Nr. 263 Drittes Blatt Gießener Anzeiger <Sen»a1-AnzeIger für (dberWen)Mittwoch, 4. November 1058
Große Feierstunde der NSDAP.
Am Mittwoch, 9. November 1938, gedenkt Grohdeutschland der Gefallenen des Jahres 1923.
3n Gießen veranstaltet die NSDAP, an diesem Tag eine Feierstunde für die Toten der Bewegung um 20.30 Uhr in der Votkshalle. Ls spricht:
der Kreisleiter.
Die Bevölkerung Gießens und die Volksgenossen aus Wieseck und Klein-Linden sind hierzu herzlich eingeladen.
Eintritt frei! Saalöffnung 19.30 Uhr.
Kreisleitung Wetterau der NSDAP.
3m Dienste der Heimatpflege.
Rückschau und Ausblick im Landschastsbund Volkstum und Heimat.
Der Landschastsbund Volkstum und Heimat hatte für den gestrigen Dienstagabend feine Vertrauensmänner zu der Jahres^Vefprechung erngeladen. Ortsund Kreisringleiter Dr. Michel konnte neben den Vertrauensmännern der Schulen, der Betriebe, der Behörden und der Kliniken auch die Leiter der Hei- matoereine, des GleibergMereins, der Heimatoereinigung Schiffenberg, der Heimatoereinigung Staufenberg und des Obst- und Gartenbauvereins begrüßen.
Die Versammlung war zunächst der Besprechung organisatorischer Fragen gewidmet. Der Ortsringleiter wies darauf hin, daß sich die Gliederung in Mitgliedergruppen bei Schulen und Äem- tern, wie auch in Betrieben bewährt habe. Die Vertrauensmänner seien mit Freude und Eifer bei der Sache des Landschaftsbundes. Der Mitgliederstand sei mit 600 als sehr gut zu bezeichnen, wenn man berücksichtige, daß der Tierschutzverein wieder selbständig bestehe und dadurch dem Landschaftsbund eine Anzahl Mitglieder verlorengegangen sei. Der Ortsringleiter teilte ferner mit, daß der bisherige Kreisringleiter Georg Heß von diesem Amte zurückgetreten sei. Dr. Michel hob dann die gute Zusammenarbeit mit allen Vereinen, wie auch mlk dem Volksbildungswerk hervor. Bei der Abhaltung von Veranstaltungen sei man gegenseitig bemüht gewesen, Ueberschneidungen in den Terminen zu vermeiden.
Im weiteren Verlaufe der Versammlung gab der Ortsringleiter einen Ueberblick über die Tätigkeit im vergangenen Jahre. Er erinnerte an die Vorträge von Amtsgerichtsrat Gros und Professor Dr. Götze, an den sehr gut besuchten Heimatabend im Cafä Leib, sowie an die Führungen durch die geologische Heimatschau des Geologischen Instituts, durch die Ausstellung „Ton in Töpfers Hand", an die Ausflüge zum Hangelstein und zum Heiden-
königsgrab, an die Exkursion im Botanischen Garten und an den Pilzgang. Die Arbeit des Landschaftsbundes fei, so schloß der Ortsringleiter seinen Bericht, von bestem Erfolg begleitet gewesen.
In Anbetracht der zahlreichen Veranstaltungen anderer Organisationen, zu denen auch die Mitglieder des Landschaftsbundes als eingeladen gelten, will sich der Landschaftsbund mit eigenen Veranstaltungen möglichste Beschränkung auserlesen. Immerhin wird auch in den kommenden Monaten eine Tätigkeit entfaltet werden, bei der sich die Art der Veranstaltungen im Rahmen der bisherigen Gepflogenheiten halten soll.
So ist für den bevorstehenden Buß- und Bettag wieder ein Gang über den Alten Fried-- h o f vorgesehen, bei dem Oberkriegsgerichtsrat a. D. Koch die Führung übernehmen wird, während musikalische und gesangliche Darbietungen die Feierstunde beschließen sollen. In einer besonderen Führung wird durch den Landschaftsbund die Bauausstellung „Altes und neues Gießen" (Oberhessischer Kunstoerein) besucht werden. In einer Lichtbilder- Vortragsveranstaltung wird Amtsgerichtsrat von B a u m b a ch über „Hefser^ Land und Leute" sprechen. Für den Januar ist wieder ein Heimatabend vorgesehen, der als „Sing- und Volkstanz-Abend" stattfinden soll. Im März wird ein Vortrag über das Thema „Hessisches Volkstum in Ungarn" stattfinden. Dr. Grund, der neue Schriftleiter von „Volk und Scholle", der lange Zeit bei den Ausländsdeutschen in Südosteuropa wirkte, wird sprechen.
