Ausgabe 
12.11.1938
 
Einzelbild herunterladen

Ur. 266 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

l 2./IZ. November M8

Lugend und Hochschule.

Die Antike als deutscher Lesestoff.

-hon Or. Walter Venske.

Die Neuordnung der höheren Schule berührt in besonderer Weise den Deutschunterricht, denn er ist, so wie wir ihn heute sehen, Kernsach, Fach der Mitte". Hier findet die erzieherische Auf­gabe der Schule ihren sichtbarsten Ausdruck. Die Stoffausw^hl, die er zu treffen hat, steht aus­schließlich unter dem Ziel, durch die Verwurzelung im deutschen Volkstum und seinem geistigen Erbe den neuen Menschen formen zu helfen. Alles, was nur interessant ist oder nurWissen" bedeutet, ist entbehrlich und als überflüssiger Ballast über Bord geworfen worden. Vieles von dem, was Jahrzehnte hindurch in den Lehrplänen Geltung hatte, macht Neuem Platz.

Diese Ueberprüfung des alten Stoffs, in der wir jetzt stehen, sei hier an einem kleinen Teilgebiet ver­deutlicht. Zum ältesten Inventar des Deutschunter­richts der Quarta gehört das antike Stoff­gebiet. Wie die Richtlinien von 1924 besagten, sollte diese Behandlung der Antike eineEinfüh­rung in die Kulturkunde von Hellas und Rom" sein. Sie sollte also kulturkundlicher Belehrung die­nen, vielleicht auch der Veranschaulichung antiker Lebensbilder, sollte dazu den Geschichtsunterricht der Quarta, der den Verlauf der alten Geschichte zu be­handeln hatte, unterstützen und ergänzen. Kultur- kunüe in Quarta? Diese Grundsätze mögen uns zu­erst unbegreiflich erscheinen: ihre Herkunft ist aber mit historischem Blick leicht zu erkennen. Kultur­kunde und Kulturgeschichte sind bekanntlich Lieb­lingsgegenstände des neunzehnten Jahrhunderts ge­wesen. Sie entsprachen ja dem positivistischen Ver­langen nach geistiger Einverleibung alles Wissens­stoffes, dem absoluten Vorrecht, das die verstandes­mäßige Schulung vor einer harmonischen, zielbe­wußten Erziehung einnahm. Ein Blick in die Lese! bücher läßt uns mit ungläubigem Kopfschütteln er­kennen, welche Stoffe für die Einführung in die antike Welt man als geeignet ansah. Wir finden, um nur einiges herauszugreifen, Fabeln des He- rodot, Szenen aus Homer, Stücke aus Plutarch und Tacitus, antike Sprüche und Gedichte, Dar­stellungen kulturhistorischer Art, Biographisches, archäologische Dinge, dazwischen Schillersche Bal­laden, Gedichte von Dahn, Simrock, Meyer u. a., alles in allem: eine geradezu verwirrende Mannig­faltigkeit! Ein einheitliches Bilden entscheidenden Zügen konnte durch diesen Stoff nicht gewonnen werden, erst recht aber kein Bewußtsein von den Werten und gestaltenden Kräften der Vergangen­heit.

Wir stehen heute nun vor der Frage, ob über­haupt antike Stoffe in einer unteren Klasse im Deutschunterricht behandelt werden sollen und wenn ja wie ist der Stoff anzuordnen?

Allgemein ist festzustellen, daß es eine Fülle an­tiken Schrifttums gibt, die erzieherisch brauchbar und wertvoll ist. Doch gerade die Bejahung dieser Frage kann, wie die pädagogische Diskussion ge­zeigt hat, mit einer Ablehnung des antiken Stoff­gebiets einhergehen. Man pflegt zu fragen: Wozu denn bei einer ausschließlich erzieherischen Blick­richtung und angesichts des reichen deutschen Lite­raturschatzes einen Stoff, der wohl gleiche Werte offenbart, aber auch nur die gleichen Werte? Man wird zugeben: die Unentbehrlichkeit antiker Stoffe läßt sich nicht aus ihrer erzieherischen Bedeutsam­keit erweisen. Soll es nun aber bei dem Streit der für- und widerhumanistischen Gedanken und Ge­fühle sein Bewenden haben? Wir sehen heute, daß sich die Frage nach der Berechtigung antiker Stoffe im Deutschunterricht allein von einer völkischen und rassischen Sicht her entscheiden läßt. Wenn wir die Antike als die Welt werten, zu der die germanische Welt in immerwährender Beziehung und Wechsel­wirkung stand, mit der der deutsche Geist in den vielfältigsten Formen kämpfte und die er sich in­nerlich eroberte, so wird auch der Deutschunterricht

Die LnivrrsM Prag.

