Ausgabe 
12.6.1938
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 154 viertes Matt

GichenerAnzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)

N./12.Znnl 1958

%< -

Wirf

3

Der Streifendienst der Reichsbahn unterwegs

Auch fahrenden Zügen gilt die Aufmerksamkeit des'Streifendienstes.

dem Bahnkörper be­

läßt, ob ein Anschlußzug erwartet wird und

der

nächtliche Aufenthalt im Wartesaal zu Recht be-

die

nung und Gepflogenheit,

wenn Landstreicher (die

steht. Es kommt immer wieder vor, daß hier Beamten eingreifen müssen.

Sommer und Winter und ohne jede Rücksicht auf das Wetter müssen die Beamten zu nächtlichen Stunden unterwegs sein. Meist ist auch ein Hund

Bei der Inspektion abgestellter Wagen.

Vielfältig ist der Organismus, aus dem sich der Betrieb der Reichsbahn aufbaut. Vielfältig find die Maßnahmen, durch die Ordnung und Betriebs­sicherheit gewährleistet werden. In vielerlei Funk­tionen sind Menschen tätig im stets unmittelbaren Dienst am großen Werk, am größten Verkehrsunter­nehmen Deutschlands. Fast selbstverständlich, daß die Reichsbahn, auch ihren eigenen Sicherheitsdienst hat, Polizei in eigener Uniform, die viele Aust gaben (im Dienst« der »Sicherheit der Menschen, die sich ohne irgendwelche Bedenken der Bahn an­vertrauen. oder aber der Güter, die der Bahn zu treuen Händen zur Beförderung übergeben werden) zu erfüllen hat. Aus Erfahrung weiß man, daß die Deutsche Reichsbahn das ihr entgegengebrachte Vertrauen zu Recht genießt. Wer Gelegenheit haben könnte, Beamte der Bahnpolizei auf ihren Dienst­gängen zu begleiten (so wie uns die Gelegenheit

Am Streckenfernsprecher.

Wagen nächtigen, die sich an Güterwagen unbefugt zu schaffen machen wollen, die um die Güterhallen der Reichsbahn herumstreichen und nach Gelegen­heiten spähen, sich an anderer Leute Güter zu bereichern. Und hier stehen wir mitten' in den Auf­gaben -der Bahnstreife. Denn es ist wider die Ord-

dabei, ein wichtiger Helfer und Begleiter. Er spitzt die Ohren, lauscht, sieht, empfindet früher als der Mensch es vermag mit scharfen Sinnen, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Durch sein Ver­halten fordert der Hund zu gesteigerter Aufmerk­samkeit heraus. Bei der Wageninspektion ist der Hund ein unersetzlicher Helfer. Die Hunde sind für ihre Arbeit sorgfältig vorbereitet, greifen ohne den Befehl ihres Herrn niemanden an, gehorchen aufs Wort!

Die Beamten sinü für ihren Dienst eingehend geschult. Sie beherrschen moderne Kampf- und Der- teidigungstechniken, und es wäre wenig ratsam, ihnen mit gewalttätigen Absichten nahekommen zu wollen. Und bann ist außerdem noch die Waste da! Sportliche Uebungen halten sie bei voller Leistungsfähigkeit, und die Dienstgänge bei Wind und Wetter haben sie widerstandsfähig gemacht. Die'Beamten, die im Bahnhof. Gießen stationiert sind, kennen jede Bahnstrecke in ihrem Dienst­bereich, jeden Bahnhof und jede Haltestelle. Alle Unterführungen, alle Wege und Stege, die sich in der Nähe der Bahnstrecke befinden, sind ihnen ver­traut, und so können sie, wenn sie bei einem Blick den Schienenstrang entlang etwas Auffälliges be­merken, im Nu zur Stelle sein. Sie behalten auch die fahrenden Züge im Auge, und wenn sie etwas bemerken, was vielleicht die Betriebssicherheit ge­fährden könnte, dann verständigen sie mit Hilfe des Streckentelephons die zuständige Dienssttelle.

Auch eine erzieherische Aufgabe haben die Be­amten zu erfüllen. Sie haben auf die Jugend zu achten, die zu Uebermütigkeiten neigt und sich im Eisenbahnwagen gerne an Dingen vergreift, die un­beschädigt bleiben müssen.

