Hausmusik und Gießener Konzertwinier.
Don Karl Ehrist, Musikbeaustragtem der Stadt (Siegen.
und seine Mitarbeiter vollbracht haben: Hm den 1800 Familien, die in diesen Tagen von Italien nach Libyen verpflanzt wurden, die Möglichkeit zu geben, ohne Zeitverlust ihre landwirtschaftliche Tätigkeit aufzunehmen, mußten nicht nur die Häuser und Dörfer bis zum letzten Nagel fertiggestellt werden, sondern es mußten 73 000 Hektar Land vorbereitet, gerodet, eingeebnet uud umgepflügt werden. Da die Bau- und Landarbeiten nicht mehr als etwa sieben Monate dauern durften, wenn die Siedler noch rechtzeitig zur Herbstsaat auf ihren Gütern eintreffen sollten, mußten etwa 33 000 Arbeiter eingesetzt werden, und dies in einer Zeit, in der ganz Libyen, von der Hauptstadt Tripolis bis hinunter ins kleinste Araberdorf, ein riesiger Bauplatz ist. Infolgedessen mußten 5000 Arbeiter aus Italien geholt werden. Die Gesamtausgaben der Regierung und der mit der Siedlung betrauten Körperschaften stellten sich auf 510 Millionen Lire.
Wir sahen Marschall Balbo auf einem Rundgang durch das Zeltlager in Zliten, in dem 450 Siedlerfamilien übernachteten, da sie ihre neue Heimat nicht in einem Tage erreichen konnten. Für jeden hatte er ein freundliches Wort, erkundigte sich nach den Familienverhältnissen, der Kinderzahl, den Kriegsdiensten der Männer, nach der Verpflegung. Und als gerade ein Soldat mit einem großen Kessel Nudelsuppe über die Zeltgasse lief, da ließ er sich von ihm einen Löffel geben, wische ihn an ben, Marschallstreifen seines Aermels ab und führte eine kräftige Kostprobe zum Munde, an der er übrigens nichts auszusetzen fand.
Auch von den Arabern wurde Marschall Balbo mit offensichtlich aufrichtiger Begeisterung begrüßt, als er in den beiden Dörfern El'Glaa und El Atrun erschien, die von der libyschen Regierung ausschließlich für die mohammedanischen Eingeborenen errichtet werden. Vier weitere Dörfer sollen noch im nächsten Jahre gebaut werden. Diese Em- geborenensiedlung stellt einen neuen interessanten Abschnitt der faschistischen Polittk gegenüber den Arabern dar. Italien unternimmt zum erstenmal unter allen Kolonialmächten den Versuch, die nomadisierenden Eingeborenen an die Scholle zu fesseln. Jedes Dorf wird eine Moschee, die Amtsgebäude, eine Schule, eine Markthalle und etwa 30 Häuser umfassen. Die beiden ersten der Vollendung entgegengehenden Dörfer liegen in einem Talkessel in der Nähe des Meeres: ein über die Hänge herabplätschernder Bach liefert für beide Dörfer genügend Wasser. Infolgedessen ist eine intensive Bewirtschaftung der Grundstücke von je 1,5 Hektar, die den Arabern kostenlos überlassen werden, möglich, so daß die Eingeborenen ebenfalls an der Verwirklichung der wirtschaftlichen Unabhängig keit des Landes" Mitarbeiten. Daneben sollen sie jedoch die Viehzucht, die sie bisher fast ausschließlich betrieben, fortsetzen: durch Verbesserung der Tränken und Weidegründe in Ostlibyen und der Sorte soll sogar eine Vermehrung des gegenwärttg 800 000 Stück betragenden Viehbestandes bis zu dessen Verdoppelung erreicht werden. — So weist der Faschismus auch auf dem Gebiet der kolonialen Be- völkerungspolittk den alleren Völkern neue Bahnen.
Der alte Satz: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein" ist nicht nur eine allgemein menschliche, sondern im höchsten Grade auch eine staatspolitische .Weisheit. = .
Wenn wir uns zum Tage der Hausmusik daran erinnern, so deshalb, weil wir wissen, daß die Pflege der Hausmusik und des Volksliedes für den Deutschen mindestens genau so notwendig, für die Gesundheit seines Geistes und seiner Seele genau so wichtig ist, wie die körperliche Ertüchtigung. Der Deutsche braucht die Musik zum Leben so notwendig, tote der Chinese den Reis.
