Nr. 134 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
11/12.3uni |938
Iohn Bull ohne Maske.
Don Otto Eorbach
Der A u f st a n d auf Qamaica, der sich über den ganzen Restbestand britischen Kolonialbesitzes in Mittel- und Südamerika aUszubreiten droht, verleiht einer Aeußerung Goethes einen seltsamen aktuellen Reiz. „Jedermann kennt ihre Deklamationen gegen den Sklavenhandel", sagte er am 1. Septemoer 1829, von den Engländern redend, zu Eckermann, „und während sie uns weis- machen wollen, welche humanen Maximen solchem Verfahren zugrunde liegen, entdeckt sich jetzt, daß das wahre Motiv ein reales Objekt fei, ohne welches es die Engländer bekanntlich nie tun, und welches man hätte wissen sollen. An der westlichen Küste von Afrika gebrauchen sie die Neger selbst in ihren großen Besitzungen, und es ist gegen ihr Interesse, daß man sie dort ausführe. In Amerika haben sie selbst große Negerkolonien angelegt, die sehr produktiv sind und jährlich einen großen Ertrag an Schwarzen liefern. Mit diesen versehen sie die amerikanischen Bedürfnisse, und" indem sie auf solche Weise einen höchst einträglichen Handel treiben, wäre die Einfuhr von außen ihrem mer- kantilischen Interesse sehr im Wege, und sie predigen^ daher nicht ohne Objekt gegen den inhumanen Handel."
Als die Engländer eine Flotte von Seeräubern mobilisierten, um am Karibischen Meer festen Fuß zu fassen, da waren sie noch eben so sehr wie die Portugiesen und Spanier darauf erpicht, in der Neuen Welt Gold- und Silberschätze zu erbeuten und aus der Ausbeutung farbiger Sklaven für die Gewinnung tropischer Erzeugnisse Nutzen zu ziehen. Sir Walther Raleigh, dem England die ersten nordamerikanischen Siedlungen verdankte, unternahm allein drei Expeditionen nach Guiana zu dem ausgesprochenen Zweck, das Land des „vergoldeten Mannes", „El Dorado", jenes sagenhaften Häuptlings, der jeden Morgen seinen geölten Körper mit Goldstaub bestreuen ließ, den er in einem See wieder abwusch, zu entdecken. Aber auch in „V i r g i n i e n" hoffte Raleigh vor allem Gold zu entdecken. Die ersten Siedler wurden erst durch Hunger gezwungen, ihren Unterhalt aus landwirtschaftlicher Betätigung zu ziehen. In dem Maße, wie die Hoffnungen auf die Entdeckung neuer Goldquellen versagten, verlegte sich England vorwiegend auf die Plantagenwirtschaft, für die es aus der Heimat Sträfinge, aus Afrika Neger einführte; daneben erlangten die küstennahen Wälder Nordamerikas für den englischen Schiffbau immer größeren Wert. Die eigentliche Seßhaftmachung des weißen Mannes im nordamerikanischen Raum war anfangs nur das Werk religiöser Querköpfe, die man aus England auswandern ließ, um sie nur los zu werden. „Christliche Knechte", d. h. zu überseeischer Zwangsarbeit Verurteilte und Neger waren die eigentlichen menschlichen Objekte ursprünglicher britischer Kolonisation in der Neuen Welt.
Die Entvölkerung Afrikas durch die Sklaven- sagden, die industrielle Revolution und die' See- herrschast waren die Ursachen, die in ihren Wechselwirkungen die Einstellung Englands zu den überseeischen Ländern nach den napoleonischen Kriegen von Grund aus w a n ö e Pt e n., Die andern Kolonialmächte, die nach wie vor überseeische Besitzungen nur durch mehr ober weniger „feudale" Grund- ätze verwerten konnten, wurden von England chonungslos vor der „Weltmeinung" als rückständig und barbarisch angeprangert.
