Einzelbild herunterladen

Ur. 236 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)8./6.OktobenyZ8

Wehr und Waffen.

AVL der Luftwaffe.

Das Wiedererstarken der deutschen Luft­waffe hat in allen Kreisen unseres Volkes ein freudiges Echo ausgelöst. Um aber bei dem rasenden Tempo der nun einsetzenden Entwicklung die bisherige Bedeutung aller Fachbegriffe der Luftfahrt vor allem denen, die mit der Luftfahrt in Verbindung kom­men, leicht und sicher nahezubringen, haben sich Karl Anders, Leiter und Lehrer an Luftfahrtlehrgängen, und Dr. Hans Eichel­baum, Hauptmann (E) im Reichsluftfahrt­ministerium. entschlossen, einWörterbuch des Flugwesens" herauszugeben, das im Verlag von" Quelle & Meyer in Leipzig erschienen ist: Einen besonderen Raum haben die Her­ausgeber für die neuerstandene Luftwaffe Deutschlands bereitgestellt. Darin wird mit­geteilt:

Der Oberbefehlshaber der Luftwaffe ist zugleich Reichsminister der Luftfahrt und als solcher Polizei­minister des deutschen Luftraumes. Als Chef der zivilen Luftfahrtoerwaltung hat er die Kontrolle über die gesamte zivile deutsche und zwischenstaat­liche Verkehrs- und Sportluftfahrt und regelt den Flugbetrieb in der Luft und auf den zivilen Flug­häfen. Die Spitze der Reichsluftfahrtverwaltung be­findet sich im Allgemeinen Luftamt des Reichsluft­fahrtministeriums.

Das Reichsluftfahrtministerium als oberste Be­hörde der militärischen und der zivilen Luftfahrt, wie des Luftschutzes, an dessen Spitze der Reichs­minister der Luftfahrt und Oberbefehlshaber der Luftwaffe steht, gliedert sich wie folgt:

1. Chef des Generalstabes der Luft­waffe (Generalleutnant Stumpsf) mit Zentralgruppe, Führungsstab, Organisations- stob, Ausbildungsabteilung und den ihm unter­stellten Inspektionen; als Außenstellen: Luft­kriegsakademie, Lufttechnische Akademie, Höhere Luftwaffenschule, alle in Gatow bei Berlin.

2. Staatssekretär der Luftfahrt (Ge­neral der Flieger Milch) mit: Zentralabtei­lung, Allgemeinem Luftamt, Technischem Amr der Luftwaffe, Luftwaffenverwaltungsamt, Rachschubomt der Luftwaffe, Luftwaffenperso­nalamt (Außenstelle: Kommando der Luftkriegs- schuleu), Inspektion der Flakartillerie und des Luftschutzes, Inspektion für Flugsicherheit und Gerät.

Luftkreiskommandos: Das Reichsgebiet ist in sieben Luftkreiskommandos auf geteilt, an deren Spitze die Befehlshaber stehen. Der Befehlshaber im Luftkreis entspricht etwa dem Kommandierenden General eines Armeekorps und dem Kommandie­renden Admiral eines Stationskcxmmandos der Kriegsmarine. Lu'tkreiskommando I (LKK. I): Kö­nigsberg, LKK. II. Berlin, LKK. III: Dresden, LKK. IV: Münster, LKK. V: München, LKK. VI: Kiel (Seeluftstreitkräfte und alle Anlagen der Küste), LKK. VII: Braunschweig.

A u s b i l d u n g s st ä t t e n : Akademien zur Aus­bildung des Führernachwuchses: die Luftkriegs- a k a d e m i e und die Lufttechnische Akade- m i e. Die Vorbereitung für den Besuch der Aka­demien dient die Höhere Luftwassenschule. Aul den Luftkriegsschulen (Gatow, Wild­park, Werder, Dresden und Fürstenfeldbruck) wird der Offiziersnachwuchs ausgebildet. Der Inlnektion der Schulen unterstehen die Flugzeugführerschulen, Beobachter- und Bildschulen, Fliegerwalsenschulen, Flq.-Technische Schulen, außerdem bestehen die Flakartillerieschulen, die Luftnachrichtenschule und die Sportschule der Luftwaffe. Lw.-Verwaltungs- schule. ___________________________________

Laufbahnen: Bei den Laufbahnen,i>er Flie- gcrtruppe ist zunächst' zu unterscheiden zwischen Fliegendem Personal",Fliegertechnischem Perso­nal" undAllgemeinem Personal".