Allerdings, soll der Geist und der Körper gesund bleiben, soll er einen Ausgleich haben in der uns vielfach aufgezwungenen Unrast des Lebens, dann müssen wir uns vor allem darüber klar sein, daß ein wirklich kunstempfindendes und zur Kunst erziehendes Leben nicht möglich ist ohne größte Auf- richttgkeit.
Es gab und gibt vielleicht hier und da noch heute eine Sorte von Menschen, denen die Beschäftigung mit der Kunst, mit der Musik, nichts anderes als ein gesellschaftlich notwendiges Uebel ist. Man sprach über Kunst und Literatur, weil man etwas davon verstehen muß, man spielte Klavier, weil es zum guten Ton gehörte. Man wagte sich aus Ettelkett an Dinge, die zu meistern man den Voraussetzungen nach nicht imstande war, man spielte Sonaten, vielleicht sogar technisch einwandfrei, aber ohne eine Spur von Musikalität, und deswegen völlig wertlos. Wir glauben, diese Zeiten sind gründlich vorbei.
Hausmusik basiert auf einer ganz anderen Voraussetzung. Während der Snobismus ja letzten Endes nur der persönlichen Eitelleit dienen wlll, dient die Hausmusik der Gemeinschaft. Anderen und sich selbst eine Freude zu machen, seine eigene Seele über den Alltag hinauszuheben und zum Klingen zu bringen — das ist das Wesen des innigen Musizierens in der deutschen Familie.
Wer früh in einer musikglischen Atmosphäre auf- wächst, wer früh im gemeinsamen Musizieren an Disziplin, Fleiß und Hingabe gewöhnt wird, der nimmt aus diesen Stunden der Hausmusik einen Schatz mit hinaus ins Leben, der ihm auch in den wehesten Stunden ein liebevoller Begleiter sein mag.
Für Starmatzchen und sogenanntes brillantes Spiel ist in der innigen und erwachen Hausmusik kein Platz. Diese Musik kommt von der Gemeinschaft und dient der Gemeinschaft, sie soll die Menschen zueinander führen, hier spielt man nicht vor, hier spielt man nur mit und — für den andern. Ich glaube, ein Mensch, der mit dieser Voraussetzung zum Musizieren kommt, bringt von sich aus schon den Fleiß und die Gewissenhaftigkeit zur Erlernung des notwendigen handwerklichen Könnens mit sich.
Kein vernünftiger Mensch wird an die Hausmusik denselben Maßstab anlegen, wie an das Musizieren berufsmäßiger Musiker. Denn: ob der eine oder andere „Laie" es im Laufe der Zett zu einem technisch vollendeten, aber vielleicht zu einem im übriyen seelenlosen Spiel bringt, das'ist gewiß völlig gleich- gültig und nutzt noch nicht einmal ihm selber. Nicht unwichtig aber ist, ob ein ganzes Voll wieder zum Singen und einfachen Musizieren kommt.
So sehr die Hausmusik eine Gemeinschaft voraussetzt, so sehr ist das Erlebnis der Musik ein einsames. Peter Raabe sagte einmyl in einer Düsseldorfer Rede: „Die Kunst wendet fich immer an den einzelnen, auch, wo sie im Konzertsaal oder im Theater vielen zugleich geboten wird. Nicht, was sich durch den gemeinsamen Beifall kundgibt, sondern das einsame Erlebnis ist es, worauf es bei der Wirkung der Musik ankommt... Das Radio und die Schallplatte, deren hohe Bedeutung im übrigen durchaus nicht bestritten werden soll, sind dazu ungeeignet, namentlich den Heranwachsenden zum musikalischen Erlebnis zu führen. Dazu gehört eben das Selbstmusizieren, und zwar in der stillen Kammer, tm kleinen Kreise, ohne den Anspruch auf Oeffent- lichkeit."