Am Negerhandel war England seit dem Jahre 1562 beteiligt gewesen. 1698 hatte das englische Parlament öiefe's Geschäft für frei erklärt. Durch den Asientovertrag erhielt England 1713 das Recht, auf 30 Jahre 144 000 Sklaven für spanische Kolonien zu liefern. Seitdem hatte England am Sklavenhandel den Löwenanteil. Nach qmtlichen, im Parlament abgegebenen Erklärungen führte es in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts jährlich im Durchschnitt 30 000 Neger aus Afrika aus, wovon
es 20 000 an andere Völker wieder verkaufte. Inzwischen hätte es aber auf eigenem Boden im Laufe der industriellen Revolution ein Verfahren erprobt, jedes beliebige freie Angebot williger und billiger Arbeitskräfte aus dem Boden zu stampfen. Es hatte seinen Bauern- und Handwerkerstand größtenteils geopfert, um sich schneller in die „W erkstätte der Welt" zu verwandeln, und die im Laufe der napoleonischen Kriege errungene Seeherrschaft gab ihm die Möglichkeit, sich durch die „Politik der offenen Tür" im asiatischen „Kuli" einen Ersatz für Negersklaven zu sichern, deren Befreiung es nun um so unbekümmerter auf Kosten seiner kolonialen Konkurrenten zu fordern vermochte.
Wie schon Goethe betonte, hatten die in England zur Aufhebung der Sklaverei ergriffenen Maßnahmen für feine westindischen Besitzungen zunächst gar keine praktische Bedeutung und erst 1838 trat ein Gesetz in Kraft, auf Grund dessen auf Jamaika 322 000 Sklaven ihre Freiheit erhielten. Die Engländer würden auf dem Wege von der Theorie zur Praxis noch viel langsamer fortgeschritten fein, wenn sie nicht, um die Mächte der Heiligen Allianz besser in Schach zu halten, durch die Zustimmung zur Monroe-Doktrin ihre Hoffnung, Spanier und Portugiesen als Kolonisatoren der Neuen Welt in großem Stile ablösen zu können, selbst zerstört hätten. Sie verlegten dafür den Schwerpunkt ihrer Plantagenwirtschaft immer mehr nach Südostasien, wo sie sich mit „freien" Arbeitern fabrikmäßig aufziehen und zur Grundlage von Welthandelsmonopolen machen ließ.
Seine Rolle als „Negerbefreier" hinderte freilich England keineswegs, im amerikanischen Sezessionskriege von Anfang an die Sache der südlichen „Sklaven st aalen" mit allen Mitteln zu begünstigen, weil das fein Interesse an einer ungestörten Versorgung mit Baumwolle erheischte. Als bann gleichwohl bie Frie- bensglocken von 1865 auch bie Sklaverei im ©üben der Union zu Grade läuteten, unternahm es noch einmal einen Großangriff auf bie negerfeinbliche Siedlerfront der Neuen Welt, indem es sich ein Monopol für die Ausfuhr asiatischer Kulis sicherte.
Für seine eigene Arbeiterbeschaffung auf den Plantagen von Indien, Ceylon und Malaya brauchte England keine unmittelbare Kontrolle. Die Vernichtung altindischer Gewerbe, die weitgehende Verdrängung asiatischer durch englische Frachtführer und die Ueberschwemmung Südchinas mit englischen und indischen Einfuhrwaren brachte überall in Südostasien ein Ueberangebot von A r - beitskräften mit sich, die zu den niedrigsten Preisen auf freien Märkten gekauft werden' konnten. Im Verkehr zwischen Kanton ober Macao und Singapur hatte sich ein Geschäft mit „Sinkehs", unbezahlten Passagieren, entwickelt, das ausschließlich in den Händen Einheimischer lag. Die Plantageninhaber sicherten sich die Dienste dieser Leute, indem sie ihre Schuldscheine erwarben. Das Wort „K u l i" für asiatische Arbeiter kam erst auf, als England begann, dem Arbeitermangel auf seinen westindischen Besitzungen durch eingeführte Inder abzuhelfen. In Indien wurde das Wort ursprünglich auf Sänftenträger