Nr. 217 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für ©berufen)
greif ög, 16. September 1938
Aus der Stadt Gießen.
Spaziergang nach dem Schiffenberg.
Goldene Herbstsonne strahlt vom blaßblauen Himmel. Wie schön warm es ist! Wir wandern durch die Wiesen, auf denen viele, viele blahlila Herbstzeitlosen stehen. Andere Wiesen sind schon abgemäht, und das Grummet ist eingefahren. So leer liegen sie nun da und warten.
Jetzt sind wir im Wald, es duftet herrlich nach Tannen und Pilzen. Oh! Da ist ja auch eine ganze Familie! Kopf an Kopf stehen sie, zusammengekuschelt, als hätten sie Angst unter den Riesen von Bäumen. Und nun finden wir dicke, braune Steinpilze und gelbe Pfifferlinge. Ein runder, weißer Champignon leuchtet am Boden, wunderschöne rote, weißbetupfte Fliegenpilze stehen lockend da. „Giftig!" Und schnell wird das schon ausgestreckte Kinderhändchen zurückgezogen.
Nun gehen wir einen schmalen Weg am Wald entlang, in der Sonne. Diese Stille! Dieser Waldesduft! Ein paar verspätete Schmetterlinge, braunrote und weiße, gaukeln über den lila Skabiosen und dem rosa Tausendgüldenkraut. Die Eichen hängen voller Früchte und versprechen eine reichliche Kost für die Schweine. Das Kind sammelt die Näpfchen und stellt sie auf einen Stein: „Dann fällt Tau hinein und dann trinken die Vöglein daraus!" Nun werden Tannenzapfen gesucht, aus denen sich so schöne Pfeifen machen lassen.
Schmale Waldwege locken nach allen Seiten. Wie schön sehen die Tannen mit ihren braunen Zapfen gegen den blauen Himmel aus! find nun ein Weg, an dem rote Ebereschen glühen.
Unser Ziel, der Schiffenberg, grüßt uns ganz nahe überm dunklen Wald.
Oben empfängt uns einladendes Taffen- und Gläserklirren. Wie mundet jetzt Schwarzbrot und Apfelsaft, während die entzückten Blicke über die sanften Höhen im matten Herbstsonnenschein gleiten.
Im Hofe herrscht fröhlicher Lärm. Grummet wird eingefahren. In der Kapelle liegen handhoch geschichtet die goldgelben Weizenkörner und graugrüner Hafer.
Ein Truthahn stolziert kollernd umher, während der große Hund an der Kette liegen muß. Zwei kleine Kätzchen schleichen sich heran, sie trauen ihm nicht, er aber versichert sie, schwanzwedelnd, seiner Freundschaft.
Fern, im Dunst, liegt die Stadt mit ihren Türmen und großen Bauten.
Auf dem Heimwege wird ein Strauß Heidekraut gepflückt: noch lange wird er uns an diesen schönen Herbsttag gemahnen! E. L. St.
Dornoiiren.
Tageskalender für Freitag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Diskretion Ehrensache". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Verwehte Spuren". — Lichtbildervortrag „Gesundes Leben — Flohes Schaffen" 16 und 20 Uhr Cafe Leib.
Hitler-Zugend Bann 416.
Delr.: Thealerring der f)3.
Die Anmeldung für den Theaterrigg der Hitler- Jugend muß abgeschlossen werden. Der letzte Termin öey Anmeldung ist der 1. Oktober. Anmeldungen nehmen noch entgegen: Dienststellen: Bann, Jungbann, Untergau. Außerdem: Stadttheater, Jungstammführer Moos.
BDM.-!lntergau 116 Gießen.
Die Mädel des Orchesters und die Sprecherinnen, die am 21. Sept, mitwirken, treten am 16. September um 20.15 Uhr am Möserheim an. Erscheinen ist unbedingte Pflicht! ।
werkgruppe 1/116 Sport.
Alle Mädel der Schar 2 treten Freitae um 20 Uhr pünktlich an der Stadt-Knabenschule an. Turnzeug ist mitzubringen. -
Bei unseren 116 cm im Llebungsgelände.
