Einzelbild herunterladen

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberbeffen)

Nr. WZ Drittes Blatt

Montag. 9. Mai W58

Gute Lagdbilanz der Kreise Gießen und Kriedberg.

Lagerappell und Trophäenschau in Gießen.

Am gestrigen Sonntag veranstaltete die Deutsch» Jägsrschast der Kreise Friedberg und Gießen in den Räumen des Gesellschaftsoereins (Club) einen Jägerappell, mit dem die durch das Reichs- jagdgesetz oorgeschriebene Trophäenschau ver­bunden war.

Der Jägerappell

wies einen so starken Besuch auf, daß der Saal des Club bis zum letzten Platze besetzt war. Der Leiter des Appells, Gaujägermeister Nicolaus (Gießen), konnte als Vertreter des Landesjäger­meisters den Oberforstrat Schlich (Darmstadt), als Vertreter der Stadt Gießen Oberbürgermeister Ritter, und als Vertreter des Standortältesten Hauptmann Dreyer begrüßen. Er wies dabei auf die starke Förderung hin, die der Jägerei durch den Landesjägermeister, Gauleiter Sprenger, wie auch durch die Wehrmacht und im Bereiche der Stadt Gießen ' durch Oberbürgermeister Ritter bisher stets zuteil aeworden ist. Dann betonte er den ideellen Zweck der Jägerappelle, der auf Ver­tiefung der Jagdkameradschaft und der jagdlichen Weiterbildung gerichtet ist. ,

Anschließend berichtete Kreisjägermeister R o t t - mann als Vorsitzender des Beautachtungsaus- fchusfes über die Bewertung der in der Ausstellung gezeigten Jagdtrophäen des verflossenen Jagdjahres. Er stellte dabei in den Vordergrund, daß der Hege­abschuh im verflossenen Jahre in den beiden Jagd­kreisen ganz vorzüglich gewesen ist und in jagd­licher Hinsicht große Fortschritte, besonders im Kreise Gießen, zu verzeichnen sind.

Oberforstrat Schlich (Darmstadt) überbrachte sodann die Weidmannsgrüße des Landesjäger­meisters, Gauleiter Reichsstatthalter Sprenger, der durch den Reichshandwerkertag in Frankfurt a. M. am Erscheinen verhindert war. Ferner lobte er ebenfalls die vortreffliche weidgerechte Ausübung der Jagd durch die Jägerschaft der Jagdkreise Gie­ßen und Friedberg. Sodann machte er im Auftrage des Landesjägermeisters Mitteilung von der Erledi­gung eines Konfliktes, in den der Friedberger Kreisjägermeister Sarnes vor längerer Zeit ver­wickelt war und der dazu geführt hatte, daß Kreis­jägermeister Sarnes von diesem Amt zurücktrat. Die eingehenden Untersuchungen hätten ergeben, daß die gegen Kreisjägermeister Sarnes erhobe­nen Bvrwürfe völlig unbegründet seien. Daher habe der Landesjägermeister angeordnet, daß Kreis­jägermeister Sarnes sein Amt als Kreisjäger­

meister für den Kreis Friedberg in allen Ehren wieder übernehme. (Diese Mitteilung wurde von den Jägern mit starkem Beifall begrüßt.) Kreis­jägermeister Sarnes habe aber tm Hinblick auf sein Alter und auf andere persönliche Verhältnisse gebeten, ihn doch von diesem Amt zu befreien. Diesem Wunsche habe dann auch der Landesjäger­meister entsprochen, sich jedoch vorbehalten, Kreis­jägermeister Sarnes an anderer Stelle als Weid­genosse für besondere Aufträge zu verwenden, ihm auch das Recht zum Tragen der Kreisjägermeister- Uniform zuerkannt. Mit dem Dank an den schei­denden Kreisjägermeister Sarnes, im Auftrage des Landesjägermeisters, verknüpfte Oberforstrat Schlich die Mitteilung, daß als Kreisjägermeister für den Jagdkreis Friedberg der Erbhofbauer Karl Hensel (Dortelweil) vom Landesjägermeifter be­rufen worden fei. Unter Hinweis auf die großen Ereignisse unserer Zeit schloß Oberforstrat Schlich seine Ansprache mit dem Horrido auf beit Reichs­jägermeister, Generalfeldmarschall Göring.