angewandt. Bald kam dann bie Ausfuhr von chinesischen „Sinkehs" nach amerikanischen Länbern in Schwung, die nun auch Kulis genannt wurden. Lange Zeit war hierfür Macao der Hauptausfuhrhafen, wo sich zugleich Spielhöllen auftaten, wo harmlose Leute Gelegenheit erhielten, ihre Freiheit zu verspielen. Die Riesengewinne, die die Portugiesen in Macao aus diesem Geschäft zogen, ließ John Bull nicht mehr ruhig schlafen. Er eröffnete einen moralischen Feldzug gegen die Greuel des portugiesischen Handels mit gelben Arbeitern, übte aber zugleich jeden möglichen Druck auf die chinesische Regierung in Peking und ihre provinzialen Unterorgane aus, Unter englischer Kontrolle die freie Anwerbung von Arbeitern zur Auswanderung nach überseeischen Ländern zu gestatten. So kam es dazu, daß die Spielhöllen und Auswanderungsbüros in Macao geschloffen wurden, obwohl die ;Portugiesen alle gewünschten Reformen durchführen wollten, während die Kuli
ausfuhr über Hongkong unter der Kontrolle von „Protektors of Chinese^ aufblühte und ungeahnte Ausmaße annahm. Nicht nur Westindien, sondern auch Guiana, Peru und andere südamerikanische Länder, schließlich Kalifornien, Kanada und Australien wurden mit indischen und chinesischen Kontraktarbeitern versorgt, wobei das Los der „Kulis" schon auf dem Transport, erst recht später auf den Plantagen oder in den Bergwerken und anderen Betrieben oft schlimmer war, als das schwarzer Sklaven.
Erst nachdem dieser Art Sklaverei-Ersatz in den Vereinigten Staaten, den britischen Dominions und mit der Zeit auch in den iberoamerikanischen Ländern durch Volksbewegungen ein verhältnismäßig rasches Ende bereitet worden war, zog sich England aus diesen Ländern mehr und mehr als Pflanzer zurück, um dafür die Fruchtbarkeit des Tropisch- Äronsun-Asiens fabrikmäßig auszupressen und dabei auch zur Gewinnung ursprünglich nur auf amerikanischer Erde einheimischer Erzeugnisse auszunutzen'.
Die Methode, die England anmanbte, sich Handelsmonopole zu sichern, blieb sich immer gleich. Man predigte den Freihandel, nachdem man sich aller weltpolitischen Schlüsselstellungen bemächtigt hatte, billig ein- und teuer verkaufen zu können,
nachdem man „rückständigen" Völkern, die moderne Produktivkräfte nur. hinter Schutzzollmauern entwickeln konnten, als eine die „Weltmeinung" prägende Macht das Leben so sauex wie möglich machen konnte; man spielte den reuigen Negerhändler, als man sich der Dienste eines unbegrenzten Angebotes asiatischer Kulis versichert hatte, man predigte gegen den Opiumanbau in China, um desto mehr Opium aus Indien in das Land der Mitte einführen zu können, führte sogar Krieg gegen eine chinesische Regierung, die beit Schmuggelhandel mit verbotenem fremden Opium nicht gestatten wollte, und man brachte die ganze Welt zu.moralischer Entrüstung über Kongogreu«! und Jndianerjagden im Amazonasgebiet, als maft daranging, mit aus Brasilien ausgeführtem Gummisamen ein Weltgeschäft allerersten Ranges aufzuziehen. Was bei alledem immer zu kurz kam, das waren die Belange der abendländischen Kulturmenschheit im allgemeinen. Wenn man auch England zugestehen mag, daß die Methoden seiner kolonialen Machtgestaltung menschlicher waren als die spanischer und portugiesischer Konquistadoren, so sehr auch die Greuel der Sträflingsarbeit in Dir- ginien und Australien wie zahlreiche andere dunkle .Punkte britischer Kolonialgeschichte zum Himmel schreien.
Kreuz und quer durch den Schwarzen Erdteil.
Briefe von einer Afrika-Reise.
Don Dr. Paul Rohrbach.
M Erocodiliana.
M u a n | a am Viktoriasee, Mai 1938.
