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Rr.287 Drittes Blatt

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Aus Der Stadt Gießen.

Verhängte Welt.

Eine verhängte Welt ist jetzt der Vogelsberg mit seinen breiten Höhen und tiefen Tälern. Milchige Nebelschwaden haben sich über ihn gebreitet, fein­dunstig auf den Höhen, dick und träge in den Tälern. Denn da dampfen die Bächlein und Flüsse zu Tal, über denen die Schwaden besonders gern brauen. Von dort kriechen sie in die Büsche, um tne Bäume und wälzen sich zu den Hängen hinauf. Aber aus eigener Kraft schaffen sie es nicht weit. Wenn nicht ein guter Aufwind sie aufwärts trägt, sacken sie wieder nach unten, das Tal um so schwerer erfüllend. Aber die Wolken helfen bald non oben nach: so schwer und nah schleifen sie jetzt über den Berg, dah auch oben auf den sonst so luftigen Höhen alles verhängt ist, was sonst doch unsere Freude und unser Ausspann war. Ja, eine schwer verhängte Welt ist jetzt der Vogels­berg!

Doch mit verschränkten Armen vom Fenster aus läßt sich nicht eindringen in die verhängte Welt. Wozu leisten aber auch ein paar gute Stiefel und ein dichter Mantel so gute Dienste? Mit ihnen und mit einem tapferen Herzen wollen wir hinein­schreiten in den Nebel, in den Vorhang aus tausend Dunsttröpfchen. Zwar reiht sich Pfütze an Pfütze auf dem Feldweg, zwar steht Schlamm und Lehm in den Runsen, grundlos scheinen die Tiefen zu sein. Und doch kennt der Weg ein Ziel, der so ärmlich und verlassen seine Kurven kriecht! Hin führt er in den Nebel, in die weite Welt der Stille und Einsamkeit. Immer tiefer und tiefer müssen wir in ihn schreiten, so zieht er uns an! Nun verhängt er uns die Welt da draußen, durch die wir eben noch schritten, schneidet uns ab von ihrer Hast und Oberflächlichkeit. Und milde reicht uns in dem milchigen Nebelmeer die Einsamkeit die Hand, nicht etwa die verlorene, sondern die tröstende! Sie wendet unseren Blick nach innen, weil er ja doch nach ein paar Schritten schon an­stoßen würde an der Nebelwand. In uns aber beginnt es dafür zu leben, Freunde wecken-wir auf, richtige Gespräche führen wir mit ihnen, ob sie auch schon weit, weit weg sind von uns.

Da sind wir auf einmal gar nicht mehr so allein, wie wir es im Anfang meinten! Viele gute Freunde schreiten uns zur Seite, leben in der ver­hängten Welt wie Schemen. Wir bleiben stehen, um ihren Stimmen zu lauschen. Singt und summt es da nicht um uns, tönt da nicht die Einsamkeit mit feinen Tönen an die Seele? Unsere Sehnsucht weckt dos Tönen der weißen Wette auf, Sehnsucht nach Hohem, Edlem; nach den Wundern des Ber­ges dürftet sie. Sie spannt sich und füllt sich mit der Ahnung Gottes, von dem Weite und Einsam­keit kommen.

Mit tiefer Freude füllt sich unsere Seele, daß sich unsere Schritte beschleunigen zum Heimweg ins stille Vogelsbergdorf. Schon glänzen Lichter aus den Fenstern; aber weit kann chr tröstender Schein nicht dringen, weil er gleich anstößt an der Dunst­wand. Der Rauch der Schornsteine zieht müde zu Erde, als ob er da seine Ruhe fände. Wir aber wissen das Geheimnis der verhängten Welt: Anmut und Ruhe, Stille und Einsamkeit müssen sein als Vorbedingung für künftiges Wachsen und Reifen, für Freude und neue Arbeit! K.

Hitler-Jugend Bann 116.

Stamm 1/116.

