Nr.2«b Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Donnerstag, (5. September 1958
Taufe und erste Fahrt des neuen Lustschiffs „Gras Zeppelin."
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Unser Bild zeigt das neue Luftschiff nach dem Start beim Flug über die Montagehalle. (Scherl-Bilderdienst-M.)
Friedrichshafen, 14. Sept. (DNB.) Am Mittwoch früh um 7.15 Uhr fand die Taufe des neuen Luftschiffes LZ 130 statt. Es erhielt dey Namen „Graf Zeppeli n". Dazu hatte sich neben der Gefolgschaft ein kleiner Kreis geladener Gäste eingefunden. Dr. Eckener hielt eine kurze Ansprache. Es sei Sitte, jedem Luftschiff, bevor es aufsteige, einen Namen zu geben. Ein altes Sprichwort laute: „Nomen est omen“. Deshalb soll das neue Luftschiff im Jahre des 100. Geburtstages des Grafen Zeppelin dessen Namen erhalten als Ersatz für das alte Luftschiff „Graf Zeppelin", das sich so glänzend bewährt habe. Während die Hülle, die den Namen bisher verdeckt hatte, weggezogen wurde, nahm Dr. Eckener die Taufe, wie es üblich ist, mit flüssiger Luft vor, als dem Element, in dem das Luftschiff sich bewegt. Nachdem die Besatzung von
35 Mann sich an Bord begeben hatte, wurde das Luftschiff hinausgezogen. 7.52 Uhr fielen die Haltetaue, und langsam stieg das Schiff unter dem Beifall der Anwesenden empor. Es nahm Richtung gegen Westen, wo es bald im Morgendunst verschwand. An Bord befanden sich Dr. Eckener, der die Führung des Luftschiffes übernommen hatte, ferner Chefkonstrukteur Dr. Dürr sowie 71 Mann.
Das Luftschiff überflog das Bodenseegebiet, das Allgäu und das schwäbisch-bayerische Oberland. Gegen Mittag hatte es München erreicht, über dem es eine große Schleife zog und etwa 20 Minuten kreuzte. Die Bevölkerung verfolgte mit Bewunderung, Ueberraschung und Freude das majestätische Schauspiel. Ueberall fiel das geringeMotoren- g e r ä u s ch des „Grafen Zeppelin" auf, das im Lärm des Großstadtverkehrs fast unterging. Das Luftschiff berührte um 13.30 Uhr Nürnberg. Bei der Fahrt über die noch im festlichen Reichsparteitagschmuck prangende Altstadt jubelten Tausende dem Luftriesen freudig zu. Das Luftschiff setzte seine Fahrt in westlicher Richtung fort. „Gra Zeppelin" ist 16.40 Uhr von seiner ersten Werksiatten- sahrt nach Friedrichshafen zurückgekehrt und um 17.30 Uhr auf dem Flugplatz Löwental glatt g e - landet.
3m „Dreieck des Terrors".
Bon unserem 3- K.-Korrespondenien.
Djenin (Palästina), September 1938.
Es gibt mehrere Kampfgebiete ausgeprägten Charakters in Palästina, wenngleich das ganze Land systematisch vom Kleinkrieg überzogen ist. Die Umgebung von Jerusalem und das Gebiet zwischen Jerusalem und Jaffa längs der vielbefahrenen Straße zwischen beiden Städten, die Gegend von Hebron, wo seit jeher besonders räuberische Araber wohnen, das Gebiet zwischen Nazareth und Haifa, wo Juden und Araber im täglichen Leben hart aufMianderprallen, und jüdische neben arabischen Siedlungen liegen, sind solche Bezirke. Das Hauptkampfgebiet, der Raum, wo die schwersten Auseinandersetzungen stattfinden und der Kampf von beiden Seiten, englischer sowohl wie arabischer, mit unerbittlicher Härte auf Leben und Tod geführt wird, ist das sogenannte Dreieck des Terrors, zwischen den Städten Nablus, Tulk-Arem un>d Djenin. Das Gelände — unübersehbare, steile und felsige Berge — scheint zum Bandenkrieg geradezu vorbestimmt. Und wenn man durch dieses Gebiet fährt, drängt sich unwillkürlich die Frage auf: Lauert nicht hinter jedem dieser Hunderttausende von Felsblöcken ein Freischärlergewehr, kampiert nicht in jeder der zahllosen Höhlen und Winkel eine Freischärlergruppe ...?
