Nr. 88 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Donnerstag, N. April (938
Manche behaupten, daß Machematiker und Physiker den Grund zu großen Gedanken, an deren Ausbau sie ein Leben lang arbeiten, bereits zwischen 23 und 30 legen. Das mag eine Regel sein;
zigjährigen aber bezeichnete er als v brauchbar. Ob Sir Osler heute noch
Menschen erreichte Lebensalter ganz gewaltig heraufzuschrauben: Man kann heute rechnen, daß die Menschen der europäischen Kulturstaaten und namentlich Deutschlands 60 Jahre alt werden.
un- enn
nahmen: Als z. B. Max Planck die Quanten« cheorie begründete, war er mit 42 Jahren immerhin schon in das Alter vorgerückt, das Osler „unfähig" nannte, und Thomas Edison hat einen sehr
noch reichlich andere Tiere, die unangenehm für den Menschen werden können, so Skorpion und Hundertfuß, deren giftige Stiche oft gefährliche Folgen haben. Mit Schlangen und S i a - f u 5 (wandernden Ameisen) habe ich gleich in den ersten Tagen Bekanntschaft gemacht. Als ich bei meinen Bekannten im Garten über den Rasen ging, raschelte es vor meinen Füßen, und eine grüne Baumschlange ringelte sich an der neben mir stehenden Palme empor, vor der ich erschreckt zurückwich. Einige Tage vorher hatte die Dame des Hauses eine große Schlange in der Ecke ihres Wohnraumes gefunden. Aber auch ahnungslos in einen Zug der ©iafus zu geraten, ist sehr ungemütlich. Allerdings merkten wir es sofort und konnten die Tiere,' die sich fest ins Fleisch verbeißen, mit unseren Schühen und Strümpfen von uns schleudern. Aber bei Siafus hat mancher schon mehr als nur Schuhe und Strümpfe ausgezogen. Auch für Haustiere sind sie oft große Quälgeister und haben schon manches Küken bei lebendigem Leibe aufgefressen.
Aber trotz oller Entbehrungen und Gefahren hängen die Deutsch-Ostafrikaner sehr an ihrer zweiten Heimat, die zum größten Teil l a n d s ch a f t - lich sehr reizvoll ist und noch große Wild- reservate besitzt. Die Perle des früheren Deutsch-Ostafrikas ist das Usambaragebirge, das wildromantische Felsentäler, hohe, über 2000 Meter ansteigende Berge und mächtige Urwälder J)at. Es ist reichlich durch Reger besiedelt. Auch liegen im ganzen Gebirge zerstreut einzelne d e u t s ch e F a r - men. In der Hauptsache wird dort europäisches Gemüse und Obst gepflanzt und nach den Hafenstädten Tanga und Daressalam versandt. Alle ,Far°
Der große deutsche Arzt Hufeland hat um 1800 festgestellt, daß jedes Lebewesen von Natur aus fünfmal so lange leben könne und solle, als es zu seiner vollen Entwicklung braucht. Demgemäß müßten die Menschen, die doch erst etwa mit 25 Jahren wirklich „reif" und „erwachsen" sind, normalerweise 125 Jahre alt werden. Tatsache ist jedoch, daß auch zu Hufelands Zeit die durchschnitt- liche Lebenserwartung nur etwa 35 Jahre betrug. In den letzten fünf Jahrzehnten aber ist es der ärztlichen Fürsorge gelungen, das von den meisten
In der Steppe befinden sich in der Hauptsache ausgedehnte Sisalpflanzungen, in höheren Lagen dann noch Kaffee- und Teeplantagen.
Eine sehr hübsche Autofahrt durch große Waldungen von Kokospalmen machten wir von Tanga aus nach der Mündung des Panganistromes, in dem es viele Kr o k o d i l e gibt. An den weiter flußaufwärts gelegenen Panganifällen ist in den letzten Jahren mit englischem Kapital ein großes Kraftwerk entstanden, das Tanga und viele Pflanzungen mit elektrischem Strom versorgt. Die Brandung des Indischen Ozeans an der Panganimün- dung ist ziemlich stark, und es macht Vergnügen, darin zu schwimmen, nur mußten wir uns erst an die unheimliche Wärme des Wassers, die einem warmen Bad bei uns zu Hause gleichkommt, gewöhnen.
