Gleiches Nut gehört in ein gemeinsames Reich!
Schulungsabend der Ortsgruppe Gießen-Mitte.
Der gestrige Schulungsabend der Ortsgruppe Gießen-Mitte im „Burghof" war sehr gut besucht.
Kreisschulungsleiter Michel (Großen - Linden) sprach über das Thema „Gleiches Blut gehört in ein gemeinsames Reich". Er zeigte, wie gerade durch die Zeiten der größten Not die Menschen erkannten, daß doch stärkere Bindungen zwischen Menschen gleicher Sprache, gleicher Sitte und Gebräuche bestehen, als die bisherigen, durch den Bildungsgang oder die wirtschaftliche Sage bestimmten, die zur Ichsucht und zur Eigenbrödelei geführt hatten. Der Führer gab unsrem Volke die Erkenntnis der eigenen Art, die auf dem Boden der nationalsozialistischen Weltanschauung die Grundlage für das Zusammenfinden aller Menschen gleichen Blutes in dem einen Bekenntnis zum deutschen Volke schuf. Und in den einzelnen Punkten des Parteiprogramms legte er die Ziele für die Errichtung eines großen Deutschen Reiches als dem erforderlichen Lebensraum eines freien und selbstbewußten Volkes fest. Mit diesen neuen Gedanken eroberte der Führer nicht nur ein in sich zerfallenes Volk, sondern er schuf nach der Machtübernahme die Voraussetzungen für den Ausbau dieses Reiches.
Anschaulich schilderte der Redner, wie jedem Volke andere Aufgaben für seine Stellung in der Welt
gegeben sind und wie dementsprechend auch die Kräfte zur ErMung dieser Aufgäben voneinander abweichen. Wo die Kräfte eines Volkes zu Ende sind, beginnen die Grenzen des Volkes. Aus der Geschichte des deutschen Volkes wissen wir, daß es außerordentliche Fähigkeiten auf allen Lebensgebieten besitzt, die in Zeiten der Not immer in seinen größten Söhnen in Erscheinung getreten sind. Diese Lebenskräfte des deutschen Volkes zu mobilisieren, ist eine der größten Aufgaben der Gegenwart.
Der Redner befaßte sich dann u. a. eingehend mit den Hintermännern, die jahrelang die Wiedervereinigung der Ostmark mit dem Mutterland hinter- trieben und die ungeheure seelische und wirtschaftliche Not der Ostmärker auf dem Gewissen haben. An einzelnen Begebenheiten zeigte er die Unkenntnis vieler Volksgenossen über die Zusammenhänge dieser Dinge auf und erläuterte dann eingehend, wie nur durch die Ausrichtung aller Volksgenossen nach den vom Führer aufgestellten, allein gültigen Richttinien das deutsche Volk frei und kraftvoll dastehen und den ihm in der Welt zugewiesenen Platz nicht nur behaupten, sondern auch ausfüllen wird.
40000 Postsendungen mit unzureichender Anschrift.
12000 Sendungen sind in Gießen unzustellbar.
Obwohl immer wider darauf hingewiesen wurde, wie sehr durch Briefsendungen mit mangelhafter und unvollständiger Anschrift die ordnungsmäßige Abwicklung der Briefzustellung beeinträchtigt wird, steigt die Zahl der unzureichend beanschrifteten Sendungen von Jahr zu Jahr. Während nach den tm April 1937 vorgenommenen Feststellungen im Läufe eines Jahres beim Po st amt Gießen 27 000 mangelhaft beanschrifteteBrief- sendungen eingingen, von denen 20 000 Stück durch Nachschlagen im Adreßbuch oder durch Rückfragen u. dgl. nachträglich untergebracht werden konnten, so daß nur noch 7000 Stück unzustellbar blieben, erhöhen sich diese Zahlen unter Zugrundelegung des Ermittlungsergebnisses aus Mai 1938 für dieses Jahr auf 4 0 0 0 0, 28 000 und 12 000 Sendungen.