(Eigener Bericht unseres im Gelände weilenden Mitgliedes der Schriffleitung.l
Donnerstag früh. Noch ist es stockfinster, als um 4 Uhr die ersten Abteilungen unseres Infanterie- Regiments 116 zur Herbstübung ausrücken. Um 6 Uhr folgt das Gros des Regiments „mit Mann und Roß und Wagen". Nebel liegt auf Feld und Wald. Kaum hebt er sich, da lösen ihn schwere Regenwolken ab, aus denen es auch bald darauf, etwa von 7.30 Uhr ab, ziemlich kräftig zu regnen beginnt. Die Aussichten für den ersten Üebungstag sind also vorerst wenig rosig.
Jedoch unsere 116er stehen offenbar mit dem Wettergott auf gutem Fuße. Bald stellt die „himmlische Gießkanne" ihren Betrieb ein. Das Wetter klart langsam, aber ständig auf. Um die Mittagszeit ist es schon ziemlich hell. In den Nachmittagsstunden wärmt die Sonne sogar recht angenehm und macht den immerhin schon etwas rauhen Septemberwind erträglicher. Bis in den Abend hinein ist denn auch der Aufenthalt im Gelände angenehm. Erst die hereinbrechende Nacht bringt bei sternenklarem Himmel empfindliche Frische.
*
Bereits um 7 Uhr früh beginnt in der Nähe von Daubringen der Felddienst. Die Truppe stellt sich zum Gefechtseinsatz bereit. Allerdings hat es noch gute Weile, bis die Schüsse über die Felder peitschen. Zunächst wird marschiert, marschiert... Die Aufgabe dieses ersten Uebungstages besteht in Gefechtshandlungen innerhalb der Bataillone. Demgemäß ist natürlich auch das „Schlachtfeld" räumlich nicht allzu groß.
Wir besuchen auf unserer Fahrt in das Uebungs- gelände das II. Bataillon, das an diesem Uebungstage von Hauptmann Dr. R o u i l l 6 geführt wird. Die Leitung der Uebung hat Major Freiherr von Kittlitz. Die erste Bekanntschaft mit dem Bataillon machen wir in der Gegend von Fronhausen (Lahn). Hier erreichen wir die Bagage der roten Partei des Bataillons, die mit zahlreichen Wagen und mit den Feldküchen in Richtung Gladenbach auf der Landstraße dahinzieht. Weit voraus ist die fechtende Truppe. Erst am Waldausgang unmittelbar vor Damm kommen wir in den Bereich der Gefechtshandlunq. Hier können wir Rot gerade beim Abstieg von den Waldhöhen hinunter in den Wiesengrund vor Damm beobachten. Ueberall im Gelände sind die Maschinengewehre eifrig an der Arbeit. Dazwischen Schützenfeuer. Auf einer Anhöhe vor Damm sind zwei Nebelkerzen im Abbrennen begriffen, deren dicke Nebelschwaden sich in Richtung des Dorfes bewegen. Anscheinend will Blau seinen Abmarsch in Richtung Lohra vor den kräftig nachdrängenden Truppen von Rot verbergen. RA als Angreifer ist jedoch dem weichenden Gegner dichtauf und geht beiderseits von Damm mit aller Energie vor. Die motorisierte Waffe macht sich in dem Gefecht durch schnelles Vorstoßen bemerkbar. Blau hat jedoch auf dem Hügelgelände und an den Waldrändern vor Lohra geschickt postierte Maschinengewehrnester eingerichtet, die das Gelände gut und auf ziemlich weite Sicht unter Feuer halten können. Das Gefecht zieht sich bis weit in den Nachmittag hinein bin. Erst um 16.15 Uhr ertönt das Signal „Das Ganze halt". Das Gefecht ist damit unmittelbar vor Lohra zum Abschluß gekommen.
