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Nr. 106 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

7./8.MaiM8

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eine neue Judenwanderung aus den zu­geteilten kongreßpolnischen Kreisen, wo die Juden besonders in den kleinen Städten vielfach die Mehr­heit bilden, den Handel völlig an sich gerissen haben und jetzt natürlich nicht versäumen werden, ihre Fäden über ihre neue Heimatprooinz zu spinnen. Gerade Posen und Pommerellen hatten es bisher verstanden, sich verhältnismäßig judenrein zu halten. Das wird nun anders werden, und mit Schrecken werden die, die das Deutschtum zu schwächen ver­meinten, vielleicht in nicht zu ferner Zeit Gelegen­heit haben festzustellen, daß der erste Nutznießer der neuen Maßnahmen in erster Linie der Jude war.

weiteres Moment kündigt sich bereits als Gegen­stand großer Sorge der in Westpolen lebenden

den spitzen schwarzen Hüten? Woher jene Frauen in den grünen Röcken, den roten Blusen, den roten Kopftüchern? Woher jene Burschen mit den roten Zipfelmützen und Troddeln daran?

Der Kellner weiß es nicht genau. Es seien ja auch früher zu den großen Kirchenfesten viele Landleute bei Sankt Peter gewesen, aber in solchen gewaltigen Scharen noch niemals

Aber es ist wunderhübsch, zu beobachten. Die glei­chen Trachten haben sich zusammengeschlossen zu Rotten, die in unwahrscheinlich helle und leuchtende Farben gekleidet sind: sattes Grün, kräftigstes Dunkelblau, grelles Gelb, strahlendes Rot. So gehen sie über den Platz, freuen sich an den Wasserspielen -der beiden Fontänen, umstehen den hohen Obelisk in der Mitte, den einst Cäligula aus Heliopolis mit­gebracht hat und blicken stauend und ehrfürchtig an den dorischen Säulen Berninis empor.

Und wie anmutsvoll wird diese ländliche Klei­dung getragen, wie schön und selbstsicher bewegen sich diese Frauen, wie herrlich schreiten die Männer in ihren wehenden schwarzen silberumsäumten Um­hängen einher! Und dahinter die hohen Säulen, die altersgrauen Mauern, die dunkel patinierten

3m römischen Speisehaus.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!

Rom, Anfang Mai..

In diesen Tagen wird man immer wieder an ein Gemälde erinnert, an ein Werk Friedrich Overbecks, einer der zahllosen deutschen Maler, die nach Italien gewandert sind und an römischer Kunst gelernt haben. Es heißtItalien und Deutsch­land". Zwei Frauen sitzen in schwesterlicher Ber- bundenheit neben einander, haben die Hände zu­sammengefaltet und schauen von einer Anhöhe hin­ab in die weite Landschaft der römischen Campagna. Was vor hundert Jahren Sehnsucht, Verlangen und Künstlertraum war, ist heute politische Wahrheit und Wirklichkeit geworden

In einem kleinen römisches Speisehaus haben sich viele Italiener und Deutsche zum Abendessen eingefunden. Plötzlich verstummen die Gespräche, alles horcht auf: aus einem sehr guten Rundfunk­empfänger ertönt eine wundervolle Musik. Wer es nicht wüßte, könnte es hier von jedem Pikkolo er­fahren. Uebertragung aus dem Teatro Reale. La Boheme" mit Benjamin G i g l i. Signore Gigli, sagen die Italiener ehrfurchtsvoll.

Diese Stimme hat eine magische, magnetische Ge­walt. Zuerst stehen die Italiener von den Tischen auf und versammeln sich um den Lautsprecher, dann folgen die Deutschen, und zuletzt stehen wir alle, von der Schönheit dieses Orchesters und dem Schmelz der Stimmer ergriffen, und lauschen in atemlosem Schweigen.

Während der Opernpause im Theater hört man den Sprecher des Rundfunks:Der Fafcismus und der Nationalsozialismus^ zwei Völker, das italie­nische und das deutsche, haben sich zusammenge­schlossen. Sie bedrohen niemanden, aber sie sind entschlossen, die Güter der Kultur und der Zivili-

Bronzen es entstehen Bilder, die durch ihren faszinierenden, theatralisch-opernhaften Reiz fesseln und locken.