Afrika verpflichtet den Besucher nach mancherlei Richtungen, und wer es durchreist, muh sich dazwischen einmal auch mit Dingen beschäftigen, die nur a m R a nd e der großen Probleme liegen. Wer in Deutschland weiß wohl, daß eine einzige deutsche Firma, Oswald Rüaner in Offenbach am Main, allerdings Die größte in diesem Geschäft, jährlich 50 000 Bauchfelle von Krokodilen einführt, aus denen Luxuslederwaren, namentlich Damenhandtaschen und Damenschuhe, fabriziert werden? Wo kommen diese Massen her? Aus allen tropischen und subtropischen Gewässern, wo es Ktokodile gibt. Ostafrika ist reich an ihnen, und in' den Buchten des Viktoriasees leben unzählige. Wir haben hier eine interessante Begegnung mit einem jungen, erfolgreichen Krokodiljäger, Herrn Theodor Ripper aus . Offenbach, gehabt, der für die Firma Rügner Krokodile schießt unb angelt unb seit dem Juni vorigen Jahres schon 900'Bauchfelle nach Hause geschickt hat. Der Rückenpanzer dieser gefährlichen Riesenechsen ist so hart, daß er nicht verwendet werden kann.
Herr Ripper erzählte uns den Lebenslauf eines Krokodils. Die Muttertiere legen 40 bis 50 Eier mit fester, aber etwas elastischer Schale, von der Größe eines Gänseeies, in eine von ihnen ausgescharrte Grube nahe dem Wasser und bedecken sie mit Sand und Pflanzenmoder. In diesem feuchten Gemisch entwickelt »sich, von der Sonne unterstützt, die erforderliche Brutwärme. Nach vier Wochen ist das junge Krokodil ausgebildet. Es ist dann schon 30 Zentimeter lang und in der engen Eischale mehrmals um sich selbst gewickelt. Es durchbricht seine inzwischen von außen her abgeblätterte unb zersetzte Hülle, arbeitet sich selbst aus ber lockeren Grubenfüllung hervyr, geht sofort ins Wasser und sucht sich als Nahrung allerlei kleine Wassertiere. Die Krokodilmutter kümmert sich von der Eiablage an nicht mehr um ihre Nachkommenschaft. Natürlich wächst nur ein kleiner Teil der jungen Tiefe heran, sonst würde es unvorstellbare Krokodilmassen geben. Allgemein herrscht die Meinung, daß Krokodile Hunderte von Jahren alt werden. Herr Ripper hat einmal ein 6 Meter langes Tier geschossen (angeblich sollen Krokodile von 9 Meter
Länge vorkommen), von dem ihm die Eingeborenen sagten, dies sei der Sultan ber Krokodile; schon ihre Väter und Vorväter hätten ihn auf seinem ftänöigert Liegeplatz auf einer Sandbank beobachtet.
Das berühmteste afrikanische Krokodil heißt Lute mb e. Es ist ein uralter Riese, der in einem Seitengewässer des Viktoriasees, am Nordufer zwischen Kampala und dem Hafenplatz Entebbe, lebt. Dies Uferstück gehört zum jetzigen englischen Protektorat Uganda. Vor mehr als sechzig Jahren besuchte Stanley den damaligen Kabaka von
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Uganda, Mtesa, einen tatkräftigen, aber blutdürstigen Despoten. Eine der Todesarten, zu denen Mtesa mißliebige Untertanen zu verurteilen pflegte, war die, daß sie dem Riesenkrokodil vorgeworfen wurden. Lutembe hat Hunderte von Menschen, gefressen, jetzt muß es sich mit Fischen begnügen. Die Eingeborenen verstehen einen besonderen Ruf, mit dem sie Lutembe aus dem Wasser heroorlocken. Es empfängt dann seine Ration Fische. Für europäische Besucher war das bis vor kurzem ein bekanntes Schauspiel. Leider hörten wir in Kampala, daß Lutembe zur Zeit nicht zu sprechen sei, angeblich weil Inder es mit Steinen bombardiert haben. In Kampala kann man Originalphotographien des Ungeheuers kaufen. Sein Kopf mit aufgesperrtem Rachen sieht wahrhaft scheußlich aus.
