Ausgabe 
17.9.1938
 
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Schwerer Kreuzer oder etwas ähnliches zwischen 8000 und 17 500 Tonnen gebaut werden. Aus die Gründe hierzu wird noch einzugehen sein.

Von diesem Vertrag hatte sich Japan ferngehol- tcn, und Italien verweigerte seine Unterschrift bis zur Anerkennung seines Imperiums (es vollzog seinen Beitritt Ostern 1938). Hierauf war England bemüht, auch die anderen Mächte einzubeziehen, vor allem Deutschland und Rußland. Letzte­res jedoch erhob Schwierigkeiten, verweigerte u. a. den im Vertrage geforderten freien Nachrichtenaus­tausch über Neubautenfür den Fernen Osten" und auch Beschränkungen für solche Bauten, solange auch Japan sie nicht beachte, und verlangte dar­über hinaus das Baurecht für 7 Kreuzer einer Mit­telklasse zu 8000 Tonnen mit 18-Zentimeter-Gc- schützen, das ihm zugeftanden wurde. Der erste da­von,Kiro w", ist jetzt fertig. Daraufhin trat auch Deutschland dem Vertrage am 17.7.1937 bei mit dem Vorbehalt, die Baupause für Schwere Kreuzer nach Bedarf zu kündigen und der Mittei­lung, daß es zunächst drei davon bauen werde. Der dritte läuft jetzt vom Stapel.

Man sieht also, daß ein großer politischer Auf­wand sich in all diesen Jahren um diese Kreuzer­frage gedreht hat und forscht nach den Gründen. Der Schwere Kreuzer ist gedacht für d e n Hoch­see-Handelskrieg, in, Angriff wie Vertei­digung, und die führenden Seemächte waren es, nach dem Ausgleich ihrer Gegensätze von 1930, zu­frieden, davon eine genügende Anzahl zu besitzen. Aber England mußte bemerken, daß seine zwi­schen 1926 und 1929 gebauten Exemplare von den späteren französischen, italienischen und amerika­nischen technisch stark überholt wurden,, beson­ders im Panzerschutz- und mußte bei den weiteren Neubauten mit immer steigender Entwertung seiner Schiffe rechnen. Gleichzeitig hatte sich das allge­meine Interesse wieder stärker den Schlacht­schiffen zugewandt, die auf Vorgang Italiens und Frankreichs jetzt mit solcher Geschwindigkeit aus« gestattet wurden, daß die beherrschende Rolle des Schweren Kreuzers im Hochseekrieg dagegen ver­blaßt. Beides wirkte zusammen, um eine Bau­pause für die letzteren nahezulegen.

Wenn Deutschland daraus einging, mit jenem Vorbehalt im Hinblick auf die sowjetrussischen Bau­ten, so war dies ein weiterer Beweis für das Ent­gegenkommen in seiner Marinepolitik, auf dessen Wert für die Gestaltung der deutsch-englischen Be­ziehungen Premierminister Chamberlain erst vor kurzem nachdrücklich hinwies. Für die weitere Ent­wicklung der Frage bleibt eine gewisse Unsicherheit bestehen, insofern als Japan allen Abmachungen ferngeblieben ist und von gewisser Seite verdäch­tigt wird, nicht nur übergroße Schlachtschiffe von 45 000 bis 50 000 Tonnen, sondern auch überschwere Kreuzer zu bauen, womit, wenn die Vermutungen zutreffen sollten, alle Abmachungen wieder in Frage gestellt wären. Und damit der bescheidene Rest aller bisher gelungenen Abrüstungs- oder Rüstungsbe­schränkungsversuche.

Beisetzung des Prinzen von Connaught.

London, 16. Sept. (Europapreß.) Der Anfang der Woche verstorbene Prinz von Connaught, ein Vetter des Königs, wurde am Freitag in der St.- Georgs-Kapelle auf Schloß Windsor beigesetzt. Der Sarg wurde auf einer Geschützlafette vom Bahnhof von Windsor zur Kapelle übergeführt. Auf dem Wege zum Schloß bildeten Truppen Spalier, hinter denen sich eine nach Tausenden zählende Menschenmenge drängte. Während der Uebersüh- rung wurde ein Trauersalut von 21 Schüssen ab­gegeben, während gleichzeitig sämtliche Kirchen­glocken läuteten. D e r K ö n i g , in der Uniform eines Generalfeldmarschalls, ging unmittelbar hin­ter dem Sarg, gefolgt von seinen Brüdern und dem Sohn des Verstorbenen, Lord Macduff. Wäh­rend der Beisetzung hatten sämtliche öffentlichen Ge­bäude in London sowie zahlreiche Privathäuser Halbmast geflaggt. Der Verstorbene war der älteste Sohn des im 89. Lebensjahr stehenden Feldmar­schalls Herzogs Arthur von Connaught und Stra- thern, des letzten noch lebenden Sohns der Königin Viktoria, der mit der Prinzessin Luise Margarete von Preußen vermählt war.