Der Himmel hat sich bewölkt, es beginnt zu reg­nen. Da haben sie plötzlich alle die Regenschirme aufgespannt, ungeheuer große Dächer, unter denen eine kleine Familie Schutz finden kann, Schirme von sattem Rot mit weißen konzentrischen Kreisen, Schirme aus krassem Gelb, Schirme aus grellem Grün. Die bewegen sich nun alle, ein Gewirr von buntesten Riesenpilzen, über die weißen Fliesen; dann ordnen sie sich in der Mitte, dann gehen sie alle die Stufen hinan zur Kirche und schreiten eine breite Prozession von leuchtenden Farben gegen das dunkle hohe Portal Sankt Peters hinan...

Die römische Filmstadt.

Der Wagen fährt durch strömenden Regen hinaus in die Cinecitta, in das Babelsberg von Italien. Der Weg führt durch Vorstädte. Hier hat der Faschismus alte Gassenoiertel eingerissen; an ihrer Stelle sind neue moderne Sied­lungen entstanden, deren Häuser dem Licht und der Sonne des Südens von allen Seiten her zu­gänglich sind. Zur Linken der Straße kündet ein hochragender Wald von Fahnen das Campo-Roma an mit dem Zeltlager der faschistischen Jugend, deren 50 000 Mitglieder hier dem Führer gehuldigt haben.

Nach einer halbstündigen Fahrt sind wir in Cine­citta. Es ist eine ganz moderne Filmstadt mit weiträumigen Anlagen; die Ateliers, die Aufnahme­apparaturen, die Magazine, die Werkstätten, alles ist nach der neuesten Technik erbaut und eingerichtet.

Ich soll Teile des Verdi-Films sehen. Der Regisseur Carmine Gallone begrüßt uns am Wagen. Wir kennen uns von Berlin her, wo wir uns im Hause der Ufa oft gesprochen haben, denn Gallone ist in Deutschland bekannt als der Spiel­leiter desMutterliedes" und derMa­nege". Er erklärt mir den Inhalt des Verdi- films, während wir durch die Anlagen gehen. Die Freitreppen und die Terrassen des Restaurants werden mit Lorbeerbäumen und blühenden Blumen­bündeln bestellt, denn Reichsminister Dr. Goeb­bels wird hier erwartet.

Gallone zeigt die gewaltigen Aufbauten, die auf dem Freigelände der Filmstadt errichtet sind. Ein pittoresker Winkel Venedigs, eine malerische Gasse aus dem alten Mailand, wie es zur Zeit Verdis ausgesehen hat, historische Rekonstruktionen nach alten Bildern und Stichen. Ich gehe auch in die Ateliers, wo man eben die Filmbauten aufführt: die großartigen Zuschauerräume der Mailänder Scala, des 'weltberühmten Opernhauses, schwere, weiße Säulen mit modernen Ornamenten, Rängen, Logen und Galerien erheben sich bis unter das Atelierdach. Höhe etwa 15 Meter..

Ich sehe auch einige Aufnahmen und Proben. Giachetti, der Darsteller des Verdi, spielt den durch Leid und Enttäuschungen gealterten Meister. Während er sich sinnend und komponierend über die Notenblätter beugt, gewinnt sein Gesicht einen geistigen visionär-verttärten Ausdruck. Es wird zum Gesicht des Dichters und Schöpfers. Er schaut die Gestalten der entstehenden großen Opern, die Sze­nen und Aufzüge jener Werke, die heute den Deut­schen ebenso gehören wie den Italienern.

hat. Es spielen da auch lokale Hegemoniewünsche mit, und es war für den Außenstehenden schon fast belustigend zu sehen, wie Thorn, als alte Woje­wodschaftshauptstadt und Bromberg, als die verkehrstechnisch günstiger gelegene, handelspolitisch und wirtschaftlich bedeutendere und moderne Stadt sich um den Rang als Provinzmetropole stritten.

Das künftige Pommerellen wird also be­stehen aus den bisherigen Kreisen (außer Soldau), dazu kommen die Posener Kreise Bromberg-Stadt und -Land, Hohensalza- Stadt und -Land, Wirsitz und Schubin das ist ungefähr der ganze Netze­gau ferner vier kongreßpolnische Kreise Lipnow, Nieszawa, Rypin und Wloclawek. Der Flächen­inhalt der Wojewodschaft vermehrt sich damit von etwa 16 400 auf 25 400 Quadratkilometer, die Ein­wohnerzahl von 1 086 000 auf 1 875 000. Da der Zuwachs an Einwohnern verhältnismäßig größer ist als an Landfläche, wird die Bevölkerungsdichte von 66 auf 74 je qkm steigen. Bei der Wojewod­schaft Posen sieht die Veränderung so aus: sie erhält die kongreßpolnischen Kreise Kalisch, Kolo, Konin und Turek und verliert die Netzegaukreise, das bringt mit Plus und Minus noch einen Saldo- gewinn an Fläche von 1800 qkm (von 26 600 auf 28 400) und an Bewohnern von 250 000 (von 2114 000 auf 2 364 000). Die Bevölkerungsdichte steigt von 80 auf 81 Einwohner je qkm.

