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wurde der Hchlaf aus den Augen gerieben, rasch zog man sich an, empfing Kaffee und dann wurde die eiserne Marschportion un Brotbeutel verstaut. Und schon erscholl das KommandoAntreten!" Das Lager bot im Scheinwerferlicht ein eindrucksvolles Bild. Marschblock auf Marschblock trat an. Mit der Morgendämmerung verließen die 116er das Lager zum Marsch in die Luitpold-Arena. 3ur großen Freude hatte der Wettergott die Schleusen geschlos­sen und ein sonniger Herbsttag brach an. In der Luitpold-Arena nahm der Marschblock seinen Platz im Mittelfeld ein und erwartete, tadellos ausgerich­tet, den Führer. Nach der Führerrede, nach der Standarten- und Fahnenweihe, begann der Ab­marsch.

Um 11.30 Uhr wurde bereits die Gruppe Hessen aufgerufen, und mit kingendem Spiel ging es zur Arena hinaus zum Vorbeimarsch.

Die Straßen waren von Tausenden von Volks­genossen umsäumt, die den Hessen wegen ihrer vorbildlichen Marschdisziplin große Anerkennungen zollten. Gegen 12.30 Uhr wurde be­reits der Adolf-Hitler-Platz erreicht, wo der Vorbei­marsch am Führer ftattfand. Kraftvoll hallten die Schritte der Hessen auf dem Straßenpflaster wieder und in tadellosem Paradeschritt ging es mit er­hobener Hand am Führer vorbei, der auch seiner Anerkennung über die Leistungen derHessen" Aus­druck verlieh. Der schönste Augenblick der Tage von Nürnberg, da die 116er ihrem Führer ins Auge sehen durften! Der große Appell hat neue Kraft gegeben für die Arbeit des kommenden Jahres.

Gegen 15 Uhr wurde das Lager wieder erreicht. Der Rest des Sonntags war der Ruhe gewidmet. Der Montag war dienstfrei gehalten zürn Besuch der Wehrmachtvorführungen und zur Besichtigung der Stadt.

Am heutigen Dienstagmorgen traf die SA. unse­rer heimischen Brigade nach langer Nachtfahrt wie­der hier ein.

Aus der Stadt Gießen.

Neue Wege alter Handwerkskultur.

Wir kennen wohl den Schlosser und den Schmied, seltener aber hören wir vom Kunst­schlosser und vom Kunstschmied. Sicher gehört es zu den Seltenheiten, daß ein Laie auch einmal mit einem wirklichen Kunstschmied zusammentrifft. Während die Höchstleistung des Schlosserhandwerks in der Kunstschlosserarbeit gesucht werden muß, ist die Kunstschmiedearbeit die Höchstleistuna des Schmiedehandwerks. Es ist notwendig, diese be­griffe klar von einander zu scheiden, denn wenn wir uns gute Kunstschlosserarbeit ansehen, so wer­den wir feftfteüen, daß das Eisen in kaltem Zu­stand mit Werkzeug bearbeitet wird. Der Kunst­schmied, von dem wir hier vornehmlich sprechen wollen, arbeitet grundsätzlich anders, denn er formt das Eisen ausschließlich im warmen Zustand.

Wir haben es im Schmiedehandwerk wohl mit dem ältesten Handwerk überhaupt zu tun, da es auf eine Tradition von etwa 2000 Jahren zurück­blicken kann. Wenn der Schmied heute nicht mehr lediglich Huse beschlägt und die einschlägigen Schmiedearbeiten ausführt, so ist es einmal das Be­sinnen des Handwerks auf sich selbst, zum anderen sind, es die mannigfaltigen Aufgaben, die ihm von außen her gestellt werden.

Nun könnte man einwenden, daß Schmiedearbei­ten Eisen erfordern, ein Werkstoff, der nicht belie­big greifbar ist. Doch darauf wird uns jeder Kunst- schnued sofort erwidern, daß es keineswegs um die eigentliche Werkstofffrage geht, denn schließlich kann jede alte Wagenachse, oder sonst ein altes Stück Eisen zum Kunstwerk geformt werden.