Krokodiljagd ist weder einfach noch ungefährlich. Herr Ripper erzählte uns mit dem Humor des echten Jägers von feinen Erlebnissen. Man muß ein Krokodil auf eine kleine, nur zwei Finger breite Stelle zwischen Ohröffnung und Auge treffen, damit die Kugel in das dünne, fadenförmige Gehirn bringt und das Tier nicht mehr Zeit-hat, ins Wasser zu eilen. Dort geht es sofort unter, und der Kadaver kommt erst nach Tagen wieder herauf, wenn die Fäulnisgase den Leib aufggtrieben haben. Dann ist die Haut minderwertig. Am ehesten gelingt die Jagd in einem Eingeborenen-Kanu. Vor einem
Italienischer Arien-Abend.
Mit „Kraft durch Freude" im Stadttheater.
Haffe schon der Besuch des Führers den deutschen Volksgenossen ausgiebige Gelegenheit gegeben, sich durch die Rundfunkübertragungen von der Wesensart und dem Höchststände der italienischen Musik, zumal auch der Oper, zu überzeugen, so wurde jetzt den Gießenern die Freude zuteil, italienische Gesangskräfte selber im unmittelbaren Eindruck zu erleben. Denn der italienischen Stimme wohnt ein bestechender Reiz inne, wie er eben nur dieser Nation beschieden ist. Hier haben eine äußerst günstige Veranlagung hinsichtlich der stimmlichen Mstfel, Klima des Landes, eihe klangvoll fönende Sprache und ein fast instinktives gesanglich-musikalisches Volksempfinden zusammengewirkt, und so ist im Einfluß einer jahrhundertelangen Tradition, die zeitweise das gesamte europäische Musikleben übermächtig beherrscht hat, noch heute die stimmliche und gesangliche Kunst des Italieners maßgebend geblieben.
Wer des öfteren Gelegenheit hatte, italienische Dpernenfdmbles auf der Bühne zu erleben, der wird die gerühmten Vorzüge des italienischen Sängers vollauf bestätigen können. Aber auch dem, der die italienischen Rundfunkübertragungen verfolgt, wird nicht entgangen sein, wie dort Sänger auf der Bühne und die Zuhörer im engsten Kontakte zueinander stehen, wie dort im Moment der künstlerischen Hochleistung spontane Beifallsaus- drüche das Können im vollsten Umfange würdigen und zur höchsten Entfaltung beflügeln.
Der italienische Sänger lebt in der Oper, die ja ihren ersten Ursprung und ihre weiteste Förderung immer in Jtaliest gefunden hat. Das rassisch bedingte Temperament gibt ihm eine besondere Fähigkeit und Kraft elementarer Durchblutung der Gestalten, zum anderen aber läßt ein feines künstlerisches Empfinden chn immer die Waage halten zwischen der Unmittelbarkeit der Darstellung und der künstlerischen Forderung. Ein reiner Naturalismus wäre auf der italienischen Bühne schlechthin undenkbar.
Der angeborene Tonsinn läßt keine Fehlgriffe in der Behandlung der stimmlichen Mittel Zu, was die resynanzlichen Bedingungen des Organs bieten, wird mit ein.em feinfühligen Muskelempfinden zu schönster, blühender Klangpracht geführt. Diesem traditionellen Hochstande der Gesangskunst waren die italienischen Komponisten Hüter und 'anregende
Förderer. In den Frühzeiten der Oper wurden die einzelnen Partien in engster Anpassung an das Können bestimmter Sängerpersönlichkeiten geschaffen, und aud) in späterer Zeit wurde die stimmliche Kunst einzelner immer wieder der Wegweiser für die musikalische Durchdringung und organmäßige Ausgestaltung des gesanglichen Anteils. Jeder Höhepunkt der Handlung wurde so. zu einem Glanzpunkt für den Sänget.