Nachdem der Ortsringleiter für die bisherige treue Mitarbeit gedankt und zu reger Teilnahme an den Veranstaltungen des Landschaftsbundes, wie auch der befreundeten Vereinigungen aufgefordert hatte, fand die Versammlung in der üblichen Weise ihren Abschluß.
Aus der Stadt Gießen.
Heimatkunst.
Für den weiten Vogelsberg ist der Wald ein kostbares Gut. Nicht nur, daß immer mehr Fremde sich in seinen sommerlichen Bann ziehen lassen; nicht nur, daß sich der Kleinbauer sein Einkommen aus Ackerbau und Viehzucht als Holzhauer im Winterwald erweitert. Auch eine echte Vogelsberger Hauskunst ist noch im Schwünge, wenn sie auch die früher innegehabte Bedeutung nicht mehr halten kann Holzschnitzer, Löffel-, Korb- und Rechenmacher sind stille am Werk und üben das von den Vätern überkommene Handwerk in heimeliger Werkstatt aus. In den Gemeinden Unter- Seibertenrod, Rebgeshain und Sichenhausen treffen wir sie besonders zahlreich an, die ländlichen Kunstschnitzer. Aber auch an anderen Orten blüht noch immer die Hauskunst, wenn sie auch nur üoch selten dem Erwerb dient.
Geschäftig sitzt da an den langen Winterabenden der Großvater in einer Werkstattecke, das Licht läuft hell und warm über ihn. Don rohem Holze schnitzt er Span um Span, bis ein Löffel als Werk da vor ihm liegt. Seine fertigen Rechen bemalt er sodann mit bunten, leuchtenden Farben, seine Spankörbe flicht und klebt er mit Andacht und Eifer. Es gehört mehr dazu als Geschick und Fertigkeit, mehr als nur Technik! Liebe ift's, die feine Hand führt, Vererbung ift’s, was seine Seele zwingt! Um den Alten aber staunt schon das junge Volk: Kinder, Enkel und Urenkel. Gierig folgen ihre nimmermüden Aeuglein dem Tun des Ahnen, spielend erlernen sie schon von Jugend auf das Handwerk. Erst wird zaghaft probiert, und nach einigen Versuchen wächst der Werkstolz. Wird es der Ahn anders von seinem Vater erlernt haben?
Seit Generationen ist diese Kunst in ganz bestimmten Familien heimisch geworden, nicht nur aus Tradition, sondern aus einer von Geschlecht zu Geschlecht vererbten Liebe und Fertigkeit zum Kunsthandwerk. Zuerst mags eine Liebhaberei und Neigung gewesen sein, das Holzschnitzen, später staüd die Kunst im Vogelsberg in solcher Blüte, daß sie Broterwerb war. Heute läßt sich nicht mehr viel damit verdienen. Dennoch läßt der Alte nicht von feiner Beschäftigung, und die leuchtenden Kinderaugen verraten, daß sie in seine Fußstapfen treten wollen. Kann man dies anders als ererbte Kunst bezeichnen, was alle Glieder der Familie beim Handwerk hält? In chm können sich ihre Seelen ausdrücken, dürfen ihre Hände gestalten. Auch bann, wenn es eben nichts mehr einbringt! Ein Beispiel für die glückliche Auswirkung wertvoller Erbanlagen zum Segen für den einzelnen, für Familie und die Gemeinschaft. Wahrlich: die Holzschnitzerei im Vogelsberg verdient ihre Erhaltung. K.
Dornotizen.
Tageskalender für Mittwoch.
Feierstunde der NSDAP., 20.30 Uhr in der Volks- Halle. Es spricht der Kreisleiter. — Stadttheater: 19.30 bis 22 Uhr „Fidelio". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Schatten über St. Pauli". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Schuberts Unvollendete Symphonie".
„Fidelio" im Sladtthealer.