Auf dem Rückwege kamen wir am Abend durch ein Negerdorf, in dem gerade eine Ngoma (Tanz) stattfand. Das Licht des Vollmondes siel auf dunkle Gestalten, die sich in zwei Reihen tanzend gegenüberstanden. Aus der Mitte erscholl eigenartige Trommel- und Rasselmusik. Die Frauen bewegten sich unter eintönigem Gesang in ständigen Tanzbewegungen hin und her. Sie waren mit bunten Ketten und Schmuck behängt und hielten kleine Tücher zwischen ihren Händen, die sie im Rhythmus der Musik hoben und senkten. Ihnen gegenüber tanzten lebhaft und unter kleinen Schreien die Neger, und ab und zu wirbelte einer aus einer Reihe und zu den Frauen hinüber, um einer oder mehreren ein Geldstück zwischen die Lippen zu schieben, das diese dann in ihrer Hand verschwinden ließ. Immer wilder wurde der Tanz und immer lauter die Schreie der Neger, und als wir schon ein Stück wieder entfernt waren, hörten wir noch die dumpfen erregenden Töne der Negerinstrumente durch die afrikanische Nacht klingen, in der die Luft schwer und schwül über dem Boden lagert und die Palmen fremd und seltsam gegen den leuchtenden, sternübersäten Tropenhimmel stehen.
Ein „Menschenalter" berechnen wir gewöhnlich auf 30 Jahre. Diese Auffassung von der „Lebenserwartung" des Menschen geht aber wohl auf die Tatsache zurück, daß z. B. die alten Römer — und auch noch die Menschen vieler späterer Jahrhunderte — durchschnittlich wirklich nur 29 Jahre alt wurden. Für unser heutiges, statistisch geschultes Auge haftet dieser Angabe freilich ein kleiner Schönheitsfehler an: Wir wissen, daß berühmte Römer, wie z. B.' Cato wesentlich älter geworden sind, wissen — oder können es doch Nachlesen —, daß Julius Cäsar fast 66 Jahre alt wurde und daß der „Senat", die oberste Behörde des republikanischen Rom ausdrücklich ein „Rat der Alten" war, wie sein Name sagt. Zweifellos hat die außerordentlich große Kindersterblichkeit früherer Zeiten das Bild verschoben und so zu der Berechnung eines Menschenalters auf 30 Jahre geführt.
Deutsche Frau im Schwarzen Erdteil
Erste Eindrücke und Erlebnisse in Ostafrika.
Don Or. Käte paschen, Gießen, z. Z. Kunguruwi-Estate, Ostafrika.
Eigenartigerweise gibt es aber Menschen, die darin gar keinen so begrüßenswerten Fortschritt sehen. Bereits im Jahre 1905, als wir erst einen Teil dieser Entwicklung hinter uns hatten, und die Menschen noch 15 Jahre jünger starben, behauptete ein Sir William Osler in Baltimore bei einem Vortrag, daß die Männer um die 40 herum schon unfähig seien. Sonst nennen wir dieses Alter gerade „in den besten Jahren". Die Sech-
Daß Kant sein Hauptwerk, die „ K r i t i k der reinen Vernunft", erst mit 57 Jahren veröffentlichte, scheint Osler und den vielen, die mit ihm Menschen dieses Alters schon zum „alten Eisen" werfen wollten, entgangen zu sein, ebenso wie die Tatsache, daß Leopold von Ranke seine berühmte Weltgeschichte erst mit 80 Jahren begann und noch vor seinem Tode im 91. Lebensjahr vollendete. Komponisten wie Händel oder Verdi haben wertvolle Werke noch mit 70 und 72 Jahren konzipiert; seinen „Othello" komponierte Verdi sogar erst mit 80. Michelangelo aber malte noch im 89. Lebensjahr emsig an seinen gewaltigen Wandbildern, und Tizian, der mit 75 Jahren sogar einen neuen Anlauf und neuen Schwung schöpfte, hätte vielleicht noch mit 100 Jahren Meisterwerke geschaffen, wenn ihm nicht im 99. die Pest den Pinsel aus der Hand gerissen hätte.
