Ausgabe 
8.1.1938
 
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sie nicht zu beharren vermögen, sondern deshalb steigen oder fallen müssen, zeigt unsere geschichtliche Entwicklung. Als das Preußen nach dem Tode Friedrichs glaubte, auf den Lorbeeren des großen Königs ausruhen zu können, kam der Fall von 1806/07. Wenige Einsichtige nur sahen damals die Folgen diesesAusruhens" und der zaudernden Politik voraus. Blücher gehörte zu ihnen, als er am 22. Juli 1806 an den damaligen Obersten von Kleist, den Generaladjutanten des Königs, schrieb: Gott im Fimmel, warum bin ich nicht fünfzig Jahre früher oder später geboren!" Als dann aber die anderen über die unglückliche Doppelschlacht von Jena und Auerstedt verzweifelt waren, da erklärte Blücher in einem Briefe an Vincke ungebeugt:

Unser Unglück kann uns allein stark und ent­schlossen machen."

Ist es nach 1918 nicht ebenso gewesen? Eine sinnvolle Betrachtung unserer deutschen Geschichte zeigt uns, daß der Weg des Deutschtums immer nach oben führte, wenn wir stark und entschlossen waren, wenn wir uns nicht wie das Preußen nach dem Tode des großen Königs einer Selbsttäuschung Hingaben in dem Glauben, oas Erreichte ohne neue Leistung festhalten zu können. Alles völkische Le­ben muß sinken oder steigen. Beharren kann es nicht. Das lehrt uns eine sinnvolle Betrachtung der Wektgeschichte. Meistern aber wird die Generation ihre Aufgaben, die daraus die praktische Schluß­folgerung für sich selbst zu ziehen versteht.

Erinnerung an Bismarck.

Äon Sir Austen Chamberlain.

Sir Austen Chamberlain, der am 16. März 1937^ verstorbene britische Staatssekretär des Auswärtigen und Halbbruder des amtierenden Premierministers, hat Erinnerungen hinter­lassen, die soeben unter dem TitelEng­lische Politik" bei der Essener Verlags­anstalt in deutscher Uebersetzung erschienen sind. Im Folgenden schildert, der junge Austen, Sohn des berühmten Kolonialstaatssekretärs Joseph Chamberlain, seine Eindrücke von einem Besuch in Berlin.

Um auf Berlin selbst zurückzukommen: Ich war in einem einzigartig fesselnden Augenblick dort; das Jahr, das ich in Berlin verbrachte, bedeutete tatsächlich das Ende eines Zeitabschnitts. Die drei großen Männer, die das neue deutsche Kaiserreich geschaffen hatten, lebten noch, beherrschten die Szene ihrer Triumphe, als die letzten einer Rasse von Riesen, neben denen alle anderen Menschen klein, jede andere Verbindung von Männern ganz unbedeutend erschien.

Des Alten Kaisers ehrwürdige Gestalt, ge­beugt vom Alter, aber noch groß und soldatische konnte man jeden Morgen beim Wechsel der Wache am Fenster des Schlosses sehen, und immer war­tete eine kleine Gruppe von Berlinern oder von Besuchern aus anderen Teilen Deutschlands und dem Ausland, um einen Blick auf diesen Mann tun zu können, der durch sein Alter und seine Lei­stung schon zu seinen Lebzeiten fast legendenhaft geworden war. Ich war dort an seinem 90. Ge­burtstag und stand Stunden in der großen Menge vor dem Schloßeingang und sah die glänzende Folge deutscher Prinzen und Vertreter fremder Mächte, die kamen, um ihre eigenen Glückwünsche oder.die ihrer Herrscher zu überbringen. Es war das Jahr des ersten Jubiläuichs unserer Königin Viktoria; die ihr dargebrachte Huldigung war kaum größer als die Achtung, die dem alten Kaiser er­wiesen wurde.

Im Winter, wenn der Teich im Tiergarten ein­gefroren war und wir zum Schlittschuhlaufen hin­strömten, konnte man M o l t k e sehen, wie er seinen täglichen Spaziergang durch den Park machte; dann unterbrachen die Läufer ihr Figuren­fahren und schnitten qüer übers Eis von Ecke zu Ecke ab, um ihn zu sehen und zu grüßen. Wenn er nicht Uniform getragen hätte, so würde man hinter dieser schlanken Gestalt, diesen zierlichen Zü­gen, diesem feinen und klugen Gesicht, und vor allem hinter dieser edlen Stirn einen großen Den­ker vermutet haben vielleicht einen Professor der Metaphysik oder schwerverständlicher mathematischer Forschungen, zumindesten einen Forscher, der in hohe Gedanken gehüllt war, ungestört von gewöhn­lichen Tagessorgen des Menschen. In der Tat, ein großer Forscher war erL aber sein Gegenstand war die Kriegskunst, Europa war sein Schachbrett, und seine Bauern waren Heere.