Unbekanntes Hintennbien.

Von unserem W-st.

ii.

Saigon wirtschaftlich und modisch

Singapur, Sommer 1938.

Die Franzosen sind keineswegs besonders begabte und bewährte Kolonialherren, und I n d o ch i n a ist keineswegs die beste französische Kolonie. Der Weg dorthin ist weit, und obwohl das Gebiet der Königreiche Annam, Cambodqa und Laos zusam­men mit der Kolonie Cochinchina, dem Protektorat von Tonkin und dem Pachgebiet Kuang Tseuwan, die zusammen den Besitz Jndochina ausmachen, das Mutterland weit übertrifft, haben sich nur 7000 Franzosen man möchte sagen, dorthin verirrt, um einem zivilen Beruf nachzugehen. Die gesamte Bevölkerung Jndochinas beläuft sich auf über 21 Millionen Menschen, also immerhin mehr als die Hälfte der Einwohnerzahl Frankreichs, aber nur weniger als 50 000 davon find Franzosen und die meisten von ihnen wiederum sind Militärs und Be­amte. Zur Heimat ist Jndochina den wenigsten ge­worden. Man verdient dort Geld, um zu sparen und denkt an die Rückkehr nach Frankreich. Die Annamiten mit über 15 Millionen sind als Grubenbesitzer und Bauern der wichtigste Teil der Bevölkerung auch in der Erzeugung, die hauptsäch-

,Sonderberichterstatter.

deshalb so appetitlich und frisch, weil sie kaum Haarwuchs zeigen und die Hautfarbe im Sonnen­licht, noch mehr aber im abendlichen Lichtschimmer der orientalisch lebendigen Straßen in ihrer nichts- tuerischen Geschäftigkeit nach Sonnenuntergang leuchtend hell erscheint. Zu den schlanken, wohl­geformten Körpern paßt die Fröhlichkeit der Mie­nen, die gebändigte Behendigkeit der Bewegungen. Die annamitischen Frauen und Mädchen besitzen die eleganteste Volkstracht, die in der farbenfreudi­gen exotischen Welt des heutigen, von westlich mo­dischen Begriffen beeinflußten, aber nicht eroberten Asien gefunden werden kann. Schneeweiße weite Hosen aus seidenem Chinakrepp, Damast-Atlas oder billigem Baumwollstoff umhüllen die schlanken Beine, sie verschwinden überm Knie in einer kunst­voll auf den Körper geschnittenen langen Jacke aus glänzender Seide, gewöhnlich in Schwarz, oft auch in satten schönen Farben, etwas grün oder lila. Kein Hut deckt das wohlfrisierte schwarze Haar, aber ein Sonnenschirm schützt die Schöne vor den sengenden Strahlen. Dieser Anzug trägt alle Merk­male einer raffinierten Eleganz in Stoff, Schnitt, Farbe, Verarbeitung und wirkt durch seine vor­nehme Schlichtheit. Die schwarze Glanzseide, eine Spezialität Hinterindiens, ist Hauserzeugnis. Sie wirkt fast wie Leder oder Wachstuch und gewinnt

ihren knitterigen Schimmer dadurch, daß sie bei der Bearbeitung harten Schlägen mit Holzknüppeln ausgesetzt wird.

