oem Feinde verzichtet. Verluste lassen sich im Kriege nicht vermeiden: man wird sie nur, soweit möglich, einzuschranken suchen. Wenn die Luftwaffe die ihr obliegenden Aufgaben erfüllen soll, muß deshalb dafür Sorge getragen werden, daß dasjenige, was sie hieran hindern und sie schädigen kann, beseitigt oder unschädlich gemacht wird. Das störende Element ist in erster Linie die gegnerische Luft- w a f f e. Diese muß also vernichtet oder wenigstens derart geschwächt werden, daß sie nicht in der Lage ist, den Angreifer in der Ausübung seiner Tätigkeit wesentlich zu stören. Das wird am ehesten dadurch erreicht, daß man d i e feindlichen Flughäfen mit ihrem gesamten Inhalt und die Anlagen der Flugzeugindustrie gründlich zerstört. Dazu werden die Bombenflieger — je nach den Umständen in entsprechenden Verbänden, bei Nacht auch einzeln — angesetzt werden. Der Angegriffene wird dem nicht tatenlos zusehen und durch eigene Flugkräfte und Erdabwehr diese Unternehmungen zu vereiteln suchen. Er wird auch seinerseits Flugkräfte mit den gleichen oder ähnlichen Aufgaben entsenden und so kann es zwischen den beiderseitigen Luststreitkräften zu Luftkämpfen kommen — wenn man sie auch seitens der mit Zerstörung saufträgen entsandten Geschwader nicht gerade suchen wird, weil sie die Ausführung des eigentlichen Auftrages verzögern —, die infolge der eintretenden Verluste zur Schwächung des einen oder des änderen führen.
Alle derartigen Unternehmungen und Ereignisse können, wenn sie von Erfolg für die eine Partei begleitet sind, wohl von erheblicher Bedeutung für den weiteren Verlauf eines Krieges fein, je mehr sie den einen die Ueberlegenheit in der Luft über den anderen gewinnen lassen und je ungestörter der erstere infolgedessen seine Unternehmungen gegen das feindliche Hinterland ausführen und auch in die Erdkämpfe eingreifen kann. Allein k r i e g s - entscheidend werden aber solche Erfolge deshalb nicht fein, weil der Angriff auf Flughäfen und so weiter immer nur einen Teil der feindlichen Luftstreitkräfte treffen wird. Deshalb wird damit wohl die Tätigkeit der gegnerischen Luftstreitkräfte beeinträchtigt, aber nicht in ihrer Gesamtheit ausgeschaltet werden. Auch dem Angreifer werden hierbei Verluste entstehen, und zwar um so mehr, je stärker die Flugkräfte und die Erd-' obwehr des Angegriffenen sind. Jeder wird außerdem mit allen Kräften dahin streben, entstandene Lücken und Verluste tunlichst bald wieder auszu- füllen. Mögen dem Angreifer aber auch an einzelnen Stellen Erfolge beschieden gewesen sein, so wird doch wegen der erfolgreichen Abwehr an anderen Stellen niemals das Gefühl der absoluten Wehrlosigkeit aufkommen können, das am meisten demoralisierend wirkt. Solange jedoch der Wehr- wille bei einem Volke bestehen bleibt und eß diesen auch betätigt, kann von der endgültigen Kriegsentscheidung nicht die Rede sein. Die oben erwähnte Idee aber, die Entscheidung durch große Luftschlachten zu Beginn eines Krieges herbeizuführen, gehört in das Gebiet der romanhaften Phantasie: jie sind weder technisch noch taktisch möglich.
