Ausgabe 
14.10.1938
 
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M.24l Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)

5reitag,l4. Oktober 1938

Aus der Stadt Gießen.

Gespenster?

Sie Tage sind schon viel kürzer geworden Das merken die Bauern am erstem Noch spat ,n die Nacht hinein rasseln die Fuhrwerke, Horen wir die Rufe im Feld und auf der Straße, D.e Dämmerung muß noch ausqenutzt werden. Wahrend bie Wagen entleert werden, das Weh in die Ställe kommt fprmgen d,e Buben noch für kurze Zeit auf die Gaffe, Sie kom­men ia in diesen Tagen so wenig zu ihrem Spiel, Aber jetzt, im Zwielicht, gibt es allerhand zu tun.

Sie haben sich schon bei Gelegenheit eine schöne, runde, rotschimmernde Runkelrübe ausgesucht und zurückgelegt Nun holt einer sein Taschenmesser her­aus (welcher Bube hat es nicht?) und fängt an, die Dickwurz auszuhöhlen. Zuerst wird vorsichtig ein Deckel abgeschnitten. Sachverständige Blicke und Rat­schläge der anderen helfen. Es dauert immerhin einige Zeit, bis die Rübe so dünnwandig hergestellt ist, wie sie die Buben brauchen. Dann kommt der Hauptkünstler dran. Er schneidet die Augen, die Nase und den Mund. Das muß allerdings verstanden sein. Das kann nicht jeder. Das bestimmte Verhältnis, die Größe usw., alles das muß genau gewahrt werden, damit ein richtigesGesicht" zustandekommt. Gar oft schneidet das Messer zu tief, und das ganze Gebilde fliegt in die Ecke. Aberschnell ist eine neue Rübe zur Stelle.

Endlich ist es soweit. Fachmännisch wird die hohle Dickwurz begutachtet, sie geht von Hand zu Hand. Dann wird sie auf eine Stange gesetzt, eine Kerze wird entzündet und hineingestellt, der Deckel kommt drauf. Run leuchtet derKopf" glutrot. Fertig!

In irgendeiner Ecke haben die Buben ihrGe­spenst" fertiggemacht. Die kleinen Kinder dursten nicht zusehen.

Inzwischen ist es fast dunkel geworden. Die Stra­ßen sind leer, die großen Leute sind im Diehstall. Die Kinder sitzen in der Stube. Das ist die rechte Zeit für denDickwurzmann". Leise schleichen sich die Buben von Haus zu Haus, und plötzlich erscheint am Fenster das rotglühende Gesicht desGespenstes". Die dichten Vorhänge sind noch nicht herabgelassen. Mit schrägstehenden Augen, mit der hohlen Rase und dem allzu großen Munde grinst derDickwurz­mann" aus der Dunkelheit zum Fenster herein. Da läuft selbst den Großen eine Gänsehaut über den Rücken. Die kleinen Kinder fangen an zu schreien. Sitzen aber Kameraden im Zimmer, die etwas von der Sache wissen, dann reißen sie das Fenster auf und versuchen, denDickwurzmann" zu fassen. Aber das gelingt selten.

So schleichen die Buben von Haus zu Haus und beleuchten die Fenster. Erstaunen, Schreckensrufe von innen, Schreien der Kinder ... Wenn die Buben das hören, dann find sie zufrieden, dann hat derDick­wurzmann" feinen Dienst getan. Und weiter geht es, während die volle Dunkelheit hereinbricht ...

Und doch ist die Hauptblütezeit derGespenster" vorbei. Das war vor 40 und 50 Jahren ganz anders. Da hatten wir noch kein elektrisches Licht, da gab es nur selten Vorhänge in den Bauernstuben. Mit dem Petroleum mußte gespart werden. In der Däm­merung saß man fast immer ohne Licht im Zimmer. Die Kinder spielten vielleicht noch, vielleicht erzählte auch die Großmutter eine schöne Geschichte, während draußen der Herbststurm an den Läden rüttelte. Im Ofen brannte das Feuer ... Dann erschien plötzlich das Gesicht desGespenstes". Da konnte man die Schreckensrufe der Kinder hören, wie sie sich zusam­menscharten um die Großmutter! Im sicheren Schutz der warmen Stube schauten alle mit großen Augen nach dem glutroten Gesicht. Wie klopften da die kleinen Herzen! Wie gruselig war das! Und doch wie schön! Berubigend sagte die Großmutter:Das ist ja nur ein ,Dickwurzmann' ..." ,

Lang, lang ist's her. Aber heute noch freuen wir uns, wenn wir die Buben so durcb die dunklen Dorf­gassen mit ihrem rotenGespenst" ziehen sehen. H.