Schließlich war da Bismarck, der eiserne Kanzler, der Größte von allen, ein wahrer Ko­loß an Gestalt und Erfolg, eng in seine Generals-

uniform geknöpft, und noch immer wachte er vom Kanzlerpalais aus über das Kaiserreich, das er mit Blut und Eisen geschmiedet hafte. Mein Vater hatte den Grafen Herbert Bismarck in Lon­don getroffen, und sie waren Freunde geworden. Ich hatte ein Einführungsschreiben-an den Grafen bei mir, das ich etwa einen Mönat nach meiner Ankunft getreu ablieferte. Wenige Tage vergingen, und dann erhielt ich einen kurzen Brief vom Gra­fen Herbert, in dem er sagte:Da Fürst Bismarck viel über Ihren Vater gehört hat und weiß, daß er einer der ersten Staatsmänner Ihres Landes ist", habe er ihn beauftragt, mich zum Essen zu laden. Ich sollte am nächsten Tag ich glaube um 6 Uhr kommen;im Jackett", was ich wohl am besten mit einfachen dunkeln Rock zu über­setzen hatte.

Ich ging hin, von Stolz und Neugierde erfüllt, aber sehr schüchtern. Als ich deü Salon betrat, erhob sich der Fürst, begrüßte mich in der wundervollen Höflichkeit von ehedem und entschuldigte sich für die Abwesenheit der Fürstin, die wegen Unwohlseins an ihr Zimmer gefesselt war, so, als ob ich ein Gast von Bedeutung gewesen wäre; dann stellte er mich den anderen' Gästen vor. Und es war, wie ich damals

Oer Pianist Elaudio Arrau.

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Claudio Arrau spielt im Klavierkonzert des Gießener Konzertvereins Werke von Bach, Chopin und Liszt. (Aufn.: Dührkoop, Berlin.)

Hr.6 Zweites Blaff

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Samstag, ti.Zanuar 1938

Sinnvolle Geschichtsbetrachtung. 2on Or. Erich Schmidt

Um vorauszusehen, was sein wird, muß man betrachten, was gewesen ist. Denn die handelnden Personen auf der großen Bühne der Welt, die Menschen, haben stets dieselben Leidenschaften, und so muß dieselbe Ursache stets dieselbe Wirkung hervorbringen."

MachiavelliVom Staate".

Es war im Januar 1919. Paris lebte im Rausch der Waffenstillstandsbedingungen. Es hatte seine großen Tage". Die Friedenskonferenz sollte in der französischen Hauptstadt zusammentreten Die ersten Delegationsmitglieder der Alliierten trafen Anfang Januar in Paris ein. Diegroßen Drei" der Kon­ferenz, Wilson, Clemenceau und Lloyd George waren die Herren der Erde. Sie waren zusammen- gekommen, um der Welt denFrieden^zu diktieren Gleich Göttern auf der Erde glaubten sie Weltge­schichte machen und die Kraft des Deutschtums mit einem Federstrich auslöschen zu können

Wie jämmerlich ist selbst in einer für menschliches Rechnen kurzen Zeit dieses Geschichtemachen zu Schanden geworden. Wie ganz anders sieht heute die Welt aus, als man es sich damals in Paris vorgestellt hatte. Hätten diegroßen Drei" aus der Geschichte gelernt, als sie-Geschichte gestalten sollten, sie hätten durch einen Frieden der Vernunft und Gerechtigkeit ewigen Ruhm zu ernten vermocht. So aber glaubten sie in Selbstherrlichkeit und Ueber- hebung die Welt nach ihrem Gutdünken gestalten zu können. Nur ein Werk der Vergänglichkeit und der Schande hatten sie hierdurch in ihrer Verblendung geschaffen. Das Schicksal hat noch immer die Macht jenen wieder genommen, die sie nicht zum Wohle der ihnen gestellten Aufgabe zu gebrauchen ver­standen.