Arn kommenden Sonntag findet eine Stamm­schulung statt. Es nehmen daran sämtliche Führer der Gefolgschaft und Mitarbeiter teil. Die beruflich verhinderten Führer sind durch Stellvertreter zu ersetzen. Die Scharführer, Hauptscharführer und Sportwarte bringen Sportzeug mit. Angetreten wird in vorschriftsmäßiger Winteruniform ohne Mantel im Hofe der früheren Oberrealschule (Bis­marckstraße) nm 8.30 Uhr. Das Mittagessen wird um 12 Uhr gemeinsam eingenommen.

yy ge- its ber

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Mshrr schon 25000 mehr als im Vorjahr

Oie Teilnehmerzahl am Reichsberufswetttampf

Gedanke des Berufs­

ballett",

und in Einblick

a. M. statt. Die Sieger werden dann vom 22. 30. April zum Reichsentscheid einberufen, der in fern Jahr in Köln durchgeführt wird.

viele Erwachsene. An der Ruf, ihren Willen durch Teilnahme am bekunden.

Von Jähr zu Jahr hat der

bis die-

sie ergeht letztmalig zum Leistungseinsatz Berufswettkampf zu

tänzerischer Uebersetzung zu sehen, bekam in dasWiener Panoptikum" und feierte

nach dem 25. November ein. ^Bci den Kreisdienst- stellen war daher der Ansturm derart groß, daß nicht genügend Anmeldebogen herbeigeschafft wer­den konnten, so daß von Berlin die Genehmigung zur Verlängerung der Anmeldezeit eingeholt werden mußte. Dadurch bietet sich auch noch für die Volks­genossen, die bis jetzt gewisse Hemmungen hatten, Gelegenheit, sich zum Berufswettkampf anzumelden. Besonders wird noch auf die in diesem Jahre neu eingeführte Leistungsklasse 8 hingewiesen, in der alle führenden Männer der Betriebe, wie Betriebs­führer, Prokuristen, Werkmeister usw., ihre Lei­stungsfähigkeit beweisen können.

Die Teilnehmerzahl ist fast bei allen Wettkampf­gruppen in unserem Gau gestiegen. Vor allem be­merkenswert ist die erhöhte Beteiligung bei der WettkampfgruppeWald und Holz". Sie beträgt rund 80 v. H. Bei der WettkampfgruppeEnergie VerkehrVerwaltung" wird mit einer Zunahme von etwa 1200 Teilnehmern zu rechnen sein. Die Landjugend stellt beim Leistungskampf rund 20 000 Jungen und Mädel.

Die große Teilnahme am Wettkampf macht es auch erforderlich, die Zahl der ehrenamtlichen Mit­arbeiter wesentlich zu erhöhen, um die umfang­reichen Arbeiten bewältigen zu können. Statt der 25 000 vorgesehenen Helfer werden etwa 35 000 Mitarbeiter eingesetzt. Mit den Vorbereitungen für die Ortsmettkämpfe beginnen sie unmittelbar nach Meldeschluß. Die Gauausscheidungswettkämpfe fin­den vom 24. bis 28. März wieder in Frankfurt

schließlich Abschied von den Künstlerinn-rn und Künstlern mit dem SchlagerliedAlles für's Herz".

Ungern nahm man davon Kenntnis, daß nun Schluß war. Man hätte noch länger zuhören und

NSG. Nachdem die Frist zur Abgabe der Anmeldungen für den Berufswettkampf aller schaffenden Deutschen im Gau Hessen-Nassau einmal verlängert wurde, läuft sie jetzt end­gültig am kommenden Samstag ab. Bis da­hin muß jeder, der ein freiwilliges Bekennt­nis zur Steigerung der Leistung ablegen will, sich zu dem beruflichen Wettstreit gemeldet haben. Groß ist schon die Zahl der Jugend­lichen und Erwachsenen, die sich am Reichs­berufswettkampf beteiligen. Noch aber fehlen

mettkampfes bei den Schaffenden des Gaues Hessen- Nassau immer mehr Eingang gesunden. In allen Kreisen des Gaues Hessen-Nassau ist stun auch in diesem Jahre wieder ein gewaltiges Anwachsen der Zahl der Jugendlichen und Erwachsenen festzu­stellen, die im edlen Wettstreit den Nachweis ihrer beruflichen Tüchtigkeit erbringen wollen.

