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wurde in dieser Sache gegen 17 Personen Anklage erhoben. Einer der Beschuldigten ist aber erkrankt, so daß das Verfahren gegen ihn abgetrennt werden mußte. Von den Angeklagten befinden sich neun seit Ende Januar in Untersuchungshaft. Die ande­ren waren ebenfalls inhaftiert gewesen, sind aber wieder entlassen worden. Am Schluß des ersten Verhandlungstages wurden sämtliche Angeklagten, die geständig sind, bis auf den hauptbeschuldigten Metzgermeister, aus der Haft entlassen.

51000 SA.-Gportabzeichenträger in der SA.-Gruppe Hessen.

8000 wurden im Jahre 1937 neu verliehen.

LPD. Die Ablegung der sportlichen Leistungs­prüfung und der damit verbundene Erwerb des SA. -Sportabzeichens hat im Jahre 1937 weitere große Fortschritte gemacht. Insgesamt wur­den nach einer soeben vom Statistischen Reichsamt erfolgten Veröffentlichung im letzten Jahre nach Ab­legung der vorqeschriebenen Hebungen und Prüfun­gen 2 4 4 4 53 Abzeichenin Bronze neu aus­gegeben, so daß die Zahl der seit Stiftung des SA.- Sportabzeichens (Dezember 1933) verliehenen Ab­zeichen sich auf insgesamt 1286 970 beläuft. Die Uebersicht gibt auch Aufschluß über die Verteilung dieser 1,29 Millionen SA.-Sportabzeichen auf die einzelnen SA.-Gruppen. Danach wurden im Jahre 1937 in der SA. - Gruppe Hessen 8000 SA.- Sportabzeichen neu ausgegeben. Die Zahl der ver­liehenen Abzeichen erhöht sich in der SA>Gruppe Hessen damit von 43 000 im Jahre 1936 auf nun­mehr 51 000. Der Anteil der Gruppe Hessen an der Gesamtzahl der ausgegebenen SA.-Sportabzeichen im Reich beträgt 4 v. H.

Wird die Zcchl der verliehenen SA.-Sportabzei- chen der Wohnbevölkerung im Bereiche unserer SA.- Gruppe gegenübergestellt, so kommen Ende 1937 21,4 Abzeichen auf je 1000 Einwohner gegenüber 18,4 im Vorjahre und 19,5 im Reichsdurchschnitt.

An der Spitze aller SA.-Gruppen steht, wie im Vorjahr, die Gruppe Thüringen, in der 29,2 Ab­zeichen auf 1000 - Einwohner entfielen; es folgen Niederrhein mit 21,9 und an dritter Stelle die Gruppe Kurpfalz mit 21,7 SA.-Sportabzeichenträ- gern auf je 10GÄ der Bevölkerung.

Wegen Mitwisserschaft eines Mordes vor Gericht.

LPD. M a i n z, 7. Sept. Das Mainzer Schwur, g e r i ch t verhandelte einen Fall von Mit­wisserschaft eines Mordes, der nach den verschärften Bestimmungen des § 139 StGB, neben Zuchthaus auch mit der Todesstrafe bedroht ist. Es war dies der erste Fall, der nach der Neufassung die­ses Paragraphen im Reich zur Aburteilung gelangte.

Im November vergangenen Jahres ereignete sich bei Ingelheim in Rheinhessen ein Verkehrs­unglück, bei dem eine Frau ums Leben kam. Gerüchtweise verlautete in der Bevölkerung, daß es bei diesem Unfall nicht mit rechten Dingen zuge­gangen sei. Die Polizei stellte bei ihren Nachfor­schungen fest, daß es sich um einen Mord handelte. Der Fahrer des Autos, der in Sprendlingen in Rheinhessen wohnende Jakob K r o l l m a n n , hatte seine Frau unterwegs mit einem Hammer erschlagen und einen Autounfall fingiert. Er selbst hatte sich, obwohl er völlig unverletzt war, mit einem angeb­lichen Schädelbruch in ein Krankenhaus gelegt und es verstanden, durch Simulieren die Aerzte und Schwestern zu täuschen. Als Krollmann schließlich in Untersuchungshaft genommen wurde, beging er nach wenigen Tagen Selbstmord, indem er sich über die Brüstung des Treppengeländers im Unter­suchungsgefängnis stürzte. Dor seinem Tode hatte er in einem Abschiedsbrief seine Geliebte, die 24- jährige Maria L e s k e , der Mitwisserschaft an dem Mord an seiner Frau bezichtigt.