Von Annemarie von putttamer.

Die Mutter der deutschen Hochschu­len" ist die Universität Prag genannt worden, 1348 von Karl IV. als erste deutsche Universität ge­stiftet. Die Gründung stand im Mittelpunkt der weit- schauenden und schicksalsvollen Pläne des Kaisers, durch die das Abendland ein neues Gesicht erhalten sollte.Des Reiches Erzstiefvater" hat Kaiser Maxi­milian Karl gescholten, und jahrhundertelang hat der Vorwurf, nur ein wahrer Vater Böhmens gewesen zu sein, für das deutsche Bewußtsein die Gestalt dieses großen Herrschers entstellt, bis erst neueste Ge­schichtsschreibung ihm gerecht geworden ist. Es ist wahr, als erster hat Karl den geistigen Mittelpunkt des Reiches nach Osten verlegt, in bewußter Absage an die traditionelle Politik der Ottonen und Staufer und ihrer Nachfolger, die ihn im Süden suchten, in sinngemäßer Vollendung des gewaltigen Kolonisa­tionswerkes, das seit Jahrhunderten den Strom deutschen Lebens und deutscher Kultur nach Osten

Karl war in Paris erzogen worden, das durch die sich straffende Macht des französischen Königtums, vor allem aber durch seine UniDerfität, an der sich die Blüte abendländischer Geistigkeit zusammenfand, dem allmählich zerbröckelnden Reich gegenüber zur eigentlichen Hauptstadt der Welt geworden war. Es war ein Gedanke von ungeheurer Kühnheit, dem Abendland eine neue Mitte zu geben und diese Mitte an den östlichen Rand des europäischen Kul­turbereiches zu rücken. Die Entscheidung war gleich bedeutungsvoll für das Reich wie für Böhmen für das Reich, indem diese Hinwendung nach dem Osten ihm die Möglichkeiten innerer Verjüngung gab, die der Westen und Süden nicht mehr spenden konnten, für Böhmen, das nur die Wahl hatte, durch Einschmelzung in das Reich Träger und Vermittler stärkster Kulturströme zu sein oder vom gestaltlosen Osten verschlungen zu werden. Aehnliche Gedanken hatte auch schon hundert Jahre früher Ottokar ge­träumt, der große Premyslidenkönig, der ein gewal­tiges deutsch-böhmisches Ostreich geschaffen und nach der Krone des Reiches gegriffen hatte, aber gegen Rudolf von Habsburg unterlegen war. Doch worum er vergeblich gekämpft, das war Karl als Aufgabe ln die Wiege gelegt.

, Neben der Erhebung zum Erzbistum und der Er­richtung der kaiserlichen Kanzlei war es vor allem die Stiftung der Universität, desGeneralftu -

den Schülern die Antike als rassisch-verwandte Welt zu zeigen haben. Diese Behandlung wird nicht kul­turkundlicher Belehrung und Wissensoertiefung die­nen, sondern der rassischen Erziehung sowie der Hinlenkung auf die verwandten Kräfte unserer Kul­tur- und Geistesgeschichte.

Die geschichtliche Beziehung der Antike zum deut­schen Volkstum wäre nun freilich für die Quarta allein kein geeigneter Gegenstand. Hier kann aber der Grund gelegt werden zu einer Einordnung der Antike in den entstehenden Schatz der seelischen In­halte. Während der altsprachliche Anfangsunter­richt nur vereinzelt zusammenhängende Stoffe und diese zumeist als Mittel zum sprachlichen Können behandelt, während der Geschichtsunterricht den Ab­lauf der Geschichte verfolgt, wird im Deutschunter­richt das erste Bild der antiken Welt nicht allein als Anschauungsinhalt, sondern als Wertgehalt zu vermitteln sein. Dies Bild soll so frisch und leben­dig sein, daß den Schülern das Gefühl erspart

bleibt, es handele sich um Gips- und Museumsrari­täten.

