Von „Beetenbartsch" bis „Tiikolaschka".
Kleiner Magenfahrplan für Ostpreußen.
Von Hans Zippel.
Wenn einer eine Reise tut, dann möchte er nicht nur alle Sehenswürdigkeiten und alle Naturschönheiten kennenlernen, sondern auch von den Menschen Eindrücke gewinnen, von ihren Sitten und Gebräuchen und nicht zuletzt von dem, worin sie anders sind als wir. Und da gilt auch heute noch das alte Sprichwort „Sage mir, was du ißt.."
Jedes Land hat seine Leibgerichte. Zwar findet -man sie nicht immer auf den ^Speisekarten; denn die Durchschnittsküche muß sich nun einmal auf überall übliche Gerichte einstellen. Aber zwischen den Zeilen stößt der Wiß- und Eßbegierige doch manchmal auf einheimische Gerichte, die einen Einblick in die kulinarische Psyche des Landes geben.
Ostpreußen gehört im besonderen zu den Ländern, die ihre Eigenart auf kulinarischem Gebiet bisher gern verschwiegen. Allenfalls kennt man den „Königsberger Klops" und „Königsberger Fleck", Gerichte, die man oft gering» schätzt, weil sie — am Rande seis bemerkt — selten so zubereitet werden wie in Ostpreußen selbst Aber dann entdeckt man z. B. in einem kleinen Speiselokal abseits des internationalen Reiseverkehrs „Graue Erbsen mit Speck", ein Gericht, das nicht wenig dazu beigetragen hat, den ostpreußischen Men- chenschlag hart und stämmig zu machen. Oder „Beete'nbartsch", ein Gericht, das aus roten Beeten, d. h. Rüben, Schmand, d. h. Sahne, -und Rindfleisch besteht und jedes Ostpreußenherz höher schlagen läßt. Oder „Schmand mit Glums", wobei man unter Glums den weißen Käse verstehen muß, den die ostpreußischen Rekordkühe in unübertrefflicher Güte liefern. Oder man stößt auf „S a u e r a m p f e r s u p p e" — im Sommer kalt, im Winter warm — eine ebenso delikate wie außerhalb Ostpreußens unbekannte Angelegenheit, deren nahrhaftester Bestandteil neben Sauerampfer und kleingehackten harten Eiern wiederum Schmand ist. Man könnte in diesem Zusammenhänge von Schwarz- und Weiß-Sauer, von „Schlunz" und anderen Merkwürdigkeiten ostpreußischer Kost spre
chen, doch bei einem so nahrhaften Land wie Ostpreußen, ist Beschränkung geboten, zumal auch die Fische zu ihrem Recht kommen sollen, die berühmten C r a n z e r Flundern, die K ö n i g s b e r - q er Strömlinge oder der S t i n t, dem man in Nikolaiken sogar ein Denkmal „gesetzt" hat. Wem gebührt die Krone? Der Maräne? Sie kommt in Deutschland, ja 'in Europa nur einmal vor: in Masuren, vornehmlich in Nikolaiken, und muß geräuchert aus der Hand gleichsam „ä la Mundharmonika" gegessen werden, wenn sie richtig schmecken soll. Oder dem A a l ? Er ist ein Studium für sich. In Angerburg legten schon vor gut 600 Jahren die Ordensritter einen Aalfang an, weil die dortigen Aale besonders zart, besonders fett, besonders delikat waren. Als „Breitaal", d. h. der Länge nach aufgeschnitten und auseinandergeklappt, geräuchert, 'ist er eine ostpreußisch? Abart. Spezialität Labiaus ist der Spickaal, so genannt, weil er stückweise auf Hölzchen aufge„spickt" geräuchert und dadurch besonders bekömmlich wird. Auch die Neunaugen sind in Nordostpreußen zu Hause. Der berühmte Haffzander stammt aus dem Frischen Haff. In bekommt man in Elbing, in Cadinen oder auch im Ostseebad Kahlberg auf der Frischen Nehrung.
Und der Nachtisch? Da kann man den Tilsiter Käse wählen, der ebenfalls in Nordostpreußen zu Hause ist, oder den „barscheren" Werderkäse, den es mehr im Danziger und Marienburger Lande gibt. Den Damen aber gebührt der Königsberger Marzipan.