Der Bezirk, der durch die in Gießen stationier­ten Beamten der Bahnpolizei erfaßt werden muß, ist verhältnismäßig groß. Er umfaßt die Main- Weser-Bohn, die Lahnbahn. Teile des Westerwaldes, Teile der Bahnstrecken in Oberhessen, aber auch der Bahnlinie nach Siegen.

So steht der Betrieb, so stehen die Anlagen der Reichsbahn dauernd unter den wachsamen Augen der Beamten des Streifendienstes. Der sensationel­len Ereignisse gibt es über Jahr und Tag oft nur wenige. Wohl aber wird durch Wachsamkeit man­cher Schaden verhütet, der vielleicht aus kleinster Ursache entstehen könnte. Und dieser Wachsamkeit verdankt nicht zuletzt die Reichsbahn zu einem Teil jene Betriebssicherheit, die in der Form des Ver­trauens der Reisenden so fest im Bewußtsein un­seres Volkes verankert ist. N.

gegeben worden war) würde erneut erfahren, daß man sich bei der Reichsbahn aller Verantwortung den Menschenleben und Gütern gegenüber bewußt ist

Wenn auch der Dienst der Bahnpolizei, der Streifendienst, unmittelbar praktisch ist, so treten die Beamten doch verhältnismäßig selten für den Fahrgast in Erscheinung. Hm und wieder sieht man die Uniform auf dem Bahnsteig, ober sieht man oen Beamten im fahrenden Zug, wie er prü­fenden Blicks durch den Wagen streift.

Es liegt am System, daß das reisende Publikum den Bahnpolizeibeamten so verhältnismäßig selten zu Gesicht bekommt. Der größte/ Teil der dienst­lichen Verpflichtungen liegt ip der Nachtzeit! - Am Tage ist alles offenbar, und unter vielen offenen Augen kann Unrecht ober Vergehen weniger leicht geschehen. Die Dunkelheit ist ber Freund berer, bie es nicht gut meinen! jDie Dunkelheit ist vor allem ber Freunb berer, bie vielleicht in abgestellten

wegen aber bie sich gar an Einrichtungen zu schaf­fen machen, die bem Signalwesen ober ber Be­triebssicherheit bienen. Wer auf bem Bahnkörper angetroffen wirb unb bort nichts zu suchen hat, sich mit unkontrollierbaren Absichten bort aufhält, muß sich ausweisen können, wirb vielleicht sogar fest­genommen, wenn er keinerlei Ausweispapiere bei sich hat. Eine befonbere Wachsamkeit gilt aber auch ben Einrichtungen auf solchen Haltestellen und Nebenstrecken, bie währenb einiaer Stunben ber Nacht unbesetzt sind und deshalb besonderer Be­wachung bedürfen. Da tauchen denn die Beamten (immer je zwei sind unterwegs) ganz unerwartet und zu immer anderen Zeiten auf und sehen nach dem Rechten.

Auch in die Wartesäle wird ein Blick geworfen. Ein Wartesaal ist schließlich kein Schlafsaal! Wer sich im Wartesaal über mehrere Stunden aufhalten will, muß sich, wenn es der Beamte verlangt, mit einer Fahrkarte ausweisen können, die ja erkennen

in unserem Vaterlande ja glücklicherweise immer weniger werden) in Per­sonenwagen oder in Gü­terwagen auf einsamen Bahnhöfen unb auf Ab­stellgleisen übernachten wollen. Die Reichsbahn hat außerbem alles Inter­esse baran, bie ihr über­lassenen Güter vor bem Zugriff diebischer Hände zu bewachen, und so ist es benn eine Hauptauf­gabe bes Streifenbienstes, immer roieber unb in zeitlichen Abstänben auf vielen Äontrollgängen bie Wagenreihen zu inspizie­ren unb bie Güterhallen nachzusehen, ob sie orb- nungsgemäß zu Stunben ber Nacht verschlossen sind. Darüber hinaus gibt es aber noch manche andere Aufgabe. Es gilt auf diejenigen zu achten, die sich unbefugt auf

Mit dem Schrankenwärter wird manche Beobachtung ausgetauscht.

Die Plomben an Güterwagen werden überprüft.

(Aufnahmen (5j: Neuner, Gießener Anzeiger.)

Die geheimnisvolle Bohne.

25on Wilhelm Scharrelmann.