Die Behandlung des Stoffes muß dem Denk­vermögen des Alters entsprechend Zug um Zug das Bild des antiken Lebens zeichnen. Sie wird oabei nicht mit den erhabensten Dingen des großen kul­turellen Lebens beginnen, sondern mit dem Nächst­liegenden, mit den Lebensbereichen, die die Jungen kennen, also etwa mit der griechischen Schulstube, der spartanischen Jugend, den Soldaten und Bür­gern. An Stoffen ist kein Mangel, die eine Be­ziehung zum engsten Umkreis ermöglichen

Die Behandlung antiker Stoffe wird dann ihren Sinn erfüllen, wenn sie das erzieherische Element heraushebt, die antike Welt zum Umkreis gestaltet, der um das eigene Sein gezogen ist. Antike Lese­stoffe sind dann am Platz, wenn sie erzieherisch die Bildung einer völkisch-rassischen Weltanschauung vor­bereiten.

Wie wird man Diplornlandwiri?

Aussichten und Wege des landwirtschaftlichen Studiums.

Das deutsche Volk ist von jeher dafür bekannt, daß es für eine gründliche Ausbildung aller derer sorgt, die einmal an führender Stelle im Staats­dienst oder der Oeffentlichkeit für die Allgemeinheit arbeiten sollen. Daher weilt auch ständig eine große Zahl von Ausländern in Deutschland, um sich an seinen Bildungsstätten, seien es nun Schulen, Hoch­schulen, Universitäten oder wissenschaftliche Institute eine gediegene Ausbildung zu erwerben. Dank dem hohen Stand aller unserer Bildungsstätten gehen aus diesen immer wieder Männer hervor, die auch Über den Rahmen ihres Fachwissens hinaus befähigt find, allen Anforderungen zu genügen, die ihr Beruf und ihr Volk an sie stellen. Auch die L a n d w i r t s ch a f t, die die Ernährung des deutschen Volkes sicherzustellen hat, braucht solche Männer. Sie werden zum größten Teil an den landwirtschaftlichen Fakultäten der Uni­versitäten und landwirtschaftlichen Hochschulen heran­gebildet, die in Berlin, Bonn, Breslau, Danzig, Gießen, Göttingen, Halle, Hohenheim, Jena, Leipzig, Königsberg und München bestehen.'

Die Ausbildung der Diplomlandwirte, so heißen die Landwirtschaft Studierenden nach erfolg­reicher Beendigung ihres Studiums, ist sehr viel­seitig. Das Studium gliedert sich in zwei Teile: in eine praktische und in eine theoretische Ausbildung. Die praktische Ausbildung ist grundsätzlich vor Beginn des Studiums abzuleisten und dauert zwei Jahre. Der Abiturient tritt sie meist nach Er­ledigung der Arbeits- und Heeresdienstpflicht an. Die Ausbildung erfolgt auf vom Reichsnährstand aner­kannten Lehrbetrieben. Ein Jahr davon ist auf einem bäuerlichen Betrieb abzuleisten. Während dieser Zeit hat der Lehrling Zeit und Gelegenheit, alle Arbeiten in der Landwirtschaft, die Nöte und Sorgen der Bauern und Landwirte und die wichtigsten prak­tischen Grundlagen von Acker- und Pflanzenbau, Viehzucht und Betriebswirtschaft kennenzulernen. Im Laufe der täglichen Arbeit erwirbt er sich die prak­tischen Grundlagen für fein Studium, die ihm fein ganzes Leben hindurch wertvoll bleiben. Der Ab­schluß seiner praktischen Tätigkeit bildet eine Prüfung.

