Ausgabe 
8.10.1938
 
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r. 236 viertes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) 8./0. Oktober 1938

Lahrmarktsbummel auf Oswaldsgarten

!or derMärchen-Insel Hawai" imponiert den Kin­dern besonders das possierliche Aeffchen.

Zweimal im Jahre müssen die großen Fernlast- ige aus Oswaldsgarten den Platz räumen, denn !i Frühjahr und im Herbst kommen die Schau- eller und nehmen für je 10 Tage den Platz für 5H in Anspruch. Sie tun es mit jenem Recht, das is der Gewohnheit' heraus erwachsen ist. Die < chüler der benachbarten Schulen, die sonst fast iit Ballspielen einen Teil des Platzes beherrschten, 1 mmeln sich nun irgendwo anders.

Der Gießener Jahrmarkt kündigt sich meistens )on zeitig an, denn oft sind schon acht Tage vor eginn der Messe die schweren Wagen und die Wohnwagen der Schausteller auf dem Platz. Viel-

.'deutendes Gefühl, wenn die Kleinsten am Steuer der Rennwagen sitzen.

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I Roman von Kurt Riemann

.'pyright by Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa (Nachdruck verboten.)

l. Fortsetzung (Nachdruck verboten!)

. In diesem Augenblick schlägt der Fremde die lugen auf. Ganz langsam. Karola hält sich ganz ft.'I, wagt kaum zu atmen. Er hat sehr große blaue fügen. Sie blicken lange in den Himmel, starr und rrbeweglich, dann belebt sich der Blick, als erkenne er, was sich da über ihn beugt.

Und nun geschieht etwas Üeberrafchendes, etwas H rührendes, daß es Karola die Sprache verschlägt be Augen beginnen zu lächeln, über das Gesicht gcht ein Schimmer von Glückseligkeit, es beginnt zu lei chten, zu strahlen, es wird wundervoll lebendig es wird das Gesicht eines großen Jungen, der sich unendlich freut.

,Du bist tra!?" flüstert der Fremde, gerade so loit, daß Karola es verstehen kann.

Sie nickt ihm langsam und ernsthaft zu.

Da schließt er die Augen, wendet den Kopf lang- an zur Seite, so daß seine rauhe, unrasierte Wange ici in ihre Hand schmiegt und bleibt, still liegen.

.Gut! Gut!" Und wie ein Verirrter, der heimge­sunden hat, ruht er nun glücklich und zufrieden bei id Dann tastet seine Hand nach der Brust es tu fiert da wie Papier und wieder die beiden liiincn Worte-Gut! Gut!"

_5r streckt sich, und sein Atem wird tief und gleich- nrßig Er schläft.

Ein wenig verzweifelt hockt Karola noch immer liefen ihm Was soll das geben? Schließlich kann sc nicht hier sitzenbleiben, bis vielleicht gegen Abend tir Bauer oorbeikommt

Allerdings wenn man chn vorsichtig bettet Je meint plötzlich daß es schön sein müßte, hier -u sitzen und auf seinen Schlaf aufzupassen. Wenn |r erwacht, kann man ihn jam Auto mitnehmen

5in warmes Gefühl mütterlicher Verantwortung promt über sie sie hat schon als kleines Mäh- i ixn ihre Puppen sehr sorgfältig gepflegt, wenn sie I hnf waren - seit Mutter tot ist, hat sie für nie- Hund mehr Sorge zu fragen ach Gott, nicht

n denken' Aber schön muß es doch fein einen Duschen zu haben einen Mann em Kind

letdjf gab es in der Umgebung weit und breit keinen anderen Jahrmarkt, den sie hätten besuchen können. So kommen sie eben schon eher und wohnen auf Oswaldsgarten wohnen damit in aller Öffentlichkeit. Dann sieht man oft Wäsche um die Wagen flattern, denn die ruhige Zeit müssen die Frauen ausnützen!

Schon während der ganzen vergangenen Woche beherrscht nun eine Flut der Töne, der Farben, der bunten, schreienden lockenden Bilder, den weiten Platz. Da und dort hört man noch die gute alte Orgel, die jeden Erwachsenen an die Jahrmärkte, Volksfeste und Messen seiner Jugendzeit erinnert. Schade, daß sie immer mehr verschwindet Wer er­innert sich nicht gerne jener prachtvollen Orgeln, bunt bemalt, vielteilig aufgebaut, mit den Rokoko­figuren, deren mittelste den Taktstock bewegte usw. Wie standen wir doch als Kinder viertelstundenlang

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Auch das Motorrad en miniature erfreut sich aller Beliebtheit.

davor und versuchten die geheimnisvolle Technik zu ergründen, die diesen großen und vielstimmigen Or­geln zugrunde liegen mußte. Diese Orgeln also vermißt man nun fast ganz, und an ihre Stelle ist die Schallplatte getreten, deren Klänge dann mit oder ohne Nebengeräusche überdimensional verstärkt werden. Wenn es Fortschritt bedeutet, sei nichts da­gegen gesagt.

