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Nr.U Erstes Blatt
188. Jahrgang
Samstag, 15. Januar 1938
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Moskaus Schatten.
23on unterem en-^eriditertidtter.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!
Paris, 14. Januar 1938.
Vor einigen Tagen alarmierte der Abgeordnete Reynaud die französische Oeffentlichkeit in einer zufälligen Versammlung, die aus der Unruhe der letzten Tage plötzlich entstanden war, mit einer ungewöhnlich klaren Definition der Lage Frankreichs. Er erklärte u. a.: „Der Zeitpunkt ist gekommen, an dem die verschiedenen Krisen gleichzeitig gelöst werden müssen, die wirtschaftliche, die soziale, die finanzielle und die Währungskrise, die Krise unserer Bündnisse und unserer Landesverteidigung." In der Tat ist damit die gegenwärtige Situation von Paris aus so vollständig gekennzeichnet, daß nichts mehr hinzuzufügen ist. Jede einzelne dieser Aufgaben ist schwierig und tvürde zu ihrer Lösung in. einem parlamentarisch regierten Lande Jahre brauchen. Um wieviel schwieriger mußte nun aber die Häufung von Aufgabeü fein, deren Lösung man teilweise wie z. B. der Währungsfrage, bewußt ausgewichen war oder an deren Lösung man sich infolge der' labilen innerpolitischen Verhältnisse bisher nicht heranwagen konnte!
Ministerpräsident Chautemps, einer der fähigsten Männer der politischen Mitte in Frankreich, scheint sich darüber klar gewesen zu sein, daß er mit seiner bisherigen parlamentarischen Plattform niemals imstande sein würde, eine positive Totallösung herbeizuführen, wie sie der eingangs erwähnte Reynaud forderte. Denn nur so ist die Plötzlichkeit zu erklären, mit der Chautemps nach einer bewegten nächtlichen Kammerdebatte, in der er das Vertrauensvotum breits sozusagen in der Tasche zu haben schien, den Kommunisten plötzlich ihre Handlungsfreiheit widergab. Chautemps dürfte erkannt haben, daß unter dem Damoklesschwert der Drohungen Moskaus ein gedeihliches Arbeiten nicht möglich sein würde, zumal er schon in den letzten Wochen mehrfach hatte erfahren müssen, daß die sozialdemokratischen Minister seines eigenen Kabinetts ihm bei jeder Gelegenheit in den Rücken fielen. So führte er denn eine Situation herbei, die notwendigerweise zum Rücktritt seines Ministeriums führen mußte.
Er selbst hat zwar auf die Frage, ob er denn die Demission habe herbeiführen wollen, mit Rein geantwortet. Aber er hat sehr bezeichnend hinzugefügt: „Ich wollte aber a u ch nicht von den Kommuni st en ins Gesicht gespuckt werden." Chautemps hat damit offenbar das Tischtuch zwischen sich und den Jüngern Moskaus endgültig zerschnitten, und falls er, was im Augenblick noch keineswegs zu übersehen ist, vom Staatspräsidenten Lebrun erneut mit der Bildung der Regierung betraut werden sollte, wäre d-as ein Zeichen dafür, daß die Zeit der Volksfront in Frankreich vorbei ist. Es ist auch kein Zweifel darüber möglich, daß die dramatischen Ereignisse dieser Nacht zwischen den Marxisten aller Schattierungen auf der einen und den Radikalfozia- listen auf der anderen Seite eine tiefe Kluft geschaffen haben, von der einstweilen nicht zu sagen ist, wie sie überbrückt werden könnte. Die Forderungen, die die Kommunisten unmittelbar vor der entscheidenden Abstimmung an das Kabinett stellten, sind ihrer Natur nach eine offene Kampfansage an alle die Elemente in.Frankreich, die sich um einen Haushaltsausgleich und um eine endgültige Stabilisierung der Währung bemühen. Unter diesen Umständen ist nicht zu erkennen, wie die Radikalsozialisten sich künftig überhaupt noch an einer Regierung beteiligen sollen, in der die Sozialdemokratie des Herrn Dormoy vertreten ist und auf die die französischen Sowjetjünger nach bisherigem Muster entscheidenden Einfluß haben. Denn niemand in Frankreich zweifelt daran, daß die kommunistische Fraktion nur deshalb in letzter Minute noch ihre unerfüllbaren Forderungen präsentierte, weil sie unter allen Umständen eine wirkliche Beruhigung der innerpolitischen Lage Frankreichs verhindern wollte.
