Nr. 280 Dorfes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Dezember 1058
Alles für den Weihnachts-Gabentisch!
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Man muß es schon glauben, daß nun bald Weihnachten wird. Man muß es glauben, auch dann, wenn man auf einem Spaziergang durch die Stadt an Vorgärten vorüberkommt, in denen letzt noch Rosen blühen! Die Natur gestattet sich manchmal Freiheiten, die nicht mit dem Kalender der Menschen übereinstimmen. Also^, Rosen blühen noch — und Christbcmme stehen schon in der Stadt! Morgen ist „Silberner Sonntag"! Und in vierzehn Tagen ist Weihnachten. Noch manches andere deutet darauf hin. Städtische Arbeiter haben lange Kabelschnüre mit Glühbirnen über die Hauptstraßen der Innenstadt gespannt, die den weihnachtlichen Schimmer im Stadtbild erhöhen sollen--
Am meisten weihnachtet es aber — wenn man von den mancherlei Vorbereitungen im Hause absehen will — in ben Gießener Geschäften. In den abendlichen Stunden läßt man es auf ein paar Kilowattstunden Stromverbrauch gar nicht ankommen; die ausgestellten Herrlichkeiten müssen aut zur Wirkung kommen, müssen Wünsche wachrufen oder Wünsche bestärken — und sie tun es ja auch. Und wer wirklich noch nicht ganz mit sich ms Reine gekommen ist, kann, wenn er sich guten Willens dem Studium der Schaufenster hingibt, genug Anregungen dafür erhalten, wie sich der Mutter, dem Vater, der Schwester, dem Bruder oder den Kindern Freude machen läßt. Dabei ist es eine altbekannte Tatsache, daß es gar nicht unbedingt Werte von vielen Mark sein müssen! Sehr viel wichtiger ist es doch, den Wunsch zu erfüllen, dessen Erfüllung gleichzeitig eine Ueberraschung bedeutet. Und wieviele Wünsche werden doch im Kreise der Familie im Laufe eines Jahres laut und zunächst nicht erfüllt! Da ist dann Weihnachten gerade die rechte Zeit! Wer sich einige solcher Wünsche gemerkt oder noch besser — ausgeschrieben hat, ist fein heraus und dem lieben Leid der bekannten Frage enthoben: „Was soll ich schenken!?"
Jenen aber, die tatsächlich ob dieser Frage in ernstlicher Verlegenheit sind, kann nur empfohlen werden, einen Bummel durch die weihnachtlich erleuchteten Straßen zu machen und Schaufenster zu studieren. Oder aber — noch leichter kann es nicht gemacht werden — diese vorliegende Seite eingehend zu betrachten! Dabei mir/) man mit einigem Erstaunen feststellen, was es doch alles gibt und was sich alles als weihnachtliches Geschenk eignet. Und wie vielerlei Gedanken sich um die Dinge ranken können, die uns mehr oder weniger alltäglich umgeben.
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Hier das wunderbare Teeservice, Meißner Porzellan! (Porzellan? Alle Achtung! Seit 5000 Jahren kennen das Japaner und Chinesen schon?!) Alle Achtung auch vor dem Wunderwerk der Leica, die als deutsche Präzisionskamera aus Wetzlarer Werken kommt. Und im nächsten Schaufenster begegnet man einer wunderhübschen holzgeschnitzten Krippe aus Oberammergau, hervorgegangen aus der Hand irgendeines Herrgottschnitzers und Passionsspielers. Ob diese keramische Schale wohl aus dem Werk am Bodensee stammt? (Bodensee! Meersburg! Roter Ruländer! Unvergleichliche, wenn auch höchst persönliche Erinnerungen werden wach!) Und wenn uns der seherische Blick zu eigen wäre, der uns Menschen eben fehlt, dann wüßten wir vielleicht, ob dieses Schaukelpferd, über das sich unser Junge riesig freuen würde, im Thüringer Wald oder im Erzgebirge'entstanden ist!
Welch ein prächtiges Geschenk ist z. B. ein Schachspiel mit Elfenbeinfiguren, die trotz all ihrer äußerlichen Kühle und Glätte von einem geheimen Leben erfüllt sind, — das aber nur dem Schachspieler bewußt ist. Er spürt die Kräfte, die sie im Spiel ausüben, und kennt die vielen, ja die unendlichen Möglichkeiten ihres Einsatzes bis zu „Schach" und „Matt". Schach, das königliche Spiel?