Zum fliegenden Personal gehören: Flug­zeugführer, Hilfsbeobachter, Fliegerschützen, Bord­funker und Byrdmechanlker. Nach der militärischen Grundausbildung erhalten die Flugzeugführer ihre Sonderausbildung auf Flugzeugführerschulen, die Hilfsbeobachter auf Beobachterschulen, die Bord­funker bei der Luftnachrichtentruppe und auf der Luftnachrichtenschule, die Bordmechaniker auf der Fliegertechnischen Schule.

Zum fliegertechnischen Personal ge- hören: Flugzeugmechaniker, Flugmotorenschlosser, Flugzeughandwerker, Flugzeugelektriker, Flugzeug­feinmechaniker, Flugzeugbombenpersonal, Flieger­waffenpersonal, Fallschirm- und Sicherheitspersonal, Flugzeugfunkpersonal, Flugzeugbildpersonal. Nach Abschluß der militärischen Grundausbildung leisten die Angehörigen des fliegertechnischen Personals unter fachmännischer Anleitung in ihren Sonderge­bieten technischen Dienst in Verbänden (Staffeln), Schulen und Fliegerhorstwerften, mit Ausnahme der Flugmotorenschlosser, Flugzeugfeinmechaniker und Flugzeugelektriker, die zunächst für ein Jahr zur fliegertechnischen Schule kommandiert werden. Das Flugzeugfunkpersonal erhält seine militärische und fachliche Ausbildung bei der Luftnachrichtentruppe, um dann nach einem Lehrgang auf der Luftnach­richtenschule die Flugzeugfunkerprüfung abzulegen. Das Flugzeugbildpersongl erhält nach der militäri­schen Grundausbildung die Fachausbildung in den Bildstellen der Staffeln oder auf Bildschulen.

Das allgemeine Personal der Flieger­truppe setzt sich zusammen aus: Lagerpersonal, Truppendienstpersonal, Kraftsahrpersonal, Truppen­nachrichtenpersonal. Musikern, Feuerwerkern, Sani­tätspersonal und Anwärtern für die Beamten-Lauf- bahn.

Bei der Flakartillerie unterscheidet man artilleristisches und allgemeines Personal. Der Be­darf an artilleristischem Personal wird durch Ein­stellung bei den Batterien gedeckt. Die Ausbildung geschieht bei der Truppe. Für das allgemeine Perso­nal der Flakartillerie gilt, was oben über das all­gemeine Personal der Fliegertruppe gesagt wurde. Es kommt lediglich hinzu die Laufbahn des Geräte- maller5 für Scheinwerfer, der bei der Truppe, in einer Pionierwerkstatt und bei einem Zeugamt seine Ausbildung erfährt.

Bei der Luftnachrichtentruppe gibt es Lustnachrichtenpersonal. und allgemeines Personal. Das Luftnachrichtenpersonal (Funker und Kraftfahrer) erhält eine zwölfmonatige militärische und nachrichtentechnische Ausbildung, die mit der Funk- oder Fernsprechprüfung A bzw. Kraftfahr­prüfung abschließt. Anschließend werden die Funker im Funkbetriebsdienst oder im Bodenpeildienst, die Fernsprecher im Fernsprechbetriebsdienst und Fern- schreibdienst, die Kraftfahrer im Kraftfahrdienst aus­gebildet. Für das allgemeine Personal der Luftnachricht^ntruppe gilt ebenfalls das, was be­reits über das allgemeine Personal der Flieger­truppe'gesagt wurde.

Die Luftnachrichtentruppe hat die Aufgabe, Ver­bindung zu halten zwischen den Teilen der Luft­waffe und den anderen Wehrmachtteilen. Zu dem Aufgabengebiet der Luftnachrichtentruppe gehören Fernlprech- und Fernschreibwesen, Funktelegraphie und Funkpeilungen. Für die sachliche Weiterbildung der Nachrichtenleute sorgt die Lustnachrichtenschule in Halle a. d. S. Die Lustnachrichtentruppe gliedert sich in Komvanien und Abteilungen, die von Haupt­leuten und Kompaniechefs, Majoren und Abteilungs­kommandeuren geführt werden.