Oie neue Bahnhofskaffe in Gießen.

Der seit der Machtübernahme von Jahr zu Jahr stärker gewordene Gepäck- und Expreßgutver­kehr macht es notwendig, die Räume der Gepäck- und Expreßgutabfertigung im Bahnhof Gießen er­neut zu vergrößern.

Wie vielen Lesern noch bekannt sein wird, befand sich die Gepäckabfertigung früher in der Empfangshalle an der Stelle, wo sich heute die Bahnsteigsperren befinden. Die Reisenden konn­ten damals zwar durch mehrere Bahnsteigsperren gehen, der Gesamtverkehr von und zu den Bahn­steigen 1, 2 und 3 mußte aber durch eine einzige Tür, die zum Bahnsteig 1 führte, geleitet werden. Auch war das Betreten der Bahnhofsgaststätten nur möglich, wenn der Besucher eine Bahnsteig­karte löste. Der Gepäck- und Exprehgutlagerraum selbst war klein und genügte nicht mehr den An­forderungen. Deshalb entschloß sich die Reichs­bahn damals, die in verschiedener Hinsicht unzu­länglichen Verhältnisse zu beseitigen und durch Verlegung der Bähnhofskasse in ihre jetzigen Räume Platz zu schaffen für die notwendig und dringlich gewordene Verlegung der Gepäck- und Expreßgutabfertigung.

Inzwischen hat der seit 1933 stärker gewordene Gepäck- und Expreßgutverkehr, bedingt durch den allgemeinen Wirtschaftsaufschwung, die Durch­führung des Vierjahresplanes, die Vergrößerung der Einwohnerzahl Gießens und den Militärver­kehr eine weitere Vergrößerung der Gepäck- und Expreßgutabfertigung erforderlich gemacht. Platz war nur durch Verlegung der Bahnhofskasse aus ihren jetzigen Räumen zu schaffen. Deshalb hat sich die Reichsbahn entschlossen, für die

Bahnhofskasse neue Räume

durch Anbau an ein der Reichsbahn gehöriges Ge­bäude in der Frankfurter Straße,' in dem die Bahnmeistereien untergebracht sind, zu gewinnen. Dieser Anbau ist nunmehr fertiggestellt und fügt sich architektonisch gut in das Straßenbild. So schmuck, wie sich der neue An- und Gesamtbau des Dienstgebäudes nach außen präsentiert, so ge­schmackvoll und neuzeitlich wird sich auch die In­neneinrichtung der Bahnhofskasse dem Auge des

Besuchers zeigen. Es ist das Verdienst des Vor­standes des Reichsbahn-Verkehrsamts Gießen, Reichsbahn-Oberrat N i e r m a n n , dafür gesorgt zu haben, daß eine nach neuzeitlichen Gesichts­punkten errichtete Bahnhofskasse in Kürze chrer Bestimmung übergeben wird.

Gießen hat die zweitgrößte Vahnhofskasse im Reichsbahndirektionsbezirk Frankfurt (21L). Sie wird an Geschäftsumfang nur von der Bahnhofskasse Frankfurt (211.) Hauptbf. über­troffen.

