Nr. AO Drittes Blatt
(Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberhesjen) Donnerstag, 8. September (938
Dos Modell her Schwimmhalle im Gießener Spvrlseli»
Echäferhunve-Körung in Gießen
vorgeführt, die Zähne wurden nachgesehen, dke na- türliche oder andressierte Schärfe beobachtet, die Aufmerksamkeit, die das Tier an den Tag legt, beurteilt, wie überhaupt seine ganze Veranlagung überprüft. Umfangreiche Fragebogen wurden ausgefüllt, so daß die Körung geraume Zeit in Anspruch nahm.
Der tiefere Sinn dieser Körung liegt darin, daß |
unferm Garten zum Beispiel. Aber Erntehilfe!
Die Wiese, die wir nun überqueren, ist übersät mit lila Herbstzeitlosen. Leise murmelt der Bach, dunkel steht der Wald zur Seite.
Jetzt haben wir das Feld unserer Tätigkeit erreicht, die andern sind schon an der Arbeit: Mann und Frau und Großmutter, dazwischen wuselt ein kleiner Junge. Schnell ein Kopftuch umgebunden und den großen, hölzernen Rechen in die Hand! Drüben, neben dem Kartoffelacker, ist noch ein großes Stück umzuwenden. Als das fertig ist, wird das schon Gewendete zu Haufen zusammengerecht. Wir arbeiten wie die Wilden! Die Kinder müssen natürlich Unsinn machen, sie verstecken sich in den Grummethaufen und lassen sich suchen.
Gott sei Dank! Jetzt gibt's erst mal Kaffee! Wir lagern uns malerisch auf die Wiese. Die große, braune Deckelkanne wird geholt und weiße Becher. Unb Riesenstücke köstlichen Schwarzbrotes kommen zum Vorschein. Hei, wie das schmeckt!
Unser Blick schweift über die weiten, weiten Felder, in der Ferne leuchten rote Dächer, seidig blau ist der Himmel darüber ausgespannt.
Run aber geht's weiter mit der Arbeit: setzt wird aufgeladen.! Das braunweiße Kuhgespann steht geduldig vor dem Wagen, in den das Grummet kunstgerecht verstaut wird. Die Frau steht im Wagen, der Mann reicht es ihr zu und wir rechen nach. Von Haufen zu Haufen geht es. Eine schwere Arbeit. Wieviel Zeit, Kraft und Geschick erfordert das Ausladen, und doch nur, um daheim wieder--
abladen zu müssen! Ein spielerischer Herbstwind weht jetzt über das Feld, wir rechen immer wieder die zerzausten Haufen und Häufchen zusammen.
Aber endlich ist das Werk gelungen: hochaufgetürmt steht der Wagen da, das Feld ist leer. Run werden noch die Kinder hinaufgereicht: sie quietschen vor Vergnügen. Schwankend und im langsamsten Trott fährt der Wagen auf dem unebenen Wiesenboden mit dem „getrockneten, zweiten Herbstschnitt" davon.
Die Sonne ist hinter zarten Wolken verschwunden, die rosenrot von ihr gefärbt sind. Die ersten Nebelstreifen tauchen am Waldrande auf und lassen ihn noch schwärzer erscheinen. Es ist Herbst!
E. L. St.
Vereinbarte Kündigungsfristen einhalten
NSG. Es ist vielen Gefolgschaftsmitgliedern immer noch nicht genügend bekannt, daß die Nichteinhaltung der durch Tarifordnung vorgeschriebenen, oder vertraglich vereinbarten Kündigungsfristen ein Verstoß gegen den das Arbeitsverhältnis begründenden Treuegedanken ist. Ein solches Vergehen ist einem Vertragsbruch gleichzustellen. Sofern durch Tarifordnungen Kündigungsfristen vorgeschrieben sind, liegt in solchen Verstößen auch ein vorsätzliches Zuwiderhandeln gegen die schriftlichen allgemeinen Anordnungen des Reichstreuhänders der Arbeit. Der Reichstreuhänder hat in geeigneten Fällen die Möglichkeit, Verfolgung durch das Soziale Ehrengericht zu veranlassen bzw. Strafantrag zu stellen.