Um die Kontrolle dieses Gebiets kämpfen d i e englischen Truppen seit Jahren vergebens. Sie haben die männliche'Bevölkerung zur Sklavenarbeit gezwungen und neue Straßen gezogen, um das Gebirge aufzuschließen; sie haben Militärlager und Posten auf beherrschenden Hügeln errichtet, mit Maschinengewehren besetzt und mit Scheinwerfern ausgerüstet, die Stunde um Stunde während der Nacht ihre lichten Kreise über die Berge ziehen, damit jede Bewegung des Gegners frühzeitig entdeckt werden soll. Sie haben in die Städte Garni-
sonen gelegt — unübersehbar sind die Reihen der Rundzelte in Nablus. Sie haben Hunderte von Männern dieser Städte verhaftet und ins Konzentrationslager gesandt. Sie nehmen täglich neue Verhaftungen vor — wenn man früh über die Straßen fährt, kann man sehen, wie sie in Lastwagen, von schwerbewaffneten Truppen begleitet, abtransportiert werden. Sie haben mit Dynamit ganze Dörfer und in den Städten ganze Straßen- züge niedergelegt. Erschütternde Bilder bieten sich in Djenin, wo hundert der besten Häuser in die Luft flogen, kaum, daß den Bewohnern Frist gegeben war, sie zu räumen. Sie haben Tausende von Pfunden Geldstrafen verhängt und die Bevölkerung wirtschaftlich bis aufs Blut ausgepreßt, daß nun Not herrscht, Elend, — vielfach Hungersnot. Sie haben dieses Dreieck des Terrors unter schwerstem Einsatz immer und immer wieder durchgekämmt, mit Flugzeugen systematisch kontrollieren lassen — vergeblich.
Der Bürgerkrieg, den hier das Arabertum gegen die Mandatsregierung und ihre Exekutive führt, ist immer schärfer geworden. Und es vergeht hier keine Nacht, da es nicht zu kleineren oder großen Zusammenstößen kommt. Und die Liste der Verluste ist lang, auch der englischen — obschon der amtliche englische Bericht grundsätzlich keine Verluste englischen Miliärs zugibt. Hier — in diesen Bergen — immer den Standort wechselnd — hat das allmächtige Hauptquartier der Freischärler seinen Sitz. Von hier aus wurde unter den Augen einer englischen Armee die Befehlsdurchgabe der Nationalisten ins ganze Land hinein organisiert. Von hier laufen die Fäden hinüber nach Syrien — über den Teggartzaun hinweg. Von hier aus gewannen die Freischärler ihre Macht über das Volk. Hier wurden zuerst die,harten Strafaktionen gegen Verräter in den eigenen Reihen geführt, Spione und Renegaten niedergemacht, Zweifelhafte entführt. Hier begann sich angesichts der wachsenden. Macht der Freischärler, angesichts ihrer umfassenden Organisation und Kontrolle zuerst die Zuverlässigkeit des arabischen Sektors der Mandatspolizei zu zersetzen. Hier wurden die ersten kühnen Entführungen durchgeführt, die blitzschnellen Aktionen gegen die englischen Banken, die nun in diesem
Bezirk ihre Pforten geschlossen haben. Hier steht heute die ganze Bevölkerung geschlossen gegen England. alle Männer — und Frauen und Kinder machen Meldegänge.
Aber auch englischerseits wird in diesem Sektor am unerbittlichsten gekämpft. Der Truppcneinsatz ist größer als irgendwo anders. Seit Monaten ist Curfew über das Land gelegt, Ausgehverbot zu bestimmten Stunden. Manchesmal dürfen die Menschen hier nur zwei Stunden am Tag aus ihren Häusern. In diesem Gebietsabschnitt wird das Reisen zur Qual — nicht wegen der arabischen Freischärler, sondern wegen der endlosen englischen Kontrollen, die nicht gerade zart und schonend sind, und bei denen von den Händen englischer Polizisten und Soldaten die Rückseiten der Autopolster unbarmherzig und rücksichtslos während der Suche nach Waffen zerfetzt werden. In diesem Gebiet hat die englische Nervosität einen Grad erreicht, daß sich englisches Militär und englische Polizei mehrfach schwerste Uebergriffe gegen unbeteiligte Reisende zuschulden kommen ließen. England weiß, daß hier das Herz der Revolte schlägt, daß von hier der Bürgerkrieg weithin organisiert wird, daß hier jeder — ein Gegner ist, und daß die englischen Verluste in diesen Bergen, auch wenn man sie nie nennt — am höchsten sind.