Der kurze Abschnitt der politischen Weltgeschichte, den ein Menschenleben umspannt, ist für unsere Ge­neration überreich an Ereignissen und Erfahrungen gewesen. Wie kleinmütig waren manche von uns 1919. Wie stolz dürfen wir heute darauf sein, daß Deutschland wieder eine Großmacht geworden ist. Wenn wir auf den geschichtlichen Zeitabschnitt seit 1919 zurückblicken, dann finden wir das berühmte Wort Bismarcks bestätigt, das lautet:Irrtümer in der Cabinetspolitik der großen Mächte strafen sich nicht sofort, weder in, Petersburg noch in Ber­lin, aber unschädlich sind sie nie. Die geschichtliche Logik ist genauer in ihren Revisionen als unsere Oberrechnungskammer". Dieses Wort Bismarcks, das die deutsche Vergangenheit der letzten 20 Jahre mit so greifbarer Deutlichkeit bestätigt hat, wird auch für alle Zukunft seine Gültigkeit besitzen. Das um so mehr, als alle menschlichen Dinge, und die Politik ganz besonders, in ständiger Bewegung sind. Es gibt für sie kein Beharren, keine Erstarrung. Des­halb müssen sie steigen oder sinken, die Bahn nach oben gewinnen oder auf den Weg nach abwärts führen.

Gerade diese Erkenntnis ist es, die ufts eine sinnvolle Geschichtsbetrachtung über­mittelt. Das alte Athen stand im Jahre 477 v. Chr., als es den attischen Seebund gegründet hatte, auf dem Gipfel seiner Macht. Nur 73 Jahre später, nämlich im Jahre 404 v. Ehr., mußte es sich auf Gnade und Ungnade seiften Feinden er­geben. Das alte Rom hatte im Jahre 168 v. Chr. die Eroberung der Mittelmeerländer vollendet. Nur 35 Jahre später begannen die gracchischen Unruhen und 80 Jahre später, 88 o. Chr., die großen Bürger­kriege. Portugal hatte 1498 den Seeweg nach Ostindien gefunden und damit seine stolze Macht­entfaltung alsKönigin dreier Erdteile" eingeleitet. Aber 22 Jahre später schon wurden jene ungeheuren Korruptionen in seiner Kolonialverwaltung festge­stellt, die den Zusammenbruch dieser damaligen portugiesischen Weltherrschaft verursacht haben.

Wahrlich, die geschichtliche Logik ist genauer, aber auch unerbittlicher in ihren Revisionen als die ehe­malige preußische Oberrechnungskammer! Wenige Jahrzehnte können genügen, dem Weltbild ein völlig anderes Gesicht zu geben. Wenige Jahr­zehnte waren es auch oft in der Weltgeschichte, die uur zwischen dem Gipfelpunkt der Macht eines Volkes und feinem endgültigen Niederbruch lagen. Jede Nation hat deshalb Veranlassung, an einer sinnvollen Geschichtsbetrachtung nicht vorüberzu­gehen. Die Geschichte ist und bleibt die große Lehr­meisterin der Politik. Wie in der Medizin, als einer Erfahrungswissenschaft, der Arzt nur nach dem Verlauf früherer gleicher Krankheitsfälle und den hierbei gesammelten Erfahrungen zu urteilen und Zu heilen vermag, so bietet für die Geschichte der Gegenwart, die wir Politik nennen, die Geschichte der Vergangenheit den reichen Schatz der Erfah­rungen.

Bismarck verglich in seiner Rede am 21. April 1887 im Preußischen Landtag die geschichtliche Ent­wicklung mit einem breiten Strom.Die ganze Weltgeschichte", sagte er dann,läßt sich überhaupt nicht machen, auf ihrem Strom kann man ein Staatsschiff steuern, wenn man sorgfältig auf den Kompaß der salus publica (des öffentlichen Wohles) blickt und diesen richtig zu beurteilen weiß." Schon vorher, im April 1869, hatte der Schöpfer des Zweiten Reiches im Reichstag des Norddeutschen Bundes gesagt:Wir können die Geschichte der Vergangenheit weder ignorieren, noch können wir, meine Herren, die Zukunft machen; und das ist ein Mißverständnis, vor dem ich auch hier warnen möchte, daß wir uns nicht einbilden, wir könnten den Lauf der Zeit dadurch beschleunigen, daß wir unsere Uhren vorstellen... Wir können das Reifen der Früchte nicht dadurch beschleunigen, daß wir eine Lampe darunter halten, und wenn wir nach unreifen Früchten schlagen, so werden wir nur ihr Wachstum hindern und sie verderben. Ich möchte deshalb Ihnen doch mehr Geduld empfehlen, der Entwicklung Deutschlands Zeit zu lassen." Aus die­sen Worten Bismarcks spricht seine Ehrfurcht vor der Gewaltigkeit der geschichtlichen Entwicklung, die man nichtmachen", sondern die man nur erfassen kann, um die durch sie gegebenen Möglichkeiten nicht ungenutzt vorübergehen zu lassen.