Jedenfalls ist es unbestreitbar, daß in jedem Lande, das als Großmacht gewertet sein und seine Weltgeltung aus eigener Kraft behaupten will, die Luftwaffe als unentbehrlicher Teil der Rüstung vorhanden fein muß. Ein wehr- williges Volk, das sich erhalten will, muß auch wehrfähig fein. Dazu gehört, daß es in ausreichendem Maße über alle diejenigen Teile einer Wehrmacht verfügen kann, die auch der mutmaßliche Gegner besitzt. Einer dieser Teile ist notwendigerweise die Luftwaffe mit den dazu gehörigen Abwehrwaffen. Wir wollen uns keinem Zweifel darüber bin geben, daß Deutschland vor dem Erlangen der Wehrfreiheit, die wir dem Entschlüsse unseres Führers zu danken haben, Luftangriffen genau fo wehrlos gegenübergestanden hätte wie Abessinien.
Die Luftwaffe ist ein Faktor, dessen Vorhandensein oder Nichtvorhandensein unbedingt für den Ausgang eines Krieges von einschneidender Bedeutung ist. Kriegsentscheidend kann die Luftwaffe allein nur da sein, wo der Gegner nicht über eine solche verfügt. In allen anderen Fällen ist die Tätigkeit der Luftwaffe allerdings von dem höchsten Wert, aber die Entscheidung des Krieges kann nicht ohne das gleichzeitige Mitwirken der Ü b r i - g e n Wehrmachtteile herbeigeführt werden. Feind-
liches Land in Besitz zu nehmen und es besetzt zu halten vermag die Luftwaffe nicht. Sie kann kämpfen wie die übrigen Teile der Wehrmacht, sie kann zerstören und vernichten und so sehr wohl einen sehr bedeutungsvollen Einfluß auf den Ausgang eines Krieges ausüben. Allein bei ihr aber liegt die Entscheidung so lange nicht, als der Wehrwille des angegriffenen Volkes bestehen bleibt.
Kochkunst der Gulaschkanone.
Wie oft haben wir schon im Aufsitzen halbgar, zäh und hart die Fleischbrocken hinuntergeschlungen, die wir gerade noch aus der glutheißen Brühe fischen konnten, die mir beim plötzlichen Abmarsch in den Straßengraben gießen mußten. Das war damals im Anfang des Krieges, als wir bei den berittenen Truppen und auch bei den Fußtruppen der Reserve und der Landwehr noch keine Feldküchen hatten, sondern uns unser Essen im Kochgeschirr selber bereiten mußten. Da hat mancher bedauert, daß er als Junge so ungern Muttern in der Küche zur Hand gegangen war. Aber selbst ihre Weisheit hätte wahrscheinlich nicht genügt, um das frischgeschlachtete Fleisch auf dem spärlichen
Holzfeuer in der kurzen Marschpause weich zu bekommen. Auch als alle Truppenteile stolz Feldküchen ihr eigen nannten, war damit noch nicht die Gewißheit einer schmackhaften, bekömmlichen Mittagsmahlzeit gegeben. Mancher, der an ihrem Kessel mit wichtiger Miene den Löffel schwang, war ohne jede Vorbildung zu seinem Amt gekommen und stiftete Unfug mit Lorbeerblättern, Zwiebeln, Salz und Pfeffer. Freilich, leer wurde der Kessel dennoch. Dazu war der Kohldampf seiner „Tischgäste" zu groß. Mit der Zeit wurde auch er ein Meister und zauberte sogar aus Hindenburggrütze und Mackensengraupen, aus Klippfisch und Dörrgemüse die leckersten Gerichte. Die Heeresverwaltung half nach, gab Kochanweisungen heraus und errichtete an ruhigen Fronten K o ch k u r s e für Feldküchenköche. Die Nachkriegszeit hat aus den Kriegserfahrungen gelernt. Sie weiß, wie wichtig eine gesunde, kräftige,, wohlschmeckende Verpflegung für die Stimmung und Leistungsfähigkeit der Truppe nicht nur im Felde, sondern auch schon im Frieden ist. Im englischen Heere besteht schon lange eine „Schule der Kochkunst". Die Reichswehr sorgte für Kochkurse, und das junge Heer hat in München eine Versuchs-, Lehr- und Musterküche und in allen Wehrkreisen Musterküchen eingerichtet. By.
