Ausgabe 
15.11.1938
 
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Itr. 268 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Dienstag, 15. November (938

Lichtspielhaus:$rau Sixtos

Es ist etwas vom ruhigen Atem und vom epi­schen Fluß des Romans von Ernst Zahn in die­sen Film übergegangen, auch von seiner schwer­flüssigen Dramatik, obwohl hier gewiß alle Vorbe­halte geltend zu machen sind, die fast stets bei der Uebertragung einer Erzählung in die andere Form des Films sich anmelden: zumal das Problem im Roman noch schwieriger ist, und der Konflikt noch verschärft; es geht um die alte, nie gelöste Frage, die sich aus der Stellung des Mannes zwischen zwei Frauen ergibt. Der Konflikt vertieft sich naturge­mäß, wenn die beiden Frauen Mutter und Tochter sind, zwischen denen die ehrliche Neigung des Man­nes schwankt, und wenn der Mann überdies ein Fremder ist, der von der kleinen festgefügten Ge­meinschaft des Alpendorfes als Eindringling und Störenfried empfunden wird. Dies bleibt, wieder­um naturgemäß, nicht ohne Einfluß auf die Ent­scheidung der Mutter, die ihr Glück dem des Kin­des ohne große Worte selbstverständlich zum Opfer bringt. Der Spielleiter Gustav U c i ck y hat den Konflikt kräftig herausgearbeitet und den Stil sei­ner Darsteller in einen schönen Einklang mit der großartigen Natur ringsum gebracht; es gibt eine Reihe von Szenen in diesem Film, die wie aus den Landschaften Segantinis oder aus den monu­mentalen Bauernbildern von Egger-Lienz heraus­geschnitten scheinen, und diese Bildhaftigkeit (an der Kamera: Hans Schneeberger) gehört zu den unbestreitbaren Verdiensten des Films, für den Max Mell und A. Kutter das Drehbuch ge­schrieben haben. Für Franziska K i n z war die Rolle der Frau Sixta eine wunderbare Aufgabe, die sie vollkommen ausfüllt; sie ist gebürtige Tiro­lerin und sie gibt dieser Frau und Mutter so viel natürliche Würde und strenge Anmut, ja eine ge­wisse Monumentalität des schauspielerischen Aus­drucks, daß ihre Erscheinung immer in der Mitte und im Schwerpunkt der Handlung steht, selbst in den Szenen noch, denen sie fernbleibt. Gustav Fröhlich (Markus) und Ilse Werner (Otti) gehen mit Ernst und echtem Gefühl gegen die von Natur aus blasseren Konturen ihrer Rollen an. Einige Figuren an der Peripherie des eigentlichen Konflikts sind sehr lebendig erfaßt: vor allem Gustav W a l da u als Baron Kramer, Willy Rös­ner (Vorsteher), Josef Eich he im (Roßknecht) und die kürzlich von Trenker herausgestellte Heide­marie H a t h e y e r sind hier namhaft zu machen» (Ufa.)

Im Beiprogramm sieht man die neue Tobis- Wochenschau und einen KulturfilmJugend im Tanz", der von der Arbeit in einer Berliner Opern, balleüjchule berichtet. Hans Ttync*

Aus der Stadt Gießen.

*Zch bin unmusikalisch."

Von Dr. Günter Schab.

Dieser Satz ist so oft zu hören, wenn der oder jener den Rundfunkapparat ausschaltet, sobald die Ansage einer gewichtigeren instrumentalen Sendung eineSinfonie" oder auch nur einOpus" verheißt. Ich verstehe nichts von diesen Dingen", sagt der Unmusikalische", wenn man ihn' aussordert, mit in einen Quartettabend, oder etwa zum Gastspiel eines hervorragenden Pianisten zu kommen. Einige be­dauern es vielleicht so ohnehin, in der Jugend nicht genügend oder gar nicht für die Aufnahmeschwerer Musik", wie sie es nennen, vorbereitet worden zu sein, geschweige denn dafür, selbst richtig zu fingen, oder gar ein Musikinstrument mit einiger Sicher- heit zu beherrschen. Sie haben nicht unrecht mit dieser Feststellung des Bedauerns. Denn aus dem Nichts erwächst kaum je eine Verbundenheit mit künstlerischen Werten. Es müssen schon Anregun­gen vorhanden gewesen sein, und die Er-

Du gehörst in die stiiksgemeinschnp für das gesunde Leben k

werde Mitglied der NSv.

ziehung muß darauf hingewirkt haben, daß dem jungen Menschenkind die Augen, die Ohren und das Herz aufgingen für Werte, welche das Leben zu steigern vermögen.