Es wird heute in den großen Erziehungsstätten des deutschen Soldaten ausgesprochen handwerk­liche Kunst verwendet. Dabei sind dem Kunstschmied besonders lohnende Aufgaben gestellt. Es gibt nicht nur schwere, gediegene Tore zu formen, Beleuch­tungskörper aller Art, wie Leuchter, Laternen, Kan­delaber, sondern auch Geländer und mannigfache Beschläge an Türen und Fenstern zu gestalten. Weiter sind Balkon- und Brüstungsgitter, geschmie­dete Hoheitszeichen und Sinnbilder aller Art zu nennen. Zifferblätter, die Buchstaben selbst ganzer Schriften können z. B. ebenfalls in gediegener Kunstschmiedearbeit hergestellt werden.

Mehrtägige Verdunkelungsübung im Kreise Gießen.

Dom Kreisamt Gießen wird uns folgendes mit« geteilt:

Noch im laufenden Monat September ist nut einer Gebietsverdunkelung zu rechnen, die sich, im Gegensatz zu den bisherigen Hebungen innerhalb unseres engeren Heimatbezirkes, auf mehrere Tage, voraussichtlich auf eine volle Woche, erstrecken wird. Dies bedeutet erhöhte Anforderungen an die Bereit­schaft und Disziplin der Bevölkerung und erfordert vor allem rechtzeitige, gewissenhafte und umsichtige Vorbereitung aller Verdunkelungsmaßnahmen nicht nur in den privaten Haushalten, sondern auch bei den Behörden und innerhalb der landwirtschaftlichen und Gewerbebetriebe, da im Fortgang des privaten, geschäftlichen und öffentlichen Lebens, abgesehen von den durch die Verdunkelung bedingten notwendigen Einschränkungen, keine Stockungen eintreten dürfen. Sollte zeitweiligeingeschränkte Beleuchtung" zuge­lassen werden, so bedeutet dies lediglich eine Erleich­terung hinsichtlich der Beleuchtung der Straßen, Schaufensterauslagen und Arbeitsplätze im Freien (Herabsetzung auf ein Mindestmaß), sowie für den öffentlichen Verkehr auf der Straße (Fahren der Kraftfahrzeuge mit Standlicht zulässig, Aufenthalt auf der Straße erlaubt). Die Jnnenbeleuchtung Wohn-, Büro-, Industrie- und landwirtschaftlichen Gebäude (Gastwirtschaften, Treppenhäuser, Werk­stätten, Scheunen, Ställe, Wartehallen und dgl.) muß hingegen schon während des Zustandes der einge­

schränkten Beleuchtung so abgedunkelt fein, daß fein Lichtschein nach außen, ober nach oben bringt. Fer­ner ist bei unmittelbarem Zugang zu Läben und Wirtschaften die Anbringung von Lichtschleusen un­erläßlich.

Vom Beginn der totalen Verdunkelung an fallen alle Erleichterungen weg. Bis auf wenige abgeblen­dete Richtlampen an besonderen Gefahrenstellen er­lischt auch die Straßenbeleuchtung. Kraftfahrzeuge dürfen nur noch mit Schlitzkappen und mit nach oben abgeblendetem Schlußlicht passieren. Radfah­rer und Fuhrwerke haben ebenfalls mit völlig ab­geblendetem Licht (aber nicht etwa ohne Licht!) zu fahren. Im übrigen ist Unbefugten der Aufenthalt auf der Straße während der Verdunkelung oerbotcn. Während der Dauer der eingeschränkten Beleuchtung kann und soll dagegen der übliche Straßenverkehr aufrechterhalten bleiben.

Verantwortlich für die Durchführung der Ver­dunkelung sind in den einzelnen Anwesen die Luft­schutzwarte bzw. in den größeren Betrieben die Werkluftschutz- und Betriebsluftschutzle'ter. In wel­cher Weise der Beginn der Hebung befannegegeben wird, steht noch nicht fest. Auf alle Fälle muß damit gerechnet werden, daß sie schlagartig mit entsprechen­der Alarmierung der Bevölkerung einseht. Deshalb ist überall schon jetzt Vorsorge zu treffen, daß bei Beginn der Hebung fein Zeitverlust entsteht.

Gerade kleine Arbeiten ermöglichen die volle Ausnutzung des Eisens. Selbst das kleinste und älteste bearbeitete Abfallstück dient dazu, den Sinn für Schönheit und Handwerkskultur in den jungen Menschen neu zu wecken und zu bilden. Nur ein gebildetes Volk schafft Werke überzeugender Kraft, und der einzelne Mensch wird zum klaren Sehen und gediegenen Empfinden geführt. Während der großen Soldatenschule wird dieser und jener so selbst zum Handwerker.