Gaujägermeister und Kreisjägermeister für den Kreis Gießen, Nicolaus, bat den Vertreter des Landesjägermeister, diesem die Weidmannsgrüße der. Jägerschaft der beiden Kreise und die Versicherung der treuen Gefolgschaft zu übermitteln. Dann rich­tete er herzliche Worte des Dankes und des Glück­wunsches an die Weidgenossen Sarnes und Hen - s e l. Hierauf gab er die Ehrungen bekannt, die aus der Trophäenschau für eine Anzahl Reviere (vgl. weiter unten) zuerkannt wurden. Mit einigen weite­ren instruktiven Mitteilungen und mit der Auffor­derung an die Jägerschaft, im Jagdgebrauchshunde­verein für Oberhessen als Mitglieder vollzählig mit­zuwirken, schloß Gaujägermeister Nicolaus seine Ansprache. Dann wurde mit Jagdhörnern in feier­licher Form die Jahresstrecke Verblasen.

Hierauf machte Gaujägermeister Nicolaus die Mitteilung, daß die Spende der I ä g e r s ch a f t für das WHW. in den beiden Jagdkreisen im verflossenen Jahre folgendes Ergebnis brachte: Jagdkreis Gießen: 72 Stück Rehwild, 194 Hasen, 1 Fasahnenhahn und 15 Mark Bargeld: Jagdkreis Friedberg: 4 Stück Rotwild, 17 Stück Rehwild, 166 Hasen und 45 Mark Bargeld.

Mit dem freudig aufgenommenen Gruß an den Führer wurde sodann der Jägerappell geschlossen.

Am Abend vereinigten sich die Jäger noch zu einem gemeinsamen frohen Schüsseltreiben und un­terhaltsamen Kameradschastsabend.

Die Trophäenschau.

In den oberen Räumen des Clubs waren die Jagdtrophäen der beiden Jagdkreise vom verflosse­nen Jagdjahr in übersichtlicher Anordnung ausge­stellt. Der Besucher konnte hier klar erkennen, daß gegenüber früheren Trophäenschauen diesmal wie­der erhebliche und überzeugende Fortschritte der weidgerechten Ausübung der Jagd unter Beweis gestellt wurden.

Die Ergebnisse der beiden Kreise waren in ge­trennter Raumanordnung ausgestellt. In beiden Abteilungen konnte man aber einwandfrei erkennen, daß unsere heimische Jägerschaft den Abschuß streng nach den Erfordernissen der Ausartung des Wildbestandes durchgeführt hat. So ist es denn auch erfreulich, daß unter diesem Gesichtspunkt der Abschuß im Jagdkreis Gießen zu 9 4 v. H. und im Jagdkreis Friedberg zu 91 v. H. weidgerecht mit dem Ziel der Aus­artung durchgeführt wurde. Dadurch sind auch im verflossenen Jahre in weitestem Ausmaß die schlechten und kümmlichen Stücke Wild, die der Jäger als. Artverderber ansieht, ausgemerzt wor­den, zum Nutzen eines guten Bestandes, während, in früheren Jahren nur etwa 70 v. H. des Abschusses den Erfordernissen der Ausartung entsprachen.

Der Abschußplan, der bekanntlich zu Beginn jedes Jagdjahres aufgestellt wird, wurde im Jagd­kreis Gießen zu 88,7 v. H. erfüllt, im Jagdkreis Friedberg zu 86,8 v. H.

Als äußere Zeichen der Anerkennung wurden Pl a k et t e n zuerkannt. Davon erhielten im Jagd­kreis Gießen: Eine Goldene Plakette das Revier Rabenau für 40 richtig abgeschossene Böcke; je eine Silberne Plakette für 18 richtig abgeschossene Böcke das Revier Wieseck-Hangelstein und für 12 richtig abgeschossene Böcke das Revier Annerod-Fernewald: je eine Bronzene Plakette das Revier Staatsjagd Reinhardshain mit 12 und die Regiejagd Laubach mit 10 richtig abgeschossenen Böcken.