Wenn die Aufforderung, Hausmusik zu treiben, immer und immer wieder an die alten und jungen Freunde der Musik ergeht, so auch deswegen, wett der Weg zum rechten Verständnis der Musik unserer Meister, so wie wir sie in unseren großen Konzerten hören, über die Hausmusik führt. Wer Hausmusik treibt, braucht das Erlebnis unserer Konzerte, er braucht es zur Schulung, zur Bereicherung seines musikalischen Weltbildes, er braucht es, wett das gute Konzert eben einsames Erlebnis ist.
Wir haben in Gießen auch in diesem Winter keinen Anlaß zur Klage: Das Programm des Konzertvereins ist gut und kann sich mit jedem Programm — wenn auch nicht zahlenmäßig — einer Großstadt messen. Die Namen der zahlreichen Solisten — Namen, die in aller Welt bekannt sind, geben Gewähr für auserlesene Kunstwiedergabe. Dazu kommt das Städtische Orchester, dessen Güte längst schon über die Grenzen der engeren Heimat hinaus bekannt ist. Vielleicht könnte aber den Gießnern manchmal noch mehr geboten werden, könnten auch hier in Gießen noch nicht bekannte und auch junge Künstler zu Gehör kommen, wenp sich die Veranstalter darauf verlassen könnten, daß auch bei einem unbekannten Namen auf dem Programm der Saal gut gefüllt sein wird.
Darum rufen wir erneut zum Besuch aller Konzerte auf. Unser Musikleben kann und muß noch reicher werden, es darf keinen Konzertabend mehr geben, der nicht ausverkauft wäre! Gelingt das in diesem Jahre, so können wir im kommenden Jahre ein noch größeres Programm aufstellen.
60 Jahre Gchützenverein Gießen
Zeitschriften.
-r In einem großen Land sch aftsauftatz im November-Heft der „neuen linie" (Verlag Otto Beyer, Leipzig, Preis des Heftes 1,— RM.) schwingt die Melodie des deutschen Sudetenlandes, das hier ih schönen Bildern festqehallen ist. Es ist die gleiche Melodie, die in den Werken deutscher Meister, wie ein zweiter Aufsatz ..Deutsche Meister in Böhmen" zeigt, von der Gotik bis zum Barock monumental zum Ausdruck kommt. — Dem Bergmann, der jeden Tag in die Grube einfährt, ohne zu wissen, ob er wieder mit heiler Haut herauskommt, ist mit einem Beitrag „Antlitz unter Tage", Porträts einer Grubengemeinschaft vom Obersteiger bis zum einfachen Kumpel, ein Denkmal gesetzt. — Aus dieser Welt kommen wir mit einem Beitrag über neue Kinder- gymnastik in jenes glückliche Land, wo Medizinbälle und kleine Jungens lustig durcheinanderkugeln. — Auf zwei Farbseiten wird in diesem Heft, das noch interessante Reise- und Kunstbeiträge sowie praktische Vorschläge fist den Bücherfreund bringt, dem Zauberreich der Bücherecke eine Liebeserklärung gemacht. _______________
In den Räumen des Gesellschaftsvereins beging am Samstagabend der Schützenverein Gießen die Feier feines 60jährigen Bestehens. Vertreter der Stadt, der Wehrmacht, der Polizei, der Httler- Jugend, wie auch der befreundeten Vereine des Reichsbundes für Leibesübungen konnten begrüßt werden. Vereinsführer Georg erinnerte in feiner, Begrüßungsansprache an jene seit vor der Machtübernahme, da man glaubte, das Wort „Wäffe" müsse aus dem deutschen Sprachschatz verschwinden. Heute werde dem Schießsport erfreulicherweise wieder größte Bedeutung beigemessen. Diese Entwicklung begrüße der Verein. Der Schützenverein werde .deshalb auch alles tun zur Förderung des Schießsports, der zum Volkssport werden müsse. Daß er dazu auf dem besten Wege sei, gehe schon daraus hervor, daß die alljährlichen Volksschießen des Schützenvereins immer stärker besucht sind. Das diesjährige Jubiläumsschießen sei mit dem Dolks- schießen verbunden gewesen.