Der Platz an der Pul- vermähle war dieser Tage während einiger Stunden erfüllt vom Gekläff vieler Schäferhunde Die „Fachschaft Deutsche Schäferhunde" hatte die Besitzer zuchtwürdiger Schäferhunde zusammengerufen, um die Tiere einer gründlichen Schau zu unterziehen. Es galt festzustellen, welche Tiere für die nächsten zwei Jahre zur Nachzucht zugelassen werden können. Die Körung wurde durch Kör- meister Sauter (Alzey) vorgenommen, dem etwa 30 Tiere aus Oberhessen und aus dem angrenzenden Marburger Gebiet vorgeführt wurden. Zum Teil handele es sich um die Körung von Tieren,
die bereits zugelassen waren und wieder zugelassen werden sollten, anderseits wurden aber auch eine Anzahl Jungtiere erstmalig angekört.
Die Prüfung für die Zuchttauglichkeit wurde sehr eingehend vor'genommen. Die Tiere wurden nach Höhe, Länge, nach Brustumfang und Widerristhöhe gemessen, sie wurden gewogen, im Gang, im Lauf
hP?'h,;Sener yn5='9cr" Nr. 208 Dom 8. Septem- ber berichteten mir über das große Modell des m sRÜP°rs^lbe5 m dem Gießener Stand lni-t n wUVnb Siedlungs-Ausstellung in granf= 2hQ,2R(m ws.un*erem Bericht beigefügte Bild DOn4»?C!In ^dell des Schwimmhalle-Baues macht dem Beschauer die Schönheit dieses projektierten Baues deutlich.
Wenn man das Modell eingehend betrachtet, >o gewinnt man interessante Erkenntnisse von den grundlegenden Gedankengängen, die zu dieser Gestaltung des Projektes geführt haben, ferner kann man aus manchen Einzelheiten der Modellqestal- m/rfen5merte Schlußfolgerungen ziehen. Zu- nachst erkennt man das Streben nach einer e i n - aumgestaltung darin, daß in x S °? 5 1 die Nebenräume (wie Auskleideräume und Wasch- und Duschmöglichkeiten) in einen be- lonöeren Vorbau gelegt werden, der auch die ein- Zlge Zugangsmöglichkeit zu der Schwimmhalle bietet. Die Ausmaße der Schwimmhalle chemen^ nach dem Modell, den Normen des Deutschen Sportausschusses zu entsprechen, da das Hauptbecken offenbar etwa 20:50 Meter, das Sprungbecken mit dem dargestellten Sprungturm 20: 20- Meter groß sein wird. Die Gestaltung der -b ' b u n e n s ü r s^p o r t l i ch e V e r a n st a l t u n - g e n scheint man in der Form vorgesehen zu haben, daß man die Tribünen nicht a n steigen, sondern sie nach dem Wasser zu a b steigen läßt. Dadurch wird die Einheitlichkeit der Raumgestaltung ebenfalls gewahrt, die notwendig ist, um die Verbindung der Schwimmhalle mit der breiten vorgelagerten Terrasse herzustellen. Da in dem Modell der Schwimmhalle einige Scheiben der von unten nach oben durchgehenden Fenster etwa zur Hälfte fortgelassen sind, kann man wohl den Schluß ziehen, daß durch diese Anordnung die Verbindung der überdeckten Schwimmhalle mit der Sportwiese als verkürzter Weg zur sportlichen Betätigung auf der Wiese ermöglicht werden soll: die Besucher der Schwimmhalle können also kurzerhand durch den freien Raum der fehlenden Fensterscheiben hinaus auf die Wiese gelangen und diesen Weg natürlich auch umgekehrt zurückiegen
Dieses Projekt stellt u. W. eine der ersten Anlagen Deutschlands dar, die den Gedanken besonders herausstellt, daß das Schwimmbad nicht eine räumlich für sich abgeschlossene Einrichtung ist, sondern sowohl im Sommer, als auch im Winter die Möglichkeit der sportlichen Betätigung im Freien bieten soll. Ganz abgesehen davon, daß die bis zum Fußboden herunterreichenden Fenster gerade in den Abendstunden, wenn das ganze Sportfeld im Sonnenschein liegt, einen schönen Ausblick auf die grüne Fläche der Sportwiese, auf die großen Wasserflächen und weiter hinaus in das Buseckertal er- möglichen, wird durch das Fehlen von Mauerwerk an der unteren Seite der Fensterfronten die körperliche Erholung in der Schwimmhalle in glücklicher Weise mit der seelischen Entspannung durch den Blick in die Weite und auf die herrliche Umgebung verbunden. Dieses Fehlen von Mauerwerk an der unteren Seite der Fensterflächen läßt auch keinerlei einengende Wirkungen auf das seelische Empfinden des Besuchers auskommen.