Die Bahnhofskasse Gießen betreut in geldlicher Hinsicht 850 aktive Beamte, 600 Ruhegehalts­empfänger, 250 Hinterbliebene von Beamten, 550 Rentenempfänger, ferner erhalten rund 1500 Ar­beiter ihre Löhne durch diese Kasse. Daneben hat sie Zahlungen an Dritte zu leisten, die Lieferungen oder Arbeiten für die Reichsbahn ausgeführt haben. Weiterhin hat die Bahnhofskasse^die Mie­ten für die zahlreichen bahneigenen Mietwohnun­gen, Lagerplätze und Gleisanschlüsse, sowie für das von den Wohnungsinhabern usw. zu zahlende Entgelt für die Entnahme von Strom, Wasser usw. einzuziehen.

Die Gepäck- und Expreßgutabfertigung Gie­ßen ist ebenfalls die zweitgrößte Verkehrs- dienststelle dieser Art im Reichsbahndirektions­bezirk Frankfurt (21L).

Jährlich werden 24 000 Gepäck- und 131000 Exprehgutsendungen im Ortsverkehr behandelt. Dazu kommen noch 148 000 Gepäck- und über eine Halbe Million Expreßgutsendungen, die hier urn- gelaöen werden müssen, denn Gießen als wich­tiger Eisenbahnknotenpunkt ist Umladestelle für die Hauptstrecken Frankfurt und Kassel nach den Ober- hessischen Bahnlinien, der Lahn- und Siegstrecke, sowie dem Ruhrgebiet und umgekehrt. Die Zahl der täglich ladedienstlich zu behandelnden Reise­züge ist in diesem Jahr auf 218 gestiegen. Der Dienst ruht hier nie; es wird Tag und Nacht, so­wie Sonn- und Feiertags gearbeitet, deshalb kann auch Gepäck und Expreßgut zu jeder Tages- und

Nachtzeit zur Beförderung übernommen und aus- geliefert werden.

In den Spitzenverkehrszeiten an Ostern, Pfing­sten und Weihnachten reicht der jetzige Lagerraum nicht aus. Deshalb mußte ein Teil der eingetroffe­nen Expreßgüter, und zwar die von dem bahn- amtlichen Rollfuhrmann abzufahrenden, zum Ell- gutschuppen gefahren und dort bis zur Abfuhr gestapelt werden. Dies konnte nur ein vorüber­gehender Behelf fein, denn der Eilgutschuppen wird für die Lagerung der (Eilgüter und zur Sta­pelung der Wagendecken, die leihweise an die Ver­frachter abgegeben werden, dringend benötigt. Die Eilgutabfertigung Gießen ist Deckenoorratsstelle und verfügt über einen Bestand von 140 Wagen- decken.

Wegen Platzmangels im Gepäcklagerraum muß­ten auch die Fahrräder der auf Zeitkarten fahren­den Reisenden seither im Eilgutschuppen aufbe­wahrt werden. Diese verbilligte Fahrrad auf bewah- rung hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Zur Zeit werden über 100 Fahrräder zu diesem Sondertarif aufbewahrt. Die Herausnahme der Fahrräder aus dem Eilgutfchuppen 'ist äußerst dringlich. Dies kann aber nur geschehen, wenn der Gepäcklagerraum vergrößert wird.

Durch das Freiwerden der jetzigen Räume der Vahnhofskasse, die an die Gepäckabferti­gung grenzt, und durch einen weiteren Umbau der jetzigen Anlagen, insbesondere auch des . eigentlichen Abferkigungsbüros, das an eine andere Stelle verlegt wird, hofft man so viel Platz zu gewinnen, daß den gestiegenen An­forderungen des Verkehrs auch in räumlicher Hinsicht voll entsprochen werden kann.

Es wird dann möglich sein, wieder sämtliche Fahrräder bei der Gepäckabfertigung aufzubewah- ren, was von den Fahrradeigentümern sicher be­grüßt wird, da sie den Weg von und zur Eilgut­abfertigung ersparen. Nach dem Wegzug der Bahnhofskasse aus dem Bahnhofsgebäude wird vorerst dafür gesorgt werden, daß die Fahrräder in diesen Räumen aufbewahrt werden können.

Vornoiizen

Tageskalender für Freitag.

Stadttheater: 20 bis 23 UhrDer süßeste Schwin­del der Welt". Gloria-Palast, Seltersweg:Ich liebe dich". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Der Spieler".