Der Regimentskommandeur, Oberst Herrlein, der in Begleitung des Kommandeurs des II. Bataillons, Oberstleutnant Maack, die fechtende Truppe überall im Gelände beobachtet hat, versammelt die Ofsiziere des Bataillons auf einer Anhöhe vor Lohra zur Besprechung des Uebungsverlaufs um sich. Der Uebungsleiter, Major Freiherr von Kittlitz, bespricht zunächst die Einzelheiten der Gefechtshandlung. Sodann macht der Regimentskommandeur, Oberst Herrlein, die Offiziere mit feinen Eindrücken und Wünschen eingehend bekannt.
*
Sofort nach Uebungsabbruch beginnt der Abmarsch der Kompanien zu dem befohlenen Biwak
platz. War schon beim Gefecht die Bevölkerung, insbesondere natürlich die Jugend, mit größtem Interesse bei den Soldaten, fto verstärkt sich nunmehr die Teilnahme des Zivils an allen soldatischen Vorgängen noch mehr. Singend ziehen die Kolonnen des Bataillons in Richtung Gladenbach. Gegen Abend rumpelt auch die Bagage in langem Zuge heran. Die Feldküchen sind natürlich das Kernstück der großen Marschkolonne.
In kurzer Zeit steht ganz Gladenbach «im Zeichen unserer 116er und ihres Manöverkriegs, der allerdings jetzt am Abend das friedliche Aussehen eines Biwaks hat. Hoch oben auf dem Schloßberg, dicht bei Gladenbach, liegt der Biwakplatz. Ein Strohhaufen und ein großer Holzstoß sind bereitgestellt worden. Zunächst wird aber erst der Magen gestärkt. Aus den Feldküchen gibts eine gute Erbsensuppe mit Speck. Die Vorbereitungen für das nächtliche Lager unter freiem Himmel werden indessen ununterbrochen.fortgesetzt. Dann beginnt der Bau der Zelte. Stroh von dem großen Haufen wird von den Mannschaften unter den niedrigen Zeltdächern verstaut. Dann wird noch einmal Verpflegung empfangen, die allerdings nicht für den Abend, sondern für den Freitagmorgen beftnmmt ist. Jeder- man empfängt die Verteilung kann erst bei schon fast völliger Dunkelheit vor sich gehen —, einen tüchtigen Zacken Brot, dazu gute Butter und ausgezeichnete Hartwurst. Mancher „Landser" probiert noch am Abend wenigstens an einem Stück, wie alles schmeckt.
Mittlerweile ist es vollkommen Nacht geworden. Das Zeltlager ist fertig hergerichtet. Nun wird der mächtige Holzstoß des Biwakfeuers angebrannt. Die Negimentsmusik erscheint. Mit ihr kommen viele Einwohner von Gladenbach, vor allem zahlreiche junge Mädchen, aber auch junge Männer, die sich diesen Betrieb, der vielleicht auch für sie in nicht allzu langer Zeit praktische Bedeutung haben wird, ansehen wollen. Um das mächtige Lagerfeuer bildet sich ein großer Kreis. Mit den Soldaten stehen oder lagen die Männlein und Weiblein, jung und alt, aus Gladenbach in froher Stimmung vor dem mächtigen Lagerfeuer. Die Regimentsmusik erfreut durch flotte Märsche. Zwischendurch spielt sich der übliche „Lagerzirkus" ab, 'für dessen Ausgestaltung einige witzige Spaßmacher von den Soldaten unermüdlich sorgen. Es ist eine stimmungsvolle nächtliche Stunde, die man da auf der Bergeshöhe am lodernden Feuer unter sternklarem Himmel und bei herrlich aufgehendem Mond erlebt. Rege ist andauernd der Zustrom aus. dem Städtchen zum Biwakplatz im Gange. Und wenn auch der im Lagerplatz „Orts- unkundige" sich nur mit einer gewissen Vorsicht durch die Wagenburgen und die Zeltgassen hindurchschlängeln kann, so verdrießt das doch niemand. Denn schön ist ein solcher Biwaksbetrieb immer wieder, und selten genug hat ja ein so abgelegenes Städtchen wie Gladenbach ein derartiges Ereignis. Gegen 22 Uhr räumen wir aber das Feld. •
Die Fahrt der Gießener Pressevertreter, denen der als Presseoffizier bestimmte Oberleutnant D a - lichow ein unermüdlicher und sorgsamer Begleiter ist, der allen Wünschen der beobachtungsfreudigen Pressemänner bereitwilligst Erfüllung verschafft, geht trotz der vorgerückten Abendstunde noch nicht der Heimat zu. Mit Kraftwagen gehts erst noch einmal hinüber zum Biwak des I. Bataillons, das sich, nach seinen Anstrengungen am ersten Uebungstage an dem Waldrand des „Dellscheid" unmittelbar bei dem kleinen Dörfchen Willershausen befindet. In diesem Biwak brennt nicht nur ein Lagerfeuer, sondern hier hat sich jede Kam- panie ihr eigenes Feuer hergerichtet. Die Regimentsmusik hat auch hier vor einer guten Stunde die Kameraden erfreut.