Die L e s k e, die ein Kind zur Welt brachte, das von Krollmann stammt, ist aus Ostpreußen gebürtig und in verwahrlosten Verhältnissen groß geworden; sie betätigte sich auch früher in Kreuznach in einer Ju­gendgruppe der KPD. aktiv. Sie hatte sich wegen Mitwisserschaft an dem Verbrechen Krollmanns und unter dem Verdacht der Anstiftung des Mordes zu verantworten. Nach dem Selbstmord Kroll-

manns hat die Angeklagte alle Geständnisse, die sie bet ihrer ersten protokollarischen Vernehmung vor der Poltzet machte; abgestritten, und blieb auch jetzt XnÄUeenMn b6m 0an3Cn 580190,13 nid>5 ptad) mehrtägiger Verhandlung verurteilte das Schwurgericht die Angeklagte Leske zu drei Ä u ch t h a u s und fünf Jahren Ehrver­lust. Bet der Strafzumessung wurde mit Rücksicht daraus daß bte ermordete Frau Krollmann fünf unmündige Kinder hinterläßt, das Dorliegen eines schweren Falles angenommen. Dagegen hat das Ge­richt der Angeklagten die grauenvollen Umstände der Ermordung nicht zur Last gelegt. Es hat trotz des drtngenden Verdachts, daß die Leske die Tat wo­möglich sogar angestiftet hat, nur angenommen, daß fte allgemein Kenntnis davon hatte, daß Krollrnann seine Frau beseitigen wollte. Der Staatsanwalt hatte eine fünfjährige Zuchthausstrafe beantragt und auf Beihilfe zum Mord plädiert.

Tagung der Handelsvertreter

und Handelsmakler im Bezirk Hessen.

LPD. Frankfurt a. M, 3. Sept. Die Fach- gruppe Handelsvertreter, die bisher in Hessen noch nicht an die Oeffentlichkeit getreten ist, veranstaltete am Samstag ihre erste Tagung im Bezirk Hessen. In den Nachmittagsstunden tagten der große Beirat und die Fachgruppe Baustoffe. Am Abend vereinigten sich die Handelsvertreter zu einer öffentlichen Kundgebung.

Der Leiter der Fachgruppe Handelsvertreter und Handelsmatter, Kersting (Köln), wies auf die Notwendigkeit hin, den Handelsvertretern und Mak­lern eine Grundlage zu schaffen, auf der sie durch Fleiß und Fähigkeit weiterbauen könnten. Nicht minder wichtig sei es, daß eine Berufsbereinigung durchgeführt werde.

Weiter sprach der Leiter der Wirtschaftskammer Hessen und Präsident der Handelskammer Frank­furt Professor Dr/Lüer über den Aufbau der Be­rufsorganisation des Handels, in der auch der Han­delsvertreter einen wichtigen Platz einnehme. Als Präsident der Handelskammer und als Wissenschaft­ler habe er erkannt, daß die Funktion des Handels­vertreters durchaus produktiv sei.