Wiederholung:Der süßeste Schwindel der Welt."

Heute abend Wiederholung vonDer süßeste Schwindel der Welt", Lustspieloperette in drei -Ak­ten von Rudolf Weys, Musik von Robert Stolz. Spielleitung: Gert Buchheim, musikalische Leitung: Joachim Popelka. Tänze: Thea Maaß. Die Vor­stellung findet als 3. Vorstellung der Freitag-Miete statt. Anfang 20 Uhr, Ende 23 Uhr.

BOM.-Untergau 116 Gießen.

Velr.: Wochenendschulung am 16.10.

Am 16.10. findet in folgenden Orten die erste Wochenendschulung statt: Gießen (Antreten 8 Uhr Ludwigsplatz oder 8.15 Uhr Studentenheim), Leih­gestern, Grünberg, Hungen, Allendors a. d. Lda., Friedberg, Griedel, Größ^Karben (jeweils in den Heimen). Die vorgesehenen Schulungen in Butzbach und Langsdorf werden hiermit nach Griedel und Hungen verlegt. Jede Führerin begibt sich zu dem Schulungsort, der ihrem Wohnort am nächsten liegt. Mitzubringen sind: Dienstbücher der Einheit, Schreibzeug, Verpflegung, Liederbuch. Beginn der Schulung 8.15 Uhr, Ende gegen 17 Uhr.

Befr.: Ueberroeifung in die NSF.

Alle gemeldeten Mädel zur Ueberroeifung in die NSF. treten am Sonntag, 16.10., in Kluft zur

Ueberroeisungsfeier um 19.45 Uhr am Br and platz (Rotes Kreuz) an. Die Mädel des Kreises Fried­berg werden um 15 Uhr in Friedberg (Burg) über­nommen.

Ein guter Bekannter die Gammelbückse.

NSG. Lange Monate haben die Sammelbüchsen des WHW. an ihren AufbewahruNgsplätzen sozu­sagen ihrenSommerschlaf" gehalten. Am Sams­tag und Sonntag treten sie nun zum ersten Male in diesem Winter wieder in Tätigkeit. Welche Erin­nerungen mögen an jeder einzelnen Sammelbüchse hangen, die schon so manche Winterschlacht gegen Not und Elend mitgemacht hat. Welch' hohes Lied vom Einsatz des ganzen deutschen Volkes könnten sie singen, die so manchen Groschen zum stolzen Er­gebnis der bisherigen Wknterhilfswerke zusammen­tragen halfen.

Mit der ersten Straßensammlung erhalten wir in diesem Jahre wieder die im letzten Winter so sehr begehrten kleinen Bilderbücher, die in ihrer netten Zusammenstellung viel Freude machen. Die kleine Bilderbibliothek wird also fortgesetzt. Zu den 20 Millionen Büchlein des letzten Jahres sind diesmal noch 5,1 Millionen mehr hinzugekommen, damit sich unsere Brüder und Schwestern in den Ostmarkgauen ebenfalls ihren Anteil sichern können. Insgesamt 25,1 Millionen Bilderbücher warfen am Samstag und Sonntag darauf, gekauft zu werden. Im vori­gen Jahre zeigten sie uns den Führer und die Be­wegung, den Führer bei der Wehrmacht, bei seiner Jugend und seinen Arbeitern, sowie den Führer in

den Bergen. In diesem Jahre führen uns die Büch­lein in die Heimat des Führers, sie zeigen uns den Führer und Mussolini, den Führer bei seinen Bau­ten, dem WHW. und seinem Volk. Wenn wir diese

Utiec £cdix täglich 6ci dec 4fand9 hat SduJuueek 6lank und elegant!

QUALITÄTS.ERZEUGNIS DER SIDOL.WERKE

neuen entzückenden Büchlein in Händen haben, wer­den wir uns gern nochmals die vo mletzten Jahre hervorholen und Bild für Bild die große Zeit und den überwältigenden Aufbau nacherleben.

25,1 Millionen Büchlein warten auf ihren Käu­fer warten auf jeden von uns. Und zum ersten Male in diesem Winter wird die längst vertraute Sammelbüchse wieder ihrDanke" klappern.