Das Bild, das Frankreich hiernach bietet, ist wahrhaft erschütternd. Die sozialen Schwierigkeiten sind unbehoben, die Produktion eines hochkapitalisierten Wirtschaftsapparates leidet schwer unter der 40 - Stunden - Woche und den ständigen Streikunruhen, der volle Haushaltsausgleich, um den sich Finanzminister Bonnet bemüht hatte, ist mehr als fraglich, die Währung des Landes steht unter schwerstem Druck, seit Tagen fließen Milliardenbeträge an Gold und Devisen ins Ausland, so daß die Pariser Devisenbörse am Freitag geschlossen werden mußte — die Kammer ist in sich zur Bildung einer Mehrheit, die praktischer aufbauender Arbeit fähig wäre, infolge ihrer Zusammensetzung ungeeignet. Kein Wunder, daß in der stanzösischen Bevölkerung' selbst lebhafte Sorgen herrschen und außer den Fluchtkapitalien, die ins Ausland wandern, auch sonst stoch erhebliche Gelder von den Banken abgezogen werden, um vorläufig sich in Sparstrümpfen zu verbergen.
Trotzdem wird nicht einmal die Möglichkeit erwogen, ob durch Neuwahlen etwa eine Bereinigung der innerpolitischen Gesamtlage Frankreis erzielt werden könne. Manche Anzeichen sprechen dafür, daß man anscheinend fürchtet, daß die g e i - stige Bolschewisierung weiter Schichten der Bevölkerung hierfür bereits zu weit vorgeschritten sei. Man kann überdies getrost feststellen, daß in der französischen Oeffentlichkeit auch weitgehend der Glaube an die Möglichkeit einer aktiven und erfolgreichen Außenpolitik geschwunden ist, wie das der Hinweis Reynauds auf die Prise des französischen Bündnissystems be-
Ministerpräsident Dr. Gtojadinowitsch in Berlin eingetroffen.
Herzliche Begrüßung durch Göring auf dem Anhalter Bahnhof.
Berlin, 15. Jan. (DBB. Funkspruch.) Der jugoslawische Ministerpräsident und Außenminister Dr. Milan Stojadinowitsch traf heule um 9.33 Ahr in Begleitung des Kabinettschef Dr. Pro - titsch und des Attaches im Außenministerium Dr. A z a t a g h i t s ch mit dem Sonderzug in Berlin ein. Aus dem festlich ausgeschmückten Anhalter Bahnhof wurde der Ministerpräsident, der auch von sein er Gattin begleitet wird, von Ministerpräsident Generaloberst Göring, Reichs- Ministern und Staatssekretären, sowie führenden Persönlichkeiten der Partei herzlich begrüßt.
Auf deutschem Boden.
Annaberg (Kreis Ratibor), 14. Jan. (DNB.) Der jugoslawische Ministerpräsident S t o j a d i n o - witsch überschritt- am Freitagabend die Grenze des Deutschen Reiches. Auf der kleinen Grenzstation Annaberg, an der Drei-Länder-Ecke, wo Deutschland, Polen und die Tschechoslowakei aneinandergrenzen, wurde der Gast von dem jugoslawischen Gesandten in Berlin Markowitsch und dem deutschen Ehrendienst, dem Ches des Protokolls im Auswärtigen Amt Gesandten von B ü-l o w - S ch w a nie, dem Chef des Ministeramtes des Generalobersten Göring DJ) er ft -Bodenschatz , dem Vortragenden Legationsrat im Auswärtigen Amt B o l tz e und einem -Begleitkommando erwartet.
