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Nr.36 Zweites Blatt

Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

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Junge deutsche Nation.

Was b!M?

Jungen uni) Freunde, es gibt einen Tag, da alles zerbricht, da man sterben mag und vergehn. Doch eines bleibt über allem bestehn: Der Glaube an Deutschland. Liebe und Freundschaft, sie brechen schnell im Gewühl dieses Lebens und dunkel wird, was eben noch hell vor unfern Augen gewesen. Doch mögen wir selbst ungenannt im Tode vergehn, unsere Tat an Deutschland bleibt ewig bestehn.

Gerhard Dabei.

Wichtigkeit dieses Industriezweiges für unsere Wirt­schaft. Neben dieser pharmazeutischen Abtellung, die nicht einmal die wichtigste ist, bestehen eine Farben-, eine Stickstoff- und eine Photoabteiluna, jede für sich ein Werk von ungeheurer Ausdehnung und hohem Wert für die Volkswirtschaft.

Dann sehen wir uns die Wasch- und Badeein­richtungen, den Mädel-Gemeinschaftsraum und den Dachgarten an. Der Größe des Werkes entspricht die Großzügigkeit der hygienischen Einrichtungen: Wannenbad, Brausegelegenheit, Foen zum Haar­trocknen alles ist vorbildlich. Auf dem flachen Dach steht eine lange Reihe bequemer Liegestühle. DieSonnenhungrigen" verbringen hier in der warmen Herbstsonne ihre Mittagspause. Ein paar Mädel haben ihre Stühle in einen schattigen Winkel gerückt und lassen sich durch nichts in ihrem Schlaf stören.

Daß unter solchen Umständen gern und willig ge­

arbeitet wird, wundert uns nicht.Es kommt doch alles dem Werk zugute", sagt unser Begleiter zum Schluß.Wenn die Mädel fröhlich und zufrieden sind, sind sie leistungsfähiger. Es ist eine alte Wahr­heit, daß man besser arbeitet, wenn man gern ar­beitet." Und nun noch einen Blick in den Gemein­schaftsraum, ehe wir das Haus der pharmazeutischen Abteilung verlassen: Bunte Vorhänge, gute Bilder an den Wänden, schlichte Möbel, die schön sind, weil sie einfach und echt sind, und vor allem eine vorbildliche Sauberkeit! Wer sich Tag für Tag, wenn auch nur für eine Stunde, in diesem Raum aufhält, der wird unbewußt zur Freude am Schlich­ten, Natürlichen und Sauberen" erzogen. Wir glauben gern, was unser Begleiter sagt:Wenn unsere Mädel heiraten, können sich ihre Wohnungen sehen lassen. Wir sind uns bewußt, daß wir auch gerade in dieser Beziehung auf die Mädel ein- wirken." L. R.

Schwalle greift ein.:.

Bericht von einem Geländespiel auf Brettern.

Mel an der Maschine.

Besuch in der Aspirinfabrik.

Nicht weit von Opladen liegt das Städtchen Leverkusen, dessen Name weit über Deutschland hinaus durch die großen Werke der IG. Farben- industrie bekannt ist. Eine ganze Stadt ist im Laufe von vierzig Jahren dort aus kleinsten Anfängen emporgewachsen, mit breiten Straßen, Park- und Gartenanlagen, einem großen Kasino, Tennisplätzen und einem Schwimmbad. Eine Fabrik? Nein, Riesenkomplexe von Betriebsgebäuden, übersichtlich und planvoll angelegt. Unablässig dröhnt das Lied der Arbeit. Die Lust erzittert vom Rhythmus der Maschinen.

Hunderte von Mädchen und Frauen arbeiten in den JG.-Werken. Wir lassen uns durch verschiedene Räume führen. Das gesunde fröhliche Aussehen der Mädel fällt uns auf. Selbst über dem eifrigsten Schreibmaschinenklappern hört man noch ein lusti­ges Summen. Man merkt den Mädeln an, daß sie gern, an diesem Arbeitsplatz stehen, der hell und luftig und ganz nach dem GrundsatzSchönheit der Arbeit" angelegt ist. Aus der Zahl der Angebote werden solche Bewerberinnen vorgezogen, die dem BDM. angehören. Die Zusammenarbeit zwischen der Werksleitung und dem BDM. ist vorbildlich.