Heute abend findet die erste Wiederholung des großen Erfolges „Fidelio", Oper in zwei Aufzügen von Ludwig van Beethoven, statt. Musikalische Leitung Paul Walter, Spielleitung Hermann Schultze-Griesheim. Leitung und Einstudierung der Chöre Heinz Markwardt. Bühnenbild Karl Löffler. Die Vorstellung findet gleichzeitig als 7. Vorstellung der Mittwoch-Miete statt. Anfang 19.30 Uhr, Ende 22 Uhr.
Tierschuhverein für Gießen und Umgebung.
Der Tierschutzverein für Gießen und Umgebung veranstaltet am Samstag, 12. November, im Vorlesungssaal der Medizinischen Deterinärklinik einen Vortragsabend. Professor Dr. Jakob spricht über das Thema „Einiges über den Tierschutz".
Hitler-Jugend Bann 116.
Velr.: 3. Lehrgang auf der Vannführerfchule vom 12. bis 19. November in Laubach.
Ich erinnere hiermit an die Beschickung des 3. Lehrgangs der Führerschule des Bannes 116 vom 12. bis 19. November in Laubach und mache darauf aufmerksam, daß die volle Zahl Lehrgangsteilnehmer erreicht werden muß. Ich mache darauf aufmerksam, daß sich alle Lehrgangsteilnehmer um? gehend nach dem sportärztlichen Untersuchungsbogen untersuchen lassen müssen.
BDM. - Werkgruppe 1/116
Alle Mädel der Gruppe treten am 9.11., pünktlich um 20.15 Uhr, am „Hessischen Hof" zur 9.-No
vember-Feierstunde an. Erscheinen in tadelloser Kluft ist Pflicht. Auch die beurlaubten Mädel haben zu kommen.
Die Führerin der BDM.-Werkgruppe 1/116.
K. d. ^.-Wagenkolonne in unserem Gau
NSG. In der Zeit vom 13. bis 23. November kommen drei KdF.-Wagen in unser Gaugebiet. Die Fahrtroute führt von Darmstadt über Bensheim, Worms, Mainz, Wiesbaden, Bad Ems, Limburg, Hachenburg, Herborn, Dillenburg, Biedenkopf, Gladenbach, Wetzlar, Weilburg, Gießen, Butzbach, Bad-Nauheim, Friedberg, Büdingen, Selters, Ortenberg, Nidda, Gedern, Schotten, Alsfeld, Gelnhausen, Hanau, Frankfurt, Bad Homburg, Rüsselsheim, Groß-Gerau, Offenbach, Dieburg, Michelstadt, Erbach nach Aschaffenburg.
Zahnen heraus zum y.Rovember.
Die Bevölkerung Gießens und darüber hinaus des gesamten Kreises wetterau wird gebeten, anläßlich des 9. Novembers 13 o H m a ft zu flaggen.
Backhaus, Kreisletter.
Ausruf!
An alle LA.-Sportabzeichenträger.
Gemäß Verfügung des Stabschefs SA. Luhe haben sämtliche SA.-Sportabzeichenträger an den örtlichen Veranstaltungen des 9.11.1938 teilzunehmen. Die Teilnahme zählt als 3. Wiederholungs- Übung für das Jahr 1938. Im einzelnen wird hierzu folgendes angeordnet:
Sämtliche SA.-Sportabzeichenlräger des Standortes Gießen, die nicht der SA.,NSKK., NSFK.. HI. und Polizei angehören, treten am 9. 11. 1938 um 19.20 Ahr auf dem Hofe der Standarte 116, Senckenbergstrahe, an. Zur Kontrolle ist das Leistungsbuch und Befihzeugnis mitzubringen. Das große SA.-Sportabzeichen ist zu dieser Veranstaltung anzulegen.
Die SA.-Sportabzeichenträger außerhalb des Slandortes Gießen haben an den örtlichen Veranstaltungen, d. h. bei den für sie zuständigen Stürmen teilzunehmen.
SA.-Standarle 116.
Universitäts-Personalien.
