Ur. 212 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
10./U. September 1938
Aus der Stadt Gießen.
Nachsommer.
Don Hans Hartmann
Dis Monate September und Oktober gehören für viele zum schönsten Lebensbesitz. Klarheit der Luft verbindet sich mit reinem Gold der Sonne Es ist die Zeit der Reife und Fülle, der goldenen Traube, der Farbenpracht des Obstes. Hölderlin singt: „In seiner Fülle ruht der Herbsttag nun, geläutert ist die Traub'."
Es liegt aber zugleich der Hauch des Abschieds über diesen Tagen. Wir verstehen, wie die Gedanken mancher Völker dieses Geschehen von der erwärmenden Frühlingsfonne über den Sommer bis zum Herbst als einen Opferrhythmus deuten. Die Natur hat sich verschwendet, ihre Frucht ist abgemäht, das Stoppelfeld wird zum Totenacker, und wenn die Früchte vom Baum gebrochen sind, so hat er für dieses Jahr seine Pflicht erfüllt, ist selbst ein „Gebrochener" und harrt der Wiedererstehung im nächsten Jahre.
So verbindet sich in diesem Gefühl des Nachsommers die Klarsichtigkeit unseres leiblichen und geistigen Auges mit der tragischen Weltdeutung, in der es vom Licht zur Finsternis, von der Wärme zur Kälte nur einen unausweichlichen Pfad gibt. Aber wir entdecken, daß dieses Nachsommergefühl noch andere Erlebnismöglichkeiten in sich birgt. Der Mensch kann nicht immer in den großen Bildern eines dramatischen Geschehens leben, er muß aus der heiligen Erschütterung vor Leben und Tod, Schöpfung und Vernichtung sich immer wieder einen kleinen Platz suchen, wo ihm das Leben erträglicher wird. Er muß sich gewissermaßen ein- engen. So hat es Stifter in seinem „Nachsommer" aemacht, so hat es ein Mann erlebt, bei dem wir sonst nur die große Leidenschaft der Weltdeutung und der tragischen Erneuerung des Menschseins zu finden gewohnt sind: Friedrich Nietzsche.
Er hat den „Nachsommer" des Sudetendeutschen Adalbert Stifter besonders geliebt. Er fand in ihm erfüllt, was er sein Leben lang vergebens suchte und nur für Augenblicke verwirklichen konnte: das Spätglück, die stille Stunde des Herbstes, das Aufhören von Sturm und Drang und aller Verzn-eif- lung. Nietzsche, der von einer Unrast zur anderen, von einer Erkenntnis zur anderen getrieben wurde, schreibt, lange ehe er Stifters „Nachsommer" kennenlernte, als junger Professor in Basel, er habe immer nur einen Wunsch: nicht hastig zu werden „und solch wohlgemutes Spätsommerwetter predigt diese Lehre anschaulich, blau und goldgefärbt."
Wahrlich, keine Zeit des Jahres ist so dazu angetan, uns diese Lehre ins Herz zu schreiben, wie der Nachsommer. Dieses „Abklingen" ist etwas Wunderbares, und in seinem tiefen Klang erfahren wir etwas über den Sinn unseres Daseins, wie wir es sonst in den Tagen der rastlosen Hingabe an Arbeit und Dienst nicht so leicht erfahren. Wir wissen nun, daß unser Dienst und unsere Arbeit nur dann Wert haben, wenn sie ergänzt werden durch die Augenblicke der Stille und goldenen Fülle. Was soll alles Wagen und Kämpfen, alle Hast und alles Streben? Gewiß, es ist unsere vorgeschriebene Lebensform, der wir nicht entweichen können, ohne das Urgesetz aller Dinge zu verraten; aber es verlöre sich im Haltlosen, wenn nicht die Tage und Wochen dieses späten Glückes dazu kämen. „Es war einer jener vollkommenen Tage, wie sie, in unserem Klima wenigstens, nur eben Spätsommerzeit zu erzeugen vermag: Himmel und Erde im Einklang ruhig nebeneinander hinströmend, wunderbar aus Sonnenwärme, Herbstfrische und blauer Unendlichkeit gemischt." Unser Wunsch ist, daß viele diese Klärung und Verklärung des Lebens erfahren möchten.
Bund Deutscher Mädel.
Velr. Gruppe 3/116.
Die Turnstunde am kommenden Montez fällt wegen der Führer-Rede aus.
Unsere politischen Leiter in Nürnberg.