Uns interessiert besonders die pharmazeutische Abteilung, in der eine Menge unserer Kameradin­nen beschäftigt ist. Die Arbeit bringt keine körper­liche Ueberanstrengung der Mädel mit sich; sie ver­langt allerdings Aufmerksamkeit und eine geschickte Hand. An modernsten Maschinen stehen die Mädel in sauberen weißen Kitteln und Häubchen. Ein Griff und schon greift Rad in Rad; ein leichter Hebeldruck setzt einen höchst verwickelten Mechanis­mus in Bewegung, der erst bei näherem Zusehen den Arbeitsvorgang erkennen läßt: Es werden Aspirin-Tabletten hergestellt. Hunderte von Kilo täglich von einer einzigen Maschine. Bei einer Maschine, die in raschem Tempo einzelne Tabletten in Zellophanpackungen schlägt, bleiben wir stehen. Sind das Probemuster?"Nein, die Einzel­packungen gehen nach Afrika. Wir beliefern die großen afrikanischen Basare, zu denen die Neger von weither kommen. Sie glauben nicht, welchen reißenden Absatz diese Papierchen mit den einzelnen Tabletten finden!" Die nächste Maschine schlägt je drei Tabletten ein.Aha, wohl für die kapital­kräftigeren Negerhäuptlinge?" Das Mädel an der Mascftine lacht.Schon möglich!"

Maschine reiht sich neben Maschine in dem gro­ßen Saal. Jede Packung sieht anders aus: Hier sind englische, dort spanische Aufschriften. Auf dem nächsten Tisch stapeln sichtürkische" Rohrchsn auf. Aspirin" ist meistens das einzige, was wir lesen können. Ein paar Schritte weiter zeigt man uns Rollen mit japanischen oder chinesischen Schrift- zeichen. Wir bekommen eine Vorstellung von der

Dicke, graue Nebel hockten zwischen den Weiden unten im Tal. Düster standen die Umrisse der Berge gegen den bleigrauen Himmel. Man hätte glauben können, die Morgendämmerung hinge noch über den schneebedeckten Feldern. Aber nun war es schon Mittag, und die dunkelgrauen Schneewolken gingen nicht auseinander, sondern zogen sich immer dichter über den Himmel.

Reihe rechts!" kommandierte Rudi.

In langer Kette keuchten die Jungen hinter­einander den Talhang hinauf.

Auf der Talstraße kläffte ein Hund. Sonst war es still. Nur der Schnee knirschte leise unter den Tritten. Weiß in weiß, langsam in stumpfen, blei­grauen Dunst übergehend, lagen die Felder unter dem kalten, müden Himmel. Nur ab und zu boten ein paar schwarze Rutenbündel von kleinen Eber­eschen, die auf den Steinwällen zwischen den kargen Gebirgsäckern wuchsen und borstig aus dem Schnee herausragten dem Auge einen bestimmten Punkt, der sich viel zu schwarz ausnahm in all dieser fahlen Eintönigkeit.

Sie waren noch immer nicht über die Höhe hin­weg. Trotz der Kälte trat den Jungen der Schweiß auf die Stirn; denn der Anstieg ging stell am Berge hoch. Und ob man im Tale der schwarzen Pockau dieGeusen" noch antreffen würde, um ihnen die verdienteRolle" verabreichen zu können? Na ja, Rudi würde es schon wissen!.

Manchmal stolperte einer und rutschte ein Stück zurück. Schon waren sie über und über mit Schnee bedeckt. Endlich kam lichtes Unterholz. An den dün­nen Stämmchen konnte man sich wenigstens fest­halten und hinaufziehen.

Dumpf klangen Axtschläge an ihr Ohr. Oben im Wald waren Holzarbeiter am Werke. Auf großen Schlitten stapelten sie die zersägten Stämme, banden sie mit Riemen sorgfältig fest, setzten sich selbst vorn draus und rasten dann in wahnsinniger Fahrt zu Tal.

Oben konnten sie ein wenig verschnaufen. Rudi kletterte indes auf ein paar Felsblöcke. Gespannt folgten ihm die Blicke der Jungen.Da liegt ja das Pockautal! Wenn wir Glück haben, erwischen wir die ,Geusen* in wenigen Minuten!"

Selbst das kleineWiesel", das den ganzen An­marsch hindurch gebrummt hatte, wird wieder fidel. Die in Aussicht gestellte Rollerei machte ihn quietsch­vergnügt. Benno ließ sich in Gedanken alle Fehden durch den Kopf gehen. Na ja, es wurde ja höchste Zeit, daß dieGeusen" wieder einmal eine richtige Abreibung bezogen. Die Geschichte mit dem Zelt­überfall im Sommerlager war ja auch noch nicht ganz beglichen.