Der Bummel über Oswaldsgarten ist interessant und dankbar. Man braucht nicht zu fein dazu sein! Der Bummel über den Jahrmarkt hat so etwas völlig Unverbindliches an sich. Jedermann kann sich gefangen nehmen lassen von den phantasievollen Anpreisungen der Ausrufer und kann weiter­gehen. Man darf alles und muß nichts! Wer Zeit hat und lockere Groschen genug, könnte z. B. syste­matisch eine der Schaubuden nach der anderen be­suchen, könnte da unb dort an den Verkaufsstän­den naschen Hier sich im Schießen üben und dort an der Gewinnbude sein Glück probieren. Weniger erfreut sind die Schausteller von jenen, die nur gucken kommen" und keinen Pfennig ausgeben.

Es wäre schwierig, alles aufzuzählen, was es auf der diesjährigen Herbstmesse zu sehen gibt. Zwar fehlen diesmal Achterbahn und Russisches Rad (die eigentlich zu jeder Messe gehören), nichts­destoweniger gibt es genug Gelegenheit, sich zu un­terhalten. Mit Vergnügen folgt man den Anprei­sungen des Ausrufers, der die Glasmenschen in das rechte Licht rückt und das Wunderbare und Einzig­artige dieser Schau in bunten Farben schildert, jener Schau, die selbstverständlich auf der Pariser Weltausstellung die größte Sensation war. Fürausnahmsweise" nur 10 Pfennige kann jeder­mann in Verführung geraten! In stiller Aufforde­

Unsinn! Du phantasierst, Karola! Sie ruft sich selbst zur Ordnung und faßt dann kurzerhand den Entschluß, ihren Schützling ins Auto zu laden. Wenn man ihn wachrüttelt und unterstützt, müßte sich das machen lassen.

Hoffentlich ist's kein Devisenschmuggler.' fährt's ihr durch den Sinn. Unterm Hemd hat er scheinbar irgend etwas verborgen, was ihm wichtig erscheint Na, das wird sich Herausstellen!

Und dann begibt sie sich ans schwere Werk. Es ist schwerer als sie gedacht hat, denn der Fremde tut ihr nicht den Gefallen, aufzuwachen, sondern läßt sich schwer wie ein Sack von ihr in den Sport­wagen verstauen.

Doch sie schafft's.

Aufatmend besieht sie sich ihr Werk, da liegt er nun neben ihr im Wagen und die Wunde hat wieder zu bluten angefangen; die Polsterung ist natürlich zum Teufel. Das Kleid auch.

Schadet nichts! denkt Karola. Hauptsache, daß ich ihn durchknege?

Sie sitzt schon im Wagen neben ihm, da bemerkt sie einen langen schmalen Briefumschlag im Gras am Wegrand

Das sind die Devisen! Ein heißer Schrecken fährt ihr durch die Glieder. Sollte dieser Mann tatsächlich? Eigentlich bleibt keine andere Lösung hier, dicht an der Grenze außerhalb der Zollstraße

Lieber Gott, tu mir das nicht an!" Und mit Erstaunen bemerkt fie, daß es ihr wehtun würde, wenn sie diesen Mann der Polizei übergeben müßte. Ja, im tiefen Herzensgründe spielt sie sogar mit dem Gedanken, ihn nicht zu verraten

Unsinn? Wenn das der Fall ist muß er die Folgen tragen Selbstverständlich' Karola ist für Sauberkeit innerlich und äußerlich. Wer ist er eigentlich? Hat er keinen Ausweis bei sich?

Natürlich! Hier hat er ja die Brieftasche im Sakko Und da der Name im Paß: Dr. Herbert Karajan.