Mögen die Genannten — ihre Reihe ließe sich unschwer erweitern — Heroen an Schaffens- und Lebenskraft gewesen sein. Sicher ist, daß der Mensch in dem Alter, das er dank ärztlicher Kunst heute durchschnitttich erreicht, durchaus nicht „verbraucht" sein muß.
Wann ist man im „besten" Alter?
Wie alt wird der Mensch? — Mit 40 Jahren ist man noch nicht verbraucht. — Tizian malte mit 99.
Don Do. 3- Zinsser.
er 1905 vielleicht 30 Jahre alt war, so würde er heute auch schon tief im „unbrauchbaren Greisentum" stehen. Wir wissen es nicht. Aber bereits 1905 konnten der kühnen Behauptung Oslers zahllose lebende Gegenbeweise vorgehalten werden, und die Geschichte hat die Reihe der berühmten und noch im hohen Greisenalter leistungsfähigen, ja äußerst schöpferischen Männer seitdem noch wesentlich vergrößert.
Fünf Wochen lang haben Meereswogen den Bug unseres Schiffes umrauscht, das von Hamburg aus sich seinen Weg durch die Nordsee, den Atlantik, an Gibraltar vorüber durchs Mittelmeer, den Suez- kanal und das Rote Meer bis in den Indischen Ozean bahnte. Bunte wechselvolle Bilder der Hafenstädte sind an uns vorübergezogen und die Erinnerung an trostlose, in der Sonne flimmernde Wüste, an Sand und Felsen der letzten Häfen Port Said, Port Sudan und Aden ist noch in uns, als wir uns der grünen Küste Ostafrikas nähern. Zuerst legen wir in Mombasa an, der Hafenstadt der englischen Kolonie Kenya. Dann, nach etwa sechs-' bis achtstündiger Fahrt gleitet der Dampfer, vom Lotsenschiff geführt, in die palmumrauschte Bucht von Tanga ein, wo er vor Anker geht.
Bald kommt die Prüfungskommission an Bord, und nachdem unsere Pässe und Papiere durchgesehen sind, übergeben wir unser Gepäck einigen Negern, die es in das Motorboot schaffen, das uns an Land bringt. Zuerst müssen wir durch den englischen Zoll, aber auch hier geht alles glatt, und wir fahren zu dem nahen Krauthotel, das zwischen hohen Palmen liegt und von dem man einen herrlichen Blick über die blaue Bucht mit der Toteninsel hat.
Tanga ist die erste Hafenstadt unserer früheren Kolonie Deutsch-Ostafrika und bietet ein buntes Bild. Europäer, Inder, Neger in farbigem Durcheinander beleben die wenigen breiten Geschäftsstraßen der Europäer, an die sich das Jnder- viertel mit seinen vielen Duken (Läden) schließt. Etwas abseits zieht sich malerisch unter Kokospalmen das große Eingeborenendors hin. Außerhalb der Stadt liegen entzückende Villen der Europäer mit großen, in tropischer Ueppigkeit blühenden Gärten. Und über allem brütet die grelle, flimmernde Sonnenhitze der Tropen.
Die tägliche Erfrischung und Erholung ist das Baden am Strand, wo besonders gegen abend fröhliches Leben und Treiben herrscht. Die Sonne geht hier, in der Nähe des Aequators, fast regelmäßig schon kurz nach sechs Uhr unter und die Neger zählen die Stunden von Sonnenaufgang, morgens sechs Uhr, bis abends sechs Uhr als die erste bis zwölfte Stunde.
In Hotels und Privathäufern bedienen überall Neger, Boys genannt, in langen weißen Gewändern und mit roten Fezen auf den Köpfen. Die Füße sind immer unbekleidet. Die Sohlen sowie die Innenflächen der Hände stechen merkwürdig hell gegen den übrigen dunkelgetönten Körper ab.
Die - Verständigungssprache zwischen Europäern und Negern ist im allgemeinen Suaheli, das, ursprünglich nur Küstensprache, heute auch die meisten Neger im Innern verstehen und sprechen.