Bürgermeister Prof. Dr. Hamm als Vertreter der Stadtverwaltung sprach dem Verein herzliche Glückwünsche zum Jubiläum aus. Er betonte, daß
die Traditionen des Vereins stark und tief mit denen der Stadt verwurzelt seien. Der Redner erinnerte u. a. an die Jahre,,in denen der Verein um seiner wehrhaften Haltung willen manchen Kampf zu bestehen gehabt habe. Das seBihm nicht vergessen! Der Verein könne mit Zuversicht in die Zutim ft blicken.
Vereinsführer G e o r H nahm im Verlaufe des Abends die Ehrung einiger verdienter Mitglieder vor. In Anbetracht ihrer Verdienste um den Verein ernannte er die Kameraden August K i l b i n - g e r und August Pascoe unter Ueberreichung eines entsprechenden Ehrenschildes zu Ehrenmitgliedern des Vereins. Die gleiche Auszeichnung wurde dem Waffenmeister Schönau zuteil, der sich als langjähriger Meister auf Jagdscheiben hervorgetan, auch durch seine sorgfältige Betreuung der Waffen des Vereins, wie durch die Betreuung der Kampfmannschaft für viele Kämpfe dem Leistungssport im Verein außerordentlich gedient habe. Die Siege des Vereins feien auch die Siege Otto Schönaus. Herz- I liche Worte des Dankes widmete er dann dem Ka- I meraden Pascoe, der durch die Stiftung eines
Pokals der Wettkampftätigkeit im' Verein einen neuen Impuls verschafft habe. Kamerad Kilbin- g e r dankte dem Vereinsführer auch im Namen der anderen ausgezeichneten Schützen für die Ehrung.
Vereinsführer Karl Müller überbrachte die Glückwünsche des Männerturnvereins, indem er darauf hinwies, daß der Männerturnoerein aus dem Schützenverein hervorgegangen fei. Er würdigte die Tätigkeit des Vereins als Dienst am Volk und Vaterland. t , ,, ,
Der unterhaltende Teil des Abends brachte neben ausgezeichneter Musik der Kapelle Wigger einige graziöse Tanzoorführungen der Turnerinnen des Männerturnvereins, schließlich auch ein Menuett (Frl. Keil und Frl. Sommerlad), die außerordentlichen Beifall fanden und wiederholt werden mußten. In schöner Kameradschaft verliefen dann auch die restlichen Stunden des Abends.
Gondergenchi in Gießen.
Vor dem Sondergericht hatte sich in der gestrigen Vormittagssitzung der Richard Frank aus Frankfurt a. M., zuletzt in Großen-Linden wohn- haft, zu verantworten. Der Angeklagte ist wegen einer gehässigen politischen Aeußerung im Jahre 1934 schon einmal bestraft worden. Als er vor einiger Zeit in einer Gastwirtschaft in Großen-Linden zechte, führte er wieder gehässige Reden. Er hatte sich deshalb wegen Vergehens gegen § 2 des Heimtückegesetzes zu verantworten. In der Beweisauf-
Höec £ddix tätlich 6el dec Jjand, hat Sckukuteck &lank und elegant!
nähme wurden sechs Zeugen gehört. Der Staatsanwalt hielt den Angeklagten im Sinne der Anklage für überführt und beantragte gegen ihn eine Gefängnisstrafe von sechs Monaten. Das Gericht verurteilte Frank wegen Vergehens gegen § 2 des Heimtückegesetzes zu einer Gefängnisstrafe von zwei Monaten, die durch die Untersuchungshaft als verbüßt gelten. Da der Angeklagte zur Zeit der Begehung feiner Tat stark angetrunken war, wandte das Gericht zu seinen Gunsten noch §51 Abs. U StGB. an.