Bei einigem guten Willen läßt sich dem Uebel- stand leicht abhelfen. Jeder Volksgenosse kann dies ohne weiteres, wenn er bei Postsendungen stets die Wohnung des Empfängers nach Straße, Hausnummer, Gebäudeteil, Stockwerk und bei Sendun
gen nach Städten mit mehreren Zustellpostanstalten dazu noch die Nummer der Zustellpostanstalt angibt. Wie die Geschäfte Karteien über die genauen Anschriften ihrer Kunden führen, so sollte sich jeder, statt sich auf sein Gedächtnis zu verlassen, ein ähnliches Verzeichnis mit den Anschriften der Personen anlegen, mit denen er im Briefwechsel steht. Zur richtigen und vollständigen Anschrift und damit zur richttgen und unverzögerten Zustellung der für ihn eingehenden Postsendungen kann außerdem jeder viel beitragen, wenn er bei seinen ausgehenden Postsendungen sowohl auf den Schreiben, Rechnungen usw., als auch auf den Umschlägen außer seinem deutlich vermerkten Namen stets den Ort, die Straße und die Hausnummer und bei größeren Städten die Nummer der Zustellpostänstalt angibt. Ohne diese vollständige Absenderangabe sollte überhaupt keine Postsendung aufgeliefert werden, damit sie wenigstens dem Absender zurückgegeben werden kann, wenn die Zustellung an den Empfänger aus irgendeinem Grunde nicht möglich ist.
Wfhmidertsiebzig Jahre Wölfe zu Versiadi.
Der diesjährige Familientaa des allen oberhessischen Geschlechts Wolf aus Berstadt in der Wetterau, der an Pfingsten in Marburg stattfand, stand im Zeichen einer Sippengeschichte, wie sie wohl nur wenige oberhessische Bürgergeschlechter nachweisen können.
Am 4. April d. I. waren es 5 7 0 Jahre, daß in Berstadt in der Wetterau, einem der Hauptorte der alten Fuldischen Mark, der Ahnherr und Stammvater Konrad Wolf in einer Arnsburger Urkunde erscheint. Etwa 100 Jahre später erblickte sein Urenkel, Wenzel Wolff, dort das Licht der Wett, der im Ackerbuch des Amts Bingenheim 1530 alA Wenz Wolff der Alte genannt wird. Don da
an geht die Stammreihe, die im Deutschen Ge- schlechterbuch, Band 32 (Hessisches Geschlechtevbuch, Band 1) schon 1920 erschien, lückenlos bis zur Gegenwart.
Mit Johannes Wolf, der als nachgeborener Sohn 1764 nach Gießen übersiedelte, während der alte Stamm heute noch in Berstadt und Umgebung blüht, beginnt durch seinen Sohn Johann W i l - Helm Wolf ein akademischer Zweig der Ber- städter Wölfe. Johann Wilhelm Wolf, 1771 bis 1847, zuletzt Pfarrer zu Eichelsdorf, war der Begründer und Leiter des einst wohlbekannten Pädagogiums Wolf zu Wieseck. Durch seine drei Söhne Karl, t als Pfarrer und Dekan zu Ost
märchen vom Schulzen Hoppe fällt uns ein. Das war ein alter Nörgler und Besserwisser. Dem konnte es der liebe Gott nie recht mit dem Wetter machen. Einmal war es ihm zu trocken, bann wieder regnete es zu viel. Da sagte der liebe Gott endlich: „Nächstes Jahr sollst du das Wetter machen!" Und so geschah es auch. Hoppe ließ nun die Sonne scheinen und regnen, daß alles wuchs dnd gedieh. Das Getreide stand mannshoch. Es war eine Lust, alles zu betrachten. Als es aber zur Ernte ging, da waren in den Aehren fast gar keine Körner; denn der Schulze Hoppe hatte vergessen, den Wind wehen zu lassen. Und der muß doch da sein im Sommer, damit sich das Getreide besamen kann. Don der Zeit an hat sich Schulze Hoppe geschämt und dem lieben Gott das Wettermachen überlassen.
Und so soll es bleiben. Wenn es einmal nicht nach dem Wunsche der Menschen geht, so darf man nicht gleich schimpfen und wettern. Der liebe Gott wird es schon recht machen. H.
Dornotizen.
Tageskalender für Donnerstag.
