Aus der Stadt Gießen.
»Der Baum hat eine Seele wie der Mensch!"
Dem Reichsnaturschutzgesetz vom Jahre 1935 steht der kennzeichnende Vorspruch voran: „Heute wie einst ist d»e Natur in Wald und Feld des deutschen Volkes Sehnsucht, Freude und Erholung. Ewiger Wald und ewiges Volk gehören zusammen." Der deutsche Wald ist wieder, wie in Zeiten unserer germanischen Vorfahren, Eigentum des gesamten Volkes. Von jeher lebt im deutschen Volksglauben eine gewisse Verehrung des Baumes, ein starkes Gefühl der Verbundenheit mit dem Baum. Die Anschauung „der Mensch ist wie ein Baum", und der umgekehrte Vergleich „Der Baum ist wie ein Mensch", haften tief im deutschen Gemüt. Der Mensch behandelt den Baum als eine ihm gleichstehende Persönlichkeit mit geheimnisvollem Wesen. Man kündigt in Westfalen den Bäumen des Hofes den Tod des Hausherrn an, indem man sie schüttelt und spricht: „Der Wirt ist tot." In der Pfalz bitten die Holzfäller den schönen, gesunden Baum um Verzeihung, ehe sie ihm „bas Leben abtun". Die Ueberzeugung, „der Baum hat eine Seele wie der Mensch", und der Wunsch, zu wachsen und zu blühen wie ein Baum, ist weitverzweigt.
Wie sich der Volksglaube die Aehnlichkeit des Baumkörpers mit dem Menschenleib ausmalte, dafür ist bezeichnend dos Verbot des Baumschälens in dem uralten Recht der germanisch-deutschen Markgenossenschaften, das furchtbare Strafen für solchen Baumfrevel androhte. Aus den Weistümern ein Beispiel: „Es soll niemand Bäume in der Mark schälen, wer das täte, dem soll man sein Nabel aus seinem Bauch schneiden und ihn mit demselben an den Baum nageln und denselben Baumschäler um den Baum führen, so lange, bis sein Gedärm alle aus dem Bauch auf den Baum gewunden seien." Aus dem Wendhager Bauernrecht: „Wenn jemand eine Werde abschält, so soll man ihn mit seinem Gedärme den Schaden bedecken lasten; kann er das verwinden, kann es der Baum auch verwinden." Diese grausigen Strafandrohungen haben nur dann Sinn, wenn man zu den Zeiten, als sie zuerst aus- aesagt wurden, annahm, baß die Rinde und der Bast die Eingeweide des Baumes als eines beseelten, nach Menschenart empfindenden Wesens darstellten. Wer die Krone haut, Borke und Bast des lebenden Baumes reißt, beraubt den Baumgeist der zum Leben notwendigsten Glieder. Nach dem Grundsatz „Auge um Auge, Zahn um Zahn" sollte der frevelnde Mensch mit dem entsprechenden Teil seines Körpers gutwachen, was er an dem Baum gesündigt; er sollte die entftemdeten Glieder mit seinen eigenen gleichsam ersetzen.
Der Vergleich menschlichen und pflanzlichen Wachs- tums zeigt die Reform vom „Lebensbaum", der grünt, welkt und abstirbt. Darauf beruhen auch manche Hochzeitssitten. Dem jungen Paar werden bei der Hochzeitsfeier grüne Bäume vorangetragen, ein grüner BdliM prangt auf dem Wagen, der die Aussteuer der Braut in das neue Heim führt; auch vor der Tür des Hochzeitshauses steht ein grüner Baum. In Thüringen besteht der Brauch, daß das Brautpaar am Hochzeitstage oder kurz danach zwei junge Bäumchen auf Gemeindeeigentum pflanzen muß. An diese knüpft sich der Volksglaube, wenn das eine oder das andere eingehe, müsse das eine oder das andere der Eheleute bald sterben.
Dem Deutschen liegt die Freude am Walde im Blute und greift ihm an die Seele. Der waldverwüstende romanische Franzose liegt im Walde auf dem Bauche, der Deutsche auf dem Rücken, denn dieser will in den Waldesdom hinaufschauen und dem Waldesrauschen lauschen. Das deutsche Jägerherz hat seine intimsten Regungen, wenn ihm auf der Frühpirsch der Wald erwacht, oder auf dem Schnepfenstrich am Märzabend der Wald schlafen geht. Dr. B.