Das S a n i t ä t s w e f e n der Luftwaffe hat feine Spitze in der Sanitätsinspektion im Reichsluftfahrt­ministerium. Bei den Luftkreiskommandos befindet sich die Dienststelle des Lustkreisarztes. Zu dem fliegenden Verband gehört eine Sanitätsgruppe unter einem Sanitätsoffizier, zum Fliegerhorst eine Sanitätsstaffel. Der Sanitätsinspektor der Luftwaffe ist Berater und Gutachter der RdL. und ObdL. Er leitet den Sanitätsdienst der Luftwaffe und gibt Richtlinien für die Sanitätsdienststellen der zivilen Luftfahrt.

Das Ingenieurkorps der Luftwaffe: An­

gehöriger des Ingenieurkorps der Luftwaffe kann werden, wer die Bedingungen zur Aufnahme in das Beamtenverhältnis der Luftwaffe erfüllt und den vom Reichsminister der Luftfahrt festgesetzten tech- nischen und militärischen Anforderungen entspricht. Die Angehörigen des Ingenieurkorps der Luftwaffe sind Angehörige der Wehrmacht. Sie unterliegen den Bestimmungen über die Dienst- und Rechtsverhält­nisse der Beamten der Luftwaffe. Die Gebührnisse der Angehörigen des Jngenieurkorps regelt die Be­soldungsordnung für das Jngenieurkorps der Luft­waffe.

üifhNfe unb Kriegsentscheidung.

Don Generalmajor a. O. Oihle.

Die Frage, ob die Luftwaffe allein ober in erster Linie den Ausgang eines Krieges entscheidend be­einflussen kann, ist in den letzten Jahren vielfach erörtert worden. Es ist auch der Auffassung Raum gegeben, daß durch den restlosen Sieg einer Luft­flotte über die gegnerische zu Beginn eines Krieges letzterer bereits zu Gunsten der siegenden Partei entschieden sei; eine solche Entscheidung müsse des­halb von vornherein angestrebt werden. Wenn auch die hohe, unter Umständen ausschlaggebende, Be­deutung des Vorhandenseins kampfkräftiger Luft­streitkräfte gar keinem Zweifel unterliegen kann, so dürfte doch diese Auffassung der romanhaften Phantasie einen etwas reichlichen Spielraum zu- billigen. Bei den Realitäten des Krieges ist es aber richtiger, die nackten Tatsachen mit kühler Ueber- legung zu prüfen, als sie allzu phantasievoll den eigenen Wünschen entsprechend zu gestalten.

Man wird bei der Prüfung der Frage, welche entscheidenden Erfolge die Luftwaffe haben kann, die Verhältnisse nicht außer Acht lassen dür­fen, unter denen ihre Tätigkeit vor sich geht, in­wiefern sie durch diese Verhältnisse begünstigt oder behindert werden kann. Unzweifelhaft wird der Luftwaffe da, wo sie auf gar keinen oder geringen Widerstand gleicher Art stößt, eine für den Aus­gang eines Krieges entscheidende Bedeutung zuzu- messen sein. Kann der Gegner weder durch eigene ausreichende Luftstreitkräfte, noch durch Erdabwehr die ßuftangriffe abweisen, und ist er auch nicht in der Lage, durch eine eigene Luftwaffe gegenüber dem feindlichen Heere oder dem feindlichen Lande Vergeltungsmaßnahmen auszuüben, so kann der Einsatz der Luftwaffe sehr wohl eine den Krieg entscheidende Bedeutung haben. Die Luftstreitkräfte können in diesem Falle ganz ungestört ihre Tätig­keit ausüben, in die Erd kämpfe an und hinter der Front eingreifen, Zerstörungen aller Art im Hin­terlande anrichten und so Tod und Vernichtung in das feindliche Heer, Volk und Land hineintragen, ohne irgendwelche ober wenigstens ohne nennens­werte Gegenwehr zu finden.