In der Tot hat sich früher die Schule allzuwenig um den Musikunterricht gekümmert, und nicht je­des Elternhaus war bereit, diesen Mangel auszu­gleichen; ganz abgesehen davon, daß die Väter und Mütter sich die zusätzlichen Ausgaben hierfür auch nicht immer leisten konnten. Hier greifen die Reichs- und Parteidienststellen jetzt tatkräftig ein. Alles, was in der kommenden Zeit zurErrichtung von Musikschulen" für Jugend und Volk geplant ist, läuft auf eine großzügige Förderung unserer an sich so musikfreudigen Jugend hinaus. Das Volk soll von Jugend auf an eines der schönsten Kulturgüter herangeführt werden, die wir besitzen: an die deutsche Musik! Finanzielle Hindernisse gibt es nicht mehr. Schon das Schulkind im achten Le­bensjahr lernt die Grundlagen alles Musizierens kennen. Und die Noten! Jeder kommt an Instru­mente heran fei es das Klavier, die Geige, die Blockflöte, Handharmonika usw., die ihm per­sönlich liegen. Und wer sich besonders bewährt hat, wird in die schon etwas höheren Geheimnisse der musikalischen Kunst eingeführt. Im Uebrigen haben wir zahlreiche Möglichkeiten, uns in der Gemein­schaft bzw. im Musikunterricht evtl, bis zur künst­lerischen Reife weiterzubilden.

Das ist der richtige Weg, Fähigkeiten, die so un­gefähr in jedem Deutschen schlummern, erst einmal locker zu machen. Denn wir sind im Grunde ein sehr musikalisches Volk! Und wer niemals angeregt wurde, natürliche Anlagen auch zu betätigen und zu entwickeln, der läßt etwas Schönes in sich ver­kümmern. Es ist sehr erfreulich, daß dieser allge­meine Wandel sich nunmehr vorbereitet. Die junge Generation hat es besser, als die Aelteren! Sie er­fährt nun eine Betreuung auch auf künstlerischem Gebiete, die es früher nicht gab. Die deutschen Mu­sikerzieher und die ausübenden Künstler werden etwas davon haben, weil sich in absehbarer Zeit naturnotwendig die Schicht der Aufnehmenden we­sentlich verbreitern und vergrößern wird. Auch die Hörer von musikalischen Veranstaltungen haben etwas davon, weil sie ja alle selbst sich, je nach Nei­gung, Können und Veranlagung betätigen und dann wissen werden, daß selbsterarbeitete Musik die Sinne schärft und die Kraft der Einfühlung in Kunstwerke wachsen läßt. Die Werke der großen Meister aber werden in viel höherem Maße zum Allgemeingut des Volkes werden. Denn niemand, er fei denn wirklich unfähig zum Mitschwingen aber das ist einer der ganz seltenen Ausnahmefälle darf dann noch sagen:Ich bin unmusikalisch."

Donwtizen.

Tageskalender für Dienstag.

Stadttheater: 20 bis 22 UhrFlachsmann als Erzieher". Gloria-Palast (Seltersweg):Veri trauensbruch". Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): Frau Sixta". Oberhessischer Kunstverein, Gie­ßen- 16 bis 18 Uhr AusstellungDas alte und das neue Gießen". 20.30 Uhr im Anatomischen Institut, Bahnhofstraße 84, Vortrag von Professor Elze:Aus der Werkstatt des Anatomen". Kreis- musrkerschast Gießen: 20 Uhr, Neue Aula,Tag der deutschen Hausmusik".