DieGeusen" lagen nun schon mehrere Tage mit 15 Mann unten im Tal in der Jugendherberge und ahnten nicht, daß dieHanseaten nicht weit weg von ihnen Lager bezogen hatten und nun im Anmarsch waren, um mit ihnen ihre Kräfte zu messen.

An diesem Mlltag nun war Schwalle von dem

Lager derGeusen" mit seinen Bretteln ins Dorf gelaufen, um Milch und Brot für den nächsten Tag zu bestellen. Als er nun in schönster Schußfahrt den Hang hinunter ins Pockautal jagte, daß der stiebende Schnee hinter ihm wie eine weiße Fahne herflog, sah er plötzlich weit entfernt am jenseitigen Hang eine lange Reihe von Jungen, die sich langsam zu Tale bewegten. Wo kamen die her? Sollten das etwa? Schwalle mußte sich vergewissern. Schnell glitt er ins Tal hinab. Unten am Hohlweg wußte er eine Feldscheune. Die anderen mußten da vorbeikommen.

Wer gebot da plötzlich Ruhe? War das nicht Rudi? Durch einen Spalt im Holz konnte Schwalle jeden einzelnen an sich vorüberziehen sehen. Rudi Bims Benno! Also doch!

Nach wenigen Minuten hatte Schwalle seine Bretter schon wieder an den Füßen und strebte nun den Hang hinauf, um den feindlichen Jungzug zu umgehen. Er mußte unbedingt Dorsprung gewinnen und das Lager alarmieren. Oben auf der Höhe kam er besser vorwärts. Schneller, immer schneller! Die Hanseaten" sollten sich über den Empfang wundern.

Der Weg war glattgefahren von Fuhrwerken und Schlitten, und in den Ziehkurven fand Schwalle keinen Halt mehr. Kopfüber stürzte er in den Schnee. Doch schon war er wieder auf den Beinen und raste weiter. Endlich kam der lange Hang, der zur Ju­gendherberge hinabführte. Tief ging Schwalle in die Knie. Jetzt Christel rechts, Christel links und dann wieder in sausender Schußfahrt den Berghang hinunter!

Unten lag das Haus. In letzter Minute fetzte Schwalle zum Stemmbogen an. Die Spitzen kriegte er gerade noch rum. Ader mit dem Körper haute er gegen die hölzerne Wand, daß gleich die ganze Horde herausstürzte.

Mensch, Schwalle, laß die Bude ganz!"

Schwalle hatte sich hochgerappelt.Wo ist Hans? DieHanseaten" kommen 20 Mann hoch. Macht nicht so blöde Gesichter! Ihr denkt wohl, ich lege hier zum Spaß einen Galopp vor?"

Bald hatten alle ihre Bretter angeschnallt. Dann ging es denHanseaten" entgegen. Vor dem Hohl­weg wurden die Bretter abgeschnallt und zusammen­gestellt. Einer der Jüngsten blieb als Wache zurück. Die anderen teilten sich und besetzten die Waldstücke rechts und links des We^es. Schneebälle wurden fertiggemacht. Die würden sich wundern!

Ahnungslos stapften dieHanseaten" näher und freuten sich ihrerseits auf die Rollerei, die sie den Geusen" verabreichen wollten. Da flogen ihnen auch schon die Schneebälle um die Ohren. Wie toll feuerten dieGeusen" Schuß um Schuß ab. Schwalle stand schon im Hohlweg unten, und bann stürzten sie sich von allen Seiten auf die vor Schreck Wehr­losen ...

Schwalle soll am Tag nach dem großen Sieg wie ein Klotz bis in den Nachmittag hinein geschlafen haben. L.-G. B.

Das Rätsel im Hordenpott.

Sterben kann man logischerweise nur einmal, aber das Mittagessen kann man sich immer ver­sauen", philosophierte Heinz; denn er war dafür bekannt, daß er schon zweimal in feiner Eigen­schaft als Smutje das Mittagessen in ein nichts­würdiges Chaos verwandelt hatte. Und auch heute stocherte er wieder hilflos im brodelnden Horden­pott herum. Das Ganze sollte nun ausgerechnet Bohnensuppe Vortäuschen, hatte bis jetzt aber noch wenig Aehnlichkeit damit.