Das Tropenklima in Tanga und den ganzen Küsten- und tiefgelegenen Steppengebieten ist für Europäer anstrengend, und besonders die Frauen haben darunter zu leiden. Auf Hochebenen und im Gebirge ist das Klima gesund; tagsüber nicht allzu heiß, kühlt es abends oft so ab, daß man Feuer in den hier überall vorhandenen Kaminen machen muß. Aber es ist sehr gemütlich, im „heißen" Afrika abends in den hier gebräuchlichen, niederen, mit Kissen ausgelegten Holzsesseln um den flackernden Kamin zu sitzen und beim Schein einer Petroleumlampe zu lesen oder zu plaudern.
In Tanga und den übrigen Küstengebieten herrscht die Malaria, die in den hoch gelegenen Gegenden und im Gebirge nur ganz selten zu finden ist. Doch haben auf dem Gebiet der Bekämpfung der Tropenkrankheiten gerade die deutschen Wissenschafter Hervorragendes geleistet und Medikamente hergestellt, die auch die Malaria in den meisten Fällen zur baldigen Ausheilung bringen. Aber es gibt außer den Mos- kit e n, die die lieberträger der Malaria sind, hier
Ulm tritt für seinen Schneider ein.
Die Gestalt des Albrecht Ludwig B e r b l i n g e r, des Schneiders von Ulm, ist weit bekannt. Aber die Volkstümlichkeit dieses mutigen Flugpioniers, der mit seinem selbstgebauten Flugapparat im Mai 1811 auf der Ulmer Adlerbastei zum Fliegen an- setzte und dabei in die Donau fiel, ist von Beginn an ins Lächerliche verzerrt worden. In einem vom Kreisleiter, vom Oberbürgermeister und üom Stadt- rat für Kultur gemeinsam abgefaßten Aufruf haben sich die Vertreter Ulms jetzt zu einer Ehrenrettung des Schneiders an die Öffentlichkeit gewendet und bageaen Stellung genommen, daß Berblinaer als eine^lächerliche Figur hingestellt wird. Vor allem werden die Ulmer Kunst- und Andenkenhändler aufgefordert, alle unpassenden Darstellungen des Schneiders von Ulm aus dem Handel zu ziehen. In feinem vielgelesenen Roman „Der Schneider von Ulm" hat bereits Max Eyth vor über dreißig Jahren ein Bild des eigenwilligen Flugzeugkonstrukteurs entworfen, dessen Schicksal als das eines „um 200 Jahre zu früh Geborenen" erscheint. Die Flugmaschine Berblingers lehnte sich an das einige Jahre vorher von dem Wiener Uhrmacher Jakob Degen konstruierte Gerät an. Es bestand aus zwei herzförmig geformten Flügeln, die an die Arme geschnallt und durch Muskelkraft bewegt wurden. Der mutige Schneider hat nach dem mißglückten Versuch noch lange unter dem Spott seiner Mitbürger zu leiden gehabt und ist 58 Jahre alt in bitterster Not im Spital zu Ulm gestorben.
großen Teil seiner epochemachenden Erfindungen erst nach den mittleren Lebensjahren der Menschheit gegeben, wenn er auch so bedeutsame Entdek- frungen wie den Phonographen oder die Kohlenfadenglühlampe mit 31 bzw. 32 Jahren machte; bis zu seinem Tode im 84. Lebensjahr war er unermüdlich und erfolgreich tätig. Humboldt aber hat sein großes Werk „Kosmos" überhaupt erst mit 76 Jahren in Angriff genommen und nach vierjähriger Arbeit vollendet. Gewiß gab der große schwedische Naturforscher und Arzt Karl von L i n n 6 , der allen Pflanzen ihre lateinischen Doppelnamen verlieh, sein berühmtes siebenbändiges „System der Natur" schon mit 28 Jahren heraus. Als aber Graf Zeppe - l i n 1887 dem württembergischen König seine Denkschrift über die verkehrstechnische und militärische Bedeutung lenkbarer Luftschiffe überreichte, war er bereits 49 Jahre alt, und erst mit 61 Jahren konnte er an die Verwirklichung seiner Idee in der Praxis denken.
mer im Gebirge hoben heute wirtschaftlich schwer I aber sie hat zweifellos sehr viel bestätigende Aus> zu kämpfen. nrrbm-pn• Al«; i B Mar Nlanck die Quanten
Vom (Sinn des Leidens.