Oie chemische Weltrevolution
Von Otto (Torbach.
Der Anteil der chemischen Wissenschaft an der Entstehung und Entwicklung des Mafchi- n e n 5 e i t a l t e r s ist viel größer als im allgemeinen angenommen wird. Nachdem die Träume mittelalterlicher Alchimisten zerronnen waren, konnte sich die wissenschaftliche Forschung lange nicht von einer gewissen Scheu vor den Veränderungen der Stoffwelt durch chemische Vorgänge erholen; man zog es vor, sich mit Stoffen von gegebener Beschaffenheit, ihren gegenseitigen Beziehungen und ihren äußeren Einwirkungen aufeinander, sowie den Gesetzen ihrer Beweglichkeit, d. h. mit physikalischen und mechanischen Angelegenheiten zu befassen. Auch die Geisteswissenschaften gerieten in den Bann dieses Zuges der Zeit. Die Leichtigkeit, mit der sich anhand unwandelbarer Gesetze, wie sie physikalische und mechanische Vorgänge offenbarten, in die verwirrende Fülle natürlicher Erscheinungen eine gewisse Ordnung bringen ließ, verursachte eine Art Rausch. Man hoffte, mit der Zeit alle „Welttäksel" physikalisch und mechanisch auflösen zu können. Die chemische Wissenschaft, die dichter an die ewig geheimnisvolle Schöpferkraft der Natur heranführte, konnte von den Urhebern einer physikalisch-mechanistischen Weltanschauung nur störend empfunden werden. Und darum suchte man fi'e zu einer Magd ihrer zu höherem Ansehen gelangten Schwesterwissettschaften herabzuwürdigen.
Zwar konnte man nur mit ihrer Hilfe Steinkohle und Eisenerze jenen mannigfaltigen gesteuerten Verfahren unterwerfen lernen, die es erst möglich machten, die maschinelle Erzeugung von Gütern in großem Stile zu betreiben, aber dieses Verdienst fand nach außen hin geringe Beachtung. Man spricht noch heute in weiten Kreisen von Eisen und andern Rohstoffen, als ob sie uns die Natur in dem Zustande böte, wie sie die moderne Technik oerroertet, und nicht umsonst wurde gerade Erfindern, die die älteren chemischen Industrien ins Leben rufen halfen, besonders häufig schon zu Lebzeiten mit Undank gelohnt. James Watt, der Hersteller der ersten brauchbaren Dampfmaschine, gelangte zu Ehren und Reichtum, und jedes Kind kennt noch heute seinen Namen. Nicolaus Leblanc, der zuerst künstlich Soda darstellte, wodurch die Fabrikation von Glas und die von'Seife sich zu Großindustrien auswachsen konnten, endete aus Erbitterung über fein Schicksal durch Selbstmord, und kaum Fachgelehrten ist fein Name noch geläufig.
Daß die chemische Wifsenschast sich gleichwohl neuerdings aus einer Magd zur Beherrscherin industriellen Fortschritts aufschwingen und entsprechende öffentliche Anerkennung erzwingen konnte, verdankt sie den ungeahnten Möglichkeiten, die sie 'durch die Entschleierung des Geheimnisses erschloß, wie es die Substanz lebender Wesen fertigbringt, aus wenigen Elementen, der Hauptsache nach aus Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff und Stickstoff,
eine verwirrende Fülle von Zusammensetzungen mit unterschiedlichen Eigenschaften zu bilden. Don der Analyse, Zergliederung, zur Synthese, Wiederoer- bindung, war nur ein Schritt, und mit der Zeit wurde der menschliche Geist instandgesetzt, die Natur als Baukünstler für organische Stoffe weit zu übertreffen. Das ändert freilich nichts daran, daß ohne Mitwirkung lebender Substanz kein organischer Stoff entstehen kann, weil der menschliche Geist selbst ein Organ der Natur ist.