Der Hauptgeschäftsführer der Fachgruppe Han­delsvertreter und Handelsmakler, Dr. Engel (Ber­lin), sprach über die Sorgen und Nöte des an sich jungen Berufs des Handelsvertreters. Der ganze Erfolg der Arbeit des Handelsvertreters beruhe auf seiner persönlichen Leistung. Falle der persönliche Einsatz fort, dann sei meistens auch das mühsam ausgebaute Geschäft gefährdet. Darum gelte es, dem Handelsvertreter eine Stellung zu geben, in der er geschützt sei. Dazu werde das neue Handels­vertreterrecht dienen, das in Bälde kommen werde. Das neue Handelsrecht werde Herausstellen, daß der Vertreter selbständiger Kaufmann sei. Ein­gehend behandelte der Redner die Frage der Für­sorge für den Handelsvertreter. Aus der Berufs­gemeinschaft heraus werde eine Altersversor­gung geschaffen werden müssen. Als ein Haupter­fordernis der nächsten Zeit bezeichnete der Redner das Abschütteln unerwünschter Ele­mente. Es werde auch nötig sein, solche Vertreter, die sich nicht für diesen Beruf eignen, in andere Berufe zu überführen. Schließlich wies der Redner noch darauf hin, daß kein Vertreter sich dazu ver­leiten lassen sollte, ein Vertretergeschöft von Juden zu kaufen, weil das ganze Geschäft auf dem Per­sönlichkeitswert des Vertreters beruhe und ein sol­cher Wert den Juden abzusprechen sei.

Als letzter Redner sprach der Leiter der Fach- gruppe Einzelhandel, der betonte, daß der Ver­treter ein Freund und Berater des Einzelkauf­manns fei, wie der Einzelkaufmann der Freund und Berater des Verbrauchers fein müsse.

Wirtschaft.

Rhem-Mainische Börse.

Alillagsbörse wenig verändert.

Frankfurt a. M., 7. Sept. Die Börse be­wahrte ihre freundliche Grundtendenz, hatte aber mangels nennenswerter Kundschaftsbeteiligung nur außerordentlich kleines Geschäft, da auch die Kulisse keine Unternehmungslust bekundete.

Am Aktienmarkt lagen die Kurse nur we­nig verändert, wobei Besserungen um Bruchteile vom Hundert überwogen. Verschiedentlich wurden kleine Anlagekäuse beobachtet. Feste Haltung hatten Daimler Motoren mit 129 (127,25), AEG. mit 108,75 (107), Felten mit 129 (127,50) und Rütgers- werke mit 145 (143,50). Von Montanwerten ge­wannen Buderus und Mannesmann je 0,50 v. H. auf 109 bzw. 105, Verein. Stahl erreichten wieder einmal den Paristand (99,75), Hoefch lagen nur knapp gehalten mit 105,90. Nicht ganz behauptet eröffneten ferner JG-Farben mit 147,50 (147,75), WtWR. mit 123,25 (123,50), Deutscher Eisenhandel mit 135,25 (135,50) und Conti Gummi, die 1 v. H. nachgaben, auf 198. An den übrigen Marktgebieten lagen Erstkurse zunächst nicht vor.

Der Rentenmarkt lag gleichfalls sehr still und gut behauptet. Befestigt waren Reichsaltbesitz auf 130 (129,70), Reichsbahn-VA. unv. 123,65. Im Freiverkehr gehandelte Werte, wie Kommunal-Um- schuldung (94,40), 4prvz. Rentenbank-Abl. (92,13), Städte-Altbesitzanleihen (135,25) und späte Schuld­buchforderungen (98,65), blieben ebenfalls gut ge­halten. Stadtanleihen lagen uneinheitlich bei Schwankungen bis 0,50 v. H., ebenso zeigten In­dustrie-Obligationen keine einheitliche Entwicklung, fest waren 5proz. Daimler mit 101,50 (am 5. Sept. 100,50). Liquidationspfandbriefe waren gefragt und zumeist 0,13 bis 0,40 v. H. höher und von Gold­pfandbriefen wurden Kasseler wieder auf 100,25 (100) heraufgesetzt.

