesetzes vom 30. April b. I. eingestellt.

unerschütterlichen Bewußtsein, baß bie Pflicht vor­ansteht im Leben. Er war ein fast schwächlicher Mann, von Krankheit zermürbt, unb bie Last und der Dreck her Schützengräben brückten hoppelt auf ihn. Der Freiwillige Lersch war Arbeiter und Solhat, Soldat her Freiheit sein Leben lang. Er hielt aus im Grabenkampf wie alle anberen, bis ihn eine Granate ins Kriegslazarett warf. Aber größer als alle anberen war dieser Hein, sein Herz sang wilde und glühende Rhythmen. Zwei glühende Dersbände erschienen während bes Krieges, und in ihnen auch bas GehichtLaß mich gehen, Mutter, laß mich gehen" mit her ZeileDeutschlanh muß leben, unb wenn wir sterben müssen", bie allein als Wort schon bie Unsterblichkeit bes Dichters ahnen ließ.Herz, aufglühe beirt Blut" unbDeutschlanh" heißen bie beiden eisernen Bände.

In der Zeit nach dem Krieg steht Lersch wieder in der Schmiede. Der Jnflationstaumel raubt dem Kesselschmied seine Werkstatt. Seine kaputten Lungen erschweren ihm die Arbeit. Aber in seiner kargen Dachstube sitzt der Dichter und schmiedet bie Nächte hindurch, schreibt Verse und Verse mit seinem Blut. Nach sieben Jahren, in denen Deutschland nichts gehört hat von seinem Dichter, erscheint ein neuer Band:Mensch im Eisen". Das deutsche Arbeiter­tum hat seinen Hochgesang. Durch alle Jrrnisse unb Wirrnisse schlägt her Puls von Volk unb Werk. Von Hein Lersch stammt bas Wort:Ich glaube an Deutschlanh wie an Gott!" Von ihm:Ich schwur's beim Abschieb aus hem Schützengraben: Kamerad, was bu nicht hast, bas will ich auch nicht haben!" Hier schon fünben sich bie neuen Werte her körn- menhen Zeit, her Dichter ruft zum Glauben an Deutschlanh, in seinem Herzen wächst her Gehanke, ben wir beutschen Sozialismus nennen. Die Er­füllung feiner Sehnsucht konnte Hein noch erleben. Er sah bas Reich Adolf Hitlers erstehen, bas Reich der beutschen Arbeit unb bes beutschen Arbeiters. Er fanh glühende Worte der Verehrung für ben Führer unb fein Werk. Nicht in zeitgebundenen Ausrufen, sondern aus her Tiefe feines Herzens. Mit her Berufung in bie Dichter-Akademie 1933 schloß bieses Dichterleben nicht. Es wollte keinen Thron auf dem Parnaß finben. Es wollte gelebt unb erkämpft fein. Wie ein Fanfarenruf klang nach einmal bie Stimme Heinrich Lerfchs ins Land: Leuchte, scheine, golbne Sonne" unbTritt her­an, Arbeitsmann" aus bem letzten Gebichtband ..Mit brüberlicher Stimme" sinh als Lieder in unsere Herzen eingegangen. So, wie das gesamte Werk des Kesselschmiedes, Dichters und Kameraden Heinrich Lersch in uns fortlebt als Gesang eines Arbeiters und Soldaten Der Freiheit.

2lm 18. Juni*! 936 schloß Hein Lersch seine Augen. Sein Geist soll in uns sein und wirken.

Harald Qlotfr