Heinz rührte immer noch mit Todesverachtung. Die anderen aber machten Stielaugen und starrten auf das Suppenwunder, das wie ein wildgeworde­ner Kratersee in den rätselhaftesten Farbensinfonien den armen Hordenpott verunzierte. Vergebens ver­suchte Heinz die entfesselten Geister seiner zweifel­haften Kochkünste mittels Holzlöffel in ihren Urzu­stand als genießbare Bohnensuppe zurückzubringen, doch da half kein Rillten! Außerdem duftete es um den Hordenpott herum stark nach Terpentin...

Zum Appell antreten!" rief da eine bekannte Stimme. Heinz brauchte ja nicht hin, mußte aber dennoch sauber sein.Schnell die Schuhbürste", und schon kratzte er den Dreck von den Schuhen.Und die Schuhputzschachtel wo ist denn meine Schuh­putzschachtel? ---die verflixte Schuhputzfchach-

tel?---Zum Donnerwetter noch mal!^ Heinz

schimpfte und suchte, suchte und schimpfte und suchte

UHL Sehersweg Nr. 67 EH

adiO Telephon Nr. 3170 M

eparaturen l897 u S

immer noch.Sie wird doch nicht etwa...?" Aber sie war doch! Aus Versehen natürlich, ganz unbeab­sichtigt! Und bann wußte Heinz auch, weswegen die Suppe so nach Terpentin roch und so brodelte und sich verfärbte, und als er an seine hungrigen Ka­meraden dachte, verfärbte sich auch Heinz. Uhu.

Karli lernt schwimmen.

Beim letzten Heimabend hatte der Sportwart über die Notwendigkeit der sportlichen Stählung gesprochen. Jeder deutsche Junge müßte z. B. schwimmen können. Bei der Umfrage, wer schwim­men könne, meldeten sich alle; nur Karli enthielt sich der Stimme. Allgemeines Hallo. Karli fühlte instinktiv, daß sein Ansehen sank. Sehr sogar. Jupp, der Fähnleinführer, kannte aber seinen Karli: Karli, in vierzehn Tagen kannst du schwimmen!" Jawohl", murmelt Karli.

Seit acht Tagen ist Karli nun täglicher Gast der Schwimmhalle. Schwimmenlernen ist gar nicht so einfach. Zuerst lernt er einmal die Schwimm- bewegung auf dem Trockenen. Arme vorstrecken, ausbreiten und zurückschlagen. Karli übt, Karli schwitzt. Dann muß er gleichzeitig mit den Arm- beroegungen ein Bein schwingen und die entspre­chenden Schwimmbewegungen üben.

Am neunten Tag kommt er an die Schwimm­angel. Ein Gurt wird ihm um den Leib gelegt, und das kalte Naß nimmt ihn auf. Karli strampelt, schluckt furchtbar viel Wasser, kommt halbtot an Land. Schwimmen ist doch verdammt schwer, denkt Karli. Na, nur nicht den Mut verlieren! Er denkt an die Kameraden. Auslachen würde man ihn, wenn er nicht schwimmen könnte. Und Karli wist doch ein Kerl sein.

Nach weiteren drei Tagen gehts schon besser. Er schluckt schon weniger Wasser. Die Schwimmbewe- gungen sind schon nicht mehr verkrampft. Im har­monischen Rhythmus bewegt er jetzt schon feine Arme und Beine. Morgen will Karli es wagen.

Todesmutig springt er in das Bassin für Schwim­mer hinein. Fühlt keinen Grund mehr unter den Füßen und arbeitet mit Händen und Füßen. Schluckt etwas Wasser, aber er bleibt über Wasser. Karli schwimmt. Karli hat ein wunderschönes Glücks­gefühl. ..In ruhigen Stößen schwimmt er weiter. Eine Welle läßt seinen lachenden Mund Wasser trinken. Aber Karli schwimmt. Jawohl, Karli ist ein Kerl. P. K.

Krach in der pimpsentasche.

Welche Geheimnisse ein Pimpf mit sich herum­schleppt, ohne etwas davon zu wissen, das beweist diese Geschichte, die sich in der Hosentasche eines Pimpfen ereignet hat. Wie es einem echten Pimp­fen ergehen kann, das erzckhlen die folgenden Zeilen:

Die rote Knallerbse war das Aufgeblasenste unter den Dingen in der Pimpsentasche. Sie ärgerte sich über das schmutzige Taschentuch, obwohl gerade dieses den größten Anspruch auf eine Pimpsen- hosentasche hatte. r . . ,

Unerhört, wie man so schmutzig sein kann. Sie gehörten schon längst in die Wäsche, Sie ... Sie ^D?^Taschentuch schwieg. Es war gar nicht ein- ^D^Stückchen Radiergummi aber, bas neben der Knallerbse lag, meinte:Regen Sie P doch bitte nicht über andere Leute auf! Sind Sie vielleicht etwas Besseres?" v. _ ,,

