Ausgabe 
13.5.1938
 
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Nr. ui «Erftes Blatt

188. Jahrgang

8reitag,l5. mal 1958

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Die Aufgabe Prags.

Von unserem Ea.-Äerichtersiaiter.

Prag, Mai 1938.

Die Rückkehr der Ostmark ins Deutsche Reich hat die tschechoslowakische Innen- und Außenpolitik vor vollkommen neue Aufgaben oe= stellt. Die von der Prager Regierung seit Bestehen des Staates bewußt umgangenen Probleme erfordern nunmehr eine sofortige Lösung, die ohne eine Aenderung der gesamten politi­schen Linie undenkbar ist; denn es handelt sich jetzt nicht allein um die Lösung der Probleme, wie sie seit Jahren bestanden, sondern es muß unbedingt der veränderten Lage in Mittel­europa Rechnung getragen werden. Dies um so mehr, als gerade die jüngsten Ereignisse die sudeten­deutsche Entwicklung entscheidend beeinflußt und gestärkte haben. Die Scheinlösung der sudeten­deutschen Frage durch die Versprechungen des 18. Februar 1937 an die ehemaligen deutschen ak­tivistischen Splitterparteien mußte zusammen- brechen. Denn einerseits stand die überwältigende Mehrheit der Sudetendeutschen abseits, andererseits haben aber die noch völkisch fühlenden deutschen Aktivisten", der Bund der Landwirte und die deutschen Christlichsozialen, bald einsehen müssen, daß mit Versprechungen, denen keine Taten folgten, den Sudetendeutschen nicht geholfen werden kann. Sie haben aus dem Versagen der aktivistischen Politik die notwendigen Folgerungen gezogen; aber auch auf tschechischer Seite hat man einsehen gelernt, daß es unbedingt notwendig ist, daß die Prager Regierung mit den berufenen Stel­len über eine wirkliche Lösung des sudeten­deutschen Problems verhandelt. Das ist heute einzig und allein die Sudetendeutsche Partei, die unter Führung Konrad Henleins das gesamte nichtmarxistische Sudetendeutschtum, mehr als 90 v. H. der gesamten Volksgruppe, in sich vereinigt.

Diese Erkenntnis hat sich aber nicht nur in Prag, sondern auch in den übrigen Hauptstädten Europas, vor allem in London und Paris, durchgesetzt und in zahlreichen ofsiziellen und inoffiziellen Aus­lassungen führender Staatsmänner ihren Nieder­schlag gefunden. Die Londoner Konferenz mußte sich mit der brennenden Frage beschäftigen, durch eine rasche und zufriedenstellende Lösung der Volks­gruppenfrage in der Tschechoslowakei ein großes Gefahrenmöment für den europäischen Frieden aus der Welt zu schaffen. Die diplomatischen Vertreter Englands und Frankreichs haben der tschechoslowa­kischen Regierung die Wünsche und Ratschläge der Westmächte übermittelt, die dahin gehen, den su­detendeutschen Forderungen bis zur äußer­sten Grenze Rechnung zu tragen, d. h. alles zu tun, was mit der Integrität und Unteilbarkeit des Staates noch vereinbar ist.

Die Karlsbader Erklärungen Konrad Henleins haben die sudetendeutschen Forderungen genau um­schrieben und volle Klarheit geschaffen. Das Su­detendeutschtum verlangt volle Gleichberech­tigung und Gleichrangigkeit mit dem tschechischen Volke sowie eine Anpassung der tschechoslowakischen Außenpolitik an die neuen mitteleuropäischen Verhältnisse, damit sie sich inlinern Fall gegen das benachbarte neue Großdeutschland richtet. Eine solche Aenderung der Außenpolitik würde aber unbedingt ein Abrucken von Moskau notwendig machen. Diese Punkte der sudetendeutschen Forderungen müssen ebenso berücksichtigt werden wie das Bekennt­nis Konrad Henleins zur Weltanschauung des ge­samten deutschen Volkes, soll ein wirklicher Ausgleich zustandekpmmen.

