Ausgabe 
18.6.1938
 
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Ur. 140 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

t8./l0.Zuni 1938

Unseren 116ern zur Feier des 126jährigen Bestehens.

Unsere 116er feiern heute und morgen In festlicher Weise Jubiläum. Das Fest gilt dem 125jährigen Bestehen des heutigen Infanterie-Regiments 116. Viele alte 116er begehen diese Feier gemeinsam mit den Angehörigen der zahlreichen Kriegsformationen und den Kameraden des aktiven Regiments. Mit ihnen feiert aber auch die ganze Bevölkerung der I16er-Garnifon-Stadt Gießen.

Es ist die alte Verbundenheit zwischen unseren 116ern und ihrem Standort, die hier wiederum zum Ausdruck kommen wird. Zwar hat Gießen in den letzten Jahren neben seinen 116ern auch nvch andere Teile der Wehrmacht als Garnison erhalten, mit denen sich unsere Stadt ebenfalls eng verbunden weiß und denen die Zuneigung aller Volksgenossen gilt. Jedoch haben die 116er den Vorzug, daß ihrem Regiment in Gießen eine durch lange Jahrzehnte er­wachsene Tradition zu eigen ist, die weithin fort­wirkende Kraft besitzt. Und daher ist es erklärlich, daß Gießen in besonderem Maße als die Stadt der 116er gilt Freud und Leid in Jahren großer deut­scher Ereignisse haben denn auch, soweit die 116er daran beteiligt waren, immer nicht nur tm Regi­ment, sondern auch in der Bevölkerung von Gießen und darüber hinaus in Oberhessen als dem Haupt­rekrutierungsgebiet der 116er starken Widerhall

Jahrgänge unserer jungen Männer sichtbarsten Aus­druck finden, damit das Regiment 116 allezeit bereit ist für die hohen Aufgaben, die ihm gestellt werden.

Die Jubiläumsfeier der 116er wird zugleich ein Bekenntnis des gemeinsamen soldatischen Willens von alt und jung in Stadt und Land sein. Und sie wird dem Regiment 116 zeigen, daß dem jungen Re­giment ebenso wie seinem ruhmreichen Vorgänger, dem einstigen Regiment' 116, alle Liebe und Treue der engeren Heimat gehört. In dieser Verbunden­heit und kameradschaftlichen Gesinnung bringt die Garnisonstadt Gießen zugleich mit ganz Oberhessen dem Infanterie-Regiment 116 zur Feier des 125- jährigen Bestehens die herzlichsten Wünsche und Grüße dar. ' B.

Unser liebes alles Regiment 116.

3n der Zeit zwischen zwe» Kriegen von 1871-1914.

Bon (Generalmajor a. O. Rudolf Mohr,Gießen.

Der siegreiche Krieg von 1870/71, der dem Groß­herzoglich Hessischen 2. Infanterie-Regiment große Opfer und Mühen auferlegt, aber auch Ruhm und Ehren in reichem Maße gebracht hatte, war beendet. Am 26. Juni 1871 war es, begeistert von der Ein-

Regiments ein. Der Ab- fchluß einer Militär-Kon­vention am 13. Juni 1871 zwischen Preußen und dem Großherzogtum Hes­sen unterstelüe das ge­samte hessische Kontingent der preußischen Armee. Abzeichen, Schnitt der Bekleidung, Gradabzei­chen der Offiziere, Waf­fen pp. wurden entspre­chend geändert. Das im­mer noch nur zwei Ba­taillone starke Regiment erhielt Namen und Nu- mer und hieß fortan: 2. Großherzoglich Hes­sisches Infanterie - Regi­ment (Großherzog) Nr. 116". An Stelle der bis­herigen Uniform trat ein dunkelblauer Waffenrock mit weißen Knöpfen und rotem Kragen, roten brandenburgischen Auf­schlägen mit weißer Platte

Uniform aus dem Gründunasjahr des Regiments 1813. Karree zur Abwehr feindlicher Kavallerieattacke.

und weißen Achfelklap-

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Uniform des Regiment Kaiser Wilhelm 116 (Zeit von 1891 bis 1903).