Eine sinnvolle Betrachtung gerade der deutschen Geschichte zeigt uns das Auf und Ab, unter dem unsere Geschichte im Wandel der Jahrhunderte stand. Es liegen zwei Triebkräfte im deutschen Wesen begründet, der Wikingergeist, der in die Weite der Welt treibt und die unendliche Liebe zur Heimat, die in ungezählten Volks­liedern ihren tiefsten Ausdruck gefunden hat. Hier haben wir die Gegenpole der deutschen Geschichte, den deutschen Hang zu einem Uftiversalismus und dann die tiefe Empfindung für ein bodenständiges Verwurzeln in der Heimat. Seit den- Kämpfen der Franken und Sachsen sind diese Pole die Trieb­kräfte deb deutschen Geschichte gewesen, bis der Heimatgedanke im Preußentum seine Stärkung fand und hierdurch das Reich der Deutschen geschaf­fen wurde. Treitschke spricht davon, wie der Drang in die Weite deutsche Fürstengeschlechter nach ausländischen Kronen greifen und sie dadurch dem deutschen Leben verloren gehen ließ. Dann fährt er fort:Auch dem Hause Brandenburg sind oftmals lockende Rufe aus der Ferne erklungen: die Herrschaft in Schweden, in Polen, in den Nie­derlanden, in England schien ihm offen zu stehen. Doch immer hat bald die Macht der Umstände, bald die verständige Selbstbeschränkung des Fürsten­geschlechts diese gefährlichen Versuchungen jabge= wiesen ..." Erst mußte die Liebe zur Heimat ihren staatspolitischen Ausdruck in dem Gleichschritt preu­ßischer Regimenter finden, erst mußte dieser Heimat- liebe ein sicherer politischer Rahmen in der Macht des preußischen Staates gegeben sein, ehe der deut­sche Hang in die Weite dem Deutschtum nicht mehr zum Verhängnis werden konnte.

Aber auch, daß alle politischen Dinge unter dem Gesetz der Entwicklung stehen, daß

Bremische Anekdoten.

Von Karl Lerbs

Der tote Knecht.

Als der Bauer Klaus Budelmann in Wörpeberg den neuen Knecht angenommen hatte, mußte er eine Frage beantworten: Wie es denn wohl des Morgens mit dem Aufstehen wäre? Ob es damit sehr genau genommen würde?.

Klaus Budelmann sah den Frager ernst an.

Au zustehen brauchst du gar nicht", sagte er. Du kannst liegen bleiben. Mal hatten wir h'.er einen, der blieb auch liegen. Reineweg hegen bheb der. Abers der is nu tot."

War er denn krank?" fragte der Knecht

Krank war der nid)", versetzte Klaus Budel­mann.Der is verhungert."

Hasenhistorie.

Der städtische Heidewanderer, der sich im ©nft: HofZu den drei Linden" in Moorbergen zur Rast niederließ, erfreute den Wirt Lüer Seebode durch eine begeisterte und ausführlich begründete Lob­preisung der landschaftlichen Gegebenheiten

Aber", so schloß er einschränkend,ich habe mich doch darüber gerounbeit, daß hier im ganzen Revier nicht ein einziges Stück Wild zu sehen war. Gibt es hier denn gar feine?"

Och doch", versetzte Lüer Seebode,früher, da hatten wir dscha so'n Stücker drei, vier Hasen, aber der Dschagdpächter aus Verden, der hat da dscha ümmer auf geschossen, un da sund sie denn dscha schließlich weggegangen."

Etwas zum Nachdenken

Spät, sehr spät, als der grünsilberne Mond seine Lichtfluten über die Kupferdacher und Spitzgiebel der Altstadt strömen ließ, begaben sich zwei ge etzte und beleibte Bremer Bürger, die Brasil im Mund­winkel, unter traulichen Gesprächen heim.

Heini", sagte der eine,warum gehst du emklrch ümmer inner Gosse? Da is es doch naß.