Der japanische Kimowo, mit denen die Frauen des Jnselreichs einen Luxus treiben, der den verehrlichen' Ehemännern dort nicht weniger Sorge macht als die Ansprüche einer Modedame in Europa, ist ein Kleid, das durchaus als Tracht und nur bedingt als schön außerhalb seines Rahmens empfunden wird. Das charakteristische Kleid der modernen Chinesin: in einer einzigen eng an den schlanken Körper gearbeiten Linie vom hoch­geschlossenen Halskragen abwärts bis auf die Fer­sen, aber fast halbweltmäßig zu beiden Seiten bis ans ober übers Knie geschlitzt, ist em echter Kom­promiß zwischen Ost iMd West. Der ubrufens in gleicher Art auch von Männern getragene Rock der Siamesin ist luftig und originell aber sicher weder schön noch elegant. Er besteht aus einer etwa drei Meter langen Stoffbahn, die man um Leib und Oberschenkel schlingt, knotet, zu einer Wurst zusammendreht, durch die Beine zieht und schließlich mit dem Ende im Rücken hinter den Gür­tel steckt. Die Ventilationsverhältnisse dieses Klei­dungsstückes bezeichnen Kenner als hervorragend günstig. Von der verworrenen Schleierfülle der Inderin, der Protzigkeit der Brokate orientali­scher Jüdinnen, den traurigen Verhüllungen mo­hammedanischer Frauen braucht nicht gesprochen zu werden. Die Annamitin verdient den asiatt- schen Modepreis.

lich in Reis besteht.

Den Handel im Inneren haben hier, wie fast überall im Südostraum des Pazifik, die Chine­sen in der Hand. Mit einem Minimum an Ka­pitalaufwand hat man die Wirtschaftskraft so weit entwickelt, daß das Mutterland wichtige Kolonial­rohstoffe, Reis, Mais, Kautschuk, Oel, Kopra, Stock­lack, beziehen und Fertigwaren, Baumwollartikel, Maschinen, Zigaretten dorthin verkaufen kann. Durch ein resolutes Zollsystem hat Französisch-Jndo- china sich die sonst allenthalben in Asien fühlbare japanische Konkurrenz vom Leibe gehalten. Frankreich nimmt etwa 40 v. H. des Exports auf und liefert etwa 60 v. H. der Einfuhr. Beträchtliche Gewinne fließen aus diesem Außenhandel nach dem Mutterland, woran die Schiffahrt gehörig beteiligt ist. In den letzten 25 Jahren hat sich der Waren­umschlag in den drei wichtigsten Häfen Saigon, Hai­fon und Hongay verfünffacht. Der Ueberschuß des Haushalts kommt dem französischen Imperium zu­gute. Saigon mit seinen 120 000 Einwohnern spielt im Handel die erste Rolle. Industrielle Unter­nehmungen kennt das Land nicht, wenn man von einigen Reis- und' Oelmühlen, Sägewerken und demArsenal" absieht. Don den Bodenschätzen wird Kohle in bescheidenem Umfang und Zink, beides zur Ausfuhr, gewonnen. Die bedeutendste Leistung der Kolonialverwaltung liegt vielleicht in der An­legung und Unterhaltung eines Netzes vorzüglicher Autostraßen.

Saigon ist in seinem europäischen Teil eine nette, etwas schäbige Provinzstadt mit einigen klimatischen Eigentümlichkeiten. Wo immer man heute in unse­rem industrialisierten Zeitalter in eine Siedlung kommt, wo Frauen dem Dämon Mode huldigen, gibt es Geschäfte, die in lockender Form Strümpfe darbieten. Schneller als Colbertson in der Lage ist, die Bridgeregeln für die ihm hörige internationale Klientel zu ändern, dieser brutalste aller Diktatoren, der für den Hausfrieden unzähliger bridgebesessener Ehepartner vernichtend wirkt, ändern sich die Mode- schattierungen der Damenstrümpfe in aller Welt. Saigon, Kleinparis der Tropen, modischer Einkaufsplatz für schöne Seiden, von denen die Ladys aller Hautschattierungen in Hongkong, Schanghai, Manila und Singapur gern träumen, zeigt keinerlei Interesse an Bembergaktien. Es gibt keine Strumpfgeschäfte dort, aus dem einfachen Grunde, weil niemand Strümpfe trägt. In englisch, noch mehr aber in den holländisch be­stimmten Kolonien hält man auf denEvening- Dreß", zu dem auch Strümpfe getragen werden müssen. In Saigon allein scheint dies nicht notwen­dig zu sein.

Die glatten Leiber der gelben Menschen, deren Nacktheit zumeist nur eine Baumwollhose unterbricht, wirken gegenüber schwarzen und braunen Körpern

Von unterem nd-Miiarbeiier.