Dr'. Stojadinowitsch dankte herzlich füf die Begrüßung. Dr. Stojadinowitsch erklärte in deutscher Sprache: „Ich bin sehr glücklich, in Deutschland zu sein. Ich hoffe, schöne Tage in Berlin zu verleben. Ich freue mich sehr, mit den führenden Männern Deutschlands zu sprechen." Sichtliche Freude bereitete Dr. Stojadinowitsch auch die Neber- reichung deutscher Zeitungen als ersten Ausdruck der herzlichen Begrüßung, die den jugoslawischen Ministerpräsidenten in Deutschland erwartet. Nach kurtzem Aufenthalt setzte sich der Sonderzug zur Fahrt nach Berlin in Bewegung, wo der Gast am Samstagfruh eintreffen wird.
Das Programm des ersien Tages
Berlin, 14. Jan. (DNB.) Der jugoslawische Ministerpräsident Stojadinowitsch wird am Samstag um 9.33 Uhr auf dem Anhalter Bahnhof in Berlin eintreffen. Nach der Begrüßung durch Vertreter der Reichsregierung werden sich die jugoslawischen Gäste in das Hotel Adlon begeben, wo sie während der Dauer ihres Aufenthalts Wohnung nehmen werden. Um 11.15 Uhr wird Dr. Stojadinowitsch die deutschen Gefallenen des Weltkrieges durch eine Kranzniederlegung am Ehrenmal Unter den Linden ehren. Am
wiesen hat. Immerhin scheint man sich gerade in den Kreisen um Reynaud bisher noch tonen wirklichen Aufschluß darüber geben zu wollen, daß eben diese Krise der französischen Außenpolitik durch die Bindung Frankreichs an Moskau verursacht worden ist, die gleiche Bindung, die es der Komintern ermöglichte, das reiche Frankreich von innen ^u überrumpeln. Die Schatten Moskaus lagern heute drohend über diesem schönen Lande. Wer wird imstande sein, die Schatten endgültig zu bangen?
Tokio rechnet mit Fortsetzung des Krieges.
Tokio, 15. Januar. (DNB. Funkspruch.) Am Samstag begannen die Schlußberatungen zwischen dem Kaiserlichen Hauptquartier und der Regierung über die weitere Haltung Japans gegenüber China. Nach bisher vorliegenden Berichten scheint — auf Grund der Einstellung de/ chinesischen Regierung — Japan entschlossen zu sein, d en Krieg mit verschärften Mitteln fort- z u s e tz e n. Es heißt, Japan habe dem antijapanischen Regime in China Gelegenheit zur Selbstbesinnung gegeben. Nun aber sei Japan gezwungen anzunehmen, daß C h i na eine Verständi - gung ablehne. Deshalb werde Japan unerschütterlich sein endgültiges Ziel verfolgen.
Die gesamte japanische Presse legt den Entscheidungen über die Frage „Krieg oder endgültiger Sieg" höchste Bedeutung bei. Da der Wortlaut des zu erwartenden Manifestes immer noch nicht festzustehen scheint, gehen die Mutmaßungen sämtlich in Richtung auf eine Fortsetzung desKrieges. Es wird sogar behauptet, daß die chinesische Botschaft in Tokio aufgegeben, und daß auch B o tN= schafter Kawagoe aus China abberufen werde. Die Presse folgert daraus, daß Tschiangkaifchek die ihm gebotene Gelegenheit zum Frieden abgelebt oder sogar unbeachtet gelassen habe.
lieber die Kampflage wird berichtet, daß eine entscheidende Schlacht bei Sutschau am Kreuzungspunkt der Lunghai» und der Tientsin—Pukau- Bahn zu erwarten sei. Aus Kanton werden umfangreiche chinesische Abwehrmaßnahmen gemeldet, die gegen angeblich bevorstehende japanische Aktionen zur Abschneidung weiterer Zufuh-
Nachmittag wird sich der Ministerpräsident noch dem Flughafen Tempelhof begeben, um die Bauarbeiten für den im Entstehen begriffenen größten Zentralflughafen der Welt in Augenschein zu nehmen. Um 16 Uhr folgt eine Besichtigung des R.eichsluftfahrtministeriums. Um 20.30 Uhr hat ReichsAußenminister Freiherr v. Neurath die jugoslawischen Gäste zu einer Abend- tafelindas„HausdesReichspräsiden- t e n" geladen.