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NSRK. (Nationalsozialistisches Reiter-Korps) angebären. Die ganze Ausbildung im NSRK., was besonders für die Hitler-Jugend zutrifst, liegt in Händen der SA.-Reiterei Deutschlands. Die Meldestellen zum NSRK. befinden sich in allen Dienststellen der Reiterstürme. Die Ausbildung der HI.- Reiter liegt überall in bewährten Händen eines SA.-Reitlehrers.
Für die Prüfung zum Reit'erschein wird verlangt: Dorreiten eines Pferdes in den drei Gangarten, Schritt, Trab und Galopp, außerdem Anfangs- wisten über das Fahren und über die Griffe am Fahrlehrgerät, Kenntnisse der Verkehrsordnung und Verkehrszeichen, sowie über die einschlägigen Fragen in der Pferdepflege.
Schulung in Volkswirischast- H-uswirtschast in Gießen.
In der Lehrküche im „Einhorn" war am Sonntag Hochbetrieb. Die Leiterinnen der Abteilung Volkswirtschaft-Hauswirtschaft bereiteten alle Gerichte vor, die bei der Schulung ihrer Mitarbeiterinnen aus dem ganzen Kreis Wetterau gezeigt werden sollten. Im praktischen Lehrgang sollte die Zubereitung zeitgemäßer Speisen vorgeführt werden, denn alle Aufklärung in Wort und Schrift kann doch niemals das erwirken, was durch persönliche Aussprache in wenigen Stunden zu erreichen ist. Auch hier gilt das Wort: „Grau, lieber Freund, ist alle Theorie!"
Die Kreisabteilungsleiterin Frau M a t h y begrüßte die Mitarbeiterinnen, verteilte die Rezepte und besprach die Herstellung. Die Aufgabe, die hier gestellt war, lautete im besonderen auf abwechslungsreiche Eintopfgerichte mit reichlicher Verwendung der Kartoffel. Bei uns in Hessen sind die Kartoffeln wohl eine Zuspeise, die bei keiner Mit- tagsmcchlzeit fehlen darf. Aber auch ihre Verwendung für den Abendbrottisch abwechslungsreich zu gestalten, dazu bedarf es neuer Vorschläge und Ueberlegungen bei den Hausfrauen. Und hier brachte die Schulung wirklich allerhand Neues und
Kreisleiier Backhaus bei den Innungs-Obermeistern.
Die Kreis Handwerkerschaft Gießen hatte für den gestrigen Montag nachmittag die Obermeister der Innungen im Kreise Gießen zu einer Versammluna in den Krausmüllersaal der Kreis- Handwerkerschaft zu Gießen eingeladen.
Kreishandwerksmeister Stühler
begrüßte die Kameraden, insbesondere aber den Kreisleiter Backhaus, der erstmalig im Kreise der Obermeister weilte und damit erkennen ließ, daß er auch bemüht ist, mit dem Handwerk in Fühlung zu treten. Der Kreishandwerksmeister wies darauf hin, daß der Kreisleiter über Frontkameradschaft und Über seine enge Bekanntschaft mit dem Reichshandwerksmeister Schramm und anderen führenden Männern des Handwerks sich diesem Stande unserer Volksgemeinschaft herzlich verbunden fühle und ihm auch das hiesige Handwerk dieses Gefühl der Verbundenheit entgegenbringen möge.