Der Sinn dieser Maßnahme ist auch nach polni­schem Geständnis ein mehrfacher. Die alte deutsch- russische Grenze bildete bisher innerhalb Polens eine Kulturgrenze, ein Zustand, der sich ge­rade deshalb so beharrlich erhielt, weil sie gleich­zeitig Wojewodschaftsgrenze geblieben war Wenn auch auf beiden Seiten die Wirtschaftsstruktur eine agrarische war, so hat doch die kulturelle und land­wirtschaftliche Förderung, die das Land durch Preu­ßen erfahren hatte, eine so tiefe Zäsur verursacht, daß diese nicht so bald ausgelöscht werden konnte. Polens Bestreben ist es nun aber, einen kultu­rellen Ausgleich zu schaffen. Daß dieser eine Senkung des bisherigen Niveaus im Westen würde fein müssen, lag auf der Hand, also kein Anlaß für das alte Posen und Westpreußen den Nivellierungsbestrebungen freudigen Herzens zuzustimmen. Andererseits wollte man natürlich durch die Hinzunahme ausgesprochen polnischer Be­zirke, das polnische Eelement in den West Provinzen stärken, die deutsche Min­derheit aber zahlen- und wertmäßig drücken Das dürfte in Posen gelungen fein. Der Prozentsatz der Deutschen wird in Zukunft von 9,2 auf 7,4 zurück­gehen.

Der gleiche Erfolg ist Pommerellen versagt geblieben, wo das Deutschtum wegen seiner starken Vertretung im Netzegau und wegen der deutschen Streusiedlungen in der Weichselniederung des Krei­ses Wloclawek verhältnismäßig noch gewachsen ist nämlich von 9,8 auf 10,2 v H Hier allerdings standen wohl andere Dinge im Vordergrund. Der Korridor sollte verlängert und verbrei­tert werden. Es pflegt einige Polen zu ärgern, daß man dieses nördlichste polnische Gebiet, das die Verbindung zur See vermittelt, mit der von Wilson geprägten Bezeichnung Korridor belegt, und -es ist besonders der nicht gerade rühmlich bekannte pol­nische W e st m a r k e n v e r e i n , der in Ver­sammlungen und geharnischten Protesten dagegen auftritt, auch sonst nichts versäumt, um einen Zu­stand der Befriedung zwischen dem deutschen und polnischen Nachbarn nicht aufkommen zu lassen Nun soll die L a n d b a s i s für d e n Hafen G bin - gen vergrößert werden, so heißt es {ebenfalls. Eine praktische Bedeutung hat es allerdings nicht, denn Gdingen ist nicht nur Wojewodschaftshafen sondern für das ganze Land da, und bat z. B. mit deni weit entfernt liegenden Ostoberschlesien viel enaere Bezie­hungen als mit dem agrarischen Pommerellen, bas über See wenig ein- ober ausführt. Trotzdem soll

Kopfschmerzen, Druck über den Augen und andere Beschwerden. Vielleicht liegt ein Sehfehlervor? Eine Brille hilft! Augenärztl. Verordnungen finden meine ganz besond. Beachtung. <?ggv °piher fwp||pr a.Bahnhof VVllvl Lieferant auch Ihrer Krankenkasse.

Am Abend des großen Tages der Flottenschau waren vor dem Königspalast in Neapel a u f der Piazza bei P 1 ebiscito 600000 Schwarzhemden aus Süditalien zu einer gewal­tigen Kundgebung angetreten, um die Verbundenheit des Faschismus mit dem national­sozialistischen Deutschland zum Ausdruck zu bringen. (Scherl-Bilderdienst. Hoffmann-M.)

Kleiner Merbogen einer ilalienischen Reise. Dvn unferem aus Anlaß des Iührerbefuches nach Italien entsandten Sonderberichterstatter

Gerhard Bohlmann.

Oie Verwalinngsresorm in Westpolen.