In der gestrigen Nachmittagssitzung hatte sich der 64jährige Martin M y j a aus Zamoß, Bezirk Ostrowo, zu verantworten. Der Angeklagte stammt aus den bei Kriegsende an Polen abgetretenen Gebieten. Er ist aber Reichsdeutscher. Myja ist bereits seit dein Jahre 1894 unterwegs. Mit gelegentlichen Arbeiten in landwirtschaftlichen Betrieben schlägt er sich durchs Leben. Zur Zeit des diesjährigen Getreidedrusches half er einem Dreschmaschinenbesitzer in der Nähe von Ober-Erlenbach. Eines Tages verließ er plötzlich, nachdem er drei Wochen lang beim Dreschen geholfen hatte, seinen Arbeitsplatz, um sich nach einer anderen, leichteren Arbeit umzusehen. Unterwegs will er sich stark betrunken haben. Zwei junge Gärtner sahen ihn in der Nähe ihres Gartengrundstücks im Chausseegraben sitzen. Als sie ihn ansprachen, kam der Angeklagte näher und spielte den Politiker. Besonders die Außenpolitik schien es ihm angetan zu haben. Er machte, einige äußerst gehässige Bemerkungen. Seine jungen Zuhörer waren aber von seinen Auslassungen nicht überzeugt, sie ließen ihn vielmehr durch einen Wegewärter festnehmen. Der Angeklagte.bestritt nicht die Aeußerungen, er behauptete vielmehr, an dem damaligen Tage stark betrunken gewesen zu sein. Die später gehörten Zeugen hatten aber von Trunkenheit nichts bemerkt. Insbesondere wurde der Wegewärter über die Schutzbehauptung des Angeklagten gehört. Er hatte zwar den Angeklagten angetroffen, als dieser auf offener Landstraße sich entlaufen wollte; von einer Trunkenheit hatte er aber nichts bei ihm bemerkt. Der Staatsanwalt beantragte gegen den geständigen Angeklagten eine Gefängnisstrafe von fünf Monaten. Er betonte, daß von Trunkenheit des Angeklagten zu damaliger
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Roman von Kurt Riemann
Copyright by Verlag Oskar Meister, Werdau i.Sa
32 Fortjetzung. (Nachdruck verboten!,
„Nun sieh doch einer an!" poltert Wernicke endlich los. „Das ist doch hanebüchen! Ja, da soll man doch gleich —"
„... zur Tagesordnung übergehen!" unterbricht Karajan. Er hat still zugehört, aber jetzt lesen sie alle aus seinen Mienen, daß er dieses Gespräch nicht billigt. „Was gehen uns die Privatangelegenheiten Meßdorffs an? Das soll er selbst auslöffeln. Ich möchte nicht, daß wir so etwas überhaupt diskutierend
„Aber Karajan! Seine Frau hat doch keine Ahnung! Wenn die das erfährt..."
„Und was hat das mit uns zu tun? Nichts, Schorsch. Ich möchte jedenfalls nicht, daß wir uns darum noch irgendwie Kopfschmerzen machen. Klatsch ist keine Männersache! Und Meßdorffs unsaubere Geschichten können mir gestohlen bleiben!"
Da bricht man das Gespräch ab und ist bald wieder beim Fachsimpeln. Aber Schorsch Hausmann ist noch nicht fertig damit. Er beschließt auf alle Fälle, seiner Entdeckung nachzugehen. Vielleicht...?
Vielleicht kann man daraus eine Waffe schmieden, die zu gegebener Zett Wunder wirkt. Basta. Schorsch ist Realist. Er denkt nicht daran, den andern aus Anstand zu schonen, wie es Karajan tut. Er benutzt ungerührt auch die Waffe des Gegners, wenn es fein muß.
Nun wächst das Werk mit Riesenschritten. Eines Tages brummen große Lastkraftwagen heran, und man fängt an, Maschinenteile abzuladen, gewaltige Stücke, deren Bedeutung niemand kennt. Das beginnt am frühen Morgen und ist erft Tage später zu Ende.
In einer kleinen Kneipe, drei Häuser nebenan, essen die Fahrer zu Mittag, packen ihre dicken Wurststullen aus und trinken ein oder zwei hiesige Helle dazu. Und wie von ungefähr findet sich da ein freundlicher beleibter Herr zu ihnen. Der scheint ein ganz gemütliches Haus zu fein.
„Kommt alle Tage auf eine Stunde oder zwei herum", meint der Wirt, als ihn der junge Doktor fragt, der am lebten Tage als Stellvertreter Wernickes die Abladcarbciten beauffichttgt hat und nun mit den Fahrern gemeinsam zu Mittag ißt.
„Redet und fragt er immer soviel wie heute?" „Das soll wohl fein. Der fragt Ihnen noch
Löcher in dell Bauch."
Grote sieht fich den Mann ein wenig näher an. Nichts Besonderes zu sehen. Ganz durchschnittliche Erscheinung, gegen vierzig Jahre alt, schon ein Spitzbauch und eine Glatze.