Kalkutta, im September.

Der deutsche Kaufmann in Indien steht vor einem dreifachen Problem. Er hat mit einer englischen Regierung zu tun und einer auf allen Gebieten der Verwaltung und Wirtschaft führenden englischen Oberschicht. Er steht weiter vor dem indischen Volk mit seinen 350 Millionen Menschen, seinen vielen verschiedenen Religionen und Rassen. Und er ist endlich der Vertreter Deutschlands, dessen geschäftliche Interessen er nach bestem Wis­sen und Gewissen wahrzuttehmen hat. Das ver­pflichtet ihn, seine Haltung nach jeder Richtung hin zu begrenzen, niemals darf sie in dem einen ober anderen Sinne parteiisch sein, seine Aeußerungen, fein Umgang und Auftreten müssen in jedem Falle als taktvoll empfunden werden.

Die Nachrichten, die über Deutschland nach In­dien gelangen, sind spärlich, und wenn sie kommen, häufig von wenig freundlichen Kommentaren be­gleitet. Sowohl die englische als auch die indische Presse hier draußen hängt vollkommen vom Reu­ter-Büro ab, nur ganz wenige Blätter machen sich die Mühe, den Inhalt der Reutermeldungen durch das Radio zu kontrollieren. So herrschen über Deutschland recht mißverständliche Meinungen.

Die Möglichkeiten, die Deutschland, die dem deut­schen Handel in Indien heute offenstehen, sind, wenn auch nicht unbegrenzt, so doch viel größer als in den meisten anderen Ländern. Indien befindet sich in einem wirtschaftlichen Umschichtungspro­zeß erster Ordnung. Eine sich ausbreitende Stahl- und Eisenindustrie, Zementfabriken, Zuckerfabriken, Fabriken für Wirkwaren, Glühstrümpfe, kleine Dieselmotoren, elektrische Lampen, Glühbirnen, Streichhölzer, Gummireifen, Jute-, Seide- und Baumwollverarbeitung haben Indien heute schon unter die acht wichtigsten Industrieländer der Erde gerückt.

Die Errichtung dieser Industrien aber schafft dauernd neue Märkte. Pumpen, Werkzeug­maschinen, Radioapparate, Lichtspielfilme, Roh­filme, Schreibmaschinen, große Dieselmotoren, Tele­phone, elektrische Artikel werden in steigendem Maße benötigt. Im Süden macht die Ausnutzung von Wasserkräften, die mit dem Bau des Metpur- Dammes schon große Formen annimmt, dauernden Fortschritt, Fahrradfabriken, sogar Autofabriken sind geplant. Der deutsche Importeur hat sich um­stellen müssen. Das ist ihm in weitem Maße ge­lungen, der deutsche Anteil am Import In­

diens ist, verglichen mit dem letzten Vorkriegsjahr, von 6 auf 9,2 v.H. gestiegen, im Export dagegen von 10 v. H. auf 6 v. H. zurückgegangen. Der Aufbau von Industrien beschränkt sich natürlich nicht auf die Bestellung von Anlagen. Erhöhter Be­darf an ausländischen Monteuren, Technikern und Spezialisten ist die Folge.

Deutschland ist heute in Indien gut vertreten, aber nicht reichlich genug. Die deutschen Häuser in Bombay und Kalkutta sind fast ohne Ausnahme Verkaufsniederlassungen deutscher Werke wie Sie­mens, Krupp, JG.-Farben. Zeiß-Jkon usw. Was in Indien fehlt, ist das große deutsche Export- und Jmporthaus, Firmen wie wir sie in Ost- asien und Südamerika heute noch haben. Die Eng-

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eparaturen 189'/ D BB

länder sowohl als auch die Japaner haben diese Regelung in Indien bis heute beibehalten und sind gut dabei gefahren. Nur so ist es auch möglich, den deutschen Export auf eine breitere Basis zu stellen. Bei der jetzigen Handhabung finden in der Haupt­sache nur Deutschlands Spezialartikel Absatz, wäh­rend viele nicht so bekannte Produkte überhaupt keine Möglichkeit haben.

