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Dienstag, 9. August (938
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Hr.184 Zweites Blatt
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Erfahrungen, die die europäischen Völker im Laufe ihrer Geschichte aufgespeichert haben, könnten ihnen gegenüber der ganzen farbigen Welt eine unbedingte Ueberlegenheit sichern, wenn sie sich wenigstens in kolonialen Fragen und in bezug auf die Behandlung außereuropäischer Probleme zu gemeinsamem Handeln vereinigen könnten.
Neben dem sehr umfänglichen Werk ist noch die neue Wochenschau der Ufa zu nennen.
Hans Thyriot.
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Menschen, die bereit wären, sich in den Kolonien dauernd niederzulassen, besonders schwer treffen kann. Daraus folgt allerdings keineswegs, daß Frankreich oder die sonstigen westeuropäischen Völker an ihrer zukünftigen Weltstellung verzweifeln müßten. Die wissenschaftliche und technische Ueberlegenheit und der ungeheure Reichtum an
auch die Püffe und Stöße des Stellwagens auf holpriger Landstraße als eine unvermeidliche Selbstverständlichkeit hin, sogar das Grundübel der Zeit, die Paß- und Zollplackereien an all den vielen Schlagbäumen, die sich damals mitten durch Deutschland zogen, trug man mit Fassung: und wessen Herz und Sinne offen waren für die Schönheiten der Natur, für das reizvolle Stück Volksleben, das sich in der Postkutsche ausdrückte, der ließ sich den Genuß auch durch solche Leiden nicht vergällen.
Viele unserer Dichter, Goethe, Mörike, Lenau, Eichendorff haben die Poesie der Postkutsche, des „Schwagers" und seines melodischen Posthornes besungen. Die Postillone in ihrer stattlichen Tracht verkörperten in sich die Romantik des Reisens. Die Landesfürsten wetteiferten darin, ihren Postillonen die schmuckeste Uniform zu geben. Da waren die Preuße^ in dunkelblauer Reitjacke mit orangefarbenem Besatz, die schwefelgelben sächsischen „Kanarienvögel", die Hannoveraner im Kollett von scharlachrotem Tuch mit blauen Aufschlägen, die hellblau befrackten Bayern, die Taxisschen mit dunkelblauem Koller und gelben Schoßumschlägen, alle in weißen Lederhosen, schwarzen Kanonenstiefeln, mit Sporen, glänzendem Lackhut und goldener Tresse. Dazu waren die Kerle,
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braven SchmI den, wie alle*1 ger und ihr $ 'em Bayern füll 5t bei Mühldor r, daß die W ansehnliche 9k -tadtwaldes erhir. brachte. In fe liche Schenkung, tadt Weißenbuii 'fees Erinnerm' r Stadtwald ist, fers, das alljoh t.
Das französischeKolonialreich
Von Or. Roderich t>. Llngern-Sternberg.
Frankreich ist nach England die zweite größte Kolonialmacht, und mit Stolz, wenn auch nicht ohne einen Unterton von Sorae, erklären französische Nationalisten, Frankreich sei nicht ein Staat von 42 Millionen, sondern von 100 Millionen Einwohnern, wobei die Bevölkerung der Kolonien kurzerhand der Einwohnerschaft des eigentlichen Frankreichs zugezählt wird.
Die Geschichte der französischen kolonialen Ausbreitung besteht aus zwei schroff voneinander getrennten Abschnitten, von denen der erste die Zeit von der Wende des 16. und 17. Jahrhunderts bis
Unsere Zeit ist stolz darauf, die schnellsten Verbindungen zu besitzen, die die Menschheit jemals gekannt hat. Schnellzug, Auto und Flugzeug lassen die Entfernungen zusammenschrumpfen, und wir möchten gewiß das Tempo unserer Zeit, das nun einmal das unsrige ist, nicht wieder missen. Aber ein schöner Gedanke ist es, grade in dieser hastigen Zeit die Gemächlichkeit und die Romantik des Reisens von ehemals wieder lebendig werden zu lassen. Wie manchen abgehetzten Städter gibt es, dem solche geruhsame Fahrt durch schönste Gegenden des Vaterlandes ungeahnten Genuß und Entspannung bringen kann.