Auch im Verlaufe hielt die Unlust und Zurück­haltung in vollem Umfange an. Bei den führenden Werten am Aktienmarkt bröckelten die Kurse um Bruchteile vom Hundert ab, IG.-Farben 147 nach 147,50, Verein. Stahl 99,50 nach 100, Man­nesmann 104,50 nach 105 und AEG. 108,25 nach

108,75, während im übrigen mangels Geschäfts kaum weitere Notierungen erfolgten. Die später zur Notiz gekommenen Papiere wiesen Veränderungen von durchschnittlich 0,50 bis 1 v. H. aus, fest lagen Feldmühle Papier mit 129 (127) dagegen Kaliaktien bis zu 2 v. H. niedriger.

Jrn Freiverkehr war das Geschäft bei be­haupteten Kursen gering. Schwächer lagen Katz & Klurnpp mit 88 bis 90 (90 bis 92). Tagesgelo unverändert 2,25 v. H.

Abendbörse freundlich. \

Die Abendbörse wurde von einer freundlichen Grundstimmung beherrscht. Seitens der Kundschaft zeigte sich etwas Nachfrage und auch die Kulisse be­kundete mäßiges Interesse, ohne daß es aber zu größeren Umsätzen gekommen wäre. Ueberroiegenb ergaben sich gegenüber den Mittagsschlußkursen Besserungen um durchschnittlich 0,25 bis 0,50 v. H. Etwas lebhafter lagen AG. für Verkehr mit 117,75 bis 118 (117) und Gesfürel mit 128 (127,25), wäh­rend von den führenden Papieren IG.-Farben mit 147,65 (147,50) und Verein. Stahl mit 100 (99,75) verhältnismäßig still lagen, wie auch auf den übri­gen Gebieten die Feststellungen zumeist nominell erfolgten. U. a. notierten: Buderus 109,25 (109), Ilse Genuß 133 (132,75), Mannesmann 105 (104,75), Rheinstahl 133,25 (132,75), Deutsche Erdöl 123 (122,50), Daimler 129,50 (129), Metallgesellschaft 125,75 (125,50), Rheinmetall 124,25 (124), Schuckert 165,50 (165), Westdeutsche Kaufhof 94,50 (94,25), anderseits bröckelten Hoesch auf 105,50 (105,90) und Licht und Kraft auf 131,50 (132) und Demag auf 139,50 (139,75) ab.

Frankfurter Getreidebörse.

Frankfurt a. M., 7. Sept. Es notierten (Ge­treide je Tonne, alles übrige je 100 kg) in Mark: Weizen W 9 198, W 11 200, W 12 201, W 13 202, W 16 205, W 18 207, W 19 209, W 20 211, Roggen R 11 183, R 12 184, R 14 186, R 15 187, R 16 189, R 17 190, R 18 191, R 19 193 Groß­handelspreise der Mühlen der genannten Preisge­biete; Weizenmehl Type 812 W 13 28,85, W 16 28,85, W 18 28,85, W 19 28,85, W 20 (Kreis Alzey) 28,85, W 20 (Kreis Worms) 29,20; Roggenmehl

Type 997 R 12 22,45, R 15 22,80, R 16 22,95, R 18 23,30, R 19 23,50 plus 0,50 Mark Frachtaus­gleich; Weizenfuttermehl 13,60; Weizenkleie W 13 10,75 W 16 10,90, W 18 11,00, W 19 11,10, W 20 11,20; Roggenkleie R 12 9,95, R 15 10,15, R 16 10,25, R 18 10,40, R 19 10,50 Mühlenfestpreis ab Mühlenstation; Wiesenheu, handelsüblich, gesund, trocken, mit Besatz (bis etwa %) an minderwertigen Gräsern 5,00, Wiesenheu, gut, gesund, trocken, mit unerheblichem Besatz (bis etwa */io) an minderwer­tigen Gräsern 5,80 bis 6,00, Erzeugerpreis ab Er­zeuger-Verladestation; drahtgepreßt bis 40 Pf. Auf­schlag; Weizenstroh, bindfadengepreßt und gebün­delt 2,80; Roggenstroh, bindfadengepreßt und ge­bündelt 2,90 bis 3,00; Hafer- und Gerstenstroh, bind­fadengepreßt und gebündelt 2,40 bis 2,50; Kleeheu, gut, gesund, trocken 7,00 bis 7,50 ab Erzeuger-Ver­ladestation. Tendenz ruhig.