Nach einer Zwischenmeldung aus den Kreisen an den Gaubeauftragten für den Reichsberufswett­kampf in der Gouwaltung der DAF. hatten sich bis zum 24. November rund 2 5 0 0 0 Jugend­liche und Erwachsene mehr gemeldet als i in Vorjahr. Dieses erfreuliche Ergebnis wird am 10. Dezember noch weit höher liegen. Während die Jugendlichen fast restlos sofort nach der Eröffnung ihre Anmeldungen für den Reichs­berufswettkampf abgaben, gingen die meisten An­meldungen der Erwachsenen erst in den fünf Tagen

Dann gab es noch ein eigenartigesLeucht- man bekam den Radetzkymarsch zu hören

man sich nicht entziehen kann. So gefiel besonders die Sache mit dem merkwürdigen Sprachfehler, dann die Szene mit den bösen Buben in der Schule. Geradezu unnachahmlich und wohl charakteristisch für den Wiener Ton war das Lied ,^)ch hab mir .in Grinzing an Dienstmann engagiert". Die ver­hinderte Serenade von Toselli, dieunheimliche Geschichte" von Leo Stoll, das lustige Wochenende mit dem grotesken Wettrennen und der Zwiegesang vom Wiedersehen, das alles nahm man mit Ver­gnügen hin und freute sich an der lockeren und doch so sicheren Art, in der alles geboten wurde.

Einen großen Teil des Programms bestritt bann das Ballett, eine Schar von Tänzerinnen, denen Tanz und Eleganz im Mute zu liegen scheint. Selbstverständlich wurden einige Wiener Walzer ge­boten, und zwar nicht in einer allzu gefühlvollen Art, sondern so frisch und schwungvoll, daß man tatsächlich den Eindruck hatte, den Wiener Walzer von der Quelle her zu erleben. In gleicher Linie lagen dasMärchen im Schnee", derGruß aus der Steiermark", dieMelodie in Weiß" und schließlich berUngarische Tanz".

Eine originelle Idee war es, die Besucher durch drei .Handwerksburschen durch Oesterreich zu füh­ren, ihnen auf besondere Weise Linz, Salzburg, Innsbruck und Wien zu zeigen. Wie das geschah, läßt sich im Einzelnen gar nicht schildern man muß es eben gesehen haben!

Die NS. - GemeinschaftKraft durch Freude" hat das Theater der Wiener Spiel- zengschachtel verpflichtet und bewies damit eine glückliehe Hand. Gestern abend fand die erste Vor­stellung statt. Der Gloria-Palast mit seiner geräu­migen Bühne war dabei der rechte Rahmen.

Das Theater der Wiener Spielzeugschachtel hat das war rasch zu bemerken einen eigenen Stil. Don allem geht der Reiz einer feinen Kultur aus. Deshalb gibt es auch nichts Allzulautes, nichts Ueber-Sensationelles, und selbst die Humoristen hal­ten sich in jenen Grenzen, die durch den Gesamt­charakter des Theaters gegeben sind. Immerhin gibt cs viele Gelegenheiten zu herzlichem Lachen und zu vergnüglichem Schmunzeln, ganz abgesehen da­von, daß es auch für das Auge vieles gibt, das zu heller Freude Anlaß ist. Und was das Theater besonders auszeichnet ist die Ausstattung, die in allen Teilen ideenreich, blitzsauber, ja seriös und so farbenprächtig ist, daß man des Schauens und Bewunderns nicht müde wird. Das Ballett tritt in eleganten Kostümen auf, die Herren des En­sembles zeigep sich im schwarzen Gesellschaftsanzug und so, als seien sie aus dem feinsten Modejournal ausgeschnitten. Das umfangreiche Programm, nur von einer kurzen Pause unterbrochen, nimmt von der ersten bis zur letzten Minute gefangen. Man kann es nur in Zusammenfassungen andeuten, was in den dreißig Nummern alles geboten wird.