Vereidigung der Rekruten am 2S.Aovember.

Oie Bevölkerung als Zuschauer willkommen.

Von dem Standortältesten der Garnison Gießen wird uns mitgeteilt:

Am Freitag, 2 5. November, 11 Uhr, findet auf dem Trieb zwischen Artilleriekaserne und Volkshalle die Rekrutenvereidigung der Gießener Truppenteile statt. Die Veran- ftaltung wird folgenden Verlauf nehmen:

Zur Abholung der Fahnen und der Standarte aus dem Dienstgebäude des Divisionskommandeurs rückt die Fahnenkompanie mit Musikkorps und Spielleuten so aus der Bergkaserne ab, daß sie um 10.15 Uhr mit dem Feldzeichen von der Zeug­hauskaserne abmarschieren kann.

Marschweg hin: Licher Straße, Moltkestraße, Senckenbergstraße, Landgraf-Philipp-Platz, Zeug­hauskaserne.

Marschweg zurück: Zeughauskaserne, Land- grafenstraße, Hitlerwall, Moltkestraße, Kaiserallee, Trieb.

10.40 Uhr wird die Aufstellung der Truppenteile auf dem Trieb beendet sein.

10.50 Uhr marschiert die Fahnenkompanie mit den entrollten Fahnen und der Standarte ein.

Die gesamte Aufstellung wird dem Standortälte­sten, Generalleutnant Oßwald, durch den Kom­mandeur JR. 116 gemeldet. Der Standortälteste schreitet die Front ab. Sodann werden die Fahnen und die Standarte zu ihren Truppenteilen über­bracht.

Nach kurzen Ansprachen der Geistlichen beider Konfessionen und des Standortältesten wird die

eigentliche Vereidigung in feierlicher Form vorge­nommen.

Der feierliche Akt wird darauf mit dreifachem Sieg-Heil auf Führer und das Deutsche Reich und Volk abgeschlossen. Das Musikkorps spielt die Na­tionalhymnen.

Danach rücken die Fahnen und die Standarte wieder an den rechten Flügel der Fahnenkompanie, und diese formiert sich zum Vorbeimarsch.

Die Truppenteile, Ehrenabordnungen und Gäste bleiben während des Vorbeimarsches der Fahnen­kompanie an dem Standortältesten auf ihren Plätzen stehen.

Nach dem Vorbeimarsch rückt die Fahnenkom­panie sofort weiter zur Abbringung der Fahnen in die Zeughauskaserne ab.

Marschweg hin: Kaiserallee, Ludwigsplatz, Neuen Bäue, Schulstraße, Kirchenplatz, Lindenplatz, Brandgasse, Landgraf-Philipp-Platz.

Marschweg zurück zur Bergkaserne: Senckenbergstraße, Hitlerwall, Ludwigsplatz, Kai­serallee, Licher Straße. Die Truppenteile marschie­ren in ihre Kasernen.

Der Bevölkerung ist die Möglichkeit gegeben, an der militärischen Feier als Zuschauer teilzunehmen. Sie wird gebeten, die für die Zuschauer vorgesehe­nen Plätze längs der Grünberger Straße rechtzeitig, d. h. bis 10.45 Uhr, einzunehmen, den Anordnun­gen der Absperrkommandos von Polizei und Wehr­macht Folge zu leisten und besonders den feierlichen Akt der Vereidigung nicht durch lautes Sprechen und Rufen zu stören.

Adler in Norddeuffchland.

Dortrag über ein interessantes Stück Dogelschutzarbeit.

Auf Einladung der Oberhessischen Gesellschaft für Natur- und Heilkunde, Naturwissenschaftliche Abtei­lung, und der Ortsgruppe Gießen des Deutschen Biologenverbandes sprach am gestrigen Montag­abend Dr. W. B a n z h a f vor den Mitgliedern der beiden Vereine überAdler in Norddeutschland".