In seinen weiteren Darlegungen beschäftigte sich der Kreishandwerksmeister mit aktuellen Fragen des Handwerks. Er erhob die Forderung an die Handwerksmeister, sich eingehend mit den neuen Roh- und Werkstoffen vertraut zu machen und manche noch vorhandene und völlig unbegründete Scheu vor den neuen Werkstoffen zu überwinden. Von den Meistern müsse alles versucht Werden, den neuen Anforderungen gerecht zu werden. Für das Handwerk ergebe sich außerdem eine Reihe neuer Aufgaben. Wesentlich sei die Errichtung einer Beratungsstelle für bäuerliche Wohnkultur, die demnächst auch im Rahmen unserer Kreishandwerkerschaft errichtet werde. Die Bemühungen dieser Beratungsstelle seien darauf gerichtet, die Ausstattung des Bauernhauses so zu gestalten, wie es der Bödenverbundenheit entspreche, die dem Bauern zu eigen sei. „Schlicht und echt, wahr und recht" laute die Forderung. Die städtische Wohnungseinrichtung habe im Bauernhaus keinen Platz mehr, wie es auch unangebracht sei, wenn der Städter seine Räume mit bäuerlichen Möbeln fülle. In den neuen Siedlungen solle sich insbesondere eine neue Dolkskultur organisch entwickeln. Wege seien hier bereits beschritten. Für das Handwerk ergebe sich auf diesem Gebiete manche große Aufgabe.
In weiteren Darlegungen wies der Kreishand- werksmeister auf die Leipziger Messe, deren Besuch er eindringlich empfahl. Die Leipziger Messe könne dem Handwerker manche wertvolle Anregung für seine eigene Arbeit, insbesondere auch für die Möglichkeiten der Verwendung neuer Werkstoffe vermitteln. Vom Gau aus werde ein Sonder- zug zur Leipziger Messe gefahren. Die Anmeldungen hierfür feien über die Kreishandwerkerschaft an die Handwerkskammer zu richten.
Zum Schluß erinnerte der Kreishandwerksmeister noch an die Aufstellung der H a u tzh a l t p l ä n e der Innungen und sprach davon, daß für die
nächste Zeit eine Ermäßigung der Beiträge, insbesondere für kinderreiche Handwerker, erwogen werden solle.
Kreisleiter Backhaus
sprach sodann zu den Obermeistern. Er gab zunächst seiner Freude darüber Ausdruck, nun auch einmal im Kreise des Handwerks weilen zu können. In unterhaltsamer Weise erzählte der Kreisleiter dann einige Episoden aus der Kampfzeit, während der er mit dem jetzigen Reichshandwerksmeister Schramm und mit dem Beauftragten für Beratungsstellen für bäuerliche Wohnkultur Kumme r f e ld t in Norddeutschland in einer Front stand.
Dann sprach er in grundsätzlichen Ausführungen über die Notwendigkeiten, die sich für die Staatsführung im Dritten Reich ergeben und die insbesondere darin bestehen, daß alle Organisationen die große, klare Linie einhalten, die von der Partei bestimmt wird. Die nationalsozialistische Weltanschauung müsse die ausrichtende Kraft sein. Die jüngste Zeit habe erneut gezeigt, daß alle Fäden in der Hand des Führers zusammenlaufen, da nur bann die erstrebte Einheit gewährleistet sein könne. Was im Kreise des Handwerks geschehe, dürfe nicht nur wirtschaftlich gesehen, sondern müsse in erster Linie vom Politischen her betrachtet werden. Dabei gelte es, geradezustehen für die Sache unseres Volkes, sich stets als ganzer Mensch zu beweisen, klar zu sein in Handlung und Entscheidung und klare Einstellung sich anzueignen zu den wichtigen Dingen unseres Vaterlandes. Der Obermeister habe nicht nur in wirtschaftlichen, handwerklichen und künstlerischen Dingen zu wirken, er habe vor allem auch in politischen Dingen auf feine Berufskameraden Einfluß zu nehmen. Wer in der nationalsozialistischen Weltanschauung verankert sei, werde dabei immer richtig handeln. Das Weltanschauliche gelte es voranzustellen. Meister, Lehrlinge und Gesellen müßten Mitarbeiten an den großen Aufgaben, die unserem Volke gestellt seien. Das Handwerk dürfe nicht außerhalb der Partei und ihrer Gliederungen stehen. Das Handwerk müsse sich auch seiner großen Verpflichtungen aus der Vergangenheit her, wie auch feiner künstlerischen Aufgaben bewußt sein. Das Handwerk erlebe gegenwärtig eine Auferstehung und es habe Bauten schaffen helfen, die in ferne Zukunft hinein Zeugnis von unserer Zeit ablegen sollten. \
Oer Kreishandwerksmeister
schloß die Versammlung mit dem Versprechen an den Kreisleiter, daß das Handwerk in unserem Kreise, seiner Aufgabe sich stets bewußt, die große Linie einzuhalten und in engster Zusammenarbeit mit der Partei ihre Aufgaben zu erfüllen bestrebt sein werde.