Daß bann bei dem* Angegriffenen infolge des Gefühles völliger Ohnmacht gegenüber dieser Tätig­keit der Luftwaffe der Widerstandswille erlahmen, ein Ende dieser entnervenden Lage ersehnt werden und schließlich auch Demoralisation Platz greifen kann, namentlich bann, wenn bas betreffenbe Volk in sich nicht besonders gefestigt fein sollte, ist ver­ständlich. In solchem Falle kann also die Tätigkeit der Luftwaffe allein schon unter Umständen den Friedenswillen herbeiführen und so die Kriegsent­scheidung bewirken. Das bcfieate Land zu besetzen, vermag allerdings die Luftwaffe nicht; aber die ein­rückende Landtruppe wird höchstens noch an eini­gen Stellen etwa aufslackernden Widerstand zu brechen haben; im übrigen wird ihre Tätigkeit nur darin bestehen, ein bereits besiegtes Land zu be­

setzen. Der Abschluß nicht der erste Teil des italienisch-abessinischen Krieges illustriert einen der­artigen Vorgang in anschaulichster Weise. Die Er­eignisse würden sich vielleicht auch in Europa gegen­über einem Lande ohne Luftwaffe in ähnlicher Weise abgespielt haben.

Ganz anders liegen jedoch die Verhältnisse, wenn Angreifer und Angegriffene über annähernd die gleichen Luftstreitkräfte und hinreichende Abwehr verfügen. Auch bann werben allerdings der Luftwaffe im allgemeinen bie gleichen Aufga­ben obliegen; sie können aber nicht ohne G e - genmebr ausgeführt werben. Diese Gegenwehr wird nachdrücklich bemüht sein, zu verhindern, daß die feindlichen Luftstreitkräfte die von ihnen ange- strebten Ziele erreichen. Die feindlichen Luftstreit-

Steinhäger- ch

Urquell MM

würzig mild . mit dem bekannten Schinkenbild /

kräfte werden also, wenn sie gleichwohl die erteilten Aufträge ausführen wollen, nicht einen verhält­nismäßig gefahrlosen Flug vor sich haben, sondern sie werden auf die eigene Sicherung bedacht fein müssen; sie haben dabei auch mit erheblichen eigenen Verlusten zu rechnen. Für bie glei­chen Aufgaben werben deshalb in allen Fällen we­sentlich stärkere Kräfte angesetzt werden müssen, als bei der oben geschilderten Lage, wenn die Durchführung gelingen soll. Bei der Auftragsertei­lung wird aus diesen Gründen zu erwägen sein, ob durch die Bedeutung des Arftrages die zu er­wartenden Verluste gerechtfertigt werden können. Soweit es sich hierbei um Zerstörungsaufgaben handelt, find ja auch mit ziemlicher Sicherheit ent­sprechende Vergeltungsmaßnahmen seitens des Geg­ners zu gewärtigen. Aus diesen Erwägungen her­aus werden vielleicht manche Aufträge an bie Luft- roaffe unterbleiben, wenn Vergeltungsmaßnahmen für bie bem Feinde zugedachten Zerstörungen und Verwüstungen bem eigenen Lanbe erfpan werben sollten. Es wirb ja kaum anzunehmen fein, daß der geschädigte Feind sich in solchen Fällen seiner­seits schonender Milde befleißigen wird, sofern er über die Möglichkeit verfügt, Vergeltung zu üben. Gegenüber einem Feinde, dem bie Luftwaffe und die Abwehr fehlt, dürften allerdings solche Erwä- gungen in der Regel kaum angestellt werden.

Keinesfalls ist das so zu verstehen, als ob aus Besorgnis vor Verlusten unb vor Vergeltung bcr Einsatz ber Luftwaffe für bie ihr zukommenden Aufgaben überhaupt unterbleiben sollte. Das würde bedeuten, daß man freiwillig auf die Verwendung einer scharfen und gefährlichen Waffe gegenüber

Georg von Tschudi.

Die erste deutsche Luftschiffer-Kompanie und ihr Hauptmann.

(Zu seinem 10. Todestag am 8. Oktober 1938.)