Schon ber Gruß aus der halbgeöffneten Spiel­zeugschachtel ist nett und originell. (Bigotte und ihre beiden Kameraden zeigen sich bann als ausgezeich­nete Steptänzer und im Laufe des Abends einige Male als tänzerische Akrobaten. Die Komiker Stoll und Joham führen einige kleine Spiele und Zwie­gespräche auf, die zu herzlichem Lachen reizen Sie warten mit einem urgemütlichen Humor auf, dem

Alles fürs Herz!"

Schönes Gastspiel des Theaters der Wiener Gpielzeugschachiel.

Donnerstag, 8. Dezember (938

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zu seh en können. Der Dank an die Künstler für alles Schöne und Liebenswürdige fand in anhaltendem herzlichen Beifall seinen Ausdruck.

Vornotizen.

Tageskalender für Donnerstag.

Gloria-Palast, Seltersweg: 16 Uhr Märchenvor­stellungSchneeweißchen und Rosenrot"; , /Das tapfere Schneiderlein";Die gestohlenen Hühner": Max und Moritz". 20 Uhr Gastspiel der Wiener SpielzeugschachtelAlles fürs Herz". Lichtspiel­haus, Seltersweg:Maja zwischen zwei Ehen".- Archäologisches Institut: 20 Uhr im Großen Hörsaak der Universität Winckelmannfeier, Professor Dr. ZschietzschmannDie griechische Kunst nach den Per­serkriegen". Oberhessischer Kunstverein: 17 bis 18 Uhr Weihnachtsausstellung im Turmhaus am Brand.

Arbeitstagung der Wirtschaftsgruppe Einzelhandel.

Am morgigen Freitag, 20 Uhr, veranstaltet bie Kreisgruppe Gießen der Wirtschaftsgruppe Einzel- hanbel im HotelBayerischer Hof" eine Arbeits-

Etlicher, reiner «Atem

gründliche, schonende Reinigung, verhindert den Ansatz von Zahnstein.

Stoße Tube <0 TL, kleine Tube 25 TL

tegung, in ber alle Fragen um ben neu anzuwenden» den Einzelhanbels-Kontenrahmen erörtert werden.

Verdauungs- und Sloffwechselstörungen."

Der Ortsoerein Gießen der Kneipp-Vereinigung veranstaltet am morgigen Freitag, 9. Dezember, im Kakholflchen Vereinshaus einen Vortragsabende Dr. Beck (Villingen) spricht über das ThemaDer, dauungs- und Stoffwechselstörungen".

Krankheitserkennung und -behandlung".

In ber VortragsreiheWissenschaft im Dienst am! Volk" ber Volksbilbungsstätte Gießen und bes NSD.- Dozentenbunbes hält Professor Dr. R e i n w e i n am morgigen Freitagabenb einen Vortrag überKrank­heitserkennung unb -behanblung".

Unser neuer vornan.

In ber heutigen Nummer des Gießener Anzeigers beginnen mir, nachdem mir den Abdruck des RomansKleine Frau mit großem Mut" von Kurt Riemann in der gestrigen Ausgabe unseres Blattes beendet haben, mit der Veröffentlichung eines neuen, großen Romanwerkes. Wir stellen heute einen neuen Autor vor, ber unseren Lesern bisher bei uns noch nicht begegnet ist, dessen Arbeiten sich aber in letzter Zeit einer zunehmenden Beliebtheit und Verbreitung zu erfreuen hatten. Der neue Roman heißt:

Wohin gehst Du, Elisabeth?" von Hubert lauste.

Der ursprünglich vom Autor gewählte Untertitel Eine Schauspielerin sucht ihren Weg" mag bereits eine Ahnung vom Thema und zugleich eine Andeu­tung davon geben, daß sich dem Leser hier eine völlig andere Welt öffnet als in den voraus- gegongenen Werken. Aber es soll gleich dazu be­merkt werden, daß es sich hier nicht allein um einen Theater- und Künstlerroman, sondern ebensosehr auch um einen Frauen- und Liebesroman handelt, unb, daß der Weg der Schauspielerin Elisabeth Hellfahr ein Weg oder Umweg ins Glück ist und in der Erfüllung einer tiefen fraulichen Sehnsucht endet. Die Geschichte ist gut unb lebendig erzählt, sie stellt die ^Menschen unb ihre Umwelt den Lesern plastisch vor Augen und steigert sich zu einer mi- gewöhnlichen inneren unb äußeren Spannung. So biirfen wir gewiß fein, mit dem neuen Roman allen unseren Leserinnen und Lesern in Stabt und

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Zauber der Edelsteine.