Der Dozent in der Philosophischen Fakultät der Universität Gießen Dr. Heinrich Richter erhielt für die Dauer seiner Tätigkeit als nichtbeamteter Lehrer an einer deutschen Hochschule die Dienst- bezeichnung nichtbeamteter außerordentlicher Professor. Professor Dr. R i ch t e r ist durch sein langjähriges Wirken als Leiter des Oberhessischen Museums in Gießen und als Denkmalpfleger für Oberhessen, insbesondere auch durch die unter seiner Leitung Dorgenomme-nen bedeutsamen Ausgrabungen auf dem Glauberg, in weiten Kreisen Hessens und darüber hinaus bekannt geworden.
Die gleiche Dienstbezeichnung wurde dem Dozenten in der Medizinischen Fakultät der Universität Gießen Dr. med. habil. Rene d u Mesnil de Rochemont für die Dauer seiner Tätigkeit als nichtbeamteter Lehrer an einer deutschen Hochschule verliehen.
Uebertragen wurde dem nichtbeamteten außerordentlichen Professor Dr. Walther Rehm unter Ernennung zum ordentlichen Professor in der Philosophischen Fakultät der Universität Gießen der Lehrstuhl für Deutsche Philologie, insbesondere neuere Literaturgeschichte.
Tagung
der Zugendgruppenführerinnen.
Gfs. Am Sonntagnachmittag fand im Hotel Hindenburg eine Tagung der Jugendgruppenführerin' nen des Kreises Wetterau statt. Von der Kreis- geschäftsleiterin der NS.-Frauenschaft Frl. Rosen- s ch o n wurde mit einigen Worten die Aussprache
lieun Schuß durch den Hebet
Erzählung von Wolfgang Weyrauch.
In einer deutschen Stadt erhebt sich ein Turm, von dessen Spitze ein metallenes Fähnlein absteht. In diesem metallenen Fähnlein sind neun Löcher zu sehen, die zu einer Neun geordnet sind. Ein alter Bewohner jener Stadt hat mir von der Neun, von dem, der sie schoß, und warum er sie schoß, eine seltsame Geschichte erzählt.
Es war im frühen Winter, zu jener Zeit mittelalterlichen Lebens, da die Städte von Mauern umgeben waren, mit Wehrgang, Wassergraben, Pfahlzaun und Tor. Die Nacht hatte schon vor Stunden begonnen, und ein dicker Nebel ließ die Hand nicht vor den Augen sehen.
Mit einem Male liefen ein Mann und em Mädchen aus dem dichtesten Nebel zum Fluß hinunter. Der Mann lief voran, das Mädchen zog er hinter sich her. Kaum aus den Schwaden aufgetaucht, verschwanden sie wieder in ihnen. Und kaum waren sie verschwunden, kam ein Haufen Männer und Frauen aus dem Nebel gerannt, jenen beiden nach.
.Halt!" befahl der Anführer den übrigen^ und horchte. In der Ferne tappte es. „Zum Fluß!" rief der Mann und eilte davon. Der Haufe folgte.
Unterdessen hatte das Paar den Fluß erreicht und tief leise nach dem Fährmann. Der Fährmann kam rasch, sie stiegen ein, und der Nachen stieß ab.
„Wenn wir nur recht gehandelt haben!" seufzte Jbas Mädchen.
„Recht oder unrecht", antwortete der junge Mann, „so ging’s nicht weiter! Du siehst ja, wie sie uns verfolgen, als ob wir Diebe wären!"
„Wir sind aber auch gegen alles Recht geflohen", weinte das Mädchen.
„Das, was die Eltern befehlen, sollen die Kinder tun, ob's richtig ist oder falsch."
„Hättest ja nicht mitzukommen brauchen!" murrte der Jüngling, „wir können ja wieder umkehren! Gib dich doch in die Hände der Hartherzigen zurück!"
„Du sprichst von deinen Eltern", mahnte das Mädchen.
„Schöne Eltern!" klagte Johannes, „die dem einzigen Sohne verbieten, das Mädchen, das er liebt, äu heiraten, nur weil sie eine arme Waise ist!"
Der Nachen stieß an das andere Ufer, Johannes entlohnte den Fährmann, und die beiden eilten zum Stadttor. Schon aber hörten sie die Verfolger, die llf TOte des Flusses rudern mochten. Johannes schlug gegen das Torgebälk. Der Nebel schluckte zwar den dumpfen Ton, aber die aufmerksame
Wache hatte doch etwas vernommen und trat oors Tor, die Hellebarde zum Stoß bereit
„Was gibts?" fragte der Posten.