DÄß die Nürnberg- Fahrer der Politischen Leiter des Kreises Wetterau in der Stadt der Reichsparteitage im allgemeinen und in ihrem Lager Moorenbrunn im besonderen denkwürdige Stunden erleben, wird auch in den neuesten Meldungen aus dem frohgestimmten Lagerleben berichtet Als kleinen Ausschnitt des kameradschaftlichen Erlebnisses zeigt unser nebenstehendes Bild die Politischen Leiter des Kreises Wetterau beim Schmücken des Einganges zu ihrem Zelt. Bei dem Zeltschmuck steht man u.a auch (rechts) das Gießener Stadtwappen. — Aufn.: Schwarz.
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Spitzenleistung des deutschen Handwerks
Das Kasino eines Fliegerhorstes, eine Spitzenleistung des deutschen Handwerks, auf der Deutschen Bau- und Siedlungsausstellung in Frankfurt.
(Aufnehme Kern)
Die deutsche Bau- und Siedlungs-Ausstellung in Frankfurt a. M. zeigt in den Siedlungshäusern und an vielen anderen Stellen mustergültige, zweckentsprechende und dabei doch preislich durchdachte Wohnungseinrichtungen. Eine Spitzenleistung des deutschen Handwerks, die in überzeugender Weise von der Kunst der Raumgestaltung Zeugnis ablegt, ist das Kasino des Fliegerhorstes in der großen Gemeinschaftsschau des Reichsstandes des deutschen Handwerks. Hier haben Schreiner und Polsterer, Sattler und Tapezierer, Stukkateure und Elektro- handwerker, Ofensetzer und Kunstschmiede, Parkettbodenleger und Glaser zusammengewirkt, um diesen vorbildlich ausgestatteten Raum zu schaffen. Alles
in diesem Raum ist rein handwerkliche Arbeit, ganz dem Stilgefühl unserer Zeit angepaßt. Der große Kachelofen zeigt mit seinen Bildern die Geschichte der Fliegerei von Ikarus bis zu den Großflugzeugen der Gegenwart. Die indirekte Deckenbeleuchtung an frei tragender Stuckdecke gibt dem Raum .ein einheitliches Licht. Handgeschmiedete Leuchter zeugen von handwerklicher Kunst. Die Möbel sind gediegene Handwerksarbeit. Stucksäulen, in Handarbeit hergestellt, grenzen den Raum ab.
So wie dieser Raum Zeugnis von handwerklichem Können und feinem Stilgefühl ablegt, fo sind auch in den anderen Abteilungen der Ausstellung die Wohnungseinrichtungen mit demselben Geschmack
zusammcngestellt. Diese Schau der Jnneneinnchtun- gen spricht nicht nur zu dem Fachmann, dem Archi- tekten und Raumgestalter, sondern sie wendet sich erst recht an die Frauen, denen gezeigt wirb, wie schön und zweckmäßig und dabei doch bei aller Behaglichkeit preiswert sich das Heim der deutschen Familie gestalten läßt.
Dornotizen
Tageskalender für Samstag.
Gloria-Palast (Seltersweg): „Urlaub auf Ehrenwort." — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Ehrenlegion."
Tageskalender für Sonntag.
Gloria-Palast (Seltersweg): „Urlaub auf Ehrenwort." — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Ehrenlegion." — Gießener Radfahrer-Vereinigung: 20 Uhr „Burghof" Filmvorführung 1. Deutsche Straßenmeisterschaften 1938 in Gießen, 2. Olympiade 1936 — Radrennen.
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NS.-Gemeinfchafl „Kraft durch Jteube“.
Jtalienfahrt vom 11. bis 31. Oktober 1938.
In der vorstehenden Zeit findet diese Fahrt statt, die über Madeira, Tripolis nach Italien führt. Der Teilnehmerpreis beträgt ab Frankfurt am Main 175,— R2N. Nähere Auskunft erteilt die Kartenverkaufsstelle Gießen, Seltersweg 60, die auch Anmeldungen entgegennimmt. 5807V
HZ. morgen von Nürnberg zurück.
Am morgigen Sonntag, 11. September, kehren die Nürnberg-Fahrer der Hitler-Jugend des Bannes 116, Wetterau, von Nürnberg nach Gießen zurück. Die Ankunft' auf dem Gießener Bahnhof erfolgt um 18.31 Uhr. Kameraden und Freunde unserer Hitler-Jugend werden den Nürnberg-Fahrern sicher- lich einen herzlichen Empfang bereiten.