Von Friedrich Schnack.

Die Steinwelt ist nicht tot; ihre Keime sind die Kristalle, ihre Blumen bie Ebelsteine. Sie sind bie Knospen eines geheimnisvollen Lichtlebens in den Fluren ber Finsternis, die farbigen Träume der Abgründe. Der Geist der Flamme ist in ihnen stei­nern verkörpert. Sie gleichen ben Tränen der Sterne, geweint in bie düstere Unterwelt. Sie sind die Schätze unb Kleinodien der Erd- unb Felfen- muttcr. Mit ihren Kornern unb Prismen hat sie sich den braunen Nacken bekränzt. Gläserne Blitze umzucken das schlafende Gesicht; in ihrer Hanb- muschel liegen Diamanten unb Rubine reinsten Wassers, und ber Bergkristall ihres Siegelringes schimmert gerünbef unb rein wie der eiskühle Tropfen ihrer Bergquelle.

Der Hauch großer Vergangenheit umatmet den Edelstein. Er ist zeitlos, er altert nie. Ewige Jugend ist ihm verliehen. Sein Wesen ist so gut wie un­wandelbar, die Verwesung kann ihm nichts anhaben. Hat er sich nicht durch ungeheuer ausgedehnte Zeit­räume erhalten? Alle Schicksale der Erde erlebte er. Er überstand sie alle. Die Erde ber Urzeit hatte mit ihm gespielt. Durch Stürme unb Feuer warf sie ihn, durch Wasserfluten und Zyklone. Er rollte durch heiße Flüsse und wurde durch bie Schlote der Vulkane geschleubert. Als die Erbe des wilben Spie­les müde war, verschloß sie ben Ebelstein in ihre unterirbifdjen Kammern und in die Gräber ber Berge, bis ihr jüngster Sohn, ber fundgierige Mensch, ihn aus seinem Schlummer aufweckte und herauftrug in das Licht des Tages, das von seinen Kanten unb Flächen flammt wie das Widerspiel des Urfeuers und des Sternenschimmers.

Dieses hohe Feuer ist künstlich nicht nachzuahmen, mag es auch gelungen fein, eine Anzahl synthetischer Edelsteine herzustellen es ist bas Feuer der Na­tur. Die künstliche Korunde und Spinelle, in man­cherlei Farben und Tonungen, sind aus der chemi­schen Masse ausgeschmolzen und nicht nach gehei­mem Weltgesetz gewachsen, das bie Kristalle in ihre unabanberliche Form treibt, womit sie Leben ge­winnen und Strahlung.

Das hohe Alter adelt den natürlichen Stein. Die Zeit hat ihn gereift, bas Geheimnis seiner Geburt ihm mit Zauber ausgestattet. Das ben Ebelstein um­spielende Fluidum ist sein Geist, die Durchsichtigkeit sein Rang, die Härte sein Charakter und das Feuer seine Seele. Diese Eigenschaften verleihen ihm Würde unb Wert. Die Kllnst des Schleifens steigert sie zu Hoheit und großer Ehre. Der Schliff weckt

das innerste Leben des Steines, mehrt feine Schön­heit und wandelt ihn zum seltenen unb kostbaren Juwel. Unter ben Hänben ber Meister verlieren bie Steine, sich zu lenchtenbem Wasser verslüchtigenb, gleichsam ihre Starrheit unb Kälte.

In alter Zeit, als bie Kunst bes Schleifens noch nicht erfunden war, haben bie Juweliere bie ge­wachsenen Kristalle sorgfältig poliert. So prächtig sie auch schimmerten unb blinkten, ihr eigentliches We­sen, bie leuchtenbe Gewalt ihres Innern war nicht aufgeweckt worben. Erst ber Schliff brach biefen Zauberschlaf. Nun konnten die Flammen, Blitze und Feuer ber Steinseele rein hervorsprühen unb hefti­ger berücken. Für bie Edelsteine begann ein neues Zeitalter unb ein ruhmvoller Siegeszug burch bie Erbteile.