In seinen einführenden Worten kennzeichnete Pro­fessor A n k e l Aufgaben und Ziele der neu gegrün- betenVogelschutzwarte" in Frankfurt a. M.-Rödel- heim (Schloß), deren Leiter Dr. Banzhaf ist. Vogelschutzwarten dieser Art sind ganz neuartige Gründungen, die dem Reichsforstmeister unter­stehen. Alle Fragen des Vogelschutzes und der Vo­gelhegen werden von hier aus nach einheitlichen Richtlinien bearbeitet mit dem Ziel, eine boden­ständige und artenreiche Vogelwelt in ganz Deutsch­land sicherzustellen. Don der Dogelschutzwarte Frank­furt a. M. aus werden ganz Hessen und die Regie­rungsbezirke Wiesbaden, Koblenz, Trier und die südliche Hälfte des Regierungsbezirks Kassel betreut.

Mit seinem Vortrag führte Dr. Banzhaf in die Grundlage jeder erfolgreichen Vogelschutzarbeit, in die wissenschaftliche Vogelkunde, ein und zeigte am Beispiel der norddeutschen Adler, mit welchen Mit­teln der Mensch bemüht ist, den ganzen Lebens­

ablauf der prachtvollen Vögel kennenzulernen. Welche Schwierigkeiten sind allein zu überwinden, bis es dem Forscher gelingt, den auf hohem, schwan­kenden Baum stehenden Horst aus hinreichender Ent­fernung zu beobachten oder gar zu photographieren. Nachbarbäume müssen erstiegen, Verstecke gebaut, photographische Apparate in Stellung gebracht wer­den. So entstanden packende Aufnahmen aus dem Leben des Schrei-Adlers und des riesigen Seeadlers und ein besonders eindrucksvoller Film über den Horstbau und das Brutgeschäft des kleineren Fisch­adlers. Alle drei Arten kommen heute noch in Norddeutschland vor, und vor allem Pommern mit seinen weitgespannten Flächen, seinen riesigen Seen, Haffen und Wäldern bietet reiche Beobach­tungsmöglichkeiten. Planmäßige Vogelschutzarbeit, die bei genauer Kenntnis der Lebensweise der ein­zelnen Arten wirklich mit Erfolg einsetzen kann, bietet die Gewähr, daß es uns gelingen wird, die letzten deutschen Adler zu erhalten, ja vielleicht sogar ihren Bestand wieder auf frühere Höhe zu bringen.

Die zahlreich erschienenen Zuhörer dankten mit lebhaftem Beifall für die gebotenen Einblicke in die Arbeit des Vogelforschers und Dogelschützers und für die zahlreichen eindrucksvollen Bilder.

Tageskalender für ANttwoch.

Stadttheater: 19.30 bis 22.15Rigoletto". Glo- ria-Palast (Seltersweg):Vertrauensbruch". Lichtspielhaus (Bahnhofstraße):Frau Sixta". Oberhessischer Kunftverein, Gießen: 11 bis 13 Uhr und 16 bis 18 Uhr AusstellungDas alte und das neue Gießen". Landschaftsbund Volkstum und Heimat: 15 Uhr Gang über den Alten Friedhof.

Zum lehlenmalAlachsmann als Erzieher".

Heute abend findet die letzte Aufführung des Er­folgesFlachsmann als Erzieher, Komödie in drei Akten von Otto Ernst statt. Spielleitung Dr. Hannes

Razum, Bühnenbild Karl Löffler. Die Vorstellung findet gleichzeitig als 7. Vorstellung der Dienstag» Miete statt. Anfang 20 Uhr, Ende 22 Uhr.

Der große ErfolgRigoletto".

Morgen abend findet die erste Wiederholung von Rigoletto", Oper in drei Akten von G. Verdi, statt. Musikalische Leitung Joachim Popelka, Inszenierung Wolfgang Kühne, Leitung und Einstudierng der Chöre Heinz Markwardt, Bühnenbilder Karl Löffler. Die Partie der Gilda singt Lotte Grimm a. G. vom Kölner Opernhaus. Die Vorstellung findet gleichzeitig als 8. Vorstellung der Mittwoch-Miete statt. Anfang 19.30 Uhr, Ende 22.15 Uhr.