Fidi", versetzte der andere,ich weiß dscha auch nid) wie das kömmt. Ich kann auf m Trottoah gehen,, soviel ich will - ich geh ümmer inner GOzzeini", sagte der erste nach kurzem Bedenken, denn machst du es falsch. Du mußt es machen wie ich. Kuck: Ich geh gleich inner Gosse; denn geh, ich ümmer auf'm Trottoah."

Der Poet.

Der Sohn einer an sich unbescholtenen, unver­dächtigen und daher auf derartige Ereignisse keines­

wegs gefaßten bremischen Familie hatte das Dich­ten" angefangen und war daran auf keine Weise zu hindern. Die Tätigkeit, zunächst als zwar unbe­greifliche, aber harmlose Absonderlichkeit gewertet, dann als unheimliche geistige Wucherung kopf­schüttelnd betrachtet, nahm schließlich einen Um­fang an, der zur Güte und zum Erfolg der ange- fertlgten Erzeugnisse in keinem irgendwie meßbaren Verhältnis stand.

Die Sache sprach sich natürlich herum.

Was macht denn Ihr Sohn?" wurde der Vater des Poeten eines Tages von einem mit Recht be­sorgten Freunde gefragt

Och", versetzte der alte Herr mit heiterer Fas­sung,der dichtet man ümmer so unter sich weg."

Onk.el Schaefer.

In diesem Hause", sagte mein Vaterswohnt der Mann, der augenblicklich der unglücklichste Mensch in Bremen ist." Es war zuv Zeit des Jahr­markts, den wir in Bremen Freimarkt nennen, und der Oktoberregen klatschte in den üblichen Güssen vom Himmel; "aber wir blieben doch vor dem Hause stehen, zu nachdenklicher Betrachtung. Ich wunderte mich: Denn da drinnen wohnte Onkel Schaefer, der alte Musikdirektor, der immer in sanfter und mil­der Zufriedenheit durch die Sttaßen wandelte und jedem von uns Kindern einen liebkosenden Drei­vierteltakt auf den Kopf tätschelte.

Nämlich", erklärte mein Vater,die Orgel­dreher, die für die Freimarktstage den Gewerbe­schein haben wollen, müssen ihre Instrumente vor­her vorführen, und der arme Onkel Schaefer muß sie abhören, alle nacheinander. Höllenqualen müssen das für den Mann fein. Um einen von diesen armen Teufeln abzulehnen, dazu ist er viel zu gut­mütig Manche leihen sich auch für das Probe­konzert neue Orgeln und ziehen nachher mit fürch­terlichen alten Heulkommoden durch die Stadt. Zehn Tage lang muß Onkel Schaefer dann für feine Gutmütigkeit schrecklich büßen, von früh um acht bis abends um zehn. Ich kann gar nicht sagen, wie leid mir der Mann tut."

Mit scheuem Blick betrachtete ich das Haus; stumm und grau stand es da, vom Regen uber- ronnen mit geschlossenen Vorhängen. Da drinnen dachte 'ich, hockt Onkel Schaefer in einer dunklen Ecke, hat beide Zeigefinger in den Ohren und stöhnt. Ein Orgeldreher kam durch die Straßen heran; er spielteLetzte Rose", und nach federn Takt stieß sein Marterkasten einen schrillen Ton aus, der wie der höhnische Freudenpsiff eines trumphierenden Teufels klang.

Kleines Fräulein aus Hamburg.

Meine Nichte aus Hamburg, eine sehr fertige und selbstsichere junge Dame, kam zum ersten Male nach Bremen und besah sich alles mit der freund­lichen und ein wenig wohlwollenden Aufmerksam­keit, mit der sich unsere großen Mithanseaten Bre­men zu betrachten pflegen ich wollte natürlich sagen: früher zu betradjten pflegten.

Als wir zwischen Schauspielhaus und Kunsthalle an dem idyllischen grünen Stadtgrabenwinkel vor- überkamen, deutete meine Nichte aus Hamburg mit einer Kopfbewegung auf das mit Seerosen bedeckte verträumte Gewässer und fragte beiläufig: Ist das die Weser?"

Glücklicher Tag.

Von MaxZungnickel

Sie ist Krankenschwester, lieber die Jugend schon lange hinaus. Und dann die Kranken. Älle ihre Herzensfreude und ihren Herzensglanz, verschenkt sie an die Kranken. Ihre jungen Jahre hat sie schon hingegeben. Jetzt kommen die alten Jahre dran, die Mütterlichkeit, -das Flügelbreiten. Sie hätte gern ein leibliches Kind gehabt, aber sie war ja immer schüchtern und zurückhaltend gewesen. Tanz und Geselligkeit kannte sie nicht. Sie hat ihr Glück versäumt, ober das Glück hat sie vergessen.