Wer denkt nicht bei dem Wort Postkutsche unwillkürlich an die Bilder von Schwind und Spitzweg, die das Reise-Idyll der „guten alten Zeit" für immer festgehalten haben! Gewiß, die Bequemlichkeit, mit der wir heute sogar in einem gewöhnlichen Z.-Klasse-Wagen durch die Gegend rollen, die kannten unsere Urgroßväter nicht. Für die Reisenden war, besonders auf lange Strecken, die Idylle durch mancherlei Strapazen und Geduldsproben gestört. Aber wie man früher, als das Leben noch nicht auf Schienen lief und ein paar Handgriffe uns mit Licht und Feuer versorgten, überhaupt den Unbilden des All- taas viel unmittelbarer ausgesetzt war, so nahm man
Die erste P f e r d e p o st k u t s ch e ist jetzt dem Reichspostminister Dr.-Ing. e. h. Ohnesorge vorgeführt worden und hat in allen Stücken seinen Beifall gefunden. Sie wird in allernächster Zeit-im Erzgebirge auf der Strecke Bad Oberschlema—Auersberg in Dienst gestellt werden. In kurzen Abständen werden noch weitere Kutschen fertiggestellt und sollen auf folgenden Linien ihren Dienst aufnehmen: im Schwarzatal auf der Strecke Bad Blankenburg (Thüringer Wald)—Schwarzburg, im Naturschutzgebiet der Lüneburger Heide zwischen Hanstedt und Wilsede, im Glatzer Bergland von Bad Kudowa (Kr. Glatz) über Grenzeck (Kr. Glatz) nach Straußdörfel—Tannhübel und im Schwarzwald zwischen Birkendorf und Bettmaringen. (Scherl-Bilderdienst-M.)
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Von Postkutschen, Postillonen und Posthörnern
Alte Landstraßenromantik soll wieder aufleben.
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Leichhardt war Märker, 1813 im Spreewald geboren. Als Kind lernte er, wie er selber schreibt, „tüchtig hungern". Nach Beendiguna seiner Studien in der Philologie und den Naturwissenschaften reiste er vor hundert Jahren nach Australien. Der Staat Neu-Südwales hatte 1843 einen Preis von tausend Pfund ausgesetzt für die Erschließung eines Weges zwischen Sidney und dem Hafen Essington in Nordaustralien, eine Strecke von achtzehnhundert Meilen durch völlig unerforschtes Land. Mit der denkbar primitivsten Ausrüstung — die wissenschaftlichen Instrumente bestanden aus einem Taschenkompah und einem Thermometer (das sofort kaputt ging), machte sich Leichhardt auf den Weg. Mit zehn Begleitern war er 1844 von der Morreton-Bucht aus aufgebrochen, sechzehn Monate später tauchte er allein, ein Gespenst seiner selbst, in dem kleinen Hafen Port Essington wieder auf; in den Zeitungen las er seine Nachrufe — man hatte ihn längst für tot gehalten. Nach Sidney zurückgekehrt, wurde er wie ein Nationalheld gefeiert; die „Königliche Geographische Gesellschaft" in London verlieh ihm ihre Goldene Medaille mit der Widmung: „Die von Dr. Leichhardt zurückgelegte Reise, mit fast beispielloser Beharrlichkeit ausgeführt und mit dem vollständigsten Erfolge gekrönt, eröffnet den Ansiedlern Australiens ein neues, weites Feld für Unternehmungen und verbindet die Siedlungen von Neu- Südwales mit einem sicheren Hafen im Norden, wodurch die mit großen Umwegen verbundene und äußerst gefährliche Schiffahrt durch die Torres- Straße vermieden wird."
Nichts kann die Atmosphäre der australischen Wildnis besser wiedergeben als einige Worte von Leichhardt eigenem Bericht: „Sieben Monate waren wir ohne Mehl, viel länger als ohne Zucker, mehrere Monate ohne Salz und schließlich ohne Tee, so daß uns nichts blieb als das Fleisch der Rinder, die wir mit uns führten. Die Zubereitung war ganz einfach, wir schlachteten am Abend einen Ochsen, zogen ihm die Haut ab und zerteilten ihn. Am nächsten Morgen schnitten wir das Fleisch m lange Scheiben. Diese Scheiben und Strange hausten wir auf Leinen und Baumwollzweige; in zwei bis drei Tagen waren sie hinreichend trocken, um in Säcke gepackt zu werden. Gutes ttockenes Fleisch war am besten roh." Q
Ein Begleiter nach dem anderen verließ Leich- bardt' der letzte wurde bei einem Ueberfall von Austral-Negern getötet. Oft war es nur dre Furcht der Schwarzen vor den ihnen unbekannten Pferden und Ochsen, die Leichhardt rettete Monatelang wanderte er allein, immer den Tod des Verschmachtens vor Augen. Oft folgte er dem Flug von Tauben,
Leichhardt.