Aus der Werkstatt des Anatomen."

Im Rahmen der von der Volksbildungsstätte Gie­ßen und deyr NSD.-Dozentendund veranstaltetes VortragsreiheWissenschaft im Dienst am Volk" spricht am heutigen Dienstag, um 20.30 Uhr, im Hörsaal des Anatomischen Instituts, Bahnhofstr. 84, der Anatom der Universität Gießen, Professor Dr, Elze, über das obengenannte Thema. Zu diesem Vortrag sind alle Volksgenossen herzlich eingeladen.

Orfsroalfung Giehen-Nord.

Die Diensträume der Ortswaltung Gießen-Nord der Deutschen Arbeitsfront befinden sich ab Dienstag, den 15. November 1938, Walttorstrahe 16 (früher Ortsgruppe der NSDAP.).

Dienststunden: Dienstags und Freitags von 20 bis 22 Uhr. 7333V

Mitglied der DAA.» vergiß bei evtl. Woh­nungsveränderung oder Arbeitsplatzwechsel deine Ummeldung nicht."

Goldenes Ooktorjubiläum.

Die Philosophische Fakultät der Universität Gießen hat dem Oberstudienrat i.R. Professor Dr. Drücket in Darmstadt das vor 50 Jahren erworbene Doktor­diplom erneuert, da erdie mathematische Wissen­schaft gefördert und zu ihrer Verbreitung bei­getragen" hat. Der verdiente Schulmann, der im Jahre 1925 pensioniert wurde, wirkte neben feiner

P Apparate und Reparaturen w Zentral-Rundflink Bahnhofstr.58Jm Hause Brinkmann

Schultätigkeit 33 Jahre lang als Assistent für Dar­stellende Geometrie bei Professor Dr. Wiener. Er erhielt einen Lehrauftrag der Technischen Hochschule in Darmstadt über Höhere Mathematik für Che­miker, Papieringenieure und Architekten, den er bis Ende 1933 ausübte.

Lubiläumskonzert

des Gesangvereins Heiterkeit.

Wie im Leben des Menschen, gibt es auch im Werden und Vergehen der Gesangvereine Augen­blicke, bei denen man zur kurzen Rast anhält, um Rückschau zu halten und Rechenschaft abzulegen. Gewöhnlich geschieht dies an den Wenden der Jahr­zehnte. So feierte vor 10 Jahren der Gesangverein Heiterkeit" sein 50. Jubiläum unter großer Anteil­nahme der Sangesfreunde aus der Stadt und dem Land.

In diesem Jahre sind es 60 Jahre, daß der Verein gegründet wurde. Es war in jener Zeit des großen wirtschaftlichen Aufschwungs nach dem Deutsch- französischen Krieg, die den Vereinsgründungen besonders günstig war. Mancher der damals ins Leben gerufenen Vereine ist wieder verschwunden, weil oft die nötige Lebenskraft fehlte oder weil allzu widrige Umstände eine Weiterentwicklung nicht zu­ließen. Auch dieHeiterkeit" ist während ihres Be-

pfitzner, Mozart, Brahms.

Zum ersten Orchesterkonzert.

Während viele schaffende Künstler erst im all­mählichen Heranreifen sich von den Einflüssen der Umwelt zu lösen vermögen und so verhältnismäßig spat zu einem persönlich ausgeprägten SM vor- stoßen, weisen schon die ersten Werke Hans P f i Ö * ne rs die ihm eigentümlichen Merkmale auf. Pfttz- ner zählt nicht zu den Vielschreibern; er kann nur schaffen, wenn ihn sein Inneres mit voller Macht dazu drängt. Jetzt, wo ein reiches Lebenswerk von ihm vorliegt, ist es von besonderer Bedeutung, wenn man sich seiner Jugendschöpfungen annimmt, wie des c-moll-Scherzos für Orchester.