Nun ist es in dem Biwak wesentlich stiller geworden. Da Willershausen nur ein kleines Dörfchen
mit etwa hundert Einwohnern ist, sind auch nur wenige Zivilisten an den Lagerfeuern zum Besuch erschienen. Aber bas „männliche und weibliche junge Deutschland" des Dorfes ist doch zugegen und vereint sich mit den jungen Kameraden im Soldatenrock bei frohem Gesang schöner Soldaten- und Volkslieder. Wundervoll hört sich der prächtige Gesang am Waldesrand beim prasselnden Feuer in der dunklen Nacht an. Der immer weiter heraufsteigende Mond bereichert das herrliche nächtliche Bild. Jedoch empfindet man hier, wie auch auf dem Schloßberg bei Gladenbach, daß die Nacht reichlich kühl werden wird. So rückt man denn immer mehr
werden beim Einkauf von ErdaB jetzt gesparF und zur noch besseren täglichen Erdal Schuhpflege verwendet. - Dann halten die Schuhe u.bleiben länger schön!
um die Feuer zusammen. Und wenn auch die Front nach dem Feuer zu gewissermaßen „Afrika" ist und der Rücken so etwas wie den „Nordpol" darstellt, so ist's doch schön, denn von Zeit zu Zeit nimmt man eben durch eine Kehrtwendung einen Frontwechsel vor, und alles ist in bester Ordnung. Die Gießener Pressemänner mit ihrem militärischen Begleiter folgen dem'löblichen Beispiel ...
Nachdem noch kurz der Kommandeur des I. Bataillons, Oberstleutnant Wjese, mit seinen Offizieren begrüßt worden ist, macht sich das Pressetrio zur nächtlichen Heimfahrt fertig. Dor deren Beginn macht man jedoch in Willershausen noch eins interessante Bekanntschaft. Bei einem Kolonnenfuhrwerk steht ein Mann im eisgrauen Vollbart. Ein Soldatenmantel wärmt den Mann. Die Erscheinung dieses Alten ist hier ganz ungewöhnlich. Wir sprechen mit ihm und erfahren, daß er der 82 Jahre alte Philipp Groth I. aus Echzell (Wetterau) ist, dessen Pferdegespann zur Fuhrleistung für das Regiment in Anspruch genommen ist. Er sagt uns: „Wo meine Pferde sind, da will ich auch sein." Und so macht dieser würdige Alte, ein begeisterter alter Soldat und liebevoller Pfleger seiner beiden Pferde, trotz seines Greisenalters frohgestimmt und stark interessiert den Manöverkrieg unserer 116er mit.