Gloria-Palast (Seltersweg): „Zigeunerprinzessin". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Das letzte Sklavenschiff". — Neue Aula der Universität: 20.15 Uhr Kolonialvortrag (mit Lichtbildern) Pg. Hans Ernst Pfeiffer, Berlin. — Sportplatz 1900: Fußball- Freundschaftsspiel ,Dienna"-Wien gegen Stadtmann, schäft Gießen 19 Uhr. .
Beamte sollen Sport treiben.
LPD. Ministerialrat Löwer, der Leiter des Referates „Turnen und Sport" der Hessischen Lan- desreaierung, richtet an alle hessischen Behörden und chre Beamten und Angestellten die Aufforderung, sich zur Beseittgung von Berufsschäden und zur Erhaltung der geistigen Spannkraft, der körperlichen Frische und Leistungsfähigkeit sportlich zu betätigen. Durch mangelnde Bewegung werde der Beamte oft verweichlicht, frühzeitig verbraucht und ein griesgrämiger, nervöser Beamter, der in das neue Deutschland nicht mehr hineinpasse. Das Reich Adolf Hitlers, so heißt es weiter, in dem der körperlichen Ertüchtigung eine entscheidende Rolle zufällt und das als Endziel ein „Volk in Leibesübungen" will, muß auch hier von seinen Beamten und Angestellten erwarten, daß sie sich nicht abseits stellen, sondern durch körperliche Betätigung ihre Kräfte dem Staate möglichst lange erhalten. Auch das ist Dienst am Vaterland.
Mit Vernunft baden!
Lpd. Eine der angenehmsten Freuden des Sommers ist ein erfrischendes SB ab'. Der Drang nach Be- wegung, nach Luft, Licht unb Wasser erfaßt erfreulicherweise immer weitere^ Kreise unseres Volkes. Glücklich bie Gegenben, in benen bie Natur durch Flüsse unb Seen bem Babeleben färbernb entgegen», kommt. Aber das Baden muß mit Vernunft betrieben werden. Die Nichtbeachtung der elementarsten Baderegeln hat schon manches Unglück, manchen Todesfall verursacht. In erhitztem Zustand soll man nicht ins Wasser springen, da infolge des plötzlichen Temperaturwechsels bie Tätigkeit des Herzens aussetzen kann. Oft werden beim Baden auch Wirbel und kalte Strömungen gefährlich. Meist sind solche Gefahren an vielbesuchten Badestellen bekannt; in unbekannten Gewässern muß jedoch auch der beste Schwimmer Vorsicht üben. Nichtschwimmer sollen sich nie zu weit hinauswagen, jedenfalls nicht so weit, daß sie den Boden unter den Füßen verlieren. Der Kopfsprung ist gewiß eine sportliche Leistung, aber in trübem und wenig bekanntem Wasser kann ein unter diesem aufragender Stein und Pfahl gefährlich werden. Unnötig langes Verweilen im Wasser soll gleichfalls vermieden werden. Jeder aber sollte Schwimmen lernen! Gelegenheit hierzu ist jetzt überall in Stadt und Land geboten.
Fäden hin und her.
Roman von Hedda Wefienberger.
Copyright by Carl Duncker Verlag, Berlin W 35.
42. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)
Ja freilich, aber Marga hat nichts gesagt, kein Wort, das heißt, daß sie dort bleiben wolle, bis er, der Doktor, wiederkommt, das hat sie freilich gesagt. Ader sonst. Also weiß vermutlich Herr Breda mehr.
Breda schaut noch verständnisloses „Ich? Ich weiß gar nichts. Ich dachte nur, zwischen Margas Brief und Ihrem Hiersein müßte ... müßte ..."
Da kann der Doktor nicht anders, er muß vor lauter Wut schallend auflachen. „Was reden wir denn da eigentlich? Da wissen wir eben alle beide nichts!" Dann wird er aber sehr schnell wieder ernst, zündet sich seiner erloschene Zigarre noch einmal an und tippt Breda leicht auf ben Aermel. „Aber vielleicht hat Marga Montwill in Ihrem Brief Anbeutungen gemacht, bie... die..."
Breda nickt vorsichtig.
Der Doktor starrt erregt auf Bredas Mund: Wann macht er ihn denn um Gottes willen auf, um zu reden? Wann denn?