Die aufgeblasene Konkurrenz", so wurde in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die neueingerichtete einzige Luftschifferkompa­nie in der deutschen Armeeliebevoll" genannt. Nun, sie konnten es sich leisten aufgeblasen zu fein, dieseNeuen", waren sie doch gewohnt, auch ihre allerhöchsten Vorgesetztenvon oben herab" zu "be­trachten. Hauptmann und Kompaniechef war seit 1897 Georg von Tschudi, Abkömmling eines alten Schweizer Geschlechtes, am 29. Januar 1862 als Sohn eines herzoglich nassauischen Obersten zu Wiesbaden geboren.Rerum novaruni cupidus, auf alles Neue versessen, so charakterisierte ihn be­reits auf dem Wiesbadener Realgymnasium ein würdiger Lateinprofessor und als ein für alles wertvolle Neue Begeisterter schlüpfte ber Offizier, der schon als Erzieher an der Militärturnanstalt in Biebrich und auf Kriegsschule war, in die neue Uni­form, stülpte den Tschako auf und wird mit Leib unb Seele Luftschiffer.

Innerhalb bes Heeresverbandes hingen die Luft­schiffer im wahrsten Sinne des Wortes noch in der Luft, man wußte nichts rechtes mit ihnen anzu­fangen. So konnte ja beispielsweise nach bem Ma­növer ber Komrnanbierende General unmöglich eine fachgerechte Schlußkritik anbringen, aber Seine Ex­zellenz hatte Humor genug, sich von Herrn von Tschudi bie Punkte nennen zu lassen, die eventuell zu kabeln wären. Zwar konnte die auf bemPrin­zip der aufgeblasenen Hüllen" beruhende Luftfahrt auf eine gar lange Tradition zurückdlicken, hatten doch schon bie Mongolen in der Schlacht bei Liegnitz 1241 Drachenballone, mit warmer Lust gefüllt, als Feldzeichen aufsteigen lassen. Aber die Luftschiffer als Aufklärungstruppe in das Heer einzugliebern, war keine leichte Aufgabe; sie ist jedoch von den verantwortlichen Männern, darunter auch Tschudi, vorbildlich gelöst worden.

Was war nicht alles zu überlegen! Nur einige interessante, nicht die wichtigsten Beispiele seien er­zählt. Welchen Namen sollten denn nun eigentlich die Leute der Tschudischen Kompanie führen? Tschudi hatte vorgeschlagen:Balloniere"! Der Aus- I druck wurde jedoch als zu revolutionär abgelehnt, itrotzdem es doch auch Musketiere, Kanoniere, Pio- iniere usw. gab. Jedenfalls empfingen bie die Bal- llone cm der Erde bedienenden Mannschaften den I sstolzen TitelLuftschiffe r". Ein Titel, der be-1

sonders auf die Weiblichkeit einen starken Eindruck gemacht haben soll! Zuerst trug die in Tegel bei Berlin stationierte Kompanie auch noch den Helm, aber beim Ballonexerzieren wurden mit den Pickeln" gar zu oft Löcher in die Hüllen gestoßen, so erhielten sie endlich zur Garbepionieruniform ben Tschako ber Garbeschützen verliehen. Auch würben Gewehr unb langes Seitengewehr, ba eben­falls hinderlich, durch Karabiner und kurzes Seiten­gewehr ersetzt.

Eine ungeheure Schaukelei muß es ja damals wirklich mit den Kugelfesselballonen, aber auch mit den späteren, verbesserten Dra­chenballonen, System Parseval-Bartsch von Sigsfeld gewesen fein. Die Insassen hatten bei Wind die größte Mühe, nicht aus dem Ballonkorb zu fliegen. Verschiedene Male passierte es auch, daß sich beim Landen die Sporen ins Schlepptau ver­wickelten, unb ber Offizier weit über bie Felber bavongeschleift würbe. Aus diesem Grunde durften fortan von den Offizieren der Luftschiffertruppe Anschnallsporen getragen werden, eigentlich ein alleiniges Vorrecht ber Kürassiere.