Der Platz zwischen dem Vorbau und der Haupthalle soll offenbar repräsentativen Zwecken dienen. Dieser Vorplatz ist in dem Modell dar- gestellt mit zwei großen Wasserbecken mit B r u n n e n a n l a g e n und seitlich aufgestellten Erholungsbänken. Außerdem scheint, die Verwendung von P l a st i k e n dem ganzen Jnnen- bof eine gerade in ästhetischer Hinsicht glückliche Gestaltung zu geben. Man könnte sich vorstellen, daß man diesen Jnnenhos mit seinen Plastiken gewissermaßen als einen Ehrenhof der Körperschönheit aufzufassen vermag. Die don dem Jnnenhof in die Haupthalle führenden großen Türen scheinen nur für besondere Veranstaltungen vorgesehen zu sein. Die in dem Modell sehr eingehend dargestellte Jn- nenraumbildung vermittelt eine eindrucksvolle Vorstellung von der geplanten Ausführung.
Wie u£5 auf Anfrage an zuständiger Stelle mit- aeteilt wird, sind die beiden Modelle, sowohl das der Schwimmhalle als auch das der städtebaulichen Lösung, von dem Bildhauer Arnold in Allendorf an der Lumda, dem Schöpfer des 116er-Denkmals in Gießen, ausgezeichnet angefertigt worden.
Aus der Stadl Gießen.
Grummeternte.
Grummet ist ... ja, was ist es eigentlich? Mal nachsehen: Grube, Grude, Gruft, „Grummet = Grünmahd, der getrocknete, zweite Herbstschnitt der
Es war ein leuchtender Septembertag, sonnig und doch kühl und ganz klar, in den Gärten flammten die Dahlien, als wir frohgemut dem Walde zuschritten. Wir waren Erntehilfe und kamen uns sehr wichtig vor. Am Trieb ging es vorbei und dann durch den Wold, jetzt mußte sie doch bald kommen, die Wiese.
Aha! Dort hinten! Nun ging es eine Böschung hinunter und dann über einen kleinen Bach: „Ei, Mutti, so hüpp doch, dein Rock.is ja heute gar nich so eng!" ruft das Kind, das schon vor Ungeduld zappelt. Sonst ist es nicht so wild auf Arbeiten, in
die Fachschaft Deutsche Schäferhunde verpflichtet ist, einen guten Gebrauchshund heranzuzüchten und diesen Hund auch so auszubilden, daß er für die oer* schiedensten Aufgaben eingesetzt werden Fann.
Vornotizen
Tageskalender für Donnerstag:
Gloria-Palast (Seltersweg): „Diskrete Ehrensache." — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Ehrenlegion." — Stunde der Hausfrau: 16 und 20 Uhr, „Germania" (Kaiserallee 141), „Weiß-Wasch-Dor- sührungen".
Wochenspruch der NSDAP.
Jteuartiae Maßnahme der Gaupropagandaleitung Hessen-Nassau.
NSG. Die Partei hat für die Verbreitung nationalsozialistischen Gedankengutes einen- neuen Weg gefunden, der in bisher unbekannter Weise das Nützliche mit dem Angenehmen verbindet. Dies ist der Wochenspruch der NSDAP., den die Gaupropa- gandaleitung Hessen-Nassau mit Wirkung vom 3. Oktober 1938 herausgibt. Gerade in der jetzigen
Wirksam und preiswert
herrlich erfrischend, verhindert den Ansatz des gefürchteten Zahnsteins. Sroße Tube 40 *BL, kleine Tube 25 *BL
Zeit dürfte sich der Wochenspruch, der auch das innen- und außenpolitische Geschehen der Zeit in kurzen, kernigen Worten behandelt, eines regen Zuspruchs erfreuen. Für den Wochenspruch wird augenblicklich in den Kreisen des Gaues Hessen- Nassau geworben. Er soll in den Schulen, in Be- trieben, in Gaststätten, in Wartezimmern, in Behördendienststellen, kurz überall da, wo deutsche Menschen zusammenkommen, Eingang finden. Namhafte Künstler des Gaues Hessen-Nassau werden jede Woche einen neuen Entwurf schaffen, der den Wochenspruch, der in einem Wechselrahmen zum Aushang gelangt, zu einem künstlerischen Wandschmuck werden läßt.
Krankenversicherung bei militärischen Üebungen.
NSG. Wenn ein nach den Vorschriften der reichs- gesetzlichen Krankenversicherung Versicherter an einer kurzfristigen Ausbildung oder einer Hebung der Wehrmacht teilnimmt, so wird die bestehende Versicherung hierdurch nicht berührt. Jedoch ruhen für die Zeit der Teilnahme die Beitragspflicht und die Versichertenkrankenhilfe. Die Familienhilfe dagegen läuft weiter. Da nun dem Träger der Krankenversicherung Beiträge entgehen', zahlt ihm das Reich zur Deckung der Aufwendungen für die Familienhilfe, die für die Angehörigen der Versicherten während deren Teilnahme an einer kurzfristigen Ausbildung oder einer Hebung entsteht, einen bestimmten Pauschalbetrag.
Hm diesen zu erlangeh, benötigen die Dersiche- rungsträger (Ortskrankenkasse usw.) laufend genaue Unterlagen über Beginn und Beendigung der Hebung. Zu diesem Zweck hat der Reichsarbeitsminister unter dem 13. Juni 1938 besondere Be- stimmungen getroffen, bei denen unter „Hebung" die Teilnahme sowohl an einer kurzfristigen Ausbildung der Wehrmacht, als auch an einer Hebung der Wehrmacht zu verstehen ist. Danach sind die Unternehmer wie die Versicherten zu bestimmten Meldungen verpflichtet. Und zwar haben die Pflicht- Mitglieder gesetzlicher Krankenkassen, die an einer Uebung teilnehmen, den Beginn der Hebung unter Vorlegung des Einberufungsbefehls und die Beendigung der Hebung unter Vorlage des Wehrpasses ihrem Unternehmer jeweils sofort zu melden. Das gilt auch dann, wenn Krankenkassen mit Unternehmern, mit Inhabern von Betrieben oder
„Ehrenlegion."
Im Gießener Lichtspielhaus.
Wir haben nicht allzu häufig Gelegenheit, ausländische Filme kennenzulernen, und begrüßen schon aus diesem Grunde jede Gelegenheit, die Produktion der anderen mit unserer eigenen zu vergleichen. Wir sahen vor einiger Zeit den „Roman eines Schwindlers" von Sacha Guitry; es war ein ungewöhnlich starker Eindruck. Der ebenfalls aus französischer Produktion kommende Film „Ehrenlegion" wirkt künsterisch und vor allem rein filmisch nicht so überaus anregend wie jener, aber man begreift sehr wohl, daß dieses Werk, das übrigens mit Unterstützung der französischen Luftfahrt- und Kriegsministerien hergestellt wurde, den großen französischen Filmpreis des Jahres 1938 erhielt: der Film gestaltet eine Fabel, die bei den Beschauern in Frankreich ähnliche Empfindungen wachrufen muß wie „Bengali" bei Engländern. Die Handlung spielt im Kolonialkriege in Der afrikanischen Wüpe und verherrlicht die Tuaenden der Ehre und der Ritterlichkeit, der soldatischen Tapferkeit und der männlichen Kameradschaft; sie gibt in ausgezeichneten, natürlichen Bildern eine Vorstellung von der Weite der afrikanischen Landschaft und von der Kriegführung kleiner, auf sich selbst gestellter Kolonialtruppenteile gegen aufständische Eingeborene. Eine Verhandlung vor dem Militärgericht ergibt gleich zu Beginn lebhafte Spannung und schafft die Voraussetzungen für die analytische Entwicklung der Vorgeschichte, in welcher sich das nationale Thema mit einem persönlichen Konflikt glaubhaft und ohne verstimmende Effekthascherei verquickt. Ein junger Offizier, eines schimpflichen Verbrechens angeklagt, nimmt schweigend den Spruch des Kriegsgerichtes, das ihn unschuldig verurteilt, aus sich, um der Freundschaft willen, die ihn mit einem älteren Kameraden verbindet; die nicht unerwiderte Neigung zu der Frau des Kameraden hat der Leutnant tapfer unterdrückt, um sich keines Vertrauensbruches schuldig zu machen. Die Ehre der Frau, die Freundschaft der beiden Männer bleiben von jedem Schatten und Makel verschont, da der Leutnant darauf verzichtet, die wahren Zusammenhänge vor Gericht aufzudecken, und wenig später in einem Gefecht gegen Aufständische in Nordafrika fällt. — Das Manuskript schrieb M. G l e i z e, der auch Regie führte; daß zwei so wesentliche Funktionen in einer Hand vereinigt waren, gibt dem Film seine innere Geradlinigkeit und Geschlossenheit. Außerdem wird, wie fast stets in französischen Filmen,,
sehr gut gespielt; man sieht eine abgewogene, gepflegte Darstellung, deren unpathetische Schlichtheit zwar von romanischen Schauspielern nicht von vornherein zu erwarten war, aber dem Gegenstände wohltuend angemessen ist. Das Terzett Abel Jac- q u i n (Leutnant Vallin), Marie Bell (Simone Dabrau) und Charles V a n e l (Hauptmann -Dabrau) hebt sich sehr ebenmäßig aus dem auch sonst vortrefflich besetzten Ensemble heraus. Ausdrückliche Anerkennung verdient auch der Kameramann C. Matra s. Deutsche Fassung: Lüdtke und Dr. R o h n ft e i n.
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Das Programm wird durch die Fo^-Wochenschau, einen Kulturfilm „Fahrt nach Kamerun" und einen Vorspann zu „Verwehte Spuren" ergänzt.
Hans Thyriot.
Die „Moniblanc-Braui".
Eine Hundertjahr-Erinnerung.
Bergsport ist in unserer Generation auch unter Frauen beliebt geworden. Wie viele aber von den Frauen, die heute Jahr für Jahr Erholung und Freude in Hochtouren finden, wissen noch etwas von der Ahnin des Bergsportes, die gegen eine ganze Welt voll Entrüstung und Spott als erste Frau den Montblanc bestieg? In diesem Monat werden es genau hundert Jahre, seitdem Henriette d'Ange- oille diese Tat vollbrachte. Als ihre Absicht in Chamonix bekannt wurde, bekam sie so viele Warnungen, Bitten, Drohungen, davon abzustehen, von Privatpersonen wie von feierlichen Deputationen, daß sie sich zuletzt gezwungen sah, ihre Türe zuzusperren und niemanden mehr zu empfangen. Den Montblanc zu besteigen, erschien den Zeitgenossen für eine Frau -nicht nur gefährlich, sondern vor allein auch unschicklich. Henriette d'Angeoille hatte schließlich den Eindruck, daß von den 25 000 Einwohnern ihrer Heimatstadt Genf höchstens fünf ihr wirklich Erfolg wünschten. Sogar ihre beste Freundin, die Engländerin Lady Cullum, bat sie in Tränen, ihr Vorhaben aufzugeben.
Aber Henriette war entschlossen. Es war schon einmal eine Frau auf dem Gipfel des Montblanc gewesen, ein Bauernmädchen, das von Führern hinaufgetragen worden war. Doch Henriette wollte auf ihren eigenen gesunden Beinen hinaufgehen. Sie war 44 Jahre alt und glaubte sich den Strapazen gewachsen. Von einem Arzt ließ sie sich vorher gründlich untersuchen, außerdem sand sie es notwendig, ihr Testament zu machen. Sie kam im
Juli nach Chamonix, und die beiden nächsten Mo- nate vergingen mit Vorbereitungen und mit Training. Für den Ausstieg wählte sie sechs Führer und sechs Träger und entwarf sich selbst ein passendes Kostüm. Dieses Costüm, das sie später dem Gastwirt in Chamonix zum Geschenk machte, ist einigermaßen phantastisch. Es bestand aus einem Unter- gewand aus rotem Flanell, darüber Hofen aus schottischem Tweed, die gleichfalls mit rotem Flanell verziert waren und bis an die Knöchel reichten. Eine Art von Tunika aus dem gleichen Stoff, von einem Gürtel gehalten und vorn und hinten in Falten gelegt, fiel bis auf die halben Schenkel herab. Ihre große Eitelkeit waren seidene Strümpfe, aber sie war weise genug, wollene Kniestrümpfe darüber zu ziehen. Handschuhe1 und Mütze waren pelzbesetzt. Heber der Mütze saß noch ein Strohhut. Zum weiteren Schutze gegen Sonnenstrahlen trug sie noch eine Samtmaske, einen Schleier und eine grüne Brille, und endlich vervollständigten die Ausrüstung ein Plaid, ein Bergstock und ein pelzgefütterter Umhang. Ebenso eigenartig mutet uns der mitgeführte Proviant an, nämlich zwei Hammelkeulen, zwei Ochsenzungen, 24 Hühner, sechs Brotleibe, 18 Flaschen Wein, eine Flasche Kognak, eine Flasche Sirup, ein Fäßchen „gewöhnlichen Wein", zwölf Zitronen, drei Pund Zucker, drei Pfund Schokolade und drei Pfund getrocknete Pflaumen. Diese Vorräte waren für die Führer und Träger bestimmt. Für sich selbst begnügte sich Henriette mit einem Flammeri, einer Flasche Orangenlimonade, einer Flasche Zitronenlimonade und einem Topf Hühnerbouillon.
Am 3. September, um 6 Uhr früh, brach die kleine Karawane von Chamonix auf, unter Leitung des Führers Joseph-Marie Cduttet. Um 10 Uhr war man bei Pierre ä l'Echelle und vier Stunden später bei Grand-Mulets. Hier wurden Zelte aufgeschlagen und biwakiert. Die Gesellschaft sand hier unerwarteten Zuwachs in Gestalt eines polnischen Touristen, des Grafen Carol Stoppen. Der Graf scheint wohlausaerüstet gewesen zu sein, denn er schickte seinen Führer mit seiner Visitenkarte und bat um die Erlaubnis, Henriette in ihrem Zelt seine Auf- roartuna machen zu dürfen, was sie gestattete. Nachts zwei Uhr wurde weitermarschiert. Henriette, die sich noch tags zuvor als gute Steigerin bewährt und den hilfreichen Führern erklärt hatte, daß sie überall hinaufkäme, wo zwei Männer ihr vorangegan- gen wären, wurde nun ein Opfer der Bergkrankheit. Sieben Schritte verursachten ihr Herzklopfen, und wenn sie ruhte, so drohte vollständige Lethargie sie zu übermannen Vier Stunden lang kämpfte sie gegen diesen Zustand an, dachte aber niemals
daran, aufzugeben. „Wenn ich sterbe, bevor mir oben sind", sagte sie zu den Führern, „so tragt meinen Körper auf den Gipfel und laßt ihn dort'."
Um 1.25 Uhr mittags stand sie auf dem Gipfel. Hier erholte sie sich augenblicklich. Zuerst brachte sie die Gesundheit des Grafen von Paris in einem Trunk Milch aus. Dann setzte sie sich auf den Thron von Schnee und schrieb, das Gesicht nach Frankreich gewendet, fünf Briefe. Die Führer, die ihr den Namen „die Montblanc-Braut" gaben, baten um die Erlaubnis, sie küssen zu dürfen, und dies vollsühr- ten sie so schallend, daß Henriette glaubte, man müßte es bis Chamonix hören. Der Aufenthalt auf dem Gipfel dauerte fast eine Stunde. Abends 6.20 Uhr wurden die Zelte bei Grand-Mulets wieder erreicht, und Henriette war froh, hier die Nacht verbringen zu können. Am nächsten Tage, dem 5. September, war sie wieder in Chamonix. Kanonen wurden ihr zu Ehren abgefeuert und ein großes Bankett gegeben. Ein Bericht im „Journal des Debats" verlangte, daß „ber Name d'Angeoille hinfort neben den Namen Jacques Balmat und de Saussure genannt werden müsse.
Henriette d'Angeoille setzte ihre bergsteigerische Laufbahn noch lange fort. Im ganzen bezwang sie 21 Gipfel, den letzten, das Olkdenhorn, im Alter von 69 Jahren. Diesen Perg - bestieg sie in einer Krino- line. Damit schloß sie ihre alpinistischen Erfolge ab, indem sie erklärte: „In meinem Älter ist es klüger, den Wanderstab beiseite zu legen, bevor er mich beiseite legt." C. K.
Hochschulnachnchten.
Professor Dr. Oertel, lange Jahre hindurch Direktor der Hals-, Nasen- und Ohrenklinik der Medizinischen Äkademie Düsseldorf, ist gestorben. Oertel wurde am 26. August 1871 in Kreuzberg geboren. Nach dem Studium in Greifswald, Breslau und Halle war Oertel als Militärarzt an der Unioerfität Kiel und später an die chirurgische Uniperfitätstünif in Berlin abkommandiert. Nach dieser Tätigkeit wandte er sich ber Hals-, Nasen- unb Ohrenheilkunde zu unb arbeitete lange in Berlin unter Professor Passow, bei dem er sich habilitierte. 1910 kam er als Leiter ber Hals-, Nasen- unb Ohrenklinik nach Düsselborf. 1923 übernahm Professor Oertel bas Düsseldorfer Dr- binariat. 1936 wurde er emeritiert.
Dem Dr. med. habil. Ernst Rolshoven würbe bis Dozentur für bas Fach ber Anatomie an der Unioerfität Marburg verliehen.