Haben wir eingangs bereits von den grundsätz­lich verschiedenen Arbeitsformen des Kunstschlossers und des Kunstschmiedes gesprochen, so wollen wir hier noch auf die Eigenarten der ausgesprochenen Kunstschmiedearbeit eingchen. Zunächst eines, das überrascht: der Schmied kennt kein heißes Eisen, er spricht nur vom warmen Eisen. Mitweiß- warm",rotwarm",dunkelrotwarm" undhand­warm" legt er die Temperaturen des Eisens für seine Zwecke unmißverständlich fest. Der Lehrjunge, derStockgeselle", der als Drauftchläger auf der anderen Seite des Ambosses stcht, und derSchirm- meister", das ist die Arbeitsgemeinschaft in der Schmiede. Oft ist es notwendig, zur Herstellung besonders großer oder bestimmt geformter Werk­stücke erst einen Schmiedehammer oder das Maul der Feuerzange neu und passend zu schmieden. Beim Gesenkschmieden tritt die rein handwerkliche Arbeit schon etwas zurück. Hier wird die Eigenform bis zu einem gewissen Grade ausgeschaltet. Trotzdem ist das Gesenkschmieden dort angebracht, wo eine Reihe gleicher Gebilde zur Erzielung eines beson­ders einheitlichen Eindruckes notwendig ist. Weit­aus schwerer und handwerklich, wie künstlerisch wertvoller ist das Freiformschmieden, das eine ab­geschlossene Schmiedetechnik erfordert. Denn hier ist die Gestaltung der Form bis ins letzte von Schlag und Führung des Schmiedehammers ab­hängig. Fr. Sp.

Dornoiizen.

Tageskalender für Dienstag.

Gloria-Palast, Seltersweg:Das Tagebuch der Baronin W.". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: Verwehte Spuren".

NSDAP. - Amt für Aolkswohlfahrt.

Giehen-Nord.

Am Dienstag, 13. September, und Mittwoch, 14. September, wird im Bereich der Ortsgruppe Gießen-Nord der Lebensmittelopferring durchge­

führt. Die Hausfrauen werden gebeten, die Pfund­päckchen bereitzulegen und den Inhalt auf die Um- hüllung zu schreiben.

Gietzen-Ost.

Befr.: Lebensmittel-Opferring.

Die Sammlung wird Mittwoch, 14. September, und Donnerstag, 15. September, von der NS.- Frauenschaft durchgeführt. Die Spende wird dem HilfswerkMutter und Kind" zur Verfügung ge­stellt. Es wird deshalb um reichliche Zuwendungen gebeten.

Schwimmlehrbefähigung der Bolksfchul-Lehrkräste.

Lpd. Der Reichsstatthalter in Hessen Landes­regierung Abteilung VII, erlaßt eine Anordnung, betreffend Schwimmlehrbefähigung der Lehrkräfte an den Volksschulen. Darin heißt es:Obwohl der Schwimmunterricht in diesem Jahr nur noch dort durchzuführen ist. wo Hallenbäder zur Verfügung stehen, werden die Kreis- und Stadtschulämter auf die beiden Erlasse des Reichserziehungsministeriums vom 14.10.1937 und 2. 7.1937 aufmerksam gemacht. Nach dem ersten Erlaß kann den Lehrkräften, die bereits den Grundschein der Deutschen Lebensret­tungsgesellschaft erworben haben und schon längere Zeit Schwimmunterricht erteilen, von den Unter« richtsverwaltungen der Länder aus die Lehrbefähi­gung im Schwimmen erteilt werden, sofern die be­treffenden Lehrkräfte den Nachweis des ausreichen­den Lehrtzeschicks erbringen können. Im zweiten Erlaß ist von den Bedingungen die Rede, unter denen eine Bescheinigung erteilt werden kann, die zur Erteilung des Schwimmunterrichts im Rahmen des Turnunterrichts berechtigt.

Gießener Dochenmarktpreiie.