Gedanken zum Karfteiiag von Loses Magnus Wehner.
Am Anfänge unserer Betrachtung tönt uns jenes seltsame Wort des 13.Jahrhunderts aus dem Munde des Meisters Eckhart entgegen: „Gott spricht, daß er mit uns ist im Leiden. Das ist: Er leidet selber mit!" So wäre denn das Leiden nicht ein Verhängnis, das uns Menschen allein und mit uns dem unendlichen Umkreis der Schöpfung auferlegt ward? Und wirklich berichten die Mythen aller Völker von den Leiden ihrer Götter; sie weisen der Gottheit selber das Recht, ja das Amt des Leidens zu. Gott und Mensch stehen in der Gemeinschaft des Leidens. Erst das Leiden vollendet den glühenden Zusammen- hana alles Lebens. Tod und Leben sind Brüder; sie halten sich feurig die Waage und in ihr das Gleichgewicht der Welt. Wäre die Schale des Leidens leer, so sänke die Schale des Lebens in den Abgrund des Nichts. Nicht so reich erklänge die Musik der Welt, schlänge sich nicht die dunkle Melodie des Todes durch das Geäder ihres Gesanges.
Wir können jenen erhabenen Zusammenhang nur ahnen, für den die Sagen zeugen. Meister Eckhart faßt die Erscheinungen des Leidens noch tiefer, indem er ausspricht, daß Gott und Mensch sich im Leid begegnen, ja, daß das Leiden geradezu unseren göNlichen Ursprung beweise. Er sagt: „Aber der gute Mensch ist auch immer darauf aus, zu leiden, um Gott und nicht bloß das Leiden hinter sich zu haben. Er wünscht, durch Gott zu leiden — und erleidet ihn. Und eben darin ist er Gottes Sohn, nach ihm und in ihm geformt."
In diesen gewaltigen Sätzen, in denen die göttliche Geburt des sein Leid tragenden Menschen verkündet wird, erhebt sich wie ein aus dem Meere aufsteigender Berg aber auch schon die erste Sinndeutung des Leidens. Im Leiden erblickt der Mensch seinen Gott, im Leiden erkennt Gott den Menschen als seinen Sohn an, der nach seinem Antlitz gebildet wurde.
Das Leiden verklärt, ja, es vergöttlicht. Das ist der Sinn, den der deutsche Mystiker dem tragischen Gesetze verlieh. Das Leid entbindet den Menschen zu seiner höheren, zu seiner eigentlichen Gestalt, so drückt dasselbe Urgefühl sechshundert Jahre später Friedrich Nietzsche aus, wenn er bekennt: „Erst der große Schmerz, jener lange, langsame Schmerz, in dem wir gleichsam wie mit grünem Holze verbrannt werdey, der Schmerz, der sich Zeit nimmt — zwingt uns Denker, in unsere letzte Tiefe zu steigen und alles Gutmütige und Verschleiernde von uns zu tun.
Erst der große Schmerz ist der letzte Befreier des Geistes."
Die Ueberwindung des Schicksals durch den Willen, durch die Tat, das ist der eine Weg, den die Menschen, die Völker beschreiten, um zur eigenen Gestalt zu kommen; das Opfer, der Schmerz ist der andere. Der dunklere Weg läuft gleichsam unter dem helleren einher, oft verschmelzen beide, und unser innerstes Wissen sagt uns, daß die Lebenshelden die Brüder der Tvdeshelden sind. Wie der Baum aus der schwarzen Verwesung der Erde die Kraft zu grünem Wachstum saugt, so wird in jedem Abgrund des Leidens, in dem Krankheit, Verzweiflung und Tod Hausen, der siegreiche Trieb alles Lebens bereitet, das sich nach oben verjüngen will. Die da opfern im Schatten des Daseins, find Geschwister der freubigen Helden, die im Lichte auswärts steigen. Gott leidet mit ihnen um des Wachstums und der Vollendung der Welt willen, vom Blute jener Helden schlägt das Herz der Welt.