Im Jagdkreis Friedberg, in dem die Ver­hältnisse erheblich anders liegen, erhielten: eine Sil­berne Plakate das von Franckensteinsche Revier mit 10 richtig abgeschossenen Böcken, eine Bronzene Pla­kette die Regiejaad Friedberg mit dem anschließen­den Bönstäüter Revier mit 11 richtig abgeschossenen Böcken.

(Aufnahme: Neuner, Gießener Anzeiger.)

Links: Forstbeamter und Forststudent bei der Besichtigung. Rechts: Solch- Artverderber (schlechtes Gehörn ist dafür kennzeichnend) müssen abgeschasien werden.

Aus der Stadt Gießen.

3m Vorbeigehen

In einer heißen Maienstunde, mit Sonne auf dem weiten Platz. Wir bleiben einen Augenblick stehen, der gute Bekannte und ich. Wir sind so froh über die Sonne. Jeder Meysch ist froh über die Sonne, glaube ich, in diesem Mai zumal.

Nicht weit von uns steht ein Wagen. Schwarzer Lack, Nickelbeschläge, dunkelrotes Leder. Er sieht sehr neu und vornehm aus, er trägt das Zeichen der weltberühmten Fabrik.

Eine junge Dame sitzt neben dem Steuer, ein junger Mann hat sich eben neben sie gesetzt. Er trägt einen leichten Hellen Filzhut, die Frau ein entzückendes Stroh-Hütchen, flach, mit noch ent­zückenderen Blümchen. Die junge Frau ist ein wenig blaß, aber sehr hübsch. Und der junge Mann beugt sich zärtlich zu ihr, sieht ihr in die Augen, flüstert ihr etwas zu, sie lächelt, der Wagen gleitet davon: Der Platz liegt glühend, leer.

Es war eine kleine Szene. Sie wirkte beneidens­wert. Ich sagte es.

Mein Freund lächelte, aber es war ein trauriges Lächeln. Nein, sagte er langsam und sehr nachdenk­lich, man soll niemand beneiden. Es ist schrecklich dumm, neidisch zu sein.

Gegen Zahnstein*Ansatz Chlorodont die Qualitäts - Zahnpaste

Ich wollte widersprechen, wollte sagen, daß es nicht so gelbneidisch gemeint sei, tote er das wohl glaube, sondern nur...

Ja, sagte er, natürlich, ich verstehe dich. Man sieht manchmal solches Glück und erträumt es sich selbst. Ich kenne das Paar. Sie sind jung verheiratet, die beiden. Sie lieben sich sehr, du hast es gesehen. Es stimmt alles. Aber was du nicht weißt und ich nur weiß, weil ich mit dem Mann zur Schule gegangen bin und ihn heute noch ab und an treffe, ist dies: Seine schöne junge Frau ist krank. Der Arzt hat ein Leiden festgestellt, das wenig Hoff­nung für sie läßt. Er hat es ihr nicht gesagt, wie sollte er auch. Aber er hat den Mann aufgeklärt. Vielleicht wird die Frau gerettet, wir wollen es hoffen, obwohl es nicht danach aussieht. Ich weiß auch zufällig, daß die beiden.jetzt wieder zum Arzt fahren. Hast du gesehen, wie sie lächelte? Der Mann hat ihr sicher mit einem Scherz über den schweren Weg hinweggeholfen.

Nein, glaub mir nur, es ist schon dumm, neidisch zu jein. Ich glaubt? es. r. k.

Dornotizen.

Tageskalender für Montag.