Lange Sekunden vergehen. Für ben Doktor sind es Ewigkeiten. Dann entschließt sich Breda endlich, zu reden: Wenn also die Ereignisse inzwischen ben Anhalt dieses Briefes nicht schon ungültig gemacht haben, dann.. Nun, Marga befindet sich offensichtlich in einem großen Gewissenskonflikt. Nicht nur wegen der Tochter des Herrn Doktors. Auch feinet», Bredas wegen. Die Vorstellung, sich von ihm trennen zu müssen, sei ihr mit einemmal ganz unerträglich. Sie gestehe allerdings, daß sie während der ersten Zeit in Eigelstein nur ganz selten an ihn, Breda, gedacht habe. Aber mit dem Augenblick, da von ihr ein Entschluß gefordert worden sei, habe sich plötzlich Bredas Bild wie ein Schatten zwischen Marga und ihre Umgebung gestellt.
Breda steht auf unb schaut ben Doktor mit einem fast glücklichen Lächeln an. ,Wir haben eben doch verdammt gut nebeneinander hergelebt, wissen Sie ..."
Der Doktor hat ein Gefühl wie ein Mensch, der im Begriff ist, sich freiwillig in einen Abgrund zu stürzen. „Nun und Sie, Herr Breda, t»ie stehen Sie zu alledem? Ich meine ..."
Breda kämpft einen schwierigen Kampf mit seinem Stolz.
„Ich liebe Marga Montwill", sagt er dann kurz.
Der Doktor gibt keine Antwort. Im Lagerraum fällt polternd ein Gestell um. Das Ladenfräulein, das die zwei Kunden bedient, hält einen langen Vortrag über den Vorteil von Leinenvorhängen.
Breda wartet eine Weile. Dann richtet er sich ein wenig auf und stemmt die Hände gegen die Lehnen seines Stuhls. „Und ich bin überzeugt, Herr Doktor,
wenn dies alles nicht so ganz über meinen Kopf hinweg vor sich gegangen wäre, wenn ich während dieser acht oder sind es schon zehn? — Tage Gelegenheit gehabt hätte, meine Person wieder etwas mehr in Erinnerung zu bringen, bann würde sich Marga Montwill niemals gegen mich entscheiden."
„Und — warum nicht?"
Breda schaut durch die breiten Fenster hinaus auf die Straße und lächelt verträumt. „Oh, weil wir aufeinander eingespielt sind wie zwei Musikinstrumente. Denken Sie sich: Beinahe drei Jahre sind wir von früh bis spät zusammen. Und nie Krach. Nie, daß dem einen die Gegenwart des anderen auf die Nerven gegangen wäre. Nie, daß der eine etwas erlebte, was der andere nicht teilte. Und der beste Beweis für unsere... unsere... daß wir meist sogar die Samstagabende unb Sonntage zusammen waren, an denen sich sonst doch Geschäftspartner, die sich nicht gerade angenehm sind, bestimmt meiden. Ach, unb bie gemeinsamen Einkaufsreisen! Manchmal bis Paris unb Florenz. Unb auch sonst so allerlei. Wir photographieren gemeinsam. Wir spielen Tennis. Wir haben zusammen ein Wochenenbzelt. Wir haben sogar ein Saar Ausdrücke, bie nur wir beide verstehen...
ber wozu erzähle ich Ihnen das! Wahrscheinlich ist das nun vorbei. .Wenn es kommt, wie sie es fürchtet', schreibt Marga."
„Schreibt sie wirklich: wie sie es fürchtet?"
Breda schaut verdutzt auf. Langsam steigt eine tiefe Röte ihm ins Gesicht. „Es ist sicher nur so hingeschrieben", sagt er bann.
Der Doktor schluckt tapfer. „Nun, unb wenn es also so kommt, wie sie es fürchtet?"
„Dann werben wir bas hier verkaufen. Denn ich allein — ich mag bann nicht mehr. Unb Marga etwa als stiller Teilhaber — sie würbe bann ewig mit ihren Gedanken hier fein, womit wieder Ihnen wenig gedient wäre. Außerdem ..."
„Nun, was außerdem?"