Hat der Studierende die Prüfung bestanden, so bezieht er die Universität, um sich nunmehr dem wissenschaftlichen Teil seiner Ausbildung zu widmen. Die ersten zwei Semester hat der Landwirtschaft Studierende zunächst einmal Gelegenheit, sich in den Naturwissenschaften zu vervollkommnen. Vorlesungen über Chemie, Physik, Botanik, Zoologie und Haustierkunde nehmen den größten Raum ein. Gleichzeitig laufen aber noch Vorlesungen über deut­sches Recht, Volk und Rasse, politische Geschichte, Volkswirtschaftslehre sowie Volk und Staat. Am Ende des zweiten Semesters legt dann der Student derstuck, agr. das Vorexamen ab, bei dem

er in Chemie, Botanik, Zoologie und Haustierkunde geprüft wird; von nun ab nennt er sichcand. agr.. Während des dritten und vierten Semesters sind nun die landwirtschaftlichen Fächer, wie Ackerbau-, Pflan­zenbau, Viehhaltung und Viehzucht, Tierernährung, Pflanzenernährung und Landmaschinenlehre an der Reihe. Der Studierende kann vor allem seine Kennt­nisse und Erfahrungen, die er während der prak­tischen Lehrzeit gesammelt hat, ergänzen und in prak­tischen Hebungen, die fast sämtliche Vorlesungen wäh­rend des Studiums begleiten, vervollkommnen.

Nachdem so durch die ersten vier Semester die naturwissenschaftlichen und landwirtschaftlichen Grundlagen gelegt sind, treten im fünften und sechsten Semester die politischen und wirtschaftswissenschaft­lichen Fächer in den Vordergrund. Da sind Vor­lesungen zu hören über landwirtschaftliche Betriebs­lehre, Landwirtschaftspolitik, die deutsche Ernäh­rungswirtschaft sowie über Bauern- und Bodenrecht, Bauerngeschichte und deutsche Volkskunde. Während der Semesterferien geht der Student dann häufig wiederaufdasLand,uminder Praxis tätig zu fein. Dabei hat er Gelegenheit, feine praktischen Kenntnisse zu erweitern und seine Verbundenheit mit dem Landleben wieder enger zu gestalten.

Den Abschluß, des Studiums bildet die Diplom­prüfung, zu der auch eine Prüfungs-Hausarbeit in einem Fach anzufertigen ist, wobei das Fach ge­wählt werden darf, das Thema aber, das innerhalb von sechs Wochen fertig bearbeitet fein muß, ge­stellt wird. Die Prüfung selbst findet stets am Ende des Semesters statt und zerfällt in einen schriftlichen und mündlichen Teil. Es werden zweiKlausuren", d. h. also Arbeiten unter Aussicht und über gestellte Themen geschrieben. In der mündlichen Prüfung muß der Prüfling beweisen, daß er alle Fragen sinngemäß beantworten kann und sich in allen Lagen zu Helsen weiß. Hat der Kandidat nun die Prüfung glücklich hinter sich gebracht, so wird ihm der Grad Diplomlandwirt" verliehen. Meist beendet er nun sein Studium, wenn er nicht noch an der Universität bleibt, um zum Doktor der Landwirtschaft Dr. agr. zu promovieren.

Fast so vielseitig, wie die Ausbildung sind nun die Wege, die dem jungen Diplomlandwirt offen­stehen. Er kann in die Praxis zurückgehen, um viel­leicht einmal der Leiter großer Betriebe zu werden, er kann den Beruf des Landwirtfchaftslehrers ein- fchlagen, feine Arbeit fernerhin der Landwirtschafts- Wissenschaft widmen oder aber auch in der landwirt- schafttichen Verwaltung arbeiten. So sind die Aus­sichten für junge Diplomlandwirte heute durchaus gut. Doch es gehört ein ganzer Kerl dazu, wenn er Frontoffizier der Erzeugungsschlacht" werden will.