Während die Prager Regierung mit einer offi­ziellen Stellungnahme zu den sudetendeutschen For­derungen bis heute noch zurückhält, hat die tschechische Presse in schärfster Weise eine entschiedene Ableh­nung zum Ausdruck gebracht. Besonders nach den machtvollen Kundgebungen des geeinten Sudeten- deutschtums am 1. Mai setzte eine planmäßige anti­deutsche Kampagne der tschechischen Presse ein, die nicht dazu beiträgt, eine günstige Atmosphäre für die kommenden Verhandlungen zu schaffen. In welcher Weise die Prager Hetzpresse die tschechische Bevölke­rung im deutschsprachigen Gebiet aufgeputscht hat, beweisen die Zusammen st öße, die sich bis m die jüngsten Tage hinein in zahlreichen deutschen Orten ereignen. Selbst in Prag kommt es immer öfter vor, daß Deutschsprechende auf der Straße von tschechischen Chauvinisten tätlich angegriffen werden. Die ständigen Zwischenfälle zeigen nur zu deutlich daß es der tschechischen Exekutive trotz des vielleicht vorhandenen guten Willens nicht mehr möglich ist, dem ^ Einhalt zu gebieten, der m unverantwort­licher Weise von- der tschechischen Presse immer noch aufs neue geschürt wird. Nur der mustergültigen Disziplin der sudetendeutschen Bevölkerung ist es zu­zuschreiben, daß unabsehbare Folgen des immer stärker aufflammenden Deutschenhasses verhindert werden konnten. _ __,,

Die bedenkliche innerpolitische Spannung, welche gegenwärtig über allen Teilen des tschechoslowa­kischen Staatsgebietes liegt, erfordert rasches und entschlossenes Handeln der Prager Regierung. Bisher hat sie von ihrer Seite aus ein Nationalitäten st atut angekundigt, an bem aber immer nochfieberhaft" gearbeitet wir- 3 diesem Statut sollen die Rechte aller nichttschechischen Volksgruppen des Staates gesetzlich verankert wer­den. lieber den Inhalt sind offiziell noch keinerlei Einzelheiten bekanntgegeben. Doch kann man aus Andeutungen der tschechischen Reglerungspresse ent­nehmen, daß den Forderungen der.sudetendeutschen Volksgruppe nur 311 eine m T e 1 l Rechnung ge fragen werden soll, obwohl Konrad Henlein am 1 Mai ausdrücklich betonte, daß er von den in Karlsbad aufgestellten Forderungen nichts ZU- rückzunehmen habe, daß sie melmehr die ge-

Die Sudetendeulsthen fordern entschlossenen Kurswechsel der Prager Regierung. Erklärungen des Abgeordneten Kundt im Prager Parlament.

Prag, 12. Mai. (Europapreß.) Im Abgeord­netenhaus erklärte Abgeordneter Kustdt, der Vor­sitzende des Parlamentarischen Klubs der Sudeten­deutschen Partei, daß das in Vorbereitung befind­liche Gesetz über die Versorgung der langdienenden Unteroffiziere in Anbetracht des Ernstes oer inner- politischen Lage zurückgestellt werden müsse. Der Sudetendeutschen Partei sei es trotz der Ver­sprechungen der Regierung unmöglich, zu glauben, daß bei dieser der Wille vorhanden sei, das für Europa unheilvolle innerstaatliche System zu än­dern. Abgeordneter Kundt verwies vor allem auf die Tatsache, daß trotz wiederholter Einsprüche der Sudetendeutschen Partei die bisher bei Spionage­fällen angewandte Praxis der tschechoslowakischen Justiz keine Aenderung erfahren habe. Er betonte ferner, daß im Gegensatz zu den Ver­sprechungen der Regierung nur in 738 deut­schen Gemeinden Wahlen ausgeschrieben wurden, obwohl mehrals3000deutsche Ge­meinden vorhanden sind. Abgeordneter Kundt stellte vor allem fest, daß die Regierung nicht in der Lage sei, gegenüber deutsch­feindlichen Ausschreitungen der tschechi­schen Bevölkerung durchzugreifen und fordere von der tschechoslowakischen Regierung zum Zeichen ihres guten Willens eine öffentliche Verur­teilung dieser Geschehnisse und eine Bestra­fung der schuldigen Organe des Staates und der Armee, sowie Bericht an die Nationalver- samml"ng. Anhand einer Photographie mies Ab­geordneter Kundt nach, daß er selbst bei Zusam­menstößen zwischen der Polizei und der sudeten­deutschen Bevölkerung von der Polizei ge­schlagen wurde. Abgeordneter Kundt führte bit­tere Klage über das Verhalten eines Teils der tschechischen Presse, die in ihrem Feldzug gegen das Sudetendeutschtum sich soaar zur öffentlichen Boykotthetze verleiten lasse. Während Kvnrad Hen­lein und die sudetendeutschen Parteistellen seit Wo­chen die mit Recht erbitterte sudetendeutsche Bevölke­rung zur Ruhe und Ordnung angehalten hätten, sei nichts gleichartiges von den Leitern der tschechischen Regierungsparteien geschehen.