So wird uns die erhabene Sendung des Schmerzes klar: in seinem scharfen, goldenen Lichte kündet sich die Geburt an; nicht nur der Mensch wird unter den Wehen der Mütter geboren, alles Lebendige, alles Ungeborene, das im Werdesturm nach einem Antlitz schreit, muß durch die' Höhle der Wehen hindurch, ehe es Gestalt gewinnt. Der Schmerz ist der Geburtshelfer der Welt.
Darum fürchten die Meister des Lebens, deren Liebeskraft in das dunkle Reich hinunterschaut, das Leiden nicht. Sie find dem heiligen Gesetz des Wachstums, dem glühenden Zusammenhänge, in welchem eines für das andere steht, so tief verbunden, daß sie dem Anruf des Schmerzes mit Hymnen antworten.
Alle, die da' leiden, stehen in der erhabenen Ordnung der Welt als die großen Gebenden, als die großen Liebenden da. Ihre Geduld ist die unendliche Geduld alles wahrhaft Wachsenden, dem Körper wie dem Geiste nach. Die Flamme ihrer Qual, die sie verzehrt, ist nicht trübe, sie wird am Ende lauteres Licht sein. Ein Blitz hat sie getroffen und gezeichnet, aber wenn sie sich in den Opfersinn des Stirb und Werde einordnen und ihr Herz in den glühenden Zusammenhang flechten, in dem einer für alle steht, um Gottes willen und damit das Hohe nicht sterbe, dann werden sie die Lähmung überwinden, die den Menschen wohl im ersten Schrecken überfällt, wenn er in den Abgrund der Welt blickt, und sie werden das Feuer, das auf sie siel, als himmlisches Feuer erkennen, das höher verwandelt, indem es verzehrt.
"Es find keine bösen Gewalten, es ist immer der eigene Engel, der den Menschen stürzt. „Lebend trag ich Gottes Nähe, sterbend spreng ich Gottes
Kraft." Der heldische Glaube an die Schöpfung: durch den Schmerz, um den alle großen Menschen, die Scher, die Schöpfer, die Künstler wissen, ist das Erbteil der Berufenen, die teilhaben an der unendlichen Schöpfung. Eckhart sagt: „Gott hat die Welt nicht so geschaffen, daß alles Schaffen fürderhin ausgeschlossen wäre; nur in der Weise hat er sie geschaffen, daß er sie noch immer erschafft hat ohne Unterlaß."
Da die Schöpfung ewig ist, wird auch der Schmerz ewig sein. Groß ist es, zu seinem Schmerz zu stehen, ja, ihn als das Schicksal aller schaffenden Herzen zu lieben. „Liebst du mich und kannst mich schlagen?" So klagt die Seele im Marmor, wenn die Hammerschläge des Meisters auf den Stein fallen. Aber einst wird der geschlagene Stein als Bild der Vollendung dastehen, gegrüßt von den Wogen der Unendlichkeit, ein Standbild, das Gott selber den Mächten der Zerstörung abrang als sein Bild. Hell und freudig diesem Willen zu dienen, das ist die höchste Liebe; in ihr bewährt sich der Segen des Lichtes, das uns schuf und das den Feuermantel des Leidens um unsere Schultern legte, damit wir, wenn der Vater aller Schmerzen, der Tod, ihn abnimmt, wir dastehen im Schweigen der Ewigkeit als unsterbliche Gestalt.
Wriße Frau in der Arktis.