Es geht mittlerweile auf 23 Uhr. Die Soldaten sind immer mehr in ihrem Zeltquartier verschwun-
3n der heutigen Ausgabe der Zamilienblätter beginnen wir mit dem Abdruck eines neuen Romans unter dem Titel „Christine von Mi lotti". Oer bekannte Berliner Publizist Rolf Brandt schrieb in dieser von inneren wie äußeren Spannungen getragenen Erzählung die Lebens- und Herzens- geschichie einer jungen Frau und Künstlerin. Diese Christine ist ein sehr anmutiges Geschöpf von ausgeprägtem Charakter: es gelingt ihr auf eine bezwingende Weife, dem Zufallsgeschenk eines berühmten Namens den Sinn zu geben, der ihrem Wesen und ihren Gaben entspricht, sich ein eigenes Leben zu formen, das nach manchen Kämpfen und manchem Verzicht eine glückliche Erfüllung bedeutet
MM du zurück,Sore?
Vornan von Hedda Lindner.
Copyright by Carl Duncker Verlag, Berlin W 35.
16 Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)
Auf ihn, den Mann, den eine schwere Enttäuschung gleichsam innerlich zugeriegelt hatte wirkten natürlich diese Tage anders als auf die Frau, die frei genug war, einem Erleben zugänglich zu sein. Gerald hatte vorher wochenlang versucht, seine Gedanken in Alkohol zu ertränken, war aber doch 3U gesund, um sich nicht gleichzeitig gegen diese Art von Betäubung zu wehren. Darauf hatte er es mit körperlicher Anstrengung versucht und rannte bis zur Erschöpfung in den Bergen umher. Als er dabei auf die Frau traf, nahm er sie ebenfalls als ein Betäubungsmittel, nur weniger gefährlich als der Alkohol.
Dann merkte er, daß sie ein guter Wander- kamerad war, weder verweichlicht noch launenhaft, also eine Art Frau, die er bisher nicht gekannt hatte. Ihre Gegenwart hinderte ihn, sich Grübeleien hinzugeben, genau wie er es erhofft hate; daß sie ihn darin nicht enttäuschte, weckte eine gewisse Dankbarkeit in ihm neben freundschaftlicher Zuneigung. Aber darüber hinaus gingen seine Empfindungen nicht, abgesehen von dem körperlichen Wohlgefallen, wie es ein Mann an einer gut ausseh end en und gepflegten Frau hat.
Darum hatte er sich auch über die Trennung nicht ckllzuviel Gedanken gemacht. Sie stand von vornherein fest, und in dem Leben, das er fortan fuhren wollte, war für Frauen kein Platz, und er hatte mit der Unbekümmertheit des Mannes angenommen, daß auch für sie mit diesen vierzehn Tagen die Angelegenheit erledigt sei.
Aus dieser bequemen Selbsttäuschung riß ihn die Szene oben auf dem Jungfraujoch, und dai er em anständiger Kerl war, bekam er einen furchtbaren ‘ Schreck. Der Frau das Opfer dieser Tage damit entlohnen, daß er sie in Konflikte stürzte, das war das letzte, was er wollL, und er hielt es für das richtigste, sich sofort von ihr zu trennen und ihr die Schmerzlichkeit des Abschiednehmens zu ersparen. .
Als sie dann zum letzten Male nebeneinander tn ihren Stühlen lagen, fühlte er zu seinem eigenen Verwundern ein leises, bdhrendes Unbehagen bei dem Gedanken, daß diese Trennung endgültig sein
würde. Es war fein Schmerz, feine Trauer, nichts, was seinen Entschluß auch nur im geringsten beeinflußt hätte, aber im letzten Augenblick doch stark genug, um ihn zu diesem Kuß zu veranlassen, den Dore nie vergaß. Denn dieser Kuß galt ihr, ihr allein und nicht dem Schatten, den sie bekämpfen sollte.
Er fuhr nach Bern, erledigte die letzten Formalitäten und war tags darauf schon unterwegs nach Genua, um nunmehr dort zu warten, bis fein Schiss nach Oftafrifa ging.