Das indische Geschäft zerfällt in ein Behör­den- und in ein Baargeschäft. Gerade in letzterem wäre viel zu machen. Die schon früher geschilderte Reaktion gegen die mangelhafte Qualität vieler japanischer Waren, die Regierungs- Übernahme vieler Provinzregierungen durch die na­tionalistische Partei schaffen für einen verstärkten Absatz deutscher Basar-Waren eine psychologisch günstige Basis. Freilich bedingt das einen starken persönlichen Einsatz, der bei aller Not­wendigkeit indischer Mitarbeiter doch imtner nur von jungen Deutschen geführt werden kann. Viele deutsche Häuser draußen klagen heute über Nach­wuchsschwierigkeiten, es sind kaum noch junge Kauf­leute für lieberfee zu bekommen. Vielleicht täten manche Firmen gut daran, höhere Angebote zu machen und den ersten Vertrag nicht über drei Jahre auszudehnen. Anderseits sollte der junge Kaufmann zu Hause berücksichtigen, daß er hier eine große und dankbare Ausgabe hat. Er kann im wahrsten Sinne des Wortes seinem Volke dienen, deutschen Arbei-

Gchifflem fahren laffen.

23 on Otto Anthes.

Mein Heimatstädtch.n windet sich, nur zwei Häuserreihen lief, lang und schmal zwischen dem Rhein und dem dahinter aufsteigenden Felsen da­hin. In der Vorderreihe wohnen die Schiffer und Lotsen, und ihre Fenster sehen auf den Rhein hin­aus, von dem ihnen ihr Wohlstand kommt. An den steilen Hang geklemmt stehen dn der zweiten Reihe die Häuserchen der Bergleute, die den Fels nach abbaufähigem Schiefer durchwühlen. Fast hinter jeder der kümmerlichen Hütten ist ein Stollen in den Berg getrieben. Die meisten dieser urtümlichen Bergwerksanlagen sind länast nicht mehr im Be­triebe; entweder weil überhaupt nichts darin ge­sunden wurde, oder weil das Wenige, das darin war, ausgebeutet ist. Man benutzt sie j^tzt, so gut es geht, als Keller oder auch als Ziegenstall.

Meine liebsten Freunde waren die zwei Buben des Bergmanns Lang. Auch bei ihrem Hause gab es einBergloch". Aber es war gar nichts mehr damit anzufangen, weil es ersoffen war; das schwarze Wasser leckte bis in den engen Hof, in dem wir spielten. Ich weiß nicht mehr, wie wir dahinter kamen, daß das Wasser des Berglochs sich in einem ununterbrochenen, unendlich lang­samen, dem Auge kaum bemerkbaren Kreisstrom bewegte. Wenn man ein Stück Holz auf der rechten Seite hineinwarf, zog es langsam und stetig derg- eickwärts, blieb mehrere Tage unsichtbar und kam dann, ebenso langsam und stettg, auf der linken Seite wieder zurück.

Sobald wir das heraus hotten, waren wir auch darüber einig, daß eine regelmäßige Schiffahrt in die schwarze Finsternis hinein und wieder ans Tageslicht eingerichtet werden müßte. Jeder von uns dreien rüstete ein Fahrzeug. Wilhelm, der älteste, der den ^Kopf voll technischer Pläne hatte und mit einem zähen Fleiß begabt war, schuf sich in schweißreicher Mühe aus einem Stück Eichenholz eine mächtige Fregatte, die er denAdmiral" nannte. Sie lag - schwer und tief im Wasser, aber sie hielt auch trotz ihrer hohen, kunstgerecht ge­takelten Masten das Gleichgewicht im höchsten Wellengang. Anton, der Jüngere, ein lustiger Fasel­hans, machte sich die Sache leicht. Ein vorne zu­gespitztes Brett spickte er ringsum am Rande mit Nägeln, setzte einen Stock in die Mitte und zog von seiner Spitze Bindfäden nach allen Seiten.

Mein Schiftlein aber ward ein phantastisches Bauwerk. Eine blecherne, außer Gebrauch gesetzte

Barbierschüssel meines Vaters belegte ich mit einem Verdeck aus dünnen Brettchen, schnitt Luken hinein und setzte Aufbauten in reicher Mannigfaltigkeit darauf: eine Kommandobrücke, ein Steueryäuschen und auf dem Hinterdeck einen Salon mit durch­brochenen Wänden, denen nur die Glasscheiben fehlten. Das alles strich ich mit unterschiedlichen Farben an. Bei der Takelung fragte ich weniger nach Richtigkeit und Zweckmäßigkeit als danach, daß auch sie luftig und vielfältig geriete. Eine be­sondere Güte tat ich mir in Wimpeln, die rot, blau und grün von allen Stengeln wehten. Die Hoff­nung" sollte das Schifflein heißen; Wilhelm, der Techniker, betrachtete mein Machwerk . mit Miß­billigung. Aber das störte mich nicht. Ich sah mit stolzer Freude, daß mein Schiff!rin leicht und wiegend auf dem schier unbewegten Wasser tän­zelte, wie ein edles Roß, das sich vor Tatendrang nicht zu lassen weih.