Wie Kolumbus, um Asien zu erreichen, vorwärts über den Atlantischen Ozean segelte, und dabei unbeabsichtigt einen neuen Erdteil entdeckte, so hatte Friedrich Wo ehler vor 110 Jahren eigentlich die Absicht, ein unorganisches Salz, Cyansaures Ammon, aus einer unorganischen Säure und einer unorganischen Base zu gewinnen, um zu seinem lebhaftesten Erstaunen 'festzustellen, daß er bei seinem Versuche als Erster eine organische Materie, Harnoff, synthetisch dargestellt hatte. Damit war der Bann des Vorurteils gebrochen, daß die Bildung organischer Stoffe nicht künstlich nachgeahmt werden könne.
Das Rätsel, wie sich unter Mitwirkung lebender Substanz aus wenigen Elementen zahllose verschiedene Stoffe bilden können, wurde gelöst. Die Atome des Kohlenstoffs haben die Eigentümlichkeit, sich in beliebiger Zahl und Anordnung ober Verzweigung aneinder binden zu können, wobei sich die freibleibenden „Valenzen" (Derbindungsmöglich- feiten) dieser Atome mit anderen Elementen oder Gruppen von Elementen besetzen lassen. Das ist der Grund für die ungeheure Anzahl organischer Verbindungen, die weit größer ist, als die aller übrigen Stosse zusammen. Die Gruppierung der Kohlenstoffatome bildet sozusagen in jedem Falle das Knochengerüst des einzelnen Moleküls, d.h. jenes kleinsten Bestandteils, der noch alle Eigenschaften des gesamten Stoffes aufweift.
Wir kennen heute Hunderttaufenbe von Kohlenstoffverbindungen, von denen die Überwiegende Mehrzahl in der Natur nicht fertig aysgebilbet zu finden ist, sondern aus den Laboratorien wissenschaftlicher Anstalten oder chemischer Fabriken her- ooTging. Zur praktischen Verwertung der Forschungsergebnisse organischer Chemie ergab sich in erster Linie die Möglichkeit, für die Gewinnung bekannter nützlicher Stoffe billigeres Ausgangsmaterial zu verwenden als bisher. So entwickelte sich die moderne Farbenindustrie. Um 1870 erstreckte sich noch von Frankreich bis Kleinasien ein Gürtel von Feldern, die mit Krapp bebaut wurden, insgesamt 160 000 Hektar. Die Ernte dieser Wurzel war auf 70 000 Tonnen jährlich gestiegen, aus denen 750 000 Kilogramm Ali z ari n im Werte von 60 Millionen Mark gewonnen wurden. Auf 640 000 Hektar wurde 1896 noch, vorwiegend im mittleren Osten, Indigo ge-
zogen, um jährlich etwa acht Millionen Kilogramm Farbstoff im Werte von 80 Millionen Mark zu ergeben. Heute wird kein Krapp und so gut w i e kein Indigo mehr angebaut. Die früher daraus gewonnenen Farbstoffe werden in viel besserer Beschaffenheit und viel billiger synthetisch aus einem vorher fast unnützen Stoffe, Teer, hergestellt. Alle möglichen anderen Farbstoffe ließen sich au5 demselben Material heroorzaubern, daneben in wachsender Zahl besonders Arzneimittel.
Deutschland wurde in ähnlicher Weise zum Mutterlande moderner chemischer Industrie, wie England vorher durch seine Leistungen auf den Gebieten der Physik und Mechanik zum Mutterlande der maschinellen Güterherstellung geworden war. Schon um die Jahrhundertwende erzeugte die deutsche Teerfarbenindustrie vier Fünftel des Weltbedarfs. Sie übte befruchtende Wirkungen auf ältere Zweige der chemischen Industrie aus, indem sie für die Erzeugnisse der Säuren- und Alkalienindusttie sowohl wie für diejenigen der feineren Präparatenindustne bei weitem der größte Abnehmer wurde. Seiner chemischen Industrie verdankte es Deutschland großenteils, daß es nach Ausbruch des Weltkrieges vier Jahre lang einer Welt von Feinden die Stirn bieten konnte.