* G i e ß e n, 13. Sept. Auf dem heutigen Wochen­markt kosteten: Deutsche feine Molkereibutter, XA kg 1,52 Mark,.Markenbutter 1,55 bis 1,60 Mark, Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stuck 4 bis 9, Eier, deutsche, Klässe C 11%, ausländische 11 bis 12, Wirsing, % kg 8 bis 10, Weißkraut 10 bis 12, gelbe Rüben und Karotten 10, rote Rüben 10 bis 12, Spinat 20 bis 25, Römischkohl 8 bis 12, Bohnen, grün 30, gelb 35, Erbsen 20, Tomaten 20 dis 35, Zwiebeln 12 bis 15, Meerrettich 45 bis 60, Rhabarber 12, Kürbis 6 bis 8, Pilze 30 bis 50, Kartoffeln, % kg 4 Pf., 5 kg 40 Pf., 50 kg 3,30 bis 4 Mark, Aepfel, kg 25 bis 45 Pf., Falläpfel 15 bis 20, Birnen 25 dis 45, Brombeeren

40 bis 55, Preiselbeeren 40, Zwetschen 33 bis 45 Pf., junge Hähne 1,10 bis 1,20 Mark, Suppenhühner 90 Pf. bis 1,05 Mark, Blumenkohl, das Stück 10 bis 50 Pf., Salat 8 bis 15, Salatgurken 10 bis 35, Ein­machgurken 2 bis 6, Endivien 5 bis 15, Oberkohlrabi 5 bis 10, Lauch 5 bis 10, Sellerie 10 bis 35, Rettich 5 bis 15, Radieschen, das Bündel 8 bis 12 Pf.

Herbstübungen des Znt.-Neats. 116.

Ende dieser und Anfang nächster Woche wird unser Infanterie-Regiment 116 seine Herbstübungen in der Nähe von Gießen abhalten. Am 15. Sep­tember, also übermorgen, weilt die Truppe im Raume von Gladenbach und Lohra, wo am Abend des Donnerstag friedensmäßiges Biwak bei lodern­dem Biwakfeuer und Militärmusik bezogen wird.

Die Hebung vom 16. durchlaufend bis emschl. 17. September, also am Freitag und am Samstag, wird im Raume von Mornshausen, Hohensolms, Fellingshausen und Lohra ftattfinben.

Vom Samstag, 17. September, bis Montagfruh, 19. September, bezieht das Regiment Ortsunterkunft in der Gegend von Frankenbach.

Vom 19. September, morgens, durchlaufend bis 20. September, also am Montag und am Dienstag, wird das Regiment eine große Hebung im Raume von Altenkirchen, Wetzlar und Frankenbach ab» halten. .

Die Bevölkerung aus Stadt und Land wird bet diesen Hebungen sehr interessante militärische Er­eignisse zu sehen bekommen.

<SA. kehrt von Nürnberg heim.

Heute morgen pünktlich zur vorgesehenen Zeit um 9.36 Hhr lief nun auch der Sonderzug, der die SA. unserer heimischen Brigade do m Reichsparteitag nach Gießen zurück­brachte, im Bahnhof ein. Der Musikzug der SA.. Standarte 116 hatte auf dem Bahnsteig Aufstellung genommen und empfing die Mannschaften mit dem Badenweiler Marsch. Auf dem Bahnhofsvorplatz formierten sich dann die Mannschaften zu breiter Marschkolonne und zogen unter klingendem^ Spiel zum Standartenhof^