H.H.E.

dium s", wodurch Karl Prag zur Weltstadt machte. Das Generalstudium, an dessen Spitze als Kanzler der Erzbischof stand, umfaßte vier Fakultäten, die theologische, juristische, medizinische und artisti­sche. Außerdem waren Magister und Studenten in d i erNationen" eingeteilt: die böhmische, die sowohl die Tschechen als auch die einheimischen Deutschen, ferner Ungarn und Siebenbürgen um­faßte, die bayerische, zu der alle Süddeutschen, die Rheinländer und Westfalen gehörten, die polnische, in der sich außer Polen und Litauen ebenfalls zahl­reiche Deutsche befanden, nämlich die deutschen Ko­lonisatoren Preußens und Schlesiens, und endlich die sächsische, das heißt das ganze übrige Nord­deutschland. Von diesen Nationen war die böhmische zahlenmäßig die schwächste, sie betrug etwa ein Sechstel der Gesamtzahl. Jede Nation hatte eine Stimme. Das berühmte Collegium Carolinum, des­sen Namen dann mit der Universität gleichbedeu­tend war, wurde erst 1366 gegründet und bezog 1383 unter Karls Sohn Wenzel ihr endgültiges Heim.

Wie durch dasGeneralstudium" in Prag räum­lich eine neue Mitte geschaffen wurde, so bedeutet die Gründung auch zeitlich Mitte und liebergang vom Mittelalter zur Neuzeit. Noch stand die Scho­lastik im Zentrum der Studien, aber hier, wo die Sprachen aller Länder durcheinander schwirrten, wo die bewegtesten und aufgeschlossensten Geister der Zeit sich trafen, war das Hereinströmen refor­matorischer Ideen unvermeidlich. Aus Paris und Oxford kamen diese Ideen, und sie fanden bei den Tschechen bereiteren Boden als bei den Deutschen. Dies mag verschiedene Ursachen haben. Die Deut­schen waren meist die wirtschaftlich und sozial besser Gestellten, daher Ruhigeren, auch gab ihnen der Rückhalt an den Deutschen im übrigen Reich ein Gefühl der Weite und Sicherheit, das dem kleinen Tschechenvolk fehlte. Die reformatorischen Ideen fielen daher auf ein Erdreich, das soziales und na­tionales Ressentiment aufgelockert hatte. Dies zeigte sich auch früh in dem Führer der Reformbestrebun­gen, dem tschechischen Bauernsohn Johann Hus, der als Magister der Universität den Lehren Wic - lifs zuneigte und im übrigen scharf gegen die im­mer zunehmende Verweltlichung des Klerus auftrat, wodurch er breite Schichten des Volkes, aber an­fangs auch die besten Elemente der Geistlichkeit ge­wann. Auch die Schwächung Roms durch das päpst­liche Schisma kam ihm zu Hilfe. König Wenzel be­günstigte ihn, und unter feinem Einfluß verfügte der König das sogenannteKuttenberger

Dekret", das der böhmischen Nation an der Uni­versität drei Stimmen, den anderen drei Nationen zusammen nur eine Stimme gab. Vergebens erho­ben sich die anderen Nationen einmütig gegen den unerhörten Rechtsbruch. Der greife Rektor Henning Baltenhagen mußte- Schlüssel, Siegel und Matrikel ausliefern. Die Folge war der bekannte Auszug der deutschen Studenten im Jahre 1409. An die tausend Magister und Studenten verließen in jenem Jahr Prag und wandten sich meistens nach Erfurt und Leipzig.

Durch die kurzsichtige Maßnahme des Königs waren mit einem Schlage die großen Absichten sei­nes Vaters vernichtet. Unter dem Rektorat des Hus wurde die Weltuniversität zum Provinzkollegium. Völlig verödete das Carolinum freilich erst nach Hussens Tod, als die Reformation zu offener na­tionalistischer Revolution überging und ihre be­kannten zerstörerischen Züge annahm. Es bedurfte jahrzehntelanger Mühen, besonders unter Wenzels Bruder und Nachfolger Sigismund, später unter dem Volkskönig Georg von Podebrad, um die zer­rissenen Fäden neu zu knüpfen. Erst nachdem Luther seine Thesen an der Schloßkirche zu Wit­tenberg angeschlagen hatte, wurde auch die Hussiten- ftabt und ihre Universität wieder einbe,zogen in den großen Strom deutschen abendländischen Lebens. Aber aus einer Stätte des Lehrens und Lernens war das Carolinum zu einem geistigen Kampfplatz geworden, an dem in grimmigen Redeschlachten um die religiösen Entscheidungen oder auch nur For­mulierungen gerungen wurde. Die verschiedenen re­formatorischen Richtungen, Lutheraner, Calvinisten, Utraquisten, radikale Kelchner, böhmische Brüder und wie sie alle hießen, bekämpften einander faft erbitterter, als sie die Katholiken bekämpften.