Nachdem die Eltern des 1869 in Moskau Gebore­nen 1872 nach Frankfurt a. M. übergehebelt roaren, wurde der Frankfurter Lebenskreis für den Jungen entscheidend. Reiche musikalische Anregungen des Elternhauses (der Vater war am Stadttheater als Geiger tätig) bestimmten seine musikalische Entwick­lung während der Schulzeit. Vom Sommer 1886 ab be­sucht Pfitzner das Dr. Hochsche Konservatorium, des­sen Leiter damals Bernhard Scholz war, einer der Mitunterzeichner des Manifestes von 1860 gegen die Neudeutschen. Ebenso wertvoll wie der Unter­richt im Konservatorium wurde für den Werdenden der Umgang mit seinen Studienkameraden durcy die gegenseitige Förderung. Von feiten tes Konser­vatoriums fanden Pfitzners Fähigkeiten vielleicht nicht die Anerkennung, die seiner Begabung haue zukommen können. Immerhin entschloß sich die Lei­tung des Konservatoriums, das Scherzo in c-moii für Orchester an einem Uebungsabend und spater in einem Prüfungskonzert (1888) unter der Direktion von Bernhard Scholz zur Ausführung zu brin­gen. Im November desselben Jahres bestand das Werk im Symphoniekonzert des Frankfurter Pal­mengartens die Probe vor der Öffentlichkeit.

Als Leistung eines 18jährigen zeugt dieses 188/, also im zweiten Studienjahr, entstandene Scherzo von einer überraschenden Reife und einer geradezu erstaunlichen Sicherheit in der Handhabung unö Ausnutzung der klanglichen Mittel wie auch m der formalen Gestaltungskraft. Der romantische Zug, den Pfitzner in kaum einem seiner Werke verleugnet, ist auch hier umxrfennbar, sichtlich genährt von den Meistern, die ihm innerlich damals besonders naye- standen, insbesondere von Robert Schum a n n.

Zu Unrecht ist das dem Philharmonischen Orchester in Berlin gewidmet» Werk nicht so häufig zu l^e- hör gebracht worbe:.,.wie es ihm vielleicht zustande. Um so mehr wird man daher der Gießener Auf­führung mit besonderem Interesse entgegensetzen.

Das Violinkonzert hatte im 18. Jahrhundert sowohl in Italien wie auch besonders in Frankreich, der mu- ikalischen und geistigen Haltung des Landes ent- prechend, eigene Züge gewonnen. Diese wirken in den fünf Diolin-Konzert en Mozarts, die während seiner letzten Salzburger Zeit (1775) ent- standen, nach. Hier zeigt sich der junge Mozart in dem galanten apollinischen Ton als Kind seiner Zeit, und doch läßt es immer wieder aufhorchen, wie er Ueberfommenes, Fremdes und Bodenständiges mit Eigenem durchdringt und den klassischen Typus des Violin-Konzertes heranbildet. Das Soloinstrument wird auf dem Untergründe des mit vielen Fein­heiten behandelten Orchesters zum Ausdrucksträger eines reichen, stark pulsierenden Innenlebens, dabei stets das Geltungsbedürfnis des Solisten den musi­kalischen Bindungen unterorbmmb.

Nach ben symphonisch angelegten Orchester-Tutti des ersten Satzes führt sich das Soloinstrument mit einem einhaltenben Abagio fast rezitativartig bekba- mierenb ein; erst bann entwickelte sich bas Allegro aperto mit feiner Fülle von anmutigen Schönheiten. Von inniger Wärme durchflutet, schwingt sich bie gesangliche Linie burch das Adagio. Das Finale stellt ein Menuett-Thema an die Spitze, das zum Hauptgedanken einer rondoartigen Entwicklung wird. Dann fügt sich aber ein Zwischensatz (V«-Takt) ein, der in feiner Moll-Bedingtheit und seinen rhythmi­schen Akzenten ein eigenes, fremdartiges ©epräge trägt. Die Wiederaufnahme des Menuett-Gedan­kens führt im Schluß zu einem gelösten klanglichen Entschwinden der letzten Takte.