*

** Jubiläumswanderung des DHE. Gießen. Man berichtet uns: Zur Erinnerung an die von 30 Jahren, anläßlich seiner Gründung, erfolgte erste Besteigung des Hoherodskopses ver­anstaltete am Sonntag der DHE. Gießen seine Jubi. läumswanderung nach dem hohen Vogelsberg. Eine besondere Note erhielt die Veranstaltung dadurch, daß sich unter den 60 Teilnehmern vier Jubilare befanden, die seinerzeit die Gründungswanderung mitgemacht haften. Dom Ausgangspunkt Schotten ging es, nachdem das freundliche Städtchen durch­schritten war, vorerst auf der Rennstrecke, später einen Heckenweg mit hübschen Ausblicken entlang zur ersten Rast nach Rudingshain. Hinter dem Ort begann der Aufstieg, der zuerst Eräftig einsetzte, doch allmählich sich zu sanfter Steigung verringerte. Es mar eine köstliche Wanderung, die teils durch den prächtigen Oberwald, teils über saftgrüne Berg- wiesen, vorbei an der im Walde versteckt liegenden Ruine Horst zur Höhe führte. Der Himmel hatte seine heiterste Miene aufgesetzt, denn die Sonne sandte fast ununterbrochen ihre wärmenden Strah­len hernieder, und friedliche Sftlle lagerte über der von würziger Höhenluft durchdrungenen Landschaft. Ab und zu ermöglichten Waldlichtungen reizvolle Blicke in die Täler und auf die umliegenden Berge: Gackerstein, Bilstein, Hoherodskopf mit den Klubr häüsem und Taufstein mit dem Bismarckturm. So ging es auf tadellos' markierten Wegen zum Land- grafertborn, der gegenwärtig durch umfangreiche Arbeiten ein neues Gesicht erhält, dann an der Quelle der Nidda, einer stimmungsvollen Anlage, vorbei zur Oberwaldstraße und hinaus zum Hoherodskopf, wo man sich im Klubhaus einige Stunden der wohlverdienten Ruhe hingab. Der Ab­stieg erfolgte über den Gackerstein, von dessen Kamm man wiederum prächtige Ausblicke genoß, und über Michelbach zurück nach Schotten. Bei der Schluß­rast in Schotten dankte u. a. der Dereinsführer den Jubilaren für ihre langjährige Treue, die übrigen Teilnehmer zu löblicher Nacheiferung auffordernd. Der Spätzug brachte die Wanderer, hochbefriedigt von dem schönen Wandertag, der Heimat zu.

Kannst du zurück, Dore?

Vornan von Hedda Lindner.

Copyright by Carl Duncker Verlag, Berlin W 35.

13 Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)

Es dauerte auch gar nicht lange, da begann Dore über ihre Brautzeit und Entlobung zu be­richten.

Wie du ihn schilderst, begreife ich wohl, daß ihr nicht zueinander paßt", sagte chre Tante nach­denklich.Was ich aber nicht begreife, ist, daß du dich überhaupt mit ihm verlobt hast."

Das ist auch mein Hnrecht gegen ihn", ant­wortete Dore kleinlaut. Dann mit einem Ruck.Ich habe mich verlobt, weil ich eine Erinnerung aus- loscheu wollte."

Das scheint dir ja gründlich vorbeigelungen zu sein", stellte Elfriede trocken fest. Komm, ich schenke dir noch eine Tasse Kaffee ein."

Danke!" Dore trank gehorsam ein paar Schluck, bann setzte sie die Tasse so heftig hin, daß sie klirrte.Tante, konntest du aus deinem Leben vier­zehn Tage herausnehmen, verschenken an irgend jemand und nachher wieder in dein gewohntes Dasein zurückkehren, als ob nichts gewesen ist?" fragte sie erregt.

Sie mußte eine ganze Weile warten. Elfriede war von der Seltsamkeit der Frage doch zu sehr überrascht, um gleich antworten zu können.Du sprichst von verschenken", sagte sie schließlich.Und da kann es sich natürlich nur um einen Mann handeln, das ist klar. Und ob du nachher wieder zurückkannst, das hängt ganz von diesem Manne ab. Es gibt Alltagsmenschen, die hinterlassen keine Eindrücke, man kann sie vergessen und wenn man Jahre neben ihnen her ging. Und es gibt Persönlich­keiten, die man nicht vergißt, wenn man nur einen einzigen Tag mit ihnen zusammen war."

Es war kein Alltagsmensch", entgegnete Dore leise.

Das ist schlimm für dich, sehr schlimm!" Hnd nach einer Pause:Bereust du es?"

Dore dachte an die letzten Monate zurück, fühlte wieder die quälende Unruhe, die sie in die Ver­lobung mit Niemeyer getrieben hatte. Sie sah sich durch den regennassen Wald laufen in verzweifel­tem Kampf mit der Erinnerung, doch sie sah auch schneebedeckte Gipfel in der Sonne leuchten, fühlte wieder den festen Griff der Hand, die sie stützte. Nein, Tante, nein)" antwortete sie leidenschaftlich.

So tief sitzt es, dachte Elfriede mitleidig: laut agte sie:Wenn es so steht, märe es natürlich die größte Dummheit gewesen, vor dieser Erinne­rung in die Ehe mit einem ungeliebten Mann zu lüchten."