NSDAP. Ortsgruppe Gießen-Ost.
Donnerstag, 10. Februar, 20.30 Uhr, in der großen Aula der Universität: Kundgebung. Es stricht Gauredner Pg. Krug-Jahnke. Alle Volksgenossen sind eingeladen. Für Parteigenossen und Parteianwärter Pflichtveranstaltung.
Deutsches Jungvolk.
Stamm V/116.
Am Mittwoch, 9. 2., Besichtigung des Standortes Großen-Buseck um 17 Uhr durch den Stamm- führer.
Am Donnerstag, 10.2., Besichtigung des Standortes Annerod um 17 Uhr durch den Stamm- ührer.
Am Samstag, 12. 2., Besichtigung des Standortes R ö d g e n um 16.30 Uhr durch den Stammführer.
Wer erhält den Miterschein?
NSG. Wie alljährlich, findet auch in diesem Jahre vom Februar bis April die Abnahme der Prüfungen zum Reiterschein in allen Gauen statt. In den Reitereinheiten der SA. und jf wird die Erziehungsarbeit in der Reit- und Fahrausbildung in letzter Zeit- mit größtem Eifer betrieben, um die Prüfung zum Reiterschein zu bestehen. Der Reiterschein berechtigt zur bevorzugten Ausmusterung für berittene und fahrende Truppenteils der Wehrmacht. Auch für Jugendliche, die die Offizierslaufbahn einschlagen wollen, ist der Reiterschein als wichtiges Militärpapier dringend erwünscht.
Alle Bewerber zum Reiterschein müssen dem
Vornotizen.
Tageskalender für Dienstag.
Stadttheater: 20 bis 22.30 Uhr „Verzicht". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Immer, wenn ich glücklich bin". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Einmal werd ich Dir gefallen". — Musikwissenschaftliches Seminar der Universität um 20.15 Uhr im Großen Hörsaal Brahms-Feier.
Stadttheater Gießen.
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Heute, 20 Uhr, findet in Anwesenheit der Verfasserin die Uraufführung des Schauspiels „Verzicht" von Ilse Zander statt. Ilse Zander behandelt in ihrem Schauspiel ein erbbiologisches Problem, düs uns gerade heute sehr interessiert. Spielleitung Walter Schmidt a. G. Bühnenbild Karl Löffler. Die Vorstellung findet als 19. Vorstellung der Dienstag-Miete statt. Ende 22.30 Uhr.
(Siebener wochenmarklprette.
* Gießen, 8. Febr. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Deutsche feine Molkereibutter, % kg 1,57 Mark, feine Molkereibutter 1,52, Markenbutter 1,55 bis 1,60 Mark, Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 5 bis 10, Eier, ausländische 12, Wirsing, XA kg 10 bi., 15, Weißkraut 9 bis 10, Rotkraut 12 bis 15, gelbe Rüben und Karotten 10 bis 12, rote Rüben 10 bis 12, Spinat 10 bis 15, Unterkohlrabi 6 bis 8, Grünkohl 15, Rosenkohl 25 bis 28, Feldsalat, Vio 9 bis 10, Tomaten, XA kg 40 bis 45, Zwiebeln 9 bis 10, Meerrettich 30 bis 60, Schwarzwurzeln 25 bis 40, Kartoffeln, kg 5 Pf., 5 kg 45 Pf., 50 kg 3,25 bis 3,75 Mark, Aepfel, XA kg 12 bis 25 Pf., Suppenhühner 90 Pf. bis 1 Mark, Blumenkohl, das Stück 45 bis 55 Pf., Salat 25 bis 30, Endivien 10 bis 25, Lauch 5 bis 8, Sellerie 10 bis 35, Rettich 5 bis 15 Pf.