Hatte man schon mit der Auswechslung des Ausgangsmaterials für chemische Erzeugung verblüffende Erfolge zu erzielen vermocht, Vn versprach bi» kühnere Idee um so größere Ergebnisse, der Natur ihre Fabrikationsgeheimnisse abzulauschen. Die Seidenraupe war die Lehrmeisterin, die dem französischen Grafen Hilaire de Chardonnet in Besanxon auf die Sprünge half, auf künstlichem Wege Gewebe aus Holz- ober Baumwall z e 1 l st o f f zu bereiten. Der Rohstoff, den die Seidenraupe aus dem Zellstoff der Maulbeerblätter
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und hiermit Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden lassen sich durch eine Brille steigern. Sprechen Sie doch einmal persönlich mit mir darüber.
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bereitet, besitzt in den Spinngefäßen, die einen großen Teil des Raupenkörpers einnehmen, eine zähflüssige Beschaffenheit, erhärtet aber, durch zwei feine Oeffnungen unter dem Munde getrieben, sehr schnell an der Luft. In ähnlicher Weise wird bei dem Verfahren zur Herstellung von K u n st s e i d e eine Spinnlösung durch feine Düsen aepreßt, um, in Fällbädern gehärtet, zu Kunstgeweben versponnen zu werden. Die Welterzeugung von Kunstseide flieg zwischen 1909/13 und 1936 von jährlich 8900 Tonnen auf 460 000 Tonnen. Seit 1930 folgte diesem Siegeszuge im Sturmschritt die zweite fünft- liehe Faser „Zell w olle", deren Erzeugung von 3300 Tonnen im Jahre 1930 auf 142 000 Tonnen 1936 stieg. Deutschland, das damit begann, blieb der Haupterzeuger.
Auch die Gewinnung von Stickstoff aus der Luft, die im kleinen kurz vor dem Kriege in Deutschland gelang, um bald zur Grundlage einer Großindustrie zu werden, hatte in der Natur ihr Vorbild. Es find allerkleinfts Lebewesen, Bakterien und gewisse Pilze, die aus der im Boden verteilten Luft Stickstoff fixieren und den Wurzeln der Pflanzen als Nahrung zuführen. Der menschliche Geist wurde dadurch angespornt, dasselbe zu leisten. Deutschland erreichte es, indem es rechtzeitig den Weg von der Theorie zu großzügiger Praxis beschreiten lernte, daß es ihm während der Dauer des großen Krieges weder für die Sprengstoff- erzeugung noch für die Erhaltung der Fruchtbarkeit seines Bodens an Stickstoff fehlte, nachdem es von dem früheren Weltlieferanten Chile mit feinen riesigen natürlichen Vorräten an Stickstoffdüngemittein abgeschnitten worden war.
Von der bloßen Nachahmung natürlicher organischer Stoffe gingen die Laboratorien moderner chemischer Industrien dazu über, neue Stoffe gewissermaßen zu züchten, die gerade solchen Anforderungen genügen, die die Natur für ihre Zwecke nicht zu stellen braucht. Deutschland erzeugt synthetischen Kautschuk, aber Naturkauti
eine
Schwieriger Handel
Don Karl Heinrich Waggerl.
schlau!
Und ich saß vor ihm mit meinem (Selbe in der Tasche und wußte keinen Rat. Das Wetter war längst besprochen, der ganze Wandel in der Gemeinde nach seinen guten und schlechten Seiten, auf hundert Dinge kamen wir zu reden, nur auf das Lehen nicht. Den alten Michael plagte ja auch die Neugier mehr und mehr, ich merkte, wie er seinen Kopf anstrengte, um mir hinter die Schliche zu kommen. Hier und dort klopfte er auf den Busch — Holz? Wollte ich vielleicht Brennholz kaufen? Dann war es gut, wenn ich beiläufig erfuhr, wie unsinnig das Scheiterholz im Preis gestiegen war.