Die Vorarbeit der Journalisten.
Empfang beimReichsPressechefDr.Dietrich.
Berlin, 14. Jan. (DNB.) Der Pressechef der jugoslawischen Regierung, Dr. Kosta Lukovic, der bereits in Berlin eingetroffen ist, stattete Reichspressechef Dr. Dietrich einen Besuch ab, der Gelegenheit zu einer längeren Aussprache über gemeinsame Fragen der Presse gab. Im Anschluß daran fand im Hotel Kaiserhof ein Frühstück statt. Dr. Dietrich begrüßte die jugoslawischen Gäste mit einer Ansprache, in der er Bewunderung für die Aufbauarbeit zum Ausdruck brachte, die das jugoslawische Volk zu einem machtvollen und unabhängigen Faktor der europäischen Politik emporgeführt habe. Es sei ein gutes Vorzeichen, daß die Journalisten dem politischen Führer ihres Landes vorausgeeilt seien. Denn die Presse als das Sprachrohr der Völker fei nun einmal eine Schrittmacherin der Politik. Sie fei die Trägerin der Aufklärung, die notwendig sei, damit zwei Völker über alle sie bewegenden Fragen ohne Vorurteile und ohne Schwierigkeiten sich unterhalten können. Die Presse sei „die Schöpferin der Atmo- s h ä r e, in der sich wirkliche und dauerhafte Bemühungen um ein gegenseitiges Verständnis und damit um den allgemeinen Frieden erst entwickeln fpnnen".
Dr. Lukovic gab seinem Dank dafür Ausdruck, daß besonders die Presse des neuen nationalsozialistischen Deutschlands ftets volles Verständ- n i s für die Probleme des jugoslawischen Volkes gezeigt hat. „Ich überbringe Ihnen", schloß Dr. Lukovic, „die Grüße unserer jungen Nation, die im Namen eines klugen Königs von einem von Patriotismus beseelten Fürsten geführt wird, und die sich um einen kühnen Staatsmann schart. Wir begrüßen das neue Deutschland, das sich seine eigene Seele erkämpft hat, wir begrüßen den großen Führer, der das deutsche Volk in seinem Geiste führt. Unser einziger Wunsch ist der Friede im Lande und der Friede an den Grenzen. Wenn wir über diese Tage berichten, werden wir ausführlich zu schildern wissen, wie stark wir den Rhythmus der Erneuerung und der Arbeit, der in Deutschland pulsiert, verspürt
ren über den Hafen von Kanoton aus der Verkehrszone von Hongkong gerichtet seien.
Kommunistenzentrale in Lissabon ausgehoben.
Lissabon, 15. Jan. (DNB.) Der portugie- sischen Staatspolizei ist es gelungen, die Zentrale der verbotenen kommunistischen Partei auszuheben. Die Zenttale war in einem modernen Lissaboner Haus untergebracht, in dem auch eine Druckerei für illegale Flugschriften eingerichtet war. Zahlreiche kommunistische Funktionäre konnten verhaftet werden. Man beschlagnahmte auch eine Liste der kommunistischen Mitglieder. An einer anderen Stelle wurde ein größeres Bombenlager entdeckt. Bei einem verhafteten kommunistischen Funktionär wurden Sowjetrubel und französische Franks gefunden. Die ausgehobene Kommunistenzentrale unterhielt die Verbindung mit dem Ausland über' die französische Kommunistenzentrale, die die Verbindung mit Sowjetspanien herstellte.