Als äußerst wichtiges Ballon-Ausrüstungsstück galt in ber Anfangszeit ber Anker. Leider suchte er sich als Haltepunkt gar zu oft die wenigst geeig­neten Gegenstände? aus. So einmal die kräftige Wade eines Bauernmädchens, ein andermal richtete er auf einem Kirchhof beträchtliches Unheil an. Tschudi sorgte schnellstens für Abschaffung des Mon­strums, und fortan ging es besser. In dem zu Ende gehenden Jahrhundert schien für viele ein Ballon noch eine unheimliche Sache, und wir können es uns gut vorftellen, wie eine Bauersfrau, die Tschudi aus der Luft herab nach dem Wege fragte, vor Angst aufheutte und davonlief. Das alles klingt höchst vergnüglich, aber in Wirklichkeit wurde in diesen Anfangsjahren der deutschen Militärluftfahrt Wegweisendes geleistet. Viele mußten als Saatkorn ihr Leben dahingeben, so der unvergessene Major Bartsch von Sigsfeld, der bei der Landung auf dem festgefrorenen Ackerboden aus dem Ballonkorb geschleudert und getötet wurde.

Die einzigartige Stellung eines Kompanie- f ü b r e r s der Luftschiffertruppe bringt Tschudi natürlich in Gedankenaustausch mit zahlreichen Männern der beginnenden Luftfahrtentwicklung; so ist er einer der wenigen, die dem Grafen Zep­pelin lebhaftes Vechändnis entgegenbringen und ihm, wie aus dem Briefwechsel hervorgeht, manche Anregung aus ber Praxis geben konnten. Der ©runbftein zur ,,j) e e r e s m o t o r i f i e r u n g" würbe übrigens auch von ber Luftschiffertruppe ge­legt, unb es klingt in unseren fortgeschrittenen Tagen leicht erbeiternb, daß keine Militärdienststelle für das erfte ßaftauto^ das dem Heere kostenlos

| vom Hersteller angeboten wurde, Interesse bezeugte, außer dem stets für den Fortschritt aufgeschlossenen Herrn von Tschlidi. Bei der Schwierigkeit ber Frage ob Uniform ober Zivil machte er bie Versuchsfahr­ten allerdings nachts. Etwas später erhielt die Truppe auch einen Personenkraftwagen zur Ver­fügung gestellt, mit dem sie auf Befehl ihres Chefs die erste Ballonverfolgung durchführte.

Die Beschreibung von Tschudis Tätigkeit bei den Luftschiffern dürfen wir nicht abschließen, ohne bes Besuches der Luftschifferlehranstalt, bie neben der Kompanie existierte, auf dem kahlen Sandhügel bei Lichterfelde zu gedenken. Lilien­thal erzählte, welche Mühe bas Aufschütten bes Hügels gemacht habe und führte bei schwachem Wind einige Segelflüge vor.In vierzehn Tagen kann bas jeber lernen", bemerkte er bazu. Aber Tschudi will es gleich einmal versuchen und macht einigeSprünge", ohne sich selbst ober bas Flug­zeug zu beschäbigen. Diese Flüge gehörten mit Recht zu den schönsten Erinnerungen Tschudis, unb noch kurz vor seinem Tobe erzählte er mir einige von biefen Erinnerungen alserster Militärflieger ber Welt", wie er sich gern scherzhaft nannte.

Zu Anfang des Jahres 1902 übertrug man Tschudi ein neues Arbeitsgebiet, auf dem es noch mehr technische Pionierarbeit zu leisten galt als in ber immerhin schonälteren" Luftschifferei. Er würbe mit der Leitung berFunkentelegra- phie-Kommandos" betraut, einer Aufgabe, ber sich vor ihm ber tätlich verunglückte Major Bartsch von Sigsfeld bahnbrechend gewidmet hatte. Vielleicht ist man verwundert, daß wieder ein Mann der Luftschiffahrt ausgewählt wurde; aber erstens hatte ber Kommandant ber Telegraphentruppe ber Erfindung ber Funkentelegraphie jeden militärischen Wert abgesprvchen, unb zweitens zeigt es eben, daß bie Militärbehörde wußte, wo die fortschrittlichsten Geister im Militäroerkehrswesen zu finden waren. Tschudi hatte jedenfalls die Genugtuung, die ersten fahrbaren Funkerabteilungen, bie er unter großem Wiberstand für ben Herero-Feldzug einrichtete und mobilisierte, sich bei den riesigen Entfernungen des Landes ausgezeichnet bewähren zu sehen.