Aber Breda macht eine geringschätzige Handbewegung, atmet tief und steht auf. „Nichts, Herr Doktor. Verübeln Sie mir, bitte, nicht, wenn ich in der ersten Erregung vielleicht zu .niel gesagt habe."
„Oh, bitte."
Joseph Breda geht im Laden umher und macht sich da und dort zu schaffen. Er spricht auch ein paar Worte mit hereinkommenden Kunden, gibt sie aber dann gleich an eine Gehilfin ab unb streift weiter umher.
Der Doktor sitzt indessen wie angenagelt auf seinem Stuhl und denkt und denkt.
Will ihn Marga vielleicht aus Mitleid heiraten? Oder bildet sie sich ein, sie kann nicht mehr zurück? Oder ist es umgekehrt, hat sie etwa Breda diesen Brief aus Mitleid geschrieben? Fühlt sie sich auch ihm irgendwie verpflichtet? Oder kann sie sich wirk- lich nicht entscheiden — liebt sie beide? Oder keinen? Oder beide nur ein bißchen und keinen genug?
Ach, die Weiber! Da hat man's wieder!
Wenn sie jetzt etwa ihn, „ben Alten", nimmt, jammert sie bann vielleicht später dem Jungen
nach? Und wenn sie den Jungen nimmt, trauert sie dann nachher vielleicht doch ihm nach?
Verrückt! Verrückt!
Plötzlich springt er wie besessen auf, stürzt auf Breda zu, der gerade ein paar Briefe unterschreibt, die die Sekretärin ihm vorgelegt hat, und zerrt ihn energisch bei Amermel: „Noch ein paar Worte, Herr Breda!"
„Ja, bitte, ich wollte Sie sowieso fragen, ob wir nicht unser unliebsames Gespräch mit einem netten kleinen Gabelfrühstück zudecken sollen."
„Gabelfrühstück? Nein, vielen Dank. Ich muß ja nachher wieder zu meinem Patienten, und überhaupt, ich muß... Aber hören Sie, ich mache Ihnen in allem Ernst einen Borschlag: Fayren Sie noch heute nach Eigelstein. Suchen Sie Marga auf unb reben Sie mit ihr. Ich will, baß Sie diese Chance noch haben sollen. Und ich will damit auch gleich für meine Person eine Rückversicherung haben. Nur aus Mitleid ober aus sonst welchen lauwarmen Gefühlen heraus will nämlich ber olle Hammerbacher, so alt er ist, auch nicht geheiratet fein. Zum mindesten soll doch ihr Gefühl für mich — sofern es wirklich vorhanden ist — ein paar Anfechtungen standhalten können. Unb Sie firtb eine solche Anfechtung! Also reden Sie nichts dawider, fahren Sie los, verbringen Sie den Abend in Eigelstein. Unb — hm — sehen Sie zu..."
„Aber, Herr Doktor, ich kann doch unmöglich..."
„Sttll, reden Sie keine Makulatur zusammen! Packen Sie, unb hauen Sie ab! Um ein Uhr geht vorn Zoo der Zug. Ein Uhr zwo."
„Und Sie?"
Der Doktor lächelt unsicher. „Ich treibe mich hier herum und komme mit dem Abendzug nach."
„Und wenn Marga sich nun etwa...?"
„Gegen mich entscheidet, meinen Sie?"
Breda nickt. In feinen Augen kommt irgendein Licht auf. '
„Dann", faejt der Doktor unb atmet tief auf, „dann werde ich euch beide heute nacht,' wenn ich zurückkomme, nicht mehr in Eigelstein vorfinden. Sehr einfach, mein Lieber."
27. Unerwarteter Besuch in Eigelstein bringt bie Wendung.
„Mach Platz, Tapsy!"
Tapsy legt den Kopf schief, läßt durch seine breit hingestellten Dorderpratzen ein hysterisches Zittern gehen, schaut fein Frauchen dumm an und denkt gar nicht daran, Platz zu machen.
„Tapsy! Kannst du nicht hören? Platz machen, hat Frauchen gesagt."
Tapsy hört wohl, aber er tut es nicht.