Und wenn dieser Opernabend aus dem italienischen Opernschaffen des 19. Jahrhunderts Ausschnitte gab, so waren das gewissermaßen die Kulminationspunkte dieser Werfe, die in ihrer straffen Konzentrierung und hinreißendsten und zündendsten Kraft für italienisches künstlerisches Können und für die italienische Musik warben. Das, was sich vor den Augen abfpielte und auf die Ohren und das Gemüt des Hörers eindrang, entsprach den einleitenden Worten des Kreiswartes der KdF., Müller, der als den tieferen Sinn der Veranstaltung den Kulturaustausch der durch die Achse Berlin—Rom verbundenen Völker zum gegenseitigen Sich-Kennenlernen betonte. In buntem Wechsel löste ein Höhepunkt den anderen ab, und jeder gab in unverfälschtem persönlichen Dabeisein das^ihm und seinem Volke zustehende Typische. Durch diese Nafurfrische wurden die Eindrücke außerordentlich stark und in ihrer Unmittelbarfeit zündend. Jeder der drei Künstler, die sich in uneigennütziger Weise für die „Kraff--durch-Freude"-Deranstaltungen zur Verfügung gestellt haften, prägte seinen Part ber eigenen Individualität gemäß, und jeder Ausschnitt aus einem Werk wuchs aus der greifbaren Szene heraus; dazu die sichtbare impulsive Freude am Darbiefen-Können bei - allen Beteiligten
Wanda Sorgi, Koloratursopran, Theater S. Carlo di Napoli, Theater Liceo di Barcelona, war sowohl in der Cavafine („Barbier von Sevilla") wie auch in dem Duett mit Figaro eine Rosine von eigenem Reiz bei sauber fließender, spielender Plastik der Koloratur, ganz aus dem Sinne des Buffostiles gestaltet.
Schönen, prächtigen, in der Höhe als der eigentlichen Domäne rafetengleid) aufstrahlenden Bogen spannte Aldo Tamagni, Heldentenor der Mailänder Oper, in der Szene aus Puccinis Tosca („Es blitzen die Sterne") und in Derbis „Holde Aida". Besonders aber durch seine Zugaben gewann er die Hörer für sich: „La donna e mobile" (italienisch und in deutscher Übertragung) und in „O sole mio".
Besonders geschlossen in Klang und musikalischen Werfen war das Duett zwischen Alvaro und Carlo aus der „Macht des Schicksals", menschlich ergrei
fend und schwellend, strömend in der Linie. Hier wie auch in dem „Credo" aus Verdis „Othello", im Monolog aus Giordanos „Andrö Chenier" und ganz besonders in der erschütternden Szene aus Verdis „Rigoleffo" bewies sich Domenico Mara- boftini, Bariton (Theater S. Carlo di Napoli, Träger des Nationalpreises, Goldene Medaille der Singakademie Rom), als ein Sänger und Gestalter von außergewöhnlichem Format, ein Bariton von dunkler, satter Farbe, voluminös und dennoch nachgiebig, fähig zu jeder Schattierung seelischer Er- regung.
Alle musikalischen Fäden fanden ihren Sammelpunkt bei Professor Renato Virgilio am Flügel (einstiger Begleiter von Caruso und Begleiter von Gigli), der nicht nur mit erstaunlichem Griff die musikalische (Situation einzufangen wußte, sondern sich stets, zumal' in den Ensemblesätzen, als souveräner musikalischer Führer bewährte.
Ueberaus herzlicher Beifall, zuweilen in sehr starken Ausmaßen, dankte den Künstlern für diesen Abend der vielen nicht nur Erhebung, sondern auch Maßstäbe und Vergleichsmöglichkeiten für eine künftige selbsttätige Urteilsbildung gab.
Dr. Hermann Hering.
Originelle Huldigung.