Frankfurter Schiachtviehmarkt.

Frankfurt a. M., 8. Sept. (Vorbericht.) Um 10 Uhr war folgende Marktlage: Vorauftrieb: 1114 Rinder (198 Ochsen, 183 Bullen, 529 Kühe, 204 Färsen), 463 Kälber, 99 Hämmel, 70 Schafe, 176 Schweine. Es kosteten: Rinder: Ochsen 29 bis 45 Mark, Bullen 34 bis 43, Kühe 18 bis 43, Färsen 35 bis 44, Kälber 36 bis 65, Hämmel 38 bis 52, Schafe 20 bis 42, Schweine 52 bis 59 Mark. Marktoerlauf: Großvieh, Kälber und Schweine zu- geteilt, Hämmel und Schafe mittelmäßig.

Kunst und Wissenschaft.

Neuerscheinungen des Verlages Langen/Müller in München.

Der Verlag Albert Langen/Georg Müller, Mün­chen, kündigt folgende Neuerscheinungen an:

Almanach, Ausritt 1938/1939. Paul A l verdes,Das Schlaftürlein", ein Märchen. Georg Bri11ing,Das gerettete Bild", Erzäh­lungen. Hermann Claudius,Jeden Mor­gen geht die Sonne auf", Gedichte. Erna Brand,Max Reger im Elternhaus". Mit Bil­dern.Die Trommel schlug zum Streite." Deutsche Gedichte aus dem Weltkrieg. Eine Sammlung von Wilhelm Westecker. Joachim v. d. Goltz,Der Steinbruch", Roman. Paul Anton Keller,Der klingende Brunn", Gedichte. E. G. Kolbenheyer, ein Roman aus der Zeit der deutschen Mystik. Curt ßangenberf, Der Hochverräter", tragisches Schauspiel. Numme N u m m s e n,Hermann Claudius". Ver­such -einer Deutung seines Werkes. I. Fr. Per- ko n i g,Lopud. Insel der Helden". Roman. Gottfried Rothacker, Erzählungen. Gerhard Schumann,Schau und Tat", Gedichte. Unto Seppänen,Markku und sein Geschlecht". Ro­man. Uebersetzung aus dem Finnischen. Ludwig Thoma, ,Hozef Filsers Gesammelter Briefwexel". Briefwechsel eines bayrischen Landtagsabgeord­neten" undJozef Filsers Briefwexel" in einem Band als Volksausgabe. Mit 29 Zeichnungen. Josef Weinheber,Zwischen Gottern und Dä­monen". Vierzig Oden. Erwin Wi11stock, ... abends Gäste", Gestalten und Geschichten. Heinrich Zillich,Der Weizenstrauß", Roman. Die Kleine Büchere i." 1. Folge: Dichtung der Gegenwart: Wilhelm Pley er,Der Kampf um Böhmisch-Rust", zwei Erzählungen. Nikolaus Schwarzkopf,Der Storch", Erzählung. Moritz Jahn, vier Erzählungen. E. G. Kol­benheyer, Worte aus seinen Werken. 2. Folge: Herkunft und Gestalt:Sinnbilder des Reichs". Mit Abbildungen. Von Hubert Schrade.Sinnbilder des Lebens". Mit Abbildungen. Von Hubert Schrade. Wort und Verantwortung in deutschem Schrift­tum". Eine Auswahl von E. Bertram. Goethe, St.-Rochusfest zu Bingen. Mit 8 Bildern und einem Nachwort von Wilhelm Schäfer.Stimme O esterre i chs ". Zeugnisse aus drei Jahrhunder­ten. Von Max Mell.Seume, der deutsche Wanderer". Eine Auswahl aus seinen Werken.< Moltke, Briefe aus der Türkei. Die Tür­ken vor Wien, stimmen und Berichte aus dem Jahre 1683.Schelme und Narren im V o l k s m u n d". Geschichten.V o m Alltag des deutschen Mittelalters". Aus alten deutschen Chroniken. Mit Bildern.