Treudienst-Ehrenzeichen für Reichsbahnbeamte.

In einer schlichten, eindrucksvollen Feier wurde den nachstehend genannten Beamten des Bahnhofs Gießen das Treudienstehrenzeichen in Gold für vierzigjährige Dienstzeit ausgehändigt: Reichsbahn- Oberinspektor Karl Luh, Reichsbahn-Obersekretär

Oer Spieler."

Lichtspielhaus.

Was sonst meist nur als Zwischenspiel, als Episode und stimmunggebende Kulisse in andern Zusammenhängen im Film zu erscheinen pflegt die Arena der rollenden Glückskugel, die Spielsale der eleganten Kurorte, wo die große Welt ihr Geld viel seltener gewinnt als verliert, das ist hier nicht Beiwerk und Intermezzo, sondern Kernstück und Zentralmotiv einer Handlung, die von D o st o - jeroskis berühmter Erzählung ihre Anregung empfing. Daß es sich in diesem Umkreise keineswegs ausschließlich um gute Gesellschaft, um die soge­nannte große Welt handelt, sondern ebenso oft auch um die halbe, um Abenteurer, Glücksritter und Hochstapler, bedarf ebensowenig der Hervorhebung wie der Umstand, daß die Fabel, aus dem uner­schöpflichen Menschenrefervoir des russischen Ro­manciers gespeist, einen gewaltigen Auftrieb erhält: nicht nur was Handlung, Spannung und äußeren Szenenreichtum betrifft, sondern auch im Hinblick auf die seelische Durchdringung und die menschlichen Hintergründe, die da, in einer manchmal erschreckend vollkommenen Demaskierung, offenbar werden, wo sonst die Kamera allermeist nur die Oberfläche ab­tastet und selten mehr als Bild- und Stimmungs- werte zu erzielen sucht. Hier erlebt man einmal die ganze abgründige Dämonie der rollenden Kugel, einen gespenstigen Totentanz um Liebe und Geld, ein Panorama der enthüllten Seelen, eine Bilder­galerie von verzweifelten, hoffenden, hassenden, lie­benden und sich gegenseitig bis aufs Blut auälenden Geschöpfen, die von der Spielleidenschaft völlig ver­wirrt und ganz verdorben sind. Es ist fast aus­sichtslos, den Gang der Handlung nacherzählen zu wollen, die sich, nach langsamem Auftakt, schnell steigert, überschneidet und mehrfachen Katastrophen entgegensteuert.

Man spürt durch die Bilder des Films hindurch die Figurenfülle und Handlungsdichte der Erzäh­lung, die schonungslos ist in der Entlarvung der Charaktere und Leidenschaften; man denke nur bei­spielsweise an die Gestalt des pensionierten kaiserlich russischen Generals und vormaligen Gouverneurs von Tula, der ein Vermögen verspielt hat und nun von Tag zu Tag auf den Tod seiner Schwieger­mutter lauert, um sie zu beerben und mit der Erb­schaft eine Schuldenlast abzudecken, die ihn samt seiner Tochter Nina zu vernichten droht; im kritisch­sten Augenblick, als ihm das Wasser sozusagen schon

am Halse steht, empfängt er ein Telegramm aus der russischen Heimat: Babuschka, Schwiegermama, habe nun endlich die große Reise angetreten ... er ist entzückt über die Nachricht, deren Wortlaut er für eine zartfühlende Umschreibung hält, und steht fas­sungslos, als die Totgeglaubte, zwar gelähmt im Rollstuhl, sonst aber beneidenswert frisch und leben­dig im Zimmer auftaucht: es war keine Umschrei­bung, sondern Babuschka hat wahrhaftig eine sehr weite, aber ganz irdische Reise angetreten, nicht etwa, um dem Schwiegersohn, Seiner Exzellenz, Geld zu bringen, sondern um alsbald ebenfalls der Spielleidenschaft zu verfallen und ihr ganzes, be­trächtliches Vermögen einzubüßen, das der General zu erben hoffte ...