Marga betrachtet ihn streng und kopfschüttelnd: „Dir ist Eigelstein anscheinend nicht so besonders bekommen, mein Sohn. Eigentlich solltest du jetzt ein paar Klapse bekommen, damit du dich darauf besinnst, daß du nicht der ungezogene Teckel Seppi, sondern der gutdressierte Airedale Tapsy aus der Zucht derer non Hohenstein-Eltville bist. Also schnell Platz gemacht oder ..."
heim 1883, Wilhelm, f als Hofgerichtsadvokat zu Gießen 1874 und Dr. med. Hermann, t als Kreisarzt zu Battenberg 1869, begründete er drei männliche und durch feine Tochter Emma, vermählt mit Pfarrer, bann Farmer Georg Münch aus Nie- der-Gemünden in Oberhessen, j Chikago 1899, einen weiblichen amerikanischen Ast.
Wölfe biefes Stammes leben heute in Gießen (Major a. D. Robert Wolf, Dr. med. Otto Wolf) Dresden (Carl Wolf) Kassel (Apothekenbesitzer Wilhelm Wolf) Darmstadt (Kreisdirektor Konrad Wolf) Mainz (t Geh. Justizrat Carl Wolf) Gonsenheim (t Sanitätsrat Dr. Fritz Wolf), Magdeburg (Obermedizinalrat Dr. Fritz Wolf), zahlreiche weibliche Linien in ben Sippen Knodt, Saufe, Gran, Jakob, Jordan, Hüsecken.
Nach einem zwanglosen Zusammensein am Samstagabend im Bahnhofshotel in Marburg eröffnete ber Senior, Major a. D. Robert Wolf (Gießen), am ersten Pfingsttag um 12 Uhr ben Wolfschen Familientag unb Familienrat, gedachte- der Toten und brachte ein Sieg-Heil auf ben Führer aus. Der Archivar und Herausgeber der Wolf» fchen Familienzeitung, Pfarrer Hermann Knodt, gab *ben Bericht über bie Familienereignisse feit dem letzten Familientag. Nach gemeinsamem Essen folgte ein Ausflug ins Blaue, auf den Ortenberg mit Kaffeetrinken. Am Abend hielt der Archivar einen mit großem Beifall aufgenommenen, durch zahlreiche Bilder und Urkunden erläuterten Vortrag über: 570JahreWölfezuBer stabt. Befon- bers bemerkenswert waren die erbbiologischen Untersuchungen unb Feststellungen des Vortrags. Familienforschung und Familiensinn darf nicht nur rückwärts gerichtet sein, sondern bewußt vorwärts, das uns von ben Ahnen überkommene wertvolle Erbgut ist zu wahren, zu mehren und resttos in den Dienst unseres Volkes zu stellen.
Gefahren in der Kirschenzeit.
Lpd. Mit dem Reifen ber Kirschen muß wieder an einige Vorsichtsmaßregeln erinnert werden, um sich unb anbere vor Schaben zu bewahren. Zunächst sind es die Unfälle unb Verletzungen, bie alljährlich beim Pflücken ber Kirschen vorkommen, bie zur Warnung Anlaß geben. Bei der Abnahme ber Kirschen prüfe man vorher bas Leitermaterial, gebe der Leiter einen sicheren Stand und versteife sich nicht darauf, auch die nahezu unerreichbaren Früchte an ben äußersten Enben ber Zweige noch zu pflücken, denn dies kann sehr gefährlich werden. Sicherer läßt sich auf schwankender Leiter hantieren, wenn diese an mehreren Stellen angebunden ist.
Weitere Gefahren drohen durch bas Wegwerfen von Kirschkernen auf Gehwegen, was nicht nur alten unb gebrechlichen Leuten, sondern unter Umständen auch ganz'gesunden zum Verhängnis werden kann.
Eine alte Unsitte, bie alljährlich Opfer forberf, ist bas Wassertrinken, überhaupt bas Trinken von Flüssigkeiten nach bem Genuß der Kirschen. Dadurch kann bie Darmtätigkeit plötzlich so unnatürlich gesteigert werben, baß Darmverschlingungen, ober Gesäßspren-' gungen eintreten, bie oft ben Tob zur Folge haben. Es kann auch zu ernschaften Erkrankungen bei Ma- genüberfüüung kommen, namentlich bann, wenn Früchte gegessen werben, die stark quellen unb bann auf einmal einen Mageninhalt bilden, den ber normale Magenraum kaum zu fassen vermag. Unb bie Kirschen gehören zu jenen Früchten, bie im Magen am stärksten aufquellen. Mawhüte sich baher gerabe beim Kirschenessen vor jebem Zuviel
(Siebener TDodjenmarftpreife.