Die in aller Welf gefeierte „schwedische Nachtigall" Jenny Li n d gab im Jahre 1845 eine Reihe von Gastspielkonzerten in Berlin. Die Berliner raffen vor Begeisterung, und in der Garderobe und der Hofelwohnung der Sängerin türmten sich Blumen und Geschenke zu Bergen. Einer der glühendsten Verehrer der „schwedischen Nachtigall" war ein Herr von Roeder, der damals im Kunstleben Berlins eine bekannte Persönlichkeit war. Er freute sich mit der'Sängerin der rauschenden Erfolge, und er fragte sie einmal nach der Vorstellung, ob sie sich Denn eigentlich über die vielen Blumenspenden und Geschenke freue. „Es gibt wohl keinen Künstler", sagte die Sängerin, „der sich über sichtbare Erfolge nicht freut, aber Blumen und.Geschenke in solchen Massen sind mir schrecklich. Wenn mich doch einmal jemand durch eine wirklich originelle Gabe überraschen würde. Am folgenden Abenh feierte die Sängerin einen Triumph wie immer. Da wurde ihr ein kleines Schächtelchen überreicht, auf dem als Absender Roeder verzeichnet stand. Neugierig öffnete Jenny Lind die Schachtel und fand nichts weiter als einige Mehlwürmer. Auf der beiliegenden Besuchskarte aber stand zu lesen: „Originell ich mich erweise: Mehlwürmer sind Der Nachtigallen Speise. Roeder,"
Mit dem Pfeil, dem Bogen . ..
Die Saison der Bogenschützen hat in England wieder begonnen. Allenthqlben im Laiche werden die starken Bogen hervorgeholf. Die Pfeile geprüft, Köcher unö Scheiben bereitgefteUt, denn sehr bald beginnen die großen Wettschießen Der Klubs, Deren es über 50 gibt. Alle Anhänger Der wieder in Mode gekommenen uralten Waffenübung sind von ihr begeistert und behaupten, daß jeder, der einmal Bogen und Pfeil zur Hand genommen hat, ihrem Zauber erliegt und nicht wieder davon loskommen kann. Tatsächlich ist die Zahl der Bogenschützen in* England in stetem Wachstum.
Die Bogenschützen lächeln über die falsche Auffassung, daß ihr Sport nur eine Erholung für ältere Personen sei, Die sich ein wenig körperliche Bewegung machen wollen. Der Bogen für Männer wiegt im Durchschnitt 19 bis 20 Kilogramm, Der für Frauen etwa 11 Kilogramm. Die Ausgabe bei einem Herrenturnier ist keineswegs leicht, sie umfaßt Das Abschießen von sechs DutzenD Pfeilen auf 90 Meter, von vier DutzenD auf 72 Meter unD zwei Dutzend auf 54 Meter, und dazu kommt das Hin- und Hergehen zwischen Den Scheiben nach je Drei Schuß. Für Damen gehören zu einer Run De sechs Dutzend Pfeile auf 72 Meter, vier Dutzend auf 54 ,unD zwei Dutzend auf 44 Meter. Die Bogen 144mal am Tage zu spannen und abzuschießen,' und das drei Tage hintereinander, ist keine Kleinigkeit, sondern erfordert Kraft und Ausdauer.
Auf die Frage, für wen das Bogenschießen paßt, erklären die Sachverständigen, daß es ein Sport für jedes Alter, von der Kindheit bis gu den höchsten Jahren sei; es käme nur auf die Stärke des Bogens an, der benutzt wird. Kinder Dürften Bogen unD Pfeile aber nur unter Aufsicht benutzen, Da Der Pfeil zu einer toDlichen Waffe roerDen könne. JeDenfalls beteiligen sich auch junge MäDchen mit Feuereifer an Diesem Sport. Die' meisten Bogen roerDen auch heute noch von Holz, unD zwar be- fonDers von Eisenholz hergestellt; neuerDings findet man auch vielfach Stahlbogen, Die sich ausgezeichnet bewährt haben. Merkwürdigerweise wirD das Gewicht der Pfeile, wie in alten Tagen, in Silber angegeben: ein „4 — 6"-Pfeil wiegt vier Schillinge und sechs Pence in Silbermünzen. Die Pfeile sind in der Regel 62 Zentimeter lang, für Frauen und 70 Zentimeter für Männer, wobei Leute mit besonders langen Armen noch einige Zentimeter hinzufügen Dürfen. Nach einer alten Sitte erhält jeDer Bogenschütze, Der Drei Pfeile in Das Zentrum Der Scheibe schießt, einen Schilling von Den anDeren Schützen, aber cs ist Durchaus nicht leicht. Diese Leistung zu vollbringen.