NSDAP. Gießen-Nord: 20.30 Uhr Zellenbespre- chungen. Gloria-Palast, Seltersweg:Kleiner Mann ganz groß". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: Signal in der Nacht". Wettbewerb HI.-Heim, Gießen: 16 bis 18 Uhr Ausstellung der Entwürfe in der Volkshalle (Empore). Oberhessischer Kunst­verein, Turmhaus am Brand: 17 bis 18 Uhr Aus­stellungLandschaften feiner Heimat" von Richard Walter, Darmstadt.

Dr. Ley in Gießen.

Der anläßlich des Reichshandwerkertages in unse­rer engeren Heimat weilende Reichsorganisations­leiter Dr. Ley stattete am Sonntagnachmittag unserer Stadt einen Besuch ab. Reichsorganisations­leiter Dr. Ley verweilte u. a. zur Einnahme einer

Fäden hin und her.

Vornan von Hedda Westenberger.

Copyright by Carl Duncker Verlag, Berlin W 35.

17. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)

Marga Montwill weiß nichts zu sagen. Ihre Ge­danken' wandern flüchtig zu der Frau, die bis vor etlichen Jahren dieses Mannes Frau war. Ob er wenigstens mit ihr glücklich gewesen ist?

Der Doktor setzt jetzt den Hut wieder auf und wirft Marga einen kurzen Blick zu. ,^Vielleicht er­zähle ich gerade Ihnen das, weil um Sie Ijerum so e.ne ganz andere Lust ist, als wir st- faust m Eigelstein atmen. Und als Sie heute mittag bet Tisch von Ihrem Leben erzählten, da haben Sie mir schließlich kann ein Arzt den Psychologen in sich W nie ganz ausfchalten vielleicht mehr von sich verraten, als Sie beabsichtigen. Aber nein, keine Sorge, Sie haben nur Gutes verraten. Nur Er­frischendes und Erfreuliches und Belebendes. Wst- fen Sie, was ich nachher gedacht und gewünscht habe?"

"Daß' ich mit Ihnen künftig korrespondieren möchte! lieber die Bücher, die Sie lesen, über die Zeitgeschehnisse, die Sie aus fo ganj anderer Per­spektive auffassen als wir hier, lieber alles, vielleicht sogar über ... Aber nein. Nur über dies, was ich eben nannte. Würden Sie das tun?" Eine Sekunde legte er feinen Arm um ihre Schultern. Es ist eine herzliche, wahrscheinlich ganz unbewußte, bittende Bewegung.

Aber Marga erschrickt tief.

So tief, daß es eine Weile dauert, ehe sie ja sagen kann.

Das wird schön werden", sagt aufatmend der Doktor und nimmt wieder den Hut in die Hand und geht neben ihr her mit erhobenem Kopf.

Bis zum Rathaus und ^ur Kirche hin reden sie nun nicht mehr.

Dann machen Sie kehrt, und der Doktor erinnert sich grimmig lächelnd an Tante Martha, die wahr­scheinlich, wankend vor Müdigkeit auf irgendeiner Stuhlkante hängt und wie ein Polizist aufpaßt, daß die beiden jungen Leute drinnen am Flügel sich or­dentlich benehmen.

Die arme Tante Martha", lächelt Marga.Wol­len wir nicht ein bißchen schneller gehen? Sonst regt sie sich womöglich auch noch über uns auf, daß mir so unmanierlich lange ausbleiben"

So gehen sie schneller, und der Doktor führt

Marga, um den Weg abzukürzen, sogar über einen Bauplatz, der uneingezäunt, von Sträuchern be­wachsen, zwischen zwei Straßenzügen liegt.

Aber Vorsicht, Fräulein Marga, nicht stolpern. Haken Sie sich lieber unter."

Nein, Marga stolpert nicht; sie hat ja vernünf­tige Schuhe an. Aber unterhaken kann man sich ja trotzdem.