Kola wird Militärstützpunkt Sowjetrußlands im Eismeer.
Warschau, 14. Jan. (DNB.) Mit dem Ausbau der sowjetischen Kriegsbasis auf der schon im Polarkreis liegenden Halbinsel Kola beschäftigt sich eine Meldung des „Expreß Poranny". Seit der Fertigstellung des Weißmeer-Kanals werde dort der Bau großer Industrieanlagen vorbereitet, die fast ausschließlich für die Produktion von Kriegsmaterial eingerichtet feien. Alles spreche dafür, daß diese Pläne rasch verwirklicht werden, was zweifellos zu einer ernsthaften Gefährdung der skandinavischen Staaten führen würde, zumal die Sowjets ihr starkes Interesse für die nordschwedischen Erzvorkommen nicht verleugneten. Aus diesem Interesse erkläre sich'auch die steberhafte Arbeit der sowjetrussischen „P o l a r e x p e d i t i o n e n", die sich besonders auf der Halbinsel Kola betätigen. Zur Zeit würden verschiedene Forschungen durchgeführt sowie funkentelegraphische Anlagen und provisorische Flughäfen errichtet. Die bisher tote Tundra im Polargebiet könne jetzt zur größten militärischen Basis der Sowjetunion werden.
9er Milk nach Südosten.
Drei verschiedene und voneinander unabhängige Ereignisse haben nach der Jahreswende den euro». päischen Südosten in den Mittelpunkt des politischen. Interesses gerückt: der Regierungswechsel in Rumänien, die Konferenz der drei Mächte dev römischen Protokolle in B u d a p e st und der Staatsbesuch des jugoslawischen Ministerpräsidenten Stojadinowitsch in Berlin. Sie alle haben direkt nichts miteinander zu tun, und doch zeugen sie alle drei von einem bemerkenswerten Wandel im Donauraum. Der Balkan, einst als Wetterwinkel und Unruheherd Europas verschrieen und gefürchtet, war auch nach der Aufteilung des alten türkischen Reiches und der österreichisch-ungarischen Donau-, Monarchie Schnittpunkt der Großmachtinteressen geblieben, da die bevölkerungspolitische Gemengelage eine reinliche Teilung des doppelten Erbes gar nicht erlaubt hatte und' der Größenwahn der Pariser „Friedensmacher" von 1919 eine gerechte und bet friedigende Lösung des gewiß schwierigen und heik-> . len Problems auch gar nicht gewollt hatte. Hier, wie in Mitteleuropa, brauchte man die Reibungsflächen, schürte man das gegenseitige Mißtrauen, das schlechte Gewissen der überreichlich ausgestatteten Erben, den Haß der um ihre Lebensgrundlagen betrogenen Enterbten, in dem törichten Glauben, sich auf diese Weise am besten gegen eine Revision der Pariser Friedensdiktate gesichert zu haben. Dis tatsächliche Entwicklung im Donauraum hat nicht minder wie ttn Mitteleuropa die Kurzsichtigkeit und Zwecklosigkeit einer solchen Politik erwiesen. Sis .hat sich auf die Dauer ganz vergeblich gegen biä Auswirkung der natürlichen Bedürfnisse der nun einmal vom Schicksal zu Nachbarn bestimmten und aus vielfach gleichlaufenden oder sich ergänzenden politischen und wirtschaftlichen Interessen auf Zusammenarbeit angewiesenen Völker gestemmt. So trat neben das noch als Sicherung des Versailler Vertrages gedachte polnisch - französische Bündnis das polnisch-deutsche Abkommen von 1934. Der soeben in Berlin weilende polnische Außenminister, Oberst Beck, hat soeben erst'in seinem Bericht vor dem Sejm von der grundsätzlichen Bedeutung dieses N e b<e n e i n a n b e r für die Ausgewogenheit der polnischen Außenpolitik gesprochen.