*

Die letzte Symphonie von Brahms (e-moll) gibt einem Lieblingsthema desKomponi­sten Raum, dem Gedenken an die Vergänglichkeit, dem er zumal im Requiem und mehr noch in sei­nen vier ernsten Gesängen nachhängt Brahms hatte, als er die Symphonie schrieb (1885 voll­endet), das fünfzigste Lebensjahr überschritten und war sowohl- in der Beherrschung der Mittel rote m der endgültigen Formung seiner musikalischen Ge­danken zu einem letzten Grad der Reife und In­tensivierung gelangt. Mag rückblickende Erinnerung in dieser Symphonie mitschwingen, ein gewisser Zug von Resignation sich hervorheben, bann aber tritt es uns wie ein Träumen des Norddeutsc^n entgegen mit herben Zügen ungefüllter Sehnsucht.

Das bestätigt der erste Satz mit seinen elegischen, an ben Ton einer nordischen Ballade gemahnen­den Hauptthema, das sich in eigenartigem Reiz der instrumentalen Untermalung ausbreitet, wahrend der Gegengedanke sich mit rhythmischer, kraftbe­wußter Bestimmtheit einführt: die weitere Fort- lentokttung strebt melodischer Auswertung zu. Im­

mer wieder aber kündet sich ein Zug, der fast an bas Jenseitige rührt. Die Durchführung selbst ist verhältnismäßig kurz, sie verliert sich im Ab­sinken; bie Wiederkehr der Themen kündet sich durch bie rhythmische Vergrößerung bes Hauptgedankens an; bie Coba selbst läßt das Hauptthema in Bässen und Hörnern zu machtvoller Ausbreitung heran- wachsen.

Eine eigene Welt eröfnen in rosigen Takten bie Hörner und Holzbläser im Andante moderato, bis der Hauptgedanke im Gesang der Klarinette zu dem Pizzicato der Streicher Gestalt gewinnt. Die Grundtonart des Satzes (E-dur) findet in ihrer Ab­wandlung durch kirchentonartige Züge ganz beson­dere Ausdruckswerte; der Gesang der Celli führt das zweite Thema ein. Gerade dieses Andante wird in feiner Eigenart zu einem der schönsten lang­samen Symphoniesätze.

Dem stellt sich ein Scherzo (Allegro giocoso) ent­gegen voll ungebrochener Lebenskraft und Eigen­willigkeit; ein graziöses Seitenthema läßt das Hauptthema sich zu momentan visionärer Besinn­lichkeit versinken. Dann aber bricht dieses mit un­gebeugtem Willen wieder hervor. Dem Jnstrumen- talgewand dieses Scherzos geben kleine Flöte, Triangel und Kontrafagott besondere Farbe.

Das Finale nähert sich der Grundstimmung des deutschen Requiems. Dem Rückblickenden gilt Brahms' besondere Bestätigung, indem er hier eine alte Form aufgreift, die Ciaconna. Ein von den Bläsern eingeführtes achttakttges Thema kehrt ein- unddreißigmal wieder und wird der Abfolge der Variationen zum leitenden Grundgedanken. Ab­weichend also von dem tradittonellen symphonischen Aufbau zwingt sich hier der Meister durch bie enge Binbung an bas gestellte Thema zu äußerster Kon­zentration in ber Ausschöpfung mit der Kraft ber Einbringung in immer neuer seelischer Tiefgründig­keit; vom Versinken im stärksten Schmerz bis zu größter innerer Erregtheit und Fassungslosigkeit, bis zum Gefühl der Geborgenheit in ber tröstenden Kraft des Chorals. Was Brahms hier in ber Vielseitigkeit seines musikalischen Ausdrucksvermö- gens dem Grunbthema abgewinnt, läßt uns auf bas Überzeugendste Einblick in feine hohe Meister­schaft gewinnen, wie er in ständig wechselndem Gewände aus dem Grundthema neues Leben in den sich bildenden Nebenstimmen, neue Farbigkeit des instrumentalen Klanges entwickelt und die Tiefe des Ausdrucks in zwingendster Gestaltung erschöpft. Ein einzigartiges Beispiel in ber Geschichte ber

Symphonie.

Dr. Hermann Hering.