Seit Jahren geht hier der Krieg. Er wird noch Jahre weitergehen, so nicht eine politische Lösung kommt, die den Arabern tragbar scheint. Schon sind viele Männer, die vom englischen Vergeltungsterror getroffen wurden, in die Berge verschwunden und kämpfen nun in den Reihen der Freischärler. Allein in Nablus zählt man 2000 Männer weniger als zu Beginn der harten Auseinandersetzungen. Und in diesen Tagen werden wieder umfassende Rekrutierungen vorgenommen. Immer breitere Kreise werden kämpfend aktiv. Die Bürgermeister der Dörfer haben einen Geheimbefehl erhalten. Listen über alle Wehrfähigen aufzustellen. Sie werden dem Befehl nachkommen. Was hier, in diesem Dreieck des Terrors das arabische Volk an Kampiwillen, Widerstandskraft, Organisations- und Leidensfähigkeit aufbringt, hätte ihm niemand zugetraut; Zeichen vergangener Größen leuchten darin.
MndergIoste,wandemdeFlaschen,Karlenfonnen
Oer Wettkampf der Zauberkünstler aus aller Welt.
Zum Internationalen Kongreß des Magischen Zirkels in Frankfurt.
Ist Magie eine Kunst? — diese Frage haben wir einigen Zauberkünstlern vorgelegt. Wenn das Wesen der Kunst Gestaltung ist, dann ist auch Magie eine Kunst, denn jede magische Vorführung ist Gestaltung. Sie hat ihren eigenen Stil, der sich im Laufe der Jahrhunderte gewandelt hat. Der Magier stellt die göttliche Weltordnung durchaus nicht guf den Kopf, die Gesetze der Schwere, der Undurchdringlichkeit, der Statik und Dynamik sind nicht aufgehoben und in ihr Gegenteil verkehrt, sondern sie sind umgangen. Nur wer das Gesetz der Schwere kennt, kann eine Kugel schweben lassen — so sagt der Magier. Nur wer von der Undurchdringlichkeit der Stoffe überzeugt ist, kann Mittel und Wege ersinnen, dieses Naturgesetz zu umgehen. Der Magier rührt uns mit seinem Zauberstabe an und führt uns in das Reich der Illusion, in die Sphäre zwischen Traum und Wirklichkeit, wo das Unmögliche möglich wird. Wir vergessen den grauen Alltag und wandern in das Reich unserer Kindheit, in das Reich der Märchen aus tausendundeiner Nacht. Ein Mensch, der solche Wunder hervorzurufen vermag, muß ein Künstler sein. Und wir wollen ihm das „Wunder" danken.
Schon am Hofe des Cheops...
Magie hat es immer gegeben. Das älteste Dokument der profanen Zauberkunst, der Papyrus Westcar, erzählt von dem Zauberer Deda, der 3000 Jahre vor unserer Zeitrechnung am Hofe des ägyptischen Königs experimentierte. Im Mittelalter hat
dann der Jahrmarktsgaukler und Taschenspieler die Magie arg in Verruf gebracht. Erst um die Mitte des 18. Jahrhunderts entsteht mit dem Aufkommen der Physik die Zauberei als Kunst. Ein Jahrhundert später wirken der Klassiker der Zauberkunst, Dr. H o f z i n s e r , und Döbler, den Goethe in sein Haus bitten ließ, damit er seinem Enkel einige Kunststücke beibringe, lieber die Kunst des österreichischen Zauberkünstlers Ludwig Döbler äußerte sich Goethe „...ein herrliches Mittel zur Hebung in freier Rede und Erlangung einiger körperlicher und geistiger Gewandtheit". Aber auch andere Dichter haben sich begeistert über die Zauberkunst geäußert oder sie gar als Steckenpferd erwählt. In unserer Zeit wanderte die Magie aus den Salons ins Varietä. Hier mußte sie sich wieder völlig umstellen nach dem Geschmack des Publikums, des Direktors oder den Wünschen des Agenten. Aber auch hier hat der Zauberkünstler sich zurechtgefunden — und so steht er heute im Frack auf der Bühne, der Faust unseres Jahrhunderts, die magische Persön- lichkeiet. Sie alle werden sich zu dem Kongreß in Frankfurt einfinden, sicherlich einem der interessantesten Kongresse, die es überhaupt gibt.