Herrgott Karajan? Wo habe ich nur diesen Namen schon einmal gehört? Karajan? Das klingt doch nicht alltäglich Hieß nicht jener Mann Karajan, dem Meßdorf damals, als Vater so krank wurde, die Erfindung abjagte? Natürlich! Hier steht es ja Berus: Industrie-Chemiker

Langsam schiebt fie die Papiere wieder in die Brieftasche zurück und verstaut sie sorgfältig im Rock des Unglücklichen. Eine seltsame Erstarrung überfällt sie.

rung stehen die Grazien dabei und spielen mit einem weißen Kakadu In hoheitsvoller Ruhe steht dereiserne Siegfried" mit dem scharfgeschnit­tenen Profil da, angetan mit einem Hermelinman­tel und dannbegeben sich die Künstler zur Bühne

Und gegenüber tut sich wieder eine andere Welt auf: dieMärcheninsel Hawai", die durch exotisches Getrommel in kurzen zeitlichen Abständen das Augenmerk auf sich zieht. Männer in schneeweißen Tropenanzügen machen gute Figur und werben für ihre Schau.' Ein aufgewecktes Aeffchen bildet das Entzücken der Kinder Wenn in dieser Schaubude die Vorstellung beginnt, dann nimmt der Ausrufer derTodesfahrt" das Mikrophon zur Hand. Spar­sam wird dabei der Vorhang zurückgeschlagen, so daß jedermann den Schauplatz der erregenden Vor­führungen sehen kann, jene geschlossene Kugel aus Stahlbändern, in der dieTodesfahrt" sich abspielt. Und wieder nebenan hat sich eineWiener Schau" aufgetan, die schon durch die Bilder auf der Außenwand erraten läßt, was es zu sehen geben wird

An der Ecke nach dem Viadukt zu haben sich, so scheint es, jene Händler ein Stelldichein gegeben, die wir alle unter dem Namenbilliger Jakob" kennen. Nicht weniger denn fünf haben dort unter runden Schirmen ihre Verkaufsartikel aufgebaut, die sie mit denkbar bestem Erfolg an den Mann bringen. Kaum wird man dessen müde, ihren ge­schickten Anpreisungen zu folgen.

Noch mancher anderen Verlockiing gilt es zu widerstehen oder zu erliegen. Ein Duft von gebra­tenen Würstchen, vermischt mit dem Duft von ge­brannten Mandeln und von Lebkuchen aus der oberbayerischen Hütte bringt den Gaumen in höchste Unruhe, und hier lecken Kinder an Eis und Schlag­sahne ...

Ueberhaupt die Kinder? Das Karussell mit Mo­torrädern und Autos hat es ihnen restlos angetan; die Autobahn mit den Rennwagen von bester Strg« ßenlage ist Ziel aller Wünsche. Herrlich, einmal Gas geben dürfen wie die Großen! Herrlich, am Steuer zu sitzen und richtiggehend selbst Autv zu fahren? Immer wieder unvergleichliches und leise schmerz­liches Bild, so vier, fünf Kinder vor jenem Stand stehen zu sehen, an dem es Luftballons und so vielerlei kleine reizende Spielsachen zu kaufen gibt? Den Kindern sprechen alle Wünsche aus den Augen. Mancher Vater, manche Mutter zieht unwillkürlich

Der kleine Mann bekommt einen Ballon. (Aufnahmen [5|: Neuner, Gießener Anzeiger.)

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den Geldbeutel. Die Halbwüchsigen drängen in dis Schaubuden, haben Eisdüten in den Händen, neigen zur Schiffschaukel und gehen unermüdlich auf und ab

Abends ist dann der Festpunkt für die reifere Jugend da, da füllt fie die Schaubuden, promeniert auf und ab, flirtet, lacht, scherzt.

Noch viel ließe sich über den Jahrmarkt sagen, auch wenn er sich in so bescheidener Form vollzieht, wie in Gießen, wo es nicht so fein kann wie im Wiener Prater, auf dem Münchener Oktoberfest, der Dresdener Vogelwiese oder in Hamburg! Mor­gen abend ist die Gießener Herbstmesse zu Ende.

Dann kommen die Fernlastzüge wieder fL

Hier sehen Sie die größte Sensation der Pariser Weltausstellung." Nicht 20, sondern nur 10 Pfennige Eintritt zahlen Sie hier

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Karajan? Ausgerechnet der einzige Mensch, dem ich nie unter die Augen kommen möchte?

Ein kurzes Auflachen.

Und ihn lese ich hilflos auf! Aus Millionen die­sen einen! Wär's doch ein Devisenschmuggler, ein wildfremder Mensch, dessen Namen ich nie gehört habe aber nicht dieser Mann vor dem ich mich fürchte ja, fürchte! Ob ich ihn einfach bei Tante Therese abgebe und weiterfahre?

Aber dagegen bäumt sich ihr Trotz auf und ihr Herz.

Unsinn! Erst soll er einmal gesund werden. Alles andere findet sich. Vielleicht kann ich wieder gut machen, was ich damals schuldlos schuldig ge­worden bin.

Entschlossen setzt fie sich ans Steuer ihres Wa­gens Stumm und bleich hängt der Mann neben ihr Sein Kopf ist zur Seite gesunken und ruht an ihrer Schulter. Es ist schwer, sehr schwer, diesen Mann neben sich zu wissen und zu fühlen.