Von Heinrich Hauser.
Durch einen grausigen Fund mitten in der australischen Wüste scheint nun, wie wir bereits berichtet haben, nach neunzig Jahren das Schicksal des deutschen Australiensorschers Leichhardt aufgeklärt worden zu sein. Im südaustralischen Parlament zu Adelaide wurde bekanntgegeben, daß in der Simpson- Wüste nordöstlich von Mount Dare, etwa 30 Meilen vom Finke-Fluß, acht Skelette weißer Männer aufgefunden wurden von denen angenommen wird, daß es die lieber» refte der im Jähre 1848 verschollenen Expedition des deutschen Australiensorschers Leichhardt sind.
Die Berichte von den ersten Entdeckerfahtten ins Innere Australiens lesen sich, heute wunderlich, denn Expeditionen waren nötig für Ziele, die man heute mit der Vorortbahn erreicht. Die frühesten Forschungsreisen ins Innere erfolgten unfreiiDiUig entlaufene Sträflinge wanderten auf Taufende von Meilen durch den Busch, aber ihre Fahren brachten natürlich keine „wissenschaftlichen (£rgebni|fe^
Die frühen Expedittonen 9-ngen strahlenförmig von den Hafenstädten aus. Der Schiffsarzt G 9 Daß und der Seekadett Flinders waren die ersten, die Tasmanien umsegelten, 1796 mit einem winzigen Pott „Tom Thumb" - Bei emier Begegnung mit feindlichen Eingeborenen retteten ste ihr Leben dadurch, daß Flinders den Häuptlingen die Bärte schor.
Charles Sturt, ursprünglich Offizier, entdeckte 1828 den Darling-Fluß, fuhr auf ihm hmabund geriet ganz unerwartet in das mächtige üWß des Murray. Er ruderte bis zur Mundung dieses größten australischen Strom-Systems, konnte a nicht durch die Küstenbrandung kommen und reyrr nach unendlichen Strapazen auf dem Weg zurua, den er gekommen war. ~ „
Eyre zog 1841 an der Küste der ''®5°öen Australbucht" entlang durch unendliches Oedland. Sein Begleiter fiel unter den Speeren der Eingeborenen. Dor dem Dursttod rettete er fitp- ’nöein er mit einem Schwamm Tau von den Blattern sammelte. Aus höchster Hungersnot rettete ihn em stanzösisches Walfang-Schiff an der Küste.
Siner der größten australischen Forscher ist em Deutscher gewesen, Dr. Ludwig Leichhardt, T"„ nad) ihm ist heute noch eine Provinz von Jteu» Südwales und eine Vorstadt von Sidney benannt.