Die Kasseplantage „Kwa Ngvma", am Fuß des Kilimandscharo gelegen, gehörte dem ehrenwerten Gien Ashton. Er war der dritte Sohn des Lord Curwen und gleichzeitig der um zwei Jahre ältere Bruder von Diana von Heßling, der einzigen Tochter unter den drei Söhnen. Da nun nach englischer Sitte der Aelteste Titel und Besitz erbte, da außerdem nach ein zweiter Sahn als Titelanwärter da war, falls dem Aeltesten etwas zustteß, zog Gien es vor, sich ein eigenes Leben aufzubauen und ging nach Afrika.
Geselliger Natur war er nie gewesen. Das Leben dort sagte ihm zu, also blieb er und siedelte sich an. Glück — was immer dazu gehört — hatte er auch, und nach zehn Jahren bereits war Kwa Ngoma ein stattlicher Besitz und durchaus geeignet, seinen Mann zu ernähren.
Er war von den Brüdern Diana am meisten verbunden gewesen, schon weil er ihr im Alter am nächsten stand, darum hielt er auch mit ihrem Sohne eine zwar lockere, aber doch nie abreißende Verbindung aufrecht. Als nun für Gerald seine Welt zusammenbrach und er nur den einen Gedanken hatte: fort, so weit wie möglich, da wandte er sich an seinen Onkel Gien. Er legte ihm genau den ganzen Sachverhalt dar und bat um Aufnahme.
Die Antwort war ein Kabel: „Willkommen!"
©len Ashton hatte keinen Augenblick gezögert, den Sohn seiner einzigen Schwester bei sich aufzunehmen, das war eine Selbstverständlichkeit, die keiner Ueberlegung bedurfte.
Von seinem Neffen hatte er die unklare Vorstellung eines hochaufgeschossenen, stillen Jungen, aber keine Ahnung, wie er sich inzwischen entwickelt haben machte. Was er bei seinen gelegentlichen Besuchen in Europa an jungen Männern erlebt hatte, weckte die schwärzesten Befürchtungen in ihm.
Er wurde auf das angenehmste enttäuscht. Dieser ruhige, schweigsame Gerald störte nicht im geringsten im Gegenteil, er schien selber froh, wenn man ihn'in Ruhe ließ. Nur um Arbeit, um viel Arbeit hatte er gebeten, und da paßte es ausgezeichnet,
daß gerade jetzt der Besitzer der Nachbarfarm „(Engere Nairobi" dringend nach Europa reifen mußte und Gien gebeten hatte, feiner Frau zur Seite zu stehen. Frau Margarete Zander war zwar außerordentlich tüchtig, aber es gab doch allerhand Dinge auf einer großen Pflanzung, die besser durch einen Mann erledigt wurden, und sie hatte außerdem drei Kinder zu betreuen. Durch Geralds Anwesenheit war es Gien möglich, jeden dritten Tag in (Engare Nairobi nach dem Rechten zu sehen.
Gerald fand sich mit einem erstaunlichen Anpassungsvermögen in das einem deutschen Landwirt doch immerhin ungewohnte Dasein eines afrikanischen Kaffeepflanzers, und nach einigen Wochen ertappte ©len sich dabei, daß er es sogar ganz angenehm fand, einen zweiten Stuhl auf der Veranda zu haben, ein zweites ©las Whisky auf dem Tisch und dazu einen Menschen, der so von seiner Art war, daß gelegentlich hingeworfene Sätze genügten, um völliges Verstehen zu vermitteln.
lieber Geralds Angelegenheit war nur einmal gesprochen worden, bald nach feiner Ankunft, als er die Schilderung feines Briefes wiederholte und vervollständigte. Sein Onkel hatte schweigend zugehört. Nur der Bericht der Scheidung löste besonders heftige Dampfwolken der von ihm unzertrennlichen Pfeife aus, begleitet von einem Knurren, das sicher kein Kompliment für die schöne Carola bedeuten sollte. Am Schlüsse hatte Gien nur kurz genickt und nach einigem lleberlegen gesagt: „Well, du mußt hindurch, da hilft nichts. Es braucht Zeit, und die hast du hier."
Dann hatten sie nie wieder davon gesprochen.