Vierhundert Zauberkünstler aus 15 Ländern.
Vom 17. bis 19. September findet in Frankfurt am Main der 2 6. Internationale Kongreß des Magischen Zirkels statt. Es
Der Iltis.
Bon Karl Scherer.
Unterhalb des Heidedorfs, wo der beschotterte Feldweg der breiten Heerstraße entgegenzieht, steht ein Gehölz hoher grauer Eichen. Wacholder und Torfbeere wachsen darunter, und bis in den Herbst hinein blüht es hier von blauen Glockenblumen und igoldblütigem Habichtskraut. Den letzten Hof schließt Line Mauer aus Bruchsteinen ein; in den Fugen Bjaben sich Eiskraut und winzige Farne angesiedelt. Altersgraue Scheunen umstehen den strohgedeckten, an den Giebeln von vier Neidköpfen aus Uroäter- xeit überragten Fachwerkbau. Einer der Schuppen beherbergt den wertvollsten Besitz des Hofes, die zweihunderköpfige Schnuckenherde. Der Hirt ist früh «uf den Beinen. Als er an einem Septembermorgen J>ie Torflügel des Schafstalls öffnet, um feine in braunem Strom hinausdrängenden Schutzbefohlenen in die Heide zu entlaffen, blafft sein Hund aufgeregt zegen die Höhe der Scheune, und der Schäfer sieht im Dämmer des dunklen Raumes einen grauen
Schatten über den Richtbalken huschen.
Das war der Kater nicht! Der verirrt sich nicht Iricht bis unters Dach, der bleibt lieber auf dem Kornboden, wo ihm das Mäufevolk zuwächst, oder im Keller. Der Jagdhüter, der der Herde unterwegs tegegnet, weiß Bescheid: „Dat was 'n Stänker!"
Vom Hörensagen kennt den Iltis jeder, gesehen «der haben ihn die wenigsten, und die wenigsten wissen auch, daß hinter dem „Frettchen", das jung ^fangen und zur Kaninchenjagd abgerichtet wird, sch das Albino des Iltis verbirgt. An Hals und {opfunb um den mit dolchspitzen Zähnen bewehrten fang helldotterfarbig, zeigt der seidenzarte Bmg tes Rumpfes ein schönes Kastanienbraun. Mit veichbehaarten Sohlen, ist der „Ratz" ein Schleifer wie er im Buche steht und darum ein gefähr- icher Feind des Hausgeflügels. Ein Allesfresser, Ratten und Mäusen stellt er unermüdlich nach, i'rösche und Kröten vertilgt er in unwahrscheinlichen Mengen, Fische und Krebse, Nattern und Eidechsen ^schmäht er niemals. Den volkstümlichen Namen -Stänker" aber verdankt er zwei Drüsen am Ansatz ?-r buschigen Rute, aus denen er in Gefahr eine ü>el duftende Flüssigkeit verspritzt, deren Gestank l^on manchen draufgängerischen Hund empört auf- KiHenb flüchten ließ ... ।
Den ganzen Apriltag hindurch hat es geweht und graupelt, bei Einbruch der Nacht ist es mild und I'll geworden. Verlorener Sternglanz blickt durch »e Ziehenden Wolken. Aus dem Gebälk der Scheune
schiebt sich ein dunkler Schatten durch die Mauerlücke, springt auf den First des Anbaues, von dort auf die Mauer und gleitet lautlos zur Erde. Unter den Ginsterbüschen am Wegrand drückt er sich durch, rutscht in den Graben und duckt sich, als er die Weiden erreicht, tief ins nasse Gras, dann taucht er zwischen dem Röhricht unter. Denn im Gestrüpp des Teiches unken seit Sonnenniedergang die Frösche. Anfangs versucht nur da und dort einer der Sänger ein aufmunterndes Solo, dann bildet sich ein Quartett, und bald rollt kräftiger Chorgesang über Weiher und Wald. Einen braunen Moorfrosch hat das Schicksal rasch ereilt, ein grasgrüner Hupfer will sich ins Wasser retten, doch der Ratz springt nach und erwischt ihn an der zappelnden Ferse. Das Plätschern des Hassers hat den Chorus auf Augenblicke verstummen lassen, dann setzt er vollstimmig wieder eih — um so besser: je lauter der Gesang, desto, leichter und lohnender die Pirsch!