Trotz dieser Erfolge scheidet er 1906 auf eigenen Wunsch aus dem preußischen Heer, um im (Befolge des Gesandten Rosen nach Marokko als tech­nischer Berater des Sultans zu gehen. Später ge­stand er es ein: er bedauere, durch den Aufent­halt in Marokko etwas Großes versäumt zu haben: die Geburtsstunde der deutschen Fliegerei. Nach sei­ner Rückkehr aus Marokko war es ein kühner Ent­schluß von Tschudi, die Geschäftsführung ber in­ternationalen Luftfahrtausstellung (ILA.) in Frankfurt a. M. 1909 zu übernehmen und diese allumfassende Flugschau, die von so be*

fruchtendem Einfluß auf ben beutschen Flugzeugbau war unb weite Teile bes beutschen Volkes für ben Luftfahrtgebanken begeisterte, gegen alle Nörgler durchzusetzen. Durch bie gewaltige Aufklärungsarbeit ber ILA. begann man, bie Fliegerei nicht mehr mit Seiltänzerarbeit zu verwechseln, wie jene Ver­sicherungsgesellschaft, bie einem Luftschiffer-Offizier mitteilte, baß sie Seiltänzer, Tierbändiger, Akro­baten und Luftschiffer nicht versichere.

Die Fortschritte in ber Luftfahrt machten die Reichshaupstadt allmählich reif für den er ft en Flugplatz, unb so entstaub im gleichen Jahre wie bie ILA nach Tschubischen Plänen Johan­nisthal, für jeben auch nur oberflächlich mit ber Geschichte ber Luftfahrt Vertrauten ein Begriff. Kann man biefen Flugplatz doch gerabezu als Wiege ber deutschen Fliegerei bezeichnen. Direktor und Inspirator war natürlich wiederum Tschudi. Trotzdem der Flugplatz als reines Privatunterneh­men sich selbst erhalten mußte und möglichst für die Aktionäre eine gewisse Rente bringen sollte, ge­lang es ihm durch große Flugveranstaltungen, der Luftfahrt in den Jahren 1909 bis 1914 an Preisen und Prämien über eine Million Mark zuzuführen.

Eine neue Idee nach der anderen setzte Tschudi auf seinem Flugplatz durch. Da sah man bas erfte Luftrennen, ben ersten Bombenabwurf. Wettbewerb (aus 25 Meter Höhe), die schier unfaßbaren ersten Sturzflüge des Fliegers P6goud, bie ersten Leuchtfeuer für Nacht- f l ü g e unb anderes mehr. Lehrkommanbos der Ar­mee unb Marine ließen sich hier nieber unb bil­deten Flugzeugbesatzungen heran als Grundstock ber beutschen Fliegertruppe. Von 293 Flugzeug­führerscheinen, bie 1913 ausgestellt würben, entfie­len mehr als bie Hälfte auf Johannisthal, trotzdem es inzwischen bereits weitere 26 Flugplätze in Deutschland gab. Unermüdlich stand hinter aller Jo- hannisthaler Arbeit als Motor der quicklebendige Mann mit bem charakteristischen Spitzbart unb ben klugen und feurigen Augen.

Die bewunderungswürdige Sachkenntnis auf allen Gebieten ber Luftfahrt befähigte ihn nach bem Kriege, ben er als Kommanbeur einer Fliegerabtei­lung mitrnachte, die Einigung ber verschiedenen beutschen Flugverbände durch Schaffung einer ober­sten Stelle, besDeutschen Luftra t", vorzu­bereiten. Als Vertreter Deutschlanbs unb Vizevrä- fibent im Internationalen Flugverbanb, ber FAI., kämpfte er unermüdlich für Deutschlands Gleich­berechtigung in der Lust. Zur Zeit ber Internatio­nalen Luftfahrtausstellung Berlin 1928, die genau nach dem Muster der Frankfurter ILA. aufgebaut war, starb Georg von Tschudi, ber mit ben Grund­stein legen half zu deutscher Luftgeltung. Das wird ihm Deutschland nicht vergessen. Jürgen Rauch.