Kannst du Möck, Sore?

Vornan von Hedda Lindner.

Copyright by Carl Dunrfer Verlag, Berlin W 35.

9. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)

Ich meine, es kann doch auth Fälle geben, wo eine Frau einem Mann angeyört, ohne darum gleich ihre Ehre zu zu beschädigen", versuchte Dore den Eindruck ihrer vorhergehenden Bemerkung abzuschwächen.

Das bestreite ich. Ein Mann, der eine Frau liebt, will sie auch heiraten. Tut er das nicht, ist es ein Beweis, daß er nur Zeitvertreib, Abenteuer sucht, und dazu gibt ein anständiges Mädchen sich nicht her."

Wie einfach das klingt", sagte Dore erbittert. Du bist als Mathematiker gewohnt, alles auf eine Formel zu bringen. Und in der Mathematik mag es wohl für alles eine Formel geben, im Leben nicht."

Doch!" widersprach er.Jeder anständige Mensch hat von seinem Gewissen die genaue Unterscheidung von Gut und Bose mitbekommen, hat fein inneres Gesetz, nach dem er handeln muß."

Und wenn das Leben dich vor Entscheidungen stellt, die dein inneres Gesetz zu den äußeren Mo­ralanschauungen bringen, wonach handelst du dann?" Sie fühlte die wilden Stoße ihres Herzens, jetzt mußte es sich zeigen, was für ein Mensch unter der gepflegten, korrekten Hülle Rudolf Niemeyers steckte, was für ein Mensch!

Ich kann mir nicht vorstellen, daß mein inne­res Gesetz mich jemals zu den geltenden und er­probten Sittenbegriffen in Widerspruch bringen könnte. Darum halte ich theoretische Erörterungen darüber für zwecklos." Die ganze Ueberheblichkeit eines Mannes, dessen Dasein sich stets in gesicher­ten Grenzen abgespielt hatte, lag in seiner Antwort.

Dore sah ihn an, er war plötzlich unendlich weit fort von ihr. Wie wenn man ein Fernglas mndreht und die Leute, die man eben noch neben sich hatte, nun ganz weit, ganz ttein und entfernt sieht, so sah sie jetzt den Mann, der ihr bis dahin doch im­mer noch groß genug erschienen war, um ihr Leben auszufüllen.

Du hast recht", sagte Dore müde.Ich rede Un­sinn, verzeih!"

Siehst du, wie vernünftig du bist!" Niemeyer war sichttich erfreut über ihre Nachgiebigkeit.Ich habe deine Behauptungen auch gar nicht ernst ge­

nommen. Ich weiß ja, du liebst diese kleinen Wort- plänkeleien."

Was nun, dachte Dore verzweifelt, als sie abends endlich allein war; wie soll das weitergehen?

Sie hatte sich rasch ausgezogen und ins Bett gelegt Das Bett war immer ihre Zuflucht gewesen, wenn sie etwas quälte, schon als Kind war sie mit jedem Kummer hineingeflüchtet. Und das gute brave Bett hatte auch stets seine Schuldigkeit getan: ein paar Stunden Schlaf, und alles sah ganz anders aus.

Diesmal war es kein kindlicher Kummer, der an nächsten Morgen verwunden war. Sie lag und sah mit heißen, trockenen Augen in das Dunkel. Ruhe und Geborgenheit hatte sie von dieser Ver­bindung erhofft und sich damit mir in neue Schwie­rigkeiten gestürzt. Denn was sie seit jenem Schi- ausflug dumpf gefühlt, darüber half jetzt kein Hin­wegtäuschen mehr: sie konnte Rudolf Niemeyer nicht heiraten, sie konnte nicht. Nicht mehr, nachdem die Unterhaltung dieses Abends so unbarmherzig ttar gezeigt hatte, wie grundverschieden ihre Denkungs- weise war. Er ist entweder ein großer Heuchler oder ein großer Philister, dachte sie mit einem bit­teren Geschmack im Mund, nur eines ist sicher: ein großer Mensch ist er nicht.