Der Schliff gibt ben durchsichtigen Steinen zahl­reiche Flächen, Facetten genannt. Die Schleifkunst ist eine Art von Mathematik, auf schärfste Genauig­keit kommt es dabei an. Der Edelsteinschleifer schnei­det wohlberechnete Winkel aus dem Stein, indem er ihn gegen die kreisende mit Diamant- oder Korund­staub versehenen Scheibe preßt, dabei darf nicht zu­vielAbgang" entstehen, auch müssen etwaige Feh­ler und Risse berücksichtigt werden. Durch die Fa­cetten erleidet der einfallende Lichtstrahl eine mehr­fache Brechung und Rückblendung, so daß dem Stein ein unruhig gleißendes, das Auge anlockendes Fun­keln entspricht. Berühmt ist ber Brillantschliff. Er wirb vor allem dem Diamanten, dem härtesten und kostbarsten aller Edelsteine, gegeben, am wirkungs­vollsten dem von reinstem Wasser, dem blauweißen. Der herrlichste blauweiße Diamant, den jemals die Erde hergab, ist der 3106 Karat schwere Culli - n a n, einst in Südafrika gefunden unb jetzt im Besitz des englischen Königs. Da ber Stein zu groß war, mußte er zerschnitten werden: neun große und 96 kleinere Brillanten wurden aus ihm heraus- geschlaffen. Cullinan I. funkelt im Zepter, Culli- nan ll. in der Krone Englands.

Die nicht durchsichtigen Steine ober werden mugelig, halbrundlich geschliffen. Diese Form gibt man dem Türkis, dem schwarzen, blauen unb milchigen Opal, dem M o n d st e i n , dem M a - j ad) i t u. a. mehr. Sie erfreuen durch ihre schönen Farben, den opalisierenden Schein, das katzäugig wogende Licht, ihren Schmelz unb durch mancher­lei andere Reize.

Allergemeinste Stoffe sind die chemischen Bau­steine der Edelsteine: Thonerbe, Kohlenstoff, metal­lische Verbindungen, Kalke unb Kieselsäure. Durch ben Schöpfergeist ber Natur würbest sie aus der ungestalteten Masse heraus gehoben, geformt, ge­bildet, beseelt und aus trüben Erdstössen zu ewig leuchtenden Lichtstoffen geschaffen.

Begegnungen mit Rudofl Virchow.

Von Sven Hedin.

In seinen ErinnerungenFünfzig Jahre Deutschland" (Verlag F. A. Brockhaus) er­zählt Sven Hedin von seinen Begegnun­gen mit vielen großen Deutschen. 11. a. lernte er im Berlin ber neunziger Jahre auch Ru- bolf Virchow, einen ber größten beutschen Aerzte des Jahrhunberts, kennen.

Virchow war ein Wunber an Gelehrsamkeit unb Geist. Er schien alles zu wissen, was mit Körper unb Seele ber Menschen aller Länber zu tun hat. Er mar pathologischer Anatom, Mebiziner, Anthro­pologe, Ethnologe, Ethnograph. Er hatte bie mo­derne Gesundheitslehre eingeführt und begleitete selbst seine Sanitätskolonne im deutsch-französischen Krieg; er hatte eiste neue Kanalisierung für Berlin durchgesetzt, die für die Gesundheit besser war als die alte, er förderte bie Volksaufklärung unb rief eine Gesellschaft nach ber andern zu diesem Zwecke ins Leben, er schrieb bahnbrechende wissenschaftliche Merke, gründete gelehrte Zeitschriften und unter­stützte bie Herausgabe allgemeinverständlicher Werke, er unterrichtete, hielt Vorlesungen und heftete sich wie eine Bulldogge Bismarck an die Fersen. Er schien mit allem zwischen Himmel und Erde fertig zu werden. Seine Arbeitsleistung hätte gut auf zehn gewöhnliche Menschen verteilt werden können.