Es wurde Böhmen, Prag, dem Carolinum zum Schicksal, daß im Jahre 1526 Ferdinand, Herzog von Oesterreich, böhmischer König wurde. Mit dem Habsburger zog die Gegenreformation in Prag ein. 1555 gründete Ferdinand das (Hementinum, das Jesuitenkolleg, das eine Art Gegenuniversi- tät darstellte. Mit dem volkstümlichen Lehrbetrieb des Ordens, seinen Theateraufführungen in deutscher und tschechischer Sprache, konnte das Carolinum nicht Schritt halten. Es verarmte immer mehr, während das (Hementinum aufblühte. Aber die Spannungen wuchsen, wie in der ganzen übrigen Welt, so vor allem in Prag, das wiederMitte" geworden war. Hier entbrannte ja zuerst das Feuer, das in 30 Kriegsjahren das Reich verheeren sollte. Für Böhmen fiel die Entscheidung im ersten An-

Deutsche primanerin wünscht Briefwechsel...

... mit gleichaltriger Engländerin.

Um Schülern höherer Lehranstalten einen Brief« wechsel mit ausländischen Schülern zu vermitteln, besteht eine für das ganze Reichsgebiet zuständige Einrichtung, die sich auf Erlasse des Reichs­erziehungsministers vom 2. Mai 1934 und 12. De­zember 1935 stützt. Sämtliche Schüler und Schüle­rinnen, ganz gleich, ob es sich um einen Mittel­schüler oder um einen Oberprimaner handelt, wenden sich durch die Anstalt, die sie besuchten (ftlaffenleiter bzw. dessen Stellvertreter) an den Deutsch-Auslän­dischen Schülerbriefwechsel beim Akademischen Aus- tauschdienst Berlin NW 40, Kronprinzenufer 30, Fernruf 11 7581. Direkte persönliche Anfragen der Schüler sind nicht erwünscht.

Der Austauschdienst steht in enger Ver­bindung mit sämtlichen deutschen Schulen und wirkt für den Gedanken des Briefwechsels im Einver­nehmen mit den Schulkollegien. Der Briefwechselring umfaßt die ganze Welt, so daß es kaum ein Land gibt, mit dem eine Korrespondenz nicht vermittelt werden könnte. Es wird dabei darauf geachtet, daß alle Wünsche hüben und drüben bezüglich Sprache, Milieu der Briefwechselnden und besondere Inter­essengebiete weitgehend Berücksichtigung finden.

Der deutsch-ausländische Schülerbriefwechsel ist hauptsächlich für die höheren Lehranstalten, sowie die oberen Klassen der Mittel- und Fachschulen zu-

Dem Auge das Beste!

Lassen Sie sich beraten von

I k Optiker D^a^nus dem Optiker Ihres Vertrauens / Seltersweg 33 / Kassenlieferant.

ständig. Für Volkshochschulen wird die Vermittlung im Einverständnis mit dem Deutsch-Ausländischen Schülerbriefwechsel durch das Deutsche Rote Kreuz, Abteilung Jugend-Rotkreuz, Berlin W 35, Hanse­mannstraße 10, ausgeführt.

Um bei dieser Gelegenheit auch auf andere Ein­richtungen, die Briefwechsel vermitteln, hinzuweisen, sei folgendes noch bemerkt: Männliche und weibliche Studierende aller Fakultäten wenden sich an die Deutsche Studentenschaft, Berlin W 35, Friedrich- Wilhelmstraße 22, Fernruf 25 8576. Hier wird eine ähnliche Einrichtung wie die oben geschilderten für die in akademischer Ausbildung Befindlichen unter­halten. Anfragen sind direkt an die genannte An­schrift zu richten.

Ferner: Erwachsene aller Berufskategorien und Altersstufen erhalten Anschriftenmaferial für Brief­wechsel und Vermittlung persönlicher Bekanntschaften durch den BPA. (Bund zur Pflege persönlicher Be­kanntschaften zum Ausland), Berlin, Alexanderplatz, Berolinahaus.