Gewiß, Tante", gab Dore bedrückt zu,alber ich glaubte zuerst wirklich, es würde gehen. Wenn man an etwas gar nicht mehr denken will und findet sich immer wieder dabei, daß man doch daran denkt, dann kommt man schließlich auf die unsinnigsten Auswege."

Gut, daß Niemeyer das nicht hört. Unsinniger Ausweg ist nicht gerade ein Kompliment."

So ist es natürlich nicht gemeint", verteidigte sich Dore Haid lächelnd.Niemeyer ist ein netter, anständiger Kerl, dem ich von Herzen wünsche, daß er glücklich wird. Er ist nur nicht der Mann, der..." Sie suchte nach Worten.

Der stark genug ist, die Persönlichkeit dieses andern zu verdrängen", ergänzte ihre Tante.Ja, liebes Kind, wenn es so steht, dann wird dir wohl nur die Zeit darüber hinweghelfen können, sonst nichts. Aber die Zeit hilft immer."

Nur bis es so weit ist, muß sie durchlebt werden, und das ist auch ein Grund, warum ich nicht in Grünhagen bleiben wollte. Ich brauche eine Tätigkeit, die mich so in Anspruch Nimmt, daß ich keine leeren Stunden zum Grübeln behalte."

Sehr vernünftig gedacht. Was willst du tun?" Zuerst mein Sprachexamen machen. Durch Vater bin ich ja im Englischen sehr gut vorgebildet. Zu­gleich will ich einige Kurse auf der Handelsschule belegen, für den Sommer wird das genügen."

Du bleibst natürlich bei mir wohnen."

Wenn du mich so lange behalten willst?"

Nun fang bloß Nicht an,Sprüch" zu machen", schalt ihre Tante.Du weißt, wie ich mich freue, dich hier zu haben, du bist doch der einzige Mensch, der zu mir gehört." Dann wurde sie ernst.Glaubst du, ich habe nie erfahren, was es heißt, ein Er­lebnis verwinden zu müssen? Hnd darum will ich dir helfen, soviel ich kann."

Sie hielt Wort, ©ie war unermüdlich im Erfinden neuer Anregungen, die Dore zur Konzentration zwanaen und dadurch wohltuend von sich selbst ablenkten.

Sie rührte nie wieder an das Erlebnis, das Dore ihr am ersten Tage anvertraut hatte. Sie fragte weder nach dem Manne, noch nach den Zusammen­hängen, und zeigte durch ihr ganzes Verhalten, wie sehr sie mit ihr fühlte. Dore war es, als lerne sie jetzt erst chre Tante richtig kennen.

Nur eine Frau, die das Leben gründlich kennen- 1 gelernt hatte, konnte so über den Dingen stehen.

Aeußerlich gestaltete sich das Leben der beiden Frauen ebenfalls fchr harmonisch, und auch die Natur brauchte Dore nicht zu entbehren, als der Frühling immer mehr vorrückte. Das Wochenend­haus erwies sich als ein hübsches kleines Besitztum an einem der Seen: Dore fuhr häufig am fimhen Nachmittag hinaus, um zu schwimmen. Es lag ver­hältnismäßig einsam, nur noch ein bebautes Grund­stück grenzte daran: das Haus im gleichen Stil errichtet und von ziemlich der gleichen Größe, aber anscheinend unbenutzt, denn es war stets verschlossen. Gelegentlich fragte Dore ihre Tante nach dem Nach­barn, der so wenig Interesse für sein Besitztum zeigte.

Im Gegenteil", sagte Elfriede lebhaft,der Dok­tor bringt jede freie Zeit hier draußen zu, im Garten arbeiten ist seine liebste Erholung. Er muß mal wieder verreist sein, manchmal bleibt er lange Wochen weg. Hoffentlich ist ihm nichts zugestoßen."

Ist er so weltfremd, daß du das fürchtest?" fragte Dore lächelnd.

Auch Elfriede lachte. Weltfremd? Eher das Gegenteil, er ist nämlich Kriminalrat hier am Prä­sidium. Aber es ist ein gefährlicher Beruf, und wenn er so länger fort ist, beschäftigen ihn meistens be­sonders schwierige Aufgaben."