Gloria-palast: „Signale nach London"
Der Film gehört in die Kategorie der Hollywood- Produktion, die sich mit Vorliebe historischer Stoffe bemächtigt und diese mit einem beträchtlichen Aufwand an Menschen und Ausstattung in Szene setzt. Die Ereignisse erstrecken sich über einen Zeitraum von 35 Jahren (1770 bis 1805), wirken insgesamt mehr episch als filmisch und werden auch vom Titel, wie uns scheint, nicht ausreichend gedeckt. Immerhin hat der Film entschiedene Verdienste vor ähnlichen Werken dieser Gattung: weder die Geschichte einer Knabenfreundschaft noch die Geschichte einer leidenschaftlichen Liebe nämlich, weder Abenteuer noch Sensation sind für die Bewertung der Fabel ausschlaggebend; wichtig ist hingegen, daß kulturhistorisch interessante Dinge gezeigt und ernstliche Probleme aus der Geschichte des britischen Weltreiches auf eine einleuchtende Weise verständlich gemacht werden. Aus den beiden abenteuerlustigen und aufgeweckten Buben, die das Vorspiel bestreiten, werden zwei Männer, die in der Entwicklung Englands — jeder auf seine Weise — eine bedeutende Rolle gespielt haben: der eine ist Horatio Nelson, der Sieger von Trafalgar, der andere Jonathan Blake, der wichtigste Kopf der noch heute bestehenden, berühmten Londoner Versicherungsfirma Lloyds. Bei aller Romantik bleibt der Film — Manuskript: Ernest Pascal und Walter Ferris; Regie: Henry King — sachlich genug, die erstenAnfänge und die grundsätzlicheBedeutung einer schnell und zuverlässig arbeitenden Nachrichtenübermittlung und, im Zusammenhang damit, ein Generalproblem der englischen Situation im Kampfe gegen Napoleon um 1800 sichtbar zu machen. Aus der Freundschaft zwischen Nelson und Blake ergibt sich — innerhalb dieser Situation — überdies ein echter Konflikt persönlicher Art, der ebenso wie der romantische Liebeshandel zwischen Blake und Lady Elizabeth der Handlung auch im Sinne des Spielfilms farbige Lichter aufsetzt und lebendigen Antrieb gibt. Die energisch-männliche Erscheinung Tyrone Powers (Blake) und die sehr hübsche, blonde Madeleine Carroll (Elizabeth) bieten die darstellerisch interessantesten Leistungen in einem bunten und zahlreichen Ensemble. Fein und ftilge- recht wirkt die sparsame und gedämpfte musikalische Begleitung. — (Deutsche Fox-Film.)
Zeitschriften.
— Die Schweiz steht im Mittelpunkt der neuesten Nummer der „I11 u st r i r t e n Zeitung L e i p z i g". Mit einer prachtvollen Landschaftsaufnahme werden die Beiträge über das eidgenössische Land eingeleitet; es folgt eine Würdigung der Persönlichkeit des Bundespräsidenten Dr. Baumann. In Bild und Wort wird sodann der Schweizer Wehrmacht eine aufschlußreiche Darstellung zuteil. Den Abschluß bildet der Aussatz „Landesgemeinden in der Schweiz".
um Wasser zu finden: „Der Abend naht, die Sonne ist unter den Horizont hinabgesunken, aber immer noch strengt man das Auge an, um durch die Dämmerung die dunkelgrüne Umgebung eines Baches zu erspähen, oder versucht dem pfeilähnlichen Flug einer Taube zu folgen, deren Flügelschlag plötzlich mit Hoffnung erfüllt, nur, um sogleich mit größerer Betrübnis zurückzugleiten. Mit gesunkenem Mut läßt man den Kopf auf die geschwundenen Vorräte sinken. Wie oft habe ich mich in diesen wechselnden Zuständen der frohesten Hoffnung und des tiefsten Elends befunden, wenn ich durstig, im Begriff, vor Mattigkeit aus dem Sattel zu sinken, dahinritt. Das arme Pferd stolperte über jeden Stein, stieß kraftlos an den Bäumen an. Aber plötzlich wird der Rufe eines Kakadus, das Quaken eines Frosches gehört und die Hoffnung kehrt zurück: Es ist ganz gewiß Wasser in der Nähe. Die Sporen werden dem dursttgen Tier in die Seiten gedrückt — und da liegt die Lagune, der Bach. Das Pferd ist im Augenblick abgeladen, gekoppelt und ordentlich gewaschen. Bald ist ein Feuer angezündet, der Fleischtopf darübergesetzt — das Wonnegefühl des armen Wanderers ist ohne Grenzen. Dann hülle ich mich in meine Decke und blicke in die dichter werdende Finsternis oder in den gestirnten Himmel, dessen Bilder so groß und so ruhig an mir Dorübergleiten."
Im Dezember 1857 brach Leichhardt zu einer neuen Expeditton auf, die Neu-Südwales quer durch den Kontinent nach dem Swan-Fluß in West- australien führen sollte. Er hatte diesmal eine ganze Schar von Begleitern, Maulttere zum Reiten und eine große Ziegenherde als lebenden Proviant. Er ließ seine Begleiter hinter sich zuruck und verscholl in der Wildnis. Keiner der Hilfsexpeditionen gelang es, feinen Spuren weit genug zu folgen. Die jetzt gemeldeten Funde bringen zum ersten Male Licht in diese Tragödie eines großen deutschen Forschers und Pioniers.