Er würde nie, nie verstehen, daß sie vierzehn Tage ihres Lebens verschenkt hatte.Eine anstän­dige Frau tut so etwas nicht", würde er sagen, und wahrscheinlich wäre es für ihn sogar ein Schei- dungsgrund, wenn er es jemals erführe. Und man konnte nie vorausfehen, wie der Zufall spielt. Sollte sie aber den Bestand ihrer Ehe von einem Zufall abhängig machen?

Niemeyer wäre bestimmt nie auf den Gedanken gekommen, von einer Frau zwei Wochen ihres Le­bens zu verlangen. Aber Niemeyer würde sich auch niemals einem rasenden Stier entgegenwerfen, um das Leben dieser Frau zu retten. Er gehörte zu den Leuten, die hinter dem Zaun gute Ratschläge er­teilen. . . .

& schien alles so einfach damals. Was sind vier­zehn Tage so wenig, daß man sie ruhig weg­geben kann, und dann kehrt man in das gewohnte Leben zurück. Falsch, grundfalsch, Dore Orivius! Man kann nicht zurück, man kann nicht einen Tag aus seinem Leben streichen, wenn dieser Tag in irgendeiner Weise Erlebnis war. Denn daraus kommt es an: auf den Inhalt dieses Tages. Tote Tage, leere Tage gibt es, die kannst du vergessen, sie ver­lieren sich im Ablauf der Jahre wie eine Nadel t-m Dünensand. Aber ein Tag, der erlebt war, der bleibt.

Und hier waren es doch elf volle Tage gewesen, und jeder einzelne bis zum Rand gefüllt.

Du kannst nicht zurück, Dore! Feigheit war es, die dich in diese Verlobung trieb! Danke dem Schicksal, daß es dich zur Erkenntnis zwingt, ehe es zu spät ist! Denn sonst machst du nicht nur dich unglücklich, du wirst auch schuldig gegen diesen andern, der dich auf seine Weise liebt. Nudolf Niemeyer ist ein Mensch wie unzählige andere, die ein gleichmäßiges Leben ohne Kampf und Widerstände geführt haben: selbstgerecht und eng, aber niemals schlecht.

So erkannte Dore Orivius, daß sie die Folgerung ziehen mußte, die ihr inneres Gesetz von ihr for­derte. Sie sah zwar all die Schwierigkeiten voraus, die eine aufgelöste Verlobung mit sich brachte. Welch ein Gesprächsstoff für die Klatschbasen. Sollte sie aber vielleicht der Klatschbasen wegen die Ehe ein­gehen, fragte sie sich. Sollte sie aus Feigheit sich und den ungeliebten Mann ins Unglück stürzen?

Sie hatte ja wirklich geglaubt, das Richtige zu tun. Das andere war vorbei, und hier tatenlos herumsitzen, das konnte doch nicht ihr Leben sein. Sie wollte eine Aufgabe haben, darum hatte sie heiraten wollen.

Es gab andere Aufgaben. Arbeite, lerne, das ist würdiger als dieser Ausweg.

Und mein Vater? Er würde außer sich sein, wenn sie diese Verlobung löste.

In diesem Falle stehst du dir selbst am nächsten, sagte sie sich dann.

So lag sie die halbe Nacht mit offenen Augen, bis sie endlich gegen Morgen in unruhigen Schlaf fiel, aber erst, nachdem sie ihren Weg klar erkannt hatte.

Der Entschluß, ihre Verlobung zu losen, stand fest. Nur die äußere Form bereitete ihr noch Un­behagen. Einen Mann wie Niemeyer, der außer­dem Kollege ihres Vaters war, einfach nach Haufe schicken, nur weil sie sich anders besonnen hatte, das war unmöglich. Ihm die Wahrheit sagen sie lächelte bitten Die Gewißheit, daß er sie nicht ver­stehen würde, war der letzte Anstoß zur Losung einer Verbindung, die sie niemals hätte eingehen dürfen. Ihre Verlobung war ein Unrecht gegen Ru­dolf Niemeyer da half kein Beschönigen. Um so rücksichtsvoller mußte sie bei der Trennung sein.