Und doch merkte man ihm nie an, daß er Eile hatte. Ick) war viele Male bei ihm zu Tisch, stets wirkte er gleichmäßig unerschütterlich ruhig, als lebe er mitten in den friedlichsten Ferien. Stundenlang konnte er ber Jugend von seinen Reisen und Er­fahrungen erzählen, von seinen scharflinnigen Theo­rien über bie Menschenrassen unb ihren Ursprung. Als ich im Jahre 1892 einmal mit einer dicken Mappe selbstgezeichneter Volkstypen aus Persien unb Türkistan zu ihm kam, prüfte er jebes einzelne Blatt unb hielt lange Vorträge über meine Perser, Kurden, Afghanen, Turkmenen, Usbeken, Osttürken, Chinesen unb Kirgisen.

Schon gleich zu Beginn meines Berliner Aufent­haltes lub er mich in bie Anthropologische Gesell­schaft ein, beren Grünber unb Vorsitzender er war, unb ich besuchte non da an die meisten Sitzungen. Die Forderungen an Disziplin, die bei diesen Ge­legenheiten herrschte, richteten sich nur an die ge­

wöhnlich vollzählige Zuhörerschaft in dem ainphi- theatralischen Hörsaal. Der Vorsitzende selbst mar über alles, was Pünktlichkeit und Verabredung hieß, erhaben. Er tat, was ihm einfiel. Als ich bas erste Mal teilnahm, betrat ich kurz vor ber festgesetzten Zeit, gegen sieben Uhr, ben Saal. Alle Anwesenden waren mir fremd, und ich kam zwischen zwei alte, vermutlich ungeheuer gelehrte Herren zu fitzen. Sie waren freundlich unb höflich unb ließen sich in ein Gespräch mit mir ein. Als sie horten, baß ich Schwede war, den Orient bereift hatte und bei Richthofen studierte, stiegen meine Aktien. Wir un­terhielten uns sehr angeregt. Inzwischen war es acht Uhr geworden. Wir sprachen weiter miteinan­der über das Ansehen, das Virchow allenthalben, besonders bei den Gelehrten, genoß. Es wurde neun Uhr. Der Vorsitzende war immer noch nicht erschie­nen. Keiner wurde ärgerlich, keiner ging weg, alle blieben sitzen. Man begrüßte seine Bekannten, er­örterte wissenschaftliche fragen, blätterte in neu­erschienenen Büchern uifb Zeitschriften, bie auf einem Tisch ausgelegt waren, besah eine Ausstellung anthropologischer Photographien, und bie Zeit ver­strich.

Einhalbzehn Uhr betrat Virchow ben Saal, ging mit langsamen Schritten ans Rednerpult unb be­gann seinen Vortrag, ohne mit einer Andeutung fein Zuspätkommen zu erklären ober um Entschul- bigung zu bitten, daß er bie Zuhörer zweieinhalb Stunben hatte warten lassen. Sein Vortrag war meisterhaft nach Form und Inhalt, unb er sprach vollkommen frei. Er berichtete über bie letzten Neuigkeiten, Entdeckungen unb Theorien auf dem Gebiete ber Anthropologie unb ber Vorgeschichte bes. Menschen unb streikte den Inhalt ber seit ber letzten Sitzung bei der Bibliothek ber Gesellschaft einge­gangenen Bücher unb Zeitschriften. Er sprach zwei Stunben lang ununterbrochen, ohne ein Anzeichen von Mübigkeit; als er geendet hatte, unterhielt er. sich noch mit einigen ber Anwesenden.

Für eine spätere Sitzung waren drei Vorträge angcmelbet. Aber gerabe zu biefer Zeit wütete die Influenza schonungslos in Berlin, unb alle drei Redner blieben aus. Virchow war bggegen punkt kicher als gewöhnlich unb hielt aus dem Stegreif einen Vortrag über die angejaaten Themen, die verfchiebene Teile ber Erde berührten. Er wußte Befcheib über alles, las alles unb ließ sich nichts- entgehen.

Jetzt, ein Menschenalter nach seinem Weggang, ist es mir eine teure Erinnerung, ihm im Leben so nahe geftanben zu haben. Zu feiner Zeit war er einer ber größten Gestalten her internationale)* Wissenschaft.