„Wir müssen in die Stadt", flüsterte Johannes.
„Wir müssen wirklich", wiederholte seine Begleiterin.
„Nein, es ist fast Mitternacht, das Tor ist geschlossen", entgegenete der Stadtsoldat und wandte sich.
Johannes, der den Soldaten nicht erkannte t— auch das Mädchen sah im dichten Nebel nicht, wer vor sie ging —, trat auf ihn zu und wollte ihm die Hellebarde entreißen. Zwar fiel das Mädchen ihrem Freund in den Arm, doch konnte sie nicht mehr verhindern, daß Johannes und der Posten ins Handgemenge gerieten. Indessen näherten sich auch schon die Verfolger.
Johannes wuchsen übermenschliche Kräfte zu, er entwand dem Soldaten die Waffe und stieß ihn nieder. Der Einlaß war frei, schien es. Die fast ohnmächtige Braut auf den Armen, kam Johannes in die Stadt hinein, doch fiel er alsbald den Kameraden des Toten in die Hande, die ihn und das Mädchen gefangennahmen und in den Turm warfen. Die Verfolger aber machten vordem Stadttor kehrt und zogen ab.
Die Stadtväter faßen zu Gericht. Johannes wurde zum Tode verurteilt. An einem Mittwoch erging der Spruch, am Samstag darauf sollte der Mörder hingerichtet werden.
Doch die Richter hatten ihren Spruch gefällt, ohne das treue, die Liebe der Wahl über die Liebe des Bluts stellende Mädchen anzuhören — denn der Stadtsoldat war des Mädchens Bruder gewesen. Dennoch versuchte sie, dem Bräutigam das Leben zu retten. Agnes, so hieß sie, ließ eine Bittschrift auf- setzen, der Rat beantwortete sie nicht, Agnes rief die edle Gesinnung ihres Bräutigams und seines längst schmerzlich bereuten Irrtum in allen Straßen aus, der Rat untersagte ihr, Unruhe ^ju stiften. Agnes ging von Haus zu Haus, die Städter für ihren Johannes zu gewinnen. Die Städter hörten zu, aber sie schüttelten die Köpfe. War »; nicht unerhört, den Mann, der ihren Bruder getötet hatte, noch zu verteidigen, wie sehr sie ihn auch liebte?
Es wurde Samstag. Schon stand Johannes auf dem Gerüst, schon standen Männer und Frauen in dichten Haufen, die Vollstreckung des Urteils zu sehen. Schon neigte Johannes den Kopf, da stürzte Agnes durch die Reihen, warf sich vor den Ratsherren in den Schnee und schrie: „Rettet ihn, ach, rettet ihn."
„Wache!" rief der Bürgermeister, „fort mit ihr!
,',Nein", schrie Agnes, „hört mich endlich an? Gr ist unschuldig! Er hat in dem Soldaten meinen Bru
der nicht erkannt! Und er hat ihn nicht töten wollen, auch wenn es mein Bruder nicht gewesen wäre! Der Haufe der Verfolger war hinter ihm, ihn selbst zu töten und uns beide auf ewig zu trennen!"
„Fort!" rief der Bürgermeister.
„Laßt mich!" schrie Agnes den Stadtsoldaten zu, die sie ergreifen wollten. „Er ist 'unschuldig! Mein Johannes ist unschuldig! Wollt ihr die innigste Liebe vernichten? Das wollt ihr sicher nicht. Und er ist ja auch unschuldig!" jammerte sie, nun nicht mehr schreiend, denn sie konnte nicht länger schreien, sie war ja nur ein Mädchen.
„Und wer hat schuld?" fragte der Bürgermeister.
„Der Nebel", erwiderte Agnes, die die Antwort des Bürgermeisters beflügelte, und alle, die im Kreis standen, erstaunten sehr, „der Nebel, er hat ihn ganz irrsinnig gemacht, der feuchte, dicke, häßliche Nebel, der wie aus der Holle aufstieg! Ihn verurteilt, er ist der Mörder!"
„Nun", sagte der Bürgermeister, und deutete auf den wogenden Nebel, der schon die Häuser des Marktplatzes verhüllte, „so soll der Nebel, der deinen Bräutigam verdammt hat, ihn auch wieder befreien!"