Die Mädchen ans der Burgfiraße.
Vornan von Hilde K Lest.
ll. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Die Justizrätin war starr vor Staunen. Das war ja Auflehnung, nein, das war offene Rebellion! Sie schmetterte den Widersacher mit einem einzigen Blick zu Boden. „Feigling!" sagte sie, „geredet hast du allerdings nichts. Aber gedacht hast du es!" Sie sprang auf und rauschte erregt durch den Raum. Dann pflanzte sie sich vor seinem Lehnstuhl auf.
„Das eine sage ich dir: ich kenne das Mädchen, das feine Braut wird! Wage es ja nicht, meine Pläne zu durchkreuzen! Ich dulde nicht, daß man das Glück meines Kindes antastet!"
Der Justizrat hob neugierig die Augen und wies mit dem Finger in eine undeutliche Ferne. Das sollte heißen: Du bist dagewesen? „Selbstverständlich!" kam es zurück wie Donnergrollen, „oder dachtest du, ich ließe das Kind durch deine Tyrannei zugrunde richten?!" Der Justizrat sah befriedigt ihren Abgang. Die gute Seele! dachte er, nie würde sie einen eigenen Irrtum eingestehen. Ließ man sie aber getrost die Schuld auf andere wälzen, so befreite sich ihr gutes Herz und stieg hinan. Hat das Mädel ihr gefallen, dann taugt das Mädel etwas, denn der Blick der Plittwitzens ist, weiß der Himmel, aus Röntgenstrahlen. Taugt das Mädel aber etwas, nun — mehr haben wir nie erhoffen tonnen. Welch ein Wunder, daß mein Sohn ganz von selbst so ein Mädel fand! Man glaubt nicht an Wunder, aber man läßt sie gerne geschehen...
Der Justizrat, gewohnt, sich mit Schuld belasten zu lassen, fühlte in sich die Reue, die seine Frau hätte empfinden müssen. Zur Reue gesellte sich die Neugierde. Wie er sich wohl fühlte, der Walter? Wo hauste er eigentlich? Und wie mochte wohl das Mädel aussehen, das Walter und — feiner Frau gefiel?
Am nächsten Vormittag stieg ein alter Herr mit Hilfe eines Spazierstocks aus Ebenholz mit Elfen- beinkrücke langsam die knarrenden Treppen des .Königs von Spanien" empor. Er trug einen Frühjahrsanzug aus feinem grauen Tuch nach der Mode Eduards des Siebenten, Helle Gamaschen über den Lackschuhen und auf dem Kopf seltsamer- weise eines jener butterfarbigen Gebilde, das der Volksmund Kreissäge nennt. „Don jeftern, aber oho!" verzeichnete der Portier durchaus anerkennend, „offenbar Mansfeld senior in Person."
Der Justizrat hatte gerade die erste Hälfte des
zweiten Treppenabsatzes erklommen und hielt nun an, sich zu verschnaufen und das restliche Ende Weges abzuschätzen, als es hinter ihm leichtfüßig polternd ankam, wie wenn ein Schuljunge, drei Stufen auf einmal nehmend, dahergeftürmt kommt. Beinahe wäre der Schuljunge in ihn hineingerannt. Aber der gesenkte Blick mochte in letzter Sekunde die Lackschuhe erspäht haben. Das Wesen hielt an, dicht hinter dem Justizrat, eine Stufe unter ihm. Nur war die Bremswirkung offenbar zu stark. Der Justizrat konnte gerade noch zufassen, um das Wesen vor Absturz zu bewahren. Er faßte — aber das waren keine Jungensknochen. Das war auch kein Jungensgesicht, das nun glutrot anlief.
Schockschwerenot! Es war lange, schrecklich lange her, kaum noch in Jahren auszudrücken, daß der Herr Justizrat, damals noch Rechtspraktikant, ein ähnliches Wesen im Arm gehalten hatte, und kaum minder lange war es her, daß ihm die Erinnerung daran wieder entschwunden war. Da stand er nun, an das Treppengeländer gelehnt, und hielt leibhaftig ein junges Mädel im Arm. Dieser Augenblick,' vielleicht war's auch nur der Bruchteil eines Augenblicks, erschien ihm als kostbare Galgenfrist. Er nahm das Bild des verstörten Gesichtchens in sich auf. Die blonden Locken, die ein wenig wirr in die errötete Stirn hingen, die weit aufgerissenen blauen Augen, den halbgeöffneten vollen Mund. Dann war alles vorbei.