Auch die Ungarn fordern Gleichderechlgung.

Budapest, 12. Mai. (DNB.) Der Präsident der vereinigten ungarischen Parteien, Abgeordneter I a r 0 ß, und der Abgeordnete E st e r- hazy haben der Prager Regierung eine Denk­schrift über die Forderungen der ungarischen Volksgruppen überreicht, in der sie Einstel­lung der Entnationalisierungsaktionen, Ueberprü- fung der jüngsten Volkszählung, Errichtung einer ungarischen Universität und Anerkennung der in Ungarn erworbenen Diplome verlangen. Abgeord­neter Jaroß betonte, das Programm der ungari­schen Parteien verlange die vollkommene Gleichberechtigung aller in der Tschecho­slowakei lebenden Volksgruppen, Joroie die Auto­nomie für die Slowakei und Karpatho-

rüßland. Dieses Programm könne nur durch die Schaffung einer neuen Verfassung ver­wirklicht werden, an deren Ausarbeitung sämtliche im Staate lebenden Volksgruppen teilnehmen müßten.

Mermerc

fordert Zurückhaltung Englands

Die Franzosen

Gefangene ihrer eigenen Torheiten.

London, 13. Mai. (DNB. Funkspruch.) Vis­count Rothermere behandelt in derDaily Mail" die Stellung Frankreichs zur Tschechoslowa­kei. Er schreibt:Die britische Regierung solle sich in allen Gesprächen mit französischen Ministern große Zurückhaltung auferlegen. Diese Herren näm­lich sind die Gefangenen ihrer eigenen Torheiten. Sie wissen wohl, daß das franzö­sisch-tschechische Bündnis für Frankreich ge­

fährlich ist und in Frankreich selbst außerordent­lich unpopulär ist. Aber sie finden keine Möglichkeit, davon loszukomme n." Ein großer Teil des französischen Parlaments for­dere die Aufgabe dieses Vertrages und mindestens die Hälfte der französischen Presse sei scharf gegen ihn eingestellt; sogar hohe französische Militärkreise hätten ihre Bedenken geäußert. Außer in kommuni­stischen und marxistischen Kreisen gelte Prag, die Hauptstadt der Tschechoslowakei, m Frankreich als ein Vorposten Moskaus. England sollte sich in mitteleuropäischen Fragen völlig freie Hand behalten und sich weigern, an irgend­einem Plan mitzuwirken, Deutschland zu schädigen. Unsere Interessen liegen nicht in Europa. Wir sind ein ozeanisches Volk und sollten daher an unserer historischen Rolle als seefahrende Na­tion festhalten. Je schneller das tschechoslowakische Problem geregelt wird, um so besser! 'Das tschecho­slowakische Problem ist gegenwärtig ein Ge­schwür im Herzen Europas, das die Be­ziehungen zu der einen Hälfte Europas vergiftet."

Die Anerkennung Mandschukuos.

Aufnahme diplomatischer Beziehungen.

Berlin, 12. Mai. (DNB.) In Ausführung der Erklärung des Führers und Reichskanzlers in seiner Reichstagsrede vom 20. Februar dieses Jahres, daß Deutschland Mandschukuo anerkennen werde, wurde am 12. dieses Monats im Aus­wärtigen Amt durch den Staatssekretär Frei­herrn von Weizsäcker und den Handels­beauftragten von Mandschukuo, Hiyoshi Kato, em Vertrag unterzeichnet. Der Vertrag bestimmt die sofortige Aufnahme diplomatischer und konsularischer Beziehungen zwi­schen den beiden Staaten und sieht ferner den baldigen Beginn von Verhandlungen über einen Konsular-, Handels- und Schiffahrts­vertrag vor.