Nun also sollte die Fahrt ins Dunkle beginnen. Um den Reiz zu erhöhen, stachelten wir uns mit ausgesetzten Preisen. Jeder mußte zehn Pfennige beisteuern. Fünfzehn sollte der erhalten, dessen Fahrzeug zuerst zurückkehrte; dem Zweiten war sein Einsatz zugesichert; und der Letzte sollte immer­hin noch fünf Pfennige als Trostpreis erhalten. An einem Sonntag in der Früh setzten wir die Schiffe ins Wasser des Berglochs. Zuerst bemerkten wir kaum eine Bewegung an ihnen. Dann aber, als wir länger zusahen, wurde es klar, daß meine Hoffnung" die Spitze nahm. Antons Schute legte sich baß) quer ins Fahrwasser und trieb liederlich und ohne Eifer hinterher. Ernst und seines Weges sicher folgte zuletzt derAdmiral".

Den ganzen Sonntag saßen wir, mit kurzen Unterbrechungen, vor dem Bergloch, sahen unsere Schifflein langsam, langsam in die Finsternis segeln und unterhielten uns von den Abenteuern und Gefahren, die ihrer warteten. Denn es gab Ratten in dem Loch, das wußten wir. Auch Klippen und UhHefen mochten drohen; und Wilhelm träumte gar von einem Strudel, der ganz hinten im Stollen sein mußte und der ihm den Kreislauf des Wassers erklären sollte. Am anderen Tag nach der Schule rannten wir spornstreichs wieder hin. Aus leerem schwarzen Auge sah uns die Höhle an; unsere Schiffe waren verschwunden. Noch einmal leuchtete unsere Neugier in das Dunkel hinein. Anton hatte von der letzten Kirmes ein wenig bengalisches Feuer übrig behalten. Das zündete er an und hielt's auf einem Brett, so weit sein Arm reichte, in den Stol­len hinein. Und da erblickten mir ganz in der Tiefe, flüchtig sich im roten Schein erhebend, ein paar Masten. Dann erlosch das Feuer. Und mir

warteten. Wir faßen stundenlang vor dem Loch, und stierten hinein; glaubten einen Schiffskörper herandunkeln zu sehen und erkannten, daß wir uns getäuscht hatten; jübeiten auf und bangten weiter. Am vierten Tage endlich, frühmorgens, wurde es zur Gewißheit, daß der Schatten, den wir schon am Abend vorher zu sehen gemeint, ein wirkliches Etwas war; und zu Mittag stand es fest, daß es Antons Schute war. Liederlich, wie sie hineingetrieben war, trieb sie wieder heraus; das Hintere Ende zuvörderst, mit schiefem Mast, den sie wohl an die Felswand gedrückt hatte, ganz unrühmlich und ohne Haltung. Aber Anton lobte sie höchlichst um ihren Erfolg und nahm strahlend, ohne Bedenken, die fünfzehn Pfennige in Empfang.

Noch ein ganzer Nachmittag verging und noch eine ganze Nacht, da tauchte derAdmiral" auf. In schwerfälligem Stolz, ohne jede Havarie, mit un­versehrter Takelung und sicherem Kurs, genau wie er davongezogen war, so näherte er sich dem Ziel. Und Wilhelm fühlte keinen Neid auf feines Bruders Glück. Daß sein Schiff die Probe auf feine Tüchtig­keit bestanden hatte, war ihm genug.

MeineHoffnung" kam niemals wieder. Noch ein Vierteljahr nachher ging ich manchmal heimlich an das Bergloch, die zage Erwartung im Herzen, es möchte doch noch ein Wunder geschehen sein. Aber es war alles vergebens. DieHoffnung" blieb verschollen. Ob die Ratten sie gekapert hatten, ob sie leicht und lustig, die Mastspitzen in die Luft ge­streckt, ahnungslos in den Strudel getänzelt war wer weiß es? Aber Wilhelm sagte, wenn die Rede darauf kam:Sie war nicht ordentlich getakelt. Zu­viel Brimborium daran. Das tut nicht gut."