Karola sitzt starr und steif Sie weiß, daß nun ein Abenteuer beginnt. Aber sie fürchtet sich nicht das Schicksal hat sie gerufen. Sie will ihm die Antwort nicht schuldig bleiben.

Als er langsam die Augen aufschlägt, da ist es hell, und die Helle formt sich zu einem Bild, und das Bild, das er durchs weitgeöffnete Fenster stau­nend erblickt, ist dies:

Weit spannt sich her Himmel über niedere Häu­ser, ein herrlicher tiefblauer, reiner Himmel, wie er nur im Gebirge leuchtet Weiße Sommerwolken ziehen über ihn hin. Sie kommen und vergehen. Man kann ihnen dabei zusehen. Die Sonne blickt über die Tannenwipfel auf her Höhe, läßt Wolken­schatten über die Felder laufen.

Die Dächer des Dorfes leuchten rot und die alten Linden dazwischen dunkelgrün Von der Höhe schaut man aus diesem Fenster ins Tal, über das Dorf und die Wiesen ringsum.

Die erste Regung des Erwachenden ist ein Ge­fühl heimlichen Glückes, der Freude eines beschenk­ten Kindes vergleichbar.

Erde, Himmel und Wald. . Musik einer Land­schaft, Frieden und Ruhe und Wiedergenesen. .

Karajan richtet sich langsam auf Er sucht in sei­nem Gedächtnis; aber da ist ein großes Loch. Er weiß nicht, wo er ist, wie er herkam, noch was überhauvt mit ihm geschehen ist Nur her Blick eines Mädchens, eines fremden, schönen Mädchens, das neben feinem Bett fitzt das ist afl^ Er reckt die Glieder alles in Ordnung! Da in dec Schul­

ter ... ah, das schmerzt teuflisch! Der Schädel ist auch noch etwas hohl, aber sonst fühlt er sich ganz wohl! Wenn man doch nur eine Ahnung hätte! Eine leise Ahnung! ...

Aber da sitzt man nun wie ein neugeborenes Kind!

Was ist eigentlich geschehen? Wo steckt man hier?

Er müht sich, seine Gedanken zu sammeln. Er kann es rtidjt. Seltsam! Er ist gar nicht traurig Darüber.

Im Gegenteil! Er ist heute morgen aufgewacht wie ein Mensch, der sehr lang und fest geschlafen hat. Ihm ist gut zumute, und eigentlich könnte man aufstehen.

Ah ... verteufelt! Die Beine denken nicht daran, ihn zu tragen! Gut, daß er schnell hinter sich ge­griffen hat, sonst wäre er mitten ins Zimmer ge­stürzt und bann hätte man die Bescherung.

Ich bin also krank! denkt Karajan. Ich bin oder besser, ich war krank. Was für eine Krankheit? Was ist denn geschehen? Keine Ahnung mehr! Plötzlich wacht man also auf und liegt im Bett und weiß von nichts. Ulkig! Wie lange mag ich hier gelegen haben? Schwer zu sagen. Und ein Krankenhaus ist das hier bestimmt nicht. Ein Sanatorium auch nicht. Es sieht nach einer Bauernstube aus: da steht eine Truhe, der Schrank hat gut und gern feine hundert Jahre, das Bett ist so herrlich bequem, wie man heute keins mehr zu bauen versteht... Die Lage ist zwar angenehm, aber rätselhaft, völlig rätselhaft.

In sanftem Dämmer seiner Gedanken, zwischen Wachen und Traum, lächelt er friedlich vor sich hin, bis es plötzlich leise an seine Türe klopft. Ehe er Herein" rufen kann, schiebt, sich eine breite, massige Gestalt ins Zimmer, weiblichen Geschlechts und sehr gesetzten Alters. Sie strahlt übers ganze Gesicht wie die liebe Morgensonne

Herrje er ist wieder lebendig!" Die Gestalt lacht aus prächtigen, gutmütigen Augen.Na, das wird ja nun auch langsam Zeit! Ja, ja, Sie Lang­schläfer! Sie haben uns schön den Kopf heiß ge­macht. Wird hier angefahren, ins Bett gelegt und denkt drei Wochen nicht dran, wieder auszustehen. Na, nun ist's aber vorüber.

So.

Da ist das Essen. Der Doktor hat gesagt: Morgen früh ist er überm Berg und bann könnt ihr ihm brei Portionen hinstellen. Sollen mal sehen, bie ißt er auf. Nu, und ba sind sie, die drei Portionen Unser Fräulein kommt dann auch gleich mal nachschauen."

(Fortsetzung folgt!)