Aber diesmal hatte das Schicksal ein Einsehen und half ihr, half ihr durch- einen Zufall.

Am nächsten Tage war ihr allwöchentlicher Bridgeabend, und diesmal sagte eine der Damen im letzten Augenblick ab, zu Dores Erleichterung. Sie war so gar Nicht in der Stimmung, tausend wohlgemeinte Fragen Über ihre Zukunftspläne, ihre künftige Einrichtung und ähnliche Dinge über sich ergehen zu lassest.

Sie beschloß, den freien Tag zu benutzen und.

nach der nahen Großstadt hinüberzufahren. Etwas Ablenkung würde ihr gut tun, vielleicht kam dabei der erlösende Gedanke.

Sie hatte ein paar Besorgungen gemacht, sich die Schaufenster angesehen, ihren Tee in der Halle eines Hotels genommen und beschloß nun, noch von sieben bis neun in ein Kino zu gehen. Sie wollte nicht zu früh nach Grünhagen zurückkommen, um ein Zusammentreffen mit ihrem Vater zu vermei­den; er würde sie bestimmt fragen, warum sie Niemeyer nicht von diesem freien Abend benach­richtigt hatte.

Die Rettame lief schon, als sie das Kino be* trat, das zu dieser Vorstellung nicht allzu sehr be­sucht war. Sie folgte der kleinen Lamve der Platz­anweiserin und tastete sich zu ihrem Sitz durch. All­mählich gewöhnte sich ihr Auge an die Dunkelheit, und sie begann, da die Rettame sie nicht sonder­lich fesselte, das Publikum zu mustern.

Ein paar ältere Damen vor ihr, die sie nicht kannte, verschiedene Pärchen, die sich mehr für sich stzlbst als für den nunmehr abrvllenden Werbefilm zu interessieren schienen. Die Zeit von sieben bis neun scheint bei Liebespaaren besonders geschätzt zu sein, dachte Dore leicht amüsiert und beobachtete zwei Reihen vor ihr ein weibliches Wesen, das völlig hingegeben an der Schulter eines Kavaliers lag. Sehr geschmackvoll ist diese Art, feine Gefühle auszudrücken, gerade nicht, dachte sie weiter, es muß wohl noch ein ganz junger Mensch ... Sie zuckte zusammen die Dame, die zwischen ihr und dem Partner des schmachtenden Mädchens saß, hatte sich etwas zur Seite gebeugt und dadurch den Blick auf den Mann freigegeben. Dores Augen weiteten sich in fassungslosem Staunen: Das war doch ein­fach nicht möglich, das konnte doch gar nicht mög­lich fein! Daß Rudolf Niemeyer, ihr Verlobter, hier in einem Kino faß mit einer Frau, die durch ihre Haltung ihre Zusammengehörigkeit unmißverständ­lich verriet.

Das war ja albern, so etwas zu glauben, eine" zufällige Aehnlichkeit der Kopfhaltung täuschte sie» in dieser Dunkelheit war nichts zu erkennen. Ob es nicht endlich mal hell wurde Dore biß sich ner­vös auf die Sippen, dieser Werbefilm da oben nahm anscheinend gar kein Ende. Jetzt wurden auch noch die demnächst zu erwartenden Filme ausführlich an- gefünbigt, aber endlich wurde es langsam hell.

Sie beugte sich nach vorn, in atemloser Span­nung hing ihr Gesicht an der Gestalt des Mannes vor ihr. Er wandte sich etwas zur Seite und sprach ein paar Worte zu seiner Begleiterin. Dore sank auf ihren Sitz zurück, fte hatte genug gesehen.

(Fortsetzung folgt!)