OaS Hamlet-Museum in Helsingör.

'DieHarnlet"-Aufführungen bei den zweiten Jah­resfestspielen in Helsingör haben wieder eine be­sonders große Schar von Besuchern zu dem Schloß Kronborg geführt, von denen viele genauere Mittei­lungen über den berühmten Prinzen von Dänemark zu erhalten wünschten. Bisher konnte ihnen in Kronborg wenig gezeigt werden, aber jetzt sind Pläne in Bearbeitung, einen der Türme des Schlos­ses in ein Hamlet-Museum zu verwandeln. Die Räume sollen mit Bildern und Skulpturen des Prinzen und der Ophelia geschmückt werden, und vor allem will man Darstellungen der verschiedenen Hamlet"-Aufführungen zeigen. Auch eine Biblio­thek über das Hamlet-Thema ist ins Auge gefaßt. Man hat ferner vorgeschlagen, eine Tafel an den Mauern des Schlosses Krynborg anzubringen mit

der Inschrift:Der jütische Prinz, Amlethus, lebt» in Jütland in der Wikingerzeit und wurde in Am- melhede begraben. Sara Grammaticus berichtete seine Geschichte im Mittelalter. William Shake­speare machte seine Taten in der Renaissancezeit durch ein Drama unsterblich und erhielt seinen Na­men dadurch für alle Zeit." Gegen diese Inschrift werden aber lebhafte Einwände erhoben, da beson­ders die alte Ueberlieferung, daß Amlethus in Am­meihede begraben wurde, nicht bewiesen werden kann.Warum den Geist der Touristen ober der Shakespeare-Forscher beunruhigen, indem man eins der sieben Hamlet-Gräber als geschichtliches er­wähnt?" schreibtEkstrabladet".Niemand weiß sicher, ob Shakespeares Hamlet oder richtiger (5aros Hamlet in Ammelhede begraben liegt. Shakespeares Hamlet gehört feinem besonderen Ort. Er ist eine Verschmelzung von Saxo, Francois de Bellefvrest, Firdusi, Edda und der irischen Sagen. Aus diesen Bestandteilen ist ein Prinz von Dänemark geschaf­fen, der in Helsingör zu Hause ist, weil Shakespeare hier ein Schloß für ihn schuf. Dort liegt er, bildlich, begraben. Dort schwebt sein Geist über dem Wasser, und dort steht dauernd das Schloß, das jetzt alljähr­lich immer enger mit seiner unsterblichen Gestalt verknüpft wird. Würde es nicht weiser und jeden­falls geschichtlich richtiger fein, zu schreiben:Wil­liam Shakespeare machte Hamlet, Prinzen von Dänemark, Sohn eines Königs in Helsingör un­sterblich und bewahrte seinen Namen für alle Zeit?"

Hochschulnachrichten.

Geh. Regierungsrat Professor Dr. Karl von A u ro e r s , früher lange Jahre hindurch Direktor des Chemischen Instituts der Universität Marburg, vollendete am 16. September fein 7 5. Lebens­jahr. Karl v. Auwers habilitierte sich an der Hei­delberger Universität. Dort wurde er zunächst plan­mäßiger und 1900 außerplanmäßiger Extraordina­rius und siedelte in dieser Eigenschaft nach Greifs­wald über. 1913 folgte er bann einem Ruf nach Marburg und lehrte hier bis zu feiner am 1. Okto­ber 1928 erfolgten Emeritierung. Die Technische Hochschule Dresben ernannte ihn zum Ehrendoktor. Seit 1907 ist Professor von Auwers Korr. Mitglied der Physikalisch-Medizinischen Sozietät zu Erlangen, seit 1909 Mitglied der Leopoldina in Halle unb seit 1920 Korr. Mitglied der Gesellschaft der Wissen­schaften zu Göttingen.

Professor Dr. Wilhelm B l a s ch k e, Ordinarius für Mathematik an der Universität Hamburg, wurde von der Kgl. Akademie der Wissenschaften m Neapel zum korrespondierenden Mitglied gewählt.