Das Mädel sprang, noch etwas schneller als zuvor, an ihm vorbei die Treppen hinan und verschwand in der ersten Tür gleich links am Korridor.
Der Justizrat stand noch eine Weile still. Das Herz klopfte ihm aus verschiedenen Gründen. We- gen der Anstrengung des Treppensteigens, wegen des plötzlichen Zusammenpralls, wegen der Mühe, die ihm das Festhalten des Mädchens gemacht und — wegen der Erinnerung, die dieser UeberfaU in ihm heraufbeschwor. Langsam setzte er seinen Weg fort. „Der Herr Doktor ist gewiß im Frühstückszimmer, erste Tür links", hatte der Portier gesagt. Der Justizrat ließ seine Blicke schweifen. Da stand die Aufschrift: Frühstückszimmer. Aber es war das nämliche, in dem das junge Mädchen verschwunden war.
Der Justizrat hielt inne. Er klopfte nicht an der Tür. Er hörte dahinter ein silbernes Lachen, dann ein zweites, tieferes, das Lachen feines Sohnes. Seltsam, dachte der Justizrat, habe ich eigentlich meinen Sohn jemals lachen hören? Im justizrät- lichen Hause wurde niemals, am wenigsten laut ge- lacht. Wenn er nun eintrat, erstarb gewiß das Lachen. Er drehte sich auf der Stelle um und schritt die Treppen hinab, am Portier vorbei, ins Sonnen- licht der Straße.
Er trat ans Ufergelände der Spree, sah einen
Schwarm weißer Tauben überm grünen Hut des Schlosses kreisen, sah offene Wagen, die ersten hellen Mädchenkleider auf der Brücke und tausend funkelnde Lichter im Wellengekräusel des Flusses. Frühling in Berlin! Da hauste man im Grünewald, hatte seinen Wintergarten mit hunderundacht verschiedenen Kakteensorten, aych einen richtigen kleinen Park hinter der Villa, elf Sommeranzüge im Mottenschrank, eine Kreissäge auf dem Kopf, aber vergessen, was Frühling iH. Man mußte in einen stickigen Bus steigen und ins älteste Berlin fahren, man mußte in einem uralten Hotel wacklige Stiegen ersteigen, um zu erfahren, daß es einen Frühling gäbe. Man mußte mit ansehen, wie ein Sohn die strengen Bande der Familie sprengte, um zu bemerken, daß es auch für Menschenherzen nicht ein ewiges Einerlei der Jahreszeiten gibt. Man mußte seinen alten Adam ordentlich durcheinanderwirbeln lassen, um einzusehen, daß mit den Jahren nicht unbedingt der ewige Winter kommen muß. Aufgepaßt, alter Freund, das Leben geht weiter, ob man w-ill ober nicht.
Der Justizrat schritt am Schloß entlang zum Lustgarten, war sein Schritt nicht jugendlich beschwingt? Schwang er nicht den Stock, statt sich darauf zu stützen, in übermütigen Kreisen? Rannte er an der Schloßbrücke nicht wie ein sorgloser Schuljunge zwischen den Autos hindurch ans Ustr des jenseitigen Bürgersteigs? Donner und Dorna? War das etwa der Justizrat Mansfeld, der da bei der alten Lempken, der Blumenfrau, stehenblieb?
„Na, junger Mann, ’n Sträußken für bet Frvl- lein Braut?"
Der Justtzrat sah in bas verschmitzte, aus hundert Falten lachende Gesicht. Ci der Tausend, dieses Gesicht--
„Sagen Sie, Frau--"
„Lempken heeß ick."
„Frau Lempke, richtig--und hießen Sie nicht
auch'Rosa?"
„Rosa nannten sie mir, aba bet wem nu woll dreißick) Jahre sind!"