Auch im D o n a u r a u m hat sich die Verkrampfung, deren Triebfeder die Kleine Entente der „Nachfolgestaaten" Tschechoslowakei, Rumänien und Jugoslawien gegen die Rumpfstaaten Oesterreich und Ungarn gewesen war, bis zu einem noch vor wenigen Jahren unvorstellbaren Grade gelob fert. Die beiden letzteren.Haben in den römischen Protokollen von 1934 Halt an Italien gefunden, und das Entstehen der deutsch-italienischen Freundschaft hat zusammen mit dem deutsch-österreichischen JuliMbkommen vom Jahre 1936 die außenpolitische Stellung Oesterreichs und Ungarns erheblich freier gestaltet. Aber auch die Mächte der Kleinen Entente selbst haben sich den Einwirkungen der neuen Atmosphäre nicht entziehen können. Wesentlich dazu beigetragen hat Frankreichs Militärpakt mit den Sowjets und die Einbeziehung der Tschechoslowakei, die durch ihre Recht und Gesittung hohnsprechends Minderheitenpolitik sich freundnachbarliche Beziehungen sowohl zu Deutschland wie zu Polen verscherzt hat und ihr Heil in engster Anlehnung an Moskau sucht. Auf diesem Wege haben ihr weder Rumänien noch Jugoslawien folgen wollen. In Belgrad besteht seit der Ermordung der russischen Zarenfamilie, an deren Hof einst der jugoslawische König Alexander erzogen worden war, ein Gefühl schärftter Abneigung gegen die Bolschewisten, das inzwischen durch die Erfahrungen mit den Kommunisten im eigenen Lande und der Wühlarbeit der Komintern nicht geringer geworden ist. Jugoslawien hat eingesehen, daß weder die Kleine Entente noch der Baitanpakt es seiner Aufgabe enthob, seine eigenen außenpolitischen Schwierigkeiten selbst zu meistern. Der ewige Freundschaftsvertrag mit Bulgarien schuf die Grundlage für eine lqngsame Bereinigung der mazedonischen Frage, die so lange zwischen den beiden südslawischen Brudervölkern gestanden hat, und die Aussöhnung mit Italien entzog das Adriaproblem der hitzigen, die Gefahr bedenklicher Zuspitzungen in sich tragenden Debatten. Jugoslawien hat damit sich auf dem Gebiet der Außenpolitik eine Unabhängigkeit gesichert, die das Testament König Alexanders erfüllt.
Rumänien hat angesichts der außenpolitischen Aktivität der Sowjetunion, die sich nur sehr widerwillig mit der rumänischen Besitzergreifung des vorwiegend von Rumänen bewohnten Bessarabiens abgefunden hat, nach dem Sturz des einem einseitig frankophilen Kurs verschworenen Titu - lesc'u die alte Freundschaft zu Polen erneuert und damit einen Weg eingeschlagen, der von dem neuen christlich-nationalen Kabinett Goga anscheinend folgerichtig fortgesetzt wird durch Bekräftigung auch der ehemals sehr herzlichen Beziehungen zu Italien. In dem Telegrammwechsel zwischen Mussolini und Goga fam diese Absicht bereits zum Ausdruck, wenn auch gleichzeitig das Festhalten der traditionellen Freundschaften zu Frankreich und den Mächten der Kleinen Entente unterstrichen wurde. Der inzwischen erfolgte Antrittsbesuch des neuen rumänischen Außenministers Micescu in Prag und Belgrad dürfte jedoch darüber Klarheit gebracht haben, daß Rumänien künftighin weniger denn je geneigt fein wird, sich auf einen ausschließlichen Kurs festlegen zu lassen. Die Prager nationaldemokratische „Narodny Listy" schrieb nach dem Besuch Micescus, daß die gegenwärtigen Verhältnisse in Genf die Herstellung einer friedlichen Zusammenarbeit zwischen den Staaten Europas unmöglich mache und die Kleine Entente ihre Beziehungen zu den beiden in Gens nicht vertretenen Großmächten unter Benutzung eines neben