Zwischen beiden Ländern besteht bereits ein reger Handelsverkehr. Mandschukuo ist flächenmäßig gut doppelt s 0 groß als das Deutsche Reich, aber mit 37 Millionen Menschen verhältnismäßig dünn besiedelt, wenn auch insbesondere durch Zu­wanderung nordchinesischer Bauern das Land inner­halb der letzten 30 Jahre e.* aunlich schnell er­schlossen wurde. Die wirtschaftlichen Fortschritte haben ein geradezu amerikanisches Tempo. Man­dschukuo ist in Deutschland bekannt als Lieferant der außerordentlich oerwendungsfähigen Soja­bohne , die zu ihrer Entwicklung einen fetten Boden und hohe Sommertemperaturen braucht. Die Mandschurei führt davon jährlich die stattliche Menge von 2,5 Millionen Tonnen aus, wobei ihr Export nach Japan noch gar nicht berücksichtigt ist. Davon gegen 1,5 Millionen Tonnen nach D e u t sich l a n d , wo ihr Fett zu Speiseöl, Mar-

garine und Seife verarbeitet wird, während die Reste vorzügliche Kraftfuttermittel und Düngemittel liefern. Umgekehrt sind viele industrielle An­lagen 'm der Mandschurei zur Ausbeutung der Kohlenlager im Norden und Süden, der Erzlager im Süden und des ölhaltigen Schiefergesteins von deutschen Werken erstellt worden. Ebenso wurden Ausrüstungsgegenstände für den mandschu­rischen Hasen Dairen und für das in schneller Ent­wicklung begriffene mandschurische Eisenbahnnetz von Deutschland geliefert.

Als Japan zu Beginn des 20. Jahrhunderts daran ging, sich für die Mandschurei zu interessieren, geschah das nicht nur, um Siedlungsland für den eigenen Bevölkerungszuwachs zu sichern, sondern in der Hauptsache deshalb, um das Vordringen Ruß­lands im Fernen Osten abzuriegeln. Die Russen standen damals schon jenseits des Amurs und hat­ten sich aus Dairen und dem befestigten Port Arthur Sprungbretter geschaffen, um weiter nach China selbst vorzudringen. Das wäre wohl auch geschehen, denn die Russen konnten auf der Jagd nach dem warmen Hasen im Fernen Osten ebenso wenig Halt machen wie in Südosteuropa und an der Ostsee. Ja­pan ist dem in dem Kriege 1904/05 mit Erfolg ent­gegengetreten und hat nach dem Großen Kriege seine Vormachtstellung in der Mandschurei befestigt. Es hat unendlich viel getan und geleistet, um aus der Mandschurei ein wirtschaftlich und kulturell aufge­schlossenes Gebiet zu schaffen. Japan hat auch'nicht gezögert, dem Lande in der Person des letzten Kai­sers von China einen Herrscher zu geben, was wohl dazu beigetragen hat, daß Mandschukuo von inneren Unruhen verschont geblieben ist.

Der Genfer Rat zur Abessinien-Frage.

Den Mitgliedern der Genfer Liga die Anerkennung des italienischen Imperiums freigestellt.

rabe noch zulängliche Grundlage darstellen, auf der das deutsch-tschechische Problem einer Lösung zuge­führt werden kann. Um diese Tatsache wird die Prager Regierung nicht herumkommen; vielmehr ist es ein Gebot staatsmännischer Klugheit und Voraussicht, den sudetendeutschen' Vorschlägen, die sich durchaus im Rahmen der Grenzen bewegen, welche auch in den Ratschlägen der Westmächte ge­nannt sind, entgegenzukommen.

Kein einziger Punkt der Karlsbader Forderung berührt die Integrität des tschechoslowakischen Staates, wie es besonders die tschechische Linke mit großem Gezeter behauptet. Der tschechischen Linken geht es hier hauptsächlich um die schmerzliche Er­kenntnis, daß die endgültige Lösung der sudeten­deutschen Frage auch die endgültige Auf­gabe der tschechischen National st aats- illufion bedeuten würde. Gerade diese tschechi- chen Kreise haben sich in die gefährliche Idee ver­rannt, daß es die tschechoslowakische Regierung nicht notwendig" habe, die vom tschechischen Volk ganz zu Unrecht eingenommene Vorrechtsstellung aufzugeben, sondern daß diese vielmehr auf jeden Fall bestehen bleiben müsse, koste es was es wolle. Daraus erklärt es sich, daß das Verhalten der Westmächte, besonders die Einstellung Englands, auf die tschechische Linke wie eine kalte Dusche wirkte, die zweifellos eine recht unangenehme Er-, nüchterung aus den Träumen bedeutete, daß die Heere dreier Großmächte eine wahnwitzige Politik der Tschechoslowakei decken würden.