* Gießen, 9. Juni. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Feine Molkereibutter, % kg, 1,52 Mark, Markenbutter 1,55 bis 1,60 Mark, Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück, 4 bis 10, Eier, deutsche, Klasse S 13, A.12%, B 12, C 11%, D 10%, Enten- eier 11% bis 12%, Wirsing, grün, % kg, 12 bis 14, gelbe Rüben, neue, das Bündel 15 bis 25; rote Rüben, % kg, 10, Spinat 8 bis 12, Römifchkohl 8 bis
Ach Gott, nichts: ober. Es ist jq im Grunbe fooo egal, ob Tapsy jetzt Platz macht ober nicht, wenn man nur besser geschlafen hätte, und wenn man nur wüßte, was man tun sollte, unb wenn nur dieses verflixte aufgeregte unb beflemmenbe Gefühl ba brinnen hinter bem hübschen blaugetben Pullover nicht wäre.
Marga steht ans Gartengitter gelehnt, schaut Tapsy an unb gähnt herzhaft. Wann geht wohl dieser endlose Tag mal zu Ende? Und — wie?
Monika ist heute in aller Frühe mit dem Rad ausgerückt unb hat Marga vergnügt zugeflüstert, daß sie bes alten Herrn Abwesenheit insofern gründlich auszunutzen gedenke, als Robert von Kahl gerabe heute „zufällig" feinen freien Tag habe. Marga hat sich daraufhin natürlich angeboten, bie zwei mit dem Wagen spazierenzufahren, aber bas wurde abgelehnt. Radfahren sei schöner. Also gut, mögen die beiden sich radelnderweise ihre Zärtlichkeiten sagen; jdder hat eben feine eigene Art, selig zu werden.
Nach Monikas Abfahrt hat es natürlich ein großes Gezeter von Tante Martha gegeben, unb Marga hat sich schleunigst mit der Ausrede gedrückt, daß sie Lenzsch besuchen müsse. Aber Lenzsch — das ist auch so eine Sache; Lenzsch hat plötzlich an der Krankenschwester, die ihn versorgt, Reize entdeckt, bie himmelweit über bie von Marga unb Monika hinweggehen. Darum gibt es in Lenzschs Krankenstube nur noch ein Thema: Schwester Sophie. Wie ganz anders und tausendmal netter als alle anderen sie ist. Wie sie seine Blicke so liebevoll erwidert, und wie sie sich überhaupt umbringt für ihn. Und bann anschließend: Ja, siehst du, Marqa, das ist eben eine Frau, eine Frau mit Gefühl! Aber ihr, Monika unb du, ihr seid berechnende, kaltherzige Geschöpfe, unb ich t)ab es schon immer gewußt ...
Guter Lenzsch, Gott erhalte dir dein Talent, alle Dinge so anzusehen, wie es für deine eigene Beweihräucherung am günstigsten ist!
Marga hat also auf halbem Wege kehrtgemacht und es vorgezogen, Lenzsch nicht zu besuchen. Ein klein wenig war auch die Hoffnung dabei maßgebend, es könne inzwischen zu Hause irgendein Lebenszeichen von Breda vorliegen, ober ber Doktor sei zurückgekommen.
Und dann?
Ja, was dann?
Noch nie in meinem Leben, denkt Marga, bin ich so willenlos gewesen wie heute. Ich weiß buchstäblich nicht mehr, was ich will. Wenn ich an Breda denke unb mir vorstelle, ich solle ihm als Frau Hammerbacher entgegentreten, dreht sich mir bas Herz im Leibe herum. Und wenn ich an den Doktor denke und daran, daß ich ihm nun plötzlich nein sagen soll, nachdem ich doch selbst zuvor oft genug mit solchen Gedanken gespielt habe, bann könnte ich mich zu Tode schämen. Was soll also daraus werden?
(Fortsetzung folgt)