SA.-Brigade 147 in Nürnberg
Gestern nachmittag traten Einheiten der SA.- Brigade 147 aus Gießen die Fahrt nach der Stadt der Reichsparteitage an, um vor dem Führer unsere oberhessische Heimat würdig zu vertreten. Kurz nach 14 Uhr traten die Mannschaften, soweit sie in Gießen zweckmäßig zusammengefaßt werden konnten, im Hofe der Standarte 116 an und marschierten dann unter klingendem Spiel des Musikzuges und des Spielmannszuges der SA.-Standarte 116
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nach dem Bahnhof. Dort stand schon der lange Sonderzug bereit, der die SA.-Männer nach Nürnberg zu bringen hatte. Rasch und vergnügt wurde vom Zug Besitz ergriffen; erfreut belegten die Kameraden die schönen und fast neuen geräumigen Eilzugwagen mit Beschlag. Die Stimmung war die denkbar beste, denn jeder freute sich auf das Erlebnis von Nürnberg. Die Organisation im Sonderzug war ersichtlich gut. An den Wagen hingen Schilder, auf denen die Bezeichnungen der Formationen standen, jeder Wagen hatte außerdem seine eigene' Nummer. An jedem Fenster konnte man die Nummern der Sitzplätze des Abteils lesen, so daß also jeder auch für die Rückfahrt feinen Platz rasch finden kann. Um 15.08 Uhr verließ der stattliche Sonderzug den Bahnhof. Voraussichtlich werden die Kameraden der Brigade 147 am kommenden Mittwoch wieder zurückkehren.
DerLmdwurm »mTappenkar.
Don Karl Heinrich Waggerl
Ich treibe im Boot auf der schimmernden Fläche des Wassers. Es wird schon Abend, ein wenig Wind kommt aus der Tiefe des Gebirges, aber ich bin ganz mit Sonne vollgesogen und ohne Wunsch in der Glückseligkeit dieses Gleitens, — nein, ich werde die Rüder liegen lassen und mit dem Zug der Strömung irgendwo landen, irgendwo bleiben, in den Uferföhren, auf den warmen Felsen, gleichviel ...
Ich liege still und schaue, die Zeit wächst ungeheuer über mich hinaus. Ich bin fein Mensch mehr, dreißigjährig, geschäftig und um reine Fingernägel besorgt. Hier bin ich tausend Jahre alte und im Wesen nicht mehr verschieden von der Lust, vom Wasser, vom Gestein der Berge. Ja, ich treibe auf einem rohen Stück Holz, und ein anderes Stück Holz schwimmt vorüber, eine braune Geierfeder, ein Büschel Gras, — ich betrachte es genau, dieses winzige Gestrüpp aus dünnen Halmen, Moos und allerlei Samen. Ein Vogel streicht über den See, feine Schwingen zeichnen eine glitzernde Spur in das Wasser, bann wirft er sich hoch in bie Luft, und sein heller Schrei schwebt lange in der Stille.
Ich schaue in bie Tiefe unb sehe Fische langsam unter mir wegziehen. Fische sind seltsame Tiere, sie stehen oft eine ganze Weile ruhig, unb plötzlich verschwinben sie "mit einem blitzschnellen Ruck im samtgrünen Abgrund. Was ist es mit ihnen, was hat es mit ihnen, was hat sie an gerührt? Dieses Wasser hat alle Farben, es leuchtet wie buntes Glas, es ist von Bänbern aus zartgrüner Seide durchwirkt, die lang hinwallen und im einfallenden Licht zerfließen. Dieses Wasser, sagt man, ist grundlos, aber seine Fläche ist so friedlich und glatt, sie spiegelt das Bild der Berge und des großen, des unermeßlich hohen Himmels wider. Zuweilen löscht ein Windhauch alles aus, das leuchtend Licht zerrinnt und wird grau wie geschmolzenes Silber.
Manchmal steigen auch Wirbel aus dem Wasser, wölben die Oberfläche ein wenig und verlieren sich mit fanften Ringen in der Ferne, — es sieht aus, als rege sich etwas Lebendiges im See. In der liefe, jagen die Leute, auf dem Felsen .^gt ein Lindwurm, ein Ungeheuer aus grauer Zeit, tödlich verwundet, aber immer noch stark genug, an den Felsen zu nagen und allmählich einen Weg für bie große Flut zu graben, die einmal alles Lebende im Tal ersäufen wird. Manchmal wendet er den gewaltigen Leib, und bann wölbt sich oben das Wasser über dem Spiegel.