Uniform des Regiment Großherzog (Zeit von 1849 bis 1891).

pen mit roter Regiments. Nummer 116. Die Bein­kleider wurden jetzt nicht mehr von grauem, son­dern von blaugrauem Stoff mit roter Biese an­gefertigt. Die Mannschaf­ten erhielten einen dun­kelgrauen Mantel, die Of­fiziere einen schwarzen Paletot. Helm und Leder­zeug wurden beibehalten. Das so neu uniformierte Regiment, übrigens das einzige in der ganzen Ar­mee, das nur zwei Ba­taillone hatte, bildete mit dem Leib-Garde-Regiment 115 die 49. Brigade der hessischen 25. Division des XI. Armeekorps. Im Jahre 1872 erfolgte die Bewaffnung mit dem um­geänderten Zündnadelge­wehr, dessen Wirkung das Regiment 1866 im Ge­fecht bei Fronhofen am eigenen Leibe verspürt

gefunden. Diese Gemeinschaft hat die Jahre des durch Versailles erzwungenen 100 000-Mann-Heeres überdauert, dank der vortrefflichen Pflege der Tra­dition des alten Regiments in der damaligen Tra­ditions-Kompanie des Jnf.-Rgts. 15. Mit dem wieder­erstandenen Infanterie-Regiment 116 in der vom Führer neugeschaffenen deutschen Wehrmacht ist die alte Verbundenheit noch stärker und tiefer geworden, denn nunmehr hat sie ihren Wurzelboden nicht nur in den Herzen der alten 116er, sondern sie ist auch stark begründet in der wehrfreudigen Gesinnung und in der Liebe unserer Jugend zum Soldatentum. In dieser breiten Verwurzelung des Regiments ist zu­gleich die beste Gewähr dafür gegeben, daß die Ge­meinschaft zwischen den Trägern der 116er-Uniform und den Volksgenossen im Zivilkleid stets eine zum Wohle des Volkes lebendig wirkende Kraft bleiben wird. Diese Kraft wird insbesondere in der Wehr- haftmachung und in der soldatischen Erziehung vieler

und diese Anfang Oktober 1887 vom I. und III. Bataillon bezogen, während das II. Bataillon in der Zeughauskaserne verblieb. Der Einzug in die neuen Kasernen war eine wahre Erlösung für die Truppe, die bisher in den zerstreuten, mangelhaften Unterkunftsräumen mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, von denen man sich heute kaum noch einen Begriff machen kann. Damals erschien alles so neu, schön und bequem, wie man es sich besser gar nicht denken konnte. Freilich, wenn man in heutiger Zeit

hatte, und 1874 mit dem Gewehr 11/71, einem kleinkalibrigen Einzellader mit Metallpatronen (auch das Zündnadelgewehr hatte noch Papier­patronen). An Stelle des festen Bajonetts trat das zum Aufpflanzen eingerichtete Seitengewehr. Das alles gab Arbeit in Hülle und Fülle, aber sie wurde mit Erfolg geleistet, der klar bei dem im Herbst 1874 bei Friedberg statt findend en Kaiser-Manöver zutage trat. So reihte sich Jahr an Jahr, immer im gleichbleibenden Gang der Ausbildung, Besichti­gungen, Manöver, ab und zu unterbrochen durch Pa­raden vor dem Kaiser von Rußland, Beisetzungsfeier­lichkeiten (am 13. Juni 1877 starb Großherzog Ludwig III.) oder Denkmal-Enthüllungen. Es war eben des Dienstes ewig gleichgestellte Uhr!