Frau Ernest Pasley ist die Gattin des Kapitäns Pasley, der seit neun Jahren in Victoria-Land, im arktischen Gebiet des nordwestlichen Kanada, lebt. Frau Pasley, die die ganze Zeit das Leben ihres Gatten im Hohen Norden geteilt hat, weilt augenblicklich zu einem Urlaub in ihrer englischen Heimat und erzählt in der „Daily Mail" von ihren Erlebnissen:
„Seit neun Jahren lebe ich in Victoria-Land, und während der ersten vier Jahre war ich die einzige europäische Frau weit und breit. Dort, 600 Kilometer vom nächsten Dorf, Coppermines, ist meine Tochter June Victoria, geboren worden. Ihre Geburt erschien mit als der Gipfel aller Mühsale in dem mühsamsten und einsamsten Leben, das eine europäische Frau sich nur vorstellen kann. Seit acht Tagen wehte ein Schneesturm, und der Arzt, 1600 Kilometer entfernt, konnte nicht rechtzeitig da sein. Wir konnten nicht um Hilfe nach Coppermines gehen, wiel es eine Reise von 600 Kilometer im Hundeschlitten bedeutet hätte, und die kurzen Tage waren angebrochen. Nicht einmal eine Eskimofrau konnte bis zu mir bringen. Nur mein Mann war bei mir. Wir lasen alles, tpas uns vielleicht helfen konnte. Enblich gelang es zwei Männern von der berittenen Polizei bis zu uns durchzudringen. Sie
brachten Aether und Chloroform von der Niederlassung der Hudson Bay Companie, lieber dreißig Stunden lag ich in Agonie, während mein Mann mit kleine Züge von Betäubungsmitteln beibrachte, und wir alles versuchten, was wir gelesen hatten. Die drei Männer machten ihre Sache großartig. Es ist erstaunlich, wie richtig mir manchmal die Dinge machen, wenn wir müssen.
Mein Haus hat nur einen einzigen Raum. Die Hälfte ist durch Pelze als Wohnküche abgetrennt, wo wir Eskimos empfangen können, wenn sie in Geschäften kommen. Die andere Hälfte ist unser Schlafzimmer. Mein Mann ist auf seinem Handelsschiff oft zwei Monate hintereinander abwesend. Ich kann ihn nicht begleiten, weil es zu gefährlich ist und ich an Seekrankheit leide. Manchmal ist das Schiss monatelang eingefroren. So bleibe ich zu Hause und überlege mir, wie den städtischen Damen zu Hause mein Heim und mein Leben gefallen würden. Den ganzen Winter über, das heißt von September bis Juni, bekomme ich mein Wasser in Gestalt von Eisblöcken. Jedes bißchen zum Kochen ober Waschen muß geschmolzen werden. Das Eis wird von einem See, % Kilometer weit fort geholt und mit Hundeschlitten nach Hause gebracht. Man stelle sich einen Sommer vor ohne Gras oder Laub und doch mit einer Temperatur von 20 Grad Wärme. Es gibt Wolken von Moskitos, aber der Boden taut niemals tief genug auf, um irgendwelche Pflanzen wachsen zu lassen. Nur zwischen den Eisspalten tauchen rätselhafter Weise kleine unscheinbare Blumen auf. Manche erinnern ein wenig an unsere Butterbirnen, aber an sehr kurzen Stielen. Sie kommen heute und sind morgen verschwunden.
Jetzt sind wir mehr Europäer, drei Familien, die im ganzen aus zehn Personen bestehen, einschließlich June und einem kleinen Jungen, der seitdem geboren wurde. Wir europäischen Frauen halten ein gesellschaftliches Leben aufrecht. Wir haben unsere wöchentlichen Nähnachmittage. Dann sprechen wir darüber, was wir tun werden, wenn wir „herauskommen", das heißt wenn wir einmal Urlaub von der Arktis haben. Wir nennen das „das Nächste- Jahr-Land". Das soll bedeuten, daß etwas, was nicht dieses Jahr geschieht, doch vielleicht nächstes Jahr geschehen könnte, aber nicht früher. Wir tragen Pelze als Arbeitskleider, Pelzkappe, Pelzmantel und Pelzhosen, die bis auf unsere Pelzstiefel niederreichen. Ich besitze ein Paar aus weißem Fuchsfell, um die viele Frauen zu Hause mich beneiden würden. Aber ich trage sie niemals. Vielleicht ziehe ich sie einmal während dieses Urlaubs an. Sie sind herrlich für Abendgesellschaften. Aber was nützen sie in der Arktis, wo es keine Abendgesellschaften gibt?. x ‘Bi J