„Wohnt der Mann hier in der Nähe?"
Der Wirt läßt Bier einlaufen, in einem Zug gleich acht Gläser, denn der freundliche Herr hat eine Runde bestellt.
„Keine Ahnung. Er kommt erst seit einer Woche. Vorher habe ich ihn nie gesehen. Aber der hat den Bogen vielleicht raus, Herr Doktor, der redet und redet, und dann gibt er mal wieder ’ne Runde ... nischt für ungut, ich verdiene allerhand an ihm ... aber so ganz ohne... nee... ich weiß nicht... sympathisch ist mir der Bursche nicht! Aber ich bitte Sie..." Dabei legt er beschwörend den Zeigefinger auf die Lippen.
„Keine Bange!" winkt der junge Doktor lächelnd ab.
Zu dem Dicken ist er ganz besonders freundlich. Er stößt mit ihm an, er lacht und macht Witze. Der Dicke strahlt und ist selig, beim dieser junge Doktor hat es ihm scheinbar angetan.
„So ein junger Kerl wie Sie... und dann schon so gemaltige Sachen? Die Leute haben mir gesagt. Sie wären das, der die Maschinen da draußen gemacht hat! Stimmt denn das? Kann ich mir gar nicht denken!"
Der junge Doktor bläht sich auf vor Stolz.
„Ich habe den größten Teil entworfen. Ja, da staunen Sie, Herr ... Herr ..."
„Müller", verneigt sich der Dicke kurz. „Müller mit Doppel-Ell."
„Also, Herr Müller! Da können Sie mal sehen, was die Jugend heute leistet. Sagen Sie mal, verstehen Sie denn überhaupt was von Maschinen?"
„Ich?" Der Dicke wischt mit großer Gebärde über die Tischplatte. „Das will ich wohl meinen. Ich bin doch acht Jahre Werkmeister gewesen! Da hat man allerhand zu sehen gekriegt! Ha... ich kann Ihnen flüstern!"
„Fachmann, wie?"
„Und ob! Noch heute, Herr Doktor! Wenn einer heute kommt und sagt mir: „Müller, besehen Sie fich mal die Skizze hier! Ich habe ’ne neue Sache. In vier Stunden muß die Zeichnung fertig fein!" ... dann ist er bei Müller an die richtige Adresse gekommen." Der Dicke neigt sich vertrauensvoll an des Doktors Ohr. Schade, daß man fo — ohne Arbeit rumfitzt! Bei Ihnen ist noch nichts frei, was?"
Der junge Doktor nickt ernsthaft, als wäre das zu erwägen.
„Kann ich im Augenblick nicht sagen, Herr Müller! Aber warum gehen Sie nicht ins Personalbüro?"
Oje, macht der dicke Müller entsetzte Augen! Was er sich beim bächte! Nein, er wäre eine besondere Kraft, ein Spezialist sozusagen! Nein, aber wenn der Herr Doktor ihm mal so unter der Hand sagen könnte, ob sich was für ihn tun ließe... bann wolle er sich nicht lumpen lassen.
Der junge Doktor sieht sich um. Die Transportarbeiter sind schon längst wieder draußen. Er sitzt mit dem Dicken ganz allein am Tisch. Hm. Er hat schon lange vermutet, daß hier irgend etwas nicht ganz in Ordnung ift; nun scheint er sich ziemlich im klaren zu fein. Der Kerl da ist nicht nur dick, sondern hat scheinbar auch allerlei Nebenabsichten.
„Sind Sie verheiratet, Herr Doktor?"
„Nein, noch nicht."
„Verlobt?"
„Ja. Es hat aber noch Zeit. Außerdem langt es nicht ganz. Sie verstehen, zum Heiraten gehört mehr als der gute Wille."
Der Dicke seufzt tief auf.
„Ich weiß, ich weiß, heiraten ist ein teures Vergnügen! Herr Wirt... bringen Sie uns noch zwei Helle! ...Sie nicht mehr, Herr Doktor? Ach, machen Sie keine Geschichten! Wer weiß, wann wir so jung wieder zusammenkommen! Auf das Wohl Ihrer Braut! Sie soll leben!"