Plötzlich, als sie noch mitten auf dem Baugelände sind, gibt es ein fürchterliches Gepolter, dann heult einer der Hunde jammervoll auf, und in der glei­chen Sekunde jagt etwas Schwarzes haarscharf an Margas Füßen vorbei ... ,

Marga Montwill gehört sonst nicht zu den schreck­haften 'Leuten. Doch in diesem Augenblick erschrickt sie maßlos, so daß sie sich unwillkürlich mit beiden Händen ans Herz fährt und nun doch ein bißchen stolpert Aber da neben ihr geht der Doktor, und er erschrickt gar nicht. Warum soll er auch wegen einer Katze erschrecken, die die Hunde jagen, und die in der Hast ein paar aufgestapelte Holzlatten umgestoßen hat? Er greift nur besorgt und blitz­schnell zu, weil Marga so heftig zusammengefahren ist, und eine Sekunde lang preßt fein starker Arm sie fest gegen seine breite Brust. Da er fühlt, wie sie sich verwirrt gegen ihn schmiegt, ist er sehr in Versuchung, beide Arme um ihre schmalen Schul­tern zu legen. Ach, Herrgott, müßte es herrlich sein, dieses Mädchen ein paar Atemzüge lang in den Ar­men zu halten, nur in den Armen zu halten!

Dann ist es vorbei.

So ein blödes Katzenvieh!" sagt Marga, hastig atmend, und macht sich verlegen los.

Ja, ja, die tapferen Großstädterinnen! spottet der Doktor, und auch er atmet ein wenig haltig. Aber das macht die Nachtluft, nicht wahr? Uebn- gens war es auch unrecht, diesen Weg zu wählen. Er muß deswegen viplmals um Verzeihung bitten, und sollte ihm das Glück nochmals einen Spazier- gang mit ihr allein vergönnen, so wird er nur die schönsten und beguemften Wege aussuchen.

Da lachte Marga Montwill hell und befreit her­aus:Sollte Ihnen das Glück nochmals einen Spa­ziergang mit mir allein vergönnen o je, wenn das Ihre Patienten hörten, lieber Donor. Ihr gan­zer schöner Ruf als Grobian und Weiberfresser wäre zum Teufel. Und was dann?"

Da lacht auch der Doktor:Tia, was dann? Wahrscheinlich, Fräulein Marga, wurden sie sagen: Das war natürlich wieder eine Berlinerin, die un­seren guten bärbeißigen Doktor um seinen Ruf ge­bracht hat!"

Guten Ruf? Na, wissen Sie ...!

Und nun geht es hin und her zwischen ihnen, ein lustiges, manchmal gepfeffertes Gespött und Ge-

frozzle, und ihre Stimmen klingen heiter und un­befangen durch die Stille der Nacht, ja wirklich, bei­nahe ganz unbefangen ...

Obwohl immer noch ein romantischer Mond am Himmel steht, und obwohl jedes für sich angstvoll- erschrocken den Schlägen des Herzens lauscht, die lauter und heftiger und drängender sind, als es durch dieses Gespräch und diesen belanglosen kleinen Spaziergang gerechtfertigt scheint.

13. Gin Sonntagmorgen.

Um neun Uhr am Morgen beginnt es im gan­zen Haus plötzlich köstlich und verheißungsvoll nach Kaffee zu duften.

Es duftete hinauf bis in die Fremdenzimmer, und Marga, in ihrem breiten Bett, reckt sich wohlig: Kaffee, runder Topfkuchen, selbsteingemachte Mar­melade und Blumen auf dem Tisch und dann von draußen herein die Kirchenglocken, die Schritte von eiligen Kirchgängern und das gemütliche Klappern von Milchwagen' ja, so muß em echter Sonntag­morgen aussehen, so müßte er aussehen.