Und ob!" brüstete sich dle Knallerbse Sehen Sie mir das nicht an? Ich bin eine Knallerbse

Na, dann knallen Sie doch bitte mal. r I der Bleistiftstummel, der sich ganz in das Taschen­tuch verkrochen hatte und nur mit der Spitze her- D°JöasC fönnte Ihnen passen. Sie verkümmerter Schreibbolzen! Glauben Sie, daß ich mich zu Ihrem Spaß verplempere? Nee! Ich bin zu Höhe­rem geboren! Ich habe eine Zukunft. .

Und ich habe eine Vergangenheit! krächzte m diesem Moment eine vergoldete Blechschelle.Ich stamme von einer Narrenschellenkappe. Was glau­ben Sie, wie oft ich mich bei hohen Leuten vor Lachen schütteln mußte. Ich habe mal so heftig lachen müssen, daß ich abgesprungen bin! Das war mein Untergang!"

Sehen Sie", meinte die Knallerbse, "wenn Sie echt gewesen wären, hätte Ihnen so etwas nicht geschehen können. Sie sind aber nur aus vergolde­tem Blech. Solchen wertlosen Plunder platzt man abspringen und sucht nicht mehr danach!

Da irren Sie sich!" rief ein kleiner Perlmutter­knopf aus dem äußersten Taschenw.nkel.Ich dm auch gerade nicht wertvoll, aber was glauben öie,

wie man mich gesucht hat, als ich abgesprungen war? Man hat mich nicht gefunden. Ich war zu gerissen. Ich wollte fort in die weite Welt und hatte mich in einen Stiefelschaft versteckt."

Pfui! Was für ein Vagabundenleben!" war die Knallerbse außer sich,nein, welch ein Glück, daß man über solchem Zeug steht! Wie vornehm, daß man eine Zukunft hat!"

In diesem Augenblick kam die Hand herein und holte das Taschentuch fort, und das Perlmutter­knöpfchen klammerte sich schnell in einer Falte fest und draußen war es.

Immer fort mit dem Pack!" schimpfte die Knall­erbse, und dann zeterte sie mit dem Bleistiftstum­mel, der seine Spitze grab auf ihren prallen Leib drückte.Sie Grobian, wollen Sie sich bitte besser benehmen!"Ich pieke Sie wohl?" fragte der Bleistiftstummel frech.Na, das sehen Sie doch; drehen Sie sich weg, Sie Lümmel!"Tut es weh?" fragte der Bleistiftstummel näher.Au, au!" schrie die Knallerbse. ,^)ören Sie auf! Vor­sicht, ich bin geladen! Ich will nicht für Sie knal­len! Halt, halt!"Los, los, Sie Prahlerbse! Wir wollen Sie knallen hören! Alle zusammen! Wir wollen Ihre Zukunft mal sehen! Explodieren Sie doch, los!"Oh, welch Gesindel!" stöhnte die Knallerbse. fl

Der Bleistiftstummel bohrte nun mit aller Kraft; bas Stückchen Radiergummi half nach, und die Blechschelle schüttelte sich vor Lachen ...

Auf einmal kam das schmutzige Taschentuch wie­der herein und schob die streitenden Parteien wie­der auseinander. ,, ...

Kommen Sie nicht so dicht! schnoftlte die Knallerbse gleich das Taschentuch an, das ihr so­eben aus der Klemme geholfen hatte.

Da wurde sie von der Hand erfaßt und drau­ßen war sie. ,

Blautz klang es im selben Augenblick von draußen, und das kleine Gerümpel in der Pimp- fenhosentasche lauschte ...

Nach einer Weile meinte der Bleistift:Dieser Knall war ein netter Anfang. Wollen mir warten, was noch kommt!"

Kaum hatte er ausgeredet, da ging em Hexen­tanz los. Hin und her wurden sie geschüttelt; ihr Besitzer mußte es sehr eilig haben. Sie horten noch,

von den ständigen Erschütterungen verwirrt, ein fürchterliches Geschimpfe von etlichen Leuten, das immer schwächer wurde, bis der Pimpf wieder in den gleichmäßigen gewohnten Trott verfiel und als es wieder ruhig wurde. Was sich eigentlich zuge- tragen hatte, das konnten sie nur ahnen; aber diese Aufregungen waren sie schon gewöhnt, und sie fan­den sie ganz in Ordnung, denn das behäbige Leben war ihnen ein Greuel ebenso wie dem Pimpfen.