Seit langen Jahren spielt sie in der Lotterie. Nicht aus Gewinnsucht und Geldfreude. Sie will nur eine Ueberraschung haben Sie wartet auf etwas. Wie auf ein kleines Sonnenglitzern wartet sie. Oft gewinnt sie nichts. Sie ist deshalb nicht böse. Vor jeder Ziehung hat sie das Gefühl, als ob sie vor einer Tür sitzt, die sich auftun will zu einem leuchtenden Garten. Und dann kommt sie mit einem Freilos heraus. War's nicht, als ob die Tür einen winzigen Spalt freigab?

Und nach Jahren hat sich die Tür aufgetan! 300 Mark hat die alte Krankenschwester gewonnen. Wohin damit? Herzklopfend überlegt sie: Was soll ich anfangen? Sie ist wie aufgerüttelt nach einem großen Traum Läuft durch eine Straße, entdeckt wie zufällig vor einem Laden einen klei­nen Jungen, der vor Entzücken von einem Bern auf das andere springt. Ulkig sieht das aus. Recht ärmlich ist der Junge angezogen Wie er sich die Nase an der Scheibe platt drückt! Hinter der Scheibe liegt eine kleine, spielzeugbunte Welt mit Eisenbahnen, Dampfern, Hämmern und Fliegern. Ein Zeppelin ist auch da.

Sie sieht, wie die Blicke des Jungen hinter der

Ladenscheibe herumjagen, wie sie sich an jedem Stück feftfaugen. Da tippt sie ihm auf die Schulter. Er dreht sich augenblicklich herum, starrt sie wie abweseckd an. Auf feinen Augen liegt noch der Ab­glanz der zwergenkleinen Wunderwelt hinter der Scheibe. Und da sagt sie:Ich habe heute einen glücklichen Tag. Komm mit, such dir was aus!" Und da nimmt sie ihn schon bei der Hand. Er ist etwas unschlüssig, weiß nicht, wie ihm geschieht. Sie zerrt ihn in den Laden hinein. Da steht er nun, hat wohl die Sprache verloren?Willst du die Eisenbahn?" Er nickt stumm und versonnen. Und das Flugzeug?" Da nickt er wieder und sagt Ja". Aber dieses Ja ist vom goldenen Atem der Freude überflogen.

Und nun wird eingepackt. Der Junge weiß noch immer nicht, ob das Wirklichkeit ist, was er jetzt erlebt. Wie im Traume nimmt er das Paket ent­gegen. Auf einmal scheint er zu begreifen. Die Freude hebt sich wie ein Stern in seine Augen und läßt sie aufleuchten. Er stellt das Paket nieder. Schnell und bebend flüftert er ihr ins Ohr:Danke, danke schön!" Und nun läuft er, wie ertappt, da­von, aus dem Laden heraus. Sie siehj, wie der Junge rennt, sieht seine fliegenden Haare, wie er sich kräftig durch die Reihen der Fußgänger schiebt und drängt. Jetzt ist er, ganz oben an der Straße, nur noch ein sausendes Spielzeug. Und nun ist er verschwunden.

Sie lehnt an der Hauswand, hört immerzu die jubelerstickte Jungenstimme an ihrem Ohr flüstern: Danke, danke schön!", und die kleinen Worte klin­gen wie in die Ewigkeit hinüber. Und nun geht sie heim.

Eine Droschke fährt ins Museum.

In Sidney (Australien) gab es bisher noch vier übriggebliebeneHandsoms", zweirädrige .Drosch­ken, wie sie früher das Straßenbild in englischen Städten beherrschten. Eine der vier Droschken war so altersschwach, daß sie abgebrochen werden sollte, als es dem Kurator des Technischen Museums ein­fiel, daß er hier ein schönes Stück für seine Samm­lung haben könnte, das bald nur noch eine ge­schichtliche Erinnerung fein würde. Er kaufte es also von dem alten Rosselenker und sorgte dafür, daß die letzte Fahrt, die ins Museum führte, wür­dig verlief. Er ließ einen Kollegen das Gefährt mieten, und vor dem Museum wurden der Wagen, der Lenker und der Fahrgast, sowie das Pferd feierlich in Empfang genommen und nachdem die letzte Fahrt bezahlt mar, brachte man die alte Droschke unter dem Beifall der zahlreichen Zu­schauer in das Museum.