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hinsichtlich der kolonialen Rohstofflieferungen, denn die Kolonien kaufen immerhin französische Erzeugnisse für bedeutende Beträge und sind z. B. als Verbraucher französischer Textilien von erheblichem Belang. Der stärkere Absatz innerhalb des Kolonialreiches ist hauptsächlich dadurch erreicht worden, daß Frankreich die Konkurrenz anderer Staaten durch Zollschranken und Vorzugstarife fernhält.
Es wäre aber ganz abwegig, die französischen Kolonien lediglich vom wirtschaftlichen Standpunkt zu bewerten. Für Frankreich sollen die Kolonien heutzutage nicht zuletzt eine große militärische Bedeutung erlangen, ein Vorhaben, das icherlich problematisch ist, aber gerade deshalb von besonders großer Wichtigkeit für die gesamte französische Politik ist. Je unzureichender die Besetzung )er wehrpflichtigen Jahrgänge in letzter Zeit wird und je mehr die militärische Rüstung an Umfang zunimmt, um so mehr treten die Kolonien als Reservoir von Rekruten und Arbeitskräften in den Vordergrund. Frankreichs passive Bilanz der natürlichen Bevölkerungsbewegung, das Ueberroiegen der Sterbefälle über die Geburten, soll durch verstärkten Rückgriff auf die Einwohner der Kolonien ausgeglichen und ein Stand der militärischen Rüstung erzielt werden, der dem nie zur Ruhe kommenden Gefühl der „Unsicherheit" vollauf Rechnung trägt.
Zeichen der großen Lebenskraft und des regen Geltungsdranges, die dieser Nation eigen sind. Dessen ungeachtet ist gerade Frankreich in besonders hohem Maß mit den Sorgen belastet, die heutzu- taae der Besitz von Kolonien jedem westeuropäischen Staat verursacht, zumal solchen Staaten, die, wie Frankreich, nicht in der Lage sind, fortlaufend eine erhebliche Zahs von Kolonisatoren zu stellen oder nicht über ausreichende materielle Mittel verfügen, um den kolonialen Besitz in größerem Maßstab wirtschaftlich auszuwerten. Denn es liegt auf der Hand, daß auf die Dauer der Besitz von Kolonien sinnlos wird, wenn ihre Verwaltung und Beherrschung mehr kostet, als sie einbringen.
In wirtschaftlicher Hinsicht hat allerdings der französische Kolonialbesitz in der Nachkriegszeit sich in höherem Grade bezahlt gemacht, als das vor dem Kriege der Fall war. Die stärkere Verflechtung der Metropole mit den überseeischen Besitzungen äußert sich vor allem darin, daß der Anteil der Kolonien am französischen Außenhandel dem Wert nach gestiegen ist. Während der Jahre 1909 bis 1913 betrug er in der Einfuhr nur 10,9 v. H. und in der Ausfuhr 12,8 v. H., in den letzten Jahren ist der Anteil a6er bis auf 2*5,7 v. H. bzw. 32 v. H. gestiegen. Von sämtlichen Kolonien ist allerdings Algier hinsichtlich des Warenaustausches mit dem Mutterlande bei weitem die bedeutendste; es gehört eigentlich schon zum binnenwirtschaftlichen Gebiet Frankreichs. Demgegenüber find die übrigen Kolonien im französischen Außenhandel nur von geringem Belang. Jndochina z. B. hat nur einen Anteil non 2 bis 3 v. H. am französischen Gesamtexport und Import zu verzeichnen, während bei Algier diese Anteile 12 v. H. bzw. 17 v. H. erreichten. _ .