Es ist eine wehmütig einfältige Geschichte, das alte Lied vom Drachenkampf, von Mut, Liebe und tödlicher Treue, ich habe es an irgendeinem Herdfeuer gehört. Da lebte ein Hirt in alten Zeiten im Kar, der arm war und die Herden der Bauern hütete. Er liebte ein Mädchen, das war jung, schön und reich. Aber sie konnten nicht zusammenkommen, und wie es eben so geht in alten einfältigen Geschichten, der hartherzige Vater willigte nicht ein, es sei denn, daß der lästige Brautwerber den Drachen im Kar erlegte. Der Hirt nahm feinen Mut zusammen und schlug das Untier mit der Axt in einem furchtbaren Kampf. Noch heute sind die Felsen vom Atem des Wurmes verbrannt und von feinen Krallen zerrissen. Nun, der Drache empfing den tödlichen Hieb und fuhr in den See, aber auch der Sieger kam nicht ohne Unheil davon. Er lebte zwar, aber sein Atem war vergiftet. So hatte er den Preis errungen und doch verloren, er konnte die so schwer erkämpfte Braut nicht umarmten, ohne sie zu töten. Allein die ßiebe des Mädchens siegte über alle Arglist und alles Verhängnis, sie küßte selbst den Geliebten und nahm den Tod von seinem Munde. Der Hirt aber sprang von der Höhe des Felsens in den See.
Das ist die Sage vom Lindwurm im Tappenkar. Ihr seht die Felsen, Ungläubige, von seinem Atem Derbrannt, ihr seht das zerrissene Gestein. Wenn das Untier in der Tiefe die wunden.Glieder streckt, dann wölbt sich die ebene Fläche und treibt Ringe, die sich sanft an den Ufern verlieren ...
$i;d)fang zu Pferde.
Nicht weit von der französischen Grenze, dort, wo die einsamen Dünen des belgischen Nordfeestranbes sich am weitesten in das Inland erstrecken, traf ich auf einer Wanderung in weltverlassener Abgeschiedenheit auf bie schlichten Hütten der Garnelenfischer von Eoxyde inmitten einer unfruchtbaren Sandwftle, wo außer bem nutzlosen Dünengras nichts gedeihen will. Dieses unansehnliche Fischerdörfchen zeichnet sich aber durch eine Eigentümlichkeit aus: Obwohl es weder einen Hafen noch Schiffe irgendwelcher Art besitzt, betreibt es doch den Fischfang m großem Maßstab. Es hat — fast klingt es wie ein Märchen — das Boot durch das Pferd ersetzt. Viele Generationen sind vergangen seit jenem Tag, an bem die ^Vorfahren dieser Nordseefischer den eigenartigen Fischang hoch zu Roß zum erstenmal praktisch erprobt haben. Seitdem hat der Fortschritt auch im F'scherel- betrieb mit den alten Sitten und Gebrauchen aufgeräumt. Mit bewundernswerter Hartnäckigkeit
haben jedoch die Fischer von Eoxyde an den von ihren Urgroßvätern erdachten Methoden festgehalten. Wie der Fischfang der Eoxyder Fischer heute noch vor sich geht, habe ich selbst in allen Einzelheiten miterlebt.
Es ist zur Zeit der Ebbe. In den kleinen Fischer- Hütten hinter den Dünen beginnt es sich zu regen. Man rüstet zum Aufbruch nach dem Schauplatz des „Pferdesischfanges", der zur Zeit des tiefsten Wasserstandes am günstigsten ist. Der wettergebräunte Fischer schwingt sich auf sein geduldig harrendes Roß, auf dessen Rücken der als Sattel dienende Strohsack, zwei große Körbe und das Netz mit den Zugleinen befestigt sind.
In dem weiten, bauschigen, wasserdichten Anzug, den „Südwester" auf dem Kopf, und mit den unpraktischen, in dieser Gegend jedoch geradezu obligatorischen Holzpantoffeln als Fußbekleidung gewahrt der sonderbare Reiter auf dem korb- unb netz- belaoenen Pferd einen merkwürdigen Anblick. In gemütlichem Trab geht es durch den lockeren Dünensand dem Sammelplatz auf bem Straub entgegen, wo die Vorbereitungen zum Fang bereits im Gange sind.