Reichsdeutsche, die mit Ausländsdeutschen und Volksdeutschen im Ausland in briefliche oder persön­liche Beziehung zu treten wünschen, wenden sich an den VDA. (Volksbund für das Deutschtum im Aus­land), Berlin W 30, Martin-Luther-Straße 97.

Hier fei der Begriff des Ausländsdeutschen und Volksdeutschen näher Umrissen. Als Auslandsdeut­scher gilt, wer im Ausland lebt, die deutsche Reichs­angehörigkeit besitzt und bewahrt hat. Als Volks­deutscher, wer deutscher Abstammung ist, deutsch fühlt und spricht, aber die Staatsangehörigkeit des Gastlandes angenommen hat, dessen Voreltern schon im Ausland ansässig waren, wer in ehemals deutschen und jetzt abgetrennten Gebieten ober einer deutschen Kolonie" lebt unter Kolonie ist in diesem Zu­sammenhänge nicht etwa ein Gebiet zu verstehen, das ehemalig deutscher Oberhoheit unterstand; die Bezeichnung gilt also nicht etwa als politischer Be­griff. Marianne Lendzian.

fang, innerhalb weniger Stunden, als am Weißen Berge der Glanz des Winterkönigs in alle Winde zerstob. Damit lag Böhmen fester in der Hand Habsburgs denn je. Jessenins, der berühmte Arzt, der als Rektor des Carolinums leidenschaftlich für die protestantische Sache Partei ergriffen hatte, endete mit 26 anderenRebellen" auf dem Schafott. 1622 wurde das Carolinum ganz den Jesuiten übergeben. 15 Jahre später versuchte Ferdinand II. den Zustand dahin abzuändern, daß er die Univer­sität in einen geistlichen und einen weltlichen Zweig teilte. Endgültige Gestalt gewannen diese Pläne erst 1654 mit der Union von Carolinum und Cle- mentinum zur neuen Carola-Ferdinandea.

Die geistige Erschöpfung nach dem furchtbaren Kriege machte sich auch an der Universität geltend. Anfang des 18. Jahrhunderts zählte Prag noch 30 Medizinstudenten, und es wurden nicht mehr als 100 Vorlesungen im Jahr gehalten. Maria The­resia bemühte sich um eine umfassende Universi­tätsreform, ohne recht damit durchzudringen. Erst die Aufklärung gab dem Geistesleben neue An­triebe, wenn sie es auch anderseits verarmen ließ. Den josefinischen Zentralisierungs- und Germani- sierungsbestrebungen erwuchs in der jungen Ro­mantik eine starke Gegenbewegung, die auf den Pfaden fortschritt, wie sie Herder zuerst eir.qe« schlagen, und überall den Quellen lebendigen Volks­tums nachspürte, den deutschen sowohl wie den tschechischen. Unter dem Druck der napoleonischen Fremdherrschaft und im Sturm der Freiheitskriege keimte auf diesem Boden ein bewußter deutsch-böh­mischer Landespatriotismus, in dem sich das große Ziel Karls IV. tatsächlich verwirklicht zu haben schien, daß Deutsche und Tschechen, zuBöhmen" verschmolzen, das Land als unlösbares Glied und Herzstück des großen Reiches in gemeinsamer Liebe und edlem Wettbewerb besäßen. Daß es nur ein Traum war, zeigte sich am deutlichsten im Jahre 1848, als die Deutschen das Frankfurter Parlament beschicken wollten, während die Tschechen sich wei­gerten und leidenschaftlich für einen föderalistischen Habsburger Oststaat unter slawischer Führung! eintraten. Die Reaktion nach 1848 trug aller­dings das Ihre dazu bei, um den tschechischen Na­tionalismus immer schroffer und feindseliger zuzu­spitzen. So kam es 1882 zurTeilungderUni- oerfität in eine deutsche und eine tschechische Hochschule. Immer tiefer trieb die Nationalitäten­frage den Keil. Aus freundschaftlichem Miteinander war erst gleichgültiges Nebeneinander, dann feind« liches Gegeneinander geworden.