*

Dem Regisseur Gerhard Lamprecht ist es ge­lungen, die filmisch nicht unergiebige Atmosphäre des eleganten Kurortes und der Spielsäle mit einer zwingenden Realität lebendig werden zu lassen und überdies, im Sinne Dostojewskis, nicht bloß ein Figuren-Schema in diese Kulisse hineinzustellen, sondern unter die glänzende Oberfläche zu bringen und wirkliche Charaktere zu zeigen. Der menschliche Reichtum der Vorlage spiegelt sich auch in der sorg­fältig gewählten, differenzierten Besetzung. Staats­schauspieler Eugen Klöpfer macht aus dem Ge­neral eine ungemein belebte Gestalt, er gibt mit einem großangelegten Umriß das Bild eines inner­lich abgleitenden, seelisch gleichsam zerbröckelnden Menschen, dessen Zusammenbruch gerade durch den Kontrast der äußeren Erscheinung Eindruck macht, der strotzende körperliche Fülle, weltmännische Hal­tung und der Glanz einer großen Vergangenheit nicht zu bestreiten sind. Die B a a ro v a spielt sehr fesselnd die Generalstochter Nina in ihrer hoch­mütigen Kühle, ihrer Angst vor der Katastrophe, ihrer schwankenden Liebe, mit einem stets wachen, aber stets beherrschten Gefühl. Hannes Stelzer war der gegebene Mann für den jungen Sekretär Alexej, dessen geöemütigter Stolz nach gewaltsamer Entladung drängt und am Ende von der Woge einer nicht mehr gehemmten und kontrollierten Leiden­schaft weg'geschwemmt roirb, Ihm gegenüber der ruhige, vornehme, verläßliche Dr. Tronka: Albrecht Schoenhals, ber, wie wir hören, bemnächst persönlich bei uns in Gießen zu Gast sein wirb. Die Bleib treu gibt bie Babuschka, eine äußerst plastische, temperamentvolle Erscheinung, bereu Helle Kommandostimme mit ihrer körperlichen Hilf­losigkeit ebenso kontrastiert wie mit ihrer unbe­herrschten und jäh entfesselten Spielwut. Karl Mar­tell spielt den Vincent als einen eiskalt berech­nenden, skrupellosen Halsabschneider; neben ihm bie

schillernbe, geschmeibig-undurchbringliche, kokotten- hasteKomtesse Blanche", ber Hübe Körber eine unheimliche Realität verleiht. Drehbuch von Peter Hagen; Musik von Giuseppe B e c c e. (Tobis.)

V

Im Beiprogramm läuft ein Kulturfilm mit Bib­bern von ben Kostbarkeiten bes Bamberger Domes: ein ausgezeichnetes, mehr als ergiebiges unb bank- bares Motiv, leiber beeinträchtigt burch Lichteffekte, von benen sich bie Hersteller viel zu viel ver­sprochen haben. Die Bamberger Architektur und Plastik bedarf keiner äußeren Hilfsmittel, um zu wirken. Zudem geht über zahlreichen, an sich groß­artigen Details ber Blick aufs Ganze verloren: wer ben Dom nicht gesehen hat, wirb sich nach diesem Film kaum bie rechte Vorstellung bavon machen können. Hans Thyriot.

Der gut empfohlene,/Dottor".