Ueberblickt man die einzelnen Waren der französischen Einfuhr, so kann man feststellen, daß in bezug auf Nahrungs- und Genußmitteln die Zufuhr aus den Kolonien nicht unbedeutend ist, wogegen die Lieferung von industriellen Roh- und Hilfsstoffen bei keinem einzigen Posten wesentlich ins Gewicht fällt. Hinsichtlich der Aufnahmefähigkeit der kolonialen Bevölkerung für französische Erzeugnisse sind die Erfolge in den letzten Jahren im Vergleich zur Vorkriegszeit befriedigender als I gen
Für jeden Unbefangenen erhebt sich in diesem Zusammenhang die Frage: Werden die Farbigen, die Berber, Marokkaner, Neger, Indo-Chinesen usw. tatsächlich auf die Dauer gewillt sein, für Frankreichs Sicherheit und Ruhm ihr Leben einzusetzen? Sind im Fall langwieriger kriegerischer Verwicklungen die in aller Welt verstreuten Kolonien nicht eher Gefahrenherde als Quellen der militärischen Stärke und der wirtschaftlichen Kraft? Diese Zweifelsfrage wird heute in Frankreich immer wieder gestellt, und es ist in der Tat sehr wahrscheinlich, daß die Kolonien in Zukunft im Zusammenhang mit einem großen Kriege, für Frankreich keine fördernde, sondern eine belastende und hemmende Wirkung ausüben würden. Darauf deuten nicht nur die Vorgänge in Tunis hfti, wo eine Los-von-Frankreich- Bewegung, die sogenannte neo-desturische, den Franzosen dauernd zu schaffen macht — es ist in sämtlichen von westeuropäischen Kolonialmächten abhängigen Völkern das Streben deutlich erkennbar, die europäische Vormundschaft loszuwerden ober doch nach und nach zu lockern. Wir stehen wahrscheinlich am Vorabend einer weiteren „Enteuropä- isierung" der Welt, was sich nicht nur darin äußert, daß alle überseeischen Länder sich industriell verselbständigen, sondern auch darin zum Ausdruck kommt, daß die Beherrschung und Auswertung des kolonialen Besitzes immer kostspieliger und schwieriger wird. Der Weltkrieg und die europäischen Zustände der Nachkriegszeit haben den Farbigen aller Schattierungen einen zuvor nie gekannten Anschauungsunterricht darüber erteilt, daß die Europäer, die sie früher als eine zur Herrschaft berufene Menschengattung ansahen, eine Vielheit sich fortdauernd befehdender Völker darftellen, von denen jedes für sich auf Kosten des anderen seinen Vorteil in der außereuropäischen Welt sucht. Diese Erkenntnis beginnt die entferntesten Gebiete und die primitioften Stämme zu erreichen. Zugleich mehrt sich die Zahl von farbigen Intellektuellen, von Arabern, Indo-Chinesen, Negern usw., die sich anheischig machen, ihr Land selbständig, und zwar nach „modernen" Grundsätzen zu verwalten, und zwar nicht zu Nutz und Frommen der europäischen Lehrmeister, sondern zu eigenem Vorteil. Auch das Gefühl der eigenen kulturellen Wertigkeit und der eigenen Kultur hat innerhalb der Völker des Islams, bei den Indo-Chinesen, Indern, ja selbst in beschränktem Umfang bei den mittel- und süd- amerikanischen Indianern sehr stark zugenommen mit dem Erfolg, daß die Stellung der westeuropäischen Staaten in Uebersee von Jahr zu Jahr schwieriger wird.
Es liegt auf der Hand, daß dieses Erwachen der farbigen Welt Frankreich, das zwar eine sehr geschickte Hand in der Behandlung von farbi- I gen Völkern bewiesen hat, infolge seiner Armut an
zum Jahre 1815 umfaßt — in welchem Jahr Frankreich seine kolonialen Erwerbungen in Nordamerika, Westindien, Südamerika und Vorderindien fast restlos an die Engländer verloren hatte —, und die Zeit feit den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Dieser letzte Zeitraum begann mit der Eroberung von Algier und schloß mit der Besitzergreifung von Marokko und der Zuteilung der Mandatsgebiete im ehemaligen deutschen Kamerun und Togo und in Syrien auf Grund des Versailler Diktats. Das heutige Kolonialreich Frankreichs erstreckt sich fast über ganz Nordwestafrika bis zum Kongo und umfaßt ferner Madagaskar, Jndochina und einige in der ganzen Welt verstreute Besitzungen und Stützpunkte, von denen einige, wie z. B. die westindischen Inseln Guadeloupe und Martinique, noch aus der ersten Kolonialzeit stammen.
Daß Frankreich bis kurz vor Ausbruch des Weltkrieges und abschließend noch als Auswirkung des Versailler Friedensdiktats sein koloniales Territo- rium erweitern konnte, ist ein unverkennbares