Meine Mutter bewahrte zu Haufe in ihrem Knopf- beut-el eine merkwürdige Bohne auf. Sie war so groß wie eine kleine Kartoffel, ein wahres Biest von einer Bohne, und dabei so köstlich an Wohlgeruch, daß alle Gewürze Indiens dagegen nicht aufgetommen wären.

Das ist eine Tonkabohne", erklärte mir meine Mutter und schon an der Andacht, mit der das Wort ausgesprochen wurde, war zu erkennen, was für einen Schatz diese Bohne darstellte. Ich habe nie wieder ein Wort so aussprechen hören höchstens Koromanbel. Aber Koromanbel lag in sagenhafter Ferne, unb bie Tonkabohne präsentierte sich als ein ireifbar nahes Wunder unb hatte überbies einen Namen, ber beinahe noch schöner klang als Koro­manbel. Er tönte wie eine alte Glocke, die dem Leit­hammel einer Schnuckenherde draußen in der brau­nen Heide jahrelang am wolligen Halse gehangen hat... Tong tong ... Es war fabelhaft.

- Sie hatte überhaupt Eigenschaften, die Tonka­bohne! Wenn meine Mutter ben Knopfbeutel auf dem Tische umstürzte und die 3678 Knöpfe, die darin waren, über die Platte kollerten und der eine, der gerade gesucht wurde, sich wieder einmal nicht dar­unter befand und man sich darum damit begnügen wußte, einen möglichst ähnlichen dafür zu finden die Tonkabohne war jedesmal und sofort zur Stelle.

Schwarz und glänzend fiel sie jedem sofort ins Auge und überstrahlte durch ben Glanz ihrer ge­heimnisvollen Erscheinung selbst ben Schimmer ber großen Perlmutterknöpfe, von ben beinernen, gläser­nen und metallenen Brüdern der Familie Knopf nicht zu reden. Gewiß, auch unter ben Knöpfen gab es Märchen und Wunder, aber selbst der schönste Knopf war ohne Dllst und konnte es in keiner Weise mit der Tonkabohne aufnehmen. An ihr riechen zu dürfen, war ebensoviel wie eine Tasse Schokolade angeboten zu bekommen, und das will etwas heißen, denn Schokolade gab es zu unserer Kinderzeit viel­leicht in zwei Jahren einmal. Uebrigens, fällt mir ein, könnte man noch eher sagen, daß sie nach Va­nille duftete. Aber das kann ihren Wert nur er­höhen. Vanille kam noch vor Schokolade. Unbedingt.

Eines Tages meine Mutter hatte, mit einer Näharbeit beschäftigt, soeben wieder einmal den Knopfbeutel hervorgeholt und auf dem Tische um­gestürzt, um für einen abgerissenen Knopf an meiner Zacke einen möglichst ähnlichen zu suchen war die Tonkabohne verschwunden, weg, spurlos davon, als hätte die Tischplatte sie verschluckt.

Ich suchte und suchte, rührte den ganzen Knopf­haufen um und um und guckte mir die Augen nach ihr aus, aber die 3678 Knopfgesichtsr grinsten nur.

"Zch hatte doch immer eine Tonkabohne zwischen ben Knöpfen?" meinte meine Mutte und wunderte srch.

Ich war fünf Jahre alt und hätte das Heulen kriegen können. Die Tonkabohne! War so etwas möglich?

Selbst der Kreisel, den ich mir aus meinem Knopfe machen durfte, stillte meinen Kummer nicht... Ich weiß nicht, ob bie Kunst einen solchen Kreisel zu machen, heute nicht längst in Vergessenheit geraten ist. Man schält einen Knopf aus seiner Stoffumhüsi lung unb spießt ihn auf ein Zünbholz, unb wenn man es bann versteht, ihn zwischen ben Fingern zu zwirbeln unb im rechten Augenblicke loszulassen, surrt unb tanzt er wie ein Derwisch.

Die Tonkabohne! Ich konnte kaum einschlafen dar- über unb selbst in ben Traum hinein verfolgte sie mich: ich lag ber Länge lang auf bem Fußboden un­seres Wohnzimmers und spähte unter die Möbel. Richtig, da lag sie ja, hinter bem linken Dorberbein ber alten Mahagonikommobe. Haha! Sie hatte wohl keine Lust mehr, zwischen ben alten Knöpfen zu lie­gen? Eine selige Freube burchrieselte mich, unb vor Entzücken wachte ich auf.