Kriminalrat! Nun verstehe ich auch deine Vorliebe für Kriminalromane. Du mußt doch mit- reden können, wenn dein Nachbar mal fachsimpeln will."

Das tut er leider viel zu wenig. Aber wenn er mal etwas erzählt, ist es hochinteressant."

Aus Grünhagen horte Dore wenig. Ihr Vater war doch zu verstimmt über diese Entlobung, um mehr als rein äußerliche Dinge zu schreiben, aber die seltenen und ungelenken Briefe, die sich Triebe« rrfe von Zeit zu Zeit abquälte, berichteten, daß der Herr Oberstudienrat gesund sei und daß die Leute sich schon wieder beruhigt hätten.

Auch Dottor Niemeyer schien sich beruhigt zu haben, denn Mitte Juni, also knapp drei Monate nach der Trennung gab er seine Verlobung mit der Tochter eines Arztes bekannt, was Berftam doch zu einigen spitzen Pemerkungen in seinem nächsten Brief veranlaßte. Dore atmete erleichtert auf: daß er sich so rasch gtröftet hatte, verringerte ihr Schuldgefühl gegen ihn ganz erheblich.

In dieser neuen Umgebung schwanden Dore schnell die Wochen dahin. Zielbewußt ging sie daran, sich ein neues Leben aufzubauen. Sie hatte Gerald Hilger nicht vergessen, aber seine Erscheinung sowie das mit ihm verbundene Erlebnis waren bewußt in den Hintergrund gedrängt worden.

Die Freiherrn Hilger von Heßling saßen seit über zweihundert Jahren auf Rehwald au. Durch Heirat war vor ungefähr hundert Jahren das kleinere Gut Jägerhof hinzugekommen, das augenblicklich von dem tüchtigen Oberinspektor Melchior verwaltet wurde, und der jetzige Besitzer verfügte außerdem noch über große Ländereien in Ungarn, die ihm seine Frau zugebracht hatte. Damit durste sich Friedrich Clemens Hilger ohne Uebertreibung den vermögenden Leuten zuzählen.

Friedrich Clemens Hilger hätte demnach ein glück­licher Mann sein können. Aber von seinen beiden Söhnen fiel der älteste im Kriege, und ein paar Jahre später verunglückte der zweite tödlich bei einem Reitturnier. Diesem doppelten Schicksalsschlag war die ohnehin schwankende Gesundheit der Baro­nin Eleonore nicht gewachsen, sie starb kurz daraus. Friedrich Clemens war im Alter ein einsamer Mann geworden.

Er hatte zwei Geschwister: einen Bruder, Karl Johann, der Offizier war, und eine sehr viel jüngere Schwester, Dera. Karl Johann fiel als Rittmeister in Rußland: er war mit einer Engländerin verhei­ratet, mit Diana Ashton, der Tochter des Lords Curven auf Blenford Park. Sie hatte ihren Mann sehr geliebt und litt schwer unter dem doppelten Unglück seines Todes und des Krieges. Darum war sie durch nichts zu bewegen, in Deutschland zu bleiben, und kehrte sofort nach Friedensschluß mit ihrem damals vierzehnjährigen Sohn Gerald nach England zurück.

Die Lage änderte sich, als Friedrich Clemens auch seinen zweiten Sohn verlor: denn nun war Gerald der nächste Erbe. Und es war vielleicht in diesem Falle die beste Losung, daß bald daraus auch Lady Diana starb. Ihr Bruder, der jetzige Lord Curven, sah vollkommen ein, daß ein deutscher Großgrund, besitzer auch in Deutschland leben mußte, und Gerald siedelte nunmehr von Blenford Park nach Schloß Rehwaldau über; er war damals gerade neunzehn Jahre alt.

Friedrich Clemens hatte feine Schwester Vera, die mit einem Herrn von Petry auf Weiga einem nicht allzu weit entfernten Gute ver­heiratet war, gebeten, sich des Jungen etwas an» zunehmen. Um ihm das Eingewöhnen zu erleichtern, und um ihn mit jungen Leuten seines Alters zu­sammenzubringen, stellte sie nach Ablauf der Trauerzeit einen Tanzzirkel zusammen, an dem auch ihr Sohn Günther teilnahm, der zwei Jahre jünger war als Gerald.

(Fortsetzung folgt!)