Der junge Doktor nickt ganz ernsthaft und trinkt auf bas Wohl feiner Braut, die er bis heut« noch nicht kennt.
„Wie ift’s eigentlich mit dem Gehalt in der neuen Fabrik? Diel verdienen tun Sie wohl noch nicht, was?" Der Dicke wischt sich behaglich ben Schaum aus betn kurzen Bart und beutet über die Schulter hinweg nach bem Neubau.
„Verdienen?" Der Doktor stellt sich um. „Wie meinen Sie bas, Herr Müller?"
„Na, wenn Sie anständig bezahlt würden, bann brauchten Sie doch nicht hier in dieser Kneipe Ihre Schnitten zu verdrücken? Na... ftimmt’s ober nicht?"
„Zugegeben. Aber was soll benn bas alles, Herr Müller? Wir sinb im Ausbau! Es wirb sich alles entwickeln. Warum machen Sie mir eigentlich ben Mund wässerig?"
„Weil ich Ihnen helfen will, junger Freund!" Er drückt dem jungen Ts',,tor mit beschwörender Gebärde die Hand. , h's gut mit Ihnen meine. Müller meint es ... Jjaupt immer gut! Ist doch ’ne ganz reelle Sache! Sie besorgen mir ’ne
Stellung... und ich... na sagen wir, ich helfe Ihnen zu 'nem anständigen Herrenzimmer für die neue Wohnung, nicht?"
„Also Sie wollen mir Geld pumpen? Danke schön, Herr Müller! Das mache ich nicht mit. Die ewige Abstotterei und bann womöglich Zinsen, baß einem die Haare grau werden, nee, lieber warten wir noch ein Weilchen mit der Heiraterei!"
„Wer hat denn was von Geldborgen gesagt, junger Freund?" Mit einer schnellen Bewegung greift der dicke Müller in die Rocktasche. „Hier sind bare tausend Mark! Bitte sehr!... Die Hälfte ist Ihr Eigentum, wenn Sie... na, Sie wissen schon!" /
„Alle Achtung! Das ist schweres Geschütz! Wirklich zehn brave Hunderter!"
Der Dicke wirft einen schnellen Blick auf ben Doktor, der ba fo verzückt auf die Brieftasche schaut. Dann wagt er sich endgültig hervor.
„Sie gehören sang- und klanglos Ihnen, wenn ich Sie mal so ein bißchen besuchen kann brühen und wenn Sie bafür sorgen, baß ich später 'ne Stellung kriege."
Grote macht ein ganz kindliches Gesicht.
„Ach nee. Für ’nen gewöhnlichen Besuch tausend Mark! Das ist doch nicht Ihr Ernst?"
„Vollkommener Ernst! Ich bin ein Mensch, ber sich für alles Neue interessiert! Hauptsache, daß mich niemand stört. Ist das ’ne große Sache oder ist sie das nicht?"
Ein behäbiges Lachen kollert hinterher.
Aber es bleibt bem Dicken mit einem Male im Hals stecken.
Der Doktor ist mit einem hastigen Ruck aufgesprungen, die Brieftasche fliegt über den Tisch hinweg auf die Erde, ein Bierseidel geht mit dabei.
„Na, na, was ist denn —" stammelt der Dicke. „Ich habe doch bloß —"
Weiter kommt er nicht. Es dröhnt plötzlich dumpf in seinem Gehirn, vor ben Augen tanzen ihm Sonne, Mond und Sterne, eine purpurne Tiefe umhüllt ihn, und dann ist tiefe Nacht
„... acht, neun, zehn, aus! Alle Achtung, Herr Doktor! Der saß! Traut man Ihnen gar nicht zu. Ader darf ich mir gehorsamst die Anfrage erlauben, warum Sie diesen Herrn da auf die Diele meiner Gastwirtschaft gelegt haben?"
Der Wirt steht neben bem jungen Doktor, grient und kratzt sich hinterm Ohr. Eben unterhallen sich die beiden noch ganz friedlich, er ist hinter der Theke sogar ein bißchen eingenickt, mit einem Male ist der Doktor hoch wie ein Löwe und pflanzt dem Dicken eins unters Kinn v .
(Fortsetzung folgt!)