Gott, wie würde wohl Tante Martha die runzeligen Händchen zusammenschlagen, hörte sie, wie Marga Montwills Sonntagmorgen in Berlin aussieht: Äufstehen so gegen elf (und ach, wie ott mit Kopfweh und schlechter Laune, weil einem noch der Aerger der ganzen Woche in den Gliedern sitzt), Baden, 'ohne dadurch wesentlich frischer zu werden, Frühstücken, Postlesen und Anziehen zu einer Zeit, da glückliche Familienväter schon längst mit ihren Kindern unterwegs ins Grüne sind, glückliche Fa­milienmütter bereits hinter dem Kochtopf stehen und diesTunke für den Sonntagsbraten mit ein bißchen Kaffeezusatz schön braun machen. Und dann steht man da, und die ganze Wohnung ist noch durch­einander. In der Küche türmt sich das Geschirr vom Samstagabend, im Wohnzimmer müßte Staub gewischt werden, in der Diele hat Tapsy alles durch­einandergebracht. Aber wer stellt sich gern Sonntag­mittags um ein Uhr hin und putzt, und spult und schrubbt für sich ganz allein? Ja, wenn man es noch für andere tun müßte, für den Mann oder die Kinder. Aber so! Was bleibt also übrig? Man schlüpft in den Mantel, stülpt sich den Hut auf, telephoniert irgendeinem Bekannten. Ach nein, ehr­lich man telephoniert meistens Breda an, denn er wartet drauf, und dann geht man essen Irgend­wo, irgendwas, es ist ja ganz egal, Hunger hat man sowieso nicht, und wenn man in dem düsteren, mit künstlichem Licht erhellten, noch etwas nach abgestandenem Bier riechendenBräu" oderKel­ler" oder einerKlause" sitzt, weiß man beinahe selber nicht mehr, ob es Mittag oder Abend oder Mitternacht ist. Denn das Essen ist das gleiche. *:-

ßeute sind die gleichens die allgemeine Uebernächtig- keit ist die gleiche kurzum, es ist traurig. Und stände nicht draußen der Wagen, und hockte nicht Tapsy da und bettelte mit braunglänzenden Augen ums' Hinausfahren.und Durch-den-Wald-Laufen der Sonntag wäre wahrhaftig meistens noch trost­loser und jammervoller als die Wochentage. Zur Winterszeit wenigstens.

Und für Junggesellen wenigstens, vom Schlage Bredas.

Vom Schlage Bredas?

Nun ja, man selber ist in dieser Hinsicht ja auch vom Schlage Bredas. Man hat auch immer so ein dummes Gefühl in der Brust, als ob vieles anders und hübscher sein könnte, wenn man sein Leben grundlegend ummodelte.

Aber wie ummodeln?

Marga steckt den linken Fuß aus dem Bett und dreht ihn ein bißchen in den Gelenken. Ach Unsinn? Es geht einem wahrscheinlich nur zu gut. Und wenn man zum Beispiel anderen von diesemtrau­rigen Junggesellendasein" in Berlin erzählt, benei­den sie einen. Die Hammerbachers zum Beispiel.

Marga zieht den Fuß wieder unter die Decke und 'kriecht in sich zusammen wie ein Igel.

Ach nein, wenn man die Hammerbachers, wie sie da sind, wirklich nahmen und nach Berlin versetzen würde, jedes einzeln, ganz auf sich allein gestellt sie wären todunglücklich. Viel unglücklicher, tau­sendmal unglücklicher als man selber. Und sie wür­den sich nach Eigelstein zurücksehnen, wie unser­einer sich eigentlich ein Leben lang nach einem Eigelstein sehnt.

Marga streckt sich und setzt sich mit einem Ruck im Bett auf:

Oha. Sehnt man sich sein Leben lang nach einem Eigelstein?

Ist dies hier wirklich das Ideal? Das heimliche Ziel?

Ja dann ...

Marga Montvill steht langsam auf und geht auf bloßen Füßen zum Fenster. Man muß sich das nur einmal vorstellen: Man wohnt immer hier, schaut jeden Morgen zu diesem Fenster hinaus auf das Gartentor und die stille Straße mit den breitästigen Platanen. Und jeden Morgen klappert der Milch­wagen vorbei, und dort drüben der Herr heißt Müller, und man kennt ihn gut, und die alte Dame, die schräg gegenüber aus dem Fenster schaut, das ist Frau Schulze, und die ganze Stadt weiß, was für ein toller Bursche ihr Vater als junger Mann war, und warum die Schwester ihrer Schwiegertochter in Königsberg sich entlobt hat.

Schlimm, Marga Montwill?

(Fortsetzung folgt)