Oder, wenn mich bas nicht rührte, stach mich etwa wieder der Hafer wie damals, als ich ihm den gemalten Truhendeckel entführte, um eine Bank auf der Wiese zu zimmern? War ich gekommen, um nach dem neuen Sommergast Ausschau zu halten? Nein, auch das nicht. Aber man konnte immerhin ein paar Worte darüber verlieren. Einen Sommergast habt ihr? fragte ich. Tust du dir wieder die Plage an?
Ja, sagte Michael, Therese will es haben, rede du dagegen,'wenn sich zwei Weibsleute einig sind! Es ist nur so ein Fräulein, auch wieder einschichtig, und obendrein nicht ganz richtig im Kopf. Täglich holt sie sich zwei Eier, warm von der Henne, bas eine trinkt sie aus, und bas andere schmiert sie sich ins Gesicht, und jetzt rate einer, wofür das gut sein soll.
Nun ja, sagte ich, das verstehst du zu wenig, Michael. Wenn das Fräulein aussähe wie du und ein Gesicht aus Borkenrinde hätte, dann schlüge sie die Eier wahrscheinlich auch lieber in die Pfanne.
Richtig, sagte Michael, und darauf schwiegen wir beide gedankenvoll.
Nein, dachte ich, so kommst du nie ans Ziel. Du kennst den Alten doch und seinen Geiz, cs gehen Geschichten davon um. Man sagt, daß er immer einen Kübel mitnimmt, wenn er eine Kuh auf den Markt treibt, damit er wenigstens den Mist wieder heimbringt, den sie unterwegs verliert.
Sobald ich auf das Lehen zu reden käme, würde er ein Gelächter anschlagen und das Ganze für einen Spaß nehmen; es wäre fo, als hätte ich beim lieben Gott selber angeklopft und gefragt, was bas Paradies koste. Das Lehen? würde Michael sagen, mein Zulehen möchtest du haben? Ja, das glaube ich dir, das stäche manchem in die Augen!
Und dann lehrte er mich die Kunst, das Lob einer Wiese zu fingen, eines Ackerfleckens, eines Kraut- gartens, und es wäre ein Lehen, das in der ganzen Gegend seinesgleichen nicht hätte.
Am Ende bekäme ich es ja, aber mir bliebe kein Groschen mehr in der Tasche. Wenn ich es recht überlegte, so gab es nur einen Menschen, der dem alten Michael etwas abgewinnen konnte: die Mutter Therese. Draußen in der Küche stand ich höher im Wert, als hier in der Stube, das war schon immer so bei Leuten meines Handwerks. Und darum fragte ich jetzt voll Hinterhättiakeit, ob Michael meinte, daß mir die Bäuerin einen Ableger von ihrem Lavendelstock schenken würde. Weiß nicht, sagte Michael, frag sie selber. Und er ließ mich arglos in die Küche ziehen.
Sprüche wie aus dem Kalender, dachte er wohl, aber nichts dahinter.
Mutter Therese aber war gut und mildherzig, wie immer, bei ihr brauchte es weiter keine Künste. Ich setzte mich auf der warmen Herdbank in die Ecke, die Kinder kamen auch herbei, Michael und die kleine Therese. Sie rückten sich ordentlich zurecht, als gäbe es nun eine Geschichte zu hären, und beide sahen mir genau auf den Mund und dann wieder der Mutter, wenn sie etwas dazwischen sagte.