Um Mitternacht ist er der wabbligen Kost überdrüssig. Vor einem Mausloch am Hügelhang, dessen frische Witterung ihn festhält, lauert er geduldig; ein quietschender Laut, und der kleine Nager wird mit Haut und Haaren den Lurchen nachgeschickt. Unter den Eichen steht ein vorjähriger Reisighaufen. Das dichte Gewirr ist der Schlupfwinkel mancherlei Getiers, das nicht in Höhlen und Steinlöchern haust. Der Iltis reckt sich hoch auf, steckt die schnuppernde Nase tief zwischen die Reiser und sucht und windet. Ein Girlitz hat dort in sicherem Versteck fein Nest gebaut. Die aufgeschreckte Mutter flattert schreiend davon, mit den Krallen der Brante reißt der Räuber die Brut heraus, und die noch nicht flüggen Jungen verschwinden zwischen den schmatzenden Kiefern. Als der Tag graut, liegt er wieder unter dem Dach und holt nach, was er in der Nacht
versäumt hat ...
Es ist Regenzeit über die Heide gekommen, Wochen hindurch schüttet es, daß der Teich im Grunde aus den Ufern tritt und die Wiesen überschwemmt. Gänse und Enten haben es gut, doch die Hühner drücken sich trübselig unter den Vordächern herum und gehen vor Dunkelwerden schlafen. Die Jung- maqd, die das Federvieh versorgt, hat der Bäuerin berichtet, daß die Falltür der Hühnersteige über dem warmen Kuhstall von der Nässe so verquollen ist daß der sonst schließende Schalter eine Handbreit offenbleibt; und am Morgen fehlen zwei rebhuhn- farbige Italiener und der neue Sichelhahn. Der Stall sieht aus wie eine Mördergrube, Wände und Sltz- ftangen sind rot von Blutspritzern, und zwischen den Federhaufen am Boden liegt der ausgeblutete, bleiche Gockelkopf. .
Der Altknecht braucht nur noch wenig Schlaf. In
einer halbdunklen Novembernacht steht er spät am kleinen Fenster seiner Kammer und schaut den Ratten zu, die wie Schatten zwischen Göpel und Dreschmaschine umherhuschen; jetzt sind sie weggewischt. Ein graues Tier schleicht über den Hof und verschwindet zögernd in dem halboffenen Zugang der fensterlosen Futterkammer. Mit drei langen Sprüngen ist der Knecht über die Diele und schlägt die Tür zu, und in der Frühe kommt der Jagdhüter mit den beiden scharfen Teckeln, die, mit der Witterung des Räubers im Windfang, sich wie toll gebärden. Die Kammer ist leer, doch zwischen Wand und Haferkiste klafft ein Spalt, breit genug zum Einschliefen für den Hühnerdieb. Mit Mühe wirb die schwere Txuhe abgerückt, der Bauer schreit auf und trifft mit seinem Prügel den Altknecht in die Kniekehlen, mit einem wilden Satz fährt der Ratz durch die offene Tür
Doch der Walhüter kann sein Pulver sparen. Die Rüden haben den Stänker abgewürgt, und der He- ger springt zu, den hochbezahlten Balg zu retten ...
Gloria-palast:
„Diskretion Ehrensache."