Wie schön wäre es, wenn man nun einmal ganz plötzlich die Hände vor sich sehen könnte, die an diesem schönen handgewebten Stoff gearbeitet haben. Vielleicht begegnete uns dabei auch ein feines und besinnliches Gesicht!? Und brennend könnte es mich zum Beispiel interessieren, wie die Glasbläser (aus dem Bayerischen Wald?) den feinen altbraunen Ton und die hübsche Malerei an das Likörservice bringen. Feine Bielefelder Herrenwöscke zieht den Blick
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in wieder einem anderen Schaufenster an sich. Und dort der elegante Anzug! Ich weiß nicht, warum ich im gleichen Augenblick an Gottfried Keller denken mutz! Doch — da fällt mir ein, daß er einmal schrieb „Kleider machen Leute". — Dann fällt der Blick auf ein Paar mächtige Schistiefel! Kein Wunder, wenn man angesichts dessen bedauernd feststellt, daß auf dem Hoherodskopf noch fein Schnee liegt. Weihnachten wäre Zeit zum Schiläufen! Im Schaufenster eines Musikhauses liegt eine Violine über einem Heft Mozartscher Sonaten. Wieder eine andere Welt! Ein Photoalbum könnte die Bilder von der letzten Urlaubsreife aufnehmen. Ein Kasten Briefpapier könnte Sinn und tiefere Bedeutung haben! Wenn es in Gießen wieder einmal richtiges Eis gäbe, dann könnte man sich ein paar rassige Schlittschuhe wünschen! Die Dampfmaschine im Spielzeugladen würde es gar dem Dreißigjährigen noch antun! Und wie würde sich die Frau über diese rote Saffian-Handtasche freuen!?
Hier gibt es eine imponierende Batterie Schnäpse zu sehen und dort leckere Lebkuchen, hier aromatische Schätze in Zigarrenkisten und — was gibt es doch noch alles? Hoffnungsloses Unternehmen, eine lük- kenlose Aufstellung geben zu wollen. —
Es gibt weitaus genug Dinge, mit denen sich Freude bereiten läßt. Die Gießener Geschäftswelt hat gut vorgesorgt, so baß alle Wünsche, die der lieben Angehörigen, wie auch die eigenen, erfüllt werden können, vorausgesetzt, daß das nötige Kleingeld gespart worden ist. In diesem Gedankengang muß aber doch auch daran erinnert werden, daß es gut und besser ist, jetzt zu kaufen und nicht zu warten, bis sich Schaufenster und Lager zu lichten beginnen. N.
Weihnachtseinkäufe möglichst am Dormittag!
Ein Blick in die Geschäfte zeigt, daß die Aufrufe an alle Volksgenossen, ihre Weihnachtseinkäufe rechtzeitig zu machen, nicht ungehört verhallt sind, und man darf annehmen, daß die letzten Tage vor dem Fest diesmal vielleicht doch nicht den üblichen Massenandrang bringen werden. Das wünschen wir nicht nur den Verkäufern, sondern auch den Käufern selbst. Denn auch für den Käufer muß es doch alles andere als schön sein, feihe Weihnachtseinkäuse in dem großen Gedränge erledigen zu müssen.
Es wäre aber wohl noch etwas zu beachten, was den ruhigen Kauf und den Verkauf fördern könnte. Unsere Hausfrauen sollten nämlich, selbstverständlich im Rahmen des Möglichen, ihre Weihnachtseinkäufe in den Hauptgeschäftsstunden vermeiden. Wenn am Nachmittag die Betriebe ihre Pforten schließen, die Tausende und aber Tausende auf die Straße strömen, dann wollen auch alle diese Volksgenossen ihre Einkäufe vornehmen. Sie können keine andere Zeit für, ihre Käufe wählen, denn während der anderen Stünden des Tages müssen sie ihrer Arbeit nachgehen. Daran sollte die Hausfrau denken, wenn sie in der Lage ist, ihre Einkäufe am Vormittag zu erledigen.
Wenn man die Sache nur ein wenig überlegt, sollte es sich da wirklich nicht so einrichten lassen? Die Freude, die sie selbst dabei empfindet, in Ruhe wählen zu können, läßt doch auch die eine oder andere kleine Unannehmlichkeit, die ihr vielleicht der Einkauf am Vormittag bringt, leicht vergessen. Vor allen Dingen aber erleichtert sie damit den berufstätigen Menschen, die eben die Geschäfte zu einer andern Zeit als in den Nachmittagsstunden nicht aufsuchen können, ihren Einkauf, und wir wollen nicht übersehen, daß es für den Volksgenossen, der müde von der Arbeit kommt, bestimmt keine Erholung bedeutet, wenn er alle Geschäfte überfüllt vorfindet.
Der Einwand, der jetzt folgen wird, ist bekannt: „Ja, wenn mein Malln aber bei den Einkäufen dabei fein muß?" Gewiß, dann muß auch die Hausfrau eben die Stunden wählen, die dem Manne nach seiner Arbeit bleiben. Aber es ist doch nicht so, daß der Mann nun bei sämtlichen Einkäufen dabei sein will oder muß. Im Gegenteil, meistens wird die Hausfrau ihre Einkäufe allein tätigen. Und bann sollte sie an das denken, was wir eben sagten. Die berufstätigen Volksgenossen werden ihr dankbar fein.
(Aufnahmen [16]: Neuner, Gießener Anzeiger.)
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