Verwunbert richtete ich mich im Bette auf und starrte mit großen Augen in bie monbhelle Kammer. Alles war still, beklommen unb rätselhaft still... Der Schatten bes Fensterkreuzes lag so hart unb scharf auf hen Hellen Dielen bes Fußbobens, als hätte es ein Maler mit bunfler Farbe barauf gemalt.

Aber ba was war bas? Ein Ton erscholl jetzt in ber Stille unb stanb wie ein Wunber, befrembenb unb groß in bem stillen Hause auf, stieg unb senkte sich roieber, von einer so rätselhaften Schwermut ge­tragen, baß ich barunter erschauerte. Jemanb fang ein Lieb, bas ich nicht kannte unb mich doch mit selt­samer Gewalt berührte... Es war bie Stimme mei­nes' Vaters, weich unb tief unb von einer solchen Fülle im Ton, baß mir bas Herz barüber stillstehen wollte.

Nie hatte ich meinen Vater so singen hören.

Ich weih nicht mehr, welches Lieb er sang. Es war auch nicht bas Lieb, es war ber Ton feiner Stimme, ber in mein traumerfülltes Herz fiel, ber Ton ber Schwermut unb eines hoffnungslosen Leibs.

Vor Erregung erbebenb, stanb ich auf, tappte burch die Kammer, während die Kälte mit eiskühlen Hän­den an meine Brust griff, schlich die Treppe hinab und guckte durch das Schlüsselloch in das Wohn­zimmer.

Drinnen saßen meine Eltern im Schein der alten Petroleumlampe versunken und still miteinander am Tisch. Mein Vater wendete mir den Rücken zu, so daß ich sein Gesicht nicht sehen konnte ; aber ich hörte ihn ja, und ber Ausbruck ber Klage, bie aus seinem Gesänge sprach, fiel mit jebem Tone stärker in mein Herz unb füllte es mit einer unsäglichen Trauer.

War es möglich, daß mein Vater, ein Mann, der nach meiner kindlichen Meinung alles wußte und alles konnte, der stärker war als alle und den alten hölzernen Koffer auf dem Hausboden, der mit eiser­

nem Werkzeug gefüllt war, unb, ben ich nicht um einen Zentimeter zu rücken vermochte, wie ein Spiel­zeug in bie Höhe hob war es möglich, baß biefer Mann von Schmerz und Trauer erfüllt war und tie­fer darunter litt, als ich jemals gewußt hatte?

Was um alles in der Welt konnte es fein, das ihn so traurig machte? Nein, ich wußte damals noch nichts von den zerstörten Hoffnungen eines Lebens, wußte nichts von dem Druck der Entsagung und der Gewalt des Schicksals, von Verlust und schwerer Zeit, ich wußte nur eins: die Tonkabohne! Nur sie konnte die Ursache sein, daß er so traurig war.

Mit einem Ruck öffnete ich die Tür, und mit dem Ruf:Sing nicht mehr ich weiß, wo sie ist!" kniete ich vor der Makagonikommode nieder, fand die Tonkabohne an ber Stelle, wo ich sie im Traum ge­sehen hatte unb drückte sie meinem Vater, zitternd vor Freude, in die Hand.

Mein größeres Hans.

Von Zosef Marlin Bauer.

Mein Zimmer reicht bitte, bestreiten Sie es mir nicht! bis zpm Zaun des Nachbargrund­stückes, und wenn dort drüben jetzt der Roggen in die Halme schoßt, nehme ich auch die Welt jenseits des Zaunes noch zu meinem Zimmer. Alles, was da vor der Fenstertüre liegt, ist mein größeres Haus. Beim Bauen schon, als ich mir endlich diesen Wunsch erfüllen durfte, wurde der Garten mit ins Haus hereingebaut. Ich baute alles zu ebener Erde mit einer breiten gedeckten Terrasse nach dem Garten hin, und dort erst gibt es die ersten zwei Stufen, wo bas Haus noch nicht zu Ende ist und der (Sorten schon begonnen hat.