Einem alten, recht vernünftigeh Brauch zufolge arbeiten nämlich diese Leute nie einzeln, sondern stets gemeinschaftlich, ein Vorgehen, das schon in Anbetracht der gleichmäßigeren Verteilung der Beute das gute Einvernehmen unter den Konkurrenten aufrechterhält. Meist trifft man daher die Garnelenfischer in Trupps von drei bis zehn Leuten, die sich folgendermaßen ihrer täglichen Aufgabe entledigen. Sooald die Netze ausgestellt und mittels langer Zugleinen an dem Pferd befestigt sind, fetzt sich die Gesellschaft in Bewegung. In einer langen Reihe schreiten die.dicht nebeneinander gehenden Pferde, die Netze über den Boden schleifend, im Wasser watend, die Küste entlang. Don Zeit zu Zeit werden, um eine Benachteilung einzelner zu vermeiden, die Plätze getauscht, denn die Garnelen suchen mit Vorliebe die tieferen Stellen auf. So geht es in gemächlichem Schritt mehrere Kilometer weit die Küste entlang, dis sich schließlich die Seine stramm zu ziehen, und das Pferd die schwere Last zu fühlen beginnt.
Den glitzernden Inhalt des Netzes auf dem Strand auszubreiten, von Seetang, Quallen und sonstigen unerwünschten Eindringlingen'-zu befreien und die zappelnden Garnelen und was sich sonst noch Eßbares eingefunden hat, in die Körbe zu befördern, ist das Werk weniger Minuten. Dann geht es zum zweitenmal hinaus in die Brandung, um auf bem Rückweg nach Haufe noch einige Kilometer abzufischen. Gerabezu ftaunenerregenb sinb bie Arbeits-
freube und bie Unerschrockenheit der Pferde, bie sich oft weit in bas Meer hinauswagen, wo bie Wellen ihnen fast über ben Köpfen zusammenschlagen. Stun- benlang halten sie sich im Wasser auf unb ertragen bie oft beträchtliche Kälte ohne schlimme Folgen. Aber wie bie Reihen bieser tüchtigen Fischer, bie so zäh an Urväters Gebräuchen festyalten, wenn auch nur langsam sich zu lichten beginnen, verschwindet leider im gleichen Maße auch die prächtige Pferderasse immer mehr. Dr. Kr.
Aus her Geschichte hes Fallschirms.
Eine Pariser Zeitung stellt eine längere Betrachtung über die Adsprungmethoden im Fallschirm an und weift im Rahmen dieser Betrachtung darauf hin, daß der unfreiwillige Erfinder des Fallschirms ein französischer Strafgefangener namens Lavin war, der wegen Falschmünzerei um bie Mitte des 17. Jahrhunderts im Wachtturm der Festung Miolan am Jserefluß eine mehrjährige Hast abzusitzen hatte. Lavin hatte eines Tages einen Fluchtversuch gewagt, indem er mit Hilfe eines Regenschirms aus dem Turm in die Tiefe sprang. Der unfreiwillige Erfinder des Fallschirms wurde nach einer glücklich gelungenen „Wasserung" auf dem Jserefluß allerdings von den Gefängniswärtern wieder aufge» fischt.
150 Jahre später unternahm ein anderer Strafgefangener, der für die Flucht Ludwigs XVI. verantwortlich gemachte Postmeister Drouet, mittels eines von ihm gebauten Fallschirms einen ebenfalls mißlungenen Fluchtversuch aus preußischer Festungshaft. Drouet bekam es aber mit der Angst zu tun und rief während des Absprungs um Hilfe. Er wurde von den Gefängnisaufsehern mit gebrochenem Bein aufgelesen.
Der eigentliche Erfinder des heutigen Fallschirms ist ein Kommissar der französischen Revolutions- armee, Jaques Garnerin, der gleich feinen Vorgängern mit Hilfe eines Regenschirms aus dem Gefängnis entfliehen wollte. Garnerin aber machte aus der Not nicht nur eine Tugend, sondern setzte seine Fallschirmabsprünge fort, bis es ihm im Jahre 1797 gelang, durch einen für bamaliae Verhältnisse kühnen Absprung aus einer Montgolfiere aus 1000 Meter Höhe bie Weltaufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Beim Anblick bes über Paris herabschweben- ben Fallschirmspringers fielen oerschiebene Zuschauerinnen in Ohnmacht, und als der kühne Springer wohlbehalten auf festem Boden landete, war der Jubel der Menge unbeschreiblich.