Die beiden Männer saßen in bequemen Schaukelstühlen auf der Veranda, das übliche Glas Whisky neben sich, die Pfeife im Mund, und lasen Zeitung. Sie sahen beide etwas strapaziert aus; denn sie hatten einen anstrengenden Tag hinter sich. Aber man konnte trotzdem feststellen, daß Gien Ashtvn seine sechzig Jahre nicht anzumerken waren. Der hagere, vom Klima ausgedörrte Körper war stärker gewesen als Fieber und Tropenkrankheiten, und der Blick der scharfen blauen Augen noch ungetrübt; nur der Schädel war völlig kahl.
Die Schwarzen hatten einen Mordsrespekt vor ihrem „Mbana Mkubwa", ihrem „großen Herrn". (Er wußte sie zu behandeln mit der richtigen Mischung von Strenge und Freundlichkeit, die Achtung und Vertrauen erweckte. Vertrauen auch, es war selbstverständlich, mit allen Nöten zum Mbana Mkubwa zu gehen.
Auch heute wieder; ein durchdringendes Geheul drang aus der Ferne in ihre behagliche Ruhe. „De- oil, was ist das wieder für ein Matata!" brummte
Ashton mehr ärgerlich als besorgt. Er sprach eine wunderliche Mischung von Englisch und Suaheli — wie alle Leute hier oben.
Das Geheul kam näher und jetzt unterschied man einzelne Rufe, die beide Männer nun doch erschreckt von ihren Stühlen hochfahren ließen. „Nyoka, Nyoka, Schlange, Schlange!!"
„Verdammt!" fluchte Ashton und griff nach seinem Tropenhelm. „Wenn das eine Puffatter war, ist der arme Kerl geliefert. Aber ich kann ihn wenigstens mit. Alkohol vollpumpen, dann ftirbt er leichter." Er ergriff die Whisky flasche und sprang die Stufen hinunter. Gerald ihm nach. Sie waren kaum ein paar Schritte gelaufen, da bog auch schon der heulende Trupp um die Ecke
Ein paar kreischende Weiber und in ihrer Mitte, von zwei Männern geführt, einer der schwarzen Arbeiter, der laut stöhnend seine Augen mit beiden Händen bedeckt hielt.
- Ashton blieb stehen, als er den Auszug sah. „Keine Puffotter, Gott sei Dank", sagte er, erleichtert aufatmend. „(Eine Speischlange nur, auch scheußlich, aber das werden wir schon kriegen." (Er trat auf die Veranda zurück und winkte den Männern, den Kranken zu ihm zu führen. „Die Weiber bleiben unten und halten erst mal das Maul", brüllte er ihnen zu. Das half. Es trat eine Stille ein, und er konnte sich schildern lassen, wie Nasoro beim Arbeiten in der Pflanzung auf die' Schlange gestoßen war, die ihn sofort mit ihrem giftigen Speichel geblendet hatte. „Nun nimm mal die Hände runter!" befahl Ashton.
„O bana, ich nie wieder sehen, ich große Schmerzen", stöhnte der Mann.
„Glaube ich dir mein Junge, trink mal ordentlich!" Er hielt ihm ein großes Glas reinen Whisky an die Lippen. „Und mit dem Blindwerden, das ist nicht so eilig, das wollen wir erst mal abwarten.
Es ging eine solche Sicherheit von ihm aus, daß Nasoros Stöhnen nachließ. Außerdem begann der Whisky feine wohltuende Wirkung auszuüben. „Nun setz dich hier her und warte einen Augenblick! Ich komme gleich wieder." Ashton verschwand.
„Siehst du, bana fuba wird dir helfen, er hilft immer", sagte einer der beiden Begleiter tröstend zu dem Verletzten.
Ashtvn erschien wieder, eine Schale mit einer braunen Flüssigkeit und Verbandsstoff in der Hand. Er wusch die Äugen des Mannes sorgfältig mit der dünnen Lauge aus und legte dann eine schützende Binde darüber, Nasora hielt still, ohne einen Laut von sich zu geben.
(Fortsetzung folgt!)