„Wie?" riefen die Männer und die Frauen und verwunderten sich. Die meisten glaubten, der Bürgermeister wollte ihnen ein zweites Schauspiel geben.
Agnes war stumm, Johannes aber hob den Kopf.
„Ja, du", rief der Bürgermeister, „nimm deine Hakenbüchse und schieße mit neun Schuß in die Turmfahne eine 9, und du bist frei."
„Was?" schrie das Volk. ,Hat man je so etwas gehört?"
Agnes sank ohnmächtig zu Boden, Johannes aber ließ sich, da er ja keine eigene Büchse bei sich getragen hatte, als er mit Agnes floh, eine fremde Büchse reichen und begann in die Richtung zu zielen, wo er die Turmfahne vermutete.
Ja, vermuten konnte er nur, wo sich das Fähnlein befand, denn zu sehen vermochte er es nicht. Er zielte und zielte, nichts sah er als den grauen, undurchdringlichen Nebel. Dann krümmte er den Finger.
Da geschah es: der Nebel zerriß, ein winziges Stück zerteilte sich, und gerade in diesem Loch erblickte der Schütze das Fähnlein. Er schoß, er schoß neunmal, und als er neunmal geschossen hatte, war das Fähnlein neunmal durchlöchert, und als er die Büchse absetzte, schloß sich das winzige Stück Nebel wieder. So hatte der Nebel, der Johannes, wie Agnes glaubte, verdammt hatte, ihn gerettet.
Die Liebenden sanken sich in die Arme. Kein Städter, keine Städterin hinderte sie, nicht einmal
der Bürgermeister, der vielmehr Johannes zum Stadtsoldaten ernannte. Ja, die Liebe räumt tausend Widerstände hinweg.
Lochschulnachrichten.
Professor Dr. Julius Petersen, Ordinarius für neuere deutsche Literaturgeschichte an der Universität Berlin, beging dieser Tage seinen 6 0. Geburtstag. Petersen, der aus Straßburg stammt und früher in München, Basel und Frankfurt lehrte, wurde 1920 als Nachfolger von Gustav Roethe auf den Berliner Lehrstuhl berufen. Er hat in feiner Wissenschaft das Erbe Diltheys und Erich Schmidts zu bewahren und zu meh- ren verstanden. Als Präsident der Goethe-Gesellschaft hat er vorbildlich gewirkt. Die Schiller-Forschung verdankt den Arbeiten Petersens (auch als Herausgeber) Bedeutendes. Von seinen grundsätzlichen Veröffentlichungen seien die methodisch wegweisenden Schriften „Literaturgeschichte als Wissenschaft" und „Wesensbestimmung der deutschen Romantik" heroorgehoben. Der hervorragende Gelehrte ist Mitglied der Preußischen und der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.
Professor Dr. Herbert Cysarz, bisher Ordinarius für neuere deutsche Literaturgeschichte an der Deutschen Universität Prag, wurde in gleicher Eigenschaft als Nachfolger Walter Brechts an die Universität München berufen.
Zum Rektor der Universität He i d e l b e r g wurde mit Wirkung vom 1. November der ordentliche Professor, Staatsminister Dr. phil. Paul Schmitt- Henner ernannt. Professor Schmitthenner, ursprünglich aktiver Offizier, habilitierte sich 1928 in Heidelberg und wurde 1933 auf den dort neu errichteten Lehrstuhl für Geschichte mit besonderer Berücksichtigung der Kriegsgeschichte und Wehrkunde berufen. Im gleichen Jahr wurde Schmitthenner zum Staatsminister in der badischen Landesregierung ernannt.
Dozent Dr. jur. Günter Haupt wurde zum o. "Professor für Bürgerliches Recht und Wirtschaftsrecht an der Universität Jena ernannt.
Don den amtlichen Verpflichtungen wurden entbunden: wegen Erreichung der Altersgrenze Professor Dr. Karl Wildhagen, Ordinarius für englische Philologie an der Universität Kiel; auf seinen Antrag Professor Dr. Ottfried Fo erst e r, Ordinarius für Neurologie an der Universität Breslau: auf seinen Antrag Professor Dr.-Jng. Herbert Wagner, Ordinarius für Flugzeugbau an der Technischen Hochschule Berlin.