Es muß auch Filme geben, welche, von keinerlei ernstlichen Problemen beschwert, der reinen, lächelnden Entspannung bienen: bas ist so einer. Welche Möglichkeiten ber schlichte Schwank auch vor ber Kamera hat, konnten tpir beispielsweise am „Mustergatten" beobachten; solche Treffer gibt es freilich nicht alle Tage. Hier geht es ein bißchen ähnlich und auch ein bißchen anders zu. Was tut eine kapriziöse junge Dame, die den ihr von Papa zuge- dachten, sanft vertrottelten Lord wegen unüberwindlicher Abneigung mit nichten zu heiraten begehrt? Nichts einfacher als das: man besorgt sich den „Herrn auf Bestellung", dessen einträglicher Berus es ist, die junge Dame zu entführen und unterwegs so furchtbar zu kompromittieren, daß selbst dem vertrottelten Lord die Lust vergeht. Was geschieht aber, wenn ber bestellte Herr zu spät kommt und ein anderer, den es gar nichts angeht, mit der unternehmenden Tochter davonfährt: dann ist alles in Ordnung, dann kommt ber Schwank auf Touren, unb bie Verwechslungen und Mißverständnisse häufen sich im weiteren Verlaufe nahem automatisch. Amüsant, diesem Tohuwabohu zuzuschauen; schade, daß es etwas in die Länge geraten ist, und die Autoren Rolf Meyer und Kurt Walter samt dem Spielleiter Johannes Meyer ein bißchen umständlich zu Stuhle kommen. Heli Finkenzel - ler ist bie Tochter; man erinnert sich aus dem
„Mustergatten", welche Reize sie dergleichen unmöglichen Situationen abzugewinnen vermag. Hans Holt spielt mit gebotenem Takt den unfreiwilligen Partner, Theo Lingen mit bemerkenswerten Gesichtern und Sprüchen den Lord. Fita Benthof f führt ihr in ähnlichen Fällen bewährtes Mundwerk spazieren, R. A. Roberts ist der grimmige Vater, Ida Wüst und Paul Henckels machen mit süßen Mienen in ahnungsloser Verwandtschaft. — (Märkische-Panorama-Schneider.)
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Beiprogramm: die neue Wochenschau; ein Kulturfilm aus dem Schwarzwald; auf der Bühne die Rantinis in einem Jonglier- und Kraft-Akt: sehr sichere, saubere Arbeit mit verblüffenden Einzelheiten; übrigens würde die Nummer durch eine Kürzung des begleitenden und verbindenden Textes noch gewinnen. Hans Thyriot.
Sonderbare Zeitungen.
In Tibet wirb bie Zeitung öffentlich vorgelesen. Von der einzigen Zeitung, bie in tibetanischer Sprache erscheint, gibt es nur fünfzig Exemplare. Diese fünfzig müssen für brei Millionen Einwohner ausreichen. Wenn nun aber diese fünfzig Exemplare von Hand zu Hand wanderten, würden sie zerknittert, zerrissen und unleserlich werden, schon ehe nur der kleinste Teil des Volkes sie gelesen hätte — überdies können nur wenige Tibetaner lesen. Daher sendet Walter A s b o e, der die einzige' Zeitung Tibets druckt und herausgibt, die fünfzig Exemplare Lamas oder Priestern zu, die die Bewohner der nächsten Dörfer zur Zeitungsverlesung zu sich bestellen. Dann gehen die Zeitungen an andere Gruppen von Geistlichen. Mit der Zeit, wenn die Zeitungen endlich die Grenzen Tibets erreichen, sind sie zwar ziemlich veraltet, manche wohl zwei Jahre alt, jedoch lauschen die Zuhörer mit unverminderter eifrigster Aufmerksamkeit.
Auch in Grönland erreicht bie Zeitung bie grönländischen Eskimos selten schneller als in Jahresfrist. Die Lieferung ins Haus bedeutet in vielen Fällen eine halbjährige Hundeschlittenreise über Hunderte von Kilometer in öden Polarwüsten. Man braucht aber nicht in bie verlassensten Winkel ber Erbe zu gehen, um merfmürbige Zeitungen zu finben. Ober ist es nicht seltsam, daß es in Tokio eine Tageszeitung für Kinder mit extra großem Schriftsatz und mit Bildern gibt, und in Paris eine „Bettlerzeitung" mit vielen Anzeigen, in denen Krücken, gebrauchte, aber noch wohlerhaltene Holzbeine, Drehorgeln unb so weiter angeboten werden?,