Hau.

Sprung aus dem zweiten Stock.

Hinter dieser verheißungsvollen lleberschrift wer­den die meisten viel Sensation vermuten, jedoch ist nichts von amerikanischer Revolverromantik an die­ser Geschichte ober etwa gar ein Dutzend Meister- detektive zu finben. Sie ist, weil sie wahr ist, nüch­tern. Der Schauplatz war ein Baube in den schlesischen Bergen.

Wenn ein Lager, in dem eine gute Kameradschaft geherrscht hat, zu Ende geht, so liegt über den letzten Stunden stets eine eigenartige Stimmung. Alles packt schweigend an dem Affen herum, und das letzte gemeinsame Erlebnis ist das gemein­schaftliche 'Matratzenklopfen. Aber diesmal schien doch noch eine größere Sache zu steigen; denn einer kam plötzlich auf die verrückt? Idee, ein?n Sprung hoch oben aus dem zweiten Stockwerk der Baude zu versuchen. Gewiß, unten lag ja fast ein Meter Schnee, und mit einer Schaufel konnte man einen Berg an die zwei Meter hoch türriien, bann war es nur noch vier Meter hoch unb ganz ungefähr­lich. Aber trotzbem, Mut gehörte dazu.

Alle Baubeninsassen versammelten sich erwar­tungsvoll unterhalb bes Schlafraumfensters, von dem der Sprung ausgeführt werden sollte. Sogar Alex, der Herbergsvater, hatte sich dem Kreis zu- geselll. Unb bann erschien ber erste im Fenster­rahmen, schwang- sich kühn auf bie Fensterbank und sauste in elegantem Fußsprung in den bereit­geschaufelten Schneeberg. Alles war glatt abgegan» gen. Nun war es klar, was einer wagte, wagten sie alle. Unb so sprang jeber. Mancher mit einem Lachen, ein anderer mit ernstlich-verkrampftem

Gesicht, oft tief bis zu den Ohren in den Schnee hinein.

Nur einer war nicht unter den kühnen Sprin­gern: Wolf. Er war nirgends zu sehen. Er sollte eigentlich am Anfang des Lagers unser Schilehrer sein. Wir hatten uns aber, als wir die ersten Be­griffe der Schikunst in unfern Beinen hatten, bald selbständig gemacht. Und Wolf schien dies auch ganz lieb zu sein. Jedenfalls war er den ganzen Tag draußen, irgendwo im Gelände, und abends erzählte er uns bann oft haarsträubenbe Sachen» von tollkühnen Schußfahrten von 60-Grad-Hängen, an beren vereistem Fuß dann meistens noch ein wildes Gebirgswafser toste, über das zufällig nur ein 30 Zentimeter breiter Steg führte, der bann nach dreiGerissenen" boch noch glücklich über­quert werden konnte.

Wolf war nirgends zu finden. Alles suchte und schrie. Im Schlafraum war er nicht, in der Küche war er nicht. Schließlich fanden wir ihn in der hintersten Ecke des Tagesraumes auf der Ofen­bank. Nach langem Sträuben und vielen Aus­reden stand er doch endlich oben auf der Fenster­bank. Noch zögerte er. Gab es nicht doch noch irgendeinen Ausweg, eine feine Ausrede? Aber unten stand die Menge und wartete gespannt auf feinen Sprung. Denn alle hatten schon von feinem täglichen Kampf mit den Bergen gehört.

Und dann sprang er, der sonst so tolle Springer. Und wie er sprang. In seiner Angst hatte er im letzten Augenblick noch mit ber rechten Hanb ver­sucht, das Fensterkreuz zu erreichen, und dadurch überschlug er sich- fast. Wolf machtSalto mortale" lachtey wir laut. Unter Geschrei unb Schneegestöber war er auf dem Berg gelandet. Passiert war* ihm natürlich nichts, dazu war ber Schnee zu weich. Er geftanb uns bann, baß ihm leider der lieber- schlag, den er sich vorgenommen hatte, mißlungen war.

Auf jeden Fall war Wolf der Held der letzten Lagerstunden geworden. Dann hakten mir uns alle noch einmal unter, und mit dem Gesang unseres LagerschlagersZwoa Brettl, a gfüriger Schnee" ging es in luftiger Reihe das letztemal um dis Baude herum, in der wir vierzehn herrliche Sagen tage verbracht hatten. .W. Harder.