O ja, die drei verstanden mich. Einmal bin ich ja auch so ein Knirps gewesen, wie Michael, nur hatten wir es daheim schwerer, uns wuchs das Brot nicht auf dem eigenen Felde zu. Der Vater zog der Arbeit nach, landauf und -ab, und mir hinterher mit unserer Habe. Es war das noch eine andere, beschaulichere Zeit, viele Leute unterwegs auf den Straßen, die meisten zu Fuß wie mir und gut Freund mit den
Ich habe mir ein Lehen gekauft.
Ein Lehen, das ist Ackerboden, Wiesenland, Hütte daraus. Von Haus und Hof kann man nicht reden, das wäre übertrieben, es sind wenig mehr als zwei Joch Grund, die Halde eingerechnet. Aber eine Kuh läßt sich immerhin darauf ernähren, und das ist doch wieder viel, wenn man es überlegt, so ein großes Tier. *
Nachbar Michael hat das Lehen vordem gehört.
Es ging hart auf hart zwischen uns beiden. Anfangs ließ es sich freilich ganz schiedlich an, Michael saß hinterm Tisch und taute friedfertig seinen Tabak, und wir redeten weit umher, wie es Brauch ist, von den Märkten und Geschäften, und daß wir ein gutes Jahr hätten, was das Futter beträfe. Der Nachbar und mehr, ich merkte, wie er feinen Kopf anftrengte, mir war das nicht geheuer, ich sah recht gut, daß er mich dann und wann verstohlen musterte, wie man einen Gaul betrachtet, wenn man noch nicht weiß, nach welcher Seite er ausschlagen wird. Komm du mir nur, dachte er wohl bei sich, mir bist du nicht zu
Schwerfuhrleuten. Und im Hochsommer zogen mir weit in die Täler, manchmal bis zu den letzten Höfen und Almen und fast bis unter die Gletscher.
Der Vater mar ein unverdrossener Mann, immer tätig, immer heiter, und doch reichte es nie für etmas Eigenes, mir mären gleichsam nur zur Miete in der Welt. Ach, mein Vater, roenn er heimkehrte und müde saß, mit feinem schweren Atem, roenn er mir die Hand in den Nacken legte, wie er es gern tat, seine rauhe und ruhige Hand — er starb mir ja viel zu früh! Ich war noch nichts, ich fing erst an, in feinem Sinn zu leben, so beharrlich und unverzagt, wie er es mich gelehrt hatte. Und als ick) eben sagen wollte: Setz dich hin, Vater, laß 'es mich jetzt versuchen — da starb er mir. Ständig hatte er zu kämpfen, in alles schickte er sich, roenn sich nur ein Groschen mehr daran verdienen ließ; er war Zimmermann ober Knappe im Bergwerk, mar Postbote und Bergführer, dieser besinnliche Mensch, der doch die Ruhe so liebte. Aber bei aller Unrast hatte er zeitlebens nur ein Ziel: ein Gütchen zu erstehen, ein kleines Anwesen irgendwo im Gebirge. Und oft in einer guten Stunde konnte er uns wunderbar beschreiben, wie alles sein würde, bas Haus mit bem Brunnen unb bem Holunber bane’ben, wir aßen doch alle so gern süßes Holunderkoch! Unb hinten ber Stall für bie Geißen, ben er selber zimmern wollte. Daran freute ich mich immer am meisten, daß wir auch einen Ziegenbock haben würben.
Unb Dbftbäume natürlich, bie im Herbst bis ins Gras herunter voll von Aepfeln hingen, unb Blumen von jeber Art, auch Kraut unb Rüben unb ein Schwein, bas von ben Rüben langsam fett mürbe, unb endlich einen Hunb, so einen großen zottigen Kerl, ber bas Ganze bemachte.
Wir mußten alle sehr genau Bescheib auf unserem Gütchen unb gingen munter aus unb ein, wir Kin- ber, unb oft, roenn ich etwas besonbers Köstliches erhanbelt hatte, einen Türknopf aus Nickel ober eine bunte Gartenkugel, bann legte ich bas Ding in meine Truhe unb sparte es für bas Haus unterm Holunber.