„Rost ..." wiederholte der Justtzrat gedankenvoll, „die schöne Rosa ..."
Das Gesicht der alten Frau überflog wahrhafttg ein rötlicher Schimmer. „Detse bet noch im Koppe Ham, die schöne Rosä, ja, so nannten se mir, bie Herrn Studiker!" Ihre Augen leuchteten und ihr Stolz strahlte durch ein Tränlein der Rührung. „Nee, sowat, detse bet noch wissen!" Der Hanbrücken schaffte mieber reinen Tisch in ihrem Greisenantlitz. „Dafier solln se ooch be scheuste Rose int Knopfloch friegn, Herr Dokta, weil roa allebeede mal so jung roa’n!" Und da prangte bie Blüte auch schon blutrot an seinem Rockaufschlag. /
Der Justizrat griff in bie Tasche.
„Nee, lassen Se man..." wehrte die Alte ab.
Er brückte ihr einen Schein in bie Hand. „Für bie Rose bekommen Sie nichts, schöne Rosa, bie will ich geschenkt haben. Aber an ber Freube, bie ich heute erlebe, bürfen Sie ruhig Ihren Teil haben."
„Nee, nee, sowat ..." bas war alles, was bie Lempken hervorbringen konnte, denn bie Tränen rollten jetzt ungehemmt in ihr Halstuch. Der Justizrat schlenberte roeiter. Er sah bie Universität in ihrem neuen Glanz und blickte staunend durchs Gitter. War dieser Tag verhext? Hatte sich alles verschworen, ihm die eigene Jugend vorzugaukeln? Dieser Dorhöf, er sah aufs Haar so aus wie damals, als er selber Tag für Tag ihn durchschritt in sorgloser, heiterer Jugendzeit. Später hatte man alles verändert, Bäume und Sträucher wachsen lassen, Denkmäler aufgestellt, Würde verbreitet, als ob es ein Fehler fei,- Jugend zu erhalten--
Die Prunkstraße Berlins lag hell und sonnst, festlich gelb der Mittelweg, in zartestem Grün die Lindenbäumchen. Lindenbäumchen? , Der Justizrat blieb stehen und maß den Baum am Rand des Bürgersteigs mit ungläubigen Blicken. Drei Daumen dick ber Stamm, ein buftiges Krönlein darüber, worin der erste zarte Blütenflor honiggelb zu schimmern anhebt, schüchtern und doch stolz, wie es die Art ber Jugenb ist. Er trat zurück unb blickte bie Straße hinab. War das nicht wie vor vierzig Jahren der tägliche Weg feiner Studentenzeit, die Prunkftraße eines jugendlichen Berlins, bas sich gerade anschickte, Weltstadt zu werben, sich schmückte unb reckte in kindlicher Lebenslust? War, was da- zwischenlag, nur ein schwerer Traum von Alter, Würde unb Behäbigkeit?
Der Justizrat rettete sich in bie Kühle eines Blumenladens, bat um einen Stuhl und um ein Glas Wasser, erhielt beibes, unb schrieb dann eine Karte:
Für Fräulein Lenz
in herzlicher Verehrung unb in ber Hoffnung auf persönliche Bekanntschaft Mansfelb senior. Das Senior sttich er roieber aus unb ersetzte es burch: Mansfeld der Aeltere.
Unb auf ben Umschlag schrieb e?:
Herrn Dr. Walter Mansfeld im Hotel „König von Spanien" mit der Bitte um Weiterleitung.
Dann brachte er eine halbe Stunde damit zu, einen herrlichen Strauß auszufuchen, ber. aus lauter verfchiebenen Blüten bestaub. Jede barg in sich bas Geheimnis einer Jugenderinnerung, die fein Gedächtnis in seltsamem Wachsein hervorsprudelte. Auch die rote Rose der alten Lempke erhielt ihren Platz. Sie wurde zu diesem Zweck mit einem verlängerten Stiel versehen.
In glückhafter Stimmung fuhr ber alte Herr nach Haufe. Seine Gattin bürste mit ihm zustieben sein. Er war bereit, alles zu tun, was bas Werk bieses Tages krönen konnte. (Fortsetzung folgt.)