An jedem schönen Tag sind alle Fenstertüren der Wohnräume zum Garten hin geöffnet, unb bann habe ich ben Garten wirklich im Haus. So hatte ich es immer gewünscht, unb so ist es geworben. .Wenn ich, für einen Augenblick ermübet, von ber Arbeit aufstehe, trete ich unvermittelt unb ohne jene Hindernisse, bie man immer roieber trennenb zwischen Garten unb Haus stellt, vor mein Rosen­beet unb muß bann roieber, weil bies nun einnial meine vielgeschmähte Leibenschaft ist, die Triebe beschneiden, um mich dann unvermittelt wieder an den Tisch zu setzen, wo die Arbeit meiner roarret.

Sie mag oft lange warten.

Denn eben treiben die Rosen ihre ersten Knospen, unb ehe roieber vier Wochen vergangen sinb, barf ich an jebem Morgen einen Arm voll Rosen schnei- ben. Der Rotborn öffnet eben jetzt bie ersten dunkel- roten Blüten, jeder Strauch hat angesetzt, nur zweie nicht, unb bie sinb jetzt bie Sorgenkinder. Langsam schließt sich ber Liguster zur Hecke, bie Pappeln an ber Straße wachsen kühn bem Himmel zu. Nur ber Walnußbaum ist träge unb schiebt nur mühsam feine ersten Knospen. Dafür haben die Haselsträucher

schon im Vorjahr ihre ersten Nüsse, benn sie wuch- sen ja auf meinem Boben. Schmerzlich war es mir, baß ich ben Flieber beschneiden uyb ihm bie Blüten nehmen mußt, bie boch nur sein Tob ge­wesen wären. Die Päonien entschädigen mich da­für, weil sie im ersten Jahr schon dicke Blütenknöpfe tragen.

Ich weiß es, wie das Gras wächst, aus einem zarten dunkelbraunen Hals, drei Wochen, nachdem es gesät wurde. Dem Pfeifenstrauch sehe ich zu, wie er mühsam die stecknabelgroßen Blättchen schiebt, die doch so groß werden sollen wie ein Hut. Und ein wunderliches Geißblatt macht spannenlange Triebe, die dann Blüten tragen werden, rot und gelb und fett.

" Vielleicht das Wunderbarste aber ist der Roggen­acker drüben, wo der Halm jetzt in die Siebte schoßt. In einer Woche wird der Roggen blühen, jenseits des Zaunes zwar und doch nicht so weit weg, daß nicht der graue Blütenrauch zu mir ins Zimmer fliegen konnte. Das sind bann erst bie wundersamsten Tage, bie ich erleben barf im grö­ßeren Haus.

Schafe ...

Seit einer halben Stunde warten wir auf Heinz R ü h m a n n. Er soll in einer Stunde auftreten. Mußte er wieder sein Flugzeug benutzen? Konnte er nicht mit der Bahn kommen? Wir stehen und recken die Hälse. Keiner will seine Befürchtungen merken lassen. Der Kollege von der Presse arbeitet im Geiste bereits an einem Rühmann-Nekrolog.

Da brummt es in ben Lüften. Ein Sportflugzeug nähert sich bem Flugplatz, unb nach fünf Minuten steht Rühmann vor uns, ein Pilot ber Lüste comme il laut.

Verspätung? Entschulbigung. Kleines Inter- mezzo. Unterwegs furchtbaren Hunger. Frühstücks­brot in ber Tafche. Aber beide Hände am Steuer nötig. Unter mir grüne Ebene Bei Wittenberge. Also runter, frühstücken Lande also. Dicht neben einer Schafherde. Der Schäfer steht wie vom Don­ner gerührt. Ich also hin.Tag, Herr Schäfer, was machen die Schafe? Was kostet die Wolle?" Der Mann steht da und schweigt. So was von Schwei­gen noch nie erlebt. Kein Wort kommt aus ihm raus. Ich stopfe mir den letzten Bissen rin und steige wieder in meine Motte Und hoch. Gucke mal runter. Der Schäfer steht auf dem Fleck, auf dem das Flugzeug stand. Steht da und staunt. Komisch. Mitten in Deutschland ..."

Wir fahren in die Stadt. Gehen in ein Lokal essen. Die Kellnerin ist fassungslos.Sie sehen ge­nau so ulkig aus wie im Film." Eine Frau tritt vom Nebentisch heran:Gott, diese Aehnlichkeit!" schreit sie. Rühmann gibt zurück:Schon viel Aer- ger damit gehabt." Unb sehnt sich nach dem Schäfer.

Und nach d§n Schafen.