Don unferem Or. K.-Äerichterstatter.

(Nachdruck,-auch mit Quellenangabe, verboten.) Warschau, Ende April 1938

Polen hat in seinem inneren Aufbau eine Um­gruppierung vorgenommen. Die Grenzen der west­lichen Wojewodschaften Posen und Pomme­rellen sind neu gezogen worden, und zwar in einer Weise, baß zu ben ehemals preußischen Pro­vinzen einige Kreise von Kongreßpolen hinzu ge­schlagen wurden. Außerdem wurden einige Kreise Posens an Pommerellen übertragen und ein Kreis Pommerellens (Soldau) an die Wojewodschaft Warschau. Es ist ein seit fast zehn Jahren erörtertes Problem, das hier feine Lösung gefunden hat, und man kann nicht einmal sagen, daß alle Beteiligten zufrieden damit seien. Das hat man an den süß­sauren Mienen bemerkt, mit denen z. B. der Stadt­präsident von Bromberg die Eingliederung seiner Stadt in die Wojewodschaft Pommerellenbegrüßt"

fation gegen alle feindlichen Gewalten zu ver­teidigen. Während in Moskau die Henker Stalins arbeiten, begegnen sich Benito Mussolini und Adolf Hitler, .die Führer (Condottiere) dieser beiden Nationen, in Rom..."

Nach der politischen Verkündung wieder die Kunst. Jetzt aus Florenz. Dort geben die Berliner Philharmoniker unter Furtwängler ihr drittes Konzert. Die Italiener wissen sehr genau, was das bedeutet.Furtwängler", sagen sie,das ist Ihr grande Maestro, Ihr weltberühmter Diri­gent. Und die Philharmoniker aus Berlino das herrliche, repräsentative Orchester Deutschlands."

So wird, auch abseits der großen Feststraßen und der offiziellen Ereignisse, die politische und die geistige Verbundenheit der beiden befreundeten Nationen offenbar.

Aus her Piazza San Pietro.

Wieder einmal steht man vor dem berühmten weißen Platz, in dessen Hintergründe sich der P e - t e r s - D o m erhebt, die größte Kirche der Chri­stenheit. Noch vor einigen Jahren mußte man sich durch ein Gewirr von Gassen und Gäßchen arbeiten, bevor man bann plötzlich die großartige Schau hatte: bie Kolonnaben Berninis, die dreihun­dert Säulen und Pfeiler, die in vierfachen Reihen die Ellipse des Vorplatzes einschließen heute führt eine breite Straße in gerader Linie auf den Peters-Dom hin. Es ist auch eine der Leistungen des Faschismus, das ungesunde und trübeGönge- Viertel" abgerissen zu haben.

Auf den weißen Fliesen des Platzes ein buntes Farbengewimmel: die Trachten des Landvolkes.

Ich erkundige mich bei einem Kellner, einem Deutschen, der zwischen den Tischen seiner Trattoria steht. Ich möchte wissen, aus welchen Landschaften die Leute gekommen find. Woher jene Männer in

technisch bedeutend näher haben als nach Gdingen mit seiner Gewächshausblüte, der der Charakter der Stabilität noch völlig abgeht, während die alten historischen, von Deutschen angelegten Handels­städte wie Graudenz, Thorn und Bromberg alte ein­gespielte Beziehungen haben.

Die neue Grenzziehung ist ausschließlich nach den genannten Gesichtspunkten erfolgt, sie hat keinerlei historische Begründunb oder Unterlage, niemals hat es in Polen ähnliche innerpolitische Grenzziehungen gegeben, wie sie jetzt geschaffen wurden. Aber ein

dem Hafen ein pomrnerellischer Stempel aufgedrückt

werden, und einige ..Wojewobschaftseinrichtungen, , o

wie beispielsweise bie pommerellische Hanbelskam- polnischen unb beutschen Bevölkerung an, das ist wer, sind dorthin verlegt worden, sehr zum Schmerz der südlichen Kreise, die nicht nur handelsmäßig be­deutender sind, sondern es nach Warschau oerkehrs-

Der Führer in Begleitung einer Ehreneskadron von Königskürassieren auf der Fahrt durch das antike Rom. (Scherl-Bllderdienst.)

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Der Vorbeimarsch bei der Truppenparade in Rom wurde von Trompetern der Balilla eröffnet, die vor der Ehrentribüne ihre Instrumente schwenken. (Scherl-Bilderdienst.)