In einer heiteren unb kenntnisreichen Plauberei, bie Philipp Gottfrieb Maler über ben Moselwein im Oktoberheft von Velhagen & Klasings Monats­heften veröffentlicht, finbet sich auch eine hübsche Ge­schichte über ben Bernkasteler Doktor unb woher er feinen Namen trägt. Ein Trierscher Kurfürst unb Erzbischof war krank. Niemanb konnte ihm helfen, bis ber Mann mit bem Fäßchen kam, aus bem sich ber hohe Herr bie Gefunbheit trank vom Bern­kasteler Doktor. Nicht minber lehrreich ist bie anbere Geschichte vom Ritter, ber sich aus Verzweiflung über Not unb Krankheit tottrinken wollte, aber bie Ge- sunbheit gewann, weil er an ben Bernkasteler Doktor geraten war. UeberaU wohnen Tob unb Leben nahe beieinanber. Sollte es beim Wein anbers fein? Bei Taufenben hat ber Einunbzwanziger Freube geweckt unb Leben gesteigert. Aber irgenbroo hat ein wohl- habenber Winzer auf ein Faß eben fertigen Einunb- zwanzigers bie prophetischen Worte geschrieben:Der ist mein Tob". Was übrigens ben Bernkasteler Dok­tor angeht, so ist fein schöner Name gewiß mehr Menschen bekannt als ber Wein selber. Jährlich etwa zehn Fuber (1 Fuber = 975 Liter) von biefer beson­ders gesegneten Bergnase bas ist nicht viel. Doch ist bie Mosel ja nicht in Verlegenheit um anbere aus­gezeichnete Lagen, flußabwärts bei Graach, Wehlen, Zettingen, Uerzig, Erben, Cröv, flußaufwärts bei Liefer, Brauneberg, Piesport, Drohn, Trittenheim unb anbersroo. Der Moselwein steht seit vielen Jahr­zehnten hoch in ber Gunst bes Kenners, vor allem seitdem die getf ngroertige Elblingrebe durch ben Ries­ling ersetzt würbe.

Ein wiederentdeckter Leonardo.

Zur Vorbereitung ber großen Leonardo- Aus­stellung, die im nächsten Jähre in Mailand statt- finden wird, wurde eine Liste von 19 Werken des Künstlers veröffentlicht, über die Berichte vorliegen, die aber heute verschollen sind. Die Hoffnung, solche noch aufzufinden unb zu ber Ausstellung zu erhal­ten, scheint sich in einem Fall zu erfüllen. Es wird berichtet, daß bas Bildnis von Cecilia Gallerani, das in ber Liste angeführt wirb und das von Leonardo da Vinci hn Jahre 1498 rm Auftrage von Lodovico il Moro ausgeführt wurde, sich gegenwär­tig im Besitz der Familie Frisiani in Corbetta be­findet, eines alten edlen Geschlechtes, das es gegen Ende des 18. Jahrhunderts von einem Geistlichen, ber lange bei ben Frisiani zu Gast war, als Ge­schenk erhalten hat. Das Gemälbe -mißt 56 :42 cm und stellt das Brustbild einer jungen Frau in her­vorragender Ausführung dar. Eine Reihe.von Sach­verständigen, die das Bild untersuchten, sind nach der rounberbaren Technik der Ansicht, daß es sich um ein echtes Werk Leonardos handelt. Ferner wird die Tatsache angeführt, daß ein zerrissenes Stück Papier, das an der Rückseite bes Werkes angebracht war, den Namen ßeonarbos trug. Die Frage rft aber, ob dieses Bild wirklich bas der Cecilia Galle­rani ist, die Leonardo gemalt hat. Sie soll durch weitere Untersuchungen geklärt werden.

Hochschulnachrichten.

Geheimer Medizinalrat, Professor Dr. med., phil. unb med. vet. Karl Subhoff, ber ent« pflichtete Drbinarius für Geschichte ber Mebizin an der Universität Leipzig, ist im 85. Lebens­jahre g e ft o r b e n. Von feinen zahlreichen Ver­öffentlichungen sind besonders die Paracelsus-For­schungen hervorzuheben.

Dr. Karl G l e u, Dozent in der Mathematisch- naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Jena, wurde zum nb. ao. Professor ernannt 1932 habilitierte er sich für 6as Fach Chemie.

Dr. Hans Hermann Adler, Leiter des Instituts für Zeitungswissenschaft an ber Universität Heibel- berg, hat bie Dienstbezeichnung Honorarprofessor erhalten. Dr. Abler war im Verlagswesen unb später als Schriftleiter tätig, zuletzt als Theater- unb Musik­kritiker an berSchlesischen Zeitung", Breslau, bis ihm an ber Universität Heibelberg ein hauptamtlicher Lehrauftrag für Zeitungskunbe erteilt roi^rbe. Er würbe 1935 auch zum Direktor bes dortigen Dol« metscher-Jnstituts ernannt.