Später verstreute uns ja bas Schicksal in der Welt, mich unb bie Geschwister alle, aber mir blieb bas Bilb unserer Wunschheimat tief unb unverlöschbar eingegraben. Ich mochte auf ben Tob krank fein ober sonst elenb, ganz Derberben konnte ich doch nie, ich mußte ja in bie.Truhe sparen, unb sooft sie auch leer mürbe, ich fing von neuem roieber an. Unb jetzt, sagte ich, ist es soweit, Mutter Therese. Ich könnte unser Lehen taufen, wenn bu mir hilfst.
Ja, ja, sagte Mutter Therese, ich rebe nachher mit bem Vater. Und so mürbe ick) mit Michael einig.
Zeitschriften.
— Die ungewöhnliche Mannigfaltigkeit von V e 1 • Hagen & Ä la f in g s Monatshef t e- n läßt auch das Oktoberheft wieder erkennen. Wir sinden darin eine farbig illustrierte Abhandlung über deutsche Jagd- unb Tiermaler von Professor Dr. Ludwig Heck, ber ein ebenso ausgezeichneter Tier- wie Kunstkenner ist. Daneben steht, ebenfalls mit farbigen Wiedergaben geschmückt, eine kulturgeschichtliche Plauderei Dr. Oskar Gluths über die Münchener Schönheitengalerie Ludwigs I. Große deutsche Plastik bringt in Bild und Wort eine Abhandlung Dr. Gerhard Sappoks über den Krakauer Marienaltar des Veit Stoß. Grundlegende Erkenntnisse über das deutsche und französische Volkstum vermittelt eine Abhandlung des Leipziger Historikers Professor Dt. Adolf Helbok. Erinnerungen an eine vor kurzem beendete Reise nad) Amerika bietet in höchst anmutiger unb anschaulicher Form Hans Caspar von Zabeltitz: „Neuyork nebenbei." Ein heiteres und kundiges Loblied auf den Moselwein stimmt Philipp Gottfried Maler an. Der Würzburger Universitäts- Professor Dr. Fritz König, eine Autorität auf dem Gebiet der Krebsforschung, gibt einen U eher blick über das, was der Laie von dieser Krankheit und ihrer Bekämpfung wissen muß. Neben diesen unb andern Beiträgen und zahlreichen Kunstbeilagen pflegt auch biefes Heft die Erzählung. Wir finden neben der Fortsetzung des großen Romans „Wurzel und Wipfel" von Sen dies Pause eine neue Novelle des Ragbe-Preisträgers Anton Dörfler: „Die Siegerin" und eine heitere Tier- unb Menschengeschichte von Hans Thyriot: „Das Meerkätzchen und das Liebespaar."
— Der Bergsteiger schließt mit bem vorliegenden Septemberheft den 8. Jahrgang. (Verlag F. Bruckmann AG. München.) Ein Farbbild des Münchener Bergmalers Professor Otto Bauriedl ist symbolhafter Auftakt des Heftes, in bem ber Schrift- , (eiter Jof. Jul. Schätz zum Geschehen an Eiger unb Nanga Parbat Stellung nimmt. Aus dem Hefte kann im übrigen hier nur eine charakterisierende Inhaltsangabe gegeben werden: Professor Dr. A. Durig, Die Bergkrankheit; Rolf Werner, Berge unb Technik; I. Steiner-Wischenbart, Am Wogereck — eine Landschaftsschilderung ber südlichsten Aussichtswarte im deutschen Grenzgau Steiermark; Kenji und Rose Takahashi, Das Dach Japans — eine aufschlußreiche Arbeit über bie Gebirge Japans, die Fahrtenschilderung einer der schwierigsten Monti Blanc-Wege; Bergsteiger-Allerlei — amüsante Anekdoten unb eine Novelle aus dem Äaisergebirgk