Das Jahr 1881 brachte neues Leben in das Regiment. Das III. Bataillon wurde als Füsilier- Bataillon aus Abgaben der Regimenter 116, 115, 117 und 118 aufgestellt und zunächst in gemieteten Gebäuden untergebracht. So die 9. Kompanie im alten Hofgerichtsgebäude am Brand, die 10. im alten Kreisamt, die 11. im alten Lazarett am Seltersweg, die 12. in der alten Anatomie am Brand, der Rest in Bürgerquartieren. Mit dem Bau neuer Kasernen für zwei Bataillone am Trieb (heutige Berg-Kaserne) wurde erst 1885 begonnen

Uniform aus dem Gründungsjahr des Regiments 1813. Exerziergruppe.

wohnerschaft Gießens begrüßt, in seine Garnison­stadt zurückgekehrt. In vier großen Schlachten hatte es mitgekämpft, sieben mehr oder weniger be­deutende Gefechte rühmlich bestanden und die 72- tägige Belagerung von Metz mitgemacht. Sechs Offiziere (darunter ein Bataillons-Kommandeur), 107 Unteroffiziere und Mannschaften lagen in Frankreichs Erde, 14 Offiziere, 298 Mann waren verwundet, der Gesamtverlust belief sich einschließ­lich der an Krankheit Gestorbenen auf 21 Offiziere und 478 Mann bei einer Regimentsstärke von zwei Bataillonen.

Auf die Zeit des Krieges folgten nun lange Friedensjahre mit unermüdlicher, stiller Arbeit im Kleinen und im Großen, die unausgesetzte Aus­bildung, die mandes Dienstes ewig gleichgestellte Uhr" zu nennen pflegt, die stete Vorbereitung zum Kriege und zur jederzeitigen Bereitschaft. Große Veränderungen traten im äußeren Rahmen des

Ehrenfriedhof Liancourt 1915. Aufnahmen: 5 Hölzel, 4 Archiv, eine der neuerstandenen Kasernen besichtigt mit ihrem elektrischen Licht, der Zentralheizung, den Duschen und Bädern, der weitläufigen Belegung und vor allem den Wasserklosetts im Hause, da merkt man erst, wie spartanisch unsere Mannschaften damals gelebt haben. Und doch denkt jeder alte Soldat gern an seine Dienstzeit, an seine Kaserne und das kameradschaflliche Leben in seiner Kom­panie zurück.

Das Jahr 1886 brachte die Einführung des neuen Gewehrs M/7184, eines Magazingewehrs mit Magazin im Schaft. Der erste Eindruck war ein gewaltiger. Ein solch rasendes Feqer hatte man noch nie gehört. Und doch stellte das Gewehr sich als ein Versager heraus. Das Gewicht änderte sich fortgesetzt bei vollem und leerer werdendem Maga­zin, ein sicherer Schuß war kaum möglich. Allge­mein wurde deshalb in der Armee die Sommer 1890 erfolgende Umbewaffnung mit dem Gewehr M/88, eines ausgezeichneten Mehrladers mit einem Kaliber von 7,9 Millimeter, sehr rasanter Flug­bahn und großer Flugweite, begrüßt.

Das Jahr 1888 versetzte die Armee und das Regi- ment in tiefe Trauer. Der allgemein hochverehrte und geliebte alte Kaiser Wilhelm I. starb und kurz darauf auch sein Sohn, Kaiser Friedrich HL, nach entsetzlichem Leiden. Und ihnen beiden folgte noch, im gleichen Jahre der 2. Chef unseres Regiments, Prinz Alexander von Hessen, der 46 Jahre die 2. Chesitelle innegehabt und dem Regiment stets aroße Beweise seines Wohlwollens gegeben hatte. Die verwaiste Chefstelle blieb nicht lange unbesetzt. Bereits im Jahre 1891 erhielt das Regiment die Nachricht, daß Kaiser Wilhelm II zum Chef bet Regiments ernannt fei und dieses von jetzt ab den NamenInfanterie-Regiment Kaiser Wilhelm (2. Großherzoglich Hessisches) Nr. 116" führe und den Kaiserlichen Namenszug mit Krone darüber auf seinen weißen Achselklappen zu tragen habe. Die

La Chavatte 1915.

Bahnhof Nachtigall, Flandern 1917.

6t. Quentin 1917.

Fouquescourt 1915.