Die politische Lage der Tschechoslowakei ist al|o durchaus ernst. Die Prager Regierung steht vor der Lösung so wichtiger Aufgaben wie sie in den 20 Jahren des Bestandes der tschechostowakischen Republik noch nicht gestellt wurden. Es ist nur zu hoffen, daß es' der Staatsführung trotz des starken Einflusses der Linken gelingen wird, das Schifstem um alle Klippen in das ruhige Fahrwasser einer den mitteleuropäischen Gegebenheiten angepaßten Realpolitik zu lenken und damit den unerläßlichen Beitrag zum europäischen Frieden zu leisten, den die Welt von ihr erwartet.

Genf, 12. Mai. (Europapreß.) Am Donnerstag wurde in Genf dieabessinische Frage", die amt­lichFrage der Folgen der in Abessinien bestehen­den Lage" genannt wird, behandelt. Der E x - negus Ha'ile Selassie durfte am Rats­tisch Platz nehmen. Der englische Außenminister Lord Halifax erklärte, die englische Regierung habe die Mitgliedstaaten der Genfer Liga zu Rate ziehen wollen, bevor England hinsichtlich der An­erkennung des italienischen Imperiums einen Ent­schluß fasse. Die Genfer Mitgliedstaaten hätten keine besondere Verpflichtung übernommen, so daß ent­sprechende Entschlüsse den einzelnen Mitgliedstaaten f r e i st ä n d e n. Italien habe tatsächlich die Kon­trolle über das gesamte ehemalige abessinische Ge­biet erlangt. Es gebe keine abessinische Zentralver- maltung mehr. Die Frage der Anerkennung des ita­lienischen Imperiums sei nach englischer Ansicht eine politische und nicht eine moralische Frage. Es handle sich darum, den einzelnen Mitgliedstaaten ihre Haltung in der Anerkennungsfrage selbst zu überlassen. Obwohl die britische Regierung diese An­sicht vertrete, gebe sie in keiner Weise die Grund­sätze des Ligapaktes auf. Sich mit müßigem La­mentieren über die Vergangenheit aufzuhalten, bringe keinen Nutzen. Die Aufbauwilligen sollten vielmehr ihre Bemühungen auf die Gestaltung der Zukunft richten. Sollte man sich weigern, den Tatsachen ins Auge zu sehen, so würde nichts gewonnen. Das größte Ziel der Genfer Liga sei der Friede. Der Friede setze aber voraus, daß Völker und Einzelmenschen völlig frei seien von allem, was der vollkommenen Harmonie unter ihnen schaden tonne?

Der ehemalige Negus bat wegen seines angeb­lich schlechten Gesundheitszustandes darum, daß sein

ständiger Vertreter" seine Erklärung verlesen dürfe. Diese beklagt sich darüber, daß die Genfer Liga und die einzelnen MächteAbessinien im Stich lie­fe e n", dafe man dieHeiligkeit der Verträge" fal­len lasse. Der Rat sei für die Behandlung der Abes­sinienfrage überhaupt nicht zuständig; vielmehr müsse die Angelegenheit durch die Vollver­sammlung geprüft werden. Es gebe zweierlei Möglichkeiten, den Frieden aufrechtzuerhalten, Däm­lich den Frieden durch das Recht und den Frieden um jeden Preis.

Nach verschiedenen weiteren, teilweise recht un­klaren Aeußerungen faßte der Ratspräsident, der lettländische Vertreter, die Aussprache dahin zu­sammen, daß der Rat gefragt worden sei, ob die Prüfung der Lage in Abessinien zu den Angelegen­heiten zähle, die jeder Staat von sich aus beurteilen könne. Es sei kein förmlicher Be­schluß des Rats beantragt worden. Deshalb er­gäbe sich auch keine Zuständigkeitsfrage, zumal die Aussprache im Rat der Vollversammlung nicht vor- areife. Es ergebe sich aus ihr, daß die große Mehr­heit der Ratsmitglieder der Ansicht seien, ihre Hal­tung in der Frage der Anerkennung des italieni­schen Imperiums selber zu bestimmen.

Erleichterung in Paris.

Paris, 13. Mai. (DNB. Funkspruch.) Das Wichtigste des ganzen Genfer Palavers für Frank­reich kommt in den Schlagzeilen aller Blätter zum Ausdruck: daß nunmehr das italienische Im­perium anerkannt werden kann und daß Frankreich in kürzester Frist wieder einen Botschafter nach Rom entsenden wird. Figaro" sagt, alle Welt habe große Fehler ge«