Die Getränke sind ein ebenso umfängliches wie fesselndes Kapitel, dem man sich am besten abends, nach getaner Arbeit, widmet. Der Grog, der „ostpreußische Maitrank" — im Winter wärmt er, im Sommer kühlt er — ist in ganz Deutschland berühmt, kaum aber der Tilsiter „Wasser- p u n s ch", ein gehaltvolles Getränk nach dem Rezept „Rum muß, Zucker kann, Wasser darf nicht darin sein". Die schlichte, treuherzig derbe Art des
ostpreußischen Menschen findet ihren fröhlichen und genießbarsten Ausdruck in den verschiedenen Schnäpsen. Da gibt es den „Pillkaller Nikolasch- k a." — in der „Jlskefalle" z. B., jener berühmten, anheimelnd alten Seemannskneipe am Pillauer Bollwerk, die gern von Seedienstreisenden besucht wird — einen guten Doppelkorn mit.einer Scheibe ostpreußischer Landleberwurst und ei'Kem „Klacks" Mostrich darauf. Oder den „B ä r e n f a n g", den man in Masuren aus Sprit und Honig braut, in Nordostpreußen den „P e p p e r i n n e s", einen Pfefferschnaps. Oder „Flüssiges He u", „Ele - fantendups mit Setze i", „Dreidraht" und ,Kartoffelsuppe" und wie die meist landwirtschaftlich erklärbaren Getränke alle heißen mögen, die man auf keiner Getränkekarte, wohl aber in Krügen und Wirtshäusern entdecken kann. Neben jenen mehr ländlichen Erzeugnissen gibt es den berühmten Machandel, der in Tiegenhof, also in der Gegend von Marienburg und Danzig zu Hause ist, und die berühmten Liköre des Danziger Lachses, die man zwar am eindrucksvollsten in Danzig selbst kennenlernt, aber auch in Königsberg und allen anderen Orten antrifft. Wer weder für den Kurfürstlichen Magenbittern und den „Verfluchten Pomeranzen", noch für das mädchenhaft süße, glitzernde Danziger Gold wasser zu haben ist, dem sei als letzte Zuflucht das „Blut- g e r i ch t" im Keller des Königsberger Schlosses empfohlen. Hier findet man — in historisch bedeutsamen Räumen, deren Behaglichkeit durchaus im Gegensatz zu ihrem mittelalterlichen schauerlichen Namen steht — alle die guten Weingeister des deutschen Rheins, der Mosel, Ahr und Saar.
Damit wäre der Bericht über Ostpreußens Speisen und Getränke beendigt. Und das Ergebnis? Es ist in der Vorhalle des schönen Nordbahnhofes in Königsberg zu lesen: „Wohin man immer wandern mag,' Ostpreußen darf sich zeigen! Ihm ist ein guter Menschenschlag und anderes Gute eigen!"
Wiiierunasvorbersoge
für die Zeil vom 8. bis 17. September.
Herausgegeben vorn Forschungsinstitut für langfristige Witterungsoorhersage des Reichswetterdienstes in Bad Homburg v. d. H. am 7. Sept. 1938, abends.
In den nächsten Tagen noch Fortdauer des un
bestand!gen, zu häufigeren Niederschlagen neigttt, den und meist kühlen Wetters, jedoch im aügemet* nen allmähliches Nachlassen der Ergiebigkeit bet Niederschläge, wobei aber in Schlesien die Gefahr stärkerer Regenfälle noch fortbesteht. Zeitweise vor« übergehende Aufheiterung und tagsüber leichte Er« wärmung. Etwa bis zum Wochenende wird sich eine allgemeine Witerungsbesserung durchsetzen, die vielleicht noch einmal vorübergehend durch eine (Störung unterbrochen wird; dann aber wird in der nächsten Woche trockenes, zeitweise heiteres Herbstwetter mit starken Tagesschwankungen der Temperatur und häufigerem Auftreten von Morgennebeln vorherrschen.
Gesamtsonnenscheindauer örtlich stark verschieden, jedoch in den zehn Tagen meiftenorts kleiner als 60 Stunden.
Wetterbericht
Durch Lie Ostwärtsverlagerung des Tiefdrucks, der Westdeutschland am Dienstag und Mittwoch anhal- tenden Landregen brachte, hat sich jetzt eine schwache nordwestliche Luftströmung eingestellt, die langsam zu Aufheiterung führt. Infolge der dadurch verstärkten nächtlichen Abkühlung kam es am Dvnners- taqmorqen zu verbreiteter Nebelbildung. Anschlie- ßend wird durch weitere Luftzufuhr aus Nord noch meist unbeständiges und kühles Wetter vorherrschen.
DorhersagefürFreitag: Morgens neblig, doch vielfach ausgeheitert und meist trocken. Tagsüber etwas wärmer, schwache Winde.
Vorhersage für Samstag : Lrmgsam weitere Aufheiterung und spätere Besserung..
Hauptschriftleiter Dr. Friedrich Wilhelm Lange.
Stellvertreter des Hauptschriftleiters: Ernst Blum« schein. Verantwortlich für Politik und für die Bilder: Dr Fr W Lange; für Feuilleton: vr. Hans Thynot; für den übrigenTeil: Ernst Blumschein. Anzeigenleiter: Hans Beck. Verantwortlich für den Inhalt der Anzeigen: Theoder Kümmel. £.21.VIII.38: 8916. Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei R.Lange, K.-G., sämtlich in Gießen. Monatsbezugspreis RM.- 2,05 einschließlich 25 Pf. Zustellgebühr, mit der Illustrierten 15 Pf. mehr. Einzelverkaufspreis 10 Pf. und Samstags 15 Pf., mit der Illustrierten 5 Pf. mehr. Zur Zeit ist Preisliste Nr. 